wohl der Zeit wegen jenes Urteil gehen kann, ist in 8000 Exemplaren
verbreitet, manches einzelne Exemplar haben, wie mir nachgewiesen
wurde, 40--60 Leser in Lesevereinen, Leihbibliotheken u. dgl. gelesen.
Ich darf annehmen, daß an 100 000 deutsche Männer und Frauen mein Buch
kennen. Die deutsche Presse hat sich zu 90% mit Wärme und mit vollster
Zustimmung darüber ausgesprochen: es wurde selbst in der gegnerischen
Presse als eine ›mannhafte Tat‹ bezeichnet. Eine große Anzahl von
Männern, deren Namen jeder Deutsche mit Achtung ausspricht, hat mir
persönlich in Schrift und Rede seinen Beifall bekundet. Eine große
deutsche +New Yorker+ Zeitung brachte über mich einen langen Artikel,
der mit den Worten schloß (ich zitiere wieder aus dem Gedächtnis; zur
Not wäre aber jene Zeitung gewiß noch zu finden): ›Einen Orden wird
Gurlitt für diese Schrift in Preußen nicht bekommen. Wäre aber ich
deutscher Kaiser, ich würde diesem Manne für seine Tat den Pour le
mérite verleihen.‹
Ich lasse mir meine ehrliche Arbeit nicht verunglimpfen, von niemandem.
Sie hat mir schwere Gewissenkämpfe und manche schlaflose Nacht
gekostet, hat manch offenen ritterlichen Feind, aber auch eine wahre
Meute von versteckten Neidern, Ehrabschneidern, Denunzianten und
sonstigen Widersachern gegen mich in Tätigkeit gesetzt, und ich stehe
dafür bis heute noch in einem heißen, aber, wie ich doch meine, guten
und mannhaften Kampfe.
+Hofieren?!+ Nein, mein Verehrtester, jene Arbeit kam mir aus Kopf und
+Herzen+, nicht aus dem +Gedärm+.
Auch den Ausdruck ›+litterarischer Sturmvogel+‹ lasse ich in Beziehung
auf mich nicht gelten.
Nur keine erheuchelte Bescheidenheit! Was ich schreibe, schreibt ein
Mann, der sein Lebtag angestrengt geistig gearbeitet und der einen in
der Wissenschaft geachteten Namen hat. Die geehrtesten Männer aus dem
Gebiete der Pädagogik: +Münch+, +Cauer+, +Lyon+, +Ziehen+ u. a. haben
sich eingehend mit meinen Arbeiten beschäftigt, wenn zum Teil auch
sie bekämpfend. Seit wann aber wird denn mit Kanonen nach +Spatzen+
geschossen? Oder nach Möwen und sonstigen ›Sturmvögeln‹? Herr Matthias
selbst hat mich, als er seine Monatsschrift gründete, schriftlich zur
Mitarbeit einladen lassen und mir auch mündlich über meine gelehrte
Schriftstellerei Ehrendes gesagt.
Sind noch weitere Zeugnisse zu meiner Ehrenrettung nötig? Soeben
(27. IX.) lese ich in der »Schul-Reform« (I, Nr. 2), die in Wien
erscheint: »In der Zeitschrift ›die Wage‹ Nr. 33 würdigt die Führerin
der österreichischen Frauenbewegung. Frau +Marianne Hainisch+, eben
von einer Studienreise durch Deutschland heimgekommen, auf der sie
dem Schulwesen besondere Beachtung schenkte, die Verdienste der
Reformliteratur und nannte Dr. Gurlitts Schriften ›+die große Tat eines
Lehrers+‹.[10] Eine Elite der Lehrerschaft stehe in Deutschland an der
Spitze der Bewegung, die österreichisch kapitalistische Blätter als
uferlose Schwärmerei totschweigen. Dazu bemerkt sie: »Bis vor kurzem
mußten wir daran verzweifeln, daß auch Österreich gleich unbefangene
und mutige Schulmänner bekomme. Nun -- ist dieser Zweifel geschwunden.«
Das von Schulmännern herausgegebene Blatt führt diese Darstellung mit
Beifall an.
Inzwischen hat sich also das öffentliche Urteil über mein Schulgemälde
deutlich genug geäußert. Etwa so: »Recht trübes, unerfreuliches Bild.
Moderne Richtung, ohne rechten sog. Idealismus, zu düster, zu real,
aber immerhin sicher und gut gemalt; verwünscht naturgetreu, von
verblüffender Ehrlichkeit.«
Ich meine, mir als einen Malersohne mußte auch so ein Bild, wenn ich
alle Kraft zusammennehme, schon gelingen. Die Kritik hatte wirklich
keine zu große Mühe, die Natur und Beschaffenheit der angewandten
Farbentöne zu erkennen: Semper enim valet dictum, quod cacatum non est
pictum -- +und umgekehrt+!
Deshalb nochmals: Jene häßlichen Worte sind +nicht+ auf mich gezielt,
sollten sie es aber sein, so +treffen+ sie mich nicht.« -- --
»Es haben sich aber doch auch andere +Autoritäten+ gegen Sie erklärt.«
»Natürlich! Nennen Sie mir in der ganzen Welt irgendeine Lehre, gegen
die sich +nicht+ Autoritäten erklärt haben! Schrecken Sie noch vor
Autoritäten zusammen? O, ihr Kleingläubigen, denen schon ein bloßer
Name den Mannesmut raubt!
Widerlegt hat mich niemand. Da sage ich aber mit +Luther+: ›Es sei
denn, daß ich mit Zeugnissen der heiligen Schrift (nein! auf die
verzichte ich) oder +mit öffentlichen, klaren und hellen Gründen und
Ursachen überwunden werde+, denn ich glaube weder dem Papst, noch
Konzilien allein -- noch Herrn Prof. Friedrich Paulsen allein --,
weil es am Tage und offenbar ist, daß sie öfters geirrt haben und
sich selbst widersprechend sind ... so kann ich und will ich nichts
widerrufen, weil weder sicher noch geraten ist, etwas wider das
Gewissen zu tun.‹
Obgleich also schon das schwerste Geschütz gegen den Sturmvogel
aufgefahren ist, kommt er sich noch keineswegs +erschossen+ vor.
Ein Mörser, +Cauer+ genannt, machte einen großen Lärm, Qualm und
Gestank, war aber nur mit Vogeldunst geladen und konnte ihm die Haut
nicht ritzen.
Ein zweiter berühmter Mörser, +Paulsen+ genannt, hatte zwar gute
Munition, schoß aber zu vielfachem Staunen ganz daneben.
Ein dritter stattlicher, aber alter Mörser, +Kruse+, sollte lieber
ausrangiert werden als schon unbrauchbar und völlig ausgeschossen.
Ein anderer guter, +Münch+, wollte mich wohl gar nicht verwunden,
sondern wurde an meiner Seite losgeknallt.
Das gleiche gilt von dem wackeren Mörser +Lyon+.
Daneben ist dann noch mit kleinerem Kaliber, gezogenen und auch recht
ungezogenen Geschützen, selbst mit Pistolen, Windbüchsen und Pustrohren
fleißig auf mich geschossen worden -- dieses nämlich aus dem Versteck
hinter dem Gartenzaune hervor, von kleinen Gassenbuben mit Rotznäschen
-- hat mir alles nichts anhaben können.
Andere waren noch klüger und legten sich nächtlich in den Hinterhalt.
Mit treuem Fleiße brachten sie allerlei Netze an, Leimruten, Fußangeln
und Selbstschüsse und sperrten so die Futterplätze. Das waren die
Korrekten, Gewissenhaften, mit einem Worte die lieben -- Frommen. Gott
der Herr hat ihrer Hände Werk gesegnet. Gefangen haben sie zwar den
»literarischen Sturmvogel« nicht, aber doch erreicht, daß er sein ihm
verleidetes »Nest« aufgibt. Er wird sich jetzt einen höheren, freieren
Horst suchen. Haben Sie was dagegen?« --
»Niemand wird Ihnen das Recht der freien Meinungsäußerung in
Deutschland streitig machen. Wir fordern nur, daß über die ernsten
Erziehungsfragen ruhig, sachlich und nüchtern verhandelt werde. Wir
verabscheuen den demagogischen Ton.«
»Demos, mein Verehrtester, heißt Volk, demagogisch heißt sich ans Volk
wendend. Eine Angelegenheit, die jedem im Volke angeht, gehört auch
vors Volk.«
»Ja aber Ihre leidenschaftliche Sprache!«
»Muß die Pädagogik nüchtern sein?«
+Pestalozzi+ schrieb über Erziehungsfragen im Tone des Priesters, des
Sehers. Manche seiner Schriften haben eine so gehobene Sprache, daß man
Oden, Dithyramben zu lesen glaubt: Man denke z. B. an die »Abendstunde
eines Einsiedlers«. Sie erinnern mich im +Tone+ an Nietzsches »Also
sprach Zarathustra«.
Begeistert und begeisternd schreibt auch +Fröbel+, schrieben alle,
denen die Sache wirklich ans Herz ging. Seit wann ist es Vorschrift und
Gesetz, daß der Lehrer ein nüchterner, leidenschaftsloser Mensch sein
muß?
»Ja, aber. --«
»Was wollen Sie wieder mit ihrem »ja aber«? Ist es etwa falsch was ich
sage? Unser Kaiser hat seinen Deutschen empfohlen ›ja also‹ zu sagen!«
»Ja aber, Sie dürfen nicht übersehen, daß diese Männer in Begeisterung
+aufbauen+ wollten, nicht aber einreißen, anschwärzen, nicht das
›Erhabene in den Staub ziehen‹.«
»Das Falsche einreißen ist eine eben so wichtige, ernste auch erhebende
Arbeit, wie Neues aufbauen. Erst muß Platz, Raum, Luft geschaffen
werden, ehe Neues gedeihen kann. Zudem: hat etwa +Herder+ sanft
gesäuselt, als er gegen die Unnatur des Lateinkultus in Deutschland
auftrat? Nein, wie ein wilder Gießbach brauste seine Rede dahin,
riß alte morsche Baumstämme und Felsblöcke mit sich und übertönte
das Klagen und Jammern der Sachlichen, Besonnenen, Maßvollen, ruhig
Abwägenden. Hätten nicht Geheime Beschwichtigungsräte was Herder
wollte und schuf, wieder leise, leise beiseite geschafft, nicht
wieder den alten Boden von allem seinen Schotter und Steingeröll
gesäubert, um dann in ›altbewährter Weise‹ ihre exotische Gartenkultur
neu herzurichten, hätten sie der +Natur+ Einlaß gewährt, so wäre
die heutige Schule kein gekünstelter Ziergarten mit kümmerlichem
Spalierobst, mit langen, langweiligen Reihen von Orangenbäumen in
Holzkübeln, Pflanzen, die reife Früchte nicht bringen können, dann
hätten wir jetzt ein Stück echten, schönen deutschen Waldes mit
hundertjährigen derben Eichen, Buchen, Kiefern, Fichten, Tannen, Erlen,
Eschen -- die deutsche Natur ist ja so reich an jeglichem Gewächs. Dann
sähe es anders aus in den deutschen Landen!
Aber man war schon vor hundert Jahren lieber +besonnen+ und +maßvoll+
und ließ die leidenschaftlichen Schreier sich ausschreien. Schließlich
wird ja wohl jeder matt, müde und still.
Ist aber nicht alles Große auf Erde mit +Leidenschaft+ erstritten
worden? Waren Luther, Lessing, Schiller, Freiherr von Stein, Arndt
maßvoll?
Euren Ohren tut mein »Gepolter« wehe?
Ich schlafe ein bei eurem matten Gerede.
Muß ich sprechen und schreiben wies euch gefällt? Hat nicht eben
eure Mattherzigkeit die Schulen heruntergebracht? Klagt man nicht
tausendfach in Deutschland, wie ihr jede lebendige Empfindung, jedes
wahre, schlichte Gefühl, jedes Aufjauchzen, jede Sehnsucht, jedes
Hoffen und Träumen des Herzens, wie ihr das ganze Leben der Jugend
eingefangen in eure klirren Verstandesregeln eingefangen, eingeengt und
eingesargt habt?
Klagen nicht deutsche Greise noch, daß ihr ihnen die Jugend geraubt?
Nein? Nun, so lest +L. Passage+ »Ein ostpreußisches Jugendleben«,[11]
wo ein 81 jähriger Geheimer Justizrat sein Herz ausschüttet und »unter
dem Beifalle einer großen Zahl von Männern, zumal Lehrern« diese seine
schwere Anklage gegen das deutsche Gymnasium erhebt.
Jetzt kommt man +mir+ mit der vermeintlich vernichtenden Anklage, daß
ich, nervös überreizt, das rechte Augenmaß für die Dinge verloren
hätte. So druckt die »+Staatsbürger Zeitung+«, die solange sie unter
Dr. +Wachlers+ Leitung stand, ein ernstes, der Wahrheit dienendes
Organ war, jetzt aber in +Stöcker+sche Geistesregionen hinabgezogen,
den Kampf für den rechten Glauben und eine rechte Verlogenheit rüstig
wieder aufgenommen hat. Sie glaubt mich dadurch zu vernichten, daß
sie mich, ebenso wie es der gleich fromme »+Reichsbote+« tat, ihren
gläubigen Lesern und einer über Deutschlands Wohl wachenden Behörde als
einen Roten, einen Sinnesgenossen von Mehring vorstellt.
Wer nämlich nicht mit den bestehenden staatlichen Einrichtungen
einverstanden ist, nicht unduldsam, engherzig, kurzsichtig und
verlogen, wie jene Muckerblätter selbst, der ist ein Reichsfeind,
ein Umstürzler, ein Kulturschädling. Schade, daß die Scheiterhaufen
abgeschafft sind. Es sind dadurch diese treuen Diener Christi um die
schönsten Lebensfreuden gekommen.
Wenn sich meine Nerven im Dienste für die deutsche Jugenderziehung
abgenutzt haben, so sehe ich darin keinen entwürdigenden Vorwurf. Es
urteilen aber gerade so hart wie ich über unsere staatlichen Zustände,
zumal über unsere Schulen, junge, gesunde, blühende Männer von
ungeschwächter Nervenkraft. Ich werde gleich ein Pröbchen davon geben.
Wenn Hüter altbewährter Schulweisheit mir sagen, daß meine geistige
Kraft erschöpft, und ich nicht mehr im Stande sei, neue Gedanken zu
finden, so antworte ich ihnen: Neue Gedanken habe ich bei euch noch
niemals gefunden; ihr kaut nun schon seit hundert Jahren denselben
Brei, und daß meine Kraft noch nicht ganz erloschen ist, das sollt ihr,
wenn ich am Leben bleibe, an euren sog. Idealen und am eigenen Behagen
noch schmerzlich empfinden lernen.
Noch fühle ich Kraft in mir, vor allem die Kraft, Unwürdiges von mir
abzuschütteln und mir mein Leben nach meinen inneren Gesetzen zu
bauen. -- Und nun jenes versprochene Stimmungsbildchen eines jungen,
kerngesunden deutschen Mannes, der nicht Lehrer, nicht Vater, also
persönlich zunächst nicht interessiert ist. Wie er urteilen viele
Tausende deutscher Männer und Frauen mit und ohne Nerven.
Man lese also den Artikel von +H. Ilgenstein+ über »Mißhandelte
Volkserzieher«, um zu erfahren, wie man in aufgeklärten Kreisen über
die Geistesfesselung der Lehrer und Kinder denkt (»Blaubuch« 1906 Nr.
26):
-- -- »So sind gerade unsere Schulen wahre Brutanstalten für Heuchelei
und Verlogenheit. Doch wir wollen nicht mehr. Die Unsittlichkeit
eines freien Männern gegen ihre Überzeugung aufgezwungenen
Religionsunterrichts stinkt zum Himmel. Wer diese Einrichtungen in
Schutz nimmt, liefert seine Kinder Männern aus, die es für ersprießlich
halten, von ihren Untergebenen unsaubere Handlungen an Reinen und
Schuldlosen zu fordern.
Die Brüder im Herrn sagen natürlich: »Wenn der Lehrer nicht unsern
Glauben hat, so mag er gehen, wo der Pfeffer wächst; wir halten ihn
nicht. Das Vaterland ist weit, und derer, die an der Staatskrippe
sichere Futterstellen suchen und dafür gern ihr bißchen Überzeugung
drangeben, gibt es in Deutschland weiß Gott genug. Brauchen wir Männer
oder brauchen wir Beamte? Gott. Religion. Was für ein Unsinn, wenn
es sich um die Erziehung von Untertanen handelt. Ihr erklärt es für
unsittlich, mit der Gottessehnsucht werdender Menschen Schacher zu
treiben? Habt euch nicht! Wer sagt euch, daß wir Menschen brauchen?
Wir brauchen Knechte, Soldaten, Assessoren, Oberlehrer, Schulräte.
Wir brauchen Wesen, die befehlen und Wesen, die Ordre parieren.
Alles andere ist vom Übel. Was wollt ihr? Lehrer, die sich nicht als
Untertanen fühlen, können doch keine Untertanen erziehen. Müssen
wir, die Schulräte und Ministerialdirektoren, nicht auch den Pfaffen
gehorchen, die im Parlament jede neue Kanone streichen würden, wenn
wir euch nicht zwängen, bei den Werdenden immer wieder Reklame für sie
zu machen? Geben wir euch deshalb Hungerlöhne, daß ihr euch wie die
Reichen gebärdet, die es nicht nötig haben zu dienen? Was Gott ist, das
ist in den amtlichen Vorschriften klipp und klar für ewig festgelegt.
Wozu der Lärm? Wir verlangen nicht, daß ihr glaubt. Ihr sollt nur
andere glauben lehren. Im übrigen seht die Armee: wie herrlich klappt
es da mit unserm Gott: »Helm ab zum Gebet! ... Fertig!« ... Wer nicht
fertig ist, wird ins Loch gesteckt.
Viele -- sehr viele schon heutzutage -- ziehen es natürlich unter
diesen Umständen vor, ins Privatlehrerelend zu gehen oder, wenn es
nicht zu spät ist, sich nach einem anständigen Berufe umzusehen, wo sie
wenigstens vor sich selbst ehrliche Kerle bleiben können. Die meisten
aber fügen sich leider noch immer dem auf sie als Beamte ausgeübten
Zwange. Aber wer könnte ihnen daraus einen Vorwurf machen? Was soll
ein Philologe oder gar ein Elementarlehrer anfangen, wenn er von Ekel
erfaßt seinem unerfreulichen Berufe Valet sagt? Es kommt hinzu, daß es
draußen im praktischen Beruf jenseits aller Behörden durchaus nicht
als Empfehlung gilt, ein »gewesener Lehrer« zu sein. Man verbindet
eben durch die eigenen Beobachtungen, die man als Kind gemacht hat,
mit dem Lehrer unwillkürlich den Begriff persönlicher Unfreiheit,
Unselbständigkeit und nicht selten -- von der famosen Religionstunde
her -- den der Heuchelei. So muß der Volkserzieher in Voraussicht der
Not, die seiner harrt, sich vor den Karren der triumphierenden Pfaffen
spannen. Er mag mit den Zähnen knirschen. Er muß. Er wird geknebelt.
Die Pension ist der Köder, die den sonst Berufslosen gefügig macht.
So wird er, der uns den Menschen der Zukunft schuldet, zu einem der
gefährlichsten Bazillenträger der Reaktion. Von niemanden beneidet,
von keinen geliebt, von den Schülern gehaßt und betrogen, wie er die
Schüler betrügt, von der Gesellschaft als notwendiges Übel empfunden,
so übt er mit Ekel einen Beruf aus, der ihm als freiem Manne ein Stolz
und ein Gottesdienst wäre.«
»Übertreibung!« wird man ausrufen.
»Maßlose Übertreibung!« Mag sein. Doch es kommt hier auf die Stimmung
an und +die+ ist =echt=!
XI.
Der Beamte als Erzieher zur Mannhaftigkeit.
Bei der herrschenden Anbetung des Staates gilt unserem Volke der
berufsmäßige Diener des Staates als unentbehrlichste und würdigste
Person. Auch der Ehrgeiz des »kleinen« Mannes geht dahin, Beamter
zu werden. Es ist das »sichere« Brot, hat auch eine mit dem Amte
verbundene sichere Einschätzung und Würde. Der Deutsche trägt seine
Beamtenuniform gern. Es kommt ihm nie zum Bewußtsein, daß es eine
Tracht der Unfreien sei. Dem Staate dienen gilt ihm als höchste
und damit als ehrende Pflicht. Deshalb werden in Deutschland jetzt
diejenigen Tugenden am höchsten geschätzt, die ein tüchtiger Beamter
braucht. Gehorsam, Pflichttreue, Pünktlichkeit, Amtsverschwiegenheit,
Bescheidenheit, Zurückhaltung im politischen Leben, vorbildlich
kirchlicher Lebenswandel, +Korrektheit+. Wie man sieht, eine Reihe
trefflicher Tugenden, aber -- bei Licht besehen -- doch vorwiegend
Tugenden von Unfreien, eben von Bediensteten.
Der Beamte hat ein Amt, aber keine Meinung. Er hat seine Pflicht
zu tun, dafür wird er bezahlt und dienstlich befördert. Eigene
Meinungen hat er am besten für sich zu behalten, höchstens darf er
sie -- natürlich in angemessen bescheidenem Tone -- gegebenen Ortes
zur Begutachtung unterbreiten. Man sieht es aber nicht gerne, daß er
mit eigenem Kopfe denke. Am angenehmsten ist der Beamte, der seiner
Behörde am wenigsten Mühe macht, nie widerspricht, mit seiner Person im
verborgenen bleibt, Konflikte vermeidet, gefällige Berichte einreicht
und dadurch der Behörde bestätigt, wie doch so weise sie alles
eingerichtet hat. Die Staatsmaschine darf halt nicht knarren. Jedes
Rädchen hat geräuschlos einzugreifen. Wer sich dazu nicht eignet, der
kann gehen. Er ist ja nicht gerufen worden. Unentbehrlich ist keiner.
Verstanden? +Maximilian Harden+, der die deutschen Beamten wohl
genügend kennt, nennt sie Regierungskommis: boshaft, aber treffend.
Vom deutschen Beamten erwartet man, daß er sich im Dienste zuschanden
arbeite. Der »pflichttreue« Beamte kann übrigens auch nie genug
bekommen an Arbeit: er läßt sich geduldig, ja mit rührendem
Dankesblick, immer neue Bürden aufpacken. »Überbürdet« sind sie, wenn
man ihnen glauben darf, Mann für Mann. Der Staat, den ein Preußenkönig
selbst einen »Racker« nannte, ist gegen seine Diener unsagbar
anspruchsvoll. Er verlangt den ganzen Menschen. Dagegen hat schon Paul
de Lagarde lebhaft protestiert. Erst kommt der Mensch, der Gatte,
Vater, Freund, Bürger und dann erst der Beamte. Ich kann es nur als
unsittlich bezeichnen, wenn jemand mit Haut und Haar in seinem Dienste
aufgeht. Ich kenne Beamte, die nicht Zeit gefunden haben -- vor lauter
Dienstpflichten -- sich zu verlieben, zu heiraten und fortzupflanzen.
Das sind die Musterbeamten, die Wonne ihrer Vorgesetzten -- nur noch
Maschinen, höchst »tüchtig und brauchbar«. Schade, daß mit ihrem Leben
die Kette abreißt! Oder wollte Gott nicht, daß diese Menschengattung
sich auf Erden ausbreite? Dafür winkt ihnen aber auch in der Ferne
die Verdienstschnalle oder irgend ein bunter Adler. Der bekannte
Schulmann und pädagogische Schriftsteller Geheimrat +Wilhelm Münch+
erzählt einmal, -- ich zitiere aus dem Gedächtnis! -- er habe an einem
Handwagen einen Ziehhund mit so wunderlich scheuen Augen beobachtet.
Woher, fragte er sich, kenne ich nur diesen Blick? Ach richtig! Es
ist der Blick unserer Kanzlisten. Also »hündisch«? Κυνὸς ὅμματ' ἔχων
κραδίην ἐλὰφοιο (»Mit dem Blicke eines Hundes und dem Herzen eines
Hirsches«) würde Homer sagen.
Ein hoher Ministerialbeamter klagte einmal vor Freunden, daß ihm ein
Schuldirektor in unterwürfiger Haltung für die »Gnade« gedankt habe,
ihn »zur Audienz« zu empfangen. »Ich war froh,« schloß er seinen
Bericht, »wie der widerlich kriechende Mensch wieder zur Tür hinaus
war.« Aber, so frage ich, wer züchtet denn erst diese Demut? Ein
Regierungsrat G. erzählte mir, er habe endlich in heftigem Tone es sich
verbitten müssen -- da freundliche Vorstellungen nichts halfen --,
daß der »akademisch« gebildete Unterstellte täglich wie ein Pikkolo
durch den Museumssaal gelaufen sei, um ihm seinen Überrock aus- oder
anzuziehen. »Herr Doktor,« sagte er ihm, »es schickt sich das für einen
›gebildeten‹ Mann nicht, der auf sich hält.«
Als ich vor einem Jahre etwa vor einer Versammlung von
Volksschullehrern gegen den erschreckend überhandnehmenden
Bureaukratismus mit all seinen Schädigungen sprach, dabei auch der
unwürdigen Behandlung erwähnte, die sich der deutsche Lehrer von
seinem Vorgesetzten bieten lasse, trat ein Rektor auf und sagte unter
vielfachem Beifall: »Jedes Kollegium hat den Direktor, den es verdient.
Ich möchte meine Herren als meinesgleichen behandeln, aber sie dulden
es nicht. ›Herr Rektor vorn und Herr Rektor hinten‹, besonders eifrig
sind dabei die Damen im Lehrerkollegium, die möchten am liebsten für
jedes Löschblatt, das sie brauchen, erst den direktoralen Segen haben.«
Reichsgerichtspräsident +von Oehlschläger+ erzählte mir: »Ich hatte
einen jungen Lehrer zum Freund; er hatte meinen Sohn unterrichtet. Als
er nach Jahren wiederkam, hatte er seinen ›Doktor‹ gemacht und fragte
mich, ob er seine Dissertation seinem früheren Schulrat überreichen
solle. ›Gewiß, eine solche Aufmerksamkeit wird man Ihnen danken, zumal
Sie nicht mehr im Machtgebiete dieses Herrn wirken.‹ In Frack und
weißer Binde trat der Herr zur Zeit der Sprechstunde bei dem Schulrat
ein. ›Was wollen Sie?‹ donnerte es dem scheu Eintretenden entgegen.
›Nichts‹ war die Antwort und schleuniger Rückzug. Wir haben wohl auch
dann und wann einen groben Juristen, aber so etwas halte ich bei uns
doch für ausgeschlossen. So muß sich in Preußen nur der höhere Lehrer
behandeln lassen.«
Eine andere Geschichte: Ich machte bei dem liberalen und mir persönlich
bekannten Schulrat B. Besuch, um für einen Freund, der Direktor
werden wollte, Auskünfte zu erbitten. Ich kam natürlich auch, wie
zu einem Fürsten, im Frack und mit weißer Binde. Er fertigte mich
ruhig, sachlich -- aber +stehend+ ab. Zufällig traf ich abends seine
Schwägerin. Auf ihre Frage, wie mir's gehe, sage ich: »Schlecht, bin
heute von Ihrem Herrn Schwager unhöflich behandelt worden.« -- »Darf
ich ihm das wieder sagen?« -- »Ja, ich bitte darum.« Nach wenigen
Tagen: »Ich habe es meinem Schwager bei Tisch erzählt, als mehrere
Direktoren und Oberlehrer zugegen waren.« -- »Nun, und?« -- »Mein
Schwager schwieg nachdenklich, die anderen Herren aber entsetzten sich
über Ihre Anmaßung. Da hätte ein Schulrat viel zu tun, wenn er jedem
Auskunft erbittenden Oberlehrer einen Stuhl anbieten sollte.« Recht so,
meine verehrten Herren Kollegen! Ich wünsche Ihnen gute Karriere!
Als unser Kaiser den Herren Primanern zum Besuche einer Parade einen
Urlaub erteilte, den ihnen die Direktoren nicht gewähren wollten,
nahmen diese Herren diese Demütigung schweigend hin, ebenso wiederholte
Anordnungen der Polizei, die als unbefugte Übergriffe hätten abgewiesen
werden sollen, zumal von Männern, die mit Wärme die Verse deklamieren:
Si fractus illabatur orbis,
inparidum ferient ruinae.
In der Regel wird die Beamtenkriecherei begünstigt. Es liegt System
darin. Wir lesen ja allwöchentlich in Hardens »Zukunft« seine
gesammelten Byzantiaca.