Kein Erzieher unserer Zeit ist für unsere Forderung früher und

lebhafter eingetreten als +Berthold Otto+ in Groß-Lichterfelde.[15] Ihn

zu hören, verlohnt sich. Denn er spricht keinen Gedanken aus, für den

ihm sein wissenschaftliches Gewissen und seine Lebenserfahrung nicht

sichere Gewähr gäbe. Deshalb wiegen mir seine Sätze alle so schwer. Es

sind Selbstbekenntnisse. Dazu kommt, daß mich meine eigenen Erfahrungen

in Haus und Schule vielfach zu gleichen Urteilen geführt haben. Sind

wir damit im Rechte, so läßt sich unsere staatliche Schule in ihrer

jetzigen Gestalt nicht mehr lange halten.

»Der Zwang,« so lehrt er, »taugt im Unterricht gar nichts; er taugt

auch gar nichts, wenn er sich gegen den Lehrer richtet. Ja, man

kann kaum im Zweifel darüber sein, daß viele Mißstände in unserem

Unterrichtswesen auf dem Zwang beruhen, der auf den Lehrer ausgeübt

wird. Darum ist unsere Losung: +Keinen Zwang, nicht einmal den Zwang,

zwanglos zu unterrichten!+« Es gilt ihm, bei der Lehrerschaft wie

bei den Eltern die Erkenntnis zu verbreiten, auf der seine ganze

Arbeit beruht: »+daß das Kind ganz von selber geistig heranwächst zu

einem brauchbaren Teil des Volksgeistes, innerhalb dessen es mit uns

lebt, daß die ganze Aufgabe des Lehrers vielmehr darin besteht, diese

Entwicklung, dieses »Erwachstum« zu beobachten, als es zu beeinflussen;

daß es für den Lehrer der höchste Ruhm wäre, wenn er von sich sagen

könnte, er habe niemals die Erkenntnisfreude eines Kindes gestört+«.

Er schilt mit Recht auf die Kurzsichtigkeit der Lehrer, wenn sie

die Dichtung des Kindes als Lüge auslegen oder Vorstellungsermüdung

als Bockbeinigkeit, Interessenüberhastung als Faulheit -- alles,

wie er sagt, +alltägliche+ Fehler im Unterricht, deshalb doch

schleunigst abzustellen. »Ja, die meisten Verurteilungen, die wir

unseren Mitmenschen angedeihen lassen, beruhen auf solchen falschen

Interpretationen.« Sehr richtig! Deshalb nannten die Griechen das

Verzeihen ein Miterkennen (συγγιγνώσκειν), deshalb sagen die Franzosen:

Tout comprendre, c'est tout pardonner.

Weiter: »Das Wachstum und die Entwicklung unseres Geistes vollzieht

sich fast ausschließlich in seiner Eigenbewegung von Vorstellungen.

Wenn diese Erkenntnis allgemein geworden ist, dann -- so folgert

+Otto+ -- hat für die Kinder alle Qual des ›Beibringens‹ ein Ende;

dann weiß man eben, daß man damit höchstens das Geistesleben mit einer

Anzahl von Fremdkörpern belastet, aber seine Entwicklung niemals

fördern, sondern nur hemmen kann, und dann wird man erschrecken vor der

Ungeheuerlichkeit, dem heranwachsenden Kinde tagein tagaus, von Stunde

zu Stunde vorschreiben zu wollen, womit es sich beschäftigen, was es

denken soll.« Zum Glück kann er sich dabei auf Plato berufen, denn das

gibt ihm Halt und Schutz den altklassischen Schulorthodoxen gegenüber.

+Plato+ sagt nämlich in der Politieia (536 E): »Das freigeborene Kind

darf keinen Lehrgegenstand sklavisch erlernen. Der Körper freilich, dem

man gewaltsam Strapazen aufnötigt, wird dadurch nicht geschädigt, aber

in der Seele haftet keinerlei aufgezwungene Erkenntnis.«

Auch zum sittlichen Handel -- und das geht uns hier besonders

an -- wird man nach +B. Ottos+ Meinung nur durch die +Übung+ im

sittlichen Handel erzogen, niemals aber lediglich durch moralistische

(»moralinsaure«) Redereien irgendwelcher Art. Er selbst ist der

schweigsamste und vielleicht gerade dadurch wirksamste Erzieher. Die

»Drönbartels« aber auf Kanzel und Katheder richten erfahrungsgemäß

wenig aus. Es sei denn, daß sie Heiterkeitserfolge erzielen.

»Der Lehrer und der Erzieher kann als +Persönlichkeit+ den Zögling

begeistern und dann in ihm Begeisterung auch für andere Dinge und

Persönlichkeiten entzünden. Aber wem das nicht von selber gelingt,

dem hilft auch keine Anweisung dazu.« -- »+Die Gegenwartschule ist

eine Zwangsanstalt, in der geistige Leistungen als sittliche Pflicht

gefordert werden, die Zukunftsschule wird ein Erkenntnisorgan sein+,

innerhalb dessen die Kinder im freien Spiel ihrem eignen Triebe folgend

ihren Geist an den Aufgaben des Volksgeistes versuchen und so auf die

natürlichste Weise dem Volksgeist anpassen können.«

B. Otto hofft auch, daß der Volksgeist an reiner Erkenntnis dereinst

reichlichen Zuwachs wieder durch den frischen und unverdorbenen

Kindersinn erfahren würde, und beruft sich dabei auf Erfahrungen, die

er und seine Anhänger schon jetzt im geistigen Verkehr mit Kindern

machen. Bei diesem Verkehr wird, wie er abschließend sagt, »unser

Denken klarer, unser Empfinden reiner; Lüge und Phrase weichen vor dem

fragenden Kinderauge zurück«.

Hier findet man unbewußte Verwandtschaft mit den Erziehungsreformen

des Amerikaners +John Dewey+, der als Professor der Pädagogik an der

Universität in Chicago auch den Kampf gegen die »mittelalterliche

Lernschule« zu gunsten einer Lebensschule organisiert hat. Seine

Vorträge »school and society« (deutsch von +Else Gurlitt+: »Schule

und öffentliches Leben«, Hermann Walther, Berlin) und mehr noch die

praktischen Erfahrungen, die man mit den neuen Methoden in Amerika und

England macht, zwingen zu ernster Beachtung.

Auch Dr. +Hans Kleinpeter+,[16] ein österreichischer Schulreformer,

betrachtet die Umgestaltung des Mittelschulunterrichtes auf Grund

des +Arbeitsprinzips+ als eine der dringendsten kulturellen Aufgaben

der Gegenwart. Denn leider sind wir in dieser Hinsicht jetzt schon

anderen Kulturstaaten gegenüber im Rückstande. Amerika und England

haben bereits ihren naturwissenschaftlichen Unterricht auf diese neue

Grundlage gestellt, Frankreich hat in seinen Realschulen praktische

allgemein verbindliche physikalische Schülerübungen eingerichtet,

Deutschland hat +eine+ ganz auf diesem Prinzip aufgebaute Privatschule

(Wertheim a. M.)[17] und kürzlich hat der Magistrat der Stadt München

auf Veranlassung des hochverdienten Schulreformers und Schulrates Dr.

+Kerschensteiner+ beschlossen, vom Jahre 1907 ab den Unterricht in der

achten Volksschulklasse auf diese Grundlage zu stellen.

Schwierigkeiten wird es natürlich wie bei jeder neuen Einführung geben,

aber sie werden nicht unüberwindlich sein. Selbst dort, wo Geldmittel

zur Errichtung von Schülerwerkstätten fehlen, steht uns ein großes

und schönes Laboratorium kostenlos zur Verfügung, das Laboratorium

der Natur. Um darin zu arbeiten, bedarf es vor allem der Zeit.

Darum überall fort mit dem theoretischen Nachmittagsunterricht! Der

Nachmittag +muß+ von 12 Uhr ab frei bleiben (wenn um 8 Uhr begonnen

wird), teils für den praktischen Unterricht, teils zu körperlicher

Kräftigung oder Erholung.

Eine wichtige unerläßliche Forderung ist auch der obligatorische

Zeichenunterricht in allen Klassen; er ist viel wichtiger als der

Unterricht in fremden Sprachen.

Mit Utopien also hat man es hier nicht zu tun. Diese Gedanken haben

z. T. die Proben schon bestanden. In die öffentlichen Massenschulen

werden sie sich allerdings schwer übertragen lassen, aber deshalb sind

sie nicht unbrauchbar. Man wird eben darauf zu sinnen haben, wie man

sich den hier gesteckten Zielen auch in den öffentlichen Schulen nähern

könne. »Wo ein Ziel ist, da ist auch ein Weg,« sagt man in England.

Wenn Kinder eignes Verlangen nach Erkenntnis haben, da soll man sie

gewähren lassen und ihnen hilfreich entgegenkommen. Sie wollen ja

geistig wachsen, und zwar jedes Kind auf seine Art, nach Maßgabe der

ihm angeborenen Kräfte und Triebe. Sie fragen deshalb mehr, als ihnen

alle Weisen der Welt beantworten können. Man warte daher, bis diese

Wißbegier mit ihren Fragen sich meldet. Dann, aber dann erst belehre

man sie!

In der Schule verfährt man anders. Man füttert, überfüttert sie dort

geistig, ehe ein Hunger nach Erkenntnis verlangt. Schreien Kinder

nach geistigem Brot, dann gebe man ihnen Brot, nicht aber Kuchen,

Konfekt oder Medizin. Unsere Schulpädagogik kennt auch diese elementare

Diätetik der Seele nicht. Sie ist eben ein Produkt der geschichtlichen

Entwicklung, nicht der biologisch-psychologischen Erkenntnis. Sie ist

falsch von Grund auf.

Sie erzieht nur Lüge, weil sie vom Kinde Teilnahme fordert, wo keine

da ist, keine da sein kann; sie macht die Kinder träge, weil sie

in ihnen den eignen Erkenntnistrieb erstickt; sie macht sie stumm,

weil sie ihnen zumutet, über Dinge zu sprechen und in einer Sprache

darüber zu sprechen, die ihnen fremd und gleichgültig sind. Sie macht

sie zu berechnenden Strebern, weil sie anstatt des Sachinteresses

und der selbstlosen Hingabe an das Objekt, den Ehrgeiz, die Sucht

nach Anerkennung und äußeren Nutzen setzt; sie nimmt den Kindern

ihre natürliche Lebensfreudigkeit, weil sie sie aus ihrer Traum- und

Spielwelt, aus ihrem sonnigen Kinderparadies vorzeitig in eine öde

Welt von Gesetzen zwingt, von Dogmen und Regeln, die ihnen natürlich

das Herz kalt und erstarren machen; sie zerstört ihnen oft sogar

das häusliche Glück an der Seite ihrer Eltern und Geschwister, weil

sie ihnen eine Menge von Pflichten auferlegt, die ihr junges zartes

Gewissen zu schwer belasten und als Schulfurcht andere edle Regungen

des Herzens verdrängen; sie nimmt ihnen das Köstlichste, was sie

mit ins Leben bekommen, ihre Eigenart, um sie in das langweilige

Schulschema einzuzwängen; sie fragt wenig nach Anlagen, Fähigkeiten,

Neigungen und Stimmungen der Kinder und schätzt die Gebote der

Schulorganisation und Schulverwaltung viel zu hoch ein.

Uns Eltern aber sind die Schulen gleichgültig, uns interessieren nur

unsere Kinder. Was nützt es uns, wenn die Schulen blühen, unsere Kinder

aber verblühen? Was nützen uns die glänzendsten Zeugnisse und die

besten Examina, wenn dabei unsere Kinder nicht innerlich erstarken und

reifen?

Bildung ist uns nicht die Hauptsache, sondern freie und vielseitige

Entfaltung der Persönlichkeit. Bildung ist auch nichts Äußerliches.

Man kann Bildung an einen Menschen nicht anwerfen wie Stuck an eine

Hausfassade.

Unsere Schulpädagogik glaubt aber jedem jedes zu jeder Stunde

+nahebringen+ zu können. Die Sprache selbst verurteilt schon dieses

Verfahren. Was man einem nahebringt, das ist und wird nicht dessen

Besitz und Eigenstes, das haftet ihm bestenfalls nur äußerlich an und

fällt ab, sobald die Natur sich selbständig äußert und entwickelt. Ja,

man will in der Schule den Kindern sogar Dinge nahe- oder beibringen,

die sie selbst schon besitzen und vielleicht in besserer, gewiß für

sie und ihr Bedürfnis besserer Qualität, als das, was ihnen mühsam

eingepaukt wird: Ich meine da vor allem die Muttersprache und den

Sinn für Kunst jeder Art. Und alles das, was derart an die Kinder

herangeschleppt wird, müssen sie hinunterwürgen. Warum? Weil es ihre

+Pflicht+ ist.

Die Pflichten, die wir der Jugend predigen wollen, lauten anders, etwa

so, wie es +Ellen Key+ formiert hat:

»Sich vor dem Unendlichen und Geheimnistiefen innerhalb des irdischen

Daseins und jenseits desselben beugen, die echten sittlichen Werte

unterscheiden und wählen; von dem Bewußtsein der Solidarität des

Menschengeschlechtes +durchdrungen sein und von seiner eigenen Pflicht,

sich um des Ganzen willen zu einer reichen und starken Persönlichkeit

auszubilden+; zu großen Vorbildern aufblicken; das Göttliche und

Gesetzmäßige im Weltall, im Entwicklungsverlauf, im Menschengeiste

anbeten -- dies sind die neuen Handlungen der Andacht, die neuen

religiösen Gefühle der Ehrfurcht und Liebe, die die Kinder des neuen

Jahrhunderts stark, gesund und schön machen werden.«

Mich freut, daß mein Kampf »gegen die Pflichtbanausen« (»Der Deutsche

und seine Schule«, Berlin, Wiegandt & Grieben. 2. Auflage 1906 S. 148

ff.) schon einiges Echo gefunden hat. Jetzt lese ich, daß -- jedenfalls

unabhängig von mir -- eben auch +Ellen Key+ diesen Kampf aufgenommen

hat. Ihr Werk: »Der +Lebensglaube+, Betrachtungen über Gott, Welt und

Seele« mit dem Inhalte: Das Verschulen des Christentums, Die Umwandlung

des Gottesbegriffes, Der Lebensglaube, Das Glück als Pflicht, Die

Evolution der Seele als Lebenskunst, Ewigkeit und Unsterblichkeit«

(Verlag S. Fischer, Berlin W.) lernte ich erst mit Abschluß dieser

Schrift kennen. Was sie über +Pflichten+ sagt, befriedigt nicht sehr.

Sie schreibt neuerdings in dem »Blaubuch« (1906 Nr. 33, S. 1280):

»Nichts zeigt besser, in welchem Grade die Menschen von Phrasen leben

und in Phrasen sterben, als daß man meine Behauptung, daß man durch

Pflichterfüllung krank an Seele und Körper oder zum Selbstmörder werden

kann, als ›Phrase‹ abfertigen zu können glaubte. Daß z. B. Arbeit

ohne Rücksicht auf etwas anderes als die Pflichterfüllung unzählige

Menschen für immer gebrochen hat, ist doch eine so häufige ärztliche

Erfahrung, daß +dies allein die Notwendigkeit eines individuellen

Pflichtmaßes auf diesem Gebiet beweist+, gar nicht davon zu reden, wie

geistig kraftaussaugend die Überanstrengung werden kann. Eine Ärztin

hat kürzlich betont, daß die neuen Begriffe der Arbeitshygiene unserer

einstmaligen Bewunderung für ›den Schein der Arbeitslampe in der Nacht‹

unbarmherzig den Garaus gemacht haben. Denn der, für den die Lampe

häufig brennt, sitzt bald als ein schlafloser Nervenkranker davor, sich

selbst und anderen zur Qual.«

Anders dachte das erste preußische Unterrichtsministerium des Freiherrn

+von Allenstein+ und sein Leiter des gelehrten Unterrichtswesens

+Johannes Schulze+, so recht eigentlich der Vater unseres

Gymnasialpflichtbegriffes, ein Erbe +Hegelscher+ Allerweltsbildung,

ein Schüler des altklassischen und allzu klassischen Philologen Fr.

+Aug. Wolf+, ein Mann, der von 1814--1858, also 40 Jahre lang, gegen

die Gesundheit der deutschen Gymnasiasten bei bester Gesinnung doch --

gefrevelt hat.

Es ist gut und nützlich, die Wurzeln des Übels kennen zu lernen und

im Auge zu behalten. Er schrieb amtlich, daß man »den Schülern der

oberen Klassen wohl zumuten kann, sich täglich fünf Stunden hindurch

außer der Schulzeit -- dabei hatten die Schüler schon täglich sechs

Schulstunden! -- zu beschäftigen, sei es mit Lösung der ihnen in der

Klasse gestellten Aufgaben oder mit frei gewählten Arbeiten, während

für die Schüler der unteren Klassen -- wieder bei sechs Schulstunden!

-- drei andere genügen mögen«.

Dieses »genügen mögen« ist köstlich. Man sieht: elf Stunden täglicher

+Sitzarbeit+ für die größeren Schüler von 15--20 Jahren, neun Stunden

für die kleineren von 8--14 Jahren erscheint ihm als das bescheidenste

Pflichtmaß, das er seinem Herzen abzwingen kann. Schauderhaft! Höchst

schauderhaft!

Die im Amte stehenden preußischen Lehrer und Direktoren leben

vereinzelt noch unter dem Eindrucke und der Nachwirkung dieses

krankhaft ausgearteten Pflichtgebotes, dem man die Jugend opferte --

körperlich und geistig -- und auf das man sich trotzdem »höllisch

was« einbildete. Man nannte das Kantschen Geist und meinte dadurch

Königgrätz und Sedan gewonnen zu haben. Etwa, auch Roßbach und Leuthen?

Noch heute leben unter uns solche Pflichtfanatiker, die sich groß

dünken, wenn sie ihre Schüler bis zur Erschöpfung an den Schreibtisch

fesseln -- »zu treuer Pflichterfüllung«. Man muß diese grimmen Herren

nur hören, wie sie sich über uns »Modernen« ereifern! Da schreibt

einer, der sich als »Abiturient von 1883« vorstellt, aber trotz aller

Forschheit in seiner Mannesbrust den Mut nicht findet, sich uns offen

zu stellen:

»Der junge Mann soll jetzt nicht mehr zu ernster, strenger Arbeit

erzogen werden, sondern wie ein Schmetterling von Blüte zu Blüte

flattern, und die Schule soll ihm das bieten, was ihm ›interessant‹

ist. Das ist die moderne ›Waschlappenerziehung‹, die am schärfsten

Kritik übt an der altbewährten Einrichtung unserer Gymnasien. Das

Abiturium ist der Schlußstein der Gymnasialzeit, es stammt aus der

Fichtezeit, als das Bewußtsein der Pflicht zu straffer Erziehung das

Volksgewissen durchdrang (und -- gestatten Sie Herr Kollege, daß ich

Sie unterbreche -- und als das System +Metternich+ in Kraft war, das

jede leise Regung jugendlicher Frische und Kraft als staatsgefährlich

schon im Keime erstickte). Es hat nie jemand der deutschen

Wissenschaft den Rang streitig gemacht, solange das humanistische

Gymnasium mit seinem Abiturientenexamen die Gebildeten unseres Volkes

erzog. (Entschuldigen Sie noch eine Unterbrechung: Auch vor dem

Abiturientenexamen stand Deutschland in dem Rufe, der Sitz aller Musen

zu sein. Lessing, Herder, Goethe, Schiller, Hebbel, e tutti quanti sind

nicht durchs Abiturientenexamen gegangen.) Die reformierten Schulen

sollen erst noch ihre Berechtigung nachweisen vor der Geschichte, daß

sie die Wissenschaft auf der Höhe halten. (Schulen haben gar nicht die

Aufgabe, +Wissenschaftler+ heranzubilden. Dazu sind die Hochschulen

da, wie uns oben schon Prof. Dr. +Rudolf Hildebrand+ belehrte.) Mit

hygienischen Bedenken aber komme man bitte nicht! (Wirklich nicht!?)

Ist unsere Jugend zu schwächlich, um das ernste Arbeiten zu ertragen,

dann sind wir überhaupt fertig. (Eine chinesische Anschauung! Vivant

examina, vivant, floreant, crescant! pereat inventus!) Ich habe das

Abiturientenexamen gemacht, als es noch entscheidend war (heute

entscheiden die Klassenleistungen), und -- das gehört zu den schönsten

Erinnerungen meines Lebens (im Grunde doch ein bescheidener Mann!

Da stelle ich an meine Lebenserinnerungen höhere Ansprüche!), das

stolze, den Charakter stählende Bewußtsein (das zum Grabe wallenden

Greisen noch in Träumen den Angstschweiß auf die Stirnen treibt!),

sich durchringen zu müssen mit eigner Kraft, nein, das soll unserer

vielgefährdeten Jugend keiner nehmen!« (Tägliche Rundschau 1906 Nr.

296.)

»Gut gebrüllt, Löwe!« Aber -- wie +unklassisch+ gedacht! Nennen Sie mir

+einen+ griechischen Heros auf irgendeinem Gebiete der Kultur, der sich

sein Recht, ein Großer zu sein, erst von einer Schulbehörde amtlich

bestätigen ließ!

Ich kenne selbst persönlich auch solche Examensfreunde. Es sind meist

rein rezeptive Naturen. Der Lehrer sagt es ihnen vor, sie behalten es

in einem feinen Herzen und geben es dann nach Befehl wieder reinlich

zurück -- (eine eigene Passion, ein krankhafter Sport, eine Art

geistigen Hürdenreitens!) --. Ich kannte einen, der ließ sich zum

Vergnügen immer wieder prüfen, machte seinen Doktor in allen möglichen

Fakultäten, bestand alle Prüfungen glänzend, war aber dabei ein

Durchschnittsmensch, von dem die Welt keinen weiteren Nutzen gehabt

hat. Er ist jetzt tot. Auf seinem Grabstein müßte zu lesen sein: »Er

bestand alle Examina mit I! R. i. p!« -- Ich wiederhole, was +Theodor

Fontane+ sagt (man findet jetzt dessen kostbare Lebensweisheit wie in

Gold gefaßt in dem »Fontanebrevier« von +Olga+ und +Heinrich Spiero+

Berlin, F. Fontane & Co. 1905, ein köstliches Büchlein!). Fontane

also sagt: »Alles, was mit Grammatik und Examen zusammenhängt, ist

nie das Höhere. Waren die Patriarchen examiniert, oder Moses, oder

Christus? Die Pharisäer waren examiniert. Und da sehen Sie, was dabei

herauskommt.« Das Höhere wollen aber doch wohl »höhere« Schulen leisten?

Auch +Arthur Schulz+ (der Herausgeber der »Blätter für deutsche

Erziehung« 1906, Heft 7) führt unseren Freund, der sich um Deutschlands

Zukunft willen für Beibehaltung des Abiturientenexamens so sehr

erwärmt, kräftig und überzeugend ab. Er verweist auf ein Wort

+Bismarcks+, das wohl schwerer wiegt, als das jenes Musterschülers

mit seinem Examenstolze, der für das ganze Leben vorhält. Bismarck

sagt: »+Wir gehen an unsern Examinibus zugrunde!+ Die meisten, welche

sie bestehen, sind so abgewirtschaftet, daß sie zu eigner Initiative

unfähig sind, sich bei allem, was an sie herankommt, möglichst

ablehnend verhalten und, was das Schlimmste ist, eine große Meinung

von ihrer Fähigkeit haben, weil sie siegend aus allen diesen Examina

hervorgegangen sind.«

Weiter sagt Schulz über die »Waschlappenerziehung«, die wir nach der

Meinung der Gegner erstreben: »Es ist das ein Kniff dieser Herren,

stets zu behaupten, wir würden die Jugend nicht zum ernsten Arbeiten

erziehen. Wer sich aber nur einigermaßen mit unseren Bestrebungen

vertraut gemacht hat, der weiß sehr wohl, daß gerade +wir+ alle Kräfte

der Jugend auslösen wollen. Unsere Gegner können oder wollen nicht

begreifen, daß außerordentlich viele Anforderungen, die man an die

Schüler stellt, von diesen nur deshalb nicht erfüllt werden können,

weil man mit den Anforderungen zur unrechten Zeit kommt. Und wenn wir

behaupten, daß viele Arbeiten, zur rechten Zeit gefordert, spielend

bewältigt werden würden, so sagen sie uns nach, wir wollten gleichsam

zum Spielen anleiten. Im Gegenteil!

Wir wünschen, daß möglichst alle Kräfte, die in unsern Kindern

schlummern, entwickelt und zu höchsten Anstrengungen gesteigert werden,

zu ganz anderen Anstrengungen, als man sich heute träumen läßt. Denn

wir wissen, daß jeder, der eine seiner Entwicklung und seinen Kräften

angemessene Arbeit unternimmt, diese mit Lust und Liebe, mit Zähigkeit,

Geduld und Ausdauer und daher auch mit Erfolg leistet.«

Diese Abwehr schließt mit einer Betrachtung, die den Anbetern des

bisher in unsern höheren Schulen herrschenden Erziehungssystems eine

bittere Pille sein wird. Nach dem Grundsatz »An ihren Früchten sollt

ihr sie erkennen« sieht er sich die ehemaligen Gymnasiasten aus dem

Pflichtgebiete der Ära +von Allenstein+, +Joh. Schulze+ usw. etwas

näher an und sagt: »Wenn man schon von Waschlappenerziehung reden

will, so hätten wir allen Grund, dieses Wort auf den gegenwärtigen

Unterrichtsbetrieb zu beziehen. Denn wenn wir uns die vornehmsten

Früchte, die Gymnasiallehrer selber, und ihr Verhalten zu einer

der wichtigsten Fragen, nämlich der Religionsfrage, ansehen,

welches Urteil sollen wir da fällen? -- -- Merkt man etwa, daß der

Gymnasiallehrerstand in seiner Gesamtheit heute etwas tut, um unser

Volk aus der herrschenden Heuchelei und Lüge zu erretten? Wo ist

dieser Stand denn geblieben, als der Kampf um den Religionsunterricht

tobte? Unwissend, ohnmächtig oder feige hat er diesen Kampf allein den

Volksschullehrern überlassen. Auch andere ungeheuer bedeutsame Kämpfe

werden heute im öffentlichen Leben ausgefochten. Wo steckt aber dabei

der Gymnasiallehrerstand? Ja, ja: ›Waschlappenerziehung‹!«

Wir brauchen so bitter nicht zu werden, müssen aber doch bei unserer

Behauptung verbleiben, daß man Pflichten dem Menschen mit Brutalität

nicht aufzwingen darf, weil sie dann weder bekömmlich, noch beglückend

und segenbringend sind. Ganz so urteilt eben +Ellen Key+:

»Die Pflichtmoralisten handeln noch immer nach dem Aberglauben, daß,

wenn man nur seine Pflicht erfüllt, Gott schon die Kraft gibt. Der

Lebensgläubige weiß, daß wir ein und dieselbe Kraftquelle für Leib

und Seele haben und daß die Natur sich ebenso unbarmherzig rächt,

ob wir uns nun in Pflichterfüllung oder in Pflichtvergessenheit

überanstrengen. Die Natur ist gleichgültig gegen alle a priori

ausspintisierte Sittlichkeit. Aber sie begünstigt die Sitten, die in

Zusammenhang mit dem lebenserhaltenden und lebensteigernden Willen

der Natur stehen. Und sie +straft+ die Sitten, die diesen Willen

verletzen.« -- -- Weiter sagt sie zutreffend:

»Alle haben von Männern gehört, die z. B. am Ladentisch und Schreibpult

schlechte Pflichtschüler waren, als sie aber diesen Posten verließen,

Gesellschaftswerte wurden. Und was von der Arbeit gilt, das gilt auch

auf den übrigen Lebensgebieten. Der heilige +Franziskus+ vermochte die

Armut geliebt zu machen, weil er ›sie selbst wie eine Braut liebte.‹

+Es gibt unerträgliche Pflichterfüller, die ihre Umgebung nach ein

wenig Pflichtvergessenheit seufzen lassen+, sowie man bei einem

anhaltenden Regen nach Sonne seufzt. Das Leben wird für alle durch die

Pflicht Unterdrückten schwühl und ängstlich.«

Soviel wissen also meine Leser jetzt schon: Mein Rezept für eine

Erziehung zur Mannhaftigkeit wird nicht eben darin bestehen, daß

ich eine harte Schulzucht empfehle und die Eltern bitte, nur auch

recht streng darauf zu halten, daß die Kinder ihre Schulaufgaben

fleißig machen. Leider beschränkt sich schon vieler Eltern

erziehliche Tätigkeit allein darauf, die tyrannische Schule noch

zu übertyrannisieren. Vom »Büffeln« wird aber unsere Jugend nicht

mannhafter. Die Mannhaftigkeit hat ihren Sitz im +Herzen+ der Menschen,

nicht in ihrem +Steiße+.

Erziehung zur Mannhaftigkeit · 第 18 / 23 段