Maximilian Harden hat sich wiederholt das Vergnügen gemacht,

Stilproben unserer staatlichen Volksführer mit der roten Tinte zu

bearbeiten. Wir haben aus dem Munde von Ministern und Staatssekretären

reine Tertianerleistungen geliefert bekommen. Das Deutsch unserer

Behörden ist ja schon immer ungenießbar gewesen. Sollten es spätere

Geschlechter einmal ausgraben, so werden sie daran erkennen, daß wir

Barbaren waren. Nicht nur häßlich und schlecht, sondern vor allem

matt ist die Sprache unserer Behörden, ohne Kern, ohne Mark, ohne

Schärfe, ohne Überzeugungskraft. An Stelle der Kraft findet man aber

ein vollgemessenes Maß von Grobheit: »Sie haben sich -- Sie wollen --

widrigenfalls Sie sich ... zu gewärtigen haben.« Dafür ist manche teils

ergötzliche, teils empörende Probe in der »Zukunft«, im »Blaubuch«,

im »Türmer«, im »Volkserzieher« abgedruckt zu finden, den deutschen

Blättern, die nach meiner Kenntnis am eifrigsten an der Aufrüttelung

des deutschen Mannesstolzes arbeiten.

Es wäre zu wünschen, daß sich unsere Volksvertreter in den Parlamenten

weniger um die fade parlamentarische Höflichkeit kümmern wollten! Das

deutsche Volk schickt sie nicht nach Berlin, damit sie dort unter

sich und mit den Vertretern der Regierungen Höflichkeiten austauschen

sollen. Vor allem mögen sie darauf halten, daß sie als Männer und als

Vertreter des deutschen Volkes mindestens die Behandlung von Seiten

der Regierung erfahren, auf die Griechen, Serben, Rumänen, Magyaren

und andere Völker zweiter und dritter Größe für ihre Volksvertreter

Anspruch machen.

Jeder Abgeordnete steht da kraft der »Majestät des deutschen Volkes«.

Was er an Mißachtung einsteckt, das verwundet nicht ihn allein, sondern

auch uns, die wir ihn zu unserem Mundstück erwählt haben.

Ob er ein fehlerfreies Deutsch spricht oder nicht, ob er mir und

mich, Sie und Ihnen richtig anwendet oder nicht, das ist ganz

gleichgültig. Wir wollen nicht vergessen, daß wohl 90% der Deutschen

die Schriftsprache, die eine Kunstsprache ist, nicht sprechen, daß man

also kein Recht hat, bei jedem diese Sprache vorauszusetzen. Onkel

Bräsig spricht auch missingsch, aber sein Deutsch ist uns lieber als

die Wassersuppen vieler akademisch Verbildeten.

Wenn unsere Volksvertreter aus Bescheidenheit sich zuviel bieten

lassen, so büßt Deutschland das auch an äußerer Achtung ein. Ich

habe mit Ausländern gesprochen, die es rein unbegreiflich fanden,

daß sich die Deutschen von ihrer Regierung wie Schulbuben behandeln

lassen. Der mühsam errungene Ruhm einer Weltmachtstellung geht leicht

wieder in die Brüche und alte bösen Urteile oder Vorurteile werden

wieder lebendig. +Luther+ sagte in seinen Tischreden: »Es ist keine

Nation verachteter, denn die Deutschen. Italiener heißen uns Bestien;

Frankreich und England spotten unser, und alle anderen Länder. Wer

weiß, was Gott will und wird aus den Deutschen machen; wiewohl wir ein

gute Staupe vor Gott wohl verdienet haben.«

Mit den großen Herren muß man deutlich sprechen. Auch dafür ein gut

Wörtlein von unserem Doktor Martinus.

Der junge Markgraf Joachim der Andere hat Anno 1532, als er zu

Wittenberg gewesen, Doktor Martinum Luther gefragt: »Warum er doch

so heftig und so hart wider die großen Herren schriebe?« Darauf hat

Doktor Martinus geantwortet: »Gnädiger Herr, wenn Gott das Erdreich

will fruchtbar machen, so muß er zuvor lassen vorhergehen einen guten

Platzregen mit einem Donner und danach fein mächtig regnen lassen;

also fruchtet er das Erdreich durch und durch. Item«, sprach er, »ein

weidenes Rütlein kann ich mit einem Messer zerschneiden, aber zu einer

harten Eiche muß man eine scharfe Axt und Barten oder Keile haben, man

kann sie dennoch kaum spalten; wie denn eine große Eiche von einem Haun

nicht fällt.«

Wenn man das matte, fade, feige Gerede der Leute liest, die heute

bei uns das große Wort haben, dann ist eine Flucht zu den alten

derben Deutschen, zumal aber zu Luther, ein wahres Labsal. Man nennt

ihn mit dem Stolze des »Gebildeten« grob und unfein -- ja, das war

er, aber herzerquickend gesund, echt, wahr und deutlich. Selbst in

der Kirche wetterte er gegen die unruhigen Hörer los: »Wollt ihr ja

brüllen, brummen, grunzen und murren, so gehet hinaus unter die Kühe

und Schweine, die werden euch wohl antworten, aber lasset die Kirche

unbehindert!«

Pfui, wie ordinär!

»Einfältig zu predigen«, sagt er ein andermal, »ist eine große Kunst.

Christus tut's selber; er redet allein vom Ackerwerk, vom Senfkorn usw.

und brauchet eitel grobe, bäuerische Gleichnisse.«

Wir müssen alles daran setzen, den mehr und mehr schwindenden

schlichten Bürgerstolz wieder zu heben. Wer einmal holsteinische oder

Mecklenburger Höfe besucht hat, der kennt das altgermanische sichere

Selbstbewußtsein der Bauern, deren jeder wie ein Fürst auf seinem

Reiche steht. Ein Gleiches besaß ehedem der deutsche Bürger.

Der Bürgerstolz aber ist uns mit dem Bürgerstande selbst entwichen. Wir

haben in den Städten nur noch Einwohner, Seelen, keine Bürger mehr.

Deshalb ist die sog. Mittelstandsbewegung nützlich, ja notwendig.

Es gilt immer wieder den Behörden, den Verwaltenden gegenüber den Wert

der produktiven Arbeiter jeden Berufes stark zu betonen.

Maler, Bildhauer, Gelehrte, Schulmeister, Arbeiter haben nicht den

geringsten Anlaß, sich vor irgendeinem Fürsten oder Beamten zu

demütigen. Sie sind es, die Werke schaffen, jene verwerten bloß das

Geschaffene. Wollen wir auch hierzu wieder Luthers Urteil hören?

»Bürgermeister, Fürsten, Edelleute können wir entraten; Schulen können

wir nicht entraten, denn die müssen die Welt regieren. Man siehet heut,

daß kein Potentat und Herr ist, er muß sich von einem Juristen und

Theologen regieren lassen. Sie können selbst nichts und schämen sich zu

lernen, darum muß es aus den Schulen herfließen.«

Will man die Werte der Leistungen richtig einschätzen, so frage man in

der Geschichte an.

Holbein, Dürer, Hans Sachs sind heute noch Machtfaktoren und herrschen

mit ihrem Geiste auf dem weiten Erdenrunde. Wer aber kann uns einen

der vielen Hunderte von kaiserlichen Hofräten und sonstigen Beamten

nennen, die damals mit Standesstolz auf die Farbenschmierer und den

verseschmiedenden Schuster herabsahen?

Wir kennen alle Rousseau, Pestalozzi, Fröbel -- wer aber im deutschen

Volke weiß etwas von den Beamten, die diese Männer von Staats wegen

bewachten, zum Teil sogar verfolgten und peinigten? Viel schon, wenn

wir noch ihre Namen kennen.

Wie hell leuchten die Namen der +Arbeiter+ auf allen Feldern geistigen

Lebens! Wie geachtet leben in dem Andenken der Menschen die Entdecker

auf den Gebieten der Wissenschaft und Technik, der Chemie, der Physik,

alle Bahnbrecher unter den Naturforschern, Ärzten, alle Schöpfer

neuer Werte unter den Künstlern, den Malern, Bildhauern, Architekten,

Musikern, Dichtern, Kunstschriftstellern, Lehrern und Predigern:

wie selten haben sich Verwaltungsbeamte um die Menschheit gleiche

Verdienste erworben! Woher nehmen also diese Staatsdiener das Recht

und die Anmaßung, unser Volk zu schulmeistern und unwürdig zu behandeln!

Als im vorigen Jahre Prof. +Lehmann-Hohenberg+ im Berliner

Architektenhause einen Vortrag über »Reform der deutschen Rechtspflege«

hielt, nahmen zwei Polizisten neben dem Redner Platz. Ja, leben wir

denn in einem Zuchthaus? Sind alle deutschen Männer unter polizeiliche

Aufsicht gestellte entlassene Sträflinge? Muß man das alles schweigend

ertragen?

Ich sagte in jener Versammlung selbst, die nur ehrbare stille Bürger

und Bürgerinnen, nur Menschen von gesellschaftlicher Kultur besucht

haben, daß ich nicht begreifen könne, wie man uns von Staats wegen eine

solche Behandlung antue. Engländern dürfte man so etwas nicht bieten.

Die Polizei mag in solchen Fällen vor der Türe warten, ob wir ihre

Hilfe wünschen und, falls wir klingeln, hereinkommen, aber recht

schnell, recht bescheiden. Das wäre eher ihres Amtes.

Unsere Beamten haben dem Volke zu +dienen+. Minister ist ein

lateinisches Wort und heißt Diener. Man sollte zur Aufklärung des

deutschen Volkes diese deutsche Benennung wieder einsetzen: »Kgl.

preußischer Diener für Bauwesen etc.«.

Es wird gut sein, in einer Zeit, die das preußische Volk wieder zu den

trübsten Besorgnissen nötigt, an die harten Verfolgungen zu erinnern,

die treue, edle, fleißige, fromme Vaterlandsfreunde von seiten einer

geistlich erleuchteten Regierung zu erdulden hatten. Wir müssen uns mit

Proben begnügen, denn sonst entstände uns unter der Feder ein starker

Band. Also +ein+ Glanzstück!

Als Lützower Jäger kämpfte +Friedrich Fröbel+ für die Befreiung seines

Vaterlandes. Als ihm Körners Tod gemeldet wurde, verband er sich im

Felde mit zwei Freunden unter Schwüren, dem heiligen Gedanken treu zu

bleiben, deren Erkenntnis ihm im Kriegsgetümmel aufgegangen war, ihr

Leben der Erziehung der kleinen Kinder zu weihen, dafür zu arbeiten

»daß das Christentum Wahrheit werde«. Er arbeitete dann demgemäß mit

beiden Freunden an seiner Schöpfung, dem Kindergarten in Keilhau, und

brachte ihn zu Ansehen und zur Blüte.

Seine Grundsätze lauteten: »Alle Erziehung, soll sie Frucht bringen,

muß sich auf Religion gründen« -- »Alle und jede Erziehung, die sich

nicht auf die christliche Religion, auf die Religion Jesu gründet,

ist mangelhaft und einseitig.« Ich halte diesen Ausspruch selbst für

mangelhaft und einseitig, aber einerlei, er beweist jedenfalls Fröbels

streng christliches Denken und Fühlen.

Und so sah man denn diesen Mann mit dem reinen Kinderherzen täglich

unter Kindern von 3--6 Jahren auf der Wiese spielen und umherhüpfen,

daß ihm die langen Haare und die Rockschöße flogen und die Leute stehen

blieben, um über den Narr zu lachen. Er aber ließ sich nicht beirren,

in den Kinderherzen den Ausgang seiner Lehre und seines Wirkens zu

suchen; das Christentum zur Wahrheit zu machen.

Was aber geschah nun? Auf das Revolutionsjahr von 48 folgte die

Demagogenverfolgung, und unser lieber, sanfter Fröbel wurde

demagogischer oder sozialistischer Tendenzen beschuldigt. Das damalige

preußische Unterrichtsministerium +von Raumer+ verbot aus politischen

Bedenken die Kindergärten. Fröbel, für sein schönes, frommes,

edles Lebenswerk zitternd, bat in seiner Eingabe mit beigelegten

Druckschriften, sich über Geist und Ziele seiner Kindergärten besser

zu unterrichten. Vergeblich, »das von mir reichlich erwogene Verbot«,

schrieb v. Raumer, »der nach Ihrem System eingerichteten und geleiteten

Kindergärten« bleibt bestehen! Und die Gründe? »Ihre beiden Systeme

stimmen im wesentlichen darin überein, daß sie dem Christentum

entschieden abgewandte Theorien zugrunde zu legen beabsichtigen.« --

Hat man je von einem gröberen Blödsinn einer hohen Behörde gehört?

Freilich, die Kindchen von 3--6 Jahren trugen langes Haar und Sommer

und Winter keine Kittel -- entsetzlich!

Die Schulen mußten geschlossen werden; Fröbel, bis dahin ein Mann von

jugendlicher Frische und unermüdlicher Rüstigkeit, war im tiefsten

Lebensnerv getroffen, da er sein Werk dahinsinken sah, und starb bald

an gebrochenem Herzen.[13]

So wurden deutsche Männer, die für ihr Volk mit ihrem Herzblute

stritten, rangen und litten, von ihrer Regierung behandelt! Wer mochte

sich da noch aufrecht erhalten?

Aber getrost! Es gibt noch einen Richter, dem selbst preußische

reaktionäre Minister sich beugen müssen: das Urteil der künftigen

Geschlechter, das Zeugnis der Gerechtigkeit, Wahrheit, Mannhaftigkeit.

Das sinnlose Verbot gegen die Kindergärten mußte in den sechziger

Jahren aufgehoben werden. An Fröbels Grab sprach Pfarrer +Rückert+ die

stolzen Worte, die ihm jetzt die ganze gebildete Welt aus Überzeugung

nachspricht: »Hier ruht ein großes, edles Herz von seiner Arbeit. Er

hat gearbeitet für die früheste Kindheit und für die späteste Zukunft,

gearbeitet auf Hoffnung, und seine Hoffnung war nicht verloren.«

In allen Städten der Erde blühen Fröbelsche Kindergärten auf, ein Strom

des Segens ergießt sich von ihnen auf die Kindheit und damit auf die

ganze Menschheit, die Ehre des kleinen närrischen Schulmeisterleins,

den der Unwille des Ministers mit einem Hauche still machte, ertönt

von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht. Von dem Minister

selbst aber gilt, was ich in der neuesten Fröbelbiographie lese: »Er

hat sich durch das Verbot der Kindergärten in einer für ihn wenig

schmeichelhaften Weise den Ruhm der Unsterblichkeit erworben.«

Wenn man in künftigen Jahrhunderten Fröbels Namen preisen wird,

dann, aber auch nur dann, wird man auch den eines engherzigen und

beschränkten Ministers nennen, etwa wie man den Namen des Herostratus

nennt, der auch einen Tempel, freilich nur einen von kaltem, harten

Stein, vernichtete, um sich berühmt -- berüchtigt zu machen.

Das sei denen gesagt, die vor +jedem+ Minister in Bewunderung platt auf

den Bauch fallen und die im kleinen Schulmeister ein Nichts sehen, eine

zum Dienen und Gehorchen bestellte Maschine, ein willenloses Werkzeug

höherer behördlicher Einsicht; sei allen denen gesagt, die da meinen,

ein Mann sei gerichtet und vernichtet, wenn sich ihm die Gnadensonne

des hohen Vorgesetzten entzieht; sei all den Unmännlichen gesagt, die

im Leben nie aus der Schulbubengesinnung herauskommen, nicht leben

können ohne ein Wohlverhaltungszeugnis ihres Meisters, die verstummen,

sowie sich ein Urteil oder Wille von »autoritativer Seite« kund tut;

sei all den feigen und kriechenden Schranzen gesagt, die wie hungrige

Hunde die Ministerien umschleichen und gierig nach Gnadenbrocken

schnappen; sei allen denen gesagt, die das stolze Wort des Obersten von

Butler noch nicht an sich selbst erlebt haben:

»Ein jeder gibt den Wert sich selbst. Wie hoch ich

Mich selbst anschlagen will, das steht bei mir.

So hoch gestellt ist keiner auf der Erde,

Daß ich mich selber neben ihm verachte.

Den Menschen macht sein +Wille+ groß und klein.

Und weil ich meinem treu bin, muß -- -- --«

Nun frage man noch, weshalb wir so viele Knechtseligkeit,

Lakaiengesinnung, Feigheit und Charakterlosigkeit in Deutschland haben!

Die +Frommen+ und +Korrekten+ sind es, die uns die besten Männer

rauben. Der Freigeist Friedrich der Große pflegte nach feilen

Kriechern und Speichelleckern, die sich vor seinen Augen entwürdigten,

den Krückstock zu werfen. Er sprach die Worte, die man an das noch

immer aufschriftlose Reichstagsgebäude anbringen sollte: »Ich will

absolument, daß so regieret werde, daß die Leute ins Land kommen und

nicht hinauslaufen.« Oder noch zeitgemäßer wäre vielleicht sein zweites

Wort von ihm: »Ich finde es unverzeihlich, wenn man in die Gewissen und

Bedenken der anderen hineinregieren will.«[14]

Wenn sich selbst ein Fröbel wegen unchristlichen Treibens in Preußen

nicht halten konnte, dann war darin nur noch für Mucker und Heuchler

Platz.

Sollten jetzt wieder die »Positiven« das Heft in die Hand bekommen,

dann dürfte sich positiv mancher überlegen, ob er nicht lieber den

Staub von seinen preußischen Pantoffeln schütteln soll, um sich ein

besseres -- das heißt ein +freieres+ -- Land zu suchen, wo er als

ehrlicher Mann mit seinem eigenen Glauben unangefochten und ungeschmäht

leben und wirken darf.

So denken heute, wie die Zeitungen verraten, viele deutsche Männer, die

sich bedroht sehen durch den uns in Aussicht gestellten Zusammenschluß

der Konfessionen »zum Kampfe gegen den Unglauben«. Man sollte meinen,

es handelte sich um einen Kreuzzug gegen die Mamelucken! Es wäre nicht

das erstemal, daß Deutschland einen Aderlaß erführe, bei dem wie in

der Regel gerade das gesundeste Blut abgeht. In den Kampf für ethische

Güter treten natürlich nur die tieferen Naturen ein.

Der stumpfen Masse derer, die, um mit Sallust zu sprechen, ventri

et peni ergeben sind, ist es gleichgültig, wer ihnen ihr faules und

gedankenloses Leben sichert. Als sich im republikanischen Rom die

führenden Männer im hundertjährigen Bürgerkriege gegenseitig erschlagen

hatten, konnte, wie Tacitus berichtet, ein Kaiser leicht das erschöpfte

und um seine Führer beraubte Volk wie eine scheue Sklavenherde

beherrschen: die Catonaturen waren eben sämtlich vernichtet. Eine

solche Auslese der Stärksten und Besten, öfters im Laufe der

Jahrhundert wiederholt, bringt ein Volk schließlich herunter. Wenn man

die Sahne abschöpft, bleibt keine nahrhafte Milch zurück. Nimmt man

hinzu, wie viele tapfere und starke Männer in den endlosen Kriegen

Deutschlands gefallen sind, so erklärt es sich nach dem Darwinschen

Gesetz von der Auslese der Besten, wenn die Qualität des Volkes

schließlich heruntergeht.

Wir können tatsächlich nicht +einen+ Mann entbehren: Jeder aufrechte

Bürger ist uns lieb und kostbar.

Mit dem armseligen Bündel auf dem Rücken entwichen Germanias

verschmähte und verfolgte Kinder in die Fremde; ihre Enkel kehren als

recht protzige Milliardäre zu einem Besuche unseres Kaisers zurück.

Man achte keinen Menschen gering; es könnte sich strafen. Louis XIV.

wies spottend den »kleinen Abbé« ab, der sich dann in österreichischen

Diensten als der gewaltige Kriegsheld Prinz Eugen entpuppte. Graf

von Moltke wäre uns beinahe als junger Offizier an Dänemark verloren

gegangen.

Und wieviel gute Kraft und guter Wille wurde in Deutschland zwar

zurückgehalten, aber lahmgelegt! Umgekehrt: wieviel guten Zuwachs

verdankt unser Volk, zumal Preußen, der früher geübten religiösen

Duldung! Sollte es sich nicht empfehlen, zu dieser Regierungspraxis

zurückzukehren? Unsere Schüler lernen aus ihren Geschichtsbüchern, daß

religiöse Duldung alte Tradition der preußischen Königspolitik sei.

Soll das in Zukunft anders werden?

Es ist Sache unserer Parlamentarier, das freie Manneswort des deutschen

Bürgers wieder zu Ehren zu bringen!

XIII.

Moderne Pädagogik.

»Die Hauptsache ist, daß man eine

Seele habe, die das Wahre liebt und

die es aufnimmt, wo sie es findet.«

Goethe.

Die Menschen sind gewohnt, alles, was sie durch ihr Leben hin

getrieben, gedacht und erstrebt haben, als das Natürliche und

Notwendige zu betrachten. Jede Abweichung davon erscheint ihnen als

sündhaft. Chinesen wollen von ihrem Zopf nicht lassen, Haremfrauen

nichts von der Emanzipation des Weibes, nichts von Frauenrechten hören,

der Buschmann lehnt das Gewehr ab und bleibt bei Pfeil und Bogen, und

unsere guten alten Tanten lassen es sich nicht nehmen, daß der Mensch

so erzogen werden müsse, wie sie vor 50 bis 60 Jahren von ihren seligen

Eltern erzogen wurden. Sie zweifeln keinen Augenblick daran, daß das

die einzig richtige, die Normalerziehung war. Wir, die wir die Früchte

dieser Erziehung vor Augen haben, gestatten uns im stillen manchmal

einen höchst respektlosen Zweifel.

Nicht jeder freilich ist so ergrimmt über alte Unnatur und Hohlheit

der üblichen ererbten Hauserziehung, wie es mein Vater war. Man höre!

Eine unberufene Erziehungskünstlerin war ihm in seine häuslichen

Herren- und Vaterrechte vorlaut eingebrochen, um seiner Tochter, die

sie zu »studentenhaft« fand -- sie war nämlich frisch, lustig, derb

und unangekränkelt --, in das einzuführen, was der Altenburger Bauer

die Kondefitche nennt (conduite). Täglich und stündlich gab es da

Ermahnungen: »Ein junges Mädchen darf so laut nicht lachen, darf das

nicht sagen, darf soviel nicht essen, darf nicht pfeifen, nicht laufen,

nicht über Zäune und auf die Bäume klettern, nicht müßig dasitzen. Es

muß französisch fließend sprechen lernen, muß ein Tagebuch führen, muß,

muß, muß --« ja, was mußte so ein armes Ding nicht alles?

»Denn sieh, meine Liebe, ich habe schon mit zwölf Jahren ..., ich

habe als erste Schülerin meiner Klasse ..., ich habe --« ja, was

hatte die gute Tante nicht alles geleistet! Höchst wunderbar, höchst

staunenswert! Freilich, das Wichtigste hatte sie leider versäumt,

nämlich zu heiraten und Kinder zu gebären, auf die sie den Schatz ihrer

Tugenden hätte vererben müssen.

Der Schluß solcher Belehrungen und Vermahnungen war gewöhnlich ein

großer Spektakel, Tränenerguß und Verstimmung des ganzen Hauses.

Mein Vater hatte dem lange mit verhaltenem Ärger zugesehen. Endlich

aber platzte ihm die Galle und er warf der Tugendpredigerin die Worte

ins Gesicht: »Nun aber hat es sein Ende! Hören Sie, was ich Ihnen sagen

muß: Das Fürchterlichste, was mir passieren könnte, wäre, daß meine

Tochter +Ihnen+ ähnlich würde!« Das half.

Nach diesen Vorbemerkungen wage ich es, sogar vor unsere

selbstbewußtesten Väter, Mütter, Tanten, Lehrer, männliche und

weibliche Gouvernanten mit unseren modernen Erziehungsketzereien

frohgemut hinzutreten.

Ich merke, ich +muß+ eine Vorstellung dieser allgemeinen pädagogischen

Anschauungen und Bestrebungen hier erst einschieben, ehe ich von dem

Teile, der Erziehung zur Mannhaftigkeit, sprechen kann. Sonst würde ich

ganz unverstanden bleiben. Wir müssen also unseren Bau von dem Grunde

an neu aufführen.

Die Erziehung ist eben wieder Problem geworden. »Leider!« sagen

die Hüter des angeblich bewährten Alten; »gottlob!« sagen wir

Zukunftsfrohen.

Unsere Väter wußten, wie man Kinder zu erziehen habe; und wenn sie es

selbst nicht genau wußten, so wußte es jedenfalls +ganz+ genau der Herr

Gymnasialdirektor oder Volksschulrektor ihres Heimatstädtchens, die

staatlich anerkannten Hüter ererbter Erziehungsweisheit und Lehrpraxis.

»Erziehung zu edler Humanität,« sagte der eine, »und zwar auf dem

festen Boden altklassischer, christlich-nationaler Bildung«. ›Drei sei

einer in ihm, der Hellene, der Christ und der Deutsche!‹ -- Nichts

einfacher als das! Sehen Sie mich an!«

»Erziehung nach den Geboten der Heilslehre,« sagte der andere als

gehorsamer Diener seiner Kirche; denn unsere Volksschullehrer waren

im Nebenamte und auch in der Gesinnung zumeist Küster und hatte, wie

auch viele Gesalbte des Herrn, neben dem schwarzgebundenen und mit

goldenem Marterkreuze gezierten Gotteswort in der Regel eine schwanke

Haselgerte liegen. In Ausübung der christlichen Nächstenliebe hielten

sie sich lieber an das Alte als an das Neue Testament, lieber an Jesus

Sirach als an Jesus selbst. Jener empfahl, die bösen Buben überzubiegen

und durchzubläuen, Jesus in seiner unendlichen Güte und Menschlichkeit

legte bekanntlich den Kindern -- guten wie bösen -- segnend die Hände

aufs Haupt. Man muss halt die Bibel zu lesen und deuten verstehen.

Jeder findet darin, was er sucht.

Wer vor diesen Autoritäten nicht bestand, der war für Deutschland so

gut wie verloren. Wenn das alte Latein und der kleine Katechismus plus

Haselrute nicht weiterhalfen, dann mußte das junge, damals noch so

ferne Amerika helfen.

Viele der vermeintlichen Tunichtgute, die dorthin abgeschoben wurden,

haben großen Anteil an der erstaunlichen Kulturarbeit, die »drüben«

während eines kurzen Jahrhunderts geleistet worden ist.

+Erster Fundamentalsatz+ war: Der Junge muß seine +Pflicht+ tun.

Was seine Pflicht sei, das bestimmte ihm der gedruckte Lehrplan und

seine Lehrer. Wir Modernen fordern, daß die Pflicht den Kindern

nicht mechanisch aufgezwungen, sondern ihren persönlichen Anlagen,

Fähigkeiten, Neigungen und Kräften angepaßt werde. Wir bekämpfen eine

Erziehung, die ihrer kindlichen Natur nicht gemäß ist und ihnen die

Arbeit verleidet.

Mit der »verdammten Pflicht und Schuldigkeit« allein ist es nicht

gemacht. Auf so rohe Rezepte reagiert das feinere Leben ablehnend und

feindlich. Eine Freude, zu sehen, daß die Natur darauf mit Mißerfolgen

antwortet. Es ist nicht wahr, daß in der Zeit strengster väterlicher

Autorität die Erziehung besonders edle Früchte gezeitigt habe. Im

Gegenteil: Familienkonflikte und als Folge gescheiterte Existenzen

waren damals eine allgemeine Erscheinung. Gerade in Königsberg und

Ostpreußen, wo mißverstandener »Kantischer Geist« am unerbitterlichsten

wütete, hatte fast jede Familie ihren häuslichen Krieg mit seinen

Opfern. (Vgl. +L. Passage+ a. a. O. oder +Fanny Lewalds+ Roman: »Die

Familie Darmer«.)

Erziehung zur Mannhaftigkeit · 第 17 / 23 段