Berlin wächst an Straßen, mehrt sich an Menschen, aber man kann des
Abends um neun Uhr doch im Anhaltischen Bahnhofe ankommen und wird, mit
einer Droschke von der Wilhelmstraße zu den Linden fahrend, glauben, in
Herculaneum und Pompeji zu sein; denn selbst die große Friedrichstraße
gleicht dann schon einer verlängerten Gräberstraße. Auf fünf von der
Eisenbahn herwackelnde Droschken zwei Menschen zu Fuß, einer auf dem
Trottoir rechts, einer auf dem Trottoir links. Doch es ist eigen mit der
Stille einer großen Stadt. Am Gensdarmenmarkt feierliche Ruhe und in dem
so gespenstisch einsam daliegenden Schauspielhause stürmte vielleicht
eben ein vielhundertstimmiges da capo. In seinem Konzertsaale sang
wenigstens Jenny Goldschmidt-Lind.
Wenn man nicht in der Lage ist, seine Ankunft in Berlin vermittels
telegraphischer Depesche irgendeinem Hotelier Unter den Linden anzeigen
und sich eine Suite Zimmer im ersten Stock zweckmäßig vorrichten zu
lassen, so wird man in der Hauptstadt der Intelligenz immer einige Mühe
haben, sich in seinem Absteigequartier mit dem Wahlspruche auszusöhnen:
Ländlich, sittlich. Die Rechnungen der Hotels bleiben gewiß hinter den
Fortschritten der Zeit nicht zurück, aber die Ärmlichkeit der
Zimmerausstattungen, das Gepräge der auf allen möglichen Auktionen
zusammengekauften Möblierung und die scheinbare Halbeleganz gewisser,
durch übermäßige Ausnutzung halbverwitterter Verzierungen, z.B. des
unvermeidlichen Wachstuchs auf den Fußböden, stellt immer wieder die
Ärmlichkeit des Berliner Komforts heraus, von den Betten, ihrer Enge,
ihren zentnerschweren Federpfühlen nicht zu reden. Von Doppelfenstern ist
in der lichtliebenden Stadt wenig die Rede. Man erkennt auf diesem
Gebiete immer wieder in Berlin seine alten Pappenheimer und läßt sich's
an ihnen genügen, wenn nur dafür die Ausbeute an geistiger Anregung desto
belohnender zu werden verspricht.
Regen und Schnee, Sturm und Kälte lassen die großen Schmutzflächen der
Berliner Plätze und Straßen doppelt schauerlich erscheinen. Unabsehbar
sind diese Wasserspiegel. Unter den Linden fegen die Straßenkehrer eine
ganz eigentümliche breiige Masse zusammen, ein fünftes Element, das
bekanntlich auch nur in oder doch bei Berlin die Erfindung einer gewissen
Plastik aus Straßenkot möglich gemacht hat. Ob sich nicht auch aus der
flüssigen und kaltgewordenen Lava, die von Kranzler bis zum Victoriahotel
stündlich zusammengekehrt wird, wie aus Chausseestaub eine Terra cotta
für Eichlers plastisches Kabinett bilden ließe? An Ordnung in der
Handhabung der das Eis, den Schnee und den Schmutz betreffenden
polizeilichen Vorschriften fehlt es nicht. An jeder Straßenecke der
belebten Gegenden steht ein Konstabler, der nach dem Charakter der
preußischen Monarchie, als einer vorzugsweise spartanischen, auch nur im
Helme des Kriegers für den öffentlichen Frieden sorgt. Man hätte aber die
Neuerung des Helms nicht zu weit sollen um sich greifen lassen. Von der
Ehre, ihn tragen zu dürfen, hat man jetzt die Droschkenkutscher
glücklicherweise wieder ausgeschlossen.
Eine in die Augen springende Verschönerung der Stadt, die sie seit
einigen Jahren gewonnen, sind die nun endlich fertiggewordenen
Standbilder auf den großen Granitwürfeln der Schloßbrücke. Wohl über
zwanzig Jahre schon standen diese blanken Quadersteine und harrten ihrer
künftigen Bestimmung. Was hatte man nicht anfangs auf ihnen einst zu
erblicken gehofft? Heilige und Propheten, Panther und Löwen, berühmte
Divisionsgenerale und bewährte wachsame Residenz-Kommandanten. Jetzt ist
"Das Leben des Kriegers" daraus geworden in griechischer Auffassung. Ob
die vielen Klagen über allzu große Natürlichkeit dieser Gruppen einen
Grund haben, läßt sich noch nicht recht von dem heutigen Wanderer
beurteilen. Das Schneegestöber verdeckt alle Aussicht, der durch die
einfache Trottoirreihe ohnehin beengte Fußboden ist zu naß, um irgendwo
bequem nach dem ionischen Himmel aufblicken zu können, der sich über
diesen weißen Marmorgruppen ausspannen sollte. Die armen Krieger, wie es
scheint gewöhnt an die Ebenen von Griechenland, wo sie als Ringkämpfer
bei den Nemeischen Spielen den Preis gewannen, haben heute dicke
Epaulettes von Schnee auf ihren Achseln liegen. Man darf mit ihnen
einiges Mitleid haben, man darf annehmen, daß sie frieren; denn zu
ersichtlich sind sie nach Modellen der schönsten Grenadiere vom ersten
Garderegiment gemeißelt; zu ersichtlich ist ihre Nacktheit keine
gewohnte, sondern nur ein zufälliges Ausgezogensein bei einem
gutgeheizten Berliner Atelierofen; zu ersichtlich ist ihre nur auf die
allgemeine Militärpflicht, die ein- und dreijährige Dienstzeit, die
Manöverzeit und ein mobilisiertes Ausrücken nebst endlicher
Errungenschaft eines ehrenvollen Ordens oder einer Anstellung gehende
Allegorie. Die übergroßen Flügel der Viktorien sind schon für die
Harmlosigkeit einer Beziehung auf Griechenland zu verdächtig. Man hat
diese Flügel der Viktorien hier in neuerer Zeit schon zu stereotyp
neupreußisch, d.h. als Cherubimsschmuck, ausgebildet: Es sind dieselben
christlichen Viktorien, die auf Wachschen Bildern das Grab des Heilands
hüten, die den Eingang in die Kuppeldachkapelle des Schlosses bewachen
und auch sonst schon in die gewöhnlichen Verzierungen der Stadt
übergegangen sind, selbst bei gewerblichen Zwecken. Diese mehr
christlichen als antiken Cherubim wecken in der Bekränzung der Krieger
immer nur die Vorstellung eines seine Pflicht erfüllenden modernen jungen
Landesverteidigers, und darum scheint das Berliner Mitleid um die
erfrierenden jungen Konskriptionspflichtigen und der mehrfach geäußerte
Wunsch, ihnen warmhaltende Mäntel und Beinkleider zu schenken, nicht ganz
unmotiviert. Nur über die allzu natürliche Wiedergabe der Natur hat man
sich mit Unrecht beklagt. Die jungen Grenadiere stehen so hoch, die
Granitwürfel haben erst noch einen so ansehnlichen Überbau erhalten, daß
eine junge Dame schon sehr neugierig sein muß, wenn sie, aus einer
Predigt im Dom kommend, an dem modernen Griechentum auf der Schloßbrücke
ein Ärgernis nehmen will ...
Die Zunahme Berlins an Straßen, Häusern, Menschen, industriellen
Unternehmungen aller Art ist außerordentlich. Auf Stellen, wo ich mich
entsinne, mit Gespielen im Grase gelegen und an einer Drachenschnur
gebändelt zu haben, sitzt man jetzt mit irgendeiner Dame des Hauses,
trinkt Tee und unterhält sich über eine wissenschaftliche Vorlesung aus
der Singakademie. Wo sonst die blaue Kornblume im Felde blühte, stehen
jetzt großmächtige Häuser mit himmelhohen geschwärzten Schornsteinen. Die
Fabrik- und Gewerbstätigkeit Berlins ist unglaublich. Bewunderung erregt
es z.B., einen von der Natur und vom Glück begünstigten Kopf, den
Maschinenbauer Borsig, eine imponierende, behäbige Gestalt, in seinem
runden Quäkerhut in einer kleinen Droschke hin und her fahren zu sehen,
um seine drei großen, an entgegengesetzten Enden der Stadt liegenden
Etablissements zu gleicher Zeit zu regieren. Borsig beschäftigt 3000
Menschen in drei verschiedenen Anstalten, von denen das große
Eisenwalzwerk bei Moabit eine Riesenwerkstatt des Vulkan zu sein scheint.
Es kommen dort Walzen von 120 Pferdekraft vor. Borsig baut gegenwärtig an
der fünfhundertsten Lokomotive. Man berechnet ein Kapital von sechs
Millionen Talern, das allein durch Borsigs Lokomotivenbau in Umsatz
gekommen ist. Es macht dem reichen Mann Ehre, daß er sich von den
glücklichen Erfolgen seiner Unternehmungen auch zu derjenigen Förderung
der Kunst gedrungen gefühlt hat, die im Geschmacke Berlins liegt und dem
Könige in seinen artistischen Unternehmungen sekundiert. Er hat sich eine
prächtige Villa gebaut und pflegt einen Kunstgarten, der schon ganz
Berlin einladen konnte, die Viktoria regia in ihm blühen zu sehen.
Für gewisse industrielle Spezialitäten gibt es in Berlin Betriebsformen,
die wenigstens auf dem Kontinente ihresgleichen suchen. Vor dem
Schlesischen Tore liegen die Kupferwerke von Heckmann. Hier werden jene
riesigen Vakuumpfannen geschmiedet, die man in den Rübenzuckerfabriken
nötig hat; hier werden die Kupferdrähte für die elektrischen Telegraphen
gezogen. Heckmann bezieht sein Material direkt aus England, Schweden und
vorzugsweise Rußland. Ebenso großartig ist Ravenés Handel mit
Schmiedeeisen, Blei, Messing, Zinn und allen metallischen Rohprodukten.
Es charakterisiert den Berliner Großkaufmann, der seine ursprünglichen
naiv-bürgerlichen Triebe nicht lassen kann, daß Ravené in einem Anfall
guter Laune sämtliche verkäufliche Weine in Bordeaux aufkaufte und sich
das Privatvergnügen machte, das Modell einer großartigen, aber soliden
Weinhandlung aufzustellen, an der es ihm in Berlin sehr nötig schien.
Goldschmidt und Dannenberger haben Kattunfabriken im Gange, die Tausende
von Menschen, die Bevölkerung kleiner Stadtbezirke, beschäftigen,
überdies ein pauperistisches Element enthalten, das eine umsichtige
Behandlung erfordert ...