Dom, Schauspielhaus--"Sechserbrücke" (1840)

Von meiner Wohnung aus ist mir ein Blick auf die Umgebungen des Schlosses

gewährt, auf eine Überfülle von großen Gebäuden, die die Gegend von dem

Anfang der Linden bis zum Dom zu einem der merkwürdigsten Plätze Europas

machen. Störten mich nur nicht am Dom die beiden Zwillingsableger des

großen Turms! Neben einer großen Kuppel, die schon an sich unwesentlich

ist, da sie für das Innere der Kirche gar keinen Wert hat, sondern nur

als bloße architektonische Verzierung dient, haben sich noch zwei kleine

Schwalbennester wie zwei Major-Epauletts niedergelassen. Man hatte dabei

wahrscheinlich die Isaakskirche in Petersburg vor Augen; aber dort

gehören diese kleinen Türme zum Kultus, indem sie auf einzelne Kapellen

Licht fallen lassen, sie sind so zahlreich bei den russischen Kirchen

angebracht, daß sie schon dadurch etwas für die dortige heilige

Architektur Wesentliches vorstellen. Hier in Berlin, wo man so viel

Russisches in der Politik und den Militäruniformen nachahmte, wollte man

auch der Hauptkirche der Stadt eine russische Perspektive geben und

Schinkel war schwach genug, die beiden kleinen Vogelbauer neben den

größern Turm der Kirche zwecklos und unschön hinzustellen. Überhaupt

würden die Gebäude der Residenz mehr künstlerischen Wert haben, wenn

Schinkel, ein so reicher, erfinderischer, sinniger Kopf, jenen echten

Künstlerstolz besäße, der ihn verhindert hätte, Änderungen seiner

ursprünglichen Baupläne hinzunehmen. Eine höhere Hand, deren Munifizenz

allerdings ruhmvoll anerkannt werden muß, strich ihm bei vielen seiner

vorgelegten Baupläne meist immer das Charakteristische und Kecke weg.

Alles Hohe, Hinausspringende, Hinausragende (z.B. dreist aufschießende

Türme an den Kirchen) wird von einem an sich ganz achtbaren, aber in

Kunstsachen unbequemen Sinn für das Bequeme, Bescheidene, Zurückhaltende

weggewünscht. Es ist nicht rühmlich für Schinkel, daß er bei seinen

zahlreichen Baugrundrissen dem Künstlerstolz so viel vergeben hat.

Schinkel hat in seinen geistvoll geschriebenen Erläuterungen zu seinen

Bauten auch alle die Umstände angeführt, die ihn bewogen, dem

Schauspielhause seine jetzige Gestalt zu geben. Wenn an einem

öffentlichen Gebäude die Fassade nicht einmal als Ein- und Ausgang

benutzt wird, wenn man auf einer großen Freitreppe Gras wachsen sieht,

so regt sich unwillkürlich das Gefühl, das Unbenutzte auch für eine

Überladung zu halten. Doch mögen die Kenner über den äußern

architektonischen Wert des Schauspielhauses entscheiden! Das Innere

dieses Theaters, wiederum nicht ausgehend von der speziellen Ansicht

Schinkels, hat ganz jenen gedrückten Miniatur- und Privatcharakter, den

ein Haus, das früher Nationaltheater hieß, nicht haben sollte. Es wäre

vielleicht nicht nötig gewesen, dies Theater größer, als für 1200

Menschen zu bauen; aber warum dieser wunderliche Charakter der Isolierung

in der Anlage des Ganzen? Ein Rang ist dem andern unsichtbar. Das

Parterre und die Parkettlogen sehen nichts von den Rängen. Man weiß an

einer Stelle des Hauses nicht, ob es an der andern besetzt ist. Eine

Übersicht des Ganzen ist nur auf dem Proszenium und Podium möglich, so

daß man, um zu wissen, ob das Haus besetzt war, die Schauspieler fragen

muß. Jedenfalls geht durch dieses Privatliche, das dem Hause aufgedrückt

ist, zweierlei verloren. Einmal eine größere gesellschaftliche

Annehmlichkeit. Da sich das ganze Publikum nicht beisammen sieht, da der

eine dem Auge des andern entzogen ist, so fällt der Charakter einer

geselligen Zusammenkunft, der so oft für eine schlechte Vorstellung

Ersatz geben könnte, in diesem Theater gänzlich weg. Man kann Bruder und

Schwester im Theater haben und sieht sie nicht. Das zweite Unangenehme

dieser winkeligen Bauart ist, daß sich das Publikum nicht als solches

bildet. Publikum heißt eine Masse, die sich ihrer Kraft ansichtig ist und

das Bewußtsein einer Korporation dem Spiel gegenüber zu behaupten weiß.

Wo man im Parterre nicht sehen kann, welche Mienen der zweite Rang macht,

wo ein Besucher des Theaters nur immer auf den Rücken des andern

angewiesen ist, da kann auch keine Totalität des Urteils stattfinden;

jeder ist auf sich angewiesen und der Schauspieler bleibt ohne die

richtige Würdigung seiner Leistung. Mir haben viele Schauspieler gesagt,

daß Berlin kein Publikum mehr hat. Der Grund liegt darin, daß die

Lokalität dieses Publikum verhindert, sich als solches kennenzulernen und

auszubilden....

Noch eine Bemerkung will ich hier machen. Von meinem Gasthofe führt eine

Brücke auf den Schloßplatz. Diese Passage ist nur für ein kleines

Brückengeld gestattet, welches von einer Gesellschaft, die diese

Verbindung auf eigene Kosten anlegte, erhoben wird. Jeder Bürgerliche

zahlt am Ende der Brücke eine Kleinigkeit. Das Militär ist frei. Warum?

Ich denke, weil die gemeinen Soldaten in Berlin herumzuschlendern pflegen

und von der Bedeutung dieses Brückengeldes schwerlich eine Vorstellung

haben. Es würde ein ewiges Zurückweisen sein, Händel geben und deshalb

läßt man Soldaten frei passieren. Wie aber nun die Offiziere? Wird man

nicht annehmen, daß diese eine so kleine Vergünstigung verschmähen und

mit echtem point d'honneur da nicht frei vorübergehen werden, wo eben

eine arme alte Frau oder ein Handwerker seinen Sechser bezahlt? Nein, ein

General geht mit einem Bürgerlichen hinüber: Der Bürgerliche bezahlt, der

General nicht. Ich denke nun jeden Morgen und Abend nach, wie ein so

achtbarer, auf das Feinste seines Ehrgefühls wahrender Stand, das

preußische Garde-Offizier-Korps, sich daran gewöhnen kann, von einer

winzigen Steuer, die ihm allerdings erlassen ist, sich so loszusagen, daß

er in der Tat von jener Vergünstigung Gebrauch macht. Wär' ich Offizier,

ich würde es für beleidigend halten, wollte man mir zumuten, von einer

Steuer dieser Art, die den Ärmsten trifft, mich zu befreien.

Ich schließe daraus, wie wenig das, was wir Ehre nennen, doch als etwas

Ursprüngliches im Menschen ausgebildet ist; denn sehen wir hier nicht,

daß eine in diesem Punkte sehr zartfühlende Menschenklasse dennoch in

einer Ehrensache ganz von der Sitte und der Gewöhnung abhängen kann und

wie leicht wir über etwas, das sich der Einzelne nicht gestatten würde,

hinweggehen, wenn es von allen angenommen wird?

Berlin — Panorama einer Weltstadt · 第 8 / 48 题