Wir müssen den durch Unkraut überwucherten Boden erst wieder urbar

machen, auf daß darauf ganze, gesunde, aufrechte Männer erwachsen

können. Wir wollen einen heiligen deutschen Zorn erwecken und uns zu

einem +Tugendbund+ zusammenschließen, damit »das Gute wirke, wachse,

fromme, damit der Tag dem Edlen endlich komme«.

Wir wollen den Mund weit auftun und in unserem Vaterlande laut unserer

Rechte, unsere Menschen- und Manneswürde fordern. Vor allem aber

wollen wir froher Hoffnung bleiben, uns an den großen Erfahrungen

unserer Geschichte aufrichten und die Erziehung unserer Jugend zur

Mannhaftigkeit wohlgemut und ohne Verzug in Angriff nehmen.

»Zwar haben wir an Flächenraum verloren, zwar ist der Staat an äußerer

Macht und äußerem Glanze gesunken, aber wir wollen und müssen dafür

sorgen, daß wir an innerer Macht und innerem Glanze gewinnen,« erklärte

Preußens König nach dem Unglückstage von Tilsit. Und +Fichte+ hielt

seine »Reden an die deutsche Nation«, um sein Volk zu lehren, wie durch

eine sittliche Neugeburt das Vaterland zu retten sei. Heute stehen wir

besser, als damals. Weshalb verzagen?

Wenn wir auf Pestalozzi hinweisen, so geschieht das in

Übereinstimmung eben mit Fichte, der, erfüllt von dem Gedanken einer

+Nationalerziehung+, auf die Frage: »an welches der wirklichen Welt

schon vorliegende Glied die Ausführung der neuen Erziehung sich

anknüpfen soll«, die Antwort gab: »an den von Heinrich Pestalozzi

erfundenen, vorgeschlagenen und unter dessen Augen schon in glücklicher

Ausführung begriffenen Unterrichtsgang.«

Wir wollen, daß uns und unsern Kindern wohl werde auf unserem

heimischen Boden.

Wir wollen darauf als Herren leben, nicht als nur Geduldete, als

Verfolgte, Gequälte oder Knechte.

Wir wollen gehobenen Hauptes auf den Fluren einherschreiten, die uns

unsere Väter mit ihrem Schweiße und Blut erkauft haben.

Wir wollen recht tun und Gerechtes erleiden, wollen uns aber von keinem

Menschen ausbeuten, schikanieren und verachten lassen, wollen uns vor

keinem Menschen beugen und demütigen; am wenigsten uns schikanieren

und demütigen lassen von geistigen Flurschützen, die uns auf dem Felde

von Kunst, Wissenschaft, Glauben und Erziehung mit ihren amtlichen

Verfügungen in den Weg treten und Gehorsam fordern, wo sie dienen

sollten. Unsern Kindern soll es in ihrem Vaterlande wohl werden, wie

auf dem Schoße ihrer Mutter. Da sollen sie sich sicher und geborgen

fühlen -- ein jeder mit gleichem Recht, auch der geistig Arme, ja der

zumeist; denn die schwachen und zarten Kinder liebt und hegt eine gute

Mutter mit besonderer Sorgfalt.

Das Bekenntnis: »Ich bin ein Deutscher«, soll wieder eine Freude und

ein Stolz auch für unsere ärmsten Kinder werden.

Ich war einer der ersten Lehrer und bin mir dessen mit Stolz bewußt,

der es laut forderte, daß den Schulkindern in Deutschland wieder

eine Jugend beschieden sein möge. Mein Ruf hat tausendfaches Echo

geweckt. Schulräte und Schulpfaffen haben mir zwar gesagt, es hätte

eines solchen Spektakels nicht bedurft; ich hätte ihnen nichts Neues

gesagt. Natürlich nicht! Wer kann einem Schulrate etwas Neues sagen?

Für diese Herren hatte ich auch nicht gesprochen, wohl aber gegen sie

und gegen ihre Praxis und für die deutschen Eltern schulpflichtiger

Kinder. Seitdem leben diese Gedanken in unzähligen Herzen und stehen

in Zeitungen und Fachblättern in wahrer Blütenpracht. Ich begegne

ihnen zu meiner Freude auf Schritt und Tritt: »Nein,« ruft +Heinrich

Steinhausen+, »in der Vaterlandsliebe kann man so wenig unterrichten

wie in irgendeiner anderen, sondern sie gedeiht und erblüht im Volke

lebendig und kräftig allein aus der Heimatsliebe. Sie den ärmsten und

sonst vom Glück des Lebens versäumtesten Kindern selbst zu mehren,

zu erhalten und zuzuführen, dazu könnte auch die Schule das Ihre

beitragen. Dazu muß aber der Geist der Verdrossenheit, der auf unserem

reglementierten, egalisierten, linealisierten Schulbetrieb wie ein Zaum

liegt, wieder in die menschenleere Wüste weichen, wo er hingehört, und

Schule und Unterricht müssen die Herzen der Kinder mit dem ›sanften

Flügel der Freude‹ anwehen. Dann wird ihnen auch die Heimat lieb, und

ihre süßen Erinnerungen begleiten und beglücken das ganze Leben und

ihr braucht um Vaterlandsliebe, die mehr ist als Hurra beim Schmause

oder Glase, nicht zu sorgen.« -- Also eine völlige Umkremplung des

ererbten Schulgeistes -- Schulungeistes. »Selbst der jüngste Mensch«,

so schreibt eine Erziehungs- und Schulreformerin in ihren Briefen,

»muß schon die Achtung für sein Menschentum aus seiner Umgebung

herausfühlen können, auf daß er in seinem Menschheitsbewußtsein, seiner

eigenen Geisteskraft selbst sicher wachse und werde.« Bravo! Für die

Briefschreiberin haben +Hebbel+ und +Nietzsche+ nicht umsonst gelebt.

Weiter schreibt sie: »Ihr Weltverbesserer, hört auf das Kind zu quälen

und zu verbilden, so werdet ihr am ersten die Welt verbessern! Gib den

Menschen sich selbst, so wirst du ihn im besten Sinne der Menschheit

geben. -- Stärke dem Kinde den Mut zu sich selbst, zu seinem Frohsinn

und zu seinen Schmerzen; verschütte dem Kinde seine Tiefen nicht!

Überlasse das Kind sich selbst. Aber zuerst zerbrichst du den Willen,

und dann verlangst du, daß es etwas Ganzes werde? Glaubt doch, ihr in

euren Erbsündengedanken Befangenen, auch an das Erbgute. Lasset sich

einen jeden offenbaren!«

»Viel, viel schweigen; schweigen und beobachten, lautlos handeln ...

Ein unmerkliches, liebevoll vorfühlendes Führen soll die Erziehung

sein.« (Briefe an Eltern von Deiphobe.) Wie befreiend diese Worte

wirken! Wie wecken sie die Hoffnung, daß demnächst unseren Kindern in

Deutschland eine »kraftvoll-strahlende, furchtlos-jauchzende Jugend«

beschieden sein, daß Eltern und Erzieher ihnen »ein frohes Schicksal

schaffen werde«! Und die Verfasserin hat recht: »der Anfang ist das

Entscheidende«.

Das alles ist nicht zu erreichen ohne Kampf gegen die im verborgenen

so unheimlich ins Kraut geschossene Mißherrschaft der Hierarchie, des

Bureaukratismus und der Plutokratie. Es gilt jetzt, diese Kulturfeinde

gründlich kennen zu lernen, um sie mit Erfolg bekämpfen zu können.

Es gilt die Tatsache anzuerkennen und freudig als eine bedeutsame

Entwicklungsepoche anzuerkennen, daß wir uns mitten in einer

großartigen +Reformation+ des gesamten Geisteslebens befinden; gilt,

dieser Erkenntnis gemäß zu handeln. Was dabei herauskommt, wenn man den

Köpfen das Denken, den Herzen die Begeisterung, den Händen das Handeln

versagt, das lehren uns die traurigsten Kapitel unserer Geschichte.

Deshalb sehe ich auch in dem reaktionären Schulgesetze eine drohende

Gefahr. Es wird die Reihen der Sozialdemokraten um zahllose vordem

regierungsfreundliche Mitglieder oder doch Kampfgenossen vermehren und,

wie schon ein Stöcker ankündigte, den Austritt aus der Landeskirche

beschleunigen helfen. Nicht Reaktion, sondern Aktion brauchen wir. Das

hat +Staatsminister Graf T. Posadowsky+ wohl richtig anerkannt, als er

in der Reichstagsrede am 12. Dezember 1905 sagte:

»Wir haben im Beginn des 16. Jahrhunderts und am Anfang des 19.

Jahrhunderts Perioden gehabt, wo ein großer sittlicher und geistiger

Läuterungsprozeß über das deutsche Volk gekommen ist, und dieser

geistigen Wiedergeburt des deutschen Volkes in jenen beiden großen

Zeitläufen unserer deutschen Geschichte verdanken wir eigentlich,

daß wir zu einem deutschen Nationalstaat gekommen sind. Ich hoffe

und es tut dringend not, daß das deutsche Volk wieder eine solche

+geistige und sittliche Wiedergeburt erlebt voll Opferfreudigkeit

und Selbstlosigkeit für die großen Aufgaben der Zeit+! Dann werden

die besitzenden Klassen und wird die bürgerliche Gesellschaft in

Deutschland sich den Einfluß und die Schwerkraft erhalten, die sie

trotz jeden Wahlrechts in jedem Staate und unter jeder Verfassung

besitzen muß und die sie in jedem zivilisierten Staate in der Tat auch

besitzt.«

Das war seit langer Zeit das erste verständige Wort, das uns von oben

her erklang.

Mit den bekannten Redensarten von den Geistern des Umsturzes, mit

Einschüchterungsversuchen und Drohungen komme man uns also nicht!

Was wir stürzen wollen, das ist schon längst morsch und faul und muß

fallen, damit ein neues Leben möglich werde.

»Jahrelang, jahrhundertlang die Mumie dauern,

Mag das trügende Bild lebender Fülle bestehn,

Bis die Natur erwacht und mit schweren, ehernen Händen

An das hohle Gebäu rühret die Zeit und die Not.«

Es wäre noch viel zu sagen, aber ich muß ein Ende finden! Nur das

möchte ich zum Schluß noch mit Nachdruck hervorheben: Mit Gewaltmitteln

ist Mannhaftigkeit nicht zu erzielen. Alle die rohen Abhärtungsmittel,

eiskalte Abgüsse, das Hinunterwürgen ekelerregender Speisen, die

blinde Gehorsamkeit selbst Launen gegenüber, das Schicken in dunkle

Kammern zur Bekämpfung der Furcht, die Überanstrengung im Arbeiten,

bei Märschen und beim Turnen -- alle diese Brutalitäten sind zwecklos,

ja schädlich und verabscheuungswürdig, vor allem natürlich die

+Prügelstrafe+.

Ich verweise darüber auf das, was ich in meinem Buche »Der Deutsche und

seine Schule« S. 49 ff. ausgeführt habe. Jetzt erlebe ich die Freude,

zu lesen, daß der Leipziger Lehrerverein den Beschluß gefaßt hat:

»Der Leipziger Lehrerverein strebt die Entfernung der körperlichen

Züchtigung aus der Volksschule an und wird dahin wirken, daß durch

Gemeinde und Staat Ersatzmittel geboten werden, die trotzdem eine

gedeihliche Entwicklung der Volksschule gewährleisten.«

(Vgl. die sehr empfehlenswerte Zeitschrift »Neue Bahnen«, K.

Voigtländers Verlag in Leipzig, XVIII, Heft l, Oktober 1906 und

darin S. 35 den Aufsatz von +Clemens Pönitz+, »Prügelstrafe und

Schularbeit«.) =Vivant sequentes!=

Nachtrag und Schlußbetrachtung.

Ich kann mit hellem Lachen schließen: Ein Bundesgenosse ist mir

erstanden, der allen Widerspruch niederschlägt. Ein Dank dem +Hauptmann

von Coepenicum+!

Was vermögen alle Erwägungen einer so eindringlichen Sprache gegenüber,

wie sie =dieser= »Volkserzieher« spricht? Ein ganzes deutsches

Städtchen sinkt in die Knie vor einem Strolch in Hauptmannsuniform!

»Das Kapitel vom zusammenknickenden Bürgermeister und der aufgestörten

Bürgerschaft ist wahrhaftig kein erbaulicher Beitrag zur Geschichte des

neuzeitlichen frohen Geistes und selbstbewußter Kraft. Die Köpenicker

dürfen sich aber trösten: Schockweise gibt es der untertänigen Beamten

in deutschen Städtchen und Städten.

In die groteske Komik vom belagerten Rat und vom entführten

Bürgermeister mischt sich hier die Bitterkeit. +Du hast es so gewollt,

Erziehung zur Subalternität, du hast es gewollt, Geist der Dressur!+

Ein Schwindler steckt sich in eine Uniform und zwingt zur Verehrung

nieder, wie Geßlers Hut.« -- »Die Überrumpelung durch einen Menschen,

der sich darum immer naiver vorwagt, weil man ihm seine ersten

Schritte in angedrillter Untertänigkeit gar so leicht macht. Er ist

gewiß selbst in subalternem Geiste aufgewachsen und braucht nur durch

Spitzbubenhumor um kleine Schritteshöhe über das subalterne Gefühl sich

zu erheben, um Soldaten, Ratsherren und selbst den Stadtobersten, den

Bürgermeister, einzuschüchtern.« L. Schönhoff.

Die Schutzleute stehen auf Befehl des schmierigen Hauptmanns selbst

Schmiere, und der Soldat erstarrt vor der heiligen Uniform in

»eingetrichterter Demut«.

Ein trauriger Triumph preußisch-militärischer Abrichtungskunst! Ein

Triumpf der »geistigen Hosennaht«! Jetzt wird mir jeder zustimmen: Wir

haben genug an der bisherigen Menschenabrichterei, wir brauchen statt

dessen endlich eine:

=Erziehung zur Mannhaftigkeit,=

sonst wird uns unser ernstes Leben schließlich zum Possenspiel.

Fußnoten

[1] +Korrekturzusatz+: »Die Zeitungen melden, in Schleswig-Holstein

wäre +ein+ Volksschullehrer Reserveoffizier geworden. Man sagt mir

zweifelnd, es gäbe wohl sogar einen zweiten solchen Wundermenschen.

Muß ich nun obiges streichen? Ich meine, nach dem Sprichworte

»Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer« brauchen wir diesen einen

Renommier-Offizier ebensowenig anzustaunen wie den bekannten

Renommier-Schulze unter den adligen Offizieren der Garderegimenter.

[2] Von Bernhard Riedel in »Neue Bahnen« XVII, 1005/06, Heft 12. S. 567

(Verlag von R. Voigtländer in Leipzig).

[3] Vgl. Joh. Gottfr. v. Herder, Sophron. Gesammelte Schulreden.

Herausgegeben durch Joh. Gg. Müller. Tübingen, Cotta 1810. S. 286, 290;

147, 48, 50. 52.

[4] Dem herrlichen Buche entnommen: »Vom deutschen Sprachunterricht

in der Schule und von deutscher Erziehung und Bildung überhaupt«. 3.

Auflage. Leipzig und Berlin 1887 (Julius Klinkhardt).

[5] Verlag von Alexander Duncker, Berlin 1906. Preis M. 1,50.

[6] F. R. Paulig, »Friedrich der Große«, Frankfurt a. O. Friedrich

Paulig. 1902. Kap. I.

[7] Vgl. +A. von Winterfeld+: »Gesunde Jugenderziehung, Schulreform

und Herder als ihr Vorkämpfer« (60 Pf.), 1906, und »Herderworte« (Der

moderne Herder) 1,25 M., 1906, Verlag Felix Dietrich, Leipzig.

[8] »Die höheren Schulen Deutschlands und ihr Lehrerstand in deren

Verhältnis zum Staat und zur geistigen Kultur«. +Vieweg+, Braunschweig

1904.

[9] Vortrag, gehalten auf der 13. Jahresversammlung des

Gymnasialvereins zu Marburg (Humanist. Gymnas. Jahrg. XV, Heft 4 und 5).

[10] »+Der Deutsche und sein Vaterland+, politisch-pädagogische

Betrachtungen eines Modernen«, Verlag von Wiegand & Grieben in Berlin

SW. 11. (Preis Mk. 1,50; gebunden Mk. 2,25.)

Prof. Dr. +Ed. Heyck+ in der Wochenschrift »Deutsche Heimat« (VI.

Jahrg. Heft 16): »Jetzt ist innerhalb von kaum vier Monaten die fünfte

Auflage erschienen, was genug besagt. Lebhafter Beifall zu dieser

mutigen Kritik und These, die mit ihren umfassenden Gesichtspunkten

das neue Deutschtum und die vaterländische Zukunft durch eine frische

Jugenderziehung und ein gründliches Vergnügungsbad der herkömmlichen

Pädagogik gefördert, anstatt gehemmt und verbildet sehen will, ertönt

von allen Seiten, auch aus Lehrer- und Fachblättern; falls Ablehnung

vorhanden ist, so hält sie sich, soviel wir sehen, schweigsam oder

kleinlaut.«

... Das Buch erscheint mir geradezu als ein Zeichen der Zeit. Wenn

solche Beobachtungen, Anschauungen und Erkenntnisse, wie sie hier

mit überzeugungsvoller Wärme vorgetragen werden, schon aus dem

politischen Milieu des Verfassers heraus sich entladen, so berechtigt

das wohl zu dem Schluß, daß auch in diesen Kreisen die geistig

selbständigen Elemente beginnen, gewisse Zustände als unhaltbar zu

empfinden ... Die Ausführungen geben reichlich Stoff zum Nachdenken

... Kastengeist, Bureaukratie, Bevormundungs- und Berechtigungswesen.

Bedientenhaftigkeit und gesinnungsloses Strebertum zählen nach Gurlitts

Meinung, die auch die des Türmers ist, zu den schlimmsten Feinden ...

+Der Türmer.+

Der Erfolg dieses Buches ist der eines ernsten Manneswortes, der

Widerhall tiefgehender Mahnungen, die der Verfasser an das deutsche

Volk richtet, der Erfolg des mutigen Vorkämpfers, der sich nicht

scheute, die Wahrheit zu sagen, und das, was viele im stillen mit ihm

besorgt und geahnt haben, furchtlos aussprach ... Gurlitt wünscht

energisch die Beseitigung der an hohen Schulen üblichen »geistigen

Überfütterung«.

Regierungsrat Dr. Herm. Muthesius in der +Deutschen Monatsschrift+.

»Diese Schrift hat mich beinahe eine Nacht gekostet ... da ich zu

blättern anfing, las ich auch zu Ende ... Ich ahnte nicht, daß man

schon im konservativen Lager so denkt; da kann ja noch alles gut

werden. Und ich wußte auch nicht, daß schon so viel verständige

Stimmen vor dem Verfasser ähnliche Gesinnung geäußert haben, wie aus

reichlichen wohl verwandten Zitaten hervorgeht ... Kurz, ich wünsche

dem Buch viele Leser und noch mehr eine gute Wirkung in Höhe, Breite

und Tiefe.«

D. Rade in der +Christlichen Welt+.

Kaum minder günstig nahm die Presse meine zweite Schrift auf: »+Der

Deutsche und seine Schule+« (ebenda, 2. Auflage, 4. und 5. Tausend,

1906. Preis Mk. 2.--, gebunden Mk. 3.--).

Auch hierzu einige Preßstimmen:

»An Reden, Artikeln, Flugschriften und dickleibigen Büchern gegen

die sogenannte humanistische Mittelschule fehlt es seit Jahren

nicht mehr, und die alte Ausrede, daß nur minderwertige Menschen,

Halbgebildete, Banausen nach Reform schreien, ist ja wohl auch längst

durch Namen allerersten Ranges widerlegt. Aber der Sturm wurde immer

wieder von Uneingeweihten, die Verteidiger des Gymnasiums sagten von

›Unberufenen‹, unternommen, denen die Altphilologen in geschlossener

Phalanx nach allen Regeln der antiken Kriegskunst standhielten. Deshalb

war alles Sturmlaufen umsonst, und die Sehnsucht nach einem Verräter

war groß; jetzt haben wir ihn, den heißgewünschten Ephialtes -- jetzt

ist der ungleiche Kampf in ein neues Stadium getreten, seit Ludwig

Gurlitt aufgetreten.

Sein Buch: »Der Deutsche und seine Schule« ist in mehr als einer

Beziehung ein +Markstein in der Entwicklung der neuesten deutschen

Kultur+, in Form und Inhalt, im ganzen Ton, und vollends in den

angedeuteten Zielen. Es ist vor allen Dingen ein Ich-Buch.

Kenner der vorliegenden Frage und der einschlägigen Literatur werden

wahrscheinlich nach den gegebenen Proben große Gesichtspunkte,

Tiefe der Auffassung vermissen; sie werden vielleicht finden, daß

Gewichtigeres in zwingenderer Form, mit mehr Zusammenhang und Schärfe

vorgetragen wurde. Gewiß, es ist kaum Neues im Buche Gurlitts zu

finden; der Gedankengehalt wäre vielleicht auf wenigen Seiten

darzustellen gewesen. Aber wer in aller Welt verlangt nach neuen

Gesichtspunkten und tief durchdachten Sätzen, wo es gilt, einleuchtende

Wahrheiten so laut als nur möglich in die Welt hinaus+zuschreien+,

daß auch die Schwerhörigsten, Gleichgültigsten sie hören müssen? Seit

Macaulay ist alles Gescheite gegen das Gymnasium vorgebracht worden,

aber niemals von so kundiger, so berufener Seite und vielleicht nie in

so unmittelbar-anschaulicher, so wirkungsvoll-überzeugender Weise.«

+Leon Keller+ im »Neuen Wiener Tagblatt«.

Der bekannte pädagogische Schriftsteller Oberlehrer Dr. Otto Anthes

schreibt in dem »Hauptorgane des deutschen Lehrervereins«, in der

»Pädagogischen Zeitung« (4. Januar 1906):

»Es mehren sich die Zeichen, daß die Pädagogik drauf und dran ist,

ihr Haupt, das sie nun lange genug in das niedere Gestrüpp der

Kleinigkeitskrämerei geduckt hat, wieder zu erheben und in die frische

Höhenluft hinaufzuwachsen, in der sie allein gedeihen kann. Sie will

nicht mehr ein Handwerk sein wie jedes andere auch, das man ausüben

kann, wenn man seine Griffe und Kniffe weg hat; sie will eine freie

Kunst werden. Sie strebt aus der philisterhaften Enge, in der die

Spießer das große Wort führen, hinaus in die Weite, wo Persönlichkeiten

wirken können. Man sieht allmählich ein, daß noch verzweifelt wenig

getan ist, wenn man dem jungen Deutschen Lesen und Schreiben und all

die anderen schönen Dinge, die zur »Bildung« gehören, in möglichst

kurzer Zeit beigebracht hat; es bricht sich wieder die Erkenntnis Bahn,

daß die Erziehungskunst berufen ist, dem Vaterland den größten Dienst

zu leisten, der ihm geleistet werden kann: daß sie berufen ist, ihm

starke und fröhliche Menschen zu schaffen.

Auf dieser Linie marschiert Gurlitts Buch.«

In der »Preußischen Schulzeitung« (10. Februar 1906) fand sich ein

nicht minder zustimmender Bericht von +Mariaschk+, der mit den Worten

schließt:

»Möchte der Volksschule auch einmal ein so tapferer Anwalt erstehen,

der mit eiserner Faust alle ihre Fesseln zerschlüge: Herrschaft der

Kirche, Bevormundung der Lehrer, peinlich detaillierte Lehrpläne usw.

und der ihre Pforten einer neuen Lehre und einem freieren Geiste

öffnete!«

[11] Leipzig, B. Elisches Nachfolger. 2. Aufl. 1906. 328 Seiten.

[12] R. Scheibes Verlag. Berlin N. 37, Templinerstr. 14.

[13] Erzählt nach Angaben von +A. v. Portugall+, »Friedrich Fröbel«,

Teubners Verlag.

[14] Zitiert nach H. Ilgenstein, »Das Blaubuch«. Bd. I. Nr. 37. S. 1429.

[15] +Berthold Otto+ ist bekanntlich Herausgeber des »Hauslehrer«,

er hat uns ferner ein Buch geschenkt »Beiträge zur Psychologie

des Unterrichtes«, in dem er »Anregungen und Anleitungen zu einem

Unterricht ohne Zwang und Strafe« gibt (Leipzig, Scheffer). Daraus

gebe ich oben einige Proben. Allerjüngst ist von ihm ein Buch »Vom

Königlichen Amt der Eltern« (ebenda 1906) erschienen. Wichtiger aber

noch als diese klare Entwicklung seiner Lehre ist ihre praktische

Durchführung, die er selbst erprobt hat. An seinen Kindern nämlich, die

nie eine Schule besucht haben, von ihm allein von kleinauf unterrichtet

und erzogen worden sind -- ohne Zwang und Strafe und zur Freude aller

derer, die diese Erziehungsprodukte kennen lernen. Das nenne ich einen

Erzieher! Ich habe ihn und seine Arbeiten erst kennen gelernt, als

ich selbst schon als Erziehungsreformer hervorgetreten war. Wir haben

unabhängig voneinander fast den gleichen Weg gefunden.

[16] Mittelschule und Gegenwart, Entwurf einer neuen Organisation auf

zeitgemäßer Grundlage »Wien u. Leipzig 1906. Verl. von Karl Fromme.«

[17] Man lese die Schrift ihres Leiters, des Herrn Dr. +E. Kapff+: »Die

Erziehungsschule. Ein Entwurf zu ihrer Verwirklichung auf Grund des

Arbeitsprinzips.« Verlag von Julius Hoffmann, Stuttgart.

[18] A. Frank, Der Lehrplan und die Instruktionen usw., Prag 1904.

J. G. Calve. S. 139. Verwandte Stimmen findet man gesammelt von +Max

Nath+, »Schülerverbindungen« usw. Teubner, Leipzig 1906. S. 122.

[19] Lehmann-Hohenberg, der in seinem »Rechtshort« 1906 Nr. 13/16 S.

349 diesen Artikel abdruckt, sagt: »Tiefer angelegte Naturen lachen

nicht, sondern schreiten zur Abhilfe.« Gewiß, aber zur Abhilfe bedarf

es gesammelter Kraft, die erst geworben werden muß. Dazu hilft auch

der Simpel. Wenn L.-H. außerdem behauptet, daß die Zeichnungen »oft

ganz miserabel sind«, so irrt sich der mir sonst nahestehende wackere

Streiter. Die Zeichnungen sind, rein künstlerisch betrachtet, mit das

Beste, was in Deutschland zurzeit geleistet wird. Ich empfehle ihm,

einmal die Weimarer Künstler um ihr Urteil zu fragen, sie werden ihm

dasselbe sagen.

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Vorwort VII

I. Begriffsbestimmung 1

II. Begrenzung des Themas 11

III. Pädagogische Vorbilder 23

IV. Befähigungsnachweis 42

V. Bedürfnisfrage 46

VI. Das deutsche Mannesideal in der Geschichte 72

VII. Ergebnis 99

VIII. Die Kirchen als Erzieher zur Mannhaftigkeit 106

IX. Der Gebildete 132

X. Fragen ans Gewissen 147

XI. Der Beamte als Erzieher zur Mannhaftigkeit 160

XII. Parlamentarier 183

XIII. Moderne Pädagogik 192

XIV. Erziehung zur Tat 212

XV. Stärkung des Selbstbewußtseins 225

XVI. Unsere Wünsche 238

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend

korrigiert.

Setzfehler in lateinischen und griechischen Phrasen wurden nicht

korrigiert.

Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):

S. 16: Schulunterichtes → Schulunterrichtes

Ziel des {Schulunterrichtes} ist nicht sowohl die freie Entfaltung

S. 27: bischen → bißchen

das {bißchen} Ehre und Stolz rauben

S. 55: verstumenn → verstummen

daß selbst meine Widersacher {verstummen}

S. 60: Mensehen → Menschen

Ich nenne jeden {Menschen} einen Idealisten

S. 67: verströsten → vertrösten

So ist's an euch, nicht zu {vertrösten},

S. 96: Assoziation → Association

der englischen Gäste der International Law {Association}

S. 109: Gallilei → Galilei

wurden von der Kirche {Galilei} verfolgt

S. 129: verammaln → verrammeln

Statt sie ängstlich zu {verrammeln}!«

S. 145: Mannesspflicht → Mannespflicht

wo es {Mannespflicht} wäre, den Mund weit aufzutun.

S. 155: damagogischen → demagogischen

Wir verabscheuen den {demagogischen} Ton.

S. 158: unsitttlich → unsittlich

Ihr erklärt es für {unsittlich},

S. 162: unterichtet → unterrichtet

er hatte meinen Sohn {unterrichtet}

Erziehung zur Mannhaftigkeit · 第 22 / 23 段