zu schicken wissen, aus Opportunitätsgründen in Deutschland die
Friedensschalmei. »Wir wollen die soziale und konfessionelle
Versöhnung. Ja, wir würden es als einen der größten Erfolge unserer
Generalversammlungen betrachten, wenn wir ein Zusammengehen mit unseren
protestantischen Brüdern, soweit sie auf dem Boden des positiven
Christentums stehen, erreichen könnten.« Kein Wunder, daß ihnen bei uns
zulande besonders wohl ist, da auf dem Boden unserer Luther, Goethe,
Schiller und Bismarck jetzt -- Gott sei's geklagt! -- Zentrum +Trumpf
ist+. An ihren Grundsätzen aber haben sie trotz dieser versöhnlichen
Worte nie etwas geändert. Das Hoch auf den Papst wird natürlich stets
vor dem auf den Kaiser ausgebracht, das Telegramm an den Kardinal ist
viel wärmer und ehrfurchtsvoller als das an des Kaisers Majestät, in
den Ostmarken fährt der Klerus fort, durch Kinder- und Weiberverhetzung
jede Kulturarbeit des germanisierenden Staates zu vereiteln; in Bayern
stimmte die katholische Partei gegen den nationalen Liberalismus im
Bunde mit der Sozialdemokratie und auch sonst bleiben die leitenden
Grundsätze sich stets gleich. Wenn in Essen auch geeifert wurde gegen
die Sozialdemokratie, gegen den Absolutismus der Massen, der von
Freiheit redet und die Freiheit gerade derjenigen beschränkt, die von
der Freiheit den richtigsten Gebrauch machen würden. »Solange aber«,
so wurden wir getröstet, »das katholische Volk sich im öffentlichen
Leben betätigt und für eine richtige parlamentarische Vertretung
sorgt, so lange braucht das deutsche Volk nichts zu befürchten für
seinen Bestand und für seine wirtschaftliche Ordnung, so lange können
die Regierungen unbesorgt sein, weil dann die sozialdemokratischen
Bäume nicht in den Himmel wachsen.« Fistula dulce canit -- --!
Trotzdem bleibt es dabei: Erst die Kirche, dann das Vaterland! --
»Mögen die Katholiken stets eingedenk sein, daß zur Erteilung und
Beaufsichtigung des Religionsunterrichts nur die Kirche befähigt
ist!« -- »Es galt, die Konfessionsschulen gesetzlich festzulegen,
deshalb haben wir schließlich dem Gesetz, als es vom Herrenhaus
zurückkam, zugestimmt.« -- »Die deutschen Katholiken müssen mit den
Katholiken der ganzen Welt nach wie vor den Anspruch aufrecht erhalten,
daß ihr höchstes kirchliches Oberhaupt, der Papst, eine volle und
wirkliche Unabhängigkeit und Freiheit genieße, welche die unerläßliche
Vorbedingung für die Freiheit und Unabhängigkeit der katholischen
Kirche ist und können diese Freiheit und Unabhängigkeit erst dann als
verbürgt ansehen, wenn ein Zustand hergestellt sein wird, dem auch der
Papst selbst seine Zustimmung hat geben können.«
+Friedrich der Große+ wußte, wohin ein solcher Kurs führt. Der Kampf
gegen die Hierarchie galt ihm als sein +vornehmster+ Herrscherberuf.
Man widerspricht mir? Nun, so höre man ihn selbst: »Meine
+Hauptbeschäftigung+«, schreibt er am 16. Sept. 1770 an Voltaire,
»besteht darin, daß ich die Vorurteile bekämpfe und die Köpfe
aufkläre,« und am 30. Dezember 1775 schrieb er schon mit größerer
Zuversicht an d'Alembert: »Zusehends vermindert sich der Aberglaube.
Währt dies nur noch kurze Zeit, so werden die Mönche aus ihren Klöstern
zurückkehren und die Vernunft wird sich am hellen Tage zeigen können.
Gute Bücher haben endlich den Star gestochen, der die Augen der Pfaffen
verfinsterte. Sie schämen sich ihres unsinnigen Gottes und arbeiten
heimlich am Sturze des Glaubens.«
Die Kirche +will+ gar nicht »Männer« erziehen. Ihr sind gläubige
Weiber, selbst die ältesten Spittelweiber und Almosenempfängerinnen,
gleich willkommen. Sie zählen nur nach Seelen. Je demütiger und
vernichteter die Seele ist, um so besser ist sie, um so lenksamer und
widerstandsloser.
Ich hörte einmal auf einer Dampferfahrt nach Rügen, wie ein
protestantischer Geistlicher einer trauernden Witwe sagte: »Gott
arbeitet am liebsten mit gebrochenen Herzen.« Es ist zwanzig Jahre
her, aber ich habe es nicht vergessen. »Mit gebrochenen Herzen«, mit
geknickten Persönlichkeiten, mit Lebensmüden und Gescheiterten. Bei
diesen findet dann der Geistliche auch seine segensreiche Wirkung. Man
lehre uns einen Gott der Gesunden, Frohen, Tapferen und Stolzen! Man
zeige uns eine Kirche, in der die Kühnsten ihre größte Erhebung und
Stärkung erleben!
+Ein+ Luther wiegt für die Kulturarbeit eine Million frommer
Kirchenhämmel auf. Aber die alte Kirche konnte ihn nicht brauchen,
weil er eine Persönlichkeit war. +Eduard Goldbeck+ sagt sehr treffend
von der »schwarzen Garde« und ihrer Gefolgschaft, die in Essen, 43 000
Mann stark, das Opfer ihres Intellektes zur Schau stellte: »-- --
Verständnis ist vom Übel, denn vom Verständnis zur Kritik ist nur ein
Schritt. Hier weiß jeder: individuelle Anschauungen sind gleichgültig;
hier wäre Persönlichkeit nur schädlich; es gilt sich selbst aufzugeben,
in der Gesamtheit zu ertrinken -- der Machtrausch trägt alle auf
ungeheurer Woge dahin -- --«
»Wollt ihr in der Kirche Schoß
Alle Gläubigen versammeln,
Macht die Pforten weit und groß,
Statt sie ängstlich zu verrammeln!«
Das hat Geibel, der Protestant, gesagt, aber er hat es nicht für die
Protestanten gesagt. Von dessen Gewaltigen hören wir nur, wenn sie
Scheiterhaufen schichten. Der Katholizismus ist klüger; nie hat man in
seinem Reiche so laut die Duldsamkeit preisen hören wie dieses Jahr
in Essen.« Leider hat, wie ich eben (12. Sept.) lese, nun auch unser
Kaiser sich diesen Gedanken zu eigen gemacht und als sein Programm
öffentlich verkündet: »-- unter Zusammenschluß der Konfessionen, dem
Unglauben zu steuern«.
In diesem Bunde unserer Staatsgewalt mit den konservativ-klerikalen
Mächten sehen wir mehr Linksstehenden die schwerste Gefahr für
Deutschlands Zukunft. Dieser Bund macht uns zu »+Schwarzsehern+«,
dieser Bund wird uns nicht Männer erziehen, sondern wird uns entkräften
und lähmen: es sei denn, daß im +Widerstande+ gegen ihn neue Kräfte
in unserem schon tief erregten und nach Befreiung schmachtenden Volke
erstehen. Der Schwerpunkt der Weltgeschichte ist seit Jahrhunderten auf
der Flucht vor Rom. Die Linie führt aus Italien über Wien, Wittenberg
nach Berlin, und leider jetzt nach London und Nordamerika. Wenn
Deutschland aufhört, der Hort freier Forschung und die Pflanzstätte
auf sich selbst gestellter unabhängiger Persönlichkeiten zu sein,
dann können uns weder Kanonen noch Kriegsschiffe vor dem kulturellen
Rückschritt und damit auch vor politischer Machteinbuße bewahren.
Dieses war schon geschrieben, als ich in der »Kölnischen Zeitung« an
leitender Stelle einen noch viel schärferen Widerspruch gegen das neue
Regierungsprogramm las. Das Blatt sagt:
»Die Liberalen, die in der monarchischen Grundlage die Gewähr des
Bestandes und der gedeihlichen Entwicklung unseres Staatswesens
erblicken, würden sich einer Pflichtversäumnis schuldig machen, wenn
sie es unterließen, zu solchen Kaiserreden in voller Klarheit und,
wenn nötig, mit gebührendem Respekt als Sr. Majestät allertreueste
Opposition Stellung zu nehmen. Gerade in diesen Kreisen wird der
warme Appell des Kaisers an die Mithilfe jedes einzelnen im Volke,
die Mahnung daran, daß so wie er jedermann die Pflicht habe, für das
Wohl des Vaterlandes zu arbeiten, freudigen Widerhall finden, aber
die +Mißdeutung+ der +Kaiserworte+ wird beginnen, wenn es gilt, das
Mittel, das der Kaiser dazu angibt, zu benützen. Der +Zusammenschluß+
der +Konfessionen+ zur +Bekämpfung des Unglaubens+ klingt, vielleicht
unbeabsichtigt, an einen der hauptsächlichsten Programmpunkte des
eben erst verhallten Essener Katholikentages an, wo ein solcher
Zusammenschluß als ideale Zukunftstaktik des Ultramontanismus gepriesen
wurde. Sollte der +politische Konfessionalismus+ -- katholischer oder
protestantischer oder beide im Bunde -- das Breslauer Kaiserwort
dahin auslegen, daß er berufen sei, als +Macht im Staate+ zu gelten,
so lehnen wir von vornherein diese Deutung ab und werden sie auf das
entschiedenste selbst dann bekämpfen, wenn das kaiserliche Schild
sie decken sollte, denn wir erblicken in diesem Konfessionalismus,
vor allem im katholischen, wie ihn der Ultramontanismus politisch so
erfolgreich verkörpert, einen der +schlimmsten Feinde+ des +nationalen,
modernen Staates+; er ist mit diesem staatsrechtlich schlechterdings
nicht zu vereinbaren, und da, wo er es praktisch versuchen sollte, muß
er der Bahnbrecher der Sozialdemokratie und Revolution werden.« Sehr
richtig!!
IX.
Der Gebildete.
Der deutsche »Ehrenmann« ist neben dem Gentleman ein achtbarer
Philister, der »Kavalier« ein Mann von Standesdünkel und Standesenge,
speziell der österreichische Kavalier, zwar von gefälligsten
Formen und von großer Liebenswürdigkeit, aber oft ein Mann ohne
Grundsätze, Lebemann, bei dem Volke beliebt, weil leichtlebig und
gut zum »Hochnehmen«, auch bei aller Lustigkeit oft schon unterwegs
zum Bankrott. Der österreichische junge Aristokrat hat jetzt das
ganz unglaubliche Bestreben, »décadent« auszusehen. Die Witzblätter
übertreiben nicht, wenn sie ihn, wie eine Vogelscheuche, mit krummem
Rücken, schlappen Beinen, Hängelippe und müden Augen darstellen. Das
ist jetzt das Modernste und Eleganteste. Als ich einen jungen Offizier
fragte, wie es meinem ehemaligen Schüler, einem blühenden Bürschchen
von damals zwölf Jahren, gehe, sagte er im vollsten Ernste: »Ein
vornehmer, décadenter Kavalier!«.
Bei uns will der junge Mann »forsch« sein, will für einen Leutnant in
Zivil gelten. Deshalb Brust raus, Nase hoch, Beine stramm durchgedrückt
und den stolzen, unzufriedenen Mann gespielt, auf daß man denke, er sei
aus einem hohen Haus oder doch von einem feinen »Rement«. So bei den
Hohen und denen, die gesellschaftlich hoch hinaus wollen.
Der »bessere« Bürger aber erstrebt »Bildung«. Der schlichtere
Bürgersjüngling will ein +gebildeter Mensch+ sein. Das ist heute bei
uns wohl das am meisten begehrte Erziehungsergebnis. Das Höchste ist
ein +Gelehrter+ und +höherer Beamter+. Man sieht daraus, daß wir den
Stolz, ein Volk der Denker zu sein, tief in der Seele tragen.
Uns fehlt bis heute ein rechtes Wort für die Summen von Eigenschaften,
die das Wesen eines echten deutschen Mannes ausmachen. Das ist
ein großer, sehr schmerzlicher Mangel. Am besten paßt eben noch
»+Mannhaftigkeit+«, nur daß wir diese nicht für uns Deutsche allein in
Anspruch nehmen dürfen.
Die Römer erzogen ihre Knaben und Jünglinge zur virtus. In der Schule
lernen unsere Kinder, daß virtus Tugend bedeute. Eine vollgültige
Übersetzung ist das nicht, wie sich ja überhaupt Wörter der einen
Sprache fast nie getreu in die einer anderen übersetzen lassen. Es sind
nicht konzentrische Kreise, sondern Kreise, die sich schneiden. Tugend
ist weniger und etwas anderes als virtus. Tugend ist stammverwandt mit
taugen, bedeutet zunächst Brauchbarkeit. Unser Volk, jahrhundertelang
arm, hatte für Müßiggänger keinen Raum. Nur der tüchtige, brauchbare
Mensch genoß Achtung. Und das ist bis heute trotz des gesteigerten
Wohlstandes gottlob so geblieben. Unsere Erziehung sieht immer noch
mehr auf den handgreiflichen Erfolg, auf die Tüchtigkeit zum Erwerb
und zur Arbeit überhaupt, als auf die Entwicklung allgemein männlicher
Vorzüge. Unsere Schulen sind noch mehr Lehr- und Lern- als Bildungs-,
zumal Charakterbildungsstätten. Früh hat übrigens unter dem Einflusse
der Kirche das Wort Tugend bei uns einen etwas weichlich-sentimentalen
Sinn angenommen, so daß heute einer als »tugendhafter« Jüngling fast
mit einer spöttischen Empfindung benannt wird. Man denkt dabei leicht
an einen Mangel an männlicher Kraft, denkt etwa an christlich-sittliche
Jünglingsvereine. Ein junger Offizier, der auf sich und seine Ehre
hält, würde schwerlich dulden, daß man ihn »tugendhaft« nenne. Um den
Ruhm der virtus bewarb sich aber jeder Römer, selbst der Anhänger
der jeunesse d'oré. Virtus ist Mannesart, virtus umfaßt alle die
Eigenschaften, die nach römischem Begriffe das Wesen eines echten
Mannes ausmachen, Tapferkeit, Beharrlichkeit, Ruhe, Kraft und Stolz.
Der Begriff mag im Laufe der Jahrhunderte in seinen Grenzgebieten
auch geschwankt haben, aber im Kern blieb er allezeit unverändert.
Die Mannestugenden, die das zähe Bauernvolk, das einen gefaßten Plan
nicht wieder fallen ließ -- propositi tenax, wie Horaz sagt --, zur
Weltherrschaft geführt hatten, ehrte selbst der décadente Epigone, der
sie selbst nicht mehr aufbringen konnte. Ein solches Erziehungsideal,
das von dem ganzen Volke anerkannt und angestrebt wird, ist, wie wir
auch von Rom lernen, ein nationaler Schatz von unberechenbarem Werte.
Der akademische Lehrer, der zugleich in der Regel selbstforschender
Gelehrter ist, nimmt unter den Erziehern zur Wahrhaftigkeit und damit
Mannhaftigkeit -- beides ist fast identisch -- den ersten Platz ein.
»Sein schönstes Vorrecht ist es, daß er nicht nur durch sein Wissen,
auch durch seine Persönlichkeit die Seelen der nächsten Generation
adelt.« (G. Freytag, Verlorene Handschrift, Bd. 2, S. 80.) Jedes
ehrliche Streben nach Erkenntnis schafft neue sittliche Werte. Es
ist einerlei, woran ein Forscher arbeitet, ob an der griechischen
Grammatik, an der Textkritik eines alten Kirchenvaters, ob an
geologischen Problemen, an Erforschung der kleinsten Lebewesen oder
den Wundern des Sternenhimmels. Jede Arbeit, die der wahren Erkenntnis
dient, trägt ihren Wert und Adel in sich selbst. Deshalb ist aber
auch ein Gelehrter, der ein anderes Ziel als die Wahrheit kennt, ein
Widerspruch in sich. Deshalb kann die Wissenschaft keinerlei Fesseln
ertragen. Wer sie einschränkt, etwa durch Dogmen irgendwelcher Art,
durch staatliche oder kirchliche Rücksichten, der geht ihr ans Leben.
Eine unfreie Wissenschaft hört auf, Wissenschaft zu sein. Wer über sich
einen höheren Richter kennt, als sein wissenschaftliches Gewissen, in
dem sich ihm alles offenbart, was göttlich im Menschen ist, der mag
ein Ehrenmann, ein Glaubensheld, ein Meister in allen erdenklichen
Fertigkeiten und Künsten sein, ein Mann der Wissenschaft ist er nicht.
Es gibt auch eine dichterische, künstlerische Wahrheit, auch natürlich
eine Wahrhaftigkeit des Glaubens. Niemand hat ein Recht, an der
subjektiven Treue ihrer Äußerungen zu zweifeln. Wenn sie sich aber dem
wissenschaftlichen Beweise, in den Naturwissenschaften dem Experimente,
in der Mathematik der Berechnung, in der Geschichte dem Quellenstudium
und Zeit- und Sprachkenntnis entzieht -- dann ist es eben keine
Wissenschaft mehr. Man muß diese Gebiete des Wissens und Glaubens
reinlich scheiden, darf uns aber nicht, wie das alltäglich geschieht,
Glaubenssätze als Wissen anpreisen. Ich habe es schon wiederholt
ausgesprochen, daß es objektive Heilswahrheiten in keiner Religion
gibt, wohl aber subjektive Glaubenswahrheiten, daß Dogma »Meinung«
bedeutet, nicht aber Wissen.
Nur in unserem innersten Wesen, das wie alle Natur ein Teil des
Göttlichen und zugleich die höchste Offenbarungsform des Seins ist,
tragen wir unseren Richter. Die Wissenschaft ist also selbstherrlich,
ist eine Königin, niemandem dienstbar. Im Mittelalter meinte man, alle
anderen Fakultäten seien Mägde der Theologie. Davon sollte heute nicht
mehr die Rede sein können. Aber noch immer maßt sich die Kirche über
sie Herrenrechte an. Noch immer glaubt auch der Staat berechtigt zu
sein, die Wissenschaften und ihre Arbeiter zu überwachen, damit die
Forschungsergebnisse nicht in Widerspruch mit dem »wohlverstandenen
Interesse des Staates« treten.
Ich bezweifle, daß ehrliche Wissenschaft je schädlich werden kann. Denn
da die Wahrheit göttlicher Natur ist, da Gott selbst die Wahrheit ist,
so ist jede ernste wissenschaftliche Tätigkeit ein Gottesdienst, jede
neue wissenschaftliche Erkenntnis eine Annäherung an Gott.
Höchst überflüssiger-, ja verbrecherischerweise hat die katholische
Kirche die Wahrheitssucher auf naturwissenschaftlichem Gebiet »von
je gekreuzigt und verbrannt«. Die Welt hat keinen Schaden durch die
Erkenntnis erlitten, daß sich die Erde dreht, auch nicht durch Darwins
Entwicklungslehren. Sie wird auch Häckels Belehrungen vertragen.
Die Wissenschaft darf überhaupt nicht fragen, ob den geistlichen oder
weltlichen Fürsten oder dem Pöbel der Gasse ihre Funde brauchbar
und angenehm sind. Sie kennt nur eine Herrin -- +die Wahrheit+.
Wenn ihre Ergebnisse durch Mißbrauch in der Hand von urteilslosen
oder gewissenlosen Menschen wirklich gemeingefährlich werden, etwa
wie Pulver und Dynamit, so mag der Staat Leben und Gut der Bürger
vor Gefahren schützen, nicht aber die chemischen Studien verbieten.
Wenn unreifen Kindern die Lektüre aufklärender Schriften schadet,
so haben wir schon gesetzliche Handhaben, zumal haben die Eltern
und Lehrer Mittel, ihre Kinder davor zu schützen. Deshalb muß aber
doch jede Forschung, auch die an der Bibel, frei sein und bleiben.
Wahrheitssucher sind auch sittlich ernste Menschen. Vor ihnen sollte
man sich weniger fürchten als vor einer blindgläubigen und dadurch
leicht fanatisierten Menge. -- --
»Betrag' dich doch gebildet!« hört man oft die Eltern zu ihren Kindern
sagen. Alle, die es irgend erschwingen können geben ihren Kindern eine
»höhere Bildung«. Dabei kommt es besonders auf die Art der Schule
und in dieser auf das Wissen an, über das die Prüfungen verläßliche
Auskunft geben. Daß der Deutsche vor allem zum Denken geboren sei,
das ist seit dem Reformationszeitalter und mehr noch seit dem
Neuhumanismus, den uns Gelehrte schufen, ein Glaubenssatz, von dem sich
kein Vertreter der höheren Schulen will abbringen lassen. Ich sehe aber
nicht ein, weshalb der deutsche nicht mit gleichem Eifer bauen, malen,
dichten, bilden, Handel treiben, Krieg führen, seefahren und zu all dem
gleichermaßen erzogen werden soll; sehe nicht ein, weshalb man durch
Beschäftigung mit diesen Dingen nicht ebensogut zu »Bildung« gelangen
könnte.
Nun hat uns aber gerade in jüngster Zeit Prof. +Friedrich Paulsen+[8]
wieder eingeschärft, daß die höheren Schulen aus dem Bedürfnisse
geboren seien, die höheren Stände durch wissenschaftlichen Unterricht
zu voller Freiheit und Selbständigkeit des Denkens und Handelns zu
erheben. Das ist richtig, ist eine historische Tatsache. Die weitere
Folgerung: Demgemäß müsse auch nach wie vor ihre Fundamentalaufgabe
bleiben, die Schüler zu wissenschaftlicher Arbeit in elementarer Form
anzuleiten, in ihnen den Trieb zu eigener Beobachtung und Sammlung,
Untersuchung und Prüfung zu wecken, den Forschertrieb und den
Wahrheitssinn zu entwickeln, ließ aber einige Einschränkungen zu.
Damit soll nämlich der Gegensatz scharf gezeichnet sein zu dem
rhetorischen Virtuosen, wie ihn die französische, und dem rohen
Utilitarier, wie ihn die englische Erziehung angeblich züchte. Gegen
den Versuch etwa, mehr künstlerische Kultur oder mehr moralische
und sittliche Bildung in unsere Schulen zu tragen, ist damit aber
nichts gesagt. Freilich verwahrt sich der Mitberichterstatter auf der
Direktorenkonferenz zu Stettin dagegen mit den Worten, daß die höhere
Schule weder Theaterschule noch Konservatorium, auch keine Maler- und
Bildhauerakademie werden dürfe. Dahinter steckt immer das alte deutsche
Urteil, daß Wissen und eben nur das Wissen, nur die wissenschaftliche
Anleitung Bildung gebe, daß beides vereint das höchste Lebensziel sei.
Dem Wissenschaftler gegenüber ist aber vom Standpunkte des
Künstlers die Frage berechtigt: Wenn unsere höheren Schulen nicht
Kunstschulen sein sollen, mit welchem Rechte sind sie denn einseitig
wissenschaftliche Schulen? Darauf antwortet der Universitätsprofessor
+Ludwig von Sybel+: »Weil der Deutsche lernen soll, unsere Kultur an
der Wurzel zu fassen und aus der geistigen Wurzel heraus sie immer neu
zu treiben.«[9] Das heißt, weil wir die historische Schulung einseitig
überschätzen, weil wir die Jugend immer wieder auf Bücher, statt auf
die Natur, auf die Autorität statt auf die Selbstbeobachtung verweisen,
weil wir Alexandriner geworden sind und nicht mehr im glücklicheren
perikleischen Zeitalter leben. Nicht Gelehrte, freilich auch nicht
Künstler, sondern +Männer+ soll uns die Schule heranbilden. Das tut sie
bisher in unzureichendem Maße.
Bildung ist eine bloße Lebenszier geworden, ein Ornament, wie schöne
Kleider und Orden. Bildung kann man in Deutschland ersitzen. Um für
das ganze Leben ein Übergewicht, ein gesteigertes Hochgefühl anderen
Sterblichen gegenüber zu haben, muß man »akademisch gebildet« heißen.
Der akademisch Gebildete hat seine besonders delikate Ehre und
beansprucht eine Ausnahmsbehandlung. »Wer bißchen was is«, läßt deshalb
in Deutschland seine Söhne das Abiturientenexamen machen und studieren.
Daher die unglückselige Überfüllung der gelehrten Berufe!
Nun wird kein billig denkender Mensch die Verdienste der höheren
Schulen in Deutschland verkennen, bei ruhiger Betrachtung aber auch
ihre großen Nachteile sehen. Ja, wenn es mit der Selbständigkeit des
Denkens und Handelns nur seine Richtigkeit hätte!
Ich erlaube mir auf Grund meiner Erfahrungen daran zu zweifeln.
Ich glaube, +ohne+ unsere staatlichen höheren Schulen wären wir im
selbständigen Streben und Handeln ein gut Stück weiter gekommen,
ohne sie hätten wir mehr Menschen, die Selbstdenker, Selbsthandler,
mithin eigenartige Persönlichkeiten wären, mehr Baumeister,
weniger Handlanger. Ist es wahr, daß wir seit Luthers Großtat alle
freiheitlichen Fortschritte, selbst auf den Gebieten wissenschaftlicher
Forschung, dem Auslande, zumal den Engländern, verdanken? Oder muß man
eine so offenkundige Tatsache erst ausführlich belegen?
In der wissenschaftlichen Verarbeitung und im Ausbau der neuen Ideen
erwies sich Deutschland stets als unübertrefflich -- da kam uns
deutscher Fleiß, Gründlichkeit und Ehrlichkeit zustatten --, aber es
mußten uns, wie gewissenhaften Schülern von fremden Lehrmeistern, die
großen Probleme erst gestellt werden, ehe wir sie verarbeiten konnten.
Ich bestreite auch, daß heute in unseren höheren Schulen freie
Forschung zu Hause sei. Den Schülern werden die mittelalterlichen
Glaubensdogmen eingetrichtert, und sie dürfen dabei nicht muxen. Man
weicht den großen Lebensfragen, denen schon jedes Kind von gesundem
Sinne nachforscht und die das Tagesgespräch am Familientische
bilden, in den Schulen mit geflissentlicher Sorgfalt aus. Ich kann
mit Beispielen dienen. Als ein Gymnasialoberlehrer ohne jeden bösen
Hintergedanken in reinster Herzensunschuld seine Tertianer über den
»Unterschied zwischen der jüdischen und ovidischen Schöpfungssage«
einen Aufsatz hatte schreiben lassen, kam sein Direktor, ein orthodoxer
Protestant, in die Klasse und sagte offen zu den Schülern: »Ihr alle
habt einen großen Irrtum begangen. Ovids Darstellung ist Sage, was aber
die Bibel über die Schöpfung berichtet, das ist göttliche Offenbarung,
nicht Sage.« So ist natürlich auch die sprechende Schlange nicht, die
aus der Rippe geschaffene Eva, der Stillstand der Sonne, die Ruhe der
Erde, der sprechende Esel Bileams ist überhaupt nichts, was im alten
Testamente erzählt wird, Sage oder menschliche Dichtung, sondern
alles Gottes Wort, und was unsere Astronomie, Geologie, Biologie,
Anthropologie, Religionskunde und all unsere Naturwissenschaften in den
letzten 500 Jahren zutage gebracht haben, ist eitel Rauch und Wind. So
will es der Gymnasialdirektor, der sich in Festreden über die Freiheit
der Forschung ergeht und von irgendwelchem Gewissenszwang in Preußen
noch nie etwas verspürt hat. Da ist der Papst ja nicht so päpstlich: