Die orthodoxe lutherische Kirche erweist sich nur noch dadurch als

kulturfördernd, als sie uns Märtyrer schafft. Nur insofern interessiert

sie noch die große Menge der gebildeten Deutschen, zu denen ich auch

viele der drei Millionen sozialistischer Arbeiter zähle. Erst wenn

ein Theologe nicht bestätigt oder seines Amtes entsetzt wird, gewinnt

er für uns Bedeutung. Dann sagen wir uns: »Halt! Das muß ein ganzer

Kerl sein, ein Mann der Überzeugung.« Ich selbst fand mit solchen,

mit Kalthoff, Steudel, Mauritz u. a. m. sofort Verständigung: +ein+

Blick, +ein+ Handschlag, +ein+ Wort genügte. Die Männer aber mit ihren

staatlich appropierten Überzeugungen sehe ich mir viel länger und

kritischer an. Je »positiver« einer ist, um so verdächtiger ist er mir.

»Ich hab nun mal die Antipathie.«

»Dir, Heinrich, muß es auch so sein.«

Auf der dritten öffentlichen Versammlung des deutschen

+Katholikentages+ in Essen sprach Graf +Galen+ aus Prag ganz im Geiste

der alten römischen Kirche und unter lebhafter Zustimmung aller

katholischen Zuhörer:

»Das deutsche Volk ist krank, schwer krank. Wenn nicht baldige Heilung

eintritt, dann verfällt das deutsche Volk in Siechtum und ist unrettbar

verloren. Wer es mit dem deutschen Volke gut meint und es vor dem

sicheren Untergange bewahren will, der muß ein Krankenpfleger werden.

Man verlangt die konfessionslose Schule. (Pfui!) Graf +Caprivi+ sagt

mit vollem Recht: konfessionslos bedeutet religionslos. (Beifall.) Man

verlangt also im Grunde genommen die religionslose Schule. Auf der

deutschen Lehrerversammlung in München verlangte Lehrer Hochheimer aus

Bremen die Abschaffung der christlichen Schulen. (Pfui!) Und diesem

Manne wurde auf der deutschen Lehrerversammlung Beifall gespendet.

(Stürmisches Pfui!) Wenn so etwas auf einer deutschen Lehrerversammlung

geschehen kann, was soll aus unserer Schule werden?« -- Darauf habe ich

zu erwidern:

Nein, Herr Graf! Das deutsche Volk +war+ krank und will jetzt

aus eigner Kraft gesund werden, will sich frei machen aus einer

unerträglichen Gewissensfessel, die es zur Heuchelei, zur Lüge, zum

feigen +Nachbeten+, zum gedanken- und tatenlosen Hindämmern verleitet.

Wohin die unmännliche katholische Kirchengläubigkeit führt, das lehren

uns die Beispiele von Italien und Spanien. Deutschland ist groß

geworden nicht mit und durch Roms Kirche, sondern im Kampfe gegen diese.

Sie berichten mit Entsetzen von Berlin, das Sie spöttisch die Hochburg

deutscher Kultur nennen. »Dort wurden«, sagen Sie, »1904 christlichen

Eltern 47 200 lebende Kinder geboren, davon wurden 5800 nicht getauft.«

Recht so! Wenn die Eltern nicht mehr an die Erbsünde glauben, daß

nämlich, wie die Kirche lehrt, »nach dem Falle Adams alle Menschen, die

natürlich geboren werden, in Sünden empfangen und geboren werden, ...

daß auch dieselbe angeborene Seuche und Erbsünde wahrhaftig Sünde sei

und verdammet alle unter den ewigen Gotteszorn, die nicht durch die

Taufe und den heiligen Geist wiederum neu geboren werden«. -- Weiter

berichten Sie, daß in Berlin 20 237 Ehen unter Christen geschlossen,

davon 7388 nicht kirchlich eingesegnet wurden. Auch daraus lernen

Sie, Herr Graf, daß die civiliter Getrauten der frohen Zuversicht

leben, auch ohne Beihilfe einer Kirche, die sich mit ihren überlebten

Dogmen selbst um ihre Verehrung beraubt hat, ein glückliches und

gottgefälliges Leben führen zu können. Dabei handeln die Leute nach

unserem Staatsgesetze und sind hierin nach biblischer Vorschrift der --

von Gott eingesetzten -- Obrigkeit Untertan.

Sie fahren fort, Herr Graf: »Es starben 32 000 evangelische und

katholische Christen in Berlin, davon wurden nur 17 392 kirchlich

beerdigt.« Und Sie knüpfen daran eine schauerlich-schöne Betrachtung:

»Mit Schrecken vernahm man im März d. J. von dem großen Unglück in

dem Bergwerk Courrières. Was ist aber dieses Unglück zu dem, das über

unser deutsches Volk gekommen ist? Hunderttausende sterben bei uns

den Hungertod, den geistigen Hungertod. Von 100 Menschen sind 52 ohne

geistlichen Beistand gestorben und ohne kirchliche Begleitung beerdigt

worden. Sie waren schon tot, noch ehe sie gestorben waren. Tausende

Menschen sterben in einer Nacht den geistigen Hungertod.«

Wir sehen daraus. Herr Graf, wie sehr Sie noch im alten Kirchenglauben

befangen sind. Sie irren, wenn Sie meinen, daß wir am geistigen Hunger

litten, weil wir Ihre zähe Kost verschmähen. Auf geistlichen Beistand

verzichten wir Protestanten und Freidenker gerne. Ohne diesen sind

Kant, Lessing, Goethe, Schiller, die meisten unserer Geistesheroen

gestorben, Männer, von denen selbst Sie in Ihrem kirchlich beengten

Denken und Wissen nicht werden behaupten wollen, daß sie schon lebend

tot waren. In der Zucht düsteren katholischen Glaubens -- vermutlich

von Jesuiten -- und in der Furcht vor der Hölle mit ihren sieben

Stationen, vor ewiger Verdammnis und sonstigen seelischen Qualen

auferzogen, ahnen Sie, Herr Graf, gar nicht, wie frei und glücklich,

wie geistig gesund und kampfesfroh, wie zuversichtlich fürs Leben

und Sterben ein Mensch sein kann, der Gott und die Welt mit seinen

hellen gesunden Augen, nicht aber durch eine trübe Pfaffenbrille

betrachtet. Sie ahnen nicht, wie überlebt, wie mittelalterlich, wie

-- wie -- wie -- nein, ich will es nicht niederschreiben. Weshalb Sie

kränken? Sie können nichts dafür. Sie sind einer der Unzähligen, die im

Dämmerschein und im Weihrauchdunst einer Kirche leben, die durch ihre

bewundernswerte Kenntnis der menschlichen Schwächen und Bedürfnisse

eine übermächtige Institution geworden ist, die den Geist aber

betäubt, anstatt ihn zu erleuchten.

Sie nehmen gewiß auch teil an Umzügen der Bauern zur Fürbitte um Regen

oder Sonnenschein. Sie stellen gewiß auch Ihr Haus unter den Schutz des

heiligen Florian und ihre Viehherden -- falls Sie welche besitzen -- in

die gnädige Obhut des heiligen Leonhard. Wie uns dabei zumute ist, das

können Sie nicht einmal ahnen. Wir stehen kopfschüttelnd da, falten die

Hände wahrhaft ergriffen über solche Glaubenskraft und unserer Brust

entringt sich der Ausruf der Bewunderung: O sancta simplicitas! Wenn

sie nun aber auf uns schmähen, uns beklagen und unseres Vaterlandes

Ende voraussagen, weil wir nicht so -- so -- so -- gläubig sind wie

Sie, dann müssen wir herzinnigst +lachen+.

Ich gönne einem jeden seinen Glauben, und wenn es der dickste

Köhlerglaube ist, ich kann mit Juden, Mohammedanern und Heiden

jeder Farbe im besten Frieden leben; ich würde auch Sie, Herr

Graf, unbehelligt lassen, wenn Sie nicht, aus Prag (sprich leider

Praha) kommend, sich in Deutschland als Kulturträger aufspielten

und uns Aufgeklärte nicht in unseren »heiligsten Empfindungen« (so

heißt es doch wohl in Ihrem Kirchenlexikon?) verletzten. Glauben

Sie mir, ich spreche im Ernst und mit vollstem Bewußtsein: lieber

möchte ich tot als zu Ihrem Glauben verurteilt sein, der mich

zurückwerfen würde in vorlutherische Unkultur und mir alles rauben,

worauf sich mein Mannesstolz aufbaut; alles rauben, was uns die

protestantisch-germanische Geistesarbeit seit einem halben Jahrtausend

an höchsten geistigen Lebensgütern errungen hat. Bei Gott, lieber tot

als Beichte, Rosenkranzbeten, Messenlesen, Anbetung heiliger Knochen

und sonstiger Reliquien, öffentliche Prozessionen durch die Straßen,

Knierutschen auf Marterstiegen usw. Ich würde mich schämen, falls ich

zu Kreuze gekrochen wäre, mich vor den Meinigen wieder blicken zu

lassen. So empfinde ich das, was sie, Herr Graf, für unentbehrlich zum

Leben und zum Sterben halten. Ich verzichte gern auf alle Verheißungen

Ihrer Kirche, wofern sie mich mit ihren Geistesgaben verschont!

Und was Ihre Besorgnis für Deutschlands Zukunft anlangt, so setze

ich Ihnen Überzeugung gegen Überzeugung. Ich sage: Wenn Deutschland

zugrunde geht, so geschieht dies nicht durch das, was sie »Unglauben«

nennen -- Deutschland ist ja auch nicht, wie Ihre unfehlbaren Päpste

prophezeiten, an der Lutherischen Ketzerei zugrunde gegangen -- aber

ohne Luther und die übrigen deutschen Ketzer, wie Lessing, Kant,

Goethe, Schiller, Hebbel, Bismarck, die auch Sie wenigstens dem Namen

nach kennen dürften, hätten wir niemals ein neues Deutsches Reich

erlebt -- wenn dieses Deutschland zugrunde geht, so geschieht das auch

nicht durch die Schuld der Sozialdemokratie, sondern allein durch die

Schuld der Ultramontanen, die schon seit vielen Jahrhunderten an allen

Übeln Deutschlands die schwerste Schuld tragen und die auch das alte

heilige Reich deutscher Nation auf dem Gewissen haben. Dieses +wollte+

protestantisch sein und war es schon bis in die letzten steirischen

Bergdörfer hinein, als die schwarzen Sendlinge Roms kamen und die

unglückseligen Habsburger dazu begeisterten, »lieber über eine Einöde

als über Ketzer zu herrschen«. Sie haben es erreicht!

Ich teile die Überzeugung der Franzosen, bei denen es schon Sprichwort

geworden ist: qui mange du pape en meure.

Und wenn ich den Katholizismus jetzt von dem Standpunkte meines Themas

aus betrachte, wie muß ich da urteilen?

Erzieht die katholische Kirche zur Mannhaftigkeit? Nein! sie tut es

nicht. Sie ertötet sie, ertötet den Trieb der freien Forschung, ertötet

das Verantwortlichkeitsbewußtsein, indem sie schweigenden Gehorsam

und unbedingten Glauben nach päpstlicher Vorschrift fordert. Der gute

Katholik ist verurteilt, seine eignen Vernunfts- und Glaubensregungen

zum Schweigen zu bringen, sowie sie mit den Lehren seiner Kirche in

Widerspruch geraten. Die Kirche fordert Unterwerfung. Der Mannhafte

aber unterwirft sich keiner Gewalt, wenn er ihre Forderungen nicht

billigt. Der Mannhafte trägt seinen Richter in der eignen Brust. Er

braucht keinen Vormund, wie das Kind, dem man sagen muß, was es zu tun

und zu lassen hat, was es lesen darf, was nicht. Den »Index« sehen wir

freien Männer als einen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der

Menschen an. Der Index ist eine der Waffen, mit denen der geistige

Fortschritt gehemmt wird. Ihm zum Trotze vollzieht sich die kulturelle

Mission der aufgeklärten Völker, der Fortschritt, dem die katholische

Kirche dann stets langsam folgen muß, um nicht völlig zu erstarren.

Sehen wir uns einmal genauer an, welchen Geistes diese Kirche von jeher

lebt!

Die Knebelung der Presse nahm ihren Anfang schon auf dem Tridentiner

Konzil, wo durch ein Dekret Anzeige der Bücher gefordert wurde, in

welcher »eine unreine Lehre« vorgetragen wurde.

+Leo+ X. erließ dann eine Verordnung, »daß das, was zur Mehrung des

Glaubens und zur Verbreitung der schönen Künste als heilsam und

nützlich erfunden wurde« -- nämlich die Buchdruckerkunst -- »nicht

einen entgegengesetzten Gebrauch erlangen und den Christengläubigen

anstatt zum Heile, zum Verderben gereicht«. (Act. Conc. Lateran V § 55.

10.)

Demnach wäre der Buch- und Zeitungsdruck nur dazu bestimmt, den

gläubigen Katholiken und der katholischen Kirche zu dienen. Denn eine

jede Meinung, die von den Lehren der katholischen Kirche abweicht, gilt

bekanntlich als Irrtum. Wer nicht gläubiger Katholik ist, wer sich den

tyrannischen Befehlen der Kirche nicht beugt, der ist ausgeschlossen

von allem Segen, den Gott für die Menschheit bereit hält. So sagt

+Gregor XVI.+ in seinem Rundschreiben vom 15. August 1832 wörtlich: »Es

ist ein falscher Wahn, man könne in jedem Glauben die ewige Seligkeit

erlangen, wenn man nur einen rechtschaffenen und ehrbaren Lebenswandel

führt.«

Er beruft sich dabei auf des heiligen Augustinus Worte: »Wo gibt

es einen gefährlicheren Tod für die Seele, als die Freiheit des

Irrtums?« (Augustin. Ep. 166) und auf Papst Clemens XIII., der in einem

Rundschreiben über die Verdammung schädlicher Bücher befahl:

»Man muß mit Kraft einschreiten, wie es die Sache selbst erfordert

und mit aller Macht die tödliche Pest so viele schädliche Bücher zu

entfernen suchen, denn nimmermehr wird es an Stoff zu neuem Irrtum

fehlen, solange nicht die Werkzeuge und Mittel zur Verbreitung der

Gottlosigkeit, die schlechten Bücher, im Feuer verbrannt zugrunde

gehen« (Lit. Clem. XIII Christianae 5. Nov. 1766).

Als schlecht und verdammungswürdig gelten natürlich alle die Bücher,

die sich mit den Lehren der katholischen Kirche nicht decken. Das

meiste und beste, was uns seitdem die sog. klassische Literaturperiode

und die gelehrte Forschung auf dem Gebiete der Naturerkenntnis, der

Religionsgeschichte und der Bibelforschung geleistet haben -- die

staunenswerte Gedankenarbeit eines ganzen Jahrhunderts -- ist der

katholischen Kirche zum mindesten verdächtig. Freiheit der Forschung

gilt ihr als Freiheit des Irrtums. Was braucht denn der Mensch noch zu

forschen? Alle Wahrheit steht ja schon in der Bibel, in den päpstlichen

Erlassen und in den Beschlüssen der Konzilien. So lesen wir in allen

katholischen Lehrbüchern. Ich will irgendein wörtliches Zeugnis

anführen, das ich zufällig in Händen habe:

»Die katholische Kirche stützt die Lehre, die sie verkündet, nicht auf

Vernunftbeweise und glänzende Demonstrationen, sondern rein auf das

+Ansehen+, welches ihr Jesus Christus gegeben, da er sie auf einen

Felsen gründete, den selbst die Pforten der Hölle nicht überwinden

werden. Dieses Ansehen ist ohne Vergleich größer und wirksamer, als

jeder Vernunftsbeweis, und gibt der Kirche eine Auszeichnung, die sie

kennbar und unterscheidbar macht unter allen existierenden christlichen

Konfessionen. ›Denn‹, sagt der heilige Augustin, ›es ist unter den

Ketzern eine allgemeine Regel, daß sie sich auf die Vernunfteinsicht

viel zu gute tun, und sie in Widerspruch zu bringen bemühen mit dem

Ansehen der Kirche, das doch so fest begründet ist; sie müssen aber so

handeln, weil sie wohl die Lächerlichkeit und die Verachtung sehen,

die sie auf sich ziehen würde, wenn man ihr Ansehen mit dem der Kirche

vergleichen würde.‹ (118. Brief). ›Alle Ketzer‹, sagt er an einer

anderen Stelle, ›betrügen im allgemeinen durch ein stolzes Prahlen mit

Wissenschaft, und durch Spöttereien über die Einfalt derjenigen, die da

glauben‹.«

Wo der Grundsatz gilt: nihil innovetur, nisi quod traditum est, gibt

es keine freie Meinung, keinen Forschertrieb, keine selbstgefundene

Überzeugung; denn der Satz heißt zu deutsch: »Keine Neuerung! Nur was

überliefert wurde!« oder noch deutlicher und deutscher: Geistiger

Stillstand, geistiger Tod!

Es ist ganz im Sinne dieser Kirche, daß der Papst +Pius X.+ jetzt

wieder an alle seine Lämmer neue Scheuklappen verteilt. Wie das auf uns

geistig freien Deutschen wirkt, sagt mit wenigen Worten das »Blaubuch«

(1906 Nr. 32 S. 1266):

»Pius X., der angeblich zur Versöhnung geneigte liberale Papst, der

einst mit Wonneschluchzen begrüßte ›schlichte Priester‹, hat eine

Enzyklika wider den ›Modernismus‹ geschleudert, die so ziemlich die

stärkste Leistung des Obskurantentums ist, die wir in den letzten

Jahren erlebt haben. Zeitungen dürfen in den Seminaren nicht mehr

gelesen werden; nur in seltenen Ausnahmefällen ist es Theologen

gestattet, an einer Staatsuniversität zu studieren; die Bischöfe sollen

inkorrekte Prediger während ihrer Predigt öffentlich unterbrechen.

Kurz, der Katholizismus verdammt sich selbst zur Erstarrung. Und

angesichts einer solchen Geistesverfassung des leitenden Mannes

sollte es nicht Pflicht sein, die Partei, die diesen Gedankengängen

notgedrungen beipflichtet, mit aller Energie zu bekämpfen?«

Wir wissen aber, daß der neue Papst damit nichts fordert, was nicht

vor ihm die Kurie schon immer gefordert hatte. Man höre nur, falls

weitere Zeugnisse erwünscht sind, wie z. B. Papst +Gregor+ XVI. den

Liberalismus und die von diesem erstrebte +Preßfreiheit+ bekämpft

(1832), dieselbe Preßfreiheit, die dann Gesetz wurde und mit deren

Hilfe wir jedenfalls doch ein großes Deutsches Reich erstritten

haben. Er nennt sie »jene verruchte und nie genug zu verwünschende

Preßfreiheit, die einige mit so vielem Geschrei zu ertrotzen

und weiter auszudehnen suchen, um Schriften jeder Art unter das

Volk zu verbreiten« und ergeht sich über sie in Zornesergüssen,

die wenig angebracht waren, da wir ohne diese leider noch nicht

genügend durchgeführte Preßfreiheit zweifellos in russische Zustände

hineingeraten wären. Denn wenn man dem geistigen Wachstum eines

Volkes keinen Raum, wenn man dem Volkswillen kein Ventil gibt, dann

sind Kesselexplosionen unausbleiblich. Wir haben in Deutschland nicht

zuviel, sondern zuwenig Preß- und Redefreiheit.

+Maximilian Harden+, ein Sachkundiger, schrieb erst jüngst bei seiner

Kritik von allerlei betrübenden Zuständen in der deutschen Politik

(»Zukunft« 1906, Nr. 38): »Nicht alles kann man unter der Herrschaft

eines bis zu völliger Lächerlichkeit veralteten, von Nikolaus'

Asiatenstaat überholten Preßgesetzes drucken; selbst der Furchtloseste

nicht die Hälfte dessen, was er knirschend vernimmt,« -- aber selbst

der Gedanke an diese bescheidene Preßfreiheit versetzte schon den

heiligen Vater in wilde Ekstase:

»Wir erschaudern, ehrwürdige Brüder,« ruft er aus, »wenn wir

betrachten, welche sonderbare Lehren oder vielmehr welche Ungeheuer von

Irrtümern wie eine Flut über uns hereinbrechen, Irrtümer, die weithin

sich ausbreiten durch einen Schwall von Büchern, Zeitschriften und

Flugschriften, die zwar dem Umfange nach klein und unbedeutend, aber

der darin enthaltenen Bosheit nach desto größer und bedeutender sind;

und aus denen, wie wir beweinen müssen, der Fluch über die Erde sich

ausgegossen hat. Und doch gibt es, ach! noch Menschen, die sich so

weit von der Unverschämtheit dahinreißen lassen, daß sie eigensinnig

behaupten, dies von der Preßfreiheit entspringende Zusammenströmen

von Irrtümern werde hinreichend wieder ersetzt durch irgendein Buch,

das in diesem Sturme der Zeiten zur Verteidigung der Religion und

Wahrheit herausgegeben werde. Es ist ja gottlos und allem Rechte

entgegen, geflissentlich eine gewisse und überwiegend schlechte Tat zu

begehen oder geschehen zu lassen, weil man Hoffnung hat, daß daraus

irgend etwas Gutes hervorgehen könnte. Wird wohl auch jemand von

gesundem Menschenverstande behaupten, daß man Gifte frei verbreiten, ja

öffentlich verkaufen und austragen, ja sogar trinken dürfe, weil man

irgendein Mittel besitzt, durch dessen Gebrauch diejenigen, die da Gift

getrunken haben, manchmal vielleicht vom Tode gerettet werden könnten?«

-- Es ist nützlich, sich von Zeit zu Zeit mit Geist und Ton der Kurie

auf Grund ihrer eigenen Urkunden vertraut zu machen, damit man sich

nicht durch ihre kluge Taktik betören lasse. Fistula dulce canit,

volucrem dum decipit auceps!

Während wir Protestanten jedem das Studium aller katholischen

Schriften völlig freistellen, verbietet die Kurie unseren katholischen

Landsleuten zu lesen, was in +unserem+ Lager erscheint, macht ihnen

dadurch eine Verständigung mit uns, einen Einblick in unser geistiges

Leben unmöglich, arbeitet also der inneren Verschmelzung und Einigung

unseres Volkes entgegen, ja, hält geflissentlich die Kluft offen

und preist ausdrücklich noch, daß diese »Sorgfalt des heiligen

apostolischen Stuhles, womit er verdächtige und schädliche Bücher zu

verdammen und sie den Händen der Gottlosen zu entreißen suchte, zu

allen Jahrhunderten sich gleich und beständig geblieben sei; daraus

gehe deutlich hervor, wie falsch, wie verwegen, wie beschimpfend für

denselben apostolischen Stuhl, ja wie furchtbar an all den ungeheuren

Drangsalen des christlichen Volkes die Lehre jener Leute sei, welche

nicht bloß die Zensur der Bücher als eine drückende Last verwerfen,

sondern sogar so weit in ihrer Bosheit gehen, daß sie behaupten, die

Zensur widerspreche allen Rechtsprinzipien, daß sie es auch wagen, der

Kirche das Recht abzusprechen, eine solche Zensur (nämlich über Bücher

von geistlichem und kirchlichem Inhalte) aufzustellen und auszuüben«.

Eine der haltlosesten Behauptungen der katholischen Volksbeglücker

ist die, daß der »Unglaube« die Sozialdemokratie, mithin den

politischen Zusammenbruch züchte. Das ist natürlich nur ein schlauer

Geschäftstrick, um die Regierungen zu gewinnen.

Was geht es überhaupt die Kirche an, ob einer Konservativer oder

Sozialdemokrat ist? Ihr Reich sollte doch nicht von dieser Welt sein.

Aber sie hält es gerade mit den Mächtigen und Reichen, also mit

denen, welchen ihr Herr den Himmel verschlossen hat. Die Behauptung,

daß die geistliche Schule in Frankreich ein Schutzmittel gegen die

Sozialdemokratie gewesen sei, ist völlig hinfällig, wie +I. Tews+

(Schulkämpfe der Gegenwart, Teubner 1906) mit dem Hinweis lehrt, daß

bei den Kammerwahlen im Jahre 1898 unter 584 französischen Abgeordneten

131 Sozialisten waren, während gleichzeitig die deutsche Reichstagswahl

von 398 Abgeordneten nur 57 Sozialisten ergab.

Über die hohe sittliche Mission der katholischen Kirche und ihre

Erfüllung bekommt man seine eignen Gedanken, wenn man liest, daß in

Italien kein Stand mehr Sträflinge liefert als der Geistliche. Im

Laufe der letzten zwei Jahre kamen dort 176 Gesalbte hinter Schloß und

Riegel: zwei Drittel davon wegen Sittlichkeitsverbrechen, ein Drittel

wegen Totschlages, Diebstahls, Veruntreuung usw. (vgl. »Es werde Licht«

XXXVII. Jahrgang, Heft 8, S. 256). Solchen Führern ist das sittliche

und geistige Wohl des armen Volkes anvertraut! Nirgends, wo ihr Einfluß

lebt, sehen wir ein geistiges Aufdämmern, einen neuen Hoffnungsstrahl.

Mit ängstlicher Sorge werden da alle die Schranken aufrecht erhalten,

in denen der Geist von jeher verkümmerte. Hören wir, wie ein Italiener,

der seine Kirche zu retten trachtet, +Antonio Fogazzaro+, in seinem

Roman »Der Heilige« (Deutsch von M. Gagliardi) diese schildert: »Die

katholische Kirche«, schreibt er, »fürchtet das Licht der Vernunft, ist

in jedem und allem ein Sklave der vergötterten und deshalb despotischen

Autorität, ist streng und ablehnend gegen die Draußenstehenden, ist

durch irdische Interessen gefesselt, veraltet in Geist und Sprache.«

Eine Erziehung, die nur darauf ausgeht, den Angaben einer Autorität

ohne Prüfung Glauben zu schenken, hat keinen Beruf in sich, wahre

»Männer« heranzubilden. Es gehört kein Mut dazu, für Lehren

einzutreten, die mit tausend Klammern verankert sind, ihre Verfechter

mit weltlichen Ehren und göttlichen Gnaden beglücken. Wohl aber würde

für einen Katholiken Mut dazu gehören, als Reformator gegen veraltete

Lehren und Irrlehren, selbst gegen den Willen des Papstes aufzutreten,

wie es einst Luther tat. Daß der Kirche jetzt keine solche Kämpfer

mehr erstehen wollen, daß sich die aufstrebenden selbständigen Köpfe

doch immer wieder unter die unerbittlich strenge Zucht beugen und

ducken, daß wir immer wieder von diesem und jenen hören, er habe sich

laudabiliter unterworfen -- das gereicht der Kirche nicht zum Ruhme.

Freilich -- die Organisation ist erstaunlich, bewundernswert, aber es

ist eine Herrschaft durch Terrorismus.

Wie unfrei der gläubige Katholik ist, das ahnt er selbst nicht, ja

er küßt noch die Ketten, die ihn binden. Es ergeht ihm, wie den

Haremsfrauen, die einen Arzt beinahe gelyncht hätten, weil er ihnen

eine menschenwürdige Freiheit erkämpfen wollte.

Erziehung zur Mannhaftigkeit · 第 11 / 23 段