Impressionen--z.B.: Borsig (1854)

Berlin wächst an Straßen, mehrt sich an Menschen, aber man kann des

Abends um neun Uhr doch im Anhaltischen Bahnhofe ankommen und wird, mit

einer Droschke von der Wilhelmstraße zu den Linden fahrend, glauben, in

Herculaneum und Pompeji zu sein; denn selbst die große Friedrichstraße

gleicht dann schon einer verlängerten Gräberstraße. Auf fünf von der

Eisenbahn herwackelnde Droschken zwei Menschen zu Fuß, einer auf dem

Trottoir rechts, einer auf dem Trottoir links. Doch es ist eigen mit der

Stille einer großen Stadt. Am Gensdarmenmarkt feierliche Ruhe und in dem

so gespenstisch einsam daliegenden Schauspielhause stürmte vielleicht

eben ein vielhundertstimmiges da capo. In seinem Konzertsaale sang

wenigstens Jenny Goldschmidt-Lind.

Wenn man nicht in der Lage ist, seine Ankunft in Berlin vermittels

telegraphischer Depesche irgendeinem Hotelier Unter den Linden anzeigen

und sich eine Suite Zimmer im ersten Stock zweckmäßig vorrichten zu

lassen, so wird man in der Hauptstadt der Intelligenz immer einige Mühe

haben, sich in seinem Absteigequartier mit dem Wahlspruche auszusöhnen:

Ländlich, sittlich. Die Rechnungen der Hotels bleiben gewiß hinter den

Fortschritten der Zeit nicht zurück, aber die Ärmlichkeit der

Zimmerausstattungen, das Gepräge der auf allen möglichen Auktionen

zusammengekauften Möblierung und die scheinbare Halbeleganz gewisser,

durch übermäßige Ausnutzung halbverwitterter Verzierungen, z.B. des

unvermeidlichen Wachstuchs auf den Fußböden, stellt immer wieder die

Ärmlichkeit des Berliner Komforts heraus, von den Betten, ihrer Enge,

ihren zentnerschweren Federpfühlen nicht zu reden. Von Doppelfenstern ist

in der lichtliebenden Stadt wenig die Rede. Man erkennt auf diesem

Gebiete immer wieder in Berlin seine alten Pappenheimer und läßt sich's

an ihnen genügen, wenn nur dafür die Ausbeute an geistiger Anregung desto

belohnender zu werden verspricht.

Regen und Schnee, Sturm und Kälte lassen die großen Schmutzflächen der

Berliner Plätze und Straßen doppelt schauerlich erscheinen. Unabsehbar

sind diese Wasserspiegel. Unter den Linden fegen die Straßenkehrer eine

ganz eigentümliche breiige Masse zusammen, ein fünftes Element, das

bekanntlich auch nur in oder doch bei Berlin die Erfindung einer gewissen

Plastik aus Straßenkot möglich gemacht hat. Ob sich nicht auch aus der

flüssigen und kaltgewordenen Lava, die von Kranzler bis zum Victoriahotel

stündlich zusammengekehrt wird, wie aus Chausseestaub eine Terra cotta

für Eichlers plastisches Kabinett bilden ließe? An Ordnung in der

Handhabung der das Eis, den Schnee und den Schmutz betreffenden

polizeilichen Vorschriften fehlt es nicht. An jeder Straßenecke der

belebten Gegenden steht ein Konstabler, der nach dem Charakter der

preußischen Monarchie, als einer vorzugsweise spartanischen, auch nur im

Helme des Kriegers für den öffentlichen Frieden sorgt. Man hätte aber die

Neuerung des Helms nicht zu weit sollen um sich greifen lassen. Von der

Ehre, ihn tragen zu dürfen, hat man jetzt die Droschkenkutscher

glücklicherweise wieder ausgeschlossen.

Eine in die Augen springende Verschönerung der Stadt, die sie seit

einigen Jahren gewonnen, sind die nun endlich fertiggewordenen

Standbilder auf den großen Granitwürfeln der Schloßbrücke. Wohl über

zwanzig Jahre schon standen diese blanken Quadersteine und harrten ihrer

künftigen Bestimmung. Was hatte man nicht anfangs auf ihnen einst zu

erblicken gehofft? Heilige und Propheten, Panther und Löwen, berühmte

Divisionsgenerale und bewährte wachsame Residenz-Kommandanten. Jetzt ist

"Das Leben des Kriegers" daraus geworden in griechischer Auffassung. Ob

die vielen Klagen über allzu große Natürlichkeit dieser Gruppen einen

Grund haben, läßt sich noch nicht recht von dem heutigen Wanderer

beurteilen. Das Schneegestöber verdeckt alle Aussicht, der durch die

einfache Trottoirreihe ohnehin beengte Fußboden ist zu naß, um irgendwo

bequem nach dem ionischen Himmel aufblicken zu können, der sich über

diesen weißen Marmorgruppen ausspannen sollte. Die armen Krieger, wie es

scheint gewöhnt an die Ebenen von Griechenland, wo sie als Ringkämpfer

bei den Nemeischen Spielen den Preis gewannen, haben heute dicke

Epaulettes von Schnee auf ihren Achseln liegen. Man darf mit ihnen

einiges Mitleid haben, man darf annehmen, daß sie frieren; denn zu

ersichtlich sind sie nach Modellen der schönsten Grenadiere vom ersten

Garderegiment gemeißelt; zu ersichtlich ist ihre Nacktheit keine

gewohnte, sondern nur ein zufälliges Ausgezogensein bei einem

gutgeheizten Berliner Atelierofen; zu ersichtlich ist ihre nur auf die

allgemeine Militärpflicht, die ein- und dreijährige Dienstzeit, die

Manöverzeit und ein mobilisiertes Ausrücken nebst endlicher

Errungenschaft eines ehrenvollen Ordens oder einer Anstellung gehende

Allegorie. Die übergroßen Flügel der Viktorien sind schon für die

Harmlosigkeit einer Beziehung auf Griechenland zu verdächtig. Man hat

diese Flügel der Viktorien hier in neuerer Zeit schon zu stereotyp

neupreußisch, d.h. als Cherubimsschmuck, ausgebildet: Es sind dieselben

christlichen Viktorien, die auf Wachschen Bildern das Grab des Heilands

hüten, die den Eingang in die Kuppeldachkapelle des Schlosses bewachen

und auch sonst schon in die gewöhnlichen Verzierungen der Stadt

übergegangen sind, selbst bei gewerblichen Zwecken. Diese mehr

christlichen als antiken Cherubim wecken in der Bekränzung der Krieger

immer nur die Vorstellung eines seine Pflicht erfüllenden modernen jungen

Landesverteidigers, und darum scheint das Berliner Mitleid um die

erfrierenden jungen Konskriptionspflichtigen und der mehrfach geäußerte

Wunsch, ihnen warmhaltende Mäntel und Beinkleider zu schenken, nicht ganz

unmotiviert. Nur über die allzu natürliche Wiedergabe der Natur hat man

sich mit Unrecht beklagt. Die jungen Grenadiere stehen so hoch, die

Granitwürfel haben erst noch einen so ansehnlichen Überbau erhalten, daß

eine junge Dame schon sehr neugierig sein muß, wenn sie, aus einer

Predigt im Dom kommend, an dem modernen Griechentum auf der Schloßbrücke

ein Ärgernis nehmen will ...

Die Zunahme Berlins an Straßen, Häusern, Menschen, industriellen

Unternehmungen aller Art ist außerordentlich. Auf Stellen, wo ich mich

entsinne, mit Gespielen im Grase gelegen und an einer Drachenschnur

gebändelt zu haben, sitzt man jetzt mit irgendeiner Dame des Hauses,

trinkt Tee und unterhält sich über eine wissenschaftliche Vorlesung aus

der Singakademie. Wo sonst die blaue Kornblume im Felde blühte, stehen

jetzt großmächtige Häuser mit himmelhohen geschwärzten Schornsteinen. Die

Fabrik- und Gewerbstätigkeit Berlins ist unglaublich. Bewunderung erregt

es z.B., einen von der Natur und vom Glück begünstigten Kopf, den

Maschinenbauer Borsig, eine imponierende, behäbige Gestalt, in seinem

runden Quäkerhut in einer kleinen Droschke hin und her fahren zu sehen,

um seine drei großen, an entgegengesetzten Enden der Stadt liegenden

Etablissements zu gleicher Zeit zu regieren. Borsig beschäftigt 3000

Menschen in drei verschiedenen Anstalten, von denen das große

Eisenwalzwerk bei Moabit eine Riesenwerkstatt des Vulkan zu sein scheint.

Es kommen dort Walzen von 120 Pferdekraft vor. Borsig baut gegenwärtig an

der fünfhundertsten Lokomotive. Man berechnet ein Kapital von sechs

Millionen Talern, das allein durch Borsigs Lokomotivenbau in Umsatz

gekommen ist. Es macht dem reichen Mann Ehre, daß er sich von den

glücklichen Erfolgen seiner Unternehmungen auch zu derjenigen Förderung

der Kunst gedrungen gefühlt hat, die im Geschmacke Berlins liegt und dem

Könige in seinen artistischen Unternehmungen sekundiert. Er hat sich eine

prächtige Villa gebaut und pflegt einen Kunstgarten, der schon ganz

Berlin einladen konnte, die Viktoria regia in ihm blühen zu sehen.

Für gewisse industrielle Spezialitäten gibt es in Berlin Betriebsformen,

die wenigstens auf dem Kontinente ihresgleichen suchen. Vor dem

Schlesischen Tore liegen die Kupferwerke von Heckmann. Hier werden jene

riesigen Vakuumpfannen geschmiedet, die man in den Rübenzuckerfabriken

nötig hat; hier werden die Kupferdrähte für die elektrischen Telegraphen

gezogen. Heckmann bezieht sein Material direkt aus England, Schweden und

vorzugsweise Rußland. Ebenso großartig ist Ravenés Handel mit

Schmiedeeisen, Blei, Messing, Zinn und allen metallischen Rohprodukten.

Es charakterisiert den Berliner Großkaufmann, der seine ursprünglichen

naiv-bürgerlichen Triebe nicht lassen kann, daß Ravené in einem Anfall

guter Laune sämtliche verkäufliche Weine in Bordeaux aufkaufte und sich

das Privatvergnügen machte, das Modell einer großartigen, aber soliden

Weinhandlung aufzustellen, an der es ihm in Berlin sehr nötig schien.

Goldschmidt und Dannenberger haben Kattunfabriken im Gange, die Tausende

von Menschen, die Bevölkerung kleiner Stadtbezirke, beschäftigen,

überdies ein pauperistisches Element enthalten, das eine umsichtige

Behandlung erfordert ...

Berlin — Panorama einer Weltstadt · 第 18 / 48 题