Berlin ist eine Weltstadt geworden. Früher war Berlin nur eine große
Stadt. Berlin hat an Bewohnerzahl und Umfang unglaublich zugenommen, aber
in dieser äußern Vergrößerung liegt der auffallende Fortschritt nicht
allein. Er liegt im erweiterten Anschauungs-Horizont, im Durchbruch nicht
allein von Straßen und neuen Toren, sondern im Durchbruch alter
Vorurteile und Gewohnheiten, im vermehrten geistigen Betriebskapital, in
der Zunahme eines Selbstbewußtseins, das sich mit einem großen sittlichen
Nationalleben in Zusammenhang zu setzen verstanden hat. Es ist
überraschend, wie sich die schlummernden Kräfte allmählich entwickelt
haben. Von unten fängt das an und hört oben, in idea1ster Höhe, auf. Der
Eisenbahnverkehr hat Berlin endlich in jenen unmittelbaren Zusammenhang
mit andern großen Städte-Entwickelungen gebracht, der ihm früher fehlte.
Früher bezogen sich nur Potsdam, Brandenburg, Treuenbrietzen, Bernau auf
Berlin, jetzt Leipzig, Magdeburg, die Ostsee und bald Hamburg und
Schlesien. Der frühere kleinstädtische Geist ist gewichen, große Gasthöfe
sind entstanden, die Basis aller gemeinschaftlichen Unternehmungen beruht
auf breiteren Dimensionen. Man sieht das, bewundert es, oder muß
wenigstens seine Freude daran haben.
Was man in auswärtigen Zeitungen als die laufende Tagesordnung von Berlin
besprochen findet, das ist alles keineswegs Erfindung, sondern Tatsache,
durchgesprochene, lebendige Tatsache. Es stehen sich hier wirklich
Parteien und Parteien, Menschen und Menschen gegenüber. Es hat sich hier
wirklich ein Geist der Öffentlichkeit entwickelt, dem bis zur Stunde zwar
edle und würdige sowohl, wie dauernde und belebende Organe fehlen, ich
meine die Organe faktischer Institutionen, dessen Ringen und Drängen aber
so mächtig ist, daß es Augenblicke geben kann, wo wir uns im Anschauen
dieser Strebungen nach Paris versetzt glauben. So wie jetzt in Berlin muß
es zur Zeit der Restauration in Paris gewesen sein. Das Katheder ist die
vorläufige Volkstribüne, die Wissenschaft die vorläufige Politik. Wie das
wogt und treibt! Keine Meinung will mehr allein stehen, eine Bestrebung
lehnt sich an die andere. In Berlin wohnen und nichts wirken, nichts
vorstellen, nichts vertreten, ist der geistige Tod, ist Nullität, heißt
wenigstens Nullität, und jeder fürchtet sie. Man hat angefangen, die
Bedeutung eines öffentlichen Charakters zu fühlen. Die ruhmvol1sten Namen
aus der alten Schule sieht man im Verkehr mit den erst sich machenden aus
der jungen. Unpopulär zu sein, wagt niemand. Jeder muß einen Kreis von
Gleichgesinnten um sich haben, er muß sich nach Anlehnungen umsehen. Kann
er nicht selbst einen Mittelpunkt bilden, so ordnet er sich unter und
wird Stammgast im Salon eines andern. Berlin hat seine Salons, in der Tat
Salons im französischen Wortsinne. Ich muß sogar so weit gehen, zu
behaupten, daß es mit Geldkosten verknüpft ist, in Berlin eine eigene
Meinung zu haben. Man muß seinen offenen Mittwoch, seinen offenen
Freitag, seinen Dienstag haben, um hier ein durchgreifender, öffentlicher
Charakter zu sein. Das ist kostspielig, hier mit Tieck, mit den Grimms,
mit Herrn von Savigny zu rivalisieren. Man muß wünschen, daß sich diesen
Gasströmungen von Ehrgeiz, Tendenz, Zorn, Begeisterung, Rache, ehe es
eine Explosion gibt, bald ein luftreiner Zylinder darbieten möchte, ein
Abzug ins öffentliche, große Volksleben, durch irgendeine Tatsache, durch
irgendein Ereignis, durch irgendeinen Schritt weiter auf der betretenen
Bahn besonders des Ausbaues der ständischen Institutionen. Dies oder
irgend etwas anderes muß erfunden werden, um diesem Wettkampf von
Meinungen und Leidenschaften eine schöne höhere Wahrheit zu geben und
solchen Zerrüttungen vorzubeugen, wie sie z.B. jetzt infolge der
traurigen Grimmschen Erklärung, durch welche sich zwei berühmte Namen um
alte Liebe und Hingebung gebracht haben, schon eingetreten sind.
Einige der auf der Reise empfangenen Eindrücke mögen in bunter Reihe hier
wiedergegeben werden.
Am 29. März beschloß Dr. Mundt seine vor einem gemischten Publikum
gehaltenen Vorlesungen über die Gesellschaftsfrage unserer Zeit. Es war
fünf Uhr. Im Saale des Jagorschen Hauses Unter den Linden versammelte
sich so ziemlich der größte Teil des ästhetisch- produktiven Berlins,
Dichter, Gelehrte, Musiker, Gläubige und Prüfende, Hingegebene und
Zweifelnde, wie dies um so mehr bei einem Gegenstande der Fall sein
mußte, dessen öffentliche Behandlung in gewissen Regionen bedenklich
erschienen war. Als sich etwa 150 Personen eingefunden hatten, erschien
der Redner. Ich fühlte mich an die Vorträge von Edgar Quinet im Collège
de France erinnert. Nur schade, daß sich Mundt zu sehr auf sein Heft
verließ und einen Gegenstand, der so tief in Herz und Nieren greift,
nicht mit freier Rede um so überzeugender darstellte. Die Wärme der
Begeisterung fehlte dem Redner nicht, eine jeweilige Handbewegung verriet
selbst seine Absicht, das, was er vorlas, als entquollen seinem innersten
Gefühle darzustellen; doch kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß
ein selbst ungeregelter Vortrag mit Anakoluthen, Wiederholungen und allen
Klippen eines ungewohnten oratorischen Versuches dennoch eindringlicher
spricht, als ein geschriebenes Heft.
Der Inhalt der Rede erweckte die wärmste Teilnahme. Bot ihr Anfang
demjenigen, der sich mit der Sozialwissenschaft unserer Tage beschäftigt
hat, auch nichts Neues, so erhob sie sich doch in ihrem weitern Verlauf
zu einem höheren Aufschwunge, in welchem sich zum ernsten Denker der
sinnige Dichter gesellte. Der Redner sprach von den Rechten der Armen und
den Pflichten der Reichen. Er behandelte jenen ergreifenden Gegenstand
des Pauperismus, der jetzt nur noch alle Federn, bald aber auch
hoffentlich alle Herzen in Bewegung setzen wird. Jene rührende Humanität,
welche sich in den Schriften derjenigen Franzosen findet, die sich mit
sozialistischen Fragen beschäftigten, hatte, man sah es, in des Redners
Herzen ein Echo gefunden. Er sprach mild und sanft von den Proletariern
der Gesellschaft, und ein gewisses kaltes Phlegma, eine gewisse
doktrinäre Selbstzufriedenheit hinderte doch nicht, daß in einigen
weihevollen Momenten ein schöner Abglanz von Gemüt und Wehmut auf seinen
Gesichtszügen hervorbrach. Besonders war die Bemerkung, daß jetzt bei den
Fortschritten der Volksbildung der Vater beschämt von seinem aus der
Schule heimkehrenden unterrichteteren Kinde lernen könne, ebenso
geistreich aufgegriffen, wie zart und innig durchgeführt.
Über manches teile ich nicht des Redners Meinung. Er sprach von Owen und
würdigte ihn nicht genug, trotzdem, daß er mit Achtung von ihm sprach. Er
kam zu oft auf den Mangel an Poesie in Owens System zurück. Poesie ist in
der Sozialfrage ein gefährliches Wort. Braucht man es zu oft, so kann man
dahin kommen, daß am Ende nichts poetischer als die Armut ist, und der
Armut soll doch abgeholfen werden. Wer vom Leben zu viel bunten Effekt
verlangt, dem wird freilich das Ziel einer allgemeinen Glückseligkeit
unpoetisch erscheinen. So manches andere in des ehrenwerten Redners
Äußerungen ließen mich fast besorgen, er hätte das Thema der materiellen
Gesellschaftsfrage nur zum Kanevas von allerhand auf anderm Gebiet
spielenden Anmerkungen gemacht, von Anmerkungen, die ich sehr treffend,
sehr zeitgemäß, ja sehr freimütig und gegebenen Umständen gegenüber kühn
fand, die aber doch nur mehr dem idealen Gebiet angehörten und die
Ansicht vorauszusetzen schienen, man könne Hungernde mit Sonnenlicht
sättigen und Dürstende mit den Farben der Blumen tränken. Der Redner
kannte die praktischen Schäden, wollte sie heilen und wich wiederum dem
praktischen materiellen Gebiete aus. Doch abgesehen von diesem Einwurf,
der ohnehin auf einem Mißverständnis beruhen kann, hat sich Mundt ein
großes Verdienst erworben, daß er in jener unmittelbaren Form, in der
Form der Rede, einen Gegenstand zur Sprache brachte, der immer mehr in
den Vordergrund der Debatten treten und jene welt- und gottweise
Philosophie beschämen wird, die im Webstuhl ihrer Abstraktionen nur
Leichentücher für das Leben spinnt ...