Also diese Schädigungen der Gesundheit und der sittlichen Kraft hat

die Schule mit ihren übertriebenen Ansprüchen auch zu verantworten

und damit eine Fülle gestörten Lebensglückes, die kaum zu ermessen

und auszudenken ist. Schwer ringt ein Mensch sich wieder empor zu

Gesundheit, Kraft und Mut, der lange Zeit und schon in jungen Jahren so

gegen die eigene Natur gefrevelt hat. Vielfach ist auch Selbstmord die

Folge solcher Jugendverirrungen und der durch eine gewissenlose Presse

genährten Angst vor ihren Folgen. Lauter bekannte, höchst trübe, aber

meist scheu verschwiegene Tatsachen!

Wer +Männer+ mit hellem Blick, festem Tritt und frohem Mute erblühen

sehen will, der verschließe die Gelehrtenkasernen, in der die Kinder

gebückt über den Büchern sitzen und bei erhitzter schlechter Luft

sich abängstigen müssen und lasse die Jugend nicht für länger als

höchstens drei Stunden täglich ein. Auf dem Spielplatze, beim Ball- und

Barlaufspiele, beim Wandern, Rudern und Schlittschuhlaufen wird sie

Unsittliches vergessen und ihren Willen gegen jede Versuchung stählen.

Die geistige Elastizität und körperliche Tüchtigkeit der Amerikaner ist

vor allem einer auf wissenschaftlicher Grundlage fußenden rationellen

körperlichen Erziehung zuzuschreiben, vermöge welcher die gesunden

Kinder zu gesunden Eltern heranwachsen und diese ebensolche Nachkommen

zeugen. Dazu bemerkt wieder Kemény:

»Da ich mich seit Jahren mit sexueller Pädagogik befasse, bin

ich gelegentlich mit einschlägigen Fragen an dortige Schulmänner

herangetreten. +Die Sache erschien ihnen neu und fast unbegreiflich+;

ein Beweis, daß sich ihre Jugend der unsrigen gegenüber in einem

glücklicheren und gesünderen Zustand befindet.«

Ich meine, dieser +eine+ Satz, wofern er allgemeingültig ist, beweist

die Überlegenheit des amerikanischen Erziehungswesens vor dem unsrigen.

Was nützt wohl dem Knaben das Erlernen aller Regeln der lateinischen,

griechischen, französischen Grammatik, wenn zugleich sein Körper und

seine sittliche Kraft hinschwinden?

Das gleiche gilt natürlich von den +Mädchen+. Darüber, wenn auch

nur andeutend, zu sprechen, liegt auch in meiner Aufgabe: Denn wenn

wir +Männer+ haben wollen, brauchen wir vorerst gesunde Mütter. Ich

lasse auch hierzu meinem Gewährsmann das Wort über Vorbildliches, was

in Amerika geleistet wird (für den schauderhaften Stil des Ungarn

bin ich nicht verantwortlich; etwas gebessert habe ich ihn schon):

»Körperkultur der +Mädchen+ (insbesondere schwedische Gymnastik

und Bewegungsspiele im Freien) ist unerläßlicher Bestandteil der

amerikanischen Mädchenschulen sämtlicher Stufen. Es wird dem geradezu

eine nationale Bedeutung zugeschrieben. Infolge der außerordentlich

verbreiteten Koedukation wird an manchen Schulen sogar der

Turnunterricht beiden Geschlechtern gemeinsam erteilt, und zwar, wie es

heißt, ohne jede Gefahr.

Die Folgen dieser allgemeinen körperlichen Erziehung der Mädchen

zeigen sich in +einer seelischen und körperlichen Überlegenheit der

amerikanischen Frau+ vor den Frauen anderer Länder. Der bekannte schöne

Wuchs, die natürliche Anmut, die frische Farbe, das selbstbewußte

Auftreten, die physische Widerstandskraft und die sittliche Kraft

dieses Typus finden vorwiegend in der gesunden Jugenderziehung ihre

Quelle und ihre Erklärung. Das im Keimen begriffene Mädchenturnen

unserer Lande (Österreich) ist jenem gegenüber kaum mehr als ein

ängstliches Herumtasten zu nennen.

Die grundlegende Vorbedingung einer jeden richtigen und erfolgreichen

Körperkultur ist die Erziehung einer wissenschaftlich gebildeten

+Turnlehrergilde+, die, fern von jedwedem Naturalistenunwesen und

von extremem Muskelkultus, ein wohldurchdachtes, stets die ewig

unabänderlichen Gesetze der Natur und der Gesundheit berücksichtigendes

System befolgt und auch selbst über eine entsprechende allgemeine

Bildung verfügt.«

Doch das führt hier zu weit, zu sehr ins Einzelne! --

Ein alter Spruch, den man unseren Schülern oft vorträgt, lautet:

Qui proficit in litteris, sed deficit in moribus, plus deficit quam

proficit: »Wer im Wissen vorankommt, in den Sitten aber zurück, hat

mehr Schaden als Vorteil«. Das wollen wir Lehrer uns selbst besonders

vorhalten und danach unsere Erziehungspraxis einrichten.

Gegenüber der deutschen +akademischen Trinkunsitte+ bekannte sich der

»Vierte deutsche Abstinententag« (Barmen-, Elberfeld, 6. Oktober 1906)

mit aller Entschiedenheit zu der Auffassung, die im Februar 1906 der

»Verein abstinenter Juristen des deutschen Sprachgebietes« bekannt

hatte. Ich wiederhole daraus, wenn auch nicht wörtlich, einige Sätze,

die auch wieder ein Stück Erziehung zur Mannhaftigkeit bedeuten:

Wer der Wahrheit die Ehre geben will, muß bekennen: Wir akademisch

gebildeten Männer tragen an dem Alkoholelend in Deutschland die

schwerste Schuld. Was in den höheren Kreisen der Gesellschaft geduldet,

mit pietätvoller Rücksicht und Schonung gehegt und gepflegt wird,

beeilen sich die unteren Klassen nachzuahmen und zu übertreffen. Die

schwersten Formen der Alkoholverderbnis in Deutschland wurzeln in der

Verblendung und in der Furcht der höheren sozialen Schichten; diese

haben weder die Erkenntnis noch den Mut, die Dinge beim rechten Namen

zu nennen und unwürdige Zustände aus ihrem eigenen Leben auszurotten.

Die auf dem Trinkzwange beruhenden Trinksitten des Universitätslebens,

denen die Männer dieses Standes während ihrer Studienzeit fast

ausnahmslos huldigen und die sie vielfach in ihr späteres Leben mit

hinübernehmen, erzeugen bei dem berechtigten sozialen Ansehen ihrer

Träger eine verderbliche Suggestion auf andere Kreise und verhindern

viele, das Wesen der Alkoholgefahr richtig zu würdigen.

Die akademischen Trinksitten vergiften also einen großen Teil derer,

aus denen sich unsere geistige Elite bilden sollte und wirken durch das

böse Beispiel auch auf die anderen Stände verderbenbringend, zunächst

auf die Stände der gleichen sozialen Schicht, sodann auch auf das

gesamte übrige Volk.

Wer studiert hat, sollte fähig sein, auf den Höhen deutschen Geistes

zu leben, sollte seinen deutschen Volksgenossen Führer sein zu idealer

Lebenshaltung. Wie viele aber vegetieren nach vollbrachtem Studium in

trostloser Mittelmäßigkeit dahin! Der Bierkultus, aus dem die deutsche

Hochschule heute noch ein Evangelium macht, weiht unzählige in den

empfänglichsten Jahren ihres Lebens dem ewigen Stumpfsinne, stempelt

sie für alle Zeiten zu öden Philistern.

Wer studiert hat, sollte anderen an körperlicher Kraft und Schönheit,

an Frische und an Lebensfreude voranleuchten. Denn wenigen

Volksgenossen wird, wie ihm, die Muße geboten, in der Zeit stärkster

Entwicklung den Körper zu stählen, die Sitten zu veredeln: Auch in

der Erfüllung der Wehrpflicht sollte er daher einen andern als den

gewöhnlichen Platz einnehmen. Wie viele aber legen durch den Trinkzwang

des Universitätslebens den Keim zu dauerndem Siechtum! Wie viele gehen

umher, vom Biere aufgeschwemmt und verunstaltet, keuchend unter der

Last des Fettes, grämlich, aller Lebensfreude bar, ein Spott anderer

Stände und Völker.

Wer studiert hat, sollte an gerader, furchtloser und männlicher

Gesinnung vorbildlich sein. Jahrelang hat er Zeit, mit den Besten und

Tapfersten der Weltgeschichte aller Zeiten im engsten geistigen Verkehr

zu stehen. Bei solchem Umgange könnten und sollten ihm Menschenfurcht

und knechtischer Geist fremd geworden sein.

Wie viele Studenten aber sehen wir dann im Berufe elendester und

verächtlichster Streberei verfallen: einem ewigen Bücken vor den

Vorgesetzten, einem unausgesetzten Schielen nach Beförderung, Kriechen

nach oben und Treten nach unten!

Wo lernten sie das? Unter anderem doch wohl auch in der Knechtschaft

des akademischen Trinkzwanges, dem ihr blühendstes Alter unterworfen

war: Wer mit 20 Jahren gelernt hat, sich auf eines anderen Befehl mit

Bier anzufüllen, bis er es wieder erbrechen muß, der hat damit genug

das Opfer des Intellekts und freier Selbstbestimmung gelernt, der mußte

Unwürdiges erdulden, gegen das sich schon der rein körperliche Stolz

des Jünglings mit aller Macht auflehnen sollte; der Stolz aber wurde

ihm dort gewaltsam gebrochen: er lernte, daß es nicht gut tut, stolz zu

sein.

Durch die akademischen Trinksitten schädigen also die höheren Stände

das Gesamtleben des deutschen Volkes in einer Weise, wie es annähernd

kein anderes germanisches Volk heute duldet. Es ist Heuchelei

schlimmster Art, sich über Trunksucht der Arbeiter zu entrüsten,

solange das Vorbild dieser Trunksucht, die akademische Trinksitte, noch

Duldung genießt.

Durch die akademischen Trinksitten seiner höheren Stände wird

das deutsche Volk verhindert, in der Welt zu dem Platze völlig

aufzusteigen, auf den es Anspruch hat. Die akademischen Trinksitten

schädigen unser Ansehen im Auslande, hauptsächlich da, wo wir vor allem

Achtung suchen, bei den Germanen des Nordens und des Westens, den

Skandinaviern, Engländern und Nordamerikanern. Diese begreifen nicht,

weshalb die Brudernation ihre beste Intelligenz so frevelhaft gegen

Vernunft, gute Sitte und eigenes Wohl wüsten läßt.

Ein junger Mensch zwischen 18 und 20 Jahren findet selten Kraft,

Selbständigkeit und Selbstgefühl genug, um, einem moralischen Zwange

entgegen, seiner besseren Erkenntnis zu folgen und einfach zu erklären:

»Das tu' ich nicht! Ein freier Mann läßt sich nicht zwingen, auf

anderer Befehl sich mit Bier vollzugießen.«

Ehre dem deutschen Kronprinzen, der diesen Mut gefunden hat, freilich

in seiner Ausnahmestellung auch als Gesetzgeber auftreten durfte, wo

andere zu strengem und stummen Gehorsam verurteilt sind.

Wer unsere Jugend zur Mannhaftigkeit erziehen will, muß sich offen als

Gegner des studentischen Trinkzwanges bekennen. Es ist ein Nonsens,

junge grüne Pennäler mit dem Spürsinn und der Wachsamkeit von Detektivs

in ihrem »außerdienstlichen« Leben zu überwachen, gleichzeitig aber die

studentische Trinksitte offen anzuerkennen und als »alter Herr« die

Tyrannei des akademischen Bierzwanges zu ertragen, ja, in gehobener

Feststimmung sie mitzumachen.

Ist die ganze Saufpoesie wirklich von solchem Zauber, daß darüber

selbst Greise noch in Wonneschauer verfallen, dann dürfte man es

jungen Burschen nicht so sehr verübeln, wenn sie bald gleichen Glückes

teilhaftig werden wollen.

In meiner Jugend wußte man tatsächlich noch nicht, welche Verheerungen

der Alkohol an der Gesundheit und Kraft unseres Volkes anrichtet und

meinte, wenn der Rausch verraucht, dann wäre auch die Sache abgetan.

Jetzt sind wir durch Ärzte und Nationalökonomen besser belehrt, jetzt

wissen wir, daß die Trunksucht unser Volk schwerer schädigt als es die

blutigsten Kriege vermochten, daß dabei nicht nur Leben und Lebensglück

des einzelnen, sondern auch die Gesundheit, Kraft und Ehre des ganzen

Volkes auf dem Spiele stehen.

Schon meldet sich in der besseren deutschen Jugend eine heilsame

Einsicht, schon gibt es viele studentische Vereine, die den Trinkzwang

abgeschafft haben, ebenso allerlei Wanderbünde und sonstige Gruppen

junger Leute, die sich zur Mäßigkeit oder Enthaltsamkeit verpflichten.

Ich selbst halte es mit Walther von der Vogelweide:

»Ich trunke gerne da man bi der maze schenket,

Und da der unmaze nieman iht gedenket -- --

Er hat niht wol getrunken, der sich übertrinket

Wie zimet daz biderbem man, daz ime diu zunge hinket

Von wine? ich waene er houbetsünde und schände zuo ime winket« -- --

Wir entsetzen uns jetzt in Deutschland über zunehmende Unsittlichkeit

und damit herabgehende Wehrkraft und Rüstigkeit der deutschen

Jugend. Ich glaube gerne, daß die Groß- und Fabrikstädte, das enge

Zusammenwohnen der Menschen, die nervenzerrüttenden Wirkungen des

geräuschvollen Straßen- und Fabriklebens eine Verführung zu Trunk und

Unzucht begünstigen und daß die Kinder früher als sonst moralisch

infiziert werden. Tacitus würde heute nicht mehr eine sera invenum

Venus der Germanen rühmen können.

Welche Abwehr haben wir gegen diesen Verfall der Sitten? Von dem Kampf

gegen den Schmutz in Wort und Bild verspreche ich mir keine starke

Wirkung. Meine Gedanken fuhren auf andere Bahnen. Ich kann sie hier

nur andeuten: Waldschulen, Landerziehungsheime, große öffentliche

Spielplätze, Verlegung der Schulen ins Freie, eingeschränkte

Stundenzahl, dafür körperliche Arbeit im Freien, allerlei maßvoll

betriebener Sport, zumal kalte Bäder, Schwimmen, Rudern, regelmäßig

wiederkehrende Kinderfeste mit Wettspielen, Wetturnen, Massengesang,

sodann Kinderwerkstätten, Pflege der Handarbeit zumal der

gärtnerischen, Halten von Haustieren (Kaninchen, Vögel), Ausstellungen

von Kinderarbeiten -- mit einem Worte: Steigerung des Schaffenstriebes

und damit Steigerung der Lebensfreude und des Selbstbewußtseins.

Die Freude sucht den hellen Tag, weicht dem Niedrigen, Gemeinen und

Dunklen aus. In Lasterhöhlen herrscht kein Frohsinn, sondern höchstens

eine durch Alkohol angefachte scheue Wildheit.

Für die heranwachsende und schon erwachsene Jugend wäre eine Reform

unseres ganzen sozialen Lebens zu wünschen. Wir leben in ganz kranken

Zuständen. Heute bleiben, weil der Mann zu spät oder überhaupt nicht

zur Ehe kommt, 40% der Mädchen besserer Stände ledig. Das ist ganz

ungeheuerlich, ist ein Frevel gegen alle Vernunft und gegen die Natur.

Es ließe sich ändern und müßte notwendig geändert werden.

Unsere jungen Leute müssen eher zu etwas kommen. Vor 100 Jahren

heiratete der junge Deutsche mit 20--25 Jahren. So ist es auch heute

noch im glücklichen England. Der Bursche von 17 Jahren hält dort schon

Ausschau nach seiner Zukünftigen. Das ist normal und schützt ihn vor

tausend Abgründen. Denn das Mädchen nimmt ihn in Zucht. Sie spricht wie

Julia:

»Wenn deine Liebe, tugendsam gesinnt,

Vermählung wünscht, dann ...«

So kommt über die Jünglingsjahre der poetische Hauch einer jungen und

zukunftsfrohen Liebe.

Der deutsche Studio rechnet sich aus, daß er vor dem 35. Jahre keine

Frau ernähren kann, daß dann seine Lotte auch gegen 30 Jahre, also

schon verblüht sein wird und sieht sich vor, daß er nicht hängen

bleibt. Sein Herz sucht dann Ersatz in den niederen Regionen, wo man an

Vermählung nicht zu denken braucht.

Will man ernstlich der +Prostitution+ steuern, so muß man die jungen

Männer früher zu Erwerb und Stellung kommen lassen. Mit 20--25 Jahren

sollte +jeder+ junge Mann selbständig sein. Dazu müßten die ganz

falschen Schulansprüche, das Phantom der »allgemeinen Bildung« und

all die Hemmungen beseitigt werden, die jetzt dem deutschen Jüngling

seine Zukunft versperren. Mein Großonkel, Johannes Gurlitt, war mit 23

Jahren (glaub ich) Gymnasialdirektor in Kloster Bergen bei Magdeburg

-- ging ausgezeichnet! Jetzt läßt man einen geprüften Lehrer von 25

Jahren nur mit Vorsicht unter Assistenz von älteren Lehrern gegen die

Sextaner los, mit 30 Jahren wird er denn endlich mit Gottes Hilfe

angestellt. Voriges Jahrzehnt kamen viele erst mit 35--40 Jahren dazu

und eröffneten ihre Laufbahn mit schon ergrauendem oder kahlem Scheitel

und mit erloschenem Herzen. Nachdem ihnen jahrelang der Brotkorb

gezeigt und dann wieder entzogen wurde, lernten sie sich vollends

den Wünschen der Vorgesetzten willenlos unterordnen. Mit gebrochenem

Selbstbewußtsein wie von unten her Geräderte, und im Rückgrat geknickt,

traten sie schließlich ihr Amt an, in dem nur gesunde, aufrechte und

selbstbewußte Männer Großes leisten können.

So kommt jede Betrachtung zurück auf unsere nötige Erziehungsreform.

In summa; Luft, Licht, Wasser, Bewegung und Spiel im Freien,

geselligheiteres Leben, körperliche Anstrengung und gute geistige

Anregung -- das sind die besten Waffen gegen +jede+ Unsittlichkeit in

Schule und Haus und ihre Menschenkraft und Menschenglück zerrüttenden

Wirkungen.

Dafür kann man dann getrost einen ganzen Waschkorb voll Schul- und

Bücherweisheit in die Rumpelkammer tragen. -- --

Noch vor einigen Monaten klagte mir eine Mutter, ihr Sohn (13jähriger

Gymnasiast) hätte ihr unter Tränen gesagt: »Ich erlebe im ganzen Jahr

keine frohe Stunde.« -- Die Schule raubt auch diesem gutartigen, aber

etwas langsamen Kinde das Beste, den Sonnenschein, den Frühling des

Lebens. Aber getrost. Es soll nicht mehr lange währen. Hören wir,

wie die Frühlingsstürme auch schon in Österreich sich erheben (Die

Schul-Reform I, Nr. 1):

-- -- »Was bliebe denn dem Menschen für das Grau des Daseinskampfes

übrig, wenn nicht die Erinnerung an den Lenz des Lebens? Und diese

Ungebundenheit soll auch schon dem werdenden Menschenkinde vergällt,

vergiftet werden, indem man es jahrelang zurechtstreckt und biegt und

krumm zieht! Nein, das ist Übereifer, ist Unnatur! Wenn das Übel

nicht ärgere Folgen schon gezeitigt hat, so verdanken wir das der

unverwüstlichen Lebenskraft der Jugend, die viele Püffe verträgt. Aber

eine unnütze Behinderung der Entwicklung bleibt es trotz alledem und

darum müssen neue Bahnen beschritten werden.

Lassen wir doch auch im Frühling des +Lebens+ fröhlich alle Knospen

springen, die so ein Menschlein in sich trägt! Lassen wir es natürlich

heranwachsen und okulieren wir nicht immer an dem jungen Stämmchen

herum. Wir werden dann an der Fülle eines neuen +Geisterfrühlings+ auch

unsere Augenweide haben.

Schon gärt und wächst es allenthalben; alte Formen zerbrechen, neue

Bildungen setzen sich durch. Ein Zug der Erneuerung geht durch die

Gesellschaft, seit der Geist der Naturforschung von Erkenntnis zu

Erkenntnis braust. Lassen wir diese frische Lenzluft doch auch in

unsere verstaubten Lehrburgen ein, wo jahrhundertalter Moder lagert!

Auch in diese Jugendgefängnisse muß der Ozon des sozialen Zeitalters

einströmen. Die Brillen und Schlafmützen der alten Weisheitsgreise

gehören schon längst ins kulturhistorische Kabinett. Noch spuken in

der Mauerschule die Gespenster der Ägypter und Assyrer herum und das

Ichneumon und das Gürteltier führen ihr sagenhaftes Leben weiter

in den Schulbüchern, die von einer Jugendreihe zur ändern wandern.

Nein, lüften wir da gründlich, damit die bleichen, verdrossenen

Hippokratengesichter uns nicht die Freude am kommenden Geistesfrühling,

an den vom Schulzwang und aus Formelhaft befreiten Individualitäten,

verleiden!«

XV.

Stärkung des Selbstbewusstseins.

Selbstbewußtsein hat seine Wurzel in der Kraft.

Alte Herren, denen es mehr um ihre Eitelkeit und um ihre dauernde

Wertschätzung, als um einen kräftigen, selbstbewußten deutschen

Nachwuchs zu tun ist, klagen über den Mangel an Respekt bei der Jugend.

Die Klage ist so alt, wie die Kenntnis der menschlichen Geschichte. Ich

will mich hier mit dem Nachweise nicht zu lange aufhalten, erinnere

aber alle Bibelfesten an die einschlägigen Bibelstellen und nenne

eine Stelle aus dem Kirchenvater Chrisostomus: »Die Eltern beklagen

sich oft über die Unbändigkeit der Jugend; aber sie sollen die Dornen

ausreißen, ehe sie tiefe Wurzeln geschlagen haben. In dem zarten

Alter hätten sie sich ohne Mühe ausrotten lassen; wäre die Aufsicht

über die Leidenschaften nicht versäumt worden, sie würden nicht so

zugenommen haben und jetzt nicht so schwer zu bestreiten sein.« Auch

+Walther+ klagte im Alter, daß die Eltern tölpelhafter Junker,

Salomos Lehre mißachtend, die Rute zu sehr gespart hätten. Der Zufall

spielt mir ein Regensburger Blatt aus dem Jahre 1832 in die Hände. Das

war doch die Zeit unserer Großväter, die wir so oft rühmen hörten.

Da aber lesen wir von einer »verwildeten, respektlosen« Jugend und

die Ermahnung: »Eltern, Lehrer und Meister! ihr seht die Früchte der

heutigen Erziehung; legt nicht die Hände in den Schoß, sondern legt sie

ans Werk, erhaltet und rettet, was noch zu erhalten, zu retten ist!

Ist einmal die Ehrfurcht, der Gehorsam gegen die geistliche Obrigkeit

verletzt, so folgt der Ungehorsam gegen die weltliche von selbst nach,

und der Strom des Verderbens, Aufruhr und Empörung möchte dann auch uns

ergreifen und in den Abgrund ziehen.«

Ich könnte Zeugnisse aus unserer eigenen +Jugendzeit+ beibringen,

Zeugnisse, in denen von uns als von einer »entarteten Jugend«

gesprochen wird -- (und wir waren doch so nette Kerle!).

Die Klagen über wachsende Autoritäts- und Pietätslosigkeit der

+heutigen+ Jugend weisen Direktor +Evers+ (Direktoren-Verhandlungen

Bd. 51, als Buch: »Auf der Schwelle zweier Jahrhunderte«. Berlin 1898,

Weidmann) und Direktor +Max Nath+ (a. a. O. S. 61 ff.) mit Recht ab.

Evers schreibt: »Vor allem erscheint mir unsere Jugend viel maßvoller,

wohlerzogener, zahmer, verfeinerter schon in den Mittelklassen ...

Weder in körperlicher noch in sittlicher Hinsicht steht unsere Jugend

schlechter, im allgemeinen sogar besser (als früher)« und Nath sagt

dazu: »Das sind Worte, die ich freudigen Herzens und aus vollster

Überzeugung unterschreibe.« Ebenso hatte bekanntlich auch +Paul de

Lagarde+ schon früher gesprochen. Aber immer noch beruft man sich

auf Caprivis Wort von der verwilderten Jugend, als ob Caprivi eine

Autorität wäre. Ich kenne wenige Menschen, die sich im öffentlichen

Leben durch ihre Kurzsichtigkeit so wie er bloßgestellt haben. Man

verweist auch auf die zunehmende Zahl von Delikten und Strafen an

Jugendlichen niederen Standes. Darauf ist zu sagen: erstens leben wir

in latentem Kriegszustande, zweitens ist jene Jugend ihren Autoritäten,

den sozialistischen Führern, höchst gehorsam, nur zu gehorsam,

drittens, eine übereifrige Polizei, auch numerisch verstärkt, straft

für Delikte, die man früher belächelte.

Auf jene Statistiken ist also wenig zu geben.

Es ist vielleicht ein Verdienst der sozialistischen Führer, daß sie die

niederen und niedrigsten Volksschichten an Disziplin gewöhnen. Diese

großartige Arbeit werden erst spätere Jahrhunderte voll anerkennen.

Das Machtwort Bebels verbietet den Sozialisten Gewalttaten -- und

mit Erfolg! Man spottet über diese strenge Parteizucht: man sollte

sie bewundern. Es wird hier durch die Macht der Idee geleistet, was

man sonst nur durch eiserne Strenge und Gewalt erreichen konnte.

Der Zug von 200 000 Männern, der sich lautlos, ohne jede Störung,

in feierlichem Ernst stundenlang als Protest gegen ein veraltetes

Wahlgesetz durch die Wiener Straße zog, war nach Zeugnis von

Augenzeugen ein ergreifender Anblick.

Wenn Machthaber, Erzieher, Lehrer über Respektlosigkeit der

Schutzbefohlenen klagen, dann liegt immer ein Fehler der Leitenden

zugrunde. Denn der Mensch hat den inneren Drang, sich anzuschließen und

unterzuordnen, wo er Kraft und Einsicht, Wohlwollen und Schutz findet.

Sind die Untergebenen unzufrieden, dann ist es hohe Zeit, daß die

Herrschenden mit sich zu Rate gehen. Ohne Feuer kein Rauch. Wer ehrlich

sucht, findet auch den Grund der Unzufriedenheit und findet Mittel

der Abhilfe, sofern nicht, wie vor 100 Jahren in Frankreich und heute

in Rußland, der rechte Zeitpunkt durch Gedankenlosigkeit und brutalen

Egoismus schon versäumt ist.

Nach meinem Urteile, das sich auf eine langjährige Beobachtung

begründet, ist unsere jetzige »+bessere+« Jugend -- die anderen

kenne ich leider zu wenig -- nicht zu respektlos, sondern zu zahm,

zu autoritätsgläubig, zu unselbständig im Denken und Handeln. Diese

Schwäche teilt sie mit ihren Eltern. Ihre grenzenlose Hochachtung vor

Beamteten, Betitelten, Ordengeschmückten und tönenden Namen lähmt

all ihr Urteil. Es wird höchste Zeit, daß man dem Volke all diese

bewunderten Leute einmal in der Unterhose zeige.

Erziehung zur Mannhaftigkeit · 第 20 / 23 段