Bestand unseres Reiches, die sittliche Wohlfahrt unseres Volkes und
vor allem auch seine kriegerische Tüchtigkeit gebunden seien an das,
was man mit einem ganz allgemeinen und heute kaum noch definierbaren
Worte »den Glauben« nennt. Einen solchen allgemeinen Glauben haben
wir in Deutschland nicht mehr. Deshalb kann und darf der Glaube auch
von Kirche und Staat nicht zwangsweise gelehrt werden, will man
nicht einer rein mittelalterlichen und zudem völlig unfruchtbaren
Gewissensvergewaltigung das Wort reden. Kein Kaiser oder König ist
Herr über unseren Glauben, ebensowenig der Staat oder irgendeines
seiner Organe. Schon deshalb nicht, weil ihr eigener Glaube mit
menschlichem Irrtum durchsetzt ist. Der heilige +Augustin+ sagte schon:
»nihil tum voluntarium est quam religio«, »nichts unterliegt so sehr
dem eigenen Willen wie der Glaube«.
Ich berufe mich aber lieber auf Königsworte, an denen bekanntlich
nicht gerührt und gerüttelt werden darf. +Friedrich der Große+
schrieb an +Voltaire+: »Die Priester sind von den ältesten Zeiten
an Heuchler und Betrüger gewesen. Welcher Nation und Religion sie
auch sein mögen, sie sind vom gleichen Schlage. Immer wollen sie
sich eine despotische Gewalt über die Gemüter anmaßen -- das macht
sie zu Verfolgern derer, welche es wagen, die Wahrheit zu sagen.
Sie sind immer bereit, den Bannstrahl zu schleudern, um die Feinde
ihres Ehrgeizes zu zerschmettern.« -- -- An einer anderen Stelle
schreibt er mit einem Haß und auch mit einem Mißverständnisse über
den Ursprung und das Wesen der christlichen Religion, die fast ebenso
erstaunlich sind, wie die Mannhaftigkeit seiner Überzeugung: »Die
Gründung der christlichen Religion hat wie die aller Herrschaften
einen schwachen Anfang gehabt. Ein Jude, aus der Hefe des Volkes,
von zweifelhaftem Ursprünge, der unter die Abgeschmacktheiten der
hebräischen Propheten Moralvorschriften mischte, dem man Wunder
beilegte und der zum Tode verurteilt wurde, ist der Held dieser Sekte.
Zwölf Fanatiker verbreiteten sie. Als die Christen ihre Liebesmahle
heimlich einnahmen, wurden die Beherrscher argwöhnisch. Die Frommen
trotzten den Verboten des Senats, stürzten Götzenbilder um, und daher
entsprangen die Verfolgungen, deren die Kirche sich rühmt. Die Priester
sammelten die Gebeine der Hingerichteten, und heilige Betrüger führten
die Anrufung der Heiligen ein. Als Konstantin sich der Politik wegen
zum Beschützer der Kirche erklärte, sah man neue Dogmen aufsprießen.
Man machte Jesus zum Gotte und für den heiligen Geist erfand man das
Mittel, dem Beginne des Johannisevangeliums die Worte: ›Im Anfange
war das Wort, und das Wort war Gott‹ hinzuzufügen. Dieser Betrug
wurde Dogma. Die Betrüger waren Päpste. Die Finsternis ward dichter
von Jahrhundert zu Jahrhundert. Ein verwegener Mönch, namens Luther,
empörte sich gegen Rom. Nichts ist so erbittert und unerbittlich als
theologischer Haß. Nach unendlichen Schrecken erlangte Deutschland
die Freiheit des Gedankens. Wer sieht nicht, daß die Kirche ein Werk
der Menschen ist? Welche erbärmliche Rolle lassen sie ihren Gott
spielen! Er schickt seinen einzigen Sohn in die Welt. Dieser Sohn ist
Gott. Er opfert sich selbst, um sich mit seiner Kreatur zu versöhnen!
Er macht sich zum Menschen, um das verdorbene Menschengeschlecht zu
erlösen. Was geht hervor aus einem so großen Opfer? Die Welt bleibt so
verdorben wie sie war. Dieser Gott, welcher spricht: ›es werde Licht!‹
sollte er sich unzulänglicher Mittel bedienen? Ein Akt seines Willens
genügt, um das Übel aus der Welt zu schaffen, um den Nationen einen
Glauben einzuflößen, der ihm gefällt. Nur Bornierte mögen Gott ein
Verfahren beilegen, welches seiner unwürdig ist, indem sie ihn ein Werk
unternehmen lassen, das ihm nicht gelingt.«
So sprach der größte Denker, der je auf einem deutschen Throne saß.
Sollen wir nun seine Worte mißachten oder ihm folgen? Sollen wir alle
Glaubensschwankungen unserer Regierungen und Behörden mitmachen?
Jeder Hof findet natürlich in seiner Umgebung Anhänger seiner
Überzeugungen. So auch der Große Friedrich.
Geh. Reg.-Rat Dr. +Hahn+ schreibt darüber (Friedrich der Große S. 241):
»Es konnte nicht verborgen bleiben, daß die Leugnung der christlichen
Wahrheiten in seinem vertrautesten Kreise eine begünstigte Stätte fand
und die verrufensten Schänder alles Heiligen, z. B. der berüchtigte
Schriftsteller +Bahrdt+, von ihm mit offenen Armen aufgenommen wurden,
auch die frivolsten Verächter des Christentums sich seiner Gunst
erfreuten« usw. -- Man male sich einmal aus, wie heute unsere Behörden
denken, glauben und handeln würden, wenn Friedrich der Große deutscher
Kaiser wäre! Ein großes ehrenwertes Volk läßt sich aber in seinem
tiefsten und unantastbarsten Wesen durch amtliche Verfügungen nicht
treffen und umstimmen.
Die katholische Kirche erklärt mit dreistem Munde: »Wenn Wissenschaft
und Forschung +in die Bahnen positiven Glaubens+ gelenkt sind,
dann wird dem, was heute von vielen Vertretern einer ungläubigen
Wissenschaft erstrebt wird, ein Ziel gesetzt werden können.«
Demgegenüber ist zu sagen, daß vor der Wissenschaft die christliche
Religion überhaupt nicht mehr bestehen kann. Denn die Wissenschaft kann
die Gottheit Christi nicht anerkennen.
Der greise +Darwin+ hatte recht, als er schrieb: »Wissenschaft hat
mit Christus nichts zu tun, außer insofern, als die Gewöhnung an
wissenschaftliche Forschung einen Mann vorsichtig macht, Beweise
anzuerkennen.« -- »Was mich selbst anbetrifft,« fügte er hinzu, »so
glaube ich nicht, daß +jemals irgendeine Offenbarung stattgefunden
hat+. Im betreff eines zukünftigen Lebens muß jedermann für sich selbst
+zwischen widersprechenden unbestimmten Wahrscheinlichkeiten die
Entscheidung treffen+.« (Dowe, 5. Juni 1879.)
Wer hat den Glauben? Niemand weiß es; jeder nimmt ihn für sich in
Anspruch: Katholik, Protestant, Jude, Heide, Mohammedaner, Buddhist,
Dissident, Kirchliche und Unkirchliche. Innerhalb der allein
seligmachenden Kirche entschied höher die Inquisition über die
Glaubensechtheit. Unzählige starben auf dem Scheiterhaufen, die man
heute würde unbehelligt leben lassen. Ihres Unglaubens wegen wurden
von der Kirche +Galilei+ verfolgt, +Giordano Bruno+ verbrannt. Unser
Protestantismus ist für die Katholiken Unglaube. Wir behaupten: »Der
Protestantismus ist nichts anderes als eine andere Form derselben
wahren Religion, in der es möglich ist, Gott in demselben Grade zu
gefallen, wie in der katholischen Kirche.«
Aber der unfehlbare Papst hat diesen Satz in seinem Syllabus vom 8.
Dezember 1864 (§ 3, 18) als Irrtum verdammt.
+Kant+ wurde seines Unglaubens wegen unter Wöllner von der preußischen
Regierung an der weiteren Aussprache über Religionsfragen gehindert.
Unser Kaiser aber bezeichnet jetzt Kant als einen der von Gott
erleuchteten Männer.
+Paul de Lagarde+ sagte (ich zitiere aus dem Gedächtnis): »nur ein
Gott Christus geht uns an, der Mensch Christus wäre in hohem Grade
langweilig.«
+Harnack+ aber lehrt: »Jesus hat den Menschen die höchste Religion
gegeben, nicht weil er Gott war, sondern weil er den Menschen den
höchsten Begriff von Gott gegeben hat.«
+Delitzsch+ bekämpft die Lehre, daß die Bibel das Werk göttlicher
Offenbarung und einer Verbalinspiration sei. »Unglaube ist für die
Orthodoxie, was Lessing gelehrt, was Goethe geschrieben hat, Unglaube
so ziemlich die ganze moderne Literatur. Als ungläubig wurde Fichte
vom sächsischen Konsistorium angeklagt. Nahezu alle großen Denker und
Dichter sind des Unglaubens beschuldigt worden. Und vom Standpunkt
der Kirche nur mit Recht; denn sie glaubten nicht, was die Kirche
geglaubt wissen wollte. In der katholischen Kirche wird in gemessenen
Zwischenräumen ein Gelehrter und wieder einer wegen Unglaubens belangt
und mit Exkommunikation bedroht, bis er sich »löblich unterwirft«;
in der evangelischen Kirche erlebt man Jahr für Jahr Maßnahmen gegen
Geistliche, die das Apostolikum nicht buchstäblich nehmen.«
(Vossische Ztg. 1906. Nr. 425.)
Lessing hat seinen Nathan umsonst gedichtet. Noch immer gibt es
gebildete Deutsche, die »den rechten Glauben« allein zu besitzen wähnen.
+Friedrich Naumann+ hat buchstäblich recht, wenn er sagt: »Es gibt
keinen einheitlichen Glauben mehr, nicht einmal in ein und derselben
Konfession. Jeder Kopf glaubt etwas anderes. Ich will nicht sagen,«
fährt er fort, »daß heute weniger geglaubt wird, als früher, aber es
wird unregelmäßig geglaubt. Die Glaubensbegriffe decken sich nicht
mehr ... Der vielfältige Glaube ist unbequem zu verwalten, aber er ist
wahrhafter als die Einförmigkeit.«
Ein Glaube, der nicht wahrhaftig ist, ist ein Widerspruch in sich,
ist geradezu sündhaft, sittenverderbend, männertötend in dem Sinne,
daß er ihnen das Mark der mannhaften Gesinnung aufzehrt. Ein solcher
Scheinglaube ist schlimmer als gar kein Glaube.
Wenn unsere Kirchen die Kraft nicht mehr haben, ihre Gemeinde zu
begeistern, Hingabe an ihre Lehren zu erwecken, dann haben sie sich
eben überlebt. Nichts aber ist törichter, als den Menschen einen
Vorwurf daraus zu machen, daß sie nicht mehr glauben. Zum Glauben kann
man weder sich selbst, noch einen anderen zwingen. Glaube ist nicht
einmal lehrbar. Wenn die Gemeinden +den+ Trost nicht mehr suchen, den
ihnen die Kirchen geben wollen, dann werden sie sich an andrer Stelle
Trost suchen.
»Es ist nun eine offenbare Tatsache, daß die großen Massen der
Gemeinden der Kirche entfremdet und voll Haß und Feindschaft gegen
die christliche Religion erfüllt sind.« Das ist das Bekenntnis eines
Protestanten, dessen Zeugnis keinen Zweifel zuläßt, des Vorsitzenden
der Berliner Kreissynode.
Sein Bericht hebt hervor, daß die Agitation der Sozialdemokratie für
den Massenaustritt aus der Landeskirche anscheinend größeren Erfolg
gehabt hat als früher. Im vorigen Jahre wurden 254 Austritte in dieser
Diözese gegen 104 im Jahre vorher gezählt. In diesem Jahre sind bis
Ende April 458 Austritte teils vollzogen, teils angemeldet.
Syn. +D. Stöcker+ warnt dringend, die gegenwärtige Agitation zum
Austritt aus der Kirche zu unterschätzen. Sie habe einen anderen
Charakter als die früheren Austrittsbewegungen. Jetzt treten nicht
bloß Sozialdemokraten, sondern auch +Angehörige bürgerlicher Kreise+
aus, weil ihnen die Kirchensteuer nach und nach zu hoch erscheint
und sie in dieser Beziehung durch die öffentlichen Angriffe auf die
Kirchensteuer noch bestärkt werden. Die Sozialdemokraten unter Hinweis
auf die erfolglosen Bestrebungen zur Erringung des Wahlrechts für den
Landtag -- was die Kirche doch nichts angeht --, zum anderen unter
Hinweis auf das +Schulgesetz+ und zum dritten auf die Kirchensteuer.
»Das sind«, sagte Stöcker, »ganz andere Motive als früher, +die Lage
ist weit gefährlicher+ und die einzelnen Punkte sind weit aufreizender
als früher. Es kommt schon vor, daß ein Meister zusammen mit 17 oder
18 Gesellen austritt, daß ein ganzes Haus von Familien den Austritt
erklärt. Auch die psychologische Situation ist anders als früher;
früher hatten die Stadtmissionare bei ihren Besuchen in den Familien
der Austretenden noch Erfolg, jetzt aber +stoßen sie auf Wut, Haß+
und +Verbitterung+. Zweifellos hat die jetzige Bewegung einen viel
stärkeren und bösartigeren Charakter als früher. Es ist bedauerlich,
daß weite Kreise so zur Kirche stehen, und wer es mit der letzteren
wohl meint, sollte sich in Weisheit, Behutsamkeit und Besonnenheit
hüten, den +Haß gegen die Kirche und die kirchlichen Einrichtungen+
noch zu schüren und der Agitation noch Nahrung zu geben. Die Sache«,
sagte er abschließend, »ist sehr bedenklich und zeigt, daß wir +auf
der schiefen Ebene des Abfalles des Volkes von der Kirche weit
vorgeschritten sind+.«
Das also sind die Wirkungen einer Kirche, die ihre Glaubensgemeinde
trösten und beglücken sollte, die mit allen staatlichen Mitteln
gestützt wird und für die Unsummen erzwungener Steuern verausgabt
werden!
Die wahre Ursache dieser Ablehnungen, Mißstimmungen und Austritte aus
der Landeskirche sehen die frommen Herren natürlich nicht und suchen
sie in Äußerlichkeiten. Das beweist nur, daß sie das deutsche Volk
nicht kennen, dasselbe Volk, das vor 400 Jahren mit staunenswertem
moralischen Mute von der alleinseligmachenden Kirche zu Luther abfiel,
dasselbe Volk, das eben erst in blutigen Kriegen seine sittliche Kraft
vor den Blicken aller Welt erprobt hat.
Es war wenigstens ein Versuch, den wahren Problemen auf den Grund
zu kommen, als dem unduldsamen Fanatiker Stöcker, der in des Großen
Friedrichs Staate nie mehr hätte möglich werden sollen, von dem Syn.
Rechnungsrat Burghard (Heiligkreuz) erwidert wurde: »Ich freue mich,
daß Herr Stöcker sich in der Behandlung der Gegensätze zwischen
Positiven und Liberalen jetzt geändert hat. (Heiterkeit.) Früher wurden
wir Liberalen als gleichberechtigte Glieder der Kirche nicht anerkannt,
wir waren gut genug, Steuern zu zahlen, im übrigen sollten wir den
Mund halten. Jetzt, wo die Not sich zeigt, sollen wir auch mithelfen.
Wenn die Agitation auch zum Austritt an das Landtagswahlrecht und das
Schulgesetz anknüpft, so hat das wohl darin seinen Grund, daß die Leute
sagen: Diejenigen, die uns das Wahlrecht nehmen und das Schulgesetz
geben, sind die Hauptstützen der orthodoxen positiven Kirchenpartei.
(Sehr richtig!) Hofprediger Stöcker sagt uns, wir sollen beileibe
nicht von der Kirchensteuer sprechen. Es ist das ein eigentümliches
Verlangen. Nachdem wir Liberalen in der Stadtsynode erklärt haben,
daß wir die Verantwortung für die Erhöhung der Kirchensteuer nicht
übernehmen, werden wir natürlich nun nicht einfach den Mund halten!«
Als Stöcker darauf sagte, er habe abweichenden Glauben nie als
Unglauben bezeichnet und sei viel besser als sein Ruf, quittierten ihm
die Hörer, wie die Zeitungen berichteten, hierfür mit »Unruhe« und
»Heiterkeit« und das in einer +Synodalsitzung+! -- +Wir+ wissen sehr
wohl, weshalb die alten Kirchen leer stehen. Wir wollen es mit den
Worten Gustav +Frenssens+ sagen:
»Es geht wieder ein Sehen durch unser Volk, die drei gewaltigen Mächte,
die es aus sich selbst erzeugt, die Obrigkeit, die Religion und die
Sitte zu verjüngen. Es geht ein Wille und Wunsch durchs Volk, zur
Natur zu kommen, zu einer schlichten schönen Religion, zur sozialen
Gerechtigkeit, zu einem einfachen, edlen, germanischen Menschentum.«
Hören wir noch ein zweites modernes Bekenntnis:
»Jesus hat den modernen Christen weder das +Weltbild+ gegeben, das sie
jetzt besitzen, noch den +Gottesbegriff+, den sie jetzt umfassen, noch
den +Lebensweg+, den sie jetzt gehen. Aber ein Glaube, dem man weder
buchstäblich folgen kann, noch im Geiste ganz in sich aufnehmen will,
sondern den man nur nach Behagen und Erfordernis gebraucht, dieser
Glaube +ist nicht mehr eine gottgegebene Religion+ und das Christentum
ist allen denen entbehrlich, die wissen, daß Sünden und Sorgen zum
Entwicklungslauf gehören. Das Kreuz ist nicht mehr ihr Sinnbild.«
(Ellen Key »der Lebensglaube«.)
Ich kenne auch die Einwände der »Positiven«. Der »Reichsbote« hat mich
selbst schon einmal mit seiner Aufklärung beehrt. In einem Aufsatze
über »Radikalismus« wurde mit Grausen gemalt, daß durch solchen
Subjektivismus die Gesellschaft und der Staat in seine Atome zerfallen
müsse. Ein großer Irrtum: England und Nordamerika mit ihrem stark
entwickelten Sektenwesen halten geistig besser zusammen als unsere
kirchlich zentralisierten Staaten. In jenen glücklichen Ländern läßt
man tatsächlich jeden nach seiner Fasson selig werden und erlöst sogar
die Schulkinder aus dem Glaubenszwange. Man scheint also dort erkannt
zu haben, welche Achtung man der persönlichen Überzeugung eines freien
Bürgers schuldig ist, daß ein Mensch nicht den oder jenen Glauben hat,
daß vielmehr umgekehrt dieser oder jener Glaube den Menschen habe. Man
schafft sich doch seinen Glauben nicht willkürlich, sondern er wächst
uns von innen heraus als eine Naturnotwendigkeit. Was aber geht den
Staat mein Glaube an? Ich trage ihn ja still in mir herum, niemandem
zuleide.
Hat Deutschland irgendeinen Nachteil bisher z. B. von dem
+Positivismus+ des Bundes für »freie Denker und ernste Wahrheitssucher«
gehabt? (Dr. H. Molenaars Jahrb. Bd. V. »Religion der Menschheit«.)
Oder von dem Bunde der +Monisten+? Liegt Verbrecherisches,
Gemeingefährliches in ihren Glaubenssätzen? Man höre und prüfe gerecht:
Der Deutsche Monistenbund will die Kultur des einzelnen, des Volkes und
der Menschheit fördern, indem er
wissenschaftlich unhaltbare und überwundene Weltanschauungen, vor allem
aber ihre Eingriffe in das Einzel- und Gesellschaftsleben bekämpft;
neue Erkenntnisse als Grundlagen einer neuen Weltanschauung verbreitet;
neue Ideale der Lebensführung aufzuweisen und zu verwirklichen strebt.
I. Irrig und kulturhemmend ist jeder Dualismus in der Weltanschauung
und Lebensführung. Irrig und kulturhemmend ist im besonderen:
1. die Annahme offenbarter göttlicher Wahrheiten mit absoluter
Autorität gegenüber dem menschlichen Forschen nach Wahrheit;
2. die Annahme unbedingter übernatürlicher Kräfte und Gewalten,
gedacht als freie Ursachen des natürlichen Weltgeschehens;
3. die Annahme eines himmlischen Jenseits, das Ziel und Vollendung
des menschlichen Lebens auf Erden.
II. Unsere neue Weltanschauung ist der Monismus, das ist:
1. die Einsicht, daß die Natur aus sich selbst erklärt werden muß,
ohne ein übernatürliches Prinzip;
2. die Erkenntnis, daß alles Geschehen nach ewigen, ehernen, großen
Gesetzen verläuft, die in der Natur der Dinge selbst begründet sind;
3. die Gewißheit, daß die Natur einheitlich ist, dieselbe in allem
Geschehen und in allen Gestalten.
III. Unser neues Ideal ist die Menschheit, die ihre Stellung in
der Natur kennt und auf Grund dieser Kenntnis in ihr Schicksal
selbstbestimmend eingreift. Die Anwendung der erkannten Naturgesetze
auf die Gestaltung des Einzel- und Gesellschaftswesens soll uns
befähigen:
1. durch Selbst-, Haus- und Volkserziehung eine immer größere Zahl
gesunder, tüchtiger, vernünftiger und edler Persönlichkeiten
heranzubilden;
2. durch planmäßige Arbeit dieser Persönlichkeiten unser Volks- und
Staatsleben auf eine immer höhere Stufe der Freiheit und Ordnung,
der Gerechtigkeit und Fürsorge zu erheben;
3. durch bewußte Fortführung ihres allgemeinen Entwicklungsprozesses
die menschliche Gattung selbst zu erhalten, zu kräftigen und zu
immer höheren Stufen der Naturerkenntnis und Naturbeherrschung, der
Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung zu führen.
In den +Religionen+ sieht der Monismus also nicht übernatürliche
Offenbarungen, sondern wandelbare Erzeugnisse des Gefühls und
Geisteslebens der verschiedenen Völker in den verschiedenen Zeiten. Er
erkennt den Wert der Religionen und ihre Bedeutung für die Veredelung
der Menschheit völlig an, doch bestreitet er entschieden, daß
Religiosität immer und untrennbar mit übernatürlichen Vorstellungen
verknüpft sein müsse.
Von den +Konfessionen+ behauptet der Monismus, daß sie durch den Zwang,
den sie mit Hilfe staatlichen und gesellschaftlichen Druckes schon auf
die Bildung der Jugend ausüben und durch den Zwiespalt, den sie in
unser Volksleben hineintragen, vielfach schädigend auf die Entfaltung
wahrhaft religiösen Lebens einwirken.
Den +Staat+ betrachtet der Monismus als ein Ergebnis menschlichen
Daseinskampfes und Organisationsstrebens. Er sieht in ihm die
den einzelnen im Daseinskampfe stärkende Organisation einer
verwandtschaftlich oder geschichtlich zu einer Rechts- und
Kulturgemeinschaft verbundenen Menschengruppe. Entsprechend dieser
hohen Bedeutung des Staates für die Erhaltung und Entwicklung des
Volkes gebührt den staatlichen Interessen im allgemeinen der Vorrang
vor den individuellen. Das Entwicklungsziel des Staates erblickt der
Monismus darin, größtmögliche Freiheit der einzelnen mit möglichst
vollkommener Ordnung des Ganzen zu verbinden und so eine Versöhnung von
entwicklungskräftigem Individualismus mit echtem ethischen Sozialismus
herbeizuführen.
Der Monismus maßt sich nicht an, alle Zweifel beseitigen und eine
Lösung aller Welträtsel geben zu können, doch glaubt er eine dem
heutigen Stande der Wissenschaft entsprechende Weltanschauung zu
vertreten.
Welcher Ernst, welch hohes sittliches Streben, welche wissenschaftliche
Treue, welcher Wille zur Wahrhaftigkeit, welche Duldsamkeit! Es gibt
keinen alleinseligmachenden Monismus, keinen Glaubenszwang, keine
Ächtung Andersgläubiger; hier wird niemand mit ewiger Verdammnis
bedroht, niemandem etwas genommen, keiner vergewaltigt und überlistet,
keinem Kinde in der Entschließung vorgegriffen, keinen Manne Umkehr
verboten. Ich sehe nichts, was an diesem »Monistenbunde« Tadel
verdiente und habe Lust ihm beizutreten.
Dieselbe Erkenntnis haben z. T. unabhängig voneinander eine Reihe
tiefer Denker gefunden. Vor allem klar und überzeugend hat sie +Ludwig
Feuerbach+ (»Das Wesen des Christentums«) dargestellt. Überall,
bei allen Religionen, wies er das gleiche Schauspiel nach: die
Selbstdarstellung des Menschen in seinen Göttern. Der Mensch kann eben
über sein eigenes Wesen nicht hinaus. »Was dem Menschen Gott ist,
das ist +sein+ Geist, +seine+ Seele; Gott ist das offenbare Innere,
das ausgesprochene Selbst des Menschen.« Es ist das gleiche, wenn
+Anatole France+ sagt: »Die Götter haben den Menschen das Leben zu
verdanken, denn ihr Wesen besteht aus den Gedanken und Gefühlen ihrer
Anbeter«, oder, wie es +Walt Whitman+ ausdrückt: »Nicht die Religionen
schaffen den Menschen, sondern der Mensch die Religionen.« Gleicher
Überzeugung lebten +Max Stirner+ und +Friedrich Nietzsche+, leben
+Maeterlinck+, +J. P. Jacobsen+, +Ellen Key+ (»Der Lebensglaube«,
S. 552, wo man weitere Belege findet) und vor allem auch, es noch
weiter ausbauend und tiefer erfassend, +Eduard von Hartmann+, über
dessen Auffassung wir uns am schnellsten belehren lassen durch +W.
von Schnehen+ (»Der Volkserzieher«, X. Nr. 19, S. 151): »Ich bin mir
bewußt, daß mein wahres Selbst Gott ist, und dieser Tatsache mir bewußt
zu werden und danach zu handeln, oder, wie es Schiller ausdrückt,
Gott in meinen Willen aufzunehmen, das ist meine wahre Aufgabe, wenn
ich als religiöser Mensch leben will. Aber mein Bewußtsein von dieser
meiner wesenhaften Einheit mit Gott ist nicht diese Einheit selbst,
mein Gedanke an die Gottheit ist nicht schon die Gottheit und die
Vorstellung meines Selbst (d. h. mein Ich) nicht das wirkliche Sein
dieses Selbst, sondern eben nur dessen mehr oder minder unvollkommenes
Spiegelbild im Bewußtsein.«
»Es ist das der +konkrete Monismus+ im Gegensatz zu dem abstrakten
Monismus der Inder und Mystiker, wie des +Angelus Silesius+, welcher
sagte: »Ohne mich kann Gott nicht leben; rufe nicht nach Gott, denn
die Quelle ist in dir; wer nicht Gott wird, sieht Gott niemals.«
Über diesen konkreten Monismus, dem also Geister wie Spinoza,
Lessing, Goethe, Kant, Herder, Schiller, Fichte, Hebbel, Schelling,
Schopenhauer, Lange, Fechner vorgearbeitet haben, lese man +E. v.
Hartmanns+ »Religion des Geistes« und wie +W. v. Schnehen+ (a. a.
O.) lebhaft empfiehlt: +Arthur Drews+ neue Schrift, »Religion des
Selbstbewußtseins« (Eugen Diederichs Verlag), die er als »eines der
schönsten und tiefsinnigsten Werke der gesamten religiösen Literatur«
bezeichnet, die ich selbst aber noch nicht kenne.
Ich glaube, selbst Christus hätte den Monismus gelten lassen. Nicht
aber -- natürlich -- können ihn der Papst und Stöcker gelten lassen.
Das alte Rom bestand jahrhundertelang mit einem ganzen Blumenkorb voll
Göttern, auch Griechenland ist nicht an seinen vielen philosophischen
und theosophischen Systemen zugrunde gegangen.
Es ist ein Nonsens, 60 Millionen Deutsche, deren jeder seinen eigenen
Kopf hat, auf einige Dutzend alter Glaubenssätze verpflichten zu
wollen. Gelingt es, so feiern die Heuchelei und die Lüge, der
Stumpfsinn und die Gleichgültigkeit wahre Orgien. Davor möge uns ein
guter Geist behüten!