Das ist gewiß charakteristisch! Mein erster Blick auf eine der hiesigen
Zeitungen fiel auf den Vorschlag eines Frühgottesdienstes für
Droschkenfuhrleute. Wahrlich, dieser Vorschlag verleugnet seinen Ursprung
nicht! Zwar ist derjenige, der ihn zunächst machte, ein Jude (der
Besitzer der Haupt-Droschkenanstalt), aber auch das ist bezeichnend; die
spekulativen Juden, die Juden, die den Geist der Zeit verstehen,
bestreben sich hier, dem Überchristentum in die Hände zu arbeiten. Ein
Frühgottesdienst für Droschkenfuhrleute! Man mache sich recht klar, was
darunter zu verstehen ist. Man hat nämlich gefunden, daß die
Droschkenführer von früh bis Mitternacht ihrem Herrn und Lohngeber dienen
müssen. Auch den Sonntag heiligen sie nicht. Um sie nun der Kirche nicht
gänzlich verloren zu geben, läßt man ihnen jetzt morgens, wenn sie ihre
Wagen reinigen, wenn sie ihre Pferde anschirren, rasch von einem eigens
bestellten "Droschkenprediger" eine kurze geistliche Rede halten. Man
glaubt, wenn man so etwas erfährt, in England oder Pennsylvanien zu sein.
Diesem Frühgottesdienst für Droschkenführer müssen, wenn man konsequent
sein will, noch diese Einrichtungen folgen:
Ein Frühgottesdienst für Briefträger.
Ein Nachmittagsgottesdienst für Milchkarrenschieber; denn auch diese
Fuhrleute bringen ja jeden Sonntag die Milch zur Stadt. Gut, ich glaube,
daß es wünschenswert ist, auch die Droschkenfuhrleute an die Kirche zu
gewöhnen; aber hätte die gesunde Vernunft und die Billigkeit jenes
überchristlichen Juden, wahrscheinlich eines Kommerzienrates, nicht einen
andern Ausweg finden können? Wie nun, wenn man bei den Droschkenställen
keinen Gottesdienst errichtet, wohl aber jedem Droschkenführer es möglich
gemacht hätte, alle vierzehn Tage oder wenigstens alle vier Wochen einen
halben Sonntag frei zu haben, einen halben Sonntag, wo er die Kirche
besuchen kann? Erlaubte das die Dividende des Kommerzienrates nicht? Ihr
habt ein so großes Mitleid mit der Seele des Droschkenfuhrmanns und sorgt
für seinen Kirchgang, schenkt ihr ihm dann auch, dem geplagten, an seine
Karre gebundenen Menschen, einen Erholungstag? Spannt ihr ihn einmal aus
seinem Joche aus und errichtet einen Aktienverein zu einer Mittagsfreude,
zu einer Nachmittags-Belustigung? Statt daß also die hiesigen
Überchristen den Kommerzienrat zwingen sollten, jedem Droschkenfuhrmann
alle vierzehn Tage oder alle drei Wochen, die Reihe herum, einen freien
Sonntag zu geben, den er als freier Mensch, Christ und Staatsbürger
anwenden kann, wie er will, schlüpfen sie über den Mißbrauch des
privilegierten Droschkenregenten hinweg, sanktionieren die Tatsache, daß
kein Droschkenfuhrmann einen freien Sonntag hat, und sorgen nur einzig
dafür, daß ihm morgens vor Ausfahren aus dem Stall das Evangelium
gepredigt wird! O über den frommen Kommerzienrat!
Wenn dem religiösen Fanatismus keine Grenzen gesteckt werden, so erleben
wir noch die krankhaftesten Erscheinungen. Die übertriebene Heiligung des
Sonntags kann förmlich alttestamentarisch werden. Wenn sich z.B. Jemand
in den Gedanken vertieft, daß die Eisenbahnen an Sonntagen befahren
werden und das Bahnpersonal und die Lokomotivführer deshalb nicht die
Kirche besuchen können, würde man einem solchen Gemüt nicht zurufen
müssen: Behüte dich der Himmel vor Wahnsinn! Der religiöse Fanatismus,
der sich ferner der Armen und Kranken annimmt, hat Ansprüche auf unsere
vollkommenste Hochachtung, er steht den Geboten der reinen Humanität so
nahe, daß man nicht untersuchen mag, welches die Quelle seiner Hingebung,
Aufopferung und Liebe ist; wenn aber die Pflege der Armen strafend, die
Wartung der Kranken lästig und beängstigend wird, dann muß man selbst
gegen so an sich ehrenwerte Äußerungen des überchristlichen Sinnes kalt
werden. Strafend aber ist die Armenpflege, welche nur dem gibt, den sie
als rechten Glaubens erkennt; lästig und beängstigend ist die
Krankenwartung, die uns zwischen den Schmerzen des Körpers von der
Verworfenheit unserer Seele redet.
Es bereitet sich hier eine Menge praktischer Anwendungen des mildtätigen
Christentums vor. Die meisten davon stehen noch auf dem Papiere, einige
sind schon ins Leben getreten, z.B. ein Magdalenenstift zur Rettung
gefallener Mädchen. Was man von letzterem hört, läßt auf eine gesunde und
tatkräftige Ausführung dieser an sich löblichen Absicht nicht schließen.
Schon daß diese unglücklichen Personen durch eine eigene Tracht kenntlich
gemacht werden, ist einer jener finstern Nebengedanken, die wir strafende
Armenpflege nannten. Wenn es einen Weg geben kann, um solche Personen
einer sichern Besserung entgegen zu führen, so kann es nur der sein, sie
auf eine möglichst geräuschlose, stillschweigend liebevolle Weise der
Gesellschaft wiederzugeben. Eine schwarze Tracht mag allerdings bewirken,
daß der, der sich dem Magdalenenstift in die Arme wirft, gleichsam die
Tür hinter sich auf immer zuwirft und eine fast kartäuserartige
Resignation zeigen muß, aber wie wenig Gemüter werden einer solchen
Abtötung des letzten Restes von Stolz fähig sein! Gerade das, was Ihr
zuerst brechen wollt, diesen letzten Rest von Stolz, gerade das ist nur
das Samenkorn, aus dem sich eine neue Blüte des sittlichen Menschen
erheben kann. Was wird das Ende dieses Beginnens sein? Daß eine solche
Anstalt hinter ihrer guten Absicht zurückbleibt und, statt gebesserter,
dem Leben wieder gewonnener Verirrten, Heuchlerinnen erzeugt, die, wie es
der Fall ist, beim geringsten verführenden Anlaß wieder in ihre alten
Lasterwege zurückfallen.
Nach allem, was sich hier beobachten läßt, sieht man, daß man die Übel,
an welchen die heutige Gesellschaft krankt, hier mehr als irgendwo
erkannt hat. Man hat sie erkannt, weil man sie fühlt, weil sie sich zu
unabweislich von selbst aufdrängen. Aber in den Mitteln, den
gesellschaftlichen Schäden abzuhelfen, vergreift man sich. Man will den
Schäden unmittelbar begegnen, statt daß sie nur da wahrhaft zu heilen
sind, wo man ihrem ersten Grunde auf die Spur gekommen ist. Die Wurzel
muß man entdecken und den Wurm töten, der an der Wurzel nagt. Das
Begießen des welken Blattes an dem verkrüppelten Stamme fristet ihm eine
Weile das frische Ansehen des Lebens, dann aber fällt es ersterbend ab,
weil der aus der Wurzel quellende Balsam des Lebens, der Saft der
Gesundheit ihm stärkend nicht zuströmt.
Theodor Mundt sprach in seiner kürzlich erwähnten Vorlesung von dem
durchgreifenden Streben unserer Zeit nach "Glückseligkeit und Vergnügen".
Ich erschrak, wie er diese Tatsache so ohne weiteres als einen
feststehenden Satz, wahrscheinlich als die Prämisse seiner frühern
Entwickelungen einwerfen und voraussetzen konnte. Und doch stellt sich
diesem Satze, um ihn zu widerlegen, wenig gegenüber. Er ist wahr, er ist
bewiesen; bewiesen nicht nur durch den Luxus der Reichen, sondern auch
durch die brennende Sehnsucht und Entsagungsunfähigkeit der Armen. Am
unersättlichsten aber in Zerstreuungen ist der Mitte1stand.
Glückseligkeit und Vergnügen ist mehr denn je die Devise des Berliners
geworden. Die öffentlichen und Privatgelegenheiten zu Erholungen aller
Art haben sich reißend vermehrt. Die Straßenecken sind täglich mit mehr
als einem Dutzend Zettel beklebt, um zu Zerstreuungen einzuladen. Dabei
ist der Zudrang zu solchen Nahrungszweigen, welche wenig Anstrengung
erfordern, unverhältnismäßig. Wer früher nicht wußte, welches Gewerbe er
treiben sollte, eröffnete einen Tabakshandel. Jetzt haben sich dazu
Anlagen von Kaffeehäusern, Vergnügungsgärten, Konditoreien gesellt, die
mit derselben Schnelligkeit aufschießen, wie hier Mode-, Schnittwaren-,
Kleiderhandlungen und Gewerbeläden von solchen eröffnet werden, die diese
Gewerbe nicht selber treiben, sondern nur von andern treiben lassen. Und
mitten in diesem Sausen und Brausen von Vergnügungen dann jene Zustände
der Not und des Elends, die Bettina jenen menschenfreundlichen Schweizer
im Anhange ihres Königsbuches hat schildern lassen--der Gegensatz ist
schneidend.
Auswärts fühlt man diesen Gegensatz fast noch mehr als hier. Auswärts hat
man sich verwundert, wie mitten in diesen Tatsachen des dringendsten
Bedürfens, mitten in diesen beredten Schilderungen der hiesigen Verarmung
plötzlich das Krollsche Etablissement hat auftauchen können. Ich gestehe,
als ich diesen von allen Zeitungen für einen Feenpalast ausgegebenen Ort
besuchte, konnte ich den störenden Gedanken, daß diese Schöpfung sehr mal
à propos gekommen, nicht unterdrücken. Zum Glück bleibt auch dieser
"Feenpalast" hinter seinem Rufe zurück. Schon in der Ferne, wenn man
durch Staubwolken durchzudringen vermag, sieht das Ganze wie eine große
Ziegelhütte aus. Man sieht ein Konglomerat von Schornsteinen und
hervorspringenden Hausecken und fühlt sich durch den ersten Eindruck eher
abgestoßen als angezogen. Dabei ärgert man sich über die Idee, ein
solches von allen Fremden zu besuchendes Lokal auf die Achillesferse
Berlins, die Sandwüste Sahara, auf den Exerzierplatz zu bauen. Der
Berliner Staub, vergessen gemacht durch die freundlichen Anlagen des
Tiergartens, tritt wieder beizend, augenverderbend, unausstehlich in den
Vordergrund; denn recht in den Mutterschoß dieses Staubes ist das neue
Gebäude gelegt worden. Man betritt es. Alles erscheint daran lückenhaft,
hölzern, durchsichtig, leichte Ware, berechnet auf einen kurzen Effekt.
Mit einem Blick übersieht man die gewaltige Reitbahn des Vergnügens.
Keine Abwechslung, kein lauschiges Versteck, keine Möglichkeit des
Alleinseins. Die nackten weißen Holzwände, mit Goldleisten zwar verziert
und hier und da bemalt, aber keine Draperien, keine Vorhänge, das ganze
Lokal auf einen Blick in die flache Hand gegeben. Das Unterhaltende an
den Maskenbällen in der großen Oper zu Paris ist nicht der große
Tanzraum, sondern das bunte Gewühl auf den Treppen, Korridoren, in den
Foyers, in Einrichtungen, die hier, bis auf einige wenige Logen, nicht
getroffen sind. Man kann allerdings sagen, Paris besitzt ein solches
Etablissement nicht; aber man muß hinzufügen: Wenn man in Paris so
oberflächlich wäre, zum bloßen Dasitzen, Gaffen und Begafftwerden eine
solche Unterhaltungsanstalt zu begründen, so würde sie großartiger,
geschmackvoller, charakteristischer sein. Im Kellergeschoß dieses Tempels
der Langeweile befindet sich ein so genannter "Tunnel", eine Lokalität
zum Rauchen, wie sie finsterer, schmutziger, erstickender kaum in London
gefunden werden kann. Man glaubt, daß die "Mystères de Paris" hier ihren
Anfang hätten nehmen können. Man glaubt den tapis franc zu betreten und
sieht sich unwillkürlich nach der Ogresse um. Aber auch die "Mystères de
Berlin" könnten hier anfangen. Gibt es solche? Gedruckt schon eine große
Anzahl, und die zuerst kamen, von Schubar, schon in dritter Auflage ...
Schade, daß sich originelle Köpfe nicht leicht entschließen werden, in
die Fußstapfen eines andern zu treten; wohl aber bliebe es wünschenswert,
daß sich jemand der deutschen Zustände so bemächtigen könnte, wie Eugène
Sue der französischen. Hat nicht am Ende auch Sue den Boz nachgeahmt, und
Boz wieder die alten humoristischen Romane der vorigen Jahrhunderte?
Mysterien von Berlin müßten grelle Schlaglichter auf Deutschlands
sittliche, gesellschaftliche und intellektuelle Zustände fallen lassen,
müßten die Fackel der Aufklärung nicht nur in die Kellergewölbe der Armut
und des Verbrechens tragen, sondern auch in die trübe Dämmersphäre der
Schein- und Überbildung, der Lüge und Heuchelei....