Graf +Rottenburg+ berichtet darüber, der König habe gesagt: »Ein
Kind, das einst in einem bestimmten Lande und in einer bestimmten
Zeit +herrschen+ soll, muß in nichts anderen als in den hierzu
erforderlichen Gegenständen unterrichtet werden. Mögen Dauphins,
Prinzen von Wales und Infanten die Weltgeschichte studieren und Latein
lernen, mögen sie Zeit und Eifer auf die nicht leicht zu erwerbende
Geschicklichkeit verwenden, sich beim ›Aufstehen‹ richtig zu benehmen:
in Preußen steht der König allein auf, sobald die Reveille ertönt
und geht auch ohne Zeremoniell zu Bett. Er ist nicht so reich wie
die Könige von England, Frankreich und Spanien, sondern ein armer
König, den das Altertum mit seinen Assyrern, Ägyptern und Römern
nichts angeht.« Und nun folgen Worte, die jeder deutsche Erzieher
kennen sollte. Sie sind von einer verblüffenden Wahrheit, und ihnen
haben wir es in letzter Linie zu danken, daß wir wieder ein starkes,
selbstbewußtes Volk geworden sind: »Herodot, Thucydides, Livius und
Tacitus wissen nichts von Pommern, Jülich und Berg, auf welche die
Hohenzollern Ansprüche haben. Und ihre Sprache! Kann man diese in der
Armee oder in der Landwirtschaft gebrauchen? Die antike Pracht geht
einen preußischen König nichts an. Denn der soll marschieren, reiten,
sich um die Geschäfte kümmern, keine Perücke tragen, sondern deutsch
denken und arbeiten.«[6] Zugleich wurde aber stark in +Frömmigkeit+
gemacht.
Auch +Friedrich der Große+ war mit der Jugenderziehung in den
Lateinschulen keineswegs zufrieden. In ihnen würde nur das
Gedächtnis gefüllt mit unbrauchbaren Kenntnissen, während das eigene
Denken, Bildung des Urteils nicht geweckt und besonders Bildung
einer mannhaften Gesinnung nicht erzielt werde. Mehr als durch
Schulinstruktionen wirkte er, indem er seinen Deutschen den Mann der
Tat vorlebte. Aber die gute Wirkung, die er damit als nationaler
Erzieher gewonnen hatte, wurde wieder stark beeinträchtigt durch
seine Hinneigung und Vorliebe für die französische Sprache und für
französischen Geschmack überhaupt.
Da mußte wieder ein Lessing kommen, um auch diese Fremdpflanze
auszuroden und um nun auf dem gesäuberten Boden freilich wieder eine
andere noch von ferner her importierte Kultur zu pflanzen, so daß
+Schiller+ spotten konnte:
Kaum hat das kalte Fieber der Gallomanie uns verlassen,
Bricht in der Gräkomanie gar noch ein hitziges aus.
+Napoleon+, dem grausamen Zuchtmeister, ist es zu danken, daß die
Deutschen sich wieder nach einem deutschen Mannesideal umschauten.
Dichter, Philosophen, Staatsmänner legten sich die Frage vor, wie die
alte germanische Tüchtigkeit wieder erweckt werden könne. Seitdem
arbeiteten die Führer, Schöpfer und Sänger der Freiheitskriege an der
körperlichen und sittlichen Neugeburt des im läppischen Hofgetändel, in
Untertanendemut und in biedermeierischer Philisterseligkeit versunkenen
Volkes. Die deutsche Jugend, lenkbar und hingebend wie stets, wenn man
ihr hohe Ziele zeigt, folgte ihren Führern mit einer Begeisterung und
einer Hingabe, wie sie Deutschland seit den Tagen des Arminius nicht
gesehen hatte.
Hier war es zum ersten Male der Gedanke des großen deutschen
+Vaterlandes+, der Stammes- und Blutsgemeinschaft, der dem Mannesideale
neuen und tiefsten Gehalt gab. Vordem hatte kein deutscher Fürst,
selbst Friedrich der Große nicht an ein deutsches einiges Volk
gedacht. Sie alle trieben Lokalpatriotismus. Vordem hatte selbst der
Offizier als Lehnsmann nur seinem Herrn gedient. Treue knüpfte ihn an
den +einen+ Mann, nicht an seine Landsmänner. In den Glaubenskriegen
entschied eine Zeitlang die religiöse Überzeugung, während das
Vaterland nichts galt. Darauf wurde die Kriegsführung ein Handwerk. Es
galt nicht für ehrenrührig, seinen Kriegsherrn zu wechseln. Franzosen
dienten im Heere des Großen Friedrich. Deutsche Offiziere waren über
die ganze Erde zerstreut. Man konnte nach den Anschauungen jener
Zeit, wie der Major von Tellheim in Lessings Minna von Barnhelm, ein
Ritter ohne Furcht und Tadel sein, ohne Anhängigkeit an ein Vaterland.
Ein deutsches Vaterland also und damit die bewußten vaterländischen
Mannestugenden schuf sich das deutsche Volk erst in und durch die
Befreiungskriege. Es war neu und zündete auch wie ein neues Evangelium,
als Schiller die Worte ins Volk hinausrief:
»Ans Vaterland, ans teure, schließ' dich an!«
Seitdem konnte man sich eine volle Mannespersönlichkeit ohne tiefe
Beziehung zum Vaterland kaum mehr denken. Goethe sogar hatte sich gegen
den ungerechten Vorwurf zu schützen, daß es ihm an vaterländischer
Gesinnung mangele. Wer nicht Patriot war, galt eben nicht als voll, und
wenn er ein Goethe wäre.
»Es war plötzlich«, sagt +Arndt+, »wie durch ein Wunder Gottes ein
großes und würdiges Volk erstanden« -- »Die Preußen sind dem ganzen
deutschen Volke Anführer zur Freiheit gewesen, sie sind ihnen auch
ein Muster der Tapferkeit, Zucht, Bescheidenheit und Menschlichkeit,
sie sind rechte Krieger Gottes geworden. Jene Begeisterung, womit
sie sich dem Tode fürs Vaterland weihten, machte sie auch stark zu
jeder hohen Geduld und zu jeder menschlichen Milde: sie waren in der
Schlacht wie verzehrendes Feuer und wie erquickender Sonnenschein,
wenn die Schwerter ruhten ... Daß wir jetzt (1845) frei atmen, daß
wir fröhlich zu den Sternen blicken und Gott anbeten: das danken wir
nächst Gott diesen Beginnern der deutschen Herrlichkeit. Sie sind uns
übrigen Deutschen, wie verschiedene Namen wir auch führen mögen, die
glorreichen Vertreter und das erste Beispiel der Freiheit und Ehre
geworden« (Schriften für und an seine lieben Deutschen I, Leipzig 1845).
Ich glaube, daß man diese Zeit in ihrer sittlichen Größe trotz Heinrich
von Treitschke noch nicht genügend würdigt. Wieviel idealer Schwung,
wie große Opferfreudigkeit, welch begeisterte Hingabe des Lebens und
aller Lebensgüter flammten in den Jünglingen und Jungfrauen, die sich
an Körners und an Arndts Liedern begeisterten und singend und betend in
Kampf und Tod gingen! Das Mannesideal, das damals geschaffen wurde,
hätte nicht wieder versinken dürfen.
Seit der Niederwerfung Napoleons, als die Bundesakte einen losen
Verband deutscher Staaten geschaffen hatte, trat immer lebhafter der
Wunsch nach Verfassungen hervor, durch die die bürgerlichen Rechte
sicher gestellt werden sollten gegenüber der Regierungsgewalt. Man
hoffte, daß durch die öffentlichen Verhandlungen eines Landtages eine
unendliche Menge von kleinen Interessen in den Kurs des bürgerlichen
Lebens kommen und diesem einen größeren Gehalt und Reiz geben würden.
Das große Interesse des Staates werde so gewissermaßen in Münze
umgesetzt und diese ergieße sich über gewisse Teile der Gesellschaft
und belebe ihren Staatsverkehr. Man erhoffte ein reiches blühendes
Staatsleben und gedachte dabei an die Form in Rom und an Athens
öffentliche Plätze. Gegen eine solche Vorstellung des Bürgerlebens
mußte das stille Besorgen seiner Privatgeschäfte als eine wahre
Stagnation erscheinen, und in diesem Sinne beklagte man sich auch ewig
über den faulen, trägen Zustand der Zeit. »Soll der Untertan«, so sagte
man, »sich seinem Staate im rechten Sinne anpassen, so muß er dessen
Hauptinteressen kennen; diese müßten großartig und dauernd sein und in
dieser bleibenden Richtung muß sich die Teilnahme des Bürgers befinden.
Die Regierung muß so eingerichtet sein, daß er Vertrauen zu ihr hat;
dieses Vertrauen braucht nicht blind und unbedingt zu sein; er kann
mit seinem Urteile ihren Schritten folgen, und sein Herz kann ihr mehr
oder weniger Beifall zollen. In diesem mehr oder weniger einstimmenden
Gefühle und Urteile der Untertanen wird die Regierung die Leitsterne
erkennen und danach steuern können, um so leichter und schneller zu
fahren.« (K. Schwartz, Leben des Generals Carl von Clausewitz. Bd. II.
Berlin 1878.) Ideal der Zeit wurde der tüchtige und rechtschaffene
Bürger, der zugleich warme Teilnahme an den großen Interessen des
Landes zeigt, der +freimütige Politiker+.
Daneben lief eine neue Lehre her, die, von Frankreich ausgehend,
vereinzelte Gemüter in Erregung versetzte, die Lehre von der Freiheit,
Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen. Zu dem Wunsche, selbsttätig
dem Staate, der Gemeinschaft der Brüder zu dienen, gesellte sich der
höhere Wunsch, dieses geliebte Vaterland zur Pflegstätte und Heimat der
neuen Menschheitsideale zu machen. Männer mit freiem vorurteilsfreien
Blicke, die sich über Standes- und Klassenvorurteile hinwegsetzten
und »modern« empfanden, wollten nun auch mit Hand anlegen an der
geistigen und sittlichen Verjüngung ihres Volkes. Aber da kamen sie
übel an. So hatten sich die Fürsten und ihre Staatsmänner die Folgen
des Freiheitskampfes nicht vorgestellt. Nachdem das Volk ihnen den
Feind aus den Landen gejagt hatte, sollte ein jeder Untertan wieder
still an seine Arbeit gehen und die Lenkung der politischen Geschicke
denen überlassen, die von Gott und kraft ihres Amtes dazu da waren. Die
freien deutschen Burschen aber, die sich klüger dünkten und in ihrem
jugendlichen Unverstande von einem einigen, freien deutschen Vaterlande
schwärmten, hatten hinter eisernen Gittern Zeit, darüber nachzudenken,
daß Deutschland für die Verwirklichung ihrer Mannesideale noch nicht
reif war. Als die große Hetze losging gegen die Burschenschaftler,
liberalen Schriftsteller und alle für ein einiges großes Deutschland
begeisterten Schwärmer, hat auch +Laube+, dessen hundertjähriger
Geburtstag soeben in Deutschland festlich begangen wird, neun Monate
im Gefängnis zugebracht, nicht für eine gegen den Staat gerichtete
Tat, nur für seine deutsche Gesinnung. Aber er hat diese tapfere
Gesinnung sein Leben lang bewahrt, ob er sie gleich in jungen Jahren
so schwer büßen mußte. +Feodor Wehl+, der das zutreffendste Bild von
Laube entworfen hat, sagt mit warmen Worten: +Das junge Deutschland
ist ohne Überläufer und Verräter an seiner Sache geblieben. Das ist
auch ein Ruhm, und dieser Ruhm schmückt Laube noch besonders+, denn
er, der später an die Spitze des Wiener Burgtheaters trat, war dort
ohne Zweifel vielfach der Versuchung ausgesetzt, ein Liebediener der
Macht und ein Abtrünniger seiner demokratischen Gesinnung zu werden.
Er ist es nicht geworden, wie sehr er auch von seiner tumultuarischen
Jugend sich losgesagt. Ohnmächtig auf politischem Felde, wendete sich
seine von Tatkraft strotzende Natur im Beginne der vierziger Jahre der
Literatur zu, um den modernen Geist in ihr zum Ausdruck zu bringen.
Sein tumultuarisches Wesen wußte eine Zeitlang nicht ein noch aus,
wendete sich abenteuerlich nach verschiedenen Zielen, seine eigentliche
Bestimmung suchend, sich mit verwegener Zuversicht Bahn schaffend. In
all diesem Ringen ist ein Zug hervorstechend, der ihn zum Regieren
bestimmt erscheinen läßt: der ungestüme Drang, Positives zu schaffen,
gestützt auf ein zweifelloses Selbstvertrauen. (Josef Lewinsky in der
N. Fr. Presse vom 16. Sept. 1906.)
Laube selbst hebt in seinen Erinnerungen hervor, daß eine politische
Verbindung »Junges Deutschland« nie existiert hat, sondern nur eine
Erfindung des Herrn +v. Tzschoppe+ in Berlin war, »um eine polizeiliche
Handhabe zu gewinnen für seine Bannbulle gegen eine Anzahl junger
Schriftsteller, welche der damaligen Reaktion unbequem waren«.
Wienbarg, Heine, Laube, Gutzkow, Theodor Mundt, das waren bekanntlich
die feinen Köpfe, gegen die polizeilicher Spürsinn seine Maßregeln
ergriff. Was hatten diese Männer im Sinne? Hören wir sie selbst. Laube
sagt:
»Es fing an deutlich zu werden, daß eine junge Schriftstellerwelt
entstünde, welche außerhalb der traditionellen Bahnen unserer
Klassik und Romantik eine Existenz und eine Wirkung hatte. Die
erkünstelte Situation, die geschraubte, krankhafte Empfindung wurden
plötzlich verspottet, die Wahrheit wurde gesucht, die Wahrheit in den
Ausgangspunkten und in den Zielen, im wesentlichen das, was man später
+Realismus+ genannt hat. Man nannte es damals ›Junges Deutschland‹.«
Die Reaktion war aber zu stark, um diese junge Pflanze aufkommen zu
lassen. Bald wurde es auch wieder still, und der Gedanke an ein großes
deutsches Vaterland mußte wieder einschlafen. Vergebens hatte also die
deutsche Burschenschaft gesungen, +Jahn+ seine deutsche Turnerschaft
ins Leben gerufen: in den großen Kreisen des Volkes Preußen erklangen
nur noch lokale und preußisch-patriotische Lieder. »Auch in den
deutschen Schulen gab es, mindestens vor 1848, niemals einen wirklichen
deutschen Patriotismus. Wie man dort an Stelle großer dichterischer
Eindrücke die grammatischen Lehren einer toten Sprache empfing, so an
Stelle eines echten, lebendigen, Patriotismus nichts als die Geschichte
toter Völker.« So berichtet einer, der die Zeit mit durchlebt hat, +L.
Passage+, und stimmt darin mit +Bismarcks+ Schulerinnerungen überein.
Nie sind brave Männer mit ärgerem Undanke belohnt, nie unwürdiger
behandelt worden, als die Deutschen in der Zeit zwischen der
Völkerschlacht bei Leipzig und der Revolution von 1848. Unter
+Metternichs+ Zucht erstarb alles Leben. Die Staatsmaschine arbeitete
wieder im alten trägen Gange. Freiherr v. Stein hat einmal die
Tätigkeit der damaligen österreichischen Ämter beschrieben und erzählt:
»Diese Bureaus beschäftigen sich allein mit der Anwendung eines Systems
plumper, verworrener Förmlichkeiten, die jeden Augenblick die freie
Tätigkeit des Menschen aufhalten, um an deren Stelle Massen von Papier
und die nichtige Dummheit oder Faulheit zu setzen.«
Dieses Bureaugetriebe des Vormärz hemmte jeden Fortschritt, jedes freie
geistige Leben. Oder wie sollte man es anders deuten, daß unmittelbar
nach einer so beispiellosen nationalen Erhebung, mit der verglichen
die griechischen Befreiungskämpfe gegen die Perser eine Armseligkeit
sind, jeder Aufschwung, jeder politische, wirtschaftliche, geistige
Fortschritt ausbleibt, daß die Zeit krank und müde dahinschleicht und
auch die Bestrebungen der Männer, die sich zum Bunde des sog. »Jungen
Deutschlands« zusammenfanden, keinen frischeren Zug in das öffentliche
Leben bringen können?
Dafür blühte um so üppiger der Weizen der Mucker. In stickiger
Kanzleiluft, unter der Obhut von großschnauzigen Polizeibeamten und
leisetretenden, nach oben hin kriechend ergebenen, nach unten hin
großtuerischen und geheimnisvollen Staatsdienern konnten mannhafte
Deutsche nicht gedeihen. Wieder bildete das kleinliche Getriebe
der Verwaltungmaschinen, der Klatsch bei Hof und in der »guten«
Gesellschaft, das Sinnen und Sorgen um die kleinen täglichen
Bedürfnisse, Wünsche, Freuden und Leiden den Inhalt des um seine großen
Ziele gebrachten Lebens.
Die wirklich Großen aber, wie +Heinrich von Kleist+, +Friedrich Hebbel+
und +Otto Ludwig+ blieben sogar unverstanden. Wer Deutschland verlassen
und fremde Kultur gesehen hatte, der wollte in die unfreie Heimat
nicht wieder zurück. Amerika, England, Frankreich gewannen den Ruf,
Länder freier Männer zu sein. Als der derblustige Wiener Dichter Eduard
von +Bauernfeld+ von einem Besuche in England heimkehrte, erzählte
er darüber in seiner lebhaften Art und sagte laut: »+In England ist
jeder Kohlenträger gescheiter, als bei uns ein Hofrat.+« Als er sich
umwendete, stand ein Hofrat +Vesque v. Püttlingen+ hinter ihm und
lachte -- fast zustimmend, jedenfalls gar nicht beleidigt. Man glaubte
auch sonst in Österreich, daß Bauernfeld wohl recht habe.
Der deutsche Bürger lebte wie in einem großen Staatsgefängnisse. Wie
weit das Mißtrauen und die Verfolgungswut ging, dafür habe ich selbst
noch eine Probe gesehen: Mein Vater, der in den Jahren um 1855 in Wien
lebte, dann aber nach Gotha übersiedelte, erfuhr erst nach Jahren in
Dresden, um 1880 herum, von Fürst Hugo Salm-Reifferscheid, daß alle
Briefe, die er aus Gotha an Wiener Freunde schrieb, von der Zensur
geöffnet worden seien und daß man seine Wege in Wien selbst überwacht
habe. Dabei hat er +niemals+ politisch tätigen Anteil genommen. Der
Umstand allein, daß er in Gotha lebte, mochte ihn verdächtig gemacht
haben, oder vielleicht, daß er Friedrich Hebbels Freund war?
Kein Wunder, daß viele und oft gerade die Besten dem unfreien
Vaterlande für immer den Rücken kehrten. +Heinrich Heine+ gab dieses
Vaterland, in dem nur der Korporal und der Büttel Rechte hatten, dem
öffentlichen Spott preis. Man sollte ihm heute dafür nicht mehr zürnen.
Deutschland und Preußen verdienten den Spott gründlich. Das Volk war
zur Ohnmacht verurteilt, der Staat omnipotent und ein gar gestrenger,
ungnädiger Herr. Post, Steuer, Polizei, Militär, alles, was Uniform
trug, quälte die Bürger unsäglich. Wer nicht schweigend parierte, wurde
langsam aber sicher mürbe gemacht.
Der stille, fromme Untertan, der seine Steuern pünktlich zahlte und
all die unzähligen Beamten tief und in Demut grüßte, der durfte sein
Biedermeierleben in Frieden führen und beschließen. Erziehern, die nur
zum flüchtigen Übergang in unserem Jammertale weilten, um dann zu den
täglich in Gebet und Lied herbeigerufenen ewigen Freuden einzugehen,
solchen pastoralen Schulmeistern war die Erziehung der deutschen Jugend
anvertraut! Die Eltern gaben ihren Söhnen als tiefste Lebensweisheit
den Spruch mit auf die Wanderschaft: »Mit dem Hute in der Hand kommt
man durch das ganze Land«. Bescheidenheit, Demut, Polizistenfurcht
wurden wieder die angesehensten Mannestugenden. Erst quälte man die
Leute gründlich, dann empfahl man ihnen den Spruch: »Not lehrt beten.«
Man wurde wieder recht weinerlich zaghaft und fromm. Von dem guten
+Lavater+ hatten die Zeitgenossen gerühmt, daß er selbst durch seinen
bei jedem Schritte einsinkenden Gang seine Gottergebenheit zu rührendem
Ausdruck gebracht habe. Also knickebeinig sollte man durch die
deutschen Lande schreiten, um gottgefällig zu sein und bei den Menschen
Beifall zu finden.
Zum Glück waren die Jungen gesünder und klüger als ihre Lehrer.
Sie brachten uns eben als Männer die Verfassung von 1848 und damit erst
die Möglichkeit, zu einem selbstherrlichen Volke zu werden. Der Wind
kam wieder von Westen. »Die Freiheit lag aber damals in der Luft. So
einen Vorfrühling hatte man in Deutschland noch nicht erlebt.«
»Die Herzen waren heiß«, läßt Ludwig Thoma im Andreas Vöst seinen
alten Revoluzzer sagen, »und der Verstand war nicht immer kühl, aber
in den Leuten war mehr Weisheit, als in den trockenen Dienern der
Nützlichkeit, die heute die Nase rümpfen und sich das bißchen Freiheit
wegstehlen lassen, was ihre Väter errungen haben.«
Die Regierungen haben die Männer von 48 und die Früchte ihrer
Revolution bis heute noch nicht aus Überzeugung anerkannt. In Preußen
gelten die Achtundvierziger in »maßgebenden« Kreisen noch heute als
Unbotmäßige, als dreiste Auflehner gegen die Staatsautorität. Man
überläßt den »Reichsfeinden« die Ehrenpflicht, die Gräber der damals
gefallenen Bürger zu schmücken.
Wie schwer der Geist der Reaktion auf Deutschland und besonders
auch auf Berlin lastete, ist den meisten bekannt, muß aber immer
wieder auch an dieser Stelle betont werden, damit wir die traurige
geistige Verfassung des damaligen Deutschland und ihre bis heute
noch unheilvollen Nachwirkungen richtig einschätzen lernen. In
demselben Verlage wie diese Schrift sind »Erinnerungen« von +Max Ring+
erschienen. Dort lesen wir über Berlin in der Reaktionszeit:
»Der Eindruck, den Berlin nach zehnjähriger Abwesenheit auf mich
machte, war nichts weniger als erfreulich und angenehm. Gleich auf
dem Bahnhof drängten sich mir die Maßregeln der siegreichen Reaktion
auf. Eine Abteilung Infanterie und eine Schar der neuen Konstabler
empfingen den ankommenden Eisenbahnzug und ließen keinen Reisenden ohne
strenge Kontrolle passieren. Wer sich nicht durch seine Papiere als
vollkommen unverdächtig legitimieren konnte, wurde zurückgewiesen oder
zur nächsten Polizeiwache gebracht. Selbst Frauen und Kinder waren von
dieser lästigen Untersuchung nicht ausgenommen. Auch ich mußte mich
einem strengen Examen unterwerfen und über meine Person die genaueste
Auskunft geben. Erst nachdem ich alle Fragen zur Zufriedenheit des
betr. Beamten beantwortet hatte und auch meine Zeugnisse sorgfältig
geprüft worden waren, erhielt ich die Erlaubnis, den Bahnhof zu
verlassen. In einer Droschke fuhr ich nach dem nächsten, wenn auch
nicht besten Hotel, wo ich so lange blieb, bis ich eine passende
Wohnung gemietet hatte. Seit meiner Abwesenheit fand ich Berlin nicht
gerade zu seinem Vorteil verändert und umgewandelt. Es herrschte eine
mißmutige, gedrückte Stimmung, eine wahre Belagerungsatmosphäre, eine
aller Beschreibung spottende Polizeiwillkür, die sich in dem bekannten,
damals allgewaltigen Herrn von Hinkeldey verkörperte.
Die Mehrzahl meiner Freunde hatte teils freiwillig, teils gezwungen
die Stadt verlassen. Carriere lebte in München als Privatdozent,
Wolfsohn als Rechtsanwalt in Hamburg, Oppenheim, der sich an dem
Aufstand in Baden beteiligt hatte, als Flüchtling in Paris. Die beiden
Brüder von Behr waren ebenfalls infolge der politischen Ereignisse
nach Amerika ausgewandert, wo der ältere, Alfred, sich in New-Orleans
als praktischer Arzt, der jüngere, Ottmar, als Landwirt in Texas
niederließ. Traube, der durch den Einfluß unseres Lehrers Schönlein
eine Stelle als behandelnder Arzt an der Charité auf der Abteilung
für Brustkranke erhalten und sich unterdessen verheiratet hatte,
war ausschließlich mit seinen Studien und ärztlichen Konsultationen
beschäftigt, so daß ich ihn nur selten sah. Bettina von Arnim war
verreist und als sie wiederkam, kannte sie mich kaum wieder. So erfuhr
ich an mir im vollsten Maße die Wahrheit des alten Sprichwortes: »Les
absents ont toujours tort.«
Man lernte sich bescheiden. Und da es mit der Ausgestaltung eines
nationalen Staates nichts werden wollte, wurde man entweder flüchtig
und »Amerikaner« oder suchte sich eine ideale Welt, ein Weltbürgertum,
wurde Kosmopolit nach dem Rezepte:
»Zur Nation euch zu bilden, das hofft ihr Deutsche vergebens.
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.«
Der echte deutsche Bürger rühmte sich zugleich seines steifen
Rückgrates und bekannte von sich, daß er allzeit »Männerstolz vor
Königsthronen« bewahren werde. Schon Schiller hatte im Vorwort
zur Rheinischen Thalia (1774) verkündet, er werde schreiben »als
Weltbürger, der keinem Fürsten dient«.
Es ist kein Zufall, daß unser Kaiser an der nationalen Feier des
hundertjährigen Todestages unseres Schiller achtlos vorbeiging. Kein
härterer Vorwurf damals für den deutschen Bürger, als ein Höfling, ein
Fürstenknecht zu sein. In den Revolutionsjahren bäumte sich dieser
Bürgertrotz noch gewaltiger auf. Als der kleine Königsberger Jude Dr.
+Jacobi+ gewagt hatte, dem König ins Gesicht zu sagen: »Das ist eben
das Unglück, daß Fürsten die Wahrheit nicht hören wollen,« wurde er
dafür von seinen Gesinnungsgenossen ebenso lebhaft bewundert, wie von
den Königstreuen verspottet und beschimpft.
+Bismarck+ hat die Souveränität wieder hingepflanzt wie einen rocher
de bronze, uns ein Deutsches Reich geschaffen, die Kaiserkrone
geschmiedet und unseren Hohenzollern aufs Haupt gesetzt. Er konnte
all das nur leisten im Kampfe gegen die noch revolutionär gestimmten
Parteien. Der Erfolg hat ihm recht gegeben, und durch sein gewaltiges
Lebenswerk, seine aufragende Gestalt ist er uns zum edelsten Vertreter
germanischer Mannhaftigkeit geworden. Deutschland hatte wieder seinen
Heros, an den es glauben, nach dem es sich bilden konnte. Damit aber
ging zusammen eine ungerechte Mißachtung jener deutschen Männer, die
ihm aus ehrlicher Gesinnung mannhaft entgegentraten und sein Lebenswerk
hemmten. Heute lernt man sie gerechter beurteilen und fängt sogar an,
sich nach ihren hohen Mannesidealen wieder umzusehen.
Damit kämen wir in die Gegenwart und auf die Frage, welches Mannesideal
heute der deutschen Jugend vor den Augen und der Seele stehen mag.
Die Antwort ist nicht leicht zu geben, deshalb nicht, weil uns eben
leider ein einheitliches Ideal fehlt. Wir sind nicht so glücklich wie
die Engländer, bei denen der Idealmann, der gentleman, schon seit
Jahrhunderten eine gegebene Tatsache ist.