allerorten in den Weg tritt, etwas zu verweilen.
Die Menschheit zerfällt nach dem Urteile jedes einigermaßen gesitteten
Engländers in zwei Gruppen, in gentlemen und nicht gentlemen.
Dementsprechend in lady und nicht lady. Ein Mensch beträgt sich
entweder gentlemanlike oder nicht, ladylike oder nicht -- ein Drittes
gibt es nicht. Es zweifelt kein Engländer daran, daß der gentleman der
Idealmann sei. Das ganze Volk erkennt dieses Vorbild an, es ist auch im
Prinzip keiner davon ausgeschlossen.
Der Arbeiter entrüstet sich, wenn sich jemand erdreisten sollte, ihn
den Ehrennamen eines gentleman abzusprechen, und auch der Lord weiß
sich keinen höheren Titel. Der gentleman hat Achtung vor dem Gesetze
und noch größere Achtung vor dem Recht der Persönlichkeit. Da er die
Eigenart der Menschen achtet, beansprucht er auch für sich ein völliges
noli me tangere -- und das eben auf Grund seiner Verfassung, die ihm
heilig ist.
Das englische Recht, das natürlich nur wenige Deutsche kennen, da es
uns ja viel wichtiger ist die Verfassungen von Athen, Sparta und Rom
und das corpus iuris zu kennen, das englische Recht ist die großartige
nationale Schöpfung dieses freien germanischen Volkes, ist ein Recht,
das auf der Achtung der Menschenwürde aufgebaut ist.
Mit lebhafter Zustimmung lese ich die Rede, die +Josef Köhler+ zur
Begrüßung der englischen Gäste der International Law Association
gehalten hat. (»Der Tag« A. Nr. 510) darin heißt es u. a.: »England
hatte das große Glück, sich sein Recht, bürgerliches wie öffentliches,
aus angelsächsischen und normannischen Elementen selber schaffen
zu dürfen, und wie unser Goethe einmal sagt: ist es ein großer
Vorzug einer Kultur, wenn sie, ungehindert durch Einflüsse von
außen, ihre eigenen Kräfte voll entfalten kann« -- Und weiter: »Ich
bewundere das englische Recht wegen seiner Biegsamkeit und seines
Anpassungsvermögens; wie es, hierin dem römischen Rechte vergleichbar,
mit einem gewissen konservativen Zuge das alte Gefüge beibehielt,
dann aber in seinen Ausläufern sich befähigte, allen Anforderungen
des vielseitigen Lebens zu entsprechen; wie es, zuerst voller Formeln
und Seltsamkeiten, sich seit Mitte vorigen Jahrhunderts immer mehr
vereinfachte und sich dem heutigen Wesen anschmiegte. So konnte das
englische Recht ein Weltrecht werden und in der Neuen Welt wie in der
Alten die Leuchte der Kultur vorantragen; so konnte es, dem genialen
Triebe germanischen Denkens entsprechend, immer neue Rechtsgebiete
beherrschen; und wie wir England das Parlament verdanken, so verdanken
wir ihm die heutige Gestaltung des Erfinder- und Urheberrechtes.
Dem Deutschen aber ist das englische Recht noch namentlich dadurch
lehrreich: was wir heutzutage in Deutschland erstreben, die
schöpferische Kraft der Rechtsprechung, das ist in England schon
jahrhundertelang geworden. Das Heil der Rechtspflege liegt da nicht
in dem wörtlichen Auslegen der Gesetze, nicht in dem ständigen
abgöttischen Sichverbeugen und Sichverneigen vor den gesetzlichen
Ausdrücken sondern in dem kühnen Erfassen der im Gesetz und Rechtsleben
waltenden Rechtsvernunft. Gerade in dieser Beziehung hat die englische
Rechtsprechung Hohes, vielleicht das Höchste erreicht. Sie hat gezeigt,
wie unrichtig es ist, eine solche schöpferische Tätigkeit der Gerichte
zu scheuen. Welche Fülle von klarer Lebensbeobachtung, von gesundem
Sinn, von feinem Takt, von rechtlicher Weisheit und kerniger Kraft
ist in den englischen Entscheidungen des 18. und 19. Jahrhunderts
niedergelegt! Wie weiß sich hier die Rechtspflege den Bedürfnissen des
Falles anzupassen, wie klar und tief alle Geheimnisse des Lebens zu
ergründen und allen Einzelheiten gerecht zu werden! Das soll für uns
ein ständiges Vorbild sein!«
Wie nur der gentleman ein solches edles Recht schaffen konnte, so
konnte auch unter einem solchen Rechte allein der gentleman wachsen
und sich erhalten. +Denn alle Kraft eines Volkes wurzelt in seinem
Rechte.+ Unser römisch-germanisches Recht macht die Deutschen zu
Tausenden rechtlos, unterwirft sie der Tyrannei des Kapitals, und
des Buchstabens, der von der Menschenwürde nichts weiß und stumme
Unterwerfung des Lebendigen unter das Tote fordert. -- Ich könnte
kleine Musterproben englischer Rechtssprechung geben, die mit wenigen
Strichen den Gegensatz grell anschaulich machen würden. Aber es
führt hier zu weit. Genug an der Erkenntnis, daß der gentleman nur
möglich ist unter englischem Rechte. Dieses Recht ist wirklich ein
Schutz und eine Zuflucht jedes Engländers, der lebhafte Ausdruck des
Volksbewußtseins und Volkswillens, ist ein Stück England selbst, nicht
Fremdkörper, ist der Stolz der Bürger, nicht sein Spott und Fluch!
Unter diesem Gesetze gedieh auch eine vernünftige Erziehung. Als ich
auf diese vor Jahren als vorbildlich hinwies, bespöttelte man die
Geschmacklosigkeit, als könnten wir von John Bull etwas lernen. Heute
schreibt +Wilhelm Münch+ mit viel tieferer Einsicht: »Selbst das uns
so nahe englische Vorbild, von dem wir ja glücklicherweise manches in
den letzten Jahrzehnten übernommen haben und hoffentlich noch mehr
übernehmen werden, kann nicht etwa als ganzes und unbedingt unsere Wahl
werden.« Gewiß nicht! Will auch niemand.
Doch zurück zum gentleman!
Der gentleman lügt nie. Eine einzige offenkundige Lüge bringt selbst
den Knaben um alle Reputation bei seinen Mitschülern; der gentleman ist
nicht laut und vorlaut, hält sich gemessen und würdevoll. Es gehört zum
gentleman auch, daß er körperlichem Sporte huldigt, irgendeiner Kirche
angehört, Klubs und öffentliche Versammlungen besucht, bestimmte Hüte,
Handschuhe, Hosenschnitt nach der Mode, ebenso Stiefel, Bartfrisur u.
dgl. habe. Der gentleman führt beim Essen das Messer nicht zum Munde,
nimmt keinen Senf zum Hammelbraten, grüßt nicht durch Hutabnehmen,
sondern nur mit der Hand. Er hat Tausend kleine Pflichten zu befolgen
-- aber er trägt diesen beschwerlichen Dienst gern, denn er erkauft
sich damit das Köstlichste, was ein Mensch haben kann, Selbstachtung
und die Achtung der Mitmenschen. Die politische Überzeugung kommt dabei
nicht mit in Rechnung. Man kann liberaler und ebensogut konservativer
gentleman sein. Man braucht in England keine Titulaturen; denn es
genügt ja, daß man gentleman ist. Dadurch gewinnt der Verkehr seine
gefälligen und festen Formen. Kurz, es ist etwas Köstliches mit diesem
gentleman. Ein Kind ist leicht zu lenken, wenn das ganze Volk so fest
geprägte Begriffe und unwandelbare Formen für das hat, was den Wert des
Mannes ausmacht. Ich glaube, diese großartige Kulturleistung -- die
Herausbildung eines schönen Mannesideals -- trägt das Hauptverdienst
an allen weiteren kulturellen Errungenschaften der Engländer. Zumal
die Erfolge in der Kolonisation fremder Völker dankt England gewiß
größtenteils dem gentleman. Man kann in den Augen der Engländer auch
als Ausländer gentleman sein, freilich nicht eben leicht. Am sichersten
ist schon, ganz englisches Wesen anzunehmen. Und so zwingend ist dieses
Erziehungsgebot, daß sich ihm wirklich selbst reife Männer die aus
fremden Ländern kommen, willig beugen. Kein Volk der Erde hat dem etwas
Gleichwertiges an die Seite zu stellen.
VII.
Ergebnis.
Der um die Betätigung seiner mannhaften Triebe betrogene Deutsche wurde
immer wieder auf sein Gemütsleben hingewiesen. Man machte ihm weis und
er glaubte es schließlich selbst, daß er von Natur mit einem besonderen
Beruf nur für diese Seite des Lebens ausgestattet sei. Man behandelte
ihn von Staats und Kirchen wegen wie ein krankes Kind, das vom Fenster
seines armseligen Kämmerleins aus zusehen muß, wie sich draußen auf
der Wiese die gesunden Bengel tummeln und balgen, wie sie singen und
springen und sich die reifen Äpfel von den Bäumen schütteln. Trauernd
sinkt das kranke Kind in sich zurück, baut sich im Innern seine schöne
Märchenwelt und lernt ein Glück in der Selbstbeschränkung und in der
Entsagung finden. Es pflanzt sich seine Blümchen auf dem Fensterbrett
und fängt sorgsam die matten Sonnenstrahlen auf, die sich bis in
diesen versteckten Winkel hereinwagen. So wurde aus dem Deutschen,
der von Haus aus ein recht gesunder, handfester Draufgänger war und
das Leben sehr praktisch und real zu leben wußte, ein Stubenhocker,
ein Betbruder, ein Dichter und Denker. Bescheidenheit und Demut
wurden seine Tugenden, die stille, behaglich erwärmte, enge Stube des
Kleinstädtchens wurde seine Welt, in der ihm tatsächlich das Herz
aufging.
Niemand führt uns in diese Stimmungssphäre besser ein als der
schlichte, kindlich-fromme +Ludwig Richter+, der Verherrlicher
des äußerlich engen, aber dabei innerlich tiefen sächsischen
Philisterlebens; Richter, der nach seinen eigenen Worten darzustellen
trachtet: »in aller Sichtbarkeit der Menschen Lust und Leid und
Seligkeit, der Menschen Schwachheit und Torheit, in allem des großen
Gottes Güt' und Herrlichkeit«, dem es aber nie in den Sinn kam,
Äußerungen menschlichen Wagemutes, Trotzes und Kampfes darzustellen.
Sein Leben war von einer rührenden Hingabe und Selbstlosigkeit,
Schlichtheit und Demut, durchwärmt von einem stillen Glücke und deshalb
groß, ja erhaben in seiner Beschränkung. Aber -- füge ich hinzu -- ein
+Volk+, das seines Sinnes lebte, wäre dem Untergang geweiht.
Der unfreie Deutsche fand vielfach seinen Trost in der Kneipe beim
Schoppen Bier. Da sah ihn die weise Behörde auch recht gerne sitzen. Am
Stammtisch trank er sich seine Bierleber und sein Bierherz an, wurde
satt und genügsam. »Laßt dicke Männer um mich sein,« war noch stets der
Wunsch aller Autokraten. Sie lieben die Mageren und Hohläugigen nicht,
die zuviel denken. Im Bier ersäuft der Deutsche seinen jugendlichen
Tatendrang und jeden Untertanenärger. Beim Biere durfte man große Worte
ertönen lassen, denen keine Taten zu folgen brauchten. Beim Biere
konstruierte sich der Studio seinen idealen Bierstaat, der zu nichts
als zu wackerem Saufen verpflichtete. Bierselig ist die ganze Poesie
+Victor Scheffels+, der immer erst einen tüchtigen Schluck nehmen
mußte, ehe seine Muse erwachen wollte. Im Biere erlosch leider auch der
Ingrimm des liebenswürdigen +Fritz Reuter+. Ich schätze ihn unendlich
hoch und danke ihm Stunden wahren Glückes -- so sinnig, so echt und
gesund sind seine Dichtungen --, aber ich kann ihm nicht nachempfinden,
daß der so Mißhandelte wieder heiter und zufrieden werden konnte. Ich
würde es natürlicher und auch männlicher gefunden haben, wenn er sein
Leben der +Rache+ und dem Kampfe für Deutschlands innere Befreiung
geweiht hätte. Er war eben auch einer der unzähligen von der eigenen
Mutter Germania gebrochenen, um ihr Bestes, ihr mannhaftes Herz,
betrogenen Kinder. Auch er lernte schließlich beim Biere lachen und
scherzen, während sein edles Herz verblutete.
Es war ein -- allerdings vergeblicher -- Protest gegen diesen Geist des
Entsagens gewesen, der dem deutschen Volk erst aufgezwungen, dann zum
Bedürfnis geworden war, als +Schiller+ »in tyrannos« auftrat. Auch sein
ganzes Leben war ein Ringen mit den Fesseln des deutschen Kleinmuts,
kleinbürgerlicher Selbstgenügsamkeit und ein Trieb, aus den niedrigen
Stuben mit ihrem schwülen Dunst und den »engen Gesprächen« hinaus in
die freie weite Luft zu kommen.
Er hatte dem Leben wieder Schwung gegeben, den Mut zur Tat, die frohe
Lust am Dasein, die Begeisterung zum Heldentod. Aber es erging ihm
wie noch immer den Deutschen, die mehr und Besseres sein wollten, als
still genügsame und fügsame Untertanen. Es erging ihm, wie dem Vogel,
der dem Käfig entschlüpft, nun ins Freie eilen will, aber bei jedem
frischen Anflug mit dem Kopf an einer harten Glasscheibe anschlägt.
Er träumte von den herrlichen Alpen, von dem weiten, lockenden Meere,
von dem sonnigen Süden, von einem großen, stolzen Volke, er rief es
aus: »Wir wollen frei sein, wie die Väter waren«, aber auch seine Welt
blieb eine Traumwelt, ein die ganze Menschheit umfassender Rausch und
Freudentaumel, ein himmelstürmender Gedankenbau, dem eine Wirklichkeit
nicht entsprechen wollte. Er sah nicht mit Augen all die Herrlichkeit
der Erde, der seine Seele erglühte, sah vor allem kein großes stolzes
Vaterland und verzehrte seine edle Natur im Kampfe und Kleinkrieg
mit körperlichem Leiden, den traurigen Folgen einer echt deutschen
Stuben-Erziehung, materieller Not und unzureichender Körperpflege.
Wir Deutschen sind allzeit schlecht erzogen und schlecht behandelt
worden. Wir sind noch heute das unfreieste Kulturvolk der Erde. Wir
leben noch immer als Untertanen und lassen uns regieren, anstatt daß
wir unsere Geschicke selbst leiten lernten. Wir glauben noch, so gut
es gehen will, was uns irgendeine Kirchenbehörde als rechte Seelenkost
zubereitet, wir lassen uns von Zeit zu Zeit wie ungezogene Kinder bei
den Ohren nehmen, lassen uns eine herbe Strafpredigt halten und nehmen
sie ohne Trotz entgegen.
Wollen wir unsere besten Männer nennen, -- Schiller, Arndt, Jahn,
Heine, Reuter, Richard Wagner, Bucher, Miquel, Kinkel, Schurz, Laube
etc. --, so müssen wir von Staat und Kirche Verfolgte nennen. Unsere
Kultur- und Literaturgeschichten nehmen sich aus wie Kriminalberichte.
Die besten Kräfte unseres Volkes müssen immer darauf verwandt werden,
uns vor uns selbst zu schützen. Kein Wunder, wenn uns andere Völker
zuvorkommen. Wenn wir die größten Namen im Gebiete des deutschen
Geisteslebens im XIX. Jahrhundert suchen, so fallen auf die kleine
Schweiz mit ihren freiheitlichen Einrichtungen im Verhältnisse weit
mehr als auf das große Deutschland. Der größte Pädagoge -- Pestalozzi
-- ein Schweizer, der größte Maler -- Böcklin -- ein Schweizer, der
größte Schriftsteller -- Gottfried Keller -- ein Schweizer. Ebenso
leben wir jetzt auf den wichtigsten Gebieten fast schon ausschließlich
von Pump: Carlyle, Ruskin, Emerson, Walt Whitman, Björnson, Ibsen,
Tolstoi, Gorki gelten uns mehr als unsere schriftstellernden Landsleute.
Und dieses Mal nicht deshalb, weil wir eine Sucht nach dem
Fremdländischen hätten -- nein, es lebt gerade jetzt in uns der
lebhafte, starke Wunsch zur Heimatkunst, zur Selbstbestimmung zu
kommen -- aber jene fremden Autoren haben uns tatsächlich über unser
eigenes Denken und Fühlen, für unsere eigenen geistigen Bedürfnisse
mehr zu sagen. Sie sind nicht klüger, aber sie sind innerlich freier,
gefestigter, selbstvertrauender.
Wie anders sollte man erklären können, daß z. B. die Erziehungschriften
der Schwedin +Ellen Key+ in Deutschland rein verschlungen werden,
während hervorragende deutsche Pädagogen kaum Gehör finden. Ellen
Key »Essays« sind in 11 Tausend, »Das Jahrhundert des Kindes« in
26 Tausend, »Über Liebe und Ehe« in 28 Tausend Exemplaren bei uns
verbreitet. Dagegen haben der im preußischen Ministerium an führender
Stelle wirkende Geh. Regierungsrat +Dr. Matthias+, ebenso wie der
gleich anerkannte Pädagoge, Universitätsprofessor Geh. Rat +Wilhelm
Münch+ für ihre Werke, die wohl in Fremdsprachen überhaupt nicht
übersetzt wurden, in Deutschland nur eine Verbreitung von 1--3
Auflagen, wobei alle höhere Schulen schon selbstverständlich als
Abnehmer gelten müssen.
Die Pädagogik der höheren deutschen Lehrer aber, die nicht an leitender
Stelle stehen, ist völlig mit Unfruchtbarkeit geschlagen. Sie wagt
sich an die Lebensprobleme nicht einmal heran, +getraut+ sich nicht
von dem zu sprechen, worum sich doch die ganze Erziehungspraxis und
Erziehungsweisheit drehen sollte. Der Erziehungs+beamte+ versagt eben
vollständig:
In früheren Zeiten boten die Abhandlungen, die den Schulprogrammen
beigefügt wurden, den Lehrern, die eigene Gedanken hatten, Gelegenheit,
diese in die Öffentlichkeit zu bringen.
Wenn wir die Programme lesen, die z. B. der blutjunge Herder
veröffentlicht, so staunen wir über den rückhaltlosen Freimut
und den geradezu übermütigen Reformationseifer, mit dem er den
damals herrschenden Schulbetrieb geißelte. Ich habe aber in den
eindringlichsten Lebensbeschreibungen Herders keine Zeugnisse dafür
gefunden, daß ihm diese offene Aussprache verübelt worden wäre,
Feindschaften und Schaden gebracht hätte. Heute sind diese Herderschen
Abhandlungen vielleicht die einzigen unter vielen tausenden älterer
Zeit, die noch Bedeutung haben und in dem pädagogischen Kampf unserer
Tage wieder zu Worte kommen.[7]
Jene Zeit, die der Unkundige sich gerne als geistig unfrei denkt,
gestattete selbst dem jüngsten Lehrer das freie Manneswort.
Und so erhielt es sich bis an unsere Zeit heran, bis aus
Zentralisationsbedürfnis der Beamtencharakter und damit Beamtengehorsam
höhere Wertung erhielt, als die mannhafte, wenn auch unbequeme
Überzeugung eines selbständigen Kopfes. Da wurde denn die Verfügung
erlassen, daß die Programmabhandlungen sich möglichst eng an die
Schulaufgaben anzuschließen und vor der Drucklegung einer Begutachtung
von seiten des Schulleiters zu unterziehen hätten. Die höhere deutsche
Lehrerschaft ließ diese wie andere Demütigungen ohne einen Laut der
Klage, ohne ein Wort des Widerspruches über sich ergehen, ließ sich
geduldig einen Backzahn nach dem anderen ziehen. Jetzt geht der
Oberlehrer mit seinem Manuskripte zum Herrn Direktor, läßt es sich wie
ein braver Tertianer durchsehen, und nachdem alle irgend bedenklichen
Stellen ausgemerzt sind, setzt der Direktor sein imprimatur darunter.
Daher denn die jetzigen Schulprogramme höchst sachlich, ruhig,
lehrhaft und höchst langweilig sind: nahrhafte Haferschleimsuppen und
gezuckerter Milchgrieß.
Unsere Zeit wird künftigen Geschlechtern trotz aller Betriebsamkeit und
staunenswerten Kleinarbeit als pädagogische Wüste erscheinen.
Nur +ein+ Gebiet gibt es, auf dem der Deutsche allzeit frei geschaltet
hat. Das ist das der +Musik+. Da ist er denn auch unbestritten Herr der
Erde; da huldigen ihm alle Völker.
In der Musik konnten sich deutscher Freiheits- und Tatendrang
ungehemmt ausleben. +Beethovens+ und +Wagners+ gewaltige Trotz- und
Siegesfanfaren unterlagen keiner Zensur, da hatte die Macht der Kirche
und des Staates keine Handhabe. Töne stehen gottlob noch nicht unter
polizeilicher Aufsicht. Da sieht man denn auch, daß wir Deutschen
+nicht+ unmännlich, +nicht+ unselbständig, auch nicht Klassizisten
sind, daß unser Geistesleben von Hellas und Rom nichts in sich
aufgenommen hat. In dieser wahrsten, weil von keiner weltlichen
oder kirchlichen Macht beschränkten Lebensäußerung der Volksseele
bekennt sie sich selbst mit Stolz als selbstherrlich und unerreichbar
hochstehend.
+Richard Wagner+ hat das Abiturientenexamen an einem Gymnasium
bestanden -- aber wann erinnert er wohl auch nur mit einer Note an
diese Schulvergangenheit? Das klassische Altertum ist durch seine Seele
gezogen, ohne darin irgendeinen Lebenskeim zurückzulassen. Dasselbe
gilt übrigens von dem Maler +Moritz von Schwind+. Auch er blieb völlig
immun gegen die klassische Seuche und wurde dadurch der bedeutendste
Seelenkünder deutschen Naturempfindens.
Wir Deutschen sind stets gegängelt und irregeführt, und groß sind nur
die geworden, die ihre Schule überwanden. Den wenigsten gelang es und
gelingt es heute. Es ist ein harter Kampf, wie eine Neugeburt. Wem es
aber gelingt, der ist -- gerettet.
Anstatt, daß wir von den Erziehungsmächten auf unsere eigene Flur
geführt würden, drängte man uns immer und immer wieder in fremde Länder
und machte unser Herz heimatlos. Stets sollte uns irgendeine ferne,
unbekannte, unverstandene, aber »heilig gesprochene Vergangenheit«
das Leben selbst ersetzen. Was aber die Geologen und Biologen längst
wissen, das sollten auch Theologen und Pädagogen endlich lernen, daß es
nämlich in der Welt keine Rückkehr gibt. Die Griechen wußten es schon,
denn +Heraklit+ hatte gelehrt, daß du nie in denselben Fluß steigen
kannst. Denselben Sinn hatte wohl auch der Spruch: ρόδον παρέλθὼν
μηκέτι ζήτει πάλιν (Wenn du an an einer Rose vorbeigegangen bist, so
suche nicht wieder nach ihr) -- ein Wort, so tief, daß es des Heraklit
würdig scheint.
Wir Deutschen haben aber von den Griechen, die wir zu lieben vorgeben,
nie etwas gelernt und sollten in der Schule von ihnen nicht viel
anderes lernen als ihre Grammatik, von der sie selbst wenig wußten und
über die nachzudenken sie klüglich einigen wenigen Sophisten überließen.
Wir Deutschen lernen überhaupt schwer und, weil in unserer Erziehung
keine Einheit und Vernunft herrscht, vergessen wir auch wieder, was wir
einmal gelernt haben. So haben wir z. B. die Lehren des Großen Fritz
vollständig verloren. Denn der lehrte in Übereinstimmung mit seinem
großen Lehrer Voltaire religiöse Duldung, Toleranz, Aufklärung und rief
Freidenker nach Preußen.
»Kommen Sie in ein Land, wo man Sie liebt, und wo es keine
Religionseiferer gibt,« schrieb er an Voltaire, und bei anderer
Gelegenheit: »Hier muß jeder nach seiner Fasson selig werden, der
Regierung können alle Religionen gleich sein, nur muß jeder ein
guter Bürger sein, mehr verlange man nicht von ihm.« Und in dem
Fürstenspiegel:
»Ihr Fürsten seid das Haupt der +bürgerlichen+ Religion eures Landes.
Diese besteht in Rechtlichkeit und allen sittlichen Tugenden. Es ist
eure Pflicht, sie ausüben zu lassen, besonders +Menschenliebe+, welches
die +Haupttugend jedes denkenden Wesens+ ist. Die +geistliche+ Religion
überlasset dem höchsten Wesen! Die Politik eines Fürsten verlangt
meiner Meinung nach, daß er den Glauben seines Volkes nicht berühre und
vielmehr, so gut er kann, die Geistlichkeit seiner Staaten und seine
Untertanen zur +Sanftmut+ und +Duldung+ anleite.«
So lehrte man vor 150 Jahren vom Throne herab. Wir aber erhielten ein
reaktionäres Volksschulgesetz, den Seminaristen werden Ibsen und andere
große Wahrheitskünder als Gesinnungsschädlinge verboten und engherzige
Geistliche wollen die jungen Leute allein auf die Bibel, als einzigen
Lebensquell, verpflichten. Umsonst hatte Voltaire sich gerühmt:
»Ils condamnaient le pape et voulaient l'imiter.
L'Europe par eux tous fût longtemps désolée.
Ils ont troublé la terre, et je l'ai consolée.
J'ai dit aux disputants l'un sur l'autre acharnés;
Cessez, impertinents, cessez, infortunés!«
VIII.
Die Kirchen als Erzieher zur Mannhaftigkeit.
Die tiefsten sittlichen Kräfte des Menschen liegen in seiner
Religion. Die Macht, die über den Glauben der Menschen Herr wäre,
müßte das Größte auf Erden wirken können. Eine solche Macht hat
jederzeit die Kirche angestrebt, die katholische und nicht minder
die protestantische, und dabei auf die Hilfe der politischen Mächte
vertraut -- leider!
Wie weit müßten wir in Deutschland gekommen sein, wenn die
Überzeugungen und Regierungsgrundsätze des +Großen Friedrich+ von
Preußen allzeit bis heute Beachtung und Nachfolge gefunden hätten!
Dieser Weise auf dem Throne sprach als seinen Grundsatz aus: »Die
bürgerliche Regierung kräftig zu handhaben und jedem die Freiheit
des Gewissens zu lassen. +Immer König zu sein und nie den Priester
zu spielen+, das«, sagte er, »ist das sicherste Mittel, um den Staat
vor Stürmen zu bewahren, die den dogmatischen Geist der Theologen
fortwährend zu erregen suchen.« Ja, dieser fürchterliche dogmatische
Geist der Theologen! Was für unsagbares Leid hat uns der schon auf
Erden gebracht! Und das alles aus lauter Liebe und Barmherzigkeit,
alles zur größeren Ehre Gottes!