Blumenausstellung in Stralow (1840)

Was rennt das Volk? Was strömt es durch die Gassen? Alles eilt hinaus in

die Gegend des lieblichen Stralow: In die Blumenausstellung, nach dem

Hyazinthen-Flor. Eine halbe Stunde mußt' ich mit meinem Wagen Queue

machen, eh' ich vor dem Eingang zu Faust und Moewes aussteigen konnte.

Schon aus weiter Entfernung, mehre Straßen vorher, riecht man die von

Hyazinthen parfümierte Luft. Tausende von Menschen drängen sich in

großen, feldähnlichen Gärten und bewundern ungeheure Anlagen von

Hyazinthenbeeten, die auf den Effekt hin gepflanzt sind, sich in den

buntesten Schattierungen ablösen, ja sogar große, riesige Figuren zu

bilden, z.B. einen Floratempel, ein "eisernes Kreuz" und dergleichen

Zusammenstellungen. In Harlem können nicht größere Blumenmassen

beisammenstehen. Indessen gerade dies Holländische ist abstoßend. Man

wird gegen den Reiz der Blumen unempfindlich, wenn man sie in Massen

versammelt sieht. Nun gar zur Bildung von allerhand Symbolen mißbraucht,

hat die Blume nur noch den Wert der Farbe, und das Freie, Selbständige,

das Duftige derselben geht mit dieser Bestimmung verloren.

Hier sind meine Berliner recht in ihrem Element. Eine Anlage ohne

Schatten schreckt sie bei der glühendsten Hitze nicht ab. Ein dumpfes

Musikgedudel nennen sie musikalische Unterhaltung. Vorn an der Kasse

zieht man ein Los, zahlt dafür 5 Silbergroschen und gewinnt gewöhnlich

nur einen Strauß, den man auf dem Gensdarmenmarkt für 4 Pfennige kauft.

Was ließe sich unter dem Titel "Die Blumenverlosung" nicht für eine

hübsche Lokalposse schreiben. Hier laufen in Berlin soviel "volkswitzige"

Schriftsteller herum, warum erfinden diese Leute nicht dergleichen Späße

für die Königsstädter Bühne? Herr Glaßbrenner schreibt kleine Broschüren,

worin er Berliner sogenannte Volkscharaktere sich im geschraubtesten und

gemeinsten Berliner Jargon über das Hundertste und Tausendste unterhalten

läßt; nein; auf der Bühne, im sinnigen Arrangement solcher Lokalscherze

bewährt sich der Beruf zum Volksschriftsteller. Beckmann z.B. ist ein so

willkommnes Menschengerüst, auf welches man die drolligsten Erfindungen

hängen kann. In der Blumenverlosung denk ich mir ihn mit der grünen

Gärtnerschürze am Eingang eines Treibhauses und die Gewinste austeilend.

Er entfaltet die Nummer: "Sie erhalten, Madame, einen kleinen Ableger

einer neuerfundenen Pflanze, die erst kürzlich auf der Pfaueninsel

entdeckt und aus Amerika hier eingeführt wurde." Die Dame sagt: "Mein

Gott, das ist ja nichts als eine Maiblume mit einem Salatblatt." Darauf

müßte Beckmann replizieren und seine botanischen Kenntnisse entwickeln.

Zum Schluß könnte durch die Blume noch eine Heirat zustande kommen. Warum

schreibt Herr Cerf keine Konkurrenzpreise aus?

Berlin — Panorama einer Weltstadt · 第 9 / 48 题