Zersetzung und Auflehnung entrüsten, sei gesagt, was sie selbst
wissen müssen, daß nicht unsere Volksschullehrer, sondern unsere
gesamte Entwicklung, der Fortschritt der Naturwissenschaften, die
gelehrten Forschungen der Theologen selbst an dem herrschenden Zustand
schuld sind oder -- besser gesagt -- das Verdienst daran haben. Die
meisten, die über unsere Lehrer klagen, kennen die Lage gar nicht.
Ich empfehle ihnen zur Probe einmal ein Jahr lang nach irgendeinem
staatlich anerkannten Religionsbuch kleinen Kindern den rechten
Glauben beizubringen. Ihre Seele würde sich, wofern sie überhaupt eine
Seele haben, vor Qualen winden. Es gehört schon ein gehöriger Grad
von Untertanen- und Beamtendemut dazu, um mit sittlichem Ernste, mit
Wärme und Überzeugungskraft unschuldigen, vertrauensseligen Kindern
jahraus jahrein Glaubenssätze als heiligste Kost darzureichen, an
die man selbst nicht mehr glauben +kann+. Ich möchte jedenfalls den
dritten Artikel meinen Kindern nicht beibringen müssen, der bekanntlich
von der Heiligung handelt und -- wie die meisten christlichen Leser
+nicht+ mehr wissen werden -- also lautet: »Ich glaube an den heiligen
Geist, eine heilige, allgemeine, christliche Kirche, die Gemeinschaft
der Heiligen, Vergebung der Sünden. Auferstehung des Fleisches und
ein ewiges Leben. Amen.« Dazu nehme man, weil es unsere armen Kinder
doch wörtlich lernen, ihre noch ärmeren Lehrer es ihnen beibringen
müssen, bis es »fest sitzt« aus Luthers nunmehr bald 400 (!!) Jahre
altem Kleinen Katechismus (1529), seine angeblich klare Erklärung: »Was
ist das? Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an
Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern
der heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen
Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten« ... Zu
dieser Erklärung geben nun die neuen Lehrbücher (so Fürbringer-Bertrams
»Biblische Geschichte« 4. Aufl.) wieder eine notwendige Erklärung: »Der
heilige Geist hat mich mit dem rechten Vertrauen auf die Erlösung durch
Christus erfüllt, mich dadurch aus der Gemeinschaft der Sünden genommen
und der heiligen Gemeinschaft mit Gott teilhaftig gemacht und hilft
mir, daß ich darin bleibe.« Bitte, mein Verehrtester, machen Sie das
einmal einer Klasse von 100--120 Bauernkindern klar und glaublich. Vor
allem aber bekennen Sie sich selbst aus ehrlicher Überzeugung dazu.
Es sind jetzt 128 Jahre her, daß der sterbende Voltaire auf die Frage,
ob er die Göttlichkeit Jesu anerkenne, den Pfarrer mit den Worten
abwies: »Mein Gott! Sprecht mir doch nicht von diesem Menschen und laßt
mich ruhig sterben!«
Was ist seitdem geschehen, die Göttlichkeit Christi zu erweisen?
Nichts! Stets dasselbe Pochen auf Geschichtsquellen: »Es stehet
geschrieben«, auf Geschichtsquellen, die sich obendrein als durchaus
unzuverlässig erweisen und hundertfach selbst widersprechen. Und
dennoch die alte Lehre in Geltung? -- stat pro ratione voluntas.
Zur Zeit des Großen Friedrich galt es als ein Verdienst, der Aufklärung
seine Kraft zu widmen. Die in ernstester Geistesarbeit gewonnenen
Kenntnisse von dem Organismus des Weltalls, der Entwicklung der
Erde, der Entstehung des Lebens auf der Erde, die historisch klarere
Einsicht in die Stellung des Christentums zum Judentum und den
anderen orientalischen Glaubensformen, die Prüfung und Bewertung
unserer Glaubensüberlieferung, all das, geleistet unter dem Schutze
des Staates und für staatliche Bezahlung, gelehrt in staatlichen
Hochschulen, soll trotzdem, wenn es den regierenden Parteien so paßt,
als wertloser »Aufkläricht« bespöttelt und beiseite geschoben werden?
Gehören zu der wertlosen Aufklärerei etwa auch die Geistestaten des
Kopernikus und Galilei? Oder wo sollen wir aufhören, der Wissenschaft
zu folgen? Soll vielleicht unser Kaiser die Grenze ziehen? -- wie
er es ja tatsächlich im Falle der Babel-Bibel-Forschung tun wollte.
Hüllen sich nicht die Vertreter der staatlichen Kirchen selbst
in den Prunkmantel der Wissenschaft? Gehen sie nicht selbst mit
trockenen Schlüssen und »Beweisen« an die ewigen Geheimnisse heran,
um dann, sowie sie nicht mehr weiter können, den Glauben anzurufen?
Immer wieder kommen sie, uns zu sagen, daß die Wissenschaft noch
keines der letzten Rätsel gelöst habe, daß Darwin, Haeckel und die
Naturforscher alle uns nichts Dauerndes geben könnten. Das wissen wir
auch. Aber das gleiche gilt von der Kirche. Auch der Glaube gibt uns
nur menschliches Hoffen und Wähnen. Alle Götter der Erde waren bisher
Menschenschöpfung. Die Wissenschaft führt uns jedenfalls weiter und
belebt unsere Geisteskräfte. Sie hat für den, der ihr mit Hingabe
dient, etwas Befreiendes. Das gleiche kann man von der kirchlichen
Bildung nicht sagen. Im Gegenteil. Was Ludwig Thoma in seinem die
katholischen Kreise tief erregenden Roman Andreas Vöst schreibt, werden
Unzählige gern unterschreiben. »Alles Befreiende war dieser klerikalen
Bildung genommen. Ohne Fühlung mit der Gegenwart, schöpfte sie aus
der Vergangenheit keine lebendigen Kräfte. Mit ängstlichem Bemühen
waren die Schranken aufrecht gehalten, in denen von jeher der Geist
verkümmerte. -- Neun Jahr unter den Händen von Lehrern, die alles
in eine Form gießen, wie sollte sich da ein junger Mensch ganz frei
halten von ihren Einflüssen? Es war viel, wenn das Wachstum nicht ganz
erstickt war.«
Leider gilt das gleiche von der religiösen Seminarerziehung, einem
Fegefeuer, durch das unsere evangelischen Volksschullehrer geläutert
werden. Ausgedörrt kommen sie daraus hervor, nämlich dürr und trocken
an Glauben, aber zugleich heiß vor Verlangen nach wissenschaftlicher
Erkenntnis. Wenn +Friedrich Paulsen+ mit Recht sagt, daß nie ein
solcher Bildungshunger gesehen worden sei als jetzt in Deutschland,
so gilt dieses Lob besonders unseren Volksschullehrern. Hier kommt es
nur darauf an, zu sagen, daß unsere Volksschullehrer zu hoch stehen,
als daß sie zu einem orthodoxen Religionsunterricht kommandiert werden
könnten. Sie kennen die theologische Literatur, haben zum Teil wohl
Schriften von Dr. Fr. Strauß, A. Harnack, O. Pfleiderer, B. Weiß,
und wenn nicht diese größeren Werke, so doch E. von Hartmanns »Das
Christentum des Neuen Testamentes« oder W. von Schnehens »Der moderne
Jesuskultus« gelesen (Neuer Frankfurter Verlag, 1906. Preis 1 M.),
vielleicht auch dessen Aufsatz »Die jüdische Natur der Lehre Christi«
(Der Vâhan VII, 1906, Nr. 12), vor allem auch K. Kalthoff gelesen. Die
pädagogischen Fachblätter, zumal Wilhelm Schwaners »Volkserzieher«,
lassen keine dieser Erscheinungen unbeachtet und ungewürdigt. Allso
gebildete Männer stehen der Bibel völlig frei gegenüber und verdienen
deshalb nicht den leisesten Tadel. Man könnte ihnen mit gleichem
Rechte vorwerfen, daß sie nicht mehr an die stillstehende Erde, an ein
massives Himmelsgewölbe glauben oder daß sie mit der Eisenbahn fahren.
Was soll also die Klage, daß sie nicht mehr »rechtgläubig« sind?
Rechtgläubig im Sinne Luthers ist heute niemand mehr. Denn auch der
Glaube, solange er noch etwas Leben hat, wandelt sich. Der Glaube an
Jupiter und Hera freilich ist endgültig fest und -- erstorben.
Hauptschuld an der Mißstimmung trägt der Beamtencharakter und die zu
strenge Gängelung der Lehrerschaft. Ich habe schon manch hartes Wort
gedruckt, aber noch nie hat jemand gewagt, an meiner Wahrhaftigkeit
zu zweifeln, jedenfalls habe ich nichts derart zu hören bekommen.
Trotzdem liebe ich es, Zeugen für meine Behauptungen beizubringen.
Doppelt genäht hält besser. Gymnasialprof. Dr. +Paul Förster+, auch
kein leichtfertiger Knabe mehr, einer, der im großen Kriege mitgekämpft
und im Reichstag Sitz und Stimme gehabt hat, schreibt in seiner
Streitschrift »Deutsche Bildung, deutscher Glaube, deutsche Erziehung«
(Ernst Wunderlich, 1906 Pr. M. 1,60, geb. M. 2.--): »+Unsere Schulen
sind die Stätten des Zwanges, der Abrichtung, der Unnatur. Wo aber
keine Freiheit herrscht, noch Liebe, noch Natürlichkeit, da kann sich
auch keine rechte sittliche Reife herausbilden+; mindestens leidet
sie an Unfertigkeit, Unselbständigkeit, an dem Mangel durchgebildeter
Persönlichkeit! Die Unwahrhaftigkeit aber, aus Gehorsam, Berechnung und
Gewöhnung Begeisterung für Dinge zu heucheln, für die sie keine hegen,
nehmen sie mit ins Leben hinaus.« Wer uns beide aber der Übertreibung
zeihen will, dem seien zum Studium all die Äußerungen von Fachmännern
empfohlen, über höhere Schüler gefällt, die durch Einblick in ihre
Pennalverbindungsakten einmal ihr Geistesleben näher beobachten
konnten. Man findet das jetzt alles in einem sehr ernsten, nützlichen
und gerechten Buche von Direktor Dr. +Max Nath+ (Schülerverbindungen
und Schülervereine, B. G. Teubner, Leipzig 1906) gesammelt, gesichtet
und kritisch verwertet. Da sprechen Direktoren und Lehrer mit
Bitterkeit und Entrüstung von den Beobachtungen, die sie machen mußten:
»Verflachung und Vernichtung alles tieferen, geistigen Lebens.« --
»Tagelang«, ruft der eine aus, »habe ich in dem Wust des vor mir
aufgeschichteten Materials nach irgendwelchen Symptomen besseren
Strebens, ja auch nur nach Anklängen an geistige Bildung gesucht: ich
konnte mir nicht vorstellen, daß eine auch noch so weit von ihrem Ziele
abgeirrte Gymnasialjugend nicht wenigstens Spuren von höherer Bildung,
und wären es auch ganz unbeträchtliche, durchblicken lassen sollte. --
Das alles starrt von einer solchen Öde und Inhaltslosigkeit, ist so
bar alles ernsteren Interesses, daß es schwer ist, einem anderen eine
Vorstellung davon zu geben, ohne in den Verdacht der Übertreibung
zu kommen.« -- Ein anderer klagt: »Der nichtige Drang, groß zu tun
mit Dingen, die dem Schüler noch nicht gestattet sind -- schamlose
innere Überhebung, Entwöhnung von allen den Empfindungen, welche
eine tüchtige Jugend den Erwachsenen gegenüber hat« und fragt, »ob
eine +so entartete Jugend+ jemals wieder zu reeller Lauterkeit und
Festigkeit der Gesinnung herangebildet werden könne«. Alle Arbeit,
alles Mühen, im Unterricht den Schülern +die Ideale des Lebens
nahezubringen+ (sic!), ihren wissenschaftlichen Sinn zu wecken, ihre
Geisteskräfte zu entwickeln und zu bilden, ihre sittlichen Anschauungen
zu reinigen und die Stärke ihres guten Willens zu kräftigen, scheine
vergeblich gewesen zu sein. Diese Urteile stammen aus den siebenziger
Jahren vorigen Jahrhunderts, wurden also über Jünglinge gefällt, die
heute Männer und zum Teil in einflußreichen Stellungen sind. Dieses
Scheinwesen findet dann weitere Pflege in den Korps, wo man es mehr
auf gute Beziehungen zu irgendeinem einflußreichen Fuchsmajor oder
Leibburschen, als auf gelehrte Bildung, fachmännische Schulung und
moralisch-sittliches Reifen absieht; das gleiche Scheinwesen trägt
man ins amtliche Leben hinüber und beglückt dann, wenn man es zu
hoher Stellung gebracht hat, das deutsche Volk mit den Holzfrüchten
solcher Unkultur. Man freue sich ehrlich und von Herzen, daß gerade
die deutsche Lehrerschaft, die Leute, denen die Zukunft Deutschlands
anvertraut ist, diese Scheinkultur nicht mehr mitmachen wollen. Ihr
Protest ist ein Gesundungsprozeß, ihr Freiheitsdrang verbürgt uns eine
zwar kampfreiche, aber beglückende Zukunft.
Mannhaftigkeit ist ohne +Offenheit+ nicht denkbar. Bismarck hat uns
in seiner überragenden Größe das Bild eines Beamten und Staatsmannes
vorgelebt, der die Lüge verabscheute und gerade Wege ging. Er hatte
damit das ganze Wesen der Diplomatie geändert, die vordem eine
Geheimkunst war, auf List, Lug und Trug aufgebaut, die Diplomaten eine
elegante, hochangesehene Gaunerzunft, die ihre französische Sprache
dazu gebrauchte, ihre Gedanken zu verbergen, stets das Gegenteil von
dem zu sagen, was das Herz meinte. Auch das war im Grunde völlig
undeutsch.
Der ehrliche +Walther von der Vogelweide+ hatte, jede Doppelzüngigkeit
verabscheuend, den Deutschen ins Gewissen geredet: Ihre Rede sei ja,
ja, nein, nein, ein ehrlich Nein sei ihm lieber als ein erlogenes
Ja, ›zwo zungen stan unebene in einem munde.‹ Solche Lehren waren
längst vergessen und hätten einem Diplomaten vorbismarckischer
Zeit und Schule nur ein überlegenes listiges Lächeln abgelockt. Die
Welt, jedenfalls die gut deutsche, hatte gehofft, daß Bismarcks
Reckengestalt mit ihrer derben, aber wahrhaft deutschen Rede all dem
heimlichen Getuschel und Gemunkel auf den Hintertreppen der Behörden
und Gesandtschaftswohnungen ein Ende gemacht hätte, hatte gehofft,
wie Bismarck selbst, daß alle, die in seine Schule gingen, von ihm
wenigstens »ein bißchen Vornehmheit« lernen würden. Solange er im Amte
war, wagten sich auch die lichtscheuen Nachtgestalten nicht in die Nähe
seines Adlerblickes. Jetzt aber lesen wir mit wachsendem Unbehagen,
daß selbst in den Regionen höchster Politik das alte Intrigenspiel,
das Lügen, Betrügen, Spionieren, Denunzieren und Ehrabschneiden wieder
üppig in Blüte steht. Was uns +Harden+ über die 30jährige Amtstätigkeit
des Herrn +von Holstein+ berichtet, müßte uns als Mythe erscheinen,
wenn er nicht so glänzend unterrichtet und wenn von Holsteins Abwehr
nicht so kläglich ausgefallen wäre. Hören wir also, wie dieser uns
vordem kaum dem Namen nach bekannte, aber einflußreichste deutsche
Staatsmann sein Geschäft betrieb! Nur einige Proben! Wem Deutschlands
Geschichte und Deutschlands »neuer Kurs« nicht vollständig gleichgültig
sind, der hat natürlich schon das Ganze gelesen (»Zukunft« 1906 Nr. 38).
»Nie hatte ein Beamter in einem modernen Staate solche Stellung gehabt.
Bis ins ancien régime muß man zurückgehen, um Ähnliches zu schauen.
François le Clerc du Tremblay, den die Geschichte als Pater Josef
kennt, hat im dunkeln fünfzehn Jahre lang Frankreichs internationale
Politik geleitet. Doch der Kapuziner, dem Richelieu blind vertraute,
trat immerhin manchmal hervor, ging nach Regensburg auf den Reichstag,
verhandelte selbst mit Bernhard von Weimar und hätte gern den
Kardinalshut aufs Haupt gesetzt. Daß er bis zu seinem Tode die Graue
Eminenz blieb, war nicht sein Verdienst, sondern Urbans des Achten,
der dem skrupellosen Politiker den Purpur weigerte. Holstein hat nie
in hellem Licht, nie vor einer Hörermenge eine Verhandlung geführt. Er
war noch weniger eitel als der Provinzial der Touraine und fühlte sich
eigentlich nur in seinem Winkel wohl. Da spann er still sein Netz und
pries den guten Tag, wenn eine arme Fliege sich drin gefangen hatte.
Solche Tage waren nicht selten; denn das Netz war von Jahr zu Jahr
größer geworden. Polyphemos (so nannten ihn manche, weil er mit einem
Auge kaum noch sah und, wie der Sohn Poseidons, Menschen verschlang),
der unheimliche Kyklop, hieß es, weiß alles; nie bleibt ihm verborgen,
wer die Räume eines Reichsamtes betritt und was dort dann geredet
wird. Er hat, wie weiland der spanische Karl, die Hand über den ganzen
Erdboden und ist euch alles in allem. Überwacht die Diplomatie, hat in
jeder Hauptstadt seine Agenten und Spione und liefert Geheimberichte,
aus denen der Kaiser erfährt, wie seine Botschafter, Gesandten, Räte
und Sekretäre arbeiten und sich die Zeit vertreiben. Vorsicht! Einer,
dem der nicht traut, ist verloren. Den Kaiser sieht er fast nie (das
würde ja auffallen), kann sich dennoch mit besserem Recht aber als
jeder Minister rühmen, das Ohr des Monarchen zu haben. Er hat Schloezer
aus Rom, Radowitz aus Konstantinopel, den Zarengünstling Werder aus
Petersburg, den Prinzen Reuß aus Wien weggebracht und alle durch Leute
ersetzt, auf die er sich verlassen konnte ... So mächtig war, als so
mächtig galt dieser Mann, dessen Name öffentlich nie genannt werden
durfte.«
Keine Frage, daß ein solcher Mann an solcher Stelle auf die ganze
Beamtenschaft +tief korrumpierend+ wirken mußte. Unfaßbar, daß ein
solcher Schädling sich all seinen zahllosen Gegnern zum Trutze,
am hellen Tage der deutschen Geschichte, inmitten unseres von
tausend Zeitungen bedienten öffentlichen Lebens jahrzehntelang an
einflußreichster und verantwortungsvollster Stelle halten konnte. Das
beweist uns, daß die Mächte der Finsternis wieder von unseren hohen
Regionen Besitz ergriffen haben, daß da Treue und Glauben, Manneswert
und Manneswort nicht mehr gelten. Welch Aufrechter getraut sich noch in
solche Umgebung, auf so eisglatten Boden?!
Das also ist die hohe Schule für all die »gewissenhaften Beamten«, die
sich Führungslisten über ihre Herren Kollegen, geheime Aktenbündel
anlegen, die mit verstellter Schrift den Vorgesetzten »schätzbares
Material« liefern und mit Anklagen, die der Beschuldigte nie zu hören
bekommt, seinen Ruf und seine Stellung untergraben? Natürlich nur »in
Wahrung berechtigter Interessen«, »im Dienste der guten Sache«, um
als treuer Diener auch über die Amtspflicht hinaus dem Staate und
dem Herrn »Chef« nützlich zu sein. Vor unsere Phantasie tritt das
häßliche Bild einer ganzen Zunft berufsmäßiger Spione, Ehrabschneider,
Hintertreppenzuträger, Lügner, Betrüger und Meineidiger, die für
ihre schmutzigen Dienste Ehren und Ämter empfangen und mit dem Gelde
deutscher Steuerzahler obendrein ein behagliches Leben führen.
Werden von oben her so böse Beispiele gegeben, dann darf man sich
nicht wundern, wenn korrupte Seelen der »unteren Organe« auch den
Bestechungen zugänglich werden und wertvolle Dokumente an Gegner der
Regierung ausliefern. Dann hat sie eben jeder, der gut zu zahlen weiß.
Wenn Beamte, die von dem Wohlwollen ihrer Vordermänner und Vorgesetzten
alles zu hoffen, von deren Feindschaft alles zu fürchten haben, erst
einmal wissen, daß ihnen Zuträgerei und geheime Anzeigen Vorteil
bringen, dann ist es aus mit aller Mannhaftigkeit und Offenheit. Wenn
den Denunzianten nicht grob die Türen gewiesen werden, wenn nicht --
wie das für einen Menschen von normalen Ehrbegriffen selbstverständlich
sein müßte -- anonyme Anzeigen sofort zerfetzt in den Papierkorb
fliegen oder besser noch (da es ja auch Papierkorbplünderer gibt) ins
Feuer wandern, dann wanken alle Fundamente des Vertrauens, dann hat der
Pfiffigste und Durchtriebenste gewonnenes Spiel und der Aufrechte tut
gut, das Feld rechtzeitig zu räumen. Es ist nicht jedermanns Sache,
sein Leben dem Kampfe mit Ratten, Schwaben und Wanzen zu weihen.
In unseren Behörden sitzen schon Poloniusnaturen, zu jeder Heuchelei
bereit. Wer da Überzeugungen sucht, könnte ebensogut (wie mein alter
Lehrer zu sagen pflegte) »Wurscht im Hundestall suchen«. Diese Leute
machen alles mit, was verlangt wird. Ich glaube auf Wunsch selbst
ein kleines Konfessionswechselchen. Der pflichttreue Beamte weiß,
was er sich schuldig ist. Als Bismarck stürzte, sahen wir schon ein
beschämendes Stück »deutscher Mannestreue«. Kein Wunder, daß der greise
Kanzler ein Menschenverächter wurde.
Als ich jüngst einen hohen Beamten fragte, was ein Herr eines
Ministeriums, den ich von Ansehen kannte, für Überzeugungen habe,
lachte der Mann hell auf: Ȇberzeugungen? Mein Gott, sind Sie
anspruchsvoll. Der arme Mensch soll auch noch Überzeugungen haben?
+Die+ Ware gibt's da oben nicht, da sieht nur jeder zu, daß er nicht
falle. Im übrigen wird fortgewurschtelt und man sagt sich: ›Solange ich
mitmachen muß, hält die Geschichte wohl noch. Nur keinen Spektakel!
Und die Presse nicht auf sich aufmerksam machen. Denn dann ist man
geliefert‹.«
Das sind unsere »altbewährten Stützen«, von denen muß sich der
Untergebene quälen, muß sich das deutsche Volk zureiten lassen!
Im Kolonialamte ist es schon zum Bruch gekommen. Andere Ämter
werden folgen. Wo nicht Mannhaftigkeit das Regiment führt, wo nur
Beamtengehorsam und dienstliche Gesinnungslosigkeit herrschen und
der am besten gedeiht, der am besten zu schweigen, sich zu beugen,
anzupassen und Gesinnungen zu heucheln versteht, da »kann die Wohlfahrt
nicht gedeihen«.
Unser Kaiser, ehrlich bemüht und tätig um Deutschlands Macht und
Zukunft, hat richtig erkannt, daß wir vor allem +Männer+, +Charaktere+
brauchen. Wir handeln monarchisch und nach dem alten Grundsatze: »Mit
Gott für König und Vaterland«, wenn wir ihm sagen, daß nicht sowohl auf
dem +Salzwasser+ als in Berlin, bei den hohen und höchsten Behörden
der Anfang gemacht werden müßte. Tüchtige Ruderer und Radfahrer,
Sportmänner jeder Art, Boxer, Schwimmer, Reiter, verwegene Wagenfahrer
hatte man in dem byzantinischen Kaiserreich auch zu einer Zeit, als
alle wahrhaft männlichen Tugenden im Volke schon erstorben waren.
Tollkühne Seefahrer finden wir unter den chinesischen Piraten, unter
griechischen Hammeldieben, unter verbrecherischem Hafengesindel von
Neapel und Konstantinopel. Vertrautheit mit dem Meere, zumal von Jugend
an gepflegt, sichert uns wahren Manneswert noch nicht. Es ist nur eine
seiner Äußerungen und lange nicht die wichtigste.
In unserem Beamtenstaate wird über die tiefsten ethischen Fragen auf
dem Verwaltungswege entschieden. Im Reformationszeitalter hat man doch
allen Ernstes um jeden Satz des »Glaubens« gestritten und gerungen. Da
ging es wirklich um die Sache. Wenn Luther mit Zwingli um das Wörtchen
ἔστι heiß debattierte, da lauschte ihnen in ihrer Gewissensnot mit
tiefer Spannung und Erregung die Christenheit und spaltete sich in die
zwei Lager der Lutherischen und der Reformierten. Von all dem ist ja
gar nicht mehr die Rede.
Was würde geschehen, wenn heute durch Ministerialerlaß den Lehrern
»bekannt gegeben« würde, daß der Glaube an den heiligen Geist nicht
mehr zu halten und den Lehrern deshalb verboten wäre, diesen Teil
des christlichen Glaubens den Schülern weiter vorzutragen? Würden
die Lehrer eine große Kundgebung veranstalten? Würden viele den
Dienst aufgeben und lieber mit ihrer Familie darben, als ein solches
Opfer ihres Glaubens bringen? Die Religions- und Schulfrage ist keine
Gewissensfrage mehr, sondern eine Machtfrage und Verwaltungssache,
wird deshalb von Juristen besorgt, die noch nie in ihrem Leben eine
Religionsstunde erteilt haben und von denen so mancher wohl schlecht
bestehen würde, wenn man ihn in Religion für Untertertia prüfen
wollte. Man muß solche Herrn, wie ich das Glück hatte, als flotte
Korpsstudenten gekannt und ihre damaligen Glaubensbekenntnisse noch im
Gedächtnis haben, um zu wissen, was es mit der Forderung auf sich hat,
daß »dem Volke die Religion erhalten bleiben müsse«. Soll und muß das
geschehen um des Seelenheils willen der Mühseligen und Beladenen? Ach
nein, -- aus Staatsräson, damit sie gehorsame Untertanen werden und
keine Sozialdemokraten wählen. Wer fragt nach der Überzeugung dieser
Menschen? Wen kümmert es, ob sie aus schlauer Berechnung irgendeines
materiellen Vorteils wegen oder aus ehrlicher Gewissensnot ihre Stimme
für oder gegen den von der Regierung empfohlenen Kandidaten abgeben?
Warum wir also so wenige Männer haben? Weil bei uns Überzeugungen
und Ideale verstaatlicht sind und weil die Leute am besten vorwärts
kommen, die sich ihren Glauben und ihre politische Gesinnung von der
Regierung beziehen. Deshalb haben wir so viele Streber im Lande,
einen Menschentypus, den das glückliche England auch nach Carl Peters
Zeugnis nicht einmal dem Namen nach kennt. Es ist wohl zu allen Zeiten
geheuchelt worden, aber so tief ist man wohl selten in charakterloses
Scheinwesen versunken, wie jetzt in unseren herrschenden Kreisen. Von
deren sog. Idealen ist auch so gut wie nichts mehr echt und stichhaltig.
Ohne eine tiefgreifende Reform unseres ganzen Staatswesens ist nicht
zu helfen. Schon ist unendlich viel versäumt. Nur ein Herkules kann
die Arbeit leisten, die vonnöten wäre; nur ein +ganzer Mann+! Mit
Maßnahmen, Verfügungen, sanften Verschiebungen und dem ganzen nun
schon zum Spott gewordenen kleinlichen Bureaubetrieb ist nichts
mehr auszurichten, am wenigsten aber mit Vertuscheln und mit dem
Maulverstopfen unangenehmer Schreier und:
»+Wasser tut's freilich nicht!+«
XII.
Parlamentarier.
Die Wohlanständigkeit unserer +Parlamentarier+ rechnet man ihnen in den
Kreisen nicht zum Verdienste an, in denen man, der schön gedrechselten
Reden müde endlich Taten sehen möchte. Auf +Bismarcks+ Zunge wohnen
Blitz und Donner, auch +Eugen Richter+ traf noch kraftvolle Töne; jetzt
ist es fast allein der alte +Bebel+, der das Blut der Hörer noch in
schnelleres Tempo bringt.
Die +Sprache+ der Parlamentarier, rein formell betrachtet, ist jetzt
»matt wie Limonade«. Wir möchten wieder einmal andere Wendungen und
besseren Stil hören, als: »Ich stehe den trefflichen Bemerkungen des
sehr verehrten Herrn Vorredners sehr sympathisch gegenüber, möchte
mir nur hinsichtlich des ersten von ihm berührten Punktes eine kleine
Abweichung gestatten und sodann eine neue Frage anschneiden, eine
Materie, die, wie mir scheint, der Beachtung dieses hohen Hauses wohl
wert sein möchte.« -- Himbeersauce mit Schlagsahne, aber gefälschte
natürlich. Wir brauchten, da bei uns jetzt alle Lebensmittel
gefälscht werden, +alle+ -- körperliche und geistige --, auch ein
Reichsgesundheitsamt für geistige Nährmittel, brauchten das um so viel
notwendiger als das für körperliche Ernährung, weil der Geist höher
steht als der Leib.
Le stil c'est l'homme. Ist das wahr, dann haben wir in Deutschland
wenig Menschen -- Männer. Vor allem haben wir dann in unseren
»maßgebenden« Kreisen sehr wenige geschulte Köpfe, die schlicht denken
und ein kerniges, gesundes, ich möchte sagen: hausbackenes Deutsch
sprechen.