Es gibt ein Wort, das man nur in Berlin versteht. Aber auch nur in Berlin
finden sich Erscheinungen, die man damit bezeichnen muß. Es ist dies der
Ausdruck: Quatsch.
Quatsch ist der Anlauf zum Witz, der, auf dem halben Wege stehen
bleibend, dann natürlich noch hinter dem halben Verstande zurückbleibt.
Denn man kann eine halbwegs vernünftige Meinung, ein halbwegs ernstes
Urteil noch immer als eine leidliche Manifestation gesunder Vernunft
gelten lassen. Der halbe Verstand gehört oft der Mystik an, die bis auf
einen gewissen Punkt auch gewöhnlich eine Art Logik für sich hat. Der
halbe Witz aber ist schrecklich. Er ist das absolut Leere. Er macht die
Voraussetzung, etwas Apartes bringen zu wollen und bleibt in der Grimasse
stecken. Er schneidet ein pfiffiges Gesicht und sagt eine Dummheit.
Quatsch ist nicht etwa der Unsinn. Es lebe unter Umständen der Unsinn!
Den Unsinn haben Ästhetiker göttlich genannt, den echten, wahren,
natürlichen Unsinn, der die Hälfte z.B. des Wiener Witzes ausmacht. "Ein
vollkommener Widerspruch fesselt Weise und Toren", sagt Goethe; aber der
relative Widerspruch ist das ewig Gesuchte, das niemals Zutreffende, das
herren- und ziellos Herumtaumelnde und Faselnde, mit einem Wort das
Quatsche.
Berlin ist groß im Quatschen. Es kichert über jede Grimasse zum Witz,
wenn auch der Witz ausbleibt. Irgendeine zweimal wiederholte
absonderliche Redensart findet unverzüglich ihr Publikum. Man findet hier
Menschen, die für witzig gelten, weil sie keinen Satz enden wie andere
Menschen, jedes Ding mit einem andern Namen nennen, Begriffe verwechseln
und das Ernsteste im Tone der Ironie sagen. Es herrscht bei ihnen ein
ewiges Vermeiden der geraden Linie, die andere Menschen gehen; sie
fallen, sie stolpern über sich selbst; die Berliner nennen das alles
witzig, während ein Vernünftiger es Quatsch nennen muß. Ich sah "Müller
und Schultze bei den Zulu-Kaffern". Der Gegensatz war burlesk genug. Die
wilden Hottentotten mit ihrem rasenden Tanze, ihrem Kriegsgeschrei, ihrem
gellenden Pfeifen, mit Gebärden, die eine Hetze wahnsinniger Affen zu
zeigen schienen und im Grunde Furcht und Entsetzen, Grauen und Mitleid,
solches Gebaren menschlich nennen zu müssen, einflößte, und unter ihnen
die beiden Stereotypen des "Kladderadatsch", zwar ziemlich treu im
Äußern, aber in jedem Worte, das sie sprachen, Vertreter des absolut
Quatschen bis zum Ekel. "Schultze!" "Müller!" "Müller!" "Schultze!" "Bist
du et?" "Ja, ik bin et." "Hurrjeh!" usw. Man denke sich einen solchen
Scherz auf dem Palais-Royal-Théâtre in Paris, wir wollen nicht einmal
sagen mit Levassor und Ravel, sondern nur mit Sainville und Kalekaire!
Das Krollsche Theater mag die Mittel nicht besitzen, gute Komiker zu
bezahlen, aber der Text von Cormon, Clairville, Dennery und wie die
Fabrikanten solcher Gelegenheitsscherze in den kleinern Pariser Theatern
heißen, würde nicht so unbedingt nur fade sein. Man muß das Pariser Oh!
Oh! gehört haben bei jedem abblitzenden Einfall eines solchen
Unsinn-Textes, um zu verstehen, wie die Franzosen auch bei solchen
Veranlassungen witzig und geistreich sein können. Diese Berliner
Dramatisierung der Zulu-Kaffern war aber so widerwärtig, als wenn man
sich vorstellen wollte, der Naturgeist selbst erhübe einmal seine
gewaltige Stimme, finge zu reden an und verwechselte dabei mir und mich.
Das Quatsche ist doch wohl in den Berliner dadurch gekommen, daß sein
ursprünglich einfacher, sogar naiver und kindlicher Sinn den
Anforderungen einer immer mehr anwachsenden und über seine geistige Kraft
hinausgehenden Stadt nicht gleichkommt. Schon das verdorbene
Plattdeutsch, das den Volksjargon bildet, trägt den Stempel der
Unzulänglichkeit an sich. Es ist die absolute Sprache der Unterordnung,
der Beschränktheit; es ist die Sprache der Hausknechte, Hökerinnen,
kleinen Rentiers, der Kinder, des in die Stadt versetzten Bauers. Die
Sprechweise der Gebildeten trägt so sehr noch die Spuren vom Tonfall des
Volksdialekts, daß es zu einer ganz freien Sprachbehandlung im Sinne des
reinen Oberdeutschen hier nur bei sehr wenigen kommt. Wird nun ein so
beschränktes und in seiner Art doch wieder sehr scharf ausgeprägtes
Sprachmaterial bestimmt, dem großen Ideenkreise einer Stadt, die eine
Hauptstadt der deutschen Intelligenz sein will, zum Ausdruck zu dienen,
so entsteht dadurch jenes absolut Alberne, das man eine Art Geistespatois
nennen möchte. Diese Mißgeburt entstand erst mit der Zeit, wo Berlins
Trieb nach öffentlicher Bewährung wuchs. Seine Bevölkerung emanzipierte
sich zum Großstädtischen. Die Schusterjungen machten wohl die öffentliche
Meinung schon zu Friedrichs des Großen Zeit; der König sagte den
Katholiken, die das Fronleichnamsfest öffentlich feiern wollten: Er hätte
nichts dagegen, wenn die Schusterjungen es nicht hinderten. Allein die
literarische Vertretung des Schusterjungentums ist neu und schreibt sich
von den bekannten Eckensteherwitzen her. Dieser Fortschritt war an sich
nicht unwichtig. Es ist mit diesem Neu-Berlinertum viel gesunde Vernunft
zur Geltung gekommen und wer würde verkennen, daß "Kladderadatsch" ganz
Deutschland, von Saarlouis bis Tilsit, vorm Einschlafen geschützt hat?
Aber die "Gelehrten des Kladderadatsch" sind witzige Ausländer, die sich
nur berlinischer Formen bedienen. Ohne die Schärfe dieses Blattes würden
diese Formen, wie die Erfahrungen auf den neueröffneten hiesigen Bühnen
zeigen, ganz ins Quatsche zurückfallen.
Die Art, wie hier in neuerer Zeit Bühnen eröffnet worden sind (um diese
Fährte des Geschmacklosen weiter zu verfolgen), ist eine der
unglaublichsten Inkonsequenzen einer Regierung, die in allen andern
geistigen Fächern so außerordentlich schwierig ist. Das Ministerium
Ladenberg ging auf eine so gewissenhafte Revision der Theaterkonzessionen
aus, und in Berlin durften Kaffeehäuser und Tanzlokale sich in Theater
verwandeln! Es ist noch ein wahres Glück, daß unser Schauspielerstand
durch die sogenannten Tivolitheater nicht ganz verwildert ist, was
freilich in einigen Jahren immer mehr der Fall sein wird; es finden sich
immer noch einzelne Darsteller, die den Ehrgeiz besitzen, mit ihrer Kunst
nicht ganz zugrunde zu gehen. Kaum ist die nächste materielle Not
befriedigt, so werden sie bestrebt sein, den glücklicher gestellten
Kollegen an den Hof- und großen Stadttheatern gleichzukommen und Besseres
und Edleres zu spielen. So hat sich das hiesige Friedrich-Wilhelmstädtische
Theater, besonders durch die Bemühungen der trefflichen HH. Görner und
Ascher, zu einer überraschenden Geschmacksrichtung, die sich in den
schwierigsten ästhetischen Aufgaben versucht, emporgearbeitet, allein im
Sommer verwandelt es sich wieder in ein Parktheater und noch ist die
Bevölkerung zu sehr geneigt, an dem Ton Freude zu haben, der auf einigen
andern Theatern im Sinne des Quatsch angeschlagen wird. Theater über
Theater! Hier gehen Menschen herum, die, ohne die geringste geistige
Bildung, ohne Geldmittel sogar, eine Theaterkonzession in der Tasche
haben; andere glauben sie ohne weiteres durch ein geeignetes Fürwort an
hoher Stelle erlangen zu können. Einen Zirkus zu eröffnen oder eine Bühne
scheint nach den Gesetzen der Gewerbefreiheit einerlei und allerdings hat
jeder Spekulant recht, wenn er sich auf seine Vorgänger beruft und z.B.
fragt: Wie kommt der Cafétier Kroll zu einer Bühne, wie kommen zwei
Gebrüder Cerf, Handlungsbeflissene, dazu, wie kommt jener einst zum
Gespött der Vorstädte deklamatorische Vorstellungen gebende Rhetor
Gräbert dazu? Wer ist Herr Carli Callenbach, der auch ein Theater
besitzt? Diese Anarchie auf dem dramatischen Gebiete macht dem Freunde
der Literatur ganz denselben Eindruck, wie es dem Freunde militärischer
Ordnung peinlich war, sogenannte Bürgerwehr in rundem Hut und Überrock
die Armatur der königlichen Zeughäuser tragen zu sehen. Nicht daß die
Bürgerwehr als solche zu verwerfen war, aber sie bedurfte der
Organisation, sie bedurfte jener Haltung, die dem Waffendienste geziemt;
ebenso verletzt wendet sich die dramatische Muse ab, wenn man ihr opfert
wie dem Gambrinus in bayrischen Bierstuben. Man kann die treffliche
Organisation der Pariser Theater mit diesen Polkawirtschaften Thaliens in
keine Vergleichung bringen, man vergleiche wenigstens die Theater der
Wiener Vorstädte. Die Josephstädter Bühne ist vielleicht diejenige unter
ihnen, die am tiefsten steht und doch hat sie eine bestimmte Spezialität;
manches Talent, z.B. Mosenthals, entwickelte sich zuerst auf ihr,
"Deborah" erschien zuerst auf der Josephstädter Bühne.
Das Repertoire des Königlichen Theaters fand ich im Schauspiel sehr wenig
anziehend, "Waise von Lowood", "Deutsche Kleinstädter", "Geheimer Agent"
usw. Es herrscht hier eine Unsitte, mit der sich kein noch so
wohlmeinender ästhetischer Sinn vereinbaren läßt, nämlich die Befolgung
der Spezialbefehle, welche die einheimischen und fremden höchsten
Herrschaften über die Stücke aussprechen dürfen, die sie zu sehen
wünschen. Es ist dies eine Form des Royalismus, die in der Tat etwas
auffallend Veraltetes hat und in dieser Form in keiner Monarchie der Welt
vorkommt. Bald heißt es: "Auf höchstes Begehren", bald: "Auf hohes
Begehren", bald: "Auf Allerhöchsten Befehl", bald nur einfach: "Auf
Befehl", unter welcher bescheidenem und auch seltener vorkommenden Form
sich die Wünsche des Königs zu erkennen geben. Was ist das aber für eine
Unsitte, daß die Kammerherren auch jeder durchreisenden, prinzlichen
Herrschaft die Stücke bestellen, welche diese zu sehen wünschen! Die
geistigen Armutszeugnisse, die sich Prinzen, Prinzessinnen, ab- und
zureisende kleine Dynasten und Dynastinnen mit ihren Wünschen um dieses
Ballet, um jene Oper, um eine kleine Posse geben dürfen, sind schon an
sich kläglich und fallen ganz aus der Rolle, welche die Monarchie
heutigen Tages zu spielen hat; aber der Gang der Geschäfte wird dadurch
auch auf eine Art unterbrochen, unter welcher Kunst und Publikum leiden.
Hat eine Prinzessin eine Empfehlung von auswärts bekommen, die ihr eine
Schauspielerin oder Sängerin überbrachte, so bestellt sie die Stücke, in
denen sie auftreten soll. Kommt der Hof aus Mecklenburg-Strelitz, so legt
man ihm die Stücke vor, die gerade leicht anzurichten sind, er streicht
sich einige an und man liest: "Auf höchstes Begehren: 'Der geheime
Agent'", ein Stück, das jetzt auf jedem Liebhabertheater gesehen werden
kann. Der König besitzt so viel Geist, daß ihm diese Manifestationen des
Privatgeschmacks seiner Brüder oder Neffen oder Vettern ohne Zweifel viel
Heiterkeit verursachen; er sollte aber einen Schritt weitergehen und
diesen Mißbrauch der von den Kammerherren veränderten Repertoires im
Interesse der Kunst und des Publikums verbieten. Es macht sich dies
öffentlich kundgegebene Denken und Mitreden der "Herrschaften" in einem
Staate, der ja doch wohl ein konstitutioneller sein soll, sehr wenig nach
dem Geiste der in ihm allein anständigen Öffentlichkeit.
Natürlich ergibt sich unter solchen Umständen, wo die Großen und
Mächtigen öffentliche Fingerzeige über ihren eigenen Geschmack geben
dürfen, die Förderung des Gedankenvollen und Notwendigen an einer Bühne
weit schwieriger. Wenn sich die Großen "Satanella" oder "Aladins
Wunderlampe" kommandieren, wenn Pferde auf dem Königsstädter Theater
agieren, Klischnigg, der Affenspieler, und die Zulu-Kaffern auf dem
Krollschen Theater ihr Wesen treiben, kann eine erste Aufführung eines
neuen Dramas im Schauspielhause nur ein kleines Publikum finden; vor
einem halbbesetzten Hause sah ich die erste Aufführung des "Demetrius"
von Hermann Grimm. Es war ein kleines Geheimratspublikum aus der Gothaer
Richtung; ein paar Offiziere, einige Professoren, wenig Studenten, auf
zehn Menschen immer ein bestallter Rezensent. Die Darstellung war ebenso
warm wie die Ausstattung glänzend. Das funkelte von Farbenpracht, Frische
und Neuheit der Kostümstoffe, überall, in den kleinsten Ausschmückungen
der Wände zeigte sich ein vorhergegangenes Studium der betreffenden
Geschichte, Sitten und Kleidertrachten der Zeit, in welcher die Handlung
spielte. Das Stück war eine Anfängerarbeit, die kaum Talent verriet (nur
aus Überfülle sprudelt der Quell einer geistigen Zukunft, nicht aus einer
Dürftigkeit, wo sich Armut den Schein der Einfachheit geben will), aber
die Darstellung ging von einem schönen Glauben an den Wert des Stückes
aus; nirgends sah man ihr eine Mißstimmung über die aufgebürdete,
undankbare und für die Zeit der besten Saison verlorene Aufgabe an und
mit dem halbunbewußten Pflichtgefühl verband sich die noch immer
außerordentlich ansprechende Natürlichkeit der Hendrichsschen Spielweise.
Rollen, die keine Schwierigkeiten der Dialektik bieten, wird Hendrichs
immer vorzüglich spielen. Dieser Künstler ist ein schwacher Hamlet, aber
ein liebenswürdiger und überredender Romeo. In seiner Passivität liegt
Poesie und da er nur die Konturen ausfüllt, die der Dichter ihm
vorzeichnet, so nimmt er durch die Treue und Einfachheit, mit der er sich
seinen Aufgaben unterzieht, überall für sich ein, wo einmal die Macht der
Gewöhnung ein Publikum für ihn gewonnen hat, wie in Berlin, Frankfurt und
Hamburg, wo er gewohnte Triumphe feiert.
Ich bedauerte, Dessoir nicht beschäftigter zu finden. Dieser geistvolle
Schauspieler leidet hier an der üblichen Abgrenzung unserer Rollenfächer.
Der Begriff eines Charakterspielers, den er zu vertreten hat, ist so
vieldeutig. Man kann Hamlet als Liebhaber spielen, man kann ihn aber
auch, wie Dawison und Dessoir tun, als Charakterzeichnung geben. Dessoir
ist einer jener Schauspieler, die zwar in jedem Ensemble eine Zierde sein
werden, selbst wenn sie nur zweite Rollen spielen, aber Dessoir hat den
ganzen Beruf, eine Stellung einzunehmen, die ihn zum Matador einer Bühne
macht und jede bedeutende Aufgabe, die nicht ganz dem Liebhaberfache
angehört, ihm zuweist. Alle die Rollen indessen, auf die ihn sein
künstlerischer Trieb hinführen muß, sind noch im Besitze der Herren Rott
und Döring. Es spricht für die geistige Anregung, die Berlin bietet, für
die Belohnung, die man im Beifall eines natürlich sich hingebenden
Publikums findet, daß Dessoir darum doch seinen hiesigen, höchst
ehrenvoll behaupteten Platz mit keinem andern vertauschen möchte.
Vom Schauspiel sagt man an der Verwaltungsstelle, es würde keineswegs
vernachlässigt und es hat sich seit Düringers Mitwirkung sehr gehoben;
dennoch muß man bei dem Vergleiche der unverhältnismäßigen Pracht, die
das Opernhaus umgibt, wünschen, es würde doch endlich ganz von der Musik
und dem Ballett getrennt, es verfolgte seine ernste und schwierige
Aufgabe für sich allein. Das Schauspiel kann nur ein Stiefkind erscheinen
gegen die Art, wie die Leistungen des Opernhauses nicht etwa von der
Verwaltung geboten, sondern vom Publikum empfangen werden. Neun glänzende
Proszeniumslogen ziehen fast ebensoviel Aufmerksamkeit auf sich wie die
Leistungen der Szene. Das Opernhaus ist das Stelldichein der höhern und
mittlern Gesellschaft, der stete Besuchsort der Fremden, die Sehnsucht
der allgemeinen Schaulust und ein Tempel des Genusses. Nicht Paris und
Wien finden im Ballett ihre speziel1sten sinnlichen Bedürfnisse so
befriedigt wie Berlin. "Satanella" und "Aladins Wunderlampe" sind die
Ballette des Tages, die jeder gesehen haben muß und die derjenige, der
die Mittel besitzt, nicht oft genug sehen kann. Welche Fülle von Licht,
Farbe, Glanz aller Art, von Jugend, Schönheit und Gefallsucht! Die
musikalischen Kräfte sind hier so groß, daß z.B. an einem Abend im
Opernhause der "Prophet" gegeben werden kann, im Schauspielhause die
Zwischenaktmusik zu "Egmont" vol1ständig da ist und noch in der
Singakademie ein Konzert mit der königl. Kapelle begleitet werden kann.
Es ist dies nur möglich durch die Unzahl von Akzessisten und
Exspektanten, die zwar nicht die Leistungen vorzüglich, aber alle Fächer,
auch die des Chors und des Ballettkorps so vol1ständig machen. Auf
dreißig Tänzerinnen, welche die Verwaltung besoldet, kommen ebensoviel
junge, hübsche, talentvolle Mädchen, die unentgeltlich mitwirken, nur um
der Anstalt anzugehören und vielleicht einmal in die besoldeten Stellen
einzurücken. Vor der Auswahl von jungen Leuten, die Eltern und Angehörige
"um Gotteswillen" der Verwaltung zu Gebote stellen, kann diese sich kaum
retten. Daher auf der Szene die überraschendste Massenentfaltung. Die
Kunst der Beleuchtung, der Glanz der Kostüme, der Geschmack der
Dekorationen ist aufs höchste getrieben. Da steigen Feentempel aus
der Erde, da senken sich Wolkenthrone mit allen Heerscharen des
orientalischen Himmels nieder, da leuchten und blitzen unterirdische
Grotten von Ede1steinen, da sprudeln natürliche Springbrunnen im
Mondenschein und fallen, vielfach gebrochen, in Bassins herab, an deren
Rändern die lieblichsten Gestalten schlummern. Jede Demonstration der
Szene ist ganz und vol1ständig. Nirgendwo erblickt man die Hilfsmittel
der bloßen Andeutung, die an andern Bühnen die Illusion vorzugsweise in
die ergänzende Phantasie der Zuschauer legt; hier ist die Schere der
Ökonomie verbannt, die aus Amazonenröcken von heute für morgen Pantalons
für Verschnittene macht. Hier fangen alle Schöpfungen immer wieder von
vorn an. Kein Kostümier und Dekorateur ist an die Wiederaufstutzung alter
Vorräte gewiesen; hier regieren jene Warenmagazine, wo es immer wieder
neue Seide, neuen Sammet und für die geschmackvol1sten Maler neue
Leinwand gibt.
Ein Ballett in Berlin zu sehen wie "Satanella" ist in vieler Hinsicht
lehrreich. Dem Ästhetiker macht vielleicht die Grazie und herausfordernde
Keckheit z.B. der jungen Marie Taglioni eine besondere Freude, aber die
Vorstellung im großen und ganzen mit allem, was dazu auch von Seiten des
Publikums gehört, ist kulturgeschichtlich merkwürdig. Dieser Marie
Taglioni sollte man eine Denktafel von Marmor mit goldenen Buchstaben und
mitten in Berlin aufstellen. Sie tanzt die Hölle, aber sie ist der wahre
Himmel des Publikums; sie tanzt die Lüge, aber sie verdient ein Standbild
als Göttin der Wahrheit. Denn man denke sich nur dies junge, reizende,
übermütige Mädchen mit ihren beiden Teufelshörnchen an der Stirn, mit dem
durchsichtigen Trikot, mit den allerliebsten behenden Füßchen, mit den
tausend Schelmereien und Neckereien der Koketterie, wie nimmt sie sich
unter den ehrwürdigen Tatsachen des gegenwärtigen Berlins aus! Dieser
kleine Teufel da, im rosaseidenen, kurzen Flatterröckchen, ist sie etwa
die in der Vorstadt tanzende Pepita? Nein, sie ist das enfant chérie der
Berliner Balletts, und das Berliner Ballett ist das enfant chérie der
Stadt, des Hofs, ist die Kehrseite der frommen Medaillen, die hier auf
der Brust der Heuchelei von Tausenden getragen werden. Büchsel,
Krummacher, Bethanien, Diakonissen, Campo-Santo, Sonntagsfeier, Innere
Mission--was ist das alles gegen einen Sonntagabend, wenn Berlin in
"Satanella" seine wahre Physiognomie zeigt! Die Prinzen und Prinzessinnen
sind anwesend. Hinten auf der Szene funkelt ein Ordensstern neben dem
andern, jede Kulisse ist von einem Prinzen besetzt, der sich mit den
kleinen Teufelchen des Corps de ballet unterhält. Der erste Rang zeigt
die Generale und Minister, das Parkett den reichen Bürgerstand, die
Tribüne und der zweite Rang die Fremden, die den Geist der Residenz in
der Provinz verkünden werden, die obern Regionen beherbergen die
arbeitenden Mittelklassen und selbst die halbe Armut, der man sonst nur
Traktätchen in die Hand gibt, hat hier das Frivo1ste aller Textbücher
mühsam nachzustudieren, um die stumme Handlung der Szene zu verstehen.
Welche Wahrheit deckst du doch auf, du echte Berliner, in der
Treibhauswärme der speziel1sten, königlich preußischen Haus-Traditionen
großgezogene Pflanze, Marie Taglioni geheißen! O so werft doch, ihr
besternten Herren, eure Masken ab! Verratet doch nur, daß euer
Privatglaube nichts mehr liebt als die Götter Griechenlands und daß nicht
etwa hier der Kultus des Schönen, sondern draußen euer offizielles System
eine Komödie ist.
Satanella verführt einen jungen Studenten, dem das Repetieren seiner
Collegia bei Stahl und Keller zu langweilig scheint. Er hat eine
Verlobte, die vielleicht Geibel und "Amaranth" liest, aber niemand wird
zweifelhaft sein, daß der junge, künftige Referendar besser tut, sich an
Heinrich Heine, an die schöne Loreley und die Taglioni zu halten. Wie
kalt und nüchtern ist auch die Liebe eines Fräulein Forti gegen die Liebe
einer Satanella! Es geht mit letzterer allerdings bergab und geradewegs
in die Hölle, aber welcher Zuschauer wird der Narr sein und nicht
einsehen, daß der Satan den jungen Lebemann nur anstandshalber holt! Kann
das eine echte Hölle sein, in der sogar schon kleine Kinder tanzen, schon
kleine Kinder mit Satanshörnern umherspringen und, wie von Selma Bloch
geschieht, ein recht widerliches Solo tanzen? Kann das die echte Hölle
sein, deren Vorhof die wunderbarste Mondscheinnacht von Gropius mit dem
reizendsten Château d'eau und der stillschlummernden antiken Marmorwelt
ist? Wird irgend ein Vernünftiger einräumen, daß die Konsistorialräte
Recht haben, wenn sie die Venus von Milo eine schöne "Teufelinne", die
Antiken des Vatikan überhaupt, wie Tholuck getan, "schöne Götzen" nennen?
Verwandelt sich all' diese Lust und Liebe, all' diese Freude und
Behaglichkeit nicht vielmehr nur rein "anstandshalber", d.h. um dem
Vorurteil zu genügen, in Pech und Schwefel, und wird irgend jemand eine
solche Vorstellung, wo besternte Prinzen jede Attitüde der
Solotänzerinnen beklatschen, mit einer andern Meinung verlassen als der:
Ich fühle wohl, es muß einen Mittelweg zwischen Elisabeth Fry und Marie
Taglioni, einen Mittelweg zwischen Bethanien und dem Opernhause, einen
Mittelweg zwischen den Konzerten des Domchors und Satanella geben? Diese
Berliner Ballettabende wecken einen ebenso großen Abscheu vor der
mätressenhaften Sinnlichkeit, die durch sie hindurchblickt, wie vor der
Kasteiung des Fleisches in der neuen Lehre vom Gefangengeben der Vernunft
und dem fashionablen Büßertum, dessen neupreußische Früchte wir
hinlänglich kennen.
Beide Extreme gehen in Berlin auf eine erschreckende Art nebeneinander.
Sie gehen nicht etwa getrennt nebeneinander, sondern im Durchschnitt in
denselben Personen. Die Heuchelei und die Rücksicht auf Karriere mietet
sich einen "Stuhl" in der Matthäuskirche, nur damit an dem Schilde
desselben zu lesen ist: "Herr Assessor N. N." und die stille Sehnsucht
des wahren innern Menschen ist hier doch allein--der Genuß. Dem Genuß
bauen auch andere Städte Altäre; die buntesten, mit Rosen geschmückten
Altäre baut z.B. Wien. Aber Berlin ergibt sich immer mehr einer Form des
Genusses, die nur ihm ganz allein angehört. Es ist dies die Genußsucht
eines Fremden, der in vierzehn Tagen durch seine gefüllte Börse alles
bezahlt, was man in einer Residenz, die er vielleicht in Jahren nicht
wiedersieht, für Geld bekommen kann. Es ist die Genußsucht des
Gutsbesitzers, der seine Wolle in die Stadt fährt und sich mit vierzehn
Tagen Ausgelassenheit für ein Jahr der Entbehrung auf seiner Scholle
entschädigt. Dies Berliner Lecken und Schlecken hat die Bevölkerung so
angesteckt, daß man mit Austernschalen die Straßen pflastern könnte.
Wohlleben und Vergnügen ist die Devise des hiesigen Vegetierens geworden,
nirgend wird man z. B. den Begriff "Bowle machen" jetzt so schleckerhaft
ausgesprochen finden. Die Betriebsamkeit wird durch den Luxus wohl eine
Weile gestachelt werden, an Großstädtigkeit der Unternehmungen fehlt es
nicht; aber wenn die natürlichen Kräfte versagen, tritt das Raffinement
ein und das Raffinement des Verkehrs, gewöhnlich Schwindel genannt, soll
hier in einem Grade herrschen, der keine Grenzen mehr kennt. Denn was ist
die Grenze, die man Bankrott nennt? Aus Nichts werden die glänzendsten
Unternehmungen hervorgerufen. Mit einem Besitze von einigen tausend
Talern mutet man sich die Stellung eines Kapitalisten zu. Der Kredit gibt
nicht dem Redlichen mehr Vorschub, sondern dem Mutigen. Die
Entschlossenheit des industriellen Waghalses leistet das Unglaublichste.
Wo die größten Spiegel glänzen, wo die goldenen Rahmen tief bis zur Erde
niedergehen, wo in den Schaufenstern der Butiken die fabelhafteste
Scheinfülle des Vorrats mit dem Geschmack der Anordnung zu wetteifern
scheint, kann man gewiß sein, auf hundert Fälle bei neunzig nur eine
Grundlage anzutreffen von eitel Luft und windiger Leere.
Es ist mannigfach schon eine Aufgabe der neuern Poesie, der sozialen
Romantik geworden, den Lebenswirren, die sich aus solchen Zuständen
ergeben müssen, nachzuspüren. Der Totenwagen rasselt still und ernst
durch dies glänzende Gewühl. Rauschende Bälle, in der Faschingsnacht ein
Wagendonner bis zum frühen Morgen und die Chronik der Verbrechen, die
Statistik der Selbstmorde gibt dem heitern Gemälde doch eine dämonische
Beleuchtung. Erschütternd war mir z.B. die Nachricht, daß der Philosoph
Beneke von der Universität plötzlich vermißt wurde und wahrscheinlich
sich entleibt hat. Erst jetzt kam zur Sprache, daß dieser redliche
Forscher, der sich in der Erfahrungsseelenkunde einen Namen erworben und
besonders auf die neuere Pädagogik einen nützlichen Einfluß gehabt hat,
seit länger als zwanzig Jahren nicht endlich ordentlicher Professor
werden konnte und sich mit einem jährlichen Gehalte von 200 Talern
begnügen mußte! Zweihundert Taler jährlich für einen Denker, während es
hier Geistliche gibt, die es auf jährlich 5000 Taler bringen! Beneke war
ein Opfer des Ehrtriebes, der hier noch zuweilen einen edeln Menschen
ergreift, nicht auf der allgemeinen Bahn des Schwindels gehen zu wollen.
Des Mannes Erscheinen war einfach, war fast pedantisch. Er hatte vor
zwanzig Jahren die etwas steifen Manieren eines Göttinger Professors nach
Berlin gebracht. Seine Vorträge waren etwas ängstlich, seine Perioden
allzu gewissenhaft, sein System knüpfte wieder an Hume und Kant an, er
ging über die endlichen Bedingungen unsers Denkens nicht tollkühn in die
Unendlichkeit; was sind Kennzeichen solcher altbackenen Solidität in
einer Stadt wie Berlin, wo nur die glänzende Phrase, der saillante Witz
und Esprit, das kecke Paradoxon und jener doktrinäre Schwindel etwas
gilt, den Hegel aufbrachte, Hegel, der jahrelang die trivia1sten Köpfe,
die nur in seiner Tonart zu reden wußten oder die es verstanden, ihrem
sogenannten Denken eine praktische Anwendung auf beliebte Religions- und
Staatsauffassungen zu geben, zu ordentlichen Professoren befördern
konnte! Hamlet ist auch darin das große und Shakespearen auf den Knien zu
dankende Vorbild aller mit der Welt verfallenen Geistesfreiheit, daß er
auf des Königs Frage, wie es ihm ginge, antwortet: "Ich leide am Mangel
der Beförderung."
--Wer ertrüge Den Übermut der Ämter und den Kummer Den Unwert
(schweigendem Verdienst erweist!)