sagte +Wellington+: »Hier werden unsere Siege erfochten« (oder so
ähnlich); kein Grieche und Römer hätte eine tägliche zehnstündige
Sitzarbeit für das rechte Mittel erklärt, die Jugend zu tüchtigen
Männern heranzubilden. Unsere Ärzte verurteilen von Grund aus die
nervenzerrüttenden Stubenhockerei, +eine der Hauptursachen+ überreizter
und irregeleiteter Sinnlichkeit. Sogar +klüger+ werden die Kinder nicht
innerhalb der vier Wände, als wenn sie im Freien sich umsähen. Schon
der heilige +Bernardus+ (»Von Zeit zu Zeit hör ich die Alten gern!«)
sagte zu denen, die in seinen Orden traten: »Glaubet mir, ich rede aus
eigener Erfahrung, ihr werdet in den Wäldern finden, was ihr vergebens
in den Büchern gesucht hättet. Die Bäume und Felsen werden euch lehren,
was ihr von den geschicktesten Meistern nicht hättet lernen können.«
Mein Ruf wird auch hier sein ähnlich wie der der tapferen Bertha
Suttner: »Abrüsten! Den Bakel nieder!«
+Zweiter Fundamentsatz+ alter Erziehung: »Der junge Mensch muß
+gehorchen+ lernen!« Gut. Aber wem gehorchen? Den Gesetzen? --
Natürlich! Den Behörden? Auch das. Freilich lehrte schon der weise
Sokrates seine Jünger, daß es auch veraltete, törichte Gesetze und
sehr ungerechte, kurzsichtige Behörden gebe. Es wird also nichts
schaden, den jungen Leuten gelegentlich auch mal zu sagen, daß Gesetze
und Behörden Menschenwerk sind und daß sie selbst einmal berufen sein
werden, beide auf ihren Wert zu prüfen und sie nötigenfalls abändern zu
helfen.
»Gehorchen muß vor allen Dingen das Kind den Eltern und Erziehern.«
Das werden auch wir heute der Jugend mit aller Eindringlichkeit zur
Überzeugung bringen. Vorher wollen wir aber besser dafür sorgen, daß
Eltern und Erzieher nicht Unbilliges von den Kindern fordern. Dann
wird der Zwang von selbst fortfallen und +freiwilliger+ Gehorsam sich
einstellen. Denn das Verhältnis der Kinder zu ihren Erziehern soll auf
Liebe und Verehrung, auf gegenseitigem Verständnis aufgebaut sein.
Weil die menschliche Natur unerschöpflich reich ist und keinem Kinde
endgültig anzusehen, wohin diese seine Natur es führen will, deshalb
fordern wir größte Zurückhaltung. +Schumann+, der feinsinnige Meister
der Töne, sagt: »In jedem Kinde liegt eine wunderbare Tiefe.«
Der Versuch, tausendfach gemacht, die Natur nur nach dem Willen des
Erziehers zu richten und zu beugen, hat bestenfalls rein äußerlichen
Erfolg. Dank erntet der Erzieher selten dafür, je größer seine
Anstrengung war, um so weniger. Denn nichts empfindet der Mensch tiefer
und schmerzlicher, als einen Eingriff in seine innerste Bestimmung. Die
schneidigen Erzieher in Schule und Haus, die Pauker und Krafthuber,
gelten uns heute als die schlechtesten.
Es ist höchst lehrreich zu beobachten, wie jetzt auf allen Gebieten
der Erziehung, sogar im deutschen Heere, humanere Anschauungen zum
Durchbruch kommen -- gewiß nicht zum Schaden der Sache, der man
dienen will: General Freiherr +von der Goltz+ berichtet in seinem
Werke »Von Roßbach bis Jena und Auerstedt«, daß die preußische
Truppenausbildung vor Jena allgemein als die beste in Europa galt,
daß auch die Manöver, die nach der Katastrophe einstimmig als
Spielerei verurteilt wurden, noch kurz vorher weltberühmt waren und
allenthalben von den Militärs, auch von den ausländischen, bewundert
wurden. An Pflichterfüllung und Gehorsam gebrach es diesen Truppen
wahrlich nicht. Was sie innerlich vernichtet hatte, war das Übermaß
des Dienstes, oder, um unseren Gewährsmann selbst sprechen zu lassen:
»die Strenge in Äußerlichkeiten, den Stampfschritt, das Drillen bis
zum Mondschein, die klappernden Gewehrgriffe und die unendlichen
Wiederholungen bei den Exerzitien, die man so lange trieb, bis alle
Frische fort und der Stumpfsinn erzeugt war«. »Mit solchen äußerlichen
Mitteln«, schließt von der Goltz ein Kapitel, das auch für die Lehrer
bedeutungsvoll ist, wofern sie verstehen, diese eindringlichen
Lehren auf ihr Machtgebiet zu übertragen, »mit äußerlichen Mitteln
wird man niemals moralisch erhebend wirken und eine Armee auf der
Höhe der Leistungsfähigkeit erhalten. Für ›gute Disziplin‹ wurde das
Aufgeben aller Selbständigkeit, die absolute Unterordnung des eigenen
Willens unter den Wunsch der Höhergestellten, der Meinung unter die
herrschende Strömung gehalten. Die außerordentliche Bevorzugung
einzelner bei dem schlechten Avancement der Masse beförderte zugleich
ein Strebertum, das verderblich wirkte.« Das also sagt einer unserer
ersten Militärschriftsteller und Truppenführer und kennzeichnet damit
zugleich den neuen, freieren Geist, der jetzt, gottlob, unser Heerwesen
zu durchdringen beginnt.
Wieviel mehr werden auch wir den Schulkindern gegenüber Geduld und
Nachsicht üben müssen!
Wenn man selbst in den preußischen Kaserne gegen das öde Griffekloppen
und die stumme absolute Unterordnung des eigenen Willens eifern darf,
mit welchem Recht sollten denn Schulen bei einer liebevollen Pflege des
Kasernentones verharren?
Was ist es aber anderes, als ein geistiges Griffekloppen, wenn man
die Kinder im alten Schuldrill alle über einen Leisten schlägt und
auf ihre Schädel mit allem möglichen oder unmöglichen Formelkram und
Wissensballast einstürmt? Weg mit dem Gebrest!
Niemand wolle sich aber über unsere Erziehungsgrundsätze allzu sehr
verwundern. Denn in früheren Zeiten hat man in Deutschland vielfach so
erzogen und unterrichtet, ehe nämlich noch unsere Schulen Staatsmonopol
waren. Damals, etwa um die Zeit der großen Pädagogen +Ratke+ und
+Comenius+, Anfang des 18. Jahrhunderts, lag der höhere Unterricht fast
nur in den Händen von jungen Hauslehrern, woher wohl der sanftere,
geduldigere Ton zu erklären ist. Auch +Ratke+ stellte schon den
Grundsatz auf: »Alles ohne Abneigung und Zwang!«
Wir Modernen walten des Erzieheramtes in seinem Geiste, im Geiste
eines +Comenius+, +Rousseau+, +Fröbel+, eines +Pestalozzi+ als
Menschengärtner, also mit pflegender, milder, schonender Hand.
Auch wir sind auf unsere Weise +fromm und gläubig+. Gläubig nämlich
an die Gutheit der menschlichen Natur, wie vor mehr als 1500 Jahren
der gute alte +Pelagius+, ein britischer Mönch, der von der Erbsünde
auch schon nichts wissen wollte und die Lehre vertrat, daß der Mensch,
in demselben sündlosen Zustand wie Adam geboren, sündlos bleiben oder
doch werden könne. Darin bestehe die sittliche Aufgabe des Menschen,
der sich nach Christi Vorbild aus eigener Kraft seine Seligkeit
erringen müsse. Die Kirche verwarf diese schöne Lehre. Darunter hat die
christliche Menschheit anderthalb Jahrtausende zu leiden gehabt, zumal
die Kinder, die, als sündhaft geboren, nun immer durch eine oft recht
unsanfte Zucht erst zu Menschen gemacht werden mußten. Man denke an
die Mißgriffe der mittelalterlichen klösterlichen Erziehung, die uns
niemand erschütternder gezeichnet hat als +Gottfried Keller+ in seinem
Bericht über das +kleine Meretlein+ (im »Grünen Heinrich«), das nicht
beten wollte und deshalb zu Tode gehetzt wurde; denke auch an die
Pietistenschulen, in denen man armen Kindern, die noch nicht in rechte
»Seelengemeinschaft mit ihrem Heiland« kommen konnten, zur Pflicht
machte, »im Gebet mit Gott zu ringen«, und denen man, wenn ihnen auch
das nicht recht gelingen wollte, auf die »Seelen kniete«, wie man es
sinnig nannte.
Welch ekelhafte Unnatur! Welch brutale Menschenschinderei aus frommem
Wahne!
Wir glauben an keine Erbsünde, wohl aber an das Erbgute. Wir haben mit
+Goethe+ die Überzeugung von dem Radikalguten der menschlichen Natur
und wollen nicht, wie »der Advokat des bösen Geistes« nur auf die
Blößen und Schwächen sehen; denn »der Glaube an das Gute ist es, der
das Gute lebendig macht; man muß das Gute tun, damit es in der Welt
sei«.[18]
Wir sind ferner auch gläubig an die Prädestination, das Recht und die
unbezwingbare Kraft der Persönlichkeit.
Fast jeder Tag bringt jetzt so kräftige Kundgebungen zugunsten
dieser unserer Erziehungsgrundsätze, daß uns froh zumute wird und
siegeszuversichtlich. Aus allen Gauen Deutschlands, ja, aus allen
Enden, wo germanischer Geist lebt, dringen die Rufe der Zustimmung und
stets neue Anregung, neue Belehrung auf uns ein.
Die Eltern jubeln uns zu, die junge Lehrerschaft ist zumeist schon
gewonnen, mehr noch die Studenten, die sich schon von mehreren
Hochschulen mit der Bitte an uns gewandt haben, ihnen Vorträge und
Lehrkurse über diese Pädagogik zu halten. Besonders lebhaft setzt
die Agitation im deutschen Österreich ein. Da hat die Lehrerschaft
eine wahre Begeisterung ergriffen. Da fühlt man, daß wir mit diesen
Erziehungsgrundsätzen ihnen zugleich ihr bedrohtes Deutschtum
schützen helfen. »Schon ist auch weit mehr Frische im +höheren+ (und
niederen?) +Lehrerstand+ vorhanden, als sie manche Jahrzehnte hindurch
gefunden zu werden pflegte, mehr Gefühl für die Natur der Jugend,
mehr Unbefangenheit, mehr Sinn für die berechtigte Freiheit neben der
notwendigen Zucht, weniger frühe Greisenhaftigkeit, weniger grämliches
Mißgönnen, weniger Beschränkung auf das Fordern und Richten, mehr
Bemühen um das Verständnis der einzelnen werdenden Persönlichkeit.«
So urteilt einer der ruhigsten und menschlichsten Richter, +W. Münch+
(»Menschenart und Jugendbildung«, S. 182). Kurz, wir dürfen hoffen und
singen:
Es blüht das tiefste, tiefste Tal,
Das Blühen will nicht enden,
Nun, armes Herz, vergiß der Qual,
Nun muß sich alles, alles wenden!
Schon wird es schwer, alles zu überschauen, was dieser Frühling zutage
fördert. »Der Tag« meldet mir heute (24. August) durch die Feder von
+Ellen Key+ von »Briefen an Eltern von Deiphobe«, Simions Verlag,
Berlin 1906. Das muß nach den Proben, die wir da lesen, ein goldiges
Buch sein: »Gehorsam, Ehrfurcht, Demut, Selbstbeherrschung, Aufblicken
zu Autoritäten, Geduld, Fleiß, Hilfsbereitschaft u. dgl., was den
Kindern seit Jahrtausenden gepredigt oder in sie hineingeprügelt worden
ist, all das ergibt sich von selbst, wenn nur die Eltern sich ihren
Kindern gegenüber zur Ehrfurcht, Geduld, Demut, Selbstbeherrschung,
Entsagung erziehen wollten.«
Richtig! Wer selbst vorbildlich lebt, der braucht sich um die Erziehung
und Zukunft seiner Kinder keine Sorgen zu machen. Das weiß auch +Peter
Rosegger+, der in seinem anmutigen Geschichtchen von dem »Mann mit den
sechs Händen« erzählt: »Herb sein mit den Kindern und greinen, das
trug sich nicht zu, erziehen tat er sie gar nicht, er war bloß selber
so, wie er die Kinder haben wollte, und sie taten ihm unwillkürlich
nach.« Dieselbe Weisheit trägt er uns bekanntlich auch in seinem
unübertrefflichen Geschichtchen von der »Familie ohne Autorität« vor.
Jeder Satz dieser Briefstellerin Deiphobe hat meinen Beifall. Es sind
wahre Goldkörner, ist zugleich ein Hagelschauer gegen die ererbte
mittelalterliche Menschenabrichterei durch Kirchen- und Schulpfaffen.
Nun noch eine Bemerkung, um ein für allemal Mißverständnissen
vorzubeugen! Ein Allheilmittel für alle Gebrechen der menschlichen
Seele und des menschlichen Geistes haben auch wir nicht. Wurmstichiges
Fallobst findet man unter jedem noch so gehüteten Baume. Uns hat
aber eigene Beobachtung und die Wissenschaft der Psychologie und der
Psychopathologie gelehrt, daß man moralische und geistige Schwächen
und Erkrankungen weder mit harten Reden, noch mit ungebrannter Asche
heilen kann. Es wird jetzt von den Ärzten in solchen Fällen besonders
Ruhe und »allgegenwärtiger Balsam allheilender Natur« empfohlen. Auch
wir sind in der Erziehung für ein solches Naturheilverfahren und
werden versuchen, nach diesem, soweit es in unseren Kräften liegt, die
bestehende Erziehungspraxis umzugestalten -- zum Wohle der deutschen
Jugend und zum Segen für unser teures Vaterland.
Mit einem Worte also: +Wir haben Achtung vor der Natur+. Deshalb auch
unsere Warnung vor all den Erziehungsrezepten, die ein bestimmtes Ziel
vorwegnehmend dieses mit einseitigem Eifer erstreben.
»Mensch,« ruft +Pestalozzi+ aus, »Mensch, Vater deiner Kinder, dränge
die Kraft ihres Geistes nicht in weite Fernen, ehe sie durch nahe Übung
Stärke erlangt hat und fürchte dich vor Härte und Anstrengung!
Die Kraft der Natur, obwohl sie unwiderstehlich hinführt zur Wahrheit,
hat keine Steifigkeit in ihrer Führung; der Schall der Nachtigall
tönt im finstern Dunkel und alle Gegenstände der Natur wallen in
erquickender Freiheit, nirgends ist ein Schatten einer zudringlichen
Ordnungsfolge.
Wäre erzwungene und steife Ordnungsfolge in der Lehrart der Natur, auch
sie würde Einseitigkeit bilden, und ihre Wahrheit würde nicht in die
Fülle des ganzen Wesens der Menschheit sanft und frei hineinfallen.
-- -- Der Mensch verliert das Gleichgewicht seiner Stärke, die Kraft
der Weisheit, wenn sein Geist für einen Gegenstand zu einseitig und
gewaltsam hingelenkt ist. Darum ist die Lehrart der Natur nicht
gewaltsam. Aber dennoch ist in ihrer Bildung Festigkeit und in ihrer
Ordnung ist haushälterische Genauigkeit.«
Da hören wir die tiefe Weisheit des größten pädagogischen Genies, das
je gelebt hat, dem sich alle Schulmeister mit und ohne Titel in Demut
beugen sollten.
»Und doch«, so wird man fragen, »hier eine Einseitigkeit, nämlich eine
Abhandlung über +Erziehung zur Mannhaftigkeit+? Ist das nicht ein
Widerspruch?«
Mit Verlaub -- nein! Denn jeder Knabe soll und will ein Mann werden.
Ihm dazu behilflich sein, ist nicht nur erlaubt, sondern ist Pflicht
des Erziehers. Damit greift er der Natur nicht vor, pfuscht ihr nicht
ins Handwerk, sondern leistet ihr nur nützliche Dienste.
XIV.
Erziehung zur Tat.
Unsere ganze Erziehung muß jetzt eine Erziehung zur Tat werden, um
vorerst ein Gegengewicht zu schaffen gegen die durch Jahrhunderte
gepflegte rein verstandsmäßig-abstrakte Erziehung. Das war auch
+Goethes+ Wunsch schon. Dahin drängt jetzt unser ganzes öffentliches
Leben und die Erkenntnis aller neuen Pädagogen aller Länder. Kein
Mensch hat in Deutschland für diese Erkenntnis früher und lebhafter
gewirkt als der eminente, noch lange nicht genügend geschätzte
Kinderfreund +Friedrich Fröbel+, der einzige deutsche Erzieher, der den
Amerikanern auch heute noch Respekt einflößt und vorbildlich erscheint.
Mit Recht sagte von ihm Dr. +Wichard Lange+: »Ich erkenne in diesem
Mann den dereinstigen Reformator der Erziehung kleiner Kinder im
Elternhause sowie den Bildner des weiblichen Geschlechts, um es für
seine hohe erziehliche Mission zu befähigen«, aber damit sagt er noch
nicht genug. Fröbels Grundsätze, die sich mit denen +Pestalozzis+
vielfach berühren, verdienen noch eine Erweiterung auch auf die
Erziehung größerer Kinder. Er klagte, daß die herrschende Erziehung zur
Körperträgheit und Denkfaulheit führe; unsägliche Menschenkraft gehe
dabei verloren, unsägliche Menschenkraft bleibe dabei unentwickelt.
Richtig gewählte Arbeit aber mache das Kind glücklich und artig.
+Adele von Portugall+, die bei Teubner in der Sammlung »Aus Natur und
Geisteswelt« das Lebensbild Fröbels gezeichnet hat, sagt sehr richtig:
»Ich glaube nicht, daß ein entsprechend beschäftigtes Kind jemals
unartig ist.« Ich möchte aber auch diesen Satz verallgemeinern und
sagen: Der entsprechend beschäftigte +Mensch+, jung oder alt, ist nicht
böse und unartig.
Das ganze Geheimnis der Erziehung beruht also darin, die Saite der
Seele zu finden, die auf die äußeren Anregungen am lebhaftesten
anklingt. Dazu gehört nur ruhige, geduldige und feine Beobachtung.
Oft ist für ein Menschenleben ein einziger Augenblick entscheidend.
Ludwig Richter wurde zum Künstler, als er einen wandernden Maler bei
der Arbeit sah: das Bildchen auf dem Tabakpaket seines Vaters war
seine erste Vorlage. Wie ein Funke genügt, eine ganze Stadt in Brand
zu setzen, so oft ein Wort, eine menschliche Seele zu entzünden. Aber
man muß zu warten wissen und auf die armen Kinder nicht einen wahren
Feuerregen von Pech und Schwefel herablassen.
Für Kinder ist die entsprechende Beschäftigung zunächst -- das
selbstgewählte +Spiel+, die freie, ungebundene Tätigkeit. »Spiel«,
sagt Fröbel, »hat hohen Ernst und tiefe Bedeutung. Es ist die höchste
Stufe der Kindesentwicklung; Spiel ist das reinste geistige Erzeugnis
des Menschen, auf dieser Stufe; es gebiert darum Freude, Friede und
Zufriedenheit. Die Quellen alles Guten ruhen in ihm, gehen aus von ihm.
Ein Kind, das tüchtig, ausdauernd bis zur körperlichen Ermüdung spielt,
wird gewiß auch ein tüchtiger, ausdauernder Fremd- und Eigenwohl mit
Aufopferung fördernder Mensch -- --« »Friede und Freude, Gesundheit und
Lebensfülle findet da in bezug auf das Kind statt, wo die Entwicklung
im Einklang mit dem Alleben steht.«
Sehr richtig, aber weshalb wieder nur auf das Kind beschränkt? Diese
Wahrheit gilt ganz allgemein: denn die Arbeit des größeren Schülers
und des Erwachsenen ist oder sollte auch nichts anderes sein als die
Fortsetzung des Spieles. Sie wird das auch, wenn man dem Menschen freie
Berufswahl und eine unbeschränkte Entwicklungsfähigkeit gibt. Sowie
der Mensch eine ihm entsprechende Beschäftigung findet, ist er dabei
fleißig und in jeder Hinsicht mannhaft. Er mutet sich dann selbst
mehr zu, als ihm andere zutrauen und von ihm verlangen. Jede Arbeit
muß der anderen gleich bewertet werden. Es ist nicht verdienstlicher
griechische Grammatik zu lernen, als ein Pferd zu zeichnen. Eines paßt
aber nicht für alle. Jeder suche sich sein Gebiet, jeder folge seiner
Natur. Sie wird ihn besser leiten als Eltern und Lehrer. Schlechte
Psychologen sagen: »Alle Jungen sind von Natur faul und müssen zu
Arbeit angehalten werden.« Deshalb hat man von jeher bei der Erziehung
Gewalt und Strafen angewandt. Ich las eben in den Bekenntnissen des
heiligen Augustin, daß auch ihm deshalb der Stock nicht erspart blieb.
Ich sage dagegen: »Alle Kinder sind von Natur fleißig« -- fleißig
freilich nach eigener Wahl; fleißig im Wandern, Schmetterlingfangen,
Rudern, Klettern, Reiten, wenn ihr Herz sie dazu treibt, faul in all
dem, wenn sie das Verlangen haben, im Robinson zu lesen oder sich
einen Pfeil zu schnitzen. Zu lateinischer Grammatik hat noch kein
Zehnjähriger einen eigenen Antrieb gehabt. Die Aufgabe ist eben falsch
gestellt. Sprachprobleme sind Kindern gleichgültig. Deshalb verschone
man sie damit, bis der Wissenstrieb sich meldet.
Unsere Schulerziehung ist deshalb falsch, weil sie diese Forderung
nicht genügend befolgt. Gesundheit, Kraft, Mannhaftigkeit können nur
aus einer solchen Harmonie des eigenen Lebens mit dem Alleben erwachsen.
In England und Amerika können wir lernen, wie Männer herangebildet
werden: nicht sowohl durch gelehrte Vorträge, durch den Anblick der
großen Vorbilder in Athen und Rom, durch Stubenfleiß, als durch
Körperkultur und moralisch-sittliche Zucht, die von klein auf besonders
eben durch das Spiel geübt wird. Bei uns wollte man die sittlichen
Kräfte durch strenge Pflichtgebote stählen und setzte auf alle
Übergriffe harte Strafen, forderte zumal ein geistiges Arbeitsmaß, das
die Gedanken vor unmoralischen Abschweifungen bewahren sollte.
Realschuldirektor +Franz Kemény+ in Budapest hat das amerikanische
Erziehungswesen anlässig der Weltausstellung in St. Louis 1904
studiert. Er berichtet über seine Beobachtungen an den österreichischen
Unterrichtsminister:
»Um selbst der studierenden Jugend Amerikas auch +außerhalb der Schule+
Gelegenheit zu körperlicher Kurzweil zu bieten, werden dort unter der
Leitung und Aufsicht von Schul- und Fachmännern Anstaltssportvereine
und Jugendverbände organisiert. An den Hochschulen gibt es drüben
ausnahmslos einen, ja selbst mehrere Sportklubs, die sich als
stärkstes und sicherstes Bindeglied der Studentenschaft erweisen, der
Kartenspielen und »Lumpen« fremd ist.«
Gehorsam aber und Selbstzucht lernen die Kinder dort nicht sowohl an
der Arbeit als im Spiele. Auch für diese bekannte Tatsache das Zeugnis
von +Kemény+:
»Sowohl in den Schulen als in den Vereinen wird innerhalb der
Körperkultur ein großes Gewicht auf die +moralischen+ und
+sittlichen Faktoren+ gelegt. Der aus Selbstzucht und Unterordnung
quellende Gehorsam, die Pflege kameradschaftlicher Tugenden und der
Wahrheitsliebe haben edle Spielweise (fair play) zur Folge (umgekehrt!).
So umsichtig im öffentlichen Leben mit der Zeit hausgehalten wird,
so verschwenderisch ist man damit in der Schule, wo das Gespenst der
geistigen Überbürdung +unbekannt+ ist, da die Lehrpläne nicht mit
überflüssigen Einzelheiten überladen sind und das sogenannte elective
System (wahlfreies System) bereits von der +Mittelstufe+ aufwärts
neben wenigen verbindlichen Unterrichtsfächern die Wahl nach Neigung,
Bedürfnis und Zeit freistellt. Der Unterricht beginnt in der Regel
um ½9 oder 9 Uhr. Samstag oder Donnerstag sind ganz frei, die Ferien
ausgiebig. Die freie Zeit wird fast ausschließlich den Bewegungsspielen
und der körperlichen Abhärtung gewidmet.« -- Hört! hört!
Dazu lese man als stark kontrastierendes Gegenstück die Darstellung des
erbitterten und erfolglosen Kampfes, den deutsche Lehrer gegen geheimes
Verbindungswesen der Schüler mit seinem Sauf- und Lumpwesen, seinen
Heimlichkeiten, Lügnereien und Ausschweifungen führen.
Es bildet dieses Schattenbild eine Ausnahme, aber immerhin -- es
besteht in Wirklichkeit, daneben tritt jetzt freilich ein -- von der
Jugend selbst ausgehender -- Heilprozeß, der sich in Wander-, Ruder-,
Gesangvereinen u. a. m. äußert. Ich würde den hohen erziehlichen Wert
dieser Neuschöpfungen hier eingehend behandeln müssen, wenn diese
Aufgabe nicht in dem schon wiederholt genannten Buche von Direktor
+Nath+ erschöpfend erfüllt wäre. Dort möge man nachlesen!
Hier muß auch einmal mit aller Schärfe ausgesprochen werden, daß die
Schule mit ihren zu hoch geschraubten Ansprüchen an die Nervenkraft
der Kinder die Hauptschuld trägt oder doch bisher getragen hat an dem
Leiden der Selbstbefleckung, an der nach Aussage unserer Ärzte die
Mehrzahl der deutschen Kinder (manche Ärzte sagen etwa 90%) kranken.
Wir dürfen dieser Kardinalfrage nicht länger ausweichen. Sie wird
von der Lehrerschaft fast durchgehend falsch beurteilt und falsch
behandelt. Spricht man von einer nervösen Jugend, so sagt der orthodoxe
Schulmann mit einem höhnischen Tone: »Vom Arbeiten wird der Mensch
nicht nervös, Arbeit stärkt und kräftigt: die Nervosität wird wohl
von etwas anderem herkommen.« Richtig! Sie kommt auch von etwas
anderem her, aber dieses andere hat eben wieder seine Ursache in dem
langen Sitzen auf harten Bänken, in der geistigen Erschöpfung und
Überreizung infolge zu langer geistiger Arbeit. Darüber hat Dr. +Liebe+
sein unumstößlich richtiges ärztliches Gutachten abgegeben (vgl. die
Verhandlungen des zweiten allgemeinen deutschen Erziehungstages in
Weimar, 1905; Arthur Schulz, Birkenwerder bei Berlin). Weiß man das
wirklich noch nicht, daß es keine bessere Verleitung, fast hätte ich
gesagt: Anleitung zur Selbstbefleckung gibt als Stubenhockerei und
große seelische Erregung, zumal Furcht vor Strafe? Ich habe in der
Nervenheilanstalt des Herrn Dr. +Starcke+ in Berka bei Weimar mit
diesem auf dem Gebiete der Nervenleiden erfahrenen Ärzte eingehend über
dieses Kapitel gesprochen, das jedem Vater heranwachsender Kinder zu
denken gibt. Er bestätigte Dr. Liebes Angaben vollständig und äußerte
sich mit Entrüstung über den noch immer so gesundheitswidrigen, weil
nervenzerrüttenden Schulbetrieb. Darin wären sich doch alle Nervenärzte
einig. Es ist eine bekannte Erfahrung, daß auch Gefangene zumeist
Onanisten sind und zum großen Teil eben an diesem Laster -- die Ärzte
sagen lieber Leiden -- zugrunde gehen.