Von meiner Wohnung aus ist mir ein Blick auf die Umgebungen des Schlosses
gewährt, auf eine Überfülle von großen Gebäuden, die die Gegend von dem
Anfang der Linden bis zum Dom zu einem der merkwürdigsten Plätze Europas
machen. Störten mich nur nicht am Dom die beiden Zwillingsableger des
großen Turms! Neben einer großen Kuppel, die schon an sich unwesentlich
ist, da sie für das Innere der Kirche gar keinen Wert hat, sondern nur
als bloße architektonische Verzierung dient, haben sich noch zwei kleine
Schwalbennester wie zwei Major-Epauletts niedergelassen. Man hatte dabei
wahrscheinlich die Isaakskirche in Petersburg vor Augen; aber dort
gehören diese kleinen Türme zum Kultus, indem sie auf einzelne Kapellen
Licht fallen lassen, sie sind so zahlreich bei den russischen Kirchen
angebracht, daß sie schon dadurch etwas für die dortige heilige
Architektur Wesentliches vorstellen. Hier in Berlin, wo man so viel
Russisches in der Politik und den Militäruniformen nachahmte, wollte man
auch der Hauptkirche der Stadt eine russische Perspektive geben und
Schinkel war schwach genug, die beiden kleinen Vogelbauer neben den
größern Turm der Kirche zwecklos und unschön hinzustellen. Überhaupt
würden die Gebäude der Residenz mehr künstlerischen Wert haben, wenn
Schinkel, ein so reicher, erfinderischer, sinniger Kopf, jenen echten
Künstlerstolz besäße, der ihn verhindert hätte, Änderungen seiner
ursprünglichen Baupläne hinzunehmen. Eine höhere Hand, deren Munifizenz
allerdings ruhmvoll anerkannt werden muß, strich ihm bei vielen seiner
vorgelegten Baupläne meist immer das Charakteristische und Kecke weg.
Alles Hohe, Hinausspringende, Hinausragende (z.B. dreist aufschießende
Türme an den Kirchen) wird von einem an sich ganz achtbaren, aber in
Kunstsachen unbequemen Sinn für das Bequeme, Bescheidene, Zurückhaltende
weggewünscht. Es ist nicht rühmlich für Schinkel, daß er bei seinen
zahlreichen Baugrundrissen dem Künstlerstolz so viel vergeben hat.
Schinkel hat in seinen geistvoll geschriebenen Erläuterungen zu seinen
Bauten auch alle die Umstände angeführt, die ihn bewogen, dem
Schauspielhause seine jetzige Gestalt zu geben. Wenn an einem
öffentlichen Gebäude die Fassade nicht einmal als Ein- und Ausgang
benutzt wird, wenn man auf einer großen Freitreppe Gras wachsen sieht,
so regt sich unwillkürlich das Gefühl, das Unbenutzte auch für eine
Überladung zu halten. Doch mögen die Kenner über den äußern
architektonischen Wert des Schauspielhauses entscheiden! Das Innere
dieses Theaters, wiederum nicht ausgehend von der speziellen Ansicht
Schinkels, hat ganz jenen gedrückten Miniatur- und Privatcharakter, den
ein Haus, das früher Nationaltheater hieß, nicht haben sollte. Es wäre
vielleicht nicht nötig gewesen, dies Theater größer, als für 1200
Menschen zu bauen; aber warum dieser wunderliche Charakter der Isolierung
in der Anlage des Ganzen? Ein Rang ist dem andern unsichtbar. Das
Parterre und die Parkettlogen sehen nichts von den Rängen. Man weiß an
einer Stelle des Hauses nicht, ob es an der andern besetzt ist. Eine
Übersicht des Ganzen ist nur auf dem Proszenium und Podium möglich, so
daß man, um zu wissen, ob das Haus besetzt war, die Schauspieler fragen
muß. Jedenfalls geht durch dieses Privatliche, das dem Hause aufgedrückt
ist, zweierlei verloren. Einmal eine größere gesellschaftliche
Annehmlichkeit. Da sich das ganze Publikum nicht beisammen sieht, da der
eine dem Auge des andern entzogen ist, so fällt der Charakter einer
geselligen Zusammenkunft, der so oft für eine schlechte Vorstellung
Ersatz geben könnte, in diesem Theater gänzlich weg. Man kann Bruder und
Schwester im Theater haben und sieht sie nicht. Das zweite Unangenehme
dieser winkeligen Bauart ist, daß sich das Publikum nicht als solches
bildet. Publikum heißt eine Masse, die sich ihrer Kraft ansichtig ist und
das Bewußtsein einer Korporation dem Spiel gegenüber zu behaupten weiß.
Wo man im Parterre nicht sehen kann, welche Mienen der zweite Rang macht,
wo ein Besucher des Theaters nur immer auf den Rücken des andern
angewiesen ist, da kann auch keine Totalität des Urteils stattfinden;
jeder ist auf sich angewiesen und der Schauspieler bleibt ohne die
richtige Würdigung seiner Leistung. Mir haben viele Schauspieler gesagt,
daß Berlin kein Publikum mehr hat. Der Grund liegt darin, daß die
Lokalität dieses Publikum verhindert, sich als solches kennenzulernen und
auszubilden....
Noch eine Bemerkung will ich hier machen. Von meinem Gasthofe führt eine
Brücke auf den Schloßplatz. Diese Passage ist nur für ein kleines
Brückengeld gestattet, welches von einer Gesellschaft, die diese
Verbindung auf eigene Kosten anlegte, erhoben wird. Jeder Bürgerliche
zahlt am Ende der Brücke eine Kleinigkeit. Das Militär ist frei. Warum?
Ich denke, weil die gemeinen Soldaten in Berlin herumzuschlendern pflegen
und von der Bedeutung dieses Brückengeldes schwerlich eine Vorstellung
haben. Es würde ein ewiges Zurückweisen sein, Händel geben und deshalb
läßt man Soldaten frei passieren. Wie aber nun die Offiziere? Wird man
nicht annehmen, daß diese eine so kleine Vergünstigung verschmähen und
mit echtem point d'honneur da nicht frei vorübergehen werden, wo eben
eine arme alte Frau oder ein Handwerker seinen Sechser bezahlt? Nein, ein
General geht mit einem Bürgerlichen hinüber: Der Bürgerliche bezahlt, der
General nicht. Ich denke nun jeden Morgen und Abend nach, wie ein so
achtbarer, auf das Feinste seines Ehrgefühls wahrender Stand, das
preußische Garde-Offizier-Korps, sich daran gewöhnen kann, von einer
winzigen Steuer, die ihm allerdings erlassen ist, sich so loszusagen, daß
er in der Tat von jener Vergünstigung Gebrauch macht. Wär' ich Offizier,
ich würde es für beleidigend halten, wollte man mir zumuten, von einer
Steuer dieser Art, die den Ärmsten trifft, mich zu befreien.
Ich schließe daraus, wie wenig das, was wir Ehre nennen, doch als etwas
Ursprüngliches im Menschen ausgebildet ist; denn sehen wir hier nicht,
daß eine in diesem Punkte sehr zartfühlende Menschenklasse dennoch in
einer Ehrensache ganz von der Sitte und der Gewöhnung abhängen kann und
wie leicht wir über etwas, das sich der Einzelne nicht gestatten würde,
hinweggehen, wenn es von allen angenommen wird?