nicht zu fürchten. Sie hat vielmehr alle Ursache, sich in hellem Jubel
zu freuen, je gigantischer die Naturforschung fortschreitet. Denn je
vollkommener die Menschheit die Natur erkennen lernt, um so mehr wird
der Kosmos seinen Zweck erfüllen, die Herrlichkeit dessen zu verkünden,
der den Himmel und die Erde erschaffen hat,« sagt der katholische
Theologie-Professor Dr. +Norbert Peters+ und wird dafür nicht
gemaßregelt. Natürlich glaubt auch jener Herr Direktor nicht an seine
Worte. Er meint nur dienstlich gebunden zu sein, die Jugend zu belügen.
Da sei ihm dann zum Nachdenken ein Wort des Theologie-Professors +Otto
Baumgarten+ empfohlen: »Alle anderen Ziele, auch das der Religiosität,
müssen dem der +Wahrhaftigkeit+ nachstehen« oder noch ein anderes
tiefes und wahres Wort, ebenfalls dessen herrlichem Schriftchen Ȇber
Kindererziehung« (Tübingen, J. C. B. Mohr. 1905, 80 Pf.) entnommen:
»Immer neu muß man die Wirklichkeit auf sich und seine Urteilsbildung
einwirken lassen, nicht korrigiert durch Wünsche, Gewöhnungen,
Vorurteile, überkommene Heiligtümer. Das gilt besonders gegenüber
Menschen, aber auch von Grundsätzen. ... Wer sich auf religiöse,
sittliche, soziale, politische Grundsätze mit jener Unentwegtheit
versteift, die sich als Gesinnungstüchtigkeit, Überzeugungstreue
preist, während sie absichtliche Borniertheit und Unzulänglichkeit
für neue Erfahrungen und Erlebnisse ist, dem fehlt die volle
Wahrheitsliebe, der Wirklichkeitssinn ... Dazu gehört, daß man stets
offen bleibt für neue Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen, daß man
unabgeschlossen zu jeder Überzeugung hinzusetzt: ›bis auf bessere
Belehrung‹, statt die neuen Eindrücke und Erfahrungen zu beugen und zu
biegen in die durch die Vorurteile vorgezeichnete Linie.«
Der Lehrer, der sich vor seinen Schülern jene direktorale Belehrung
gefallen lassen mußte, schwieg dazu und tat wohl recht daran, denn ein
Widerspruch hätte ihn schlecht bekommen können.
Ob es in ganz Deutschland wohl ein Lehrer wagen darf, vor der Klasse
an der Gottheit Christi zu zweifeln? Dabei weiß jedermann, daß unsere
liberale Theologie selbst von der Kanzel herab ihre neue Überzeugung
von dem Menschentum Christi predigt. In der Schule muß festgehalten
werden an dem Nicäischen Glaubensbekenntnis, das für die katholischen
und evangelischen Kirchen bis heute gleich verpflichtend ist. Danach
ist Christus »aus dem Wesen des Vaters, Gott von Gott, Licht von Licht,
wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gott +gezeugt+, nicht geschaffen,
mit dem Vater wesensgleich«. Dieser Zwang liegt nicht allein auf der
Volksschule. Ich frage aber, deckt sich das mit dem Glaubensbewußtsein
der deutschen Eltern?
Was würde wohl einem Primaner geschehen, der in seinem
Abiturientenaufsatze als seine ehrliche Überzeugung niederschriebe,
daß er an Engel nicht glaube, nicht an den Teufel, an eine »Jungfrau«
Maria, nicht an einen heiligen Geist, an eine unbefleckte Empfängnis,
an eine leibliche Auferstehung, an eine Wiederkehr Christi, an ein
Fortleben nach dem Tode? Wagt unter den hunderttausenden deutscher
Abiturienten auch nur einer eine solche »Ketzerei«? Man höre dann aber
die Studenten, wie geringschätzig sie über »Glaubensbekenntnisse«
sprechen, die sie als Schüler nachplappern lernten.
Selbständigkeit des Denkens lehren unsere Schulen nicht. Sie sollen
und wollen es gar nicht. Ich selbst habe mit angehört, wie in der
Eröffnungsrede einer Oberrealschule ein Vertreter der preußischen
Regierung mit einer vor Erregung vibrierenden Stimme und in dem Tone
strengster Vermahnung an die Lehrer seine Rede abschließend sagte:
»Und vor allem, meine verehrten Herren Kollegen, bewahren Sie die
Seelen Ihrer Schüler vor dem +Zweifel+!« Also nicht zweifeln, nicht
selbständig forschen lernen sollen die Knaben, sondern gehorsam --
+glauben+: das war der Grundsatz, der Fels, auf dem auch die moderne
Oberrealschule in Preußen auferbaut wurde. Ist wissenschaftliche
Selbständigkeit des Denkens mit diesem Gebote vereinbar?
Und nun gar -- volle Freiheit zu selbständigem Handeln? Daß ich nicht
lache! Fragt einmal unsere Schüler, +wie+ sie im Denken und Handeln
gebunden sind! Für die Universität freilich, die Paulsen wohl im
Sinne hatte, gilt sein Wort: in Beziehung auf unsere Schulen, die
Zwangsschulen im schlimmsten Sinne sind, wirken sie wie Spott. Ich
komme darauf später wieder zurück. Hier sollte nur ganz allgemein
gesagt sein, daß der »Gebildete« in Deutschland weit davon entfernt
sein kann, ein im Denken und Handeln selbständiger Mensch zu sein. Man
findet z. B. bei den akademisch Gebildeten die nur aus gedankenlosem
Nachschwatzen verständliche einmütige Bewunderung der »humanistischen
Bildung« und damit einen wahren Rattenkönig von ererbten Schulphrasen:
Humanität, formale Bildung, sittliche Größe des Altertums, Einfachheit
der antiken Lebensanschauungen und Lebensformen -- lauter leere Worte!
Ich kenne keine Zeit der Geschichte, in der die Menschen stärker
in oberflächlichen und mechanisch übernommenen Urteilen gesündigt
hätten. Die Menge der Eindrücke nötigt zur Hast. Jeder Mensch bekommt
seine Marke aufgeklebt, mit der man ihn für alle Zeiten abstempelt.
Ein falsches Urteil zu korrigieren, erscheint fast schon unmöglich.
Voreingenommenheit, nationale, kirchliche, soziale Beschränktkeit,
Parteifanatismus, Mangel an Arbeitskraft und an Selbstkritik,
Denkfaulheit und Unwissenheit, all diese Schwächen sind am Werke, ein
gerechtes Urteil zu hemmen. +Friedrich Hebbel+, der mit gelehrtem
Stumpfsinn sein Lebtag zu kämpfen hatte, sprach das Wort: Es wäre,
als ob die Leute statt des Gehirnes eine geballte Faust im Schädel
hätten. Früher lasen die Menschen wenig, aber lasen gründlich, früher
lernten sie in der Schule weniger, aber sie lernten ihre eigenen Sinne
gebrauchen. Unsere Schüler lernen jetzt viele Tausende kritischer
Urteile nachsprechen, ohne einen Versuch der Selbstprüfung. Man denke
nur an Lessings »dramaturgische Gesetzgebung«, die den Primanern
ebenso wie dessen Laokoon eine ganze Menge von Kunstwerken, zumal
französischen, als wertlos ein für allemal verleiden, ehe sie diese nur
zu sehen bekommen. Wo findet man heute noch selbständiges Urteil der
Schüler?!
Für Cicero erwärmt sich pflichtmäßig der Gymnasiallehrer, Voltaire
aber weist er ab unter Berufung auf Goethe, der ihm »Tiefe« absprach,
und unter Berufung auf Schillers Ausführung, »Voltaire habe als
Dichter kein Herz abgedruckt«. Dabei merkt man nicht, daß kaum zwei
bedeutendere Männer sich so ähnlich waren wie Cicero und Voltaire, nur
daß der Franzose den Römer unendlich und in jeder Beziehung überragt.
Die Phraseologie der altklassischen Humanisten hat vollständig
abgewirtschaftet. Man höre nur, was für einen leeren Wortschwall Männer
zur Verteidigung ihres alten »Idealismus« aufbieten! So nennt man
nämlich den mit altem Bücherstaub gefütterten Dünkel der »humanistisch
Gebildeten«.
Herr Prof. +M. Schneidewin+ rettete diesen Idealismus im »Tag« Nr.
463 mit folgender Stilblüte: Es ist eine »Erfahrung, daß die Wucht
der Vielseitigkeit des modernen Lebens und seiner tiefwühlenden und
hochtönenden Weise des Denkens und Redens kaum erträglich sein würde,
wenn der befreiende Durchblick auf die altklassische Einfachheit nicht
immer wieder das Verständnis des Verwickelten und Ungeheuren durch
Vergegenwärtigung der elementaren Lebenszwecke, die dem allen doch
zugrunde liegen, erleichterte«. In diesem Tone geht es natürlich noch
weiter. Man lese dazu die vernichtende Kritik, deren Dr. +Albert Gruhn+
dieses »hochtönende« und dabei seichte Geschwätz noch für würdig hält!
(»Blätter für deutsche Erziehung« 1906 Heft 7.)
Solange es sich nur um Kenntnis des Altertums handelt, ist jede Mühe
und jeder Aufwand berechtigt. Da mache ich selbst mit Freuden und Eifer
mit. Sobald man mir aber mit dem hohen sittlich-erziehlichen Wert des
Altertums für unsere Schuljugend kommt protestiere ich laut. Das ist
nicht echte Überzeugung, sondern traditionelle Phrase. Ja, die Päpste,
die den Horaz, Plautus, Terenz in der einen Stunde lasen, in der
anderen mit gleichem Behagen Boccaccio Dekamerone, die sich im Vatikan
schöne griechische Venusbilder aufstellten, denen war es ernst mit der
antiken Schwärmerei. Ebenso war es unserem Goethe und Schiller noch
ernst damit, jenem als er sang:
»Also, das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich begeistert,
Daß Martial sich zu mir auch, der Verwegene gesellt? ...«
diesem, als er sich nach den Zeiten zurücksehnte:
»Da man deine Tempel noch bekränzte, Venus Amathusia.«
Aber dem Gymnasialdirektor, der im Pastorenrocke umgeht, der für innere
Mission, für den Kampf gegen den Schmutz in Bild und Wort eintritt,
den »es stets tief geschmerzt hat, daß sich Goethe so weit vergessen
konnte, die Römischen Elegien zu dichten«, der nichts gelten lassen
will, was nicht »sittlich« ist, sittlich nämlich in dem Pastorensinne
gleichbedeutend mit keusch, der deshalb einen Rousseau, Voltaire,
Hebbel, Ibsen u. a. als unsittlich abweist und ihnen Kulturwert
abspricht, dieser Herr +kann+ die Antike nicht +ehrlich+ bewundern:
denn sein Horaz, sein Ovid, selbst sein Homer, sie alle sind ja in
seinem Sinne unsittlich und werden dadurch nicht besser, daß er seinen
Schülern die verfänglichen Stellen unterschlägt und ihnen den Horaz zu
einer Art heidnischen Kirchenheiligen macht.
Einen solchen Schwindel durchschaut sofort jeder noch nicht ganz um
seinen Verstand gebrachte Primaner. Jedenfalls nehme ich das zu seinen
Ehren an. Wer Horaz mit Traktätchenfrömmigkeit liest und das Gedicht
an Lalage, um daran den tiefen sittlichen Stand des jungen römischen
Kaiserreiches anschaulich zu machen, für den hat Horaz nicht gelebt.
Der würde sich eine solche geistige Mißhandlung ebenso energisch
verbeten haben, als wenn sich jemand daran gemacht hätte, auch an
seinem +Leibe+ eine solche Entmannung vorzunehmen.
Alle Sittlichkeitsbestrebungen in Ehren! Ich mache sie zum Schutze der
unmündigen Jugend selbst mit, aber dann auch reinliche Überzeugungen!
Dann weg aus der Schule mit der Verhimmelung antiker Sittengröße!
»Zwei Zungen stehen schlecht in +einem+ Munde.« (Walther.) Es ist mir
unmöglich geworden, Schriften, die im Geiste unserer alten Gymnasien
geschrieben sind, überhaupt noch zu lesen: Ein ewiges Wiederkauen der
Gedanken, die nun vor hundert Jahren die Begründer des Neuhumanismus --
damals mit ehrlicher Begeisterung -- vortrugen. Wie auf Regimentsbefehl
lieben diese Freunde des Gymnasiums alle mit gleicher Inbrunst und
gleichem Verständnisse den Homer wie den Plato, Sophocles, Cicero
und Horaz. Wenn Hunderte von Köpfen so uniform auf die Eindrücke
reagieren, so müssen von ihnen 90% gedankenlose Nachbeter sein. Zumal
wenn die Herren in ihrer Begeisterung gerade auch in die Geleise der
vorgesetzten Behörde geraten, dann regt sich bei mir die Befürchtung,
daß mehr Suggestion als eigenes Urteil sie leite. Voltaire, der von
Poesie mehr verstand, als ich und die Mehrzahl meiner Herren Kollegen,
stellte Tasso und Ariost über Homer, Pindar existierte für ihn nicht,
von dem lateinischen Altertum ließ er nur Horaz und Vergil gelten.
Schiller schrieb an Körner (1794): »Pindar hat mir nie behagen
wollen,« und Körner teilte diese Empfindung (vgl. Popper a. a. O.).
Der Franzose +Beyle+, ein selbständiger Kopf, schreibt: »Viele unter
meinen französischen Zeitgenossen bilden sich ein, die Werke Homers
und Racines, die Achilles und Agamemnon (die mich zum Gähnen reizen)
zu lieben; sie glauben sich selbst zu ehren, indem sie die Alten
bewundern. Was mich betrifft, so verliere ich nach und nach alle
Vorurteile, die auf der Eitelkeit der Jünglingszeit beruhen. Ich liebe
alles, was das Menschenherz schildert; aber das Menschenherz, das ich
kenne -- --.« Unsere Freunde des Gymnasiums denken mir zu uniform. Ihr
Zusammenschluß macht mir gar keinen Eindruck. Diese Männer kämpfen
für ihre Position nicht minder als für ihre Überzeugungen. Sie machen
auch auf das Publikum keinen Eindruck. »Natürlich!« sagt man sich,
»Fuhrherren treten auf gegen Einführung der Eisenbahnen, Bierbrauer
eifern gegen Erhöhung der Biersteuer, Gastwirte gegen Verschärfung
der Polizeistunde, Gymnasialdirektoren und ihr Anhang wirken für
Erhaltung des Gymnasiums.« Diese Herren haben vielfach keine eigene,
selbsterworbene Überzeugung, ja, was viel ärger ist, sie wollen sie
nicht einmal andern Menschen zugestehen. Sie stellen an Andersdenkende
das Ansinnen, zu schweigen oder sich ihnen unterzuordnen; sie meinen,
wer ihre sog. Ideale nicht teile, dürfe an einem Gymnasium nicht
unterrichten. Da gestatte ich mir doch die ernste Frage: »Glauben
denn all diese unduldsamen Herren an das in ihren Schulen gelehrte
Christentum? Machen sie nicht alle die Andachten feierlich mit, über
die sie in den Pausen witzeln?« -- Ich bitte um Antwort.
Ich will Zeugnisse gegen das humanistische Gymnasium aus der Blütezeit
anführen. +Häckel+ sagt: »Wahre Bildung besteht nicht in totem Wissen
und leerem Gedächtniskram, sondern in lebendiger Entwicklung des
Gemütes und der Arbeitskraft. Darum aber fehlt so oft den Studierenden
und zumal den Hochgelehrten, was man mit Recht den gesunden
Menschenverstand nennt. Sie stehen dem Leben meist ratlos gegenüber und
befänden sich etwa in der Lage eines Soldaten, der, von einem Feinde
angegriffen, erst in seinem Exerzierreglement nachschaut, was er zu tun
habe. Fast alle bedeutenden tatkräftigen Männer haben ein beschränktes
Wissen gehabt. Die Wissensdressur schwächt ebenso den Geist wie den
Willen und macht aus dem Schüler in den meisten Fällen einen guten
Räsonneur nach Art Hamlets und sehr oft einen boshaften Jago.« Ein
anderer Greis, Geh. Justizrat L. +Passage+, zitiert diese Worte mit
Zustimmung und sagt dazu: »Das damalige Gymnasium (um 1840) mit seiner
pedantischen Härte, ein wahres Fegefeuer der Jugend, doch ohne dessen
reinigende Kraft; eine wohlorganisierte Anstalt, in der so viele Jungen
körperlich und oft auch geistig ruiniert wurden. Denn man belastet
nicht ungestraft sein Gedächtnis mit totem Wissen; es nimmt dem Geiste
alle ursprüngliche Kraft und entfernt das ganze Leben und Denken von
der Natur.«
Nichts seltener bei unseren »Gebildeten« als selbständiges Denken.
Selbst unsere Studenten laufen einfach im Trott mit.
Jetzt endlich, wohl zum Teil durch Anregungen von außen her, regt sich
bei ihnen der Wille, ihr Leben gleichsam selbst in die Hand zu nehmen.
Zu meiner Studentenzeit war man einfach der Sklave alter Sitten und
Anschauungen; wer sich dem Sauf- und Raufzwang nicht fügen wollte, war
vor Insulten nicht sicher.
Wir machten natürlich mit, heulten mit den Wölfen, obschon wir uns
sagen mußten, daß diese »Bildung«, die sich mit wüstem Saufkomment
verträgt, keine wahre Menschenhöhe bedeutete. Wie der Simplizissimus
lehrt, ist sie dem niederen Volke nicht weniger als den wirklich
»erzogenen« Menschen schon zum Gespött. Diese ›Bildung‹, die für
viele schon mit dem Einjährigenzeugnis abschließt, schafft uns
heute schwerlich noch den vorbildlichen Manneswert. -- Der deutsche
Universitätsprofessor ist verwöhnt: er sieht sich gern als die Blüte
Deutschlands gefeiert. Er nimmt auch bis an unsere Zeit heran in
Romanen und auf der Bühne eine Ausnahmestellung ein. Der Fachmann aber
kann nie allgemeingültiges Vorbild werden. In den letzten Jahrzehnten
haben auch der Künstler und der Industrielle dem Gelehrten empfindlich
Konkurrenz gemacht: das Bildungsideal hat sich gewandelt. Man scheint
bei ihm gerade die rechten Mannestugenden zu vermissen. Wer in das
Kleinleben der Universitäten und in den Kleinkrieg der akademischen
Literatur tiefere Einblicke getan hat, dem schwindet auch manches
von dem Nimbus, mit dem sich die Vertreter der freien Forschung
zu bekleiden wußten. Auch da wird mit Wasser gekocht. Auch da oft
geschwiegen, wo es Mannespflicht wäre, den Mund weit aufzutun. Wir
haben auch unter den Akademikern schon zu viele gesehen, die sich in
entscheidenden Fragen laudabiliter unterworfen haben.
Der Gelehrte ist eben bei uns zugleich in erster Linie +Beamter+. Damit
kommen wir auf einen Typus, der heute in Deutschland herrschend und
tonangebend ist.
Gewiß, der Gelehrte hatte und hat in Deutschland nach wie vor einen
mächtigen Einfluß. Solange unsere Lehrer ihren Stolz darin suchen,
Gelehrte zu sein, nehmen sie an dieser Stellung ehrenden Anteil.
Aber unser Lehrerstand ist noch jung. Er hat noch seine Not, sich
selbständig neben dem der Offiziere und Juristen zu behaupten,
hat keine alten gefestigten Formen und Anschauungen, die ihn im
öffentlichen Urteil schützen, hat kein äußeres Ansehen, keine
äußere Macht als Erbe empfangen: fast muß ein jeder Lehrer in der
Öffentlichkeit sich seine geachtete Stellung erst selbst erkämpfen,
die man dem jungen Leutnant oder Juristen als selbstverständlich
einräumt. Deshalb jetzt der Zusammenschluß der Lehrer. Sie wollen
durch Massenwirkung, durch eine Vertretung ihrer Standesinteressen
den Wert jedes einzelnen heben, deshalb vor allem auch ihr Streben
nach +Beamtenqualität+. Ob das ein richtiger Weg ist? Je mehr die
Standes-Kasten- und Herdentriebe gepflegt werden, um so leichter
versinkt der einzelne in der großen Masse, um so weniger wird er
Lust und Beruf in sich verspüren, seine +Eigenart+ zum Durchbruch zu
bringen. Parteiwesen, Kasten-, Cliquen-, Trustwirtschaft -- all diese
Zusammenschlüsse sind die Pflege des Besten, der Persönlichkeit,
feindlich. Dem Lehrerberufe, in dem +nur+ der Mann in seiner Eigenart
Großes vermag, ist diese Entwicklung und Pflege des Standesbewußtseins
zunächst wohl nötig, auf die Dauer aber gewiß von Schaden. Alle großen
Lehrer waren Eigenbrodler. Geist läßt sich nicht uniformieren oder zu
gleichen Rationen auf Tausende verteilen. Auch hier gilt das stolze
Wort: »Selbst ist der Mann!«
Man wird auch beobachten, daß die zur Vertretung ihrer
Standesinteressen vereinigten Berufsarten den einzelnen Mann, der
eigene Gedanken und Ziele verfolgt, nicht schützen, sondern lieber als
Sonderling fallen lassen oder gar verfolgen. Wo Majoritätsbeschlüsse
entscheiden, da gedeihen keine selbständigen Köpfe, noch weniger aber
da, wo Gesinnungen und Leistungen amtlich vorgeschrieben werden.
An Stelle der gelehrten Bildung müssen wir in der Erziehung die
+Mannhaftigkeit+ als Ziel setzen.
X.
Fragen ans Gewissen.
»Sagen Sie, Herr +Professor Gurlitt+, Sie sind doch selbst klassischer
Philologe: Können Sie es mit Ihrem Gewissen verantworten, daß Sie in
dieser Weise gegen die Schule eifern, der Sie Ihre eigene Ausbildung
verdanken, an der Sie selbst mehr als 20 Jahre gewirkt haben? Können
Sie das?«
»Ja -- kann ich!«
»Wissen Sie denn, daß Herr Geheimer Regierungsrat Dr. +Matthias+,
Vortragender Rat im Ministerium, den Sie doch selbst so sehr schätzen,
wissen Sie, daß der Ihr Treiben verurteilt?«
»So? Tut mir leid. Mir hat er nichts derart gesagt. Im Gegenteil. Er
hat mir zu dem Erfolge meiner ersten Broschüre Glück gewünscht und sie
in seiner Monatsschrift warm besprechen lassen.«
»Wissen Sie nicht, daß er von ›literarischen Sturmvögeln‹ schrieb, die
sich nicht scheuten ins eigene Nest zu hofieren?«
»Ja, das habe ich einmal gelesen, aber nicht auf mich bezogen.«
»Aber es geht auf Sie. Man ist ermächtigt worden, Ihnen das zu sagen.«
»Man? -- wer ist das? Wer ist dieser Mann, der zu solchem Botendienste
sich hergeben könnte? -- Zudem -- nein! unmöglich! So spricht kein
hochgestellter preußischer Beamter zu einem ohnmächtigen Unterstellten!
Der hat andere Mittel, ihm seinen Willen und sein Urteil kund zu tun.
Wird wieder gelogen sein, wie so vieles heute.«
»Ja, aber wie wollten Sie sich gegen dieses Urteil, falls es wirklich
auf Sie gemünzt wäre, rechtfertigen?«
»Höchst einfach! +Erstens+ ist das Gymnasium nicht mein Nest -- nie
gewesen. Sie könnten mit gleichem Rechte einem Gefangenen sagen, er
solle sein Nest, nämlich das Gefängnis, ehren. Ich +mußte+ in das
Gymnasium gehen, weil mich meine Eltern dort hinschickten und weil ich
sonst in Deutschland nichts hätte erreichen können. Es hat aber niemals
ein Mensch danach gefragt, ob ich in diesem angeblichen Neste mich
irgend wohl und warm gebettet fühlte. Mein +Nest+? Sonderbar! Mein Nest
ist mein Elternhaus, -- auf das lasse ich nichts kommen. Mein Nest ist
mein Vaterland, dem ich in Treue diene.
Als ich Lehrer wurde, dachte ich in meiner Einfalt, man könnte da nach
eigenen Überzeugungen leben und wirken, dachte nicht, daß in diesem
Neste Gesetze herrschen, so streng und unausweichlich wie auf dem
Kasernenhofe. Aber auch hier ist es in 25 Jahren niemals irgendeinem
Menschen eingefallen, mich zu fragen, wie es mir denn in meinem sog.
Neste gefalle. Ich würde ihm geantwortet haben: ›Sehr mäßig‹.
Ich bin dem Gymnasium entwachsen. Ist das so schwer zu verstehen? Muß
ich heute noch Hoffnungen und Überzeugungen hegen, die vor 30 Jahren
mein Tun bestimmten? Habe ich nicht über meine innere Entwicklung
ehrlich Rechenschaft abgelegt? Bin ich denn auf irgendeine Schulgattung
eingeschworen? Was für eine Philisterei, von mir zu verlangen, daß ich
mein Lebtag überzeugter Gymnasiast sein und bleiben müsse! Hat sich
nicht ringsum die ganze Welt gewandelt? Mich geht Deutschland und die
deutsche Jugend an, die Schulgattungen aber als bloße Mittel zum Zwecke
sind mir Nebensache.
+Zweitens+: Von Beschmutzen kann gar keine Rede sein. Wohl aber
erlaubte ich mir, darauf aufmerksam zu machen, daß in dem schönen Nest
viel alter Unrat liegt, und daß es hohe Zeit wird, den alten Schmutz
hinauszuschaffen, sonst könnte man mit dem ›Simplizissimus‹ sagen und
singen:
›Zum Teufel, wenn nur der Haustürknopf vorne blinkt,
Was schadet's, wenn die Senkgrube hinten rinnt und stinkt?!‹« --
»Aber, lieber Gurlitt, immer wieder dieselben maßlosen Übertreibungen!
Ich hatte gedacht. Sie hätten sich jetzt gründlich erholt und Ihre
Nerven beruhigt!«
»Danke, ja! Fühle mich wieder recht frisch und kampfeslustig. Ich
übertreibe aber gar nicht.«
»Ja doch, schauderhaft übertreiben Sie, jedes Wort ist eine
Maßlosigkeit.«
»So? Na, dann antworten Sie mir einmal auf zwei Fragen. Aber, bitte,
offen und ehrlich, unerbittlich wahrhaftig!«
»Nun, das wäre?«
»+Erstens+: Erziehen unsere Schulen, wie die englischen, zur
Wahrhaftigkeit? Ja oder nein? In England ist ein Schüler +geächtet+,
der +einmal+ lügt. Ist das bei uns ebenso?«
»Jedenfalls erstrebt --«
»Bitte, keine Ausflüchte: ja oder nein? Ist der deutsche Abiturient
stets ein Jüngling von unbedingt gefestigter Wahrhaftigkeit? Ja oder
nein?«
»Allerdings -- -- nein!«
»+Zweite+ Frage: Erziehen dieselben Schulen -- wie in England -- zur
Mannhaftigkeit? Ja oder nein? Wäre es der Fall, so müßten wir doch in
Deutschland Millionen mannhafter Männer haben. Haben wir das? Gehen bei
uns die Geraden, Verläßlichen, Tapferen, Unentwegten, Selbständigen,
die echten, schlichten Persönlichkeiten von sicherem Selbstgefühl und
von klarem Willen millionenweise um? Ja oder nein?«
»Nein!«
»Also, so folgere ich wohl mit Recht, ist unsere Erziehung in der
Schule falsch! Wenn eine Einrichtung gerade +das+ nicht erreicht, was
sie erreichen sollte, dann taugt sie nichts. Dann wäre es vielleicht
sogar verdienstlicher, in dieses Nest hinein zu hofieren als neue
Blumen darin aufzuhäufen, nicht wahr? Na, -- ich will Ihnen die Antwort
lieber erlassen.
Noch eins: Philologie und deutsche Jugenderziehung sind völlig
getrennte Begriffe. Ich bin gerne klassischer Philologe, wünsche meiner
Wissenschaft eine starke, blühende Entwicklung auf den Hochschulen,
nicht aber in den Knabenschulen. Wissenschaften gehören auf die
Universität.
+Hofieren!?+ -- das ist kränkend, ehrenrührig und zwingt mich zur
Abwehr: