In einem demokratischen Staate, wie Frankreich und den Vereinigten

Staaten von Nordamerika oder in England, wo die Ministerien häufig

wechseln, und morgen schwarz wird, was heute weiß war, in allen

Ländern, wo das Volk zur Mitarbeit an der Regierung nicht nur pro

forma, sondern de facto berufen ist, finden wir nichts von diesem

Anstaunen der amtlichen Würdenträger. Wenn es bei uns nur öfters

vorkäme, daß z. B. ein Ingenieur wie +Freycinet+, ein Advokat wie

+Haldane+, ein Börsenmakler wie +Benteaux+ Kriegsminister würden oder

ein ehemaliger Arbeiter, wie +Burns+, Arbeitsminister und wenn häufiger

Subalternbeamte in höhere Stellen aufrückten, da sie doch nicht selten

alle Arbeit leisten, für die die hohen Herren ihre Titel und Orden

beziehen, -- dann ließe dieser lähmende Respekt vielleicht etwas nach.

Wirksamer freilich, wenn auch betrüblicher, sind die Enthüllungen

letzter Jahre, die uns alle Bewunderung in Verwunderung verwandelt

haben. Da entringt sich der bescheidenen Untertanenbrust der Ruf: »Na,

viel ungeschickter hätt' ich's auch nicht angestellt!« -- Das hat also

das eine Gute, daß sich das matte Selbstbewußtsein -- die saure Frucht

von endlosen Erziehungsbemühungen -- wieder etwas auffrischt. Ich habe

noch das Glück, einige sog. Diplomaten persönlich zu kennen. Das wirkt

auf die Streckmuskeln des Rückens besonders stärkend.

Mit »einem Tropfen demokratischen Öles« ist schon nichts mehr zu

leisten, wir brauchen alle schon einen gehörigen »Schuß« Öl, um zur

Selbstbesinnung und zu einer manneswürdigen Selbstachtung zu kommen.

Fast schlimmer noch als der seit Jahrhunderten dem deutschen Untertanen

angezüchtete Respekt vor der weisen Obrigkeit ist der vor tönenden

Namen der Wissenschaft und der Kunst. Auch da erstirbt jedes eigene

Urteil in Demut. Wer in irgendeinem Pünktchen Goethes Meinungen

bekämpft, gilt als Barbar oder dreister Umstürzler.

Fast jeder »Gebildete« befindet sich bei uns im Banne des Angelernten.

Werturteile über ganze Völker, über politische und sonstige Größen

gehen um wie schlechte Kupfermünzen. Wie selten trifft man noch

Menschen mit eigenen Köpfen! Die »Bildung«, die Schule mit ihrem von

+Arthur Bonus+ so heftig angezweifelten Kulturwerte, nimmt den Menschen

alle Höhen und Tiefen. Je »besser« die Schulen, um so flacher die

Menschen, die aus ihnen hervorgehen.

Geheimer Justizrat +L. Passarge+ in Jena schreibt in seinem Buche: »Ein

ostpreußisches Jugendleben«, als 81jähriger: »In meiner Jugend war

fast jeder Mensch ein Original: die Bildung hatte noch nicht alle über

einen Kamm geschoren.« Die Überzeugungen waren damals noch nicht im

Massenvertrieb von den Regierungen ins Volk geworfene Fabrikware.

Die Wertschätzung eines strebsamen jungen Mannes liegt jetzt in der

Hand irgendeines Gewaltigen der Feder: von einer herabsetzenden Kritik

eines namhaften Kunstgelehrten erholt sich der Betroffene oft im ganzen

Leben nicht wider: denn man traut den überbrachten Worten lieber als

dem eigenen Urteile. Ich könnte zu diesem Kapitel die lehrreichsten

Einzelbeobachtungen beibringen; aber die Sache bedarf wohl keiner

eingehenderen Begründung. Wir alle kennen das Übel schon zur Genüge.

Noch schlimmer aber als der Respekt vor Titeln und Namen ist der

von ererbten Lehren und Anschauungen. Es gibt Tausende von solchen

gläubig oder nur gedankenlos hingenommenen Scheinwahrheiten, die zu

prüfen man sich scheut. Zumal werden eine Menge religiöser Lehren nur

deshalb noch ernst genommen, weil sie uns irgendein Mensch mit ernster

Miene vorgetragen hat. Als Sklave einer anerzogenen Gedankenlosigkeit

beansprucht der Unfreie noch die Achtung eines besonnenen,

pietätvollen, bescheidenen Menschen. Man sollte ihn lieber feig und

unehrlich nennen.

Natürlich leisten auf diesem Gebiete wieder ehemalige Militärs das

Stärkste. Diesen Herren ist es zumeist unverständlich, wie ein Mensch

zu abweichenden Meinungen kommen könne, da sie in der vermeintlich

»tadellosen« Welt leben. Alles, wie's sein muß: Gottesdienst,

patriotische Gesinnung, gesellschaftliche Haltung. Geschmack und

Urteil -- alles in bester Ordnung. Als R. von Egidy ein eigenes

Glaubensbekenntnis aussprach, hielt man ihn in seinem Kreise für

»+einfach verrückt+ --, war ein tüchtiger Soldat und angenehmer

Kamerad. Schade um den Menschen«!

Es wird gut sein, der Jugend, wenn sie in die Jünglingsjahre tritt, zu

sagen, daß alle großen geistigen und moralischen Erfolge ein starkes

Selbstvertrauen und damit verbunden Mangel an Autoritätsglauben

voraussetzen. »+Kopernikus+ hatte keine Furcht vor der Bibel, er hätte

sonst die Astronomie nicht reformieren können, +Luther+ fürchtete nicht

den Papst, nicht die Mönche und die ganze katholische Kirche -- --,

+Galilei+ fürchtete weder Bibel noch Aristoteles, sonst hätten alle

seine Geisteskräfte nicht hingereicht, die moderne Naturwissenschaft zu

begründen« (Popper, Voltaire, Dresden, Carl Reißner. 1905. S. 309) und

so sind Descartes, Giordano Bruno, Spinoza, Bayle, Rousseau, Voltaire

alle respektlos gewesen gegen die Autoritäten, die sie erst stürzen

mußten, um selbst wirken zu können. Voltaire zumal, »der vor nichts

in der Welt Furcht hatte und nie auf halbem Wege stehen blieb, der

deshalb als Kämpfer, Erwecker, Aufrüttler, Bahnbrecher unübertroffen

ist, als Minierer, als Feind jeden hohlen Wesens und falschen Scheines,

als der Mann, der jede Maske herunterriß, dessen Schriften Schlachten,

und zwar lauter gewonnene Schlachten sind, der alle Bastionen des

Mittelalters mürbe schoß und mehr als irgendein andrer Mensch durch

die Gesundheit seines Naturells zum Feind alles dumpfen Hinbrütens in

geisteszerrüttendem Phantasiespiel wurde« (ebenda S. 310 ff.). Statt

des hirn- und herzlosen Respektes, den man heute der Jugend predigt,

lehre man sie Achtung vor jedem ehrlich Strebenden, vor jeder selbst

erworbenen und mannhaft verteidigten Überzeugung.

Man gebe ihr +Hebbels+ und +Emersons+ Schriften in die Hand. Da

wird sie Mannhaftigkeit verstehen und lieben lernen. Man nähre ihre

Selbstachtung, den Stolz auf ihre Eigenart, den Willen, ihre eigene

Persönlichkeit zu entwickeln, zu behaupten und durchzusetzen!

Man lasse Überzeugungen wachsen, man gebe alles Denken frei, man

schütze und ehre das freie Wort -- und mit Staunen wird man gewahren,

wie viele Männer in Deutschland erstehen. Regierungen, Schulen,

Eltern und Erzieher sind nicht dazu da, das geistige und sittliche

Wachstum zu hemmen, sondern ihm eine freie Entwicklung zu sichern.

Kultur wird von der Regierung und Behörden nicht geschaffen, sondern

bestenfalls geschützt. Eine Regierung, die sich anmaßt das Geistesleben

ihres Volkes in Religion, Wissenschaft und Kunst zu kommandieren,

zerstört oft mehr geistige Werke, mehr Menschenglück, mehr Lebens- und

Entwicklungskeime als blutige und hartnäckige Kriege, durch die doch

auch Kräfte, selbst die edelsten, befreit und entfesselt werden. Nichts

demoralisierender für ein Volk als die Stickluft einer Gesindestube,

vermischt mit dem Weihrauchdunst der Höflinge und der Klerisei. Das ist

wahrhaft männermordend.

Weshalb kommen die Japaner, weshalb die Nordamerikaner so schnell

vorwärts? Weil sie Respekt nur vor dem haben, was sie selbst von seinem

Werte lebhaft überzeugt, was sie für ihr eigenes Leben brauchen können.

Alte, erstorbene Autoritäten gelten ihnen nichts. Sie rufen jeden

noch so großen Namen vor den Richterstuhl ihres gesunden Verstandes.

In England oder Amerika kann man ein Urteil wie: I dont like Raffael;

I dont like Schiller, sehr oft hören und kein Mensch entsetzt sich

darüber. In Deutschland +muß+ man Raffael und Schiller bewundern. Wenn

das Verständnis dazu nicht langt, dann lügt man eben.

Mit den Namen unserer großen Pädagogen macht man »drüben« gar keinen

Eindruck. Wenn man einen dortigen Erzieher sagt: »Aber +Herbart+, der

große Pädagoge, sagt« -- so wird die Antwort lauten: »Wer ist Herbart?

Ich kenne diesen Menschen nicht. Was er da sagt, ist mir gleichgültig.

Es scheint sehr töricht zu sein.«

Keméni sagt bei dieser Gelegenheit: »Frei von jedem Autoritätsglauben

ist der Amerikaner in kein einziges Erziehungssystem befangen, sondern

prüft, vergleicht, probiert und wählt das Gute dann und daher, wo er

es eben findet. Er freut sich, wenn er auf dieser Suche von Erfolg

begünstigt ist und bekennt das stets mit mannhafter Ehrlichkeit.«

Die Folge dieser »Respektlosigkeit« ist eine große geistige

Beweglichkeit und deren Folge wieder: ein gesundes Wachstum und

blühender Fortschritt.

Ist erst das Selbstvertrauen gestärkt, dann werden wir in Deutschland

endlich auch wieder das zu hören bekommen, was +Arndt+ den »Zorn der

freien Rede« nennt.

Eines der handgreiflichsten Anzeichen unserer moralischen Schwäche ist,

daß wir kein mannhaftes Wort mehr ertragen können.

Man darf sich nicht einmal mehr entrüsten. Das schickt sich nicht.

Man ist widerlich anständig, korrekt, ruhig und sachlich geworden.

Das danken wir wieder der Beamtenschaft. Im Dienste ist jedes Pathos

untersagt. Da gibt es nichts Hohes, Heiliges, nichts Begeisterndes,

Entrüstendes. Da herrschen nur die starren, kühlen amtlichen Maßnahmen,

Verfügungen und Akten. Alles findet da seine kühl abgemessene

Erledigung. Die Hauptsache: Einhaltung des Instanzenweges und gut

geordnete Aktenbündel. Man tut seinen Dienst und schert sich nicht um

das, was nicht mit ins Ressort gehört. Für die Stimmung wird »oben«

gesorgt. Ehe man nicht weiß, wie diese läuft, ist man empfindungslos.

Es ist das die Praxis von Lakaien, die auch beim Servieren nichts

hören, nicht lachen und sich nicht ärgern dürfen.

So gewöhnte Menschen begreifen gar nicht, wie man sich erregen kann.

Begeisterung nun gar würde einem da bald gelegt werden. Das beste

Mittel, man läßt so einen Hitzkopf ein paarmal mehrere Stunden lang

im Zimmer des Bureaudieners antichambrieren und ihm dann mit Bedauern

melden, daß man wieder nicht zu sprechen sei: Dienstliche Abhaltung,

wichtige Sitzung.

Über religiöse Fragen zu sprechen, schickt sich in der deutschen

Gesellschaft nicht mehr; Politik schließt man auch lieber aus, weil

von irgendeinem Herrn, der der Regierung nahe steht, diese oder jene

Bemerkung »unliebsam« empfunden werden könnte. Man fängt leider Gottes

im Deutschen Reiche selbst am Biertische wieder zu tuscheln an. Als

ich auf der Sommerfrische einem General a. D. meine Ansichten über

den »Racker Staat« vortrug, sah er sich scheu um und sagte: »Lieber

Herr Professor, da drüben sitzt ein Staatsanwalt!« -- »Nun, da will

ich etwas lauter sprechen!« Der General hatte 1866 und 1870 mit

Auszeichnung gekämpft.

Und nun prüfe man unsere Zeitungen! Das Gott Erbarmen! Was wird da mit

Ausnahme von wenigen, die der Wahrheit ehrlich zu dienen bestrebt sind,

was wird da zusammengelogen!

Wie schlürfen da die geschäftigen Reporter auf Gummischuhen einher, wie

leichtfertig »greifen sie heute etwas aus der Luft«, um es morgen zu

dementieren.

Wie feig verstecken sich ihre wahren Meinungen! Wie wird da mit

»sollte, dürfte, könnte, möchte vielleicht« gearbeitet, damit man nur

ja nicht zu fassen ist! Wie versteckt man sich hinter Pseudonymen,

um aus dem Hinterhalt zu treffen! Wie fälscht man Empfindungen und

Tatsachen je nach Bedarf und nach Bezahlung!

Jüdische Artikelschreiber schwärmen für die fröhliche, selige

Weihnachtszeit, machen alle Wonnen des kirchengläubigen Herzens auf

dem geduldigen Papiere mit, erglühen für liebenswürdige Prinzen,

Prinzeßchen, die sie nie gesehen haben und die ihnen völlig

gleichgültig sind, ereifern sich für hohe Gäste ihrer Landesherren,

mögen diese auch innen und außen schwarz sein wie der Teufel, dulden

keine öffentliche Erregung, obschon sie sie lebhaft teilen, besänftigen

jede Lebenswelle, auf daß der Bürger ruhig weiter schlafe und kein

Abonnent abspringe, und berichten über Vorstellungen und Konzerte, die

sie nicht mitgemacht haben mit erdichteter Begeisterung oder Entrüstung.

»Feil ist in der geschändeten Brust der Gedanke«, man lese weiter bei

Schiller im »Spaziergang« nach, was den Zusammenbruch verkündet!

Wenn Wahrhaftigkeit die erste Mannestugend ist, dann hat Graf

Tolstoi recht, der den Simplizissimus das beste Blatt in Deutschland

nennt. Jedenfalls kann ein künftiger Historiker die Stimmungen des

ungebundenen deutschen Volkes nirgends besser studieren als an diesem

satirischen Blatte, das, wie die Flugblattliteratur zu Luthers Zeiten,

die bestehenden Schäden rückhaltlos aufdeckt und die große geistige

Revolution, die kommen muß, erbarmungslos vorbereitet.

Übrigens ist es sogar eine ideale Aufgabe, die Lüge zu bekämpfen

und den Heuchlern die Maske vom Gesicht zu reißen. Für dieses

Verdienst nimmt man manche Roheit, manchen zu plumpen Witz gerne mit

in Kauf. In der tapferen Zeitschrift »Das freie Wort« stand jüngst

ein bitterböser, aber sehr zutreffender Artikel über die berechtigte

»Simplizissimusstimmung«.[19] Man findet dieses Blatt jetzt auch in

allen »guten« Familien, in allen vornehmen Restaurants Deutschlands

und Österreichs und das gegen den Simpel gerichtete Verbot eines

Eisenbahnministers (der nur für guten Bahnverkehr, nicht auch für die

politische Erziehung der großen Kleinkinderbewahranstalt Deutschland zu

sorgen hätte) hat das Vaterland vor »Reichsverdrossenheit. Nörgelsucht

und Schwarzsehern« nicht behüten können.

Überhaupt werden die Leute dadurch nicht vergnügter, daß man ihnen

verbietet, ihren Ärger laut werden zu lassen.

»Ruhig, sachlich, objektiv,« sollen auch die Lehrer sein und bleiben.

Es geht eben wieder der Ruf durch Deutschland: »Ruhe ist die erste

Bürgerpflicht!« Die stille, unendlich mühsame und segensreiche Arbeit,

die von unseren Lehrerstande jahraus jahrein geleistet wird, hat ihren

Lohn in sich und bedarf keiner lauten Lobpreisung.

Ich mag in meiner Kritik der deutschen Schule zu streng gewesen sein --

freilich stimmt mir die Öffentlichkeit und der Erfolg von Tag zu Tag

mehr zu -- ich mag zu sehr verallgemeinert und vielfach Gutes nicht

gekannt und deshalb nicht genannt haben, was hier und da schon gewollt

und geleistet wird: das Recht und den Zorn der freien Rede lasse ich

mir nicht bestreiten und nehmen. Aber es gibt Zeiten und Stimmungen,

in denen diese »innere stille Reform«, wie man es jetzt nennt, nicht

ausreicht. Jetzt geben selbst hohe Schulbeamte zu, daß der laute Schrei

des Unwillens berechtigt war, daß trotz und zum Teil infolge jenes

stillen, geduldigen und fügsamen Lehrfleißes ein unheilvolles »Regiment

des Buchstaben und der Paragraphen, eine krankhafte Anschwellung des

nüchternen Verstandes auf Kosten der Herzens- und Gemütsbildung, der

Phantasie, des Anschauungsvermögens, zumal des Wollens und Empfindens,

eben eine ganz verkehrte und einseitige Überernährung des Verstandes

erzielt worden sei. »(Worte des Dresdner Stadtschulrates Dr. Lyon. Man

vergleiche dazu mein Buch: »Der Deutsche und seine Schule«, 2. Aufl. S.

240.)

+Ein riesenhaftes Sündenregister der deutschen Schule!+ Jetzt

erkennt man endlich, daß uns das Regiment der Schulkanzlisten »in

das niedere Gestrüpp der Kleinigkeitskrämerei« gelenkt hat, daß

in der »philisterhaften Enge, in der die Spießer das große Wort

hatten« (Worte von Dr. Otto Anthes; s. meine oben genannte Schrift,

Vorwort zur zweiten Auflage), keine starken und fröhlichen Menschen,

keine Persönlichkeiten wachsen =konnten=! Also eine staatliche

Entmannungsanstalt!?

+Ein vernichtendes Verdikt über diese deutsche Schule!+ Und wenn das

wahr ist, auch nur zur Hälfte wahr ist, so soll und darf man sich doch

nicht erregen? Ja, beim Himmel, wo wäre denn ein heiliger Zorn am

Platze, wenn nicht hier, wo es unserem Volke ans Innerste geht, an das

Mark des Lebens? Auch da sollen wir korrekt, ruhig und sachlich bleiben

und uns auf unsere Instruktionen beschränken?

Auf einmal wurden uns aber doch von oben her heitere und ermunternde

Worte zugerufen: »Kinder, seid doch lustig! Kinder, seht doch: die

Sonne geht uns noch täglich auf! Kinder, wir meinen es ja so gut

mit euch! Freut euch doch! Wir haben ja das große, herrliche schöne

deutsche Vaterland! Wer will da noch trübe sehen? Laßt euch von der

modernsten Sorte deutscher Philisterei, von der Nörgelsucht die

gute Laune nicht nehmen! Kommt, Kinder, wir wollen hinaus auf die

Wiese, in den Wald! Kommt, laßt uns singen, laßt uns baden! Wollt ihr

Ruderfahrten machen? Wollt ihr? Alles, alles sei euch gewährt. Nur seid

lustig, Kinder, lacht doch! Lacht doch einmal wieder! Wir wollen frohe

Menschen, frohe Menschen sehen!«

Staunend hört die Kapelle diese neuen, fremden Worte. »Das war doch

früher nicht so?« Sofort werden alle Instrumente neu gestimmt. Auf das

Serioso soll also jetzt ein Scherzetto folgen. »Zu Befehl!«

Wenn der Meister mit seinem Dirigentenstäbchen auf das Pult schlägt, da

horcht die ganze Kapelle aufmerksam auf. »Also los: Scherzetto!« In den

Konferenzen wird nun kund getan: »Meine Herren, sorgen Sie dafür, daß

die Jugend heiteren Mutes sei!« »Verzeihen, Herr Direktor, aber strenge

Pflichterfüllung werden wir doch nach wie vor --« »Bitte, Herr Kollege,

wollen Sie nicht vom Thema ablenken. Wir haben es hier mit einer

höheren Anweisung zu tun, die sich unserer Kritik entzieht. Dieser

Anweisung haben wir Folge zu leisten und ich lege Wert darauf, daß

Sie mir bekennen, von dieser Willenskundgebung der hohen vorgesetzten

Behörde durch mich Kenntnis erhalten zu haben. Herr Kollege, Sie haben

wohl die Güte, diese Tatsache zu Protokoll zu nehmen.« -- »Darf ich

mir, Herr Direktor, noch eine Frage gestatten?« -- »Bitte sehr, Herr

Kollege!« -- »Tritt diese Verfügung sofort in Kraft oder erst von

nächsten Ostern ab?« »Darüber gibt der Wortlaut der Urkunde keine

sichere Aufklärung. Es dürfte sich also empfehlen, gleich morgen damit

zu beginnen.« Die jüngeren Herren werfen sich beglückte Blicke zu.

›Also morgen! Endlich!‹

Und so geschieht's. Der Leiter der Anstalt selbst, wie in allem auch

hierin vorbildlich, tritt gleich nächstenmorgens mit seinem neuen

Gesicht an. Sein Antlitz, von fast 50jähriger unerbittlich strenger

Pflichterfüllung, von dem düsteren, durch Lebensgrundsätze und

Lebensstellung geforderten »sittlichen Ernst« erstarrt und kalt wie ein

von Eisspalten zerklüftetes Gletscherfeld, versucht mit einmal heiter,

sonnig, glücklich und beglückend zu blicken. Er will lachen und milde

schauen, aber sein Gesicht verzieht sich ihm -- zur Fratze.

»Mehr Licht, Luft, Sonnenschein in den Schulen!« -- »Die Schulfenster

auf!« -- »Freude an der Schule!« -- so tönt es jetzt aus hundert

Kehlen. In den Schulprogrammen ergeht man sich in immer neuen

Vorschlägen, wie man die Schule zur Pflegestätte der Lebensfreude

machen könne. Man plätschert in Humanität!

Sonderbar, daß sie's jetzt auf einmal alle wissen! Sonderbar, daß kein

Widerspruch laut wird. Wo stecken denn die bekannten alten knorrigen,

überzeugungsstarken Lehrer, die Unentwegten, die ihren »Grundsätzen«

treu sind bis in den Tod? Tritt denn keiner hervor und warnt vor der

gefährlichen Neuerung? Keiner? Beziehen diese alten Catone sich alle

ihre unerschütterlichen Lebens- und Erziehungsgrundsätze von oben?

Vordem, als nur unangenehme Schulreformer, die Krakeeler der Presse,

unerfahrene Probekandidaten und noch nicht »fest Angestellte« das

gleiche forderten, da belächelte man doch den »Blödsinn«, jetzt wird

der Blödsinn auf einmal zur Weisheit? Sonderbar, höchst sonderbar! Aber

richtig, es war ja bei der Kunsterziehung, der Schularztfrage, der

Berechtigung der realen Schulen gerade ebenso: wir haben eben doch eine

musterhaft geschultes Beamtenheer! Das macht uns kein Volk der Erde

nach!

Die Hauptsache aber: Herrscht denn jetzt in unseren Schulen dieser

freiere, gesunder Geist? Ja, er fängt an zu herrschen, er fängt aber

vorsichtig an.

Und weshalb ich mich nun doch nicht beruhige? Weil die Pflichtfanatiker

doch nur zum Schein mitmachen und weil ich eine Umkehr fürchte. Das

neue Schulgesetz und die Vormacht der Kirche verheißen uns nichts

Gutes. In solcher Luft +kann+ eine innerlich starke Jugend nicht

erwachsen. Schon ist die Volksschule den Kirchen ausgeliefert, schon

hat sich der Kampf auf die Hochschulen übertragen, die Mittelschulen

werden folgen. Daher meine Sorge und Unruhe! -- Auch deshalb, weil man

alle Lehrziele und Examina beibehält und gegen die Schulreformer noch

feindlich vorgeht.

Wenn nämlich Jünglinge, die diese Schulen verlassen hatten, mit

unauslöschlichem Ingrimm im Herzen, mit dem Wunsche, nichts mehr von

ihr zu hören und zu sehen oder mit dem brennenden Durst nach Rache,

Rache für eine geraubte Jugend, für ein geknechtetes Gewissen, für ein

gehemmtes moralisches Wachstum hervortraten, was geschah dann?

Man denunzierte diese Jünglinge bei den Behörden, zieh sie der Lüge,

hetzte andere ehemalige Schüler gegen sie auf und machte sich und

der Mitwelt weis, daß nichts an den Klagen wahr und berechtigt sei.

Sanfte Jasager, unausgebackene Semmeln, gefügige und um ihr bißchen

Rückgrat schon gebrachte Studenten, feige Bürschchen, die schon auf

Karriere spekulieren, haben auch gegen mich in einem Lokalblättchen

eine sog. Preßfehde eröffnet (auf die ich natürlich nie mit einem

Wörtchen geantwortet habe) und haben sich dabei von einem Amtsbruder

mit wertvollem Material und guten Winken bedienen lassen. Es wird

zur Aufklärung der Wahrheit nützlich sein, dieses ganze dunkle und

ehrenrührige Treiben einmal an die Öffentlichkeit zu bringen: zunächst

aber habe ich Besseres zu tun.

Wenn meine öffentliche Tätigkeit nichts anderes gewirkt hat, als daß

sie vielen jungen Leuten wieder den Mut belebt und die Zunge löst, dann

hat sie genug gewirkt.

Wollte ich alle Zeugnisse der Zustimmung, des Zuspruchs und des oft

überschwenglichen Dankes mitteilen, den mir gerade junge Leute, Schüler

und Studenten, ins Haus schicken, dann würde man erkennen, daß ich ein

gutes Wort zur rechten Stunde gesprochen habe.

Wer dem Deutschen, ohne ihn vorlaut, dreist und frech zu machen, sein

Selbstbewußtsein belebt, tut etwas Nützliches, Notwendiges.

XVI.

Unsere Wünsche.

Das alles schreibe ich nicht als Reichsnörgler und nicht in

hoffnungsloser Stimmung, sondern nur zum Nachweise, daß mein Thema

»Erziehung zur Mannhaftigkeit« zeitgemäß und dringlich ist, +höchst

dringlich+.

Allerorten, sehen wir, meldet sich ein neues Leben, ein Sehnen nach

sittlicher und geistiger Verjüngung. Noch leben in unserem edlen Volk

all die Kräfte, die ihm seinen ehrenvollen Bestand und eine große

Zukunft sichern. Aber mit der bisherigen Regiererei muß ein Ende

gemacht werden, lieber heute als morgen. Geschieht das nicht, dann geht

es unhaltbar mit uns bergab, dann geraten wir in eine Art römischen

Imperiums mit seinen Prätorianern, seinem Bediententroß, seinem

leeren Prunke, seiner zu Statisten degradierten Geistlichkeit, seinem

entrechteten Pöbel mit dem Rufe nach »panem et Circenses«, dann müssen

uns alle selbständigen Völker, zumal die Amerikaner und Engländer, so

weit überholen, daß der Vorsprung nicht wieder einzubringen wäre.

Wir streben nach einer höheren Gesittung, nach einem echt +germanischen

Kaisertum+. Wir wollen eine Jugend heranziehen von verinnerlichtem

und mannhaftem Sinnen und Trachten, einen neuen wahrhaften Adel des

Geistes, der sich die Tüchtigsten, Ehrlichsten, Mannhaftesten zur

Führung erwählt, wollen, nachdem uns die Form des Reiches beschieden

ist, darin ein wirklich freies, stolzes, selbstherrliches Volk erblühen

sehen.

Unsere Jugend soll erst wieder lernen, für Ideen zu leben und sich für

hohe menschliche und nationale Aufgaben zu begeistern.

Mit dem endlosen Schuldrill, den Examennöten, mit der unehrlichen

Anbetung von erstorbenen Formeln in Glauben und Politik und

mit der Anbetung des äußeren Erfolges, mit dem altklassischen

Idealitätsschwindel, mit aller +brutalen Vergewaltigung der Menschen+,

mit der feigen Unterwürfigkeit und erlogenen Demut, mit dem Lug- und

Trugsystem, durch das sich die überbürdete und gehetzte Jugend mit den

sog. Schulpflichten abfindet, mit all dem morschen Plunder wollen wir

aufräumen.

Erziehung zur Mannhaftigkeit · 第 21 / 23 段