Man beachte nur, welche Sinneswandlungen der Begriff der höfischen

Zucht erfahren hat! Aus höfisch wurde im Laufe der Jahrhunderte

»höflich« und »hübsch«. Wie eng umgrenzt, wie wenig einem vollen

Manneswert angepaßt ist dieses »höflich«, das allein auf die gefällige

äußere Form geht und einem Lakaien oder einer jungen Magd ebensogut

ansteht wie einem freien Manne! »Hübsch« aber ist noch engeren Umfanges

und schon auf die bloße äußere gefällige Erscheinung beschränkt. Nur

in dem sächsischen Dialekt bezeichnet man als hübsch einen Menschen

von angenehmen gesellschaftlichen Formen. Die Sachsen pflegen sehr mit

Unrecht belächelt zu werden, wenn sie in diesem Sinne sagen: »S'is e

hibscher Mann«. Sie haben sich damit gerade die gute alte Bedeutung

treu bewahrt, die wir anderen Deutschen fallen ließen.

Kein Vater sagt aber heute seinem Sohne mit der vollen Überzeugung,

ihm das Beste zu geben: »Mein Sohn, werde ein hübscher Mann -- oder

ein höflicher Mann!« Dem Worte +Zucht+ ist es nicht viel besser

ergangen: Es ist auch heruntergekommen. Zucht kommt von ziehen. Es

bedeutet also emporziehen, aufziehen, wie man junge Pflanzen, junges

Vieh aufzieht. Das geschieht mehr durch Pflege, als durch Gewalt. Mit

der Zeit aber gewann der gewalttätige Teil der Bedeutung die Oberhand.

Das mag durch die militärische Praxis gekommen sein. Preußen hat daran

gewiß seinen guten Anteil. »Straffe Zucht« war das Ziel, dem der

Vorgesetzte zustrebte. Das hat mit guten gesellschaftlichen Formen und

mit ritterlicher Gesinnung nur noch wenig gemein. Man nennt jetzt Zucht

und Disziplin zumeist in einem Atem. Das Wesentliche ist der blinde

+Gehorsam+. Die Rute wurde zur Zuchtrute, das Verbesserungshaus zum

Zuchthaus. Heute denkt man kaum noch daran, daß jemand im Zuchthause

»erzogen« werden soll. Es ist ausschließlich Strafhaus geworden. Wir

wollen deshalb auch auf unsere Kinder Wort und Wesen der »Zucht« ohne

Einschränkung nicht anwenden. Das wäre uns zu hart und zu lieblos. Nur

im Ausnahmefalle, wenn alle anderen Mittel erschöpft sind, tritt die

Züchtigung ein. Dabei sind heute schon Eltern recht zweifelhaft, ob

man durch Züchtigungen die Entwicklung edler Männlichkeit fördere. Sie

meinen im Gegenteil vielfach mit Walther von der Vogelweide: »Niemand

kann mit Gerten Kinderzucht erhärten.«

Ein einheitliches Mannesideal war deshalb der deutschen Jugend nicht

beschieden, weil Deutschland keine selbständige einheitliche Kultur

hatte.

Die Erziehung lag zumeist in den Händen der +Geistlichkeit+. Die

»Geschorenen« waren aber dem Volke nie ganz geheuer. Man gab sich

ihnen weniger aus Überzeugung hin als geblendet vom äußeren Glanze,

von den unerschöpflichen Gunst- und Gnadenmitteln, von den lockenden

Verheißungen und auch von äußerem Zwange bestimmt. Die großartige

Organisation der römischen Kirche war natürlich mächtiger als das

bürgerliche und kleinstaatliche Leben der Deutschen, die der fremden

Kultur lange nichts Gleichwertiges entgegenstellen konnten. Der

Geistliche hatte seinen Wert und seine Weihe durch sein Amt, er berief

sich auf die höchsten Autoritäten im Himmel und auf Erden. Wer wollte

dagegen an? Versuchte man es, so gab es jedesmal einen Kampf auf Leben

und Tod. Kirchenbann, oft auch Reichsacht, Krieg und Verdammnis drohten

dem Abtrünnigen. Fromme Mütter, nicht aber die Knaben selbst, sahen

in glaubensstarken und glaubenseifrigen Priestern nachahmenswerte

Vorbilder. Dem echten deutschen Burschen war es allzeit wohler im Wams

als in der Kutte und die himmlische Liebe allein genügte auch ihm nicht.

Als Männer aufstanden, die den Kampf gegen die Geschorenen wagten,

fanden sie eine begeisterte Jugend hinter sich. Wir lesen kein

Sterbenswörtchen, daß Walther in Deutschland zu leiden gehabt hätte,

weil er den Pfaffen Lug und Trug vorwarf, die Päpste wegen ihrer

Untreue und Doppelzüngigkeit schmähte und Gott selbst zu Hilfe rief

gegen das Treiben des zu jungen Papstes.

Nicht Frömmigkeit, sondern +Tugend+ ist es, wonach der deutsche

+Bürger+ trachtete. Als das Rittertum zu Grabe gegangen war, da lebte

diese +bürgerliche Tugend+ und Tüchtigkeit so kräftig auf, daß sie den

offenen Kampf gegen die fremden Lehrmeister wagen durfte. Das neue

deutsche Mannesideal hat sich nicht nach den Lehrsätzen der römischen

Kirche, sondern im Kampfe gegen diese herausgebildet.

Nicht auf Adelsbriefen und einer langen Ahnenreihe und nicht auf dem

geweihten Amte, sondern allein auf seiner Kraft und Tüchtigkeit beruht

der Wert des Bürgersmanns. Nur wer etwas taugt, hat Tugend, ist zu

brauchen, genießt Achtung und bringt es zu etwas.

Aus diesen Regionen der harten Arbeiter stammen auch all die Männer

des XVI. Jahrhunderts, die allein uns heut noch etwas zu sagen haben:

Holbein, Dürer, Hans Sachs: harte Arbeiter, Männer der Tat, Bürger von

echtem Bürger- und Handwerkerstolze. Die Kraft dieses Geschlechts lag

in ihrer inneren Wahrhaftigkeit. Bei ihnen deckte sich Sein und Schein.

Sie wollten nichts anderes sein, als Meister auf ihrem Arbeitsfelde

und gaben ihren Wert sich selbst.

+Goethe+, selbst gewiß ein Aufrechter, gewillt, sich seine »Geradheit«

stets ungebrochen zu erhalten, fand an jenen Männern ein herzliches

Wohlgefallen:

»Ihr festes Leben und Männlichkeit,

Ihre innere Kraft und Ständigkeit«

hatten es ihm angetan. Wie aus Eichenholz geschnitzt sind ihre

Charakterköpfe, und ebenso fest und sicher war ihre Lebensführung:

ein Siegeszug, der über alle Mühsale und Fährlichkeiten des Lebens

hinweggeht, wie der Ritter, den Dürer bildete, zwischen Tod und Teufel

ohne Bangen und Zagen, Zögern und Klagen, fürbaß reitet. Ihre Bahn ist

nicht durch Blut und Vernichtung bezeichnet, nein, wohin ihr Fuß trat,

wo ihre Hand zufaßte, da blühte es auf, da erstanden Denkmäler der

Kraft, Gesundheit und Schönheit. In ihrem Wesen ist nichts Erborgtes

und Unechtes, nichts Verträumtes und Gekünsteltes.

Diese Männer stellten ihre Kraft wohl auch in den Dienst der Großen

in Staat und Kirche, aber sie wurden nie Hofmaler, verkauften ihre

Arbeiten, nicht aber sich selbst. Sie blieben sich in ihrer Kunst treu,

schlicht und wahr, selbst wenn sie Kaiser malten. Nie gewahren wir

einen Pinselstrich, der uns wie Phrase, wie eine servile Huldigung,

wie eine Selbsterniedrigung anmutet. Wie die Großen der Erde zu diesen

Größeren des Geistes standen, dies veranschaulicht die Szene, als

Kaiser Maximilian dem Dürer seinen niedergefallenen Pinsel aufhob.

Von gleichem Schrot und Korn wie jene Meister der Kunst war auch

+Luther+, der bürgerliche Prediger, dessen Verdienst darin bestand,

daß er den Glauben zu einer mehr bürgerlichen Angelegenheit und

damit die Kirche entbehrlicher machte. Wenn wir lesen, wie viele

Männer damals ihm anhingen und für ihre Überzeugung ins Exil gegangen

sind, wie viele für ihren Glauben gekämpft und gelitten haben, dann

ergreift uns Bewunderung und Staunen. Luthers Wort: »Hier steh' ich,

ich kann nicht anders«, betrachten wir als die größte Mannestat des

ganzen Mittelalters. Daß es ein Germane sprach, das eröffnete den

Kampf und Siegeszug der blonden Rassen gegen die dunklen. Damit

setzt die geistige Befreiung der nordischen Staaten ein. An diesem

Lutherworte haben sich seitdem Millionen germanischer Männer und

Frauen aufgerichtet, dieses Wort wurde ihnen auch zum Leitmotiv ihrer

Erziehung. »Werde ein Mann wie Luther!« Das versteht auch ein Kind.

Das heißt: werde ein Mann, der seine Überzeugung gegen eine Welt von

Widerständen behauptet. Das Trutzlied: »Ein' feste Burg ist unser

Gott«, darin die gewaltigen Worte: »Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr',

Kind und Weib: Laß fahren dahin! Sie haben's kein'n Gewinn: Das Reich

muß uns doch bleiben«, enthalten ein vollständiges Erziehungsprogramm

und können einem ganzen Volke Kraft und Halt geben.

Und woher schöpften jene Männer diese unverwüstliche Kraft? Aus der

Wahrhaftigkeit ihres Wesens. Sie holten sich ihre Lebensgesetze nicht

aus der Fremde, suchten die Schönheit nicht in Hellas und Rom, die

Wahrheit nicht in der Kurie oder bei den Schriftgelehrten, sondern

suchten und fanden sie in der Natur und in ihrer eigenen Brust.

So schufen sie in ihrer großartig schlichten Natürlichkeit einen

germanischen Glauben und eine deutsche Kunst, eine Heimatkunst.

Und weil alles so ehrlich, schlicht und wahr, so gesund und

selbstverständlich ist, deshalb bleibt es ewig jung und wirkt es auch

so unwiderstehlich. Da findet man die Behauptung bestätigt, daß der

Deutsche nur sich selbst treu zu bleiben braucht, um mannhaft zu sein.

So wie er aber mehr oder etwas anderes sein will, als wozu ihn seine

Natur bestimmt hat, wird er unsicher und kraftlos. Alle Wanderungen

in fremdes Geistesland, zu denen es uns allezeit verleitet hat, sind

auf Kosten der deutschen Mannhaftigkeit gemacht worden. Wir kommen

davon wie Seeräuber mit reicher Beute beladen heim, aber wie mit einem

inneren Knacks, da wir wohl das fremde Klima nicht vertragen konnten.

Selbst wenn wir Bürgersleute uns nur in die »höhere« Gesellschaft

unseres eigenen Volkstums begaben, bekam uns das jedesmal schlecht. Wir

wissen uns da nicht zu benehmen, werden unsicher und unwahr, entweder

demütig und verlegen oder protzenhaft und prahlerisch.

Nicht mit der Flinte oder mit dem Ruder haben diese Männer ihre

Mannhaftigkeit betätigt, sie haben viel Höheres und Größeres geleistet.

Sie haben den Kampf gegen eine Welt von sichtbaren und unsichtbaren

Feinden aufgenommen, gegen die Hölle und den Himmel, gegen Kaiser und

Papst. Als +Luther+ in den Saal zu Worms eintrat, wo ein Kranz von

Würdenträgern der Kirche und des Reiches über ihn richten sollte,

da sagte zu dem »Pfäfflein« der Kais. Feldhauptmann +Frundsberg+

mit Recht, daß er einen schwereren Gang mache, als er und sonst ein

Ritter je gemacht habe. Da sah die staunende Welt einmal wieder,

was ein +Mann+ ist. Gegen eine Schanze anstürmen, einen Seesturm

bestehen, das war dem harten Geschlechte des XVI. Jahrhunderts nichts

Bewunderungswürdiges mehr. Mut im Felde und auf den Wogen setzte man

bei jedem schlichten Bauernburschen und bei dem jüngsten Seemann

voraus. Was +Luther+ tat, war etwas viel Größeres, etwas Unerhörtes an

Wagemut und Mannhaftigkeit. Nicht Gehorsam vor irgendeinem Machthaber,

nicht Unterwürfigkeit unter eine Kirche, die jeden Dienst mit reichstem

Lohne vergelten konnte, sondern Trotz allen anerkannten Mächten, Schutz

und Lohn allein in der eigenen Brust. So lebte Luther seinem Volke den

Mann der unbeugsamen Überzeugung vor, der seinem Gewissen folgt -- »und

wenn die Welt voll Teufel wär«.

Im konfessionellen Hader und unter der einseitigen Ausbeutung durch

herrschsüchtige Geistliche erfuhr aber auch dieses Ideal bald seine

Trübungen. In rein germanisch-protestantischen Ländern, wie in

Schweden, scheint es sich länger erhalten zu haben. Schiller hat im

Wallenstein den Typus des glaubensstarken ritterlichen Protestanten in

der Gestalt des schwedischen Oberst Wrangel festgehalten.

Zu ihm spricht Wallenstein die ehrenden Worte:

-- -- »Er urteilt wie ein Schwed und wie

Ein Protestant. Ihr Lutherischen fechtet

Für eure Bibel, euch ist's um die Sach';

Mit eurem +Herzen+ folgt ihr eurer Fahne. --

Wer zu dem Feinde läuft von +euch+, der hat

Mit zweien Herrn zugleich den Bund gebrochen.

Von all dem ist die Rede nicht bei uns.«

Worauf dann der erstaunte Ausruf Wrangels:

»Herr Gott im Himmel! Hat man hierzulande

Denn keine Heimat, keinen Herd und Kirche?«

In Deutschland, selbst im protestantischen, verlernte man bald in den

Wirren des unglückseligen Dreißigjährigen Krieges die Hingabe für seine

religiöse Überzeugung, weil die Fürsten mit der Gesinnung ihrer Männer

elenden Schacher treibend, eigenmächtig über das Glaubensbekenntnis

ihrer Untertanen nach dem Grundsatze: cuius regio eius religio

entschieden; weil die Fürsten aus Interessenpolitik ganz nach äußerem

Bedarf ihren Glauben wechselten und dann getreue Gefolgschaft ihrer

Charakterlosigkeit von dem Volke forderten.

Heute noch wechseln auch protestantische fürstliche Damen, um zu

heiraten, ihren Glauben je nach Bedarf und erschüttern durch dieses

Beispiel fort und fort das Erziehungsideal lutherischer Gesinnungstreue

in ihrem Volke, dem sie Vorbild und Erzieher zu sein den an sich

berechtigten Ehrgeiz haben.

Es kommt hinzu, daß sich im Laufe der Jahrhunderte der Inhalt der

lutherischen Überzeugungen für Unzählige verflüchtigt hat. Man ehrt

diese Überzeugungen noch, teilt sie aber nicht mehr. An überlebten

Idealen aber kann man ein Volk, zumal die Jugend nicht aufrichten.

Gedanken und Ziele müssen werbende und hinreißende Kraft haben, wenn

wir dafür die Jugend begeistern wollen, wenn diese sich mit Leib und

Seele in ihren Dienst stellen soll. Gerade sie verlangt das, denn

sie folgt mehr der Stimmung als der Überlegung. Was schert sie aber

heute, ob z. B. Luther oder Zwingli in der Abendmahlslehre recht

hatten? Wer die Probe darauf machen will, wie tief oder wie flach diese

und verwandte theologische Streitfragen in der Volksseele wohnen,

der versuche einmal einen Kongreß über ein solches Thema zustande

zu bringen, einen Kongreß deutscher Männer, Frauen, Jünglinge und

Jungfrauen! Ich zweifle an irgendeinem Erfolge. Und dabei bearbeiten

die Geistlichen beider Konfessionen unser Volk von der Wiege bis zur

Bahre mit allen diesen religiösen Fragen, als ob von ihnen alles Wohl

und Wehe in Zeit und Ewigkeit abhinge.

Nicht Luthers Persönlichkeit also, aber die lutherische Lehre und

der lutherische Katechismus haben abgewirtschaftet und damit sein

Erziehungsideal.

Wir brauchen nur an den Katechismus zu denken, um sofort von einem

Grausen überfallen zu werden vor all dem widerlichen pfäffischen

Gezänke, vor all der blutrünstigen, düstern und so unsagbar elenden

Wirtschaft, die uns daraus in Staat, Schule und Haus erwachsen sind.

Wir werden später der Frage nicht ausweichen können, wie weit heute die

Geistlichkeit noch ihren Beruf als Erzieher zur Mannhaftigkeit erfüllt.

Daß viele Nachfolger Luthers jahrhundertelang als leuchtende Vorbilder

ihrer Gemeinde in diesem Sinne gewirkt haben, ist eine historisch

anerkannte, unerschütterliche Tatsache. Das deutsche Pastorenhaus

in Ehren! Ein wahrer Strom des Segens hat sich von ihm auf unser

Volk ergossen. Es ist die Wiege zahlloser führender Männer auf allen

Gebieten unseres Kulturlebens geworden -- eine wahre +Heldenschule+ für

geistige Kämpfer gewesen. Wenn es heute nicht mehr so ist, so liegt

die Schuld außer an der Geistlichkeit selbst auch an der völligen

Neugestaltung des Geisteslebens, die unsere Kirche ihrer bestimmenden,

führenden Macht beraubt hat. Nicht am wenigsten sind es die bösen

Lehrer, die ihr diese Wunden geschlagen haben -- mehr aus Notwehr als

aus Frevelmut.

Die traurigste Zeit der deutschen Geschichte, die zwischen dem

Westfälischen Frieden und den Befreiungskriegen liegt, ist eine Schule

der Gesinnungsschwäche und aller Lakaientugenden gewesen. Fürsten von

Gottes Gnaden in unabsehbarer Menge forderten sklavischen Gehorsam

und hielten sich ein Heer von Hofbeamten, Eunuchen der Gesinnung,

die wie abgerichtete Hunde nach den Launen Serenissimi spähten und

sich zu jedem niedrigsten Dienst hergaben. Der aufrechte Mann hatte

damals einen schweren Stand. Französischer Einfluß tat das übrige

zur Ertötung jeder männlichen Haltung und Gesinnung. Die Trachten

jener Zeit spiegelten ihren sittlichen Tiefstand. Die Männer mit

ihren Perücken, Wadenstrümpfen, kleinen Schuhen, ihren gestickten

Westen und spitzen Zierdegen suchten in allem französisch à la mode

zu sein: elegant, geschmeidig, geistreich, witzend, gesinnungslos.

Erziehungsideal selbst der männlichen Jugend war die politesse.

Französisch parlieren, die Damen als verliebter Täuberich umgirren,

auf der Gitarre klingeln, sentimentale Verslein schmieden. Der Galante

stand in höherem Ansehen als der Mannhafte. Kichern statt frohen

Lachens, nippen statt herzhaft essen und trinken, stets mit gekrümmtem

Rücken ja sagen, nie einmal mannhaft aufrecht stehend auch mit einem

offenen Nein trotzen. Daß Männer solcher Sitten keine Bärte tragen,

das paßt ganz zum Bilde: Kastraten, Lakeien und allem unmännlichen

Volke kommt diese Manneszier nicht zu. Man muß sich nur Gemälde jener

Zeit betrachten. Auf den Städtebildern fehlt fast nie die stattliche

Hofkarosse mit bunten Lakeien hinten auf dem Tritte, auf der Straße die

Bürger, die Hüte und Nacken bis zum Boden niederbeugen. Man muß die

Huldigungsgedichte lesen, mit denen das Geburtstagsfest Serenissimi

oder die glückliche Niederkunft der Landesmutter gefeiert wurde, muß

die Widmungen gelehrter Bücher sehen, mit denen, in tiefster Demut

ersterbend, selbst die größten Geister jener Zeit ihre Geistesgaben

als gehorsamste Diener ihrem Herrn zu Füßen legen zu dürfen submissest

und untertänigst bitten und muß den ganzen Schnörkelkram des höfischen

Zeremoniells einmal betrachtet haben, mit dem sich diese Halbgötter auf

deutschen Fürstenthronen umgaben. Vieles davon lebt noch heute nach,

so der häßliche Gruß »Gehorsamster Diener!« und der Unfug, der mit den

Titulaturen und Wohlgeboren, Hochwohlgeboren etc. getrieben wird.

»Welche Nation in Europa«, so fragte schon Herder, »hat sich die Anrede

der Menschen und Stände aneinander erschwert und verkünstelt wie die

deutsche? Nicht nur die langweilig abgeschmackten Titulaturen, mit

denen wir ein Spott aller Nationen sind und deren wir dennoch nicht

entraten mögen, sondern der ganze Bau unserer öffentlichen Anreden,

Zuschriften, Verhandlungen usf. zwingen uns in Knechtsfesseln zu

sinnlos heuchelnden Knechtsgebärden. Unsere demütigen Bittschriften

und die gnädigen oder allergnädigsten Resolutionen darauf, wer kann

sie ohne Lachen, ohne Verdruß und Scham lesen? Und die förmlichen

Oppositionen unserer Rechts- und Staatssachen, die Devotion, mit der

wir verharren und ersterben, die krausen Züge, die dabei gemalt, die

Papierballen, die Menschenleben, die mit und zu dieser unseligen

deutschen Kunst verschwendet werden, die kopflose Steifheit, der

Formelstolz, die pedantische Grobheit und Seelenschläferei, die daher

ganzen Ständen, Kollegien und Ämtern zur zweiten Natur werden, wer kann

und darf diesen Wust ausfegen? Und doch ist der gerade Vortrag der

Wahrheit so auffallend leichter und lichter, indes die Verkünstelung

und Verwirrung so viel Zeit, Mühe, Geld und Papier kostet! Länder,

Stände, Städte, Menschen leiden unter dieser langweilig-hochpeinlichen

Verkreiselung; wer kann und mag sie ändern? Im gesellschaftlichen

Umgange sogar ist jemanden bei seinen Namen zu nennen, Schimpf; Titel

und Würden bei Männern und Weibern dürfen allein genannt werden;

dem Ohr wie dem Auge wollen wir nur in der Livree erscheinen. Wie

leicht haben sich andre Nationen dies alte Joch gemacht oder es gar

abgeworfen; der Deutsche trägt's geduldig.

Kriechende Gefälligkeit, ein solches Loben, wo nichts zu loben ist,

sinnlose Titulatur- und Bücklingsschmeicheleien, die alle gerade Anrede

der Menschen und Stände gegeneinander aufheben, die Kanzleien ermüden

und den Geschäftsstil nicht nur, sondern oft die gesunde Vernunft

verderben, jene süßliche Hingabe, die man (man verzeihe der niedrigsten

Sache einen niedrigen Ausdruck) kaum anders als deutsche Hundsfötterei

nennen könnte, legen uns treu-devotest zu Füßen der Majestät Dullneß.

Die meisten Nationen Europas haben sich diesen Wortpraß erleichtert

oder ihn weggeworfen, weil er die Larve knechtischer Falschheit, den

Charakter einer Nation abstumpft, jedem Vortrage seine Richtung und

Schärfe nimmt, und die ganze Rede in ein »Um den Brei gehn« verwandelt,

zu dem wir Deutschen am wenigsten gemacht sind. Und eben wir Deutsche

tanzen nicht nur noch in diesem spanischen Mantel, sondern unsre

Formularisten setzen in diesen Tanz sogar alle Kunst ihres Geschäftes,

so daß sie vor lauter falschen Umschreibungen und Titularbrücken zur

Sache, zur Person und Geschäft nicht kommen mögen.«

Dazu damals ewige Kriegswirren, unerschwingliche Steuern für

Bestreitung monarchischer Großmannssucht, dazu ferner die Enge

des ganzen bürgerlichen und zünftigen Lebens, der Klatsch und die

philisterhafte Überwachung jeder Lebensführung, die strenge Zensur

jeder geistigen Regung, die Umständlichkeit des Verkehres, all die

Schikanen durch Paß-, Zoll- und Grenzzwang. Daß in einer solchen

Stickluft aufrechte Männer nur selten gedeihen wollten -- wen kann das

noch wundern? Man muß sich dieses Bild nur recht anschaulich machen,

um die ragenden Größen des Preußen Friedrichs und die geistigen Taten

der Männer wie Lessing, Herder, Goethe und Schiller gerecht würdigen zu

lernen. Ohne den befreienden Lufthauch, der aus England und Frankreich

herüberwehte, wären diese Erscheinungen fast unerklärlich. Auch das

alte Griechenland, das Winckelmann entdeckte, half uns aus tiefer Not

erlösen. Damals war es wirklich eine Errettung, daß es unserem Volke

zeigte, wie gesunde und unverbildete Menschen einstmal gelebt haben

und glücklich gewesen sind.

Die Sucht nach dem Fremdländischen scheint dem Deutschen im Blute zu

liegen. Immer wieder muß ein Reformator erscheinen, der das mühsam

eingepflanzte Fremde mit verdoppelter Mühe wieder ausgräbt. Gegen

das französische Unkraut kämpfte zuerst und am rücksichtslosesten

der Preußenkönig +Friedrich Wilhelm I.+, nach langer Zeit der erste

wieder echt deutsch empfindende und handelnde deutsche Fürst. Er hat

bekanntlich bei seinem Regierungsantritte als ein junger Mann von

25 Jahren sofort allen kostbaren Prunk der Festlichkeiten, alles

leere Gepränge des höfischen Zeremoniells bis auf das Notwendigste

beschränkt und ein sehr gesundes Erziehungsprogramm für seinen Sohn

aufgestellt mit dem Zwecke: Schaffensfreudigkeit, Kraft, Gesundheit,

Sittlichkeit, Zufriedenheit zu erzielen. Deshalb drang er in der

Erziehung auf Wahrhaftigkeit, Fleiß, Treue, Sparsamkeit, Einfachheit

der Lebensführung, Gewöhnung an Ordnung, Gehorsam und an nützliche

Beschäftigung. Auf den blendenden Schimmer einer hoch gesteigerten

Schulweisheit gab er nichts. Er ist recht eigentlich der Vater des

+preußischen Mannesideales+, der Schöpfer des preußischen Staates, der

sich Schritt für Schritt die Vorherrschaft in Deutschland errungen hat.

Seine hohe erziehliche Wirksamkeit erkannte selbst sein oft von ihm arg

mißhandelter Sohn, der Große Friedrich, völlig an. Er sagte darüber

zu seinem Freunde +de Catt+: »Welch ein schrecklich strenger Mensch!

Aber auch wie gerecht, einsichtig und sorgsam. Sie glauben nicht,

welche Ordnung er in alle Zweige der Regierung brachte! Seiner Sorge,

Arbeit, Gerechtigkeit und Wirtschaftskunst verdanke ich es, daß ich das

habe ausführen können, was ich ausgeführt habe.« -- -- Die Kraft des

strengen und einseitigen Königs lag eben in dieser Einseitigkeit.

Er wagte es, einmal nichts anderes zu sein und scheinen zu wollen, als

ein tüchtiger deutscher Mann. Selbst die lateinischen Studien galten

ihm als Allotria. Köstliches erzählt darüber wieder sein Sohn: »Als

ich noch Kind war und etwas Latein lernte, deklinierte ich eben mensa.

Plötzlich trat mein Vater ins Zimmer. ›Was macht ihr da?‹ sagte er.

›Papa, ich dekliniere‹, sagte ich. ›Latein treibst du mit meinem Sohne,

du Schurke!‹ Damit brachte er den Lehrer mit Stockschlägen aus dem

Zimmer. Ich kroch vor Angst unter den Tisch und glaubte sicher zu sein.

Aber er holte mich vor und bläute mich durch.«

Eine Illustration zu der Behauptung, daß es uns an einheitlicher

Erziehungspraxis allzeit gefehlt hat: der König prügelt Lehrer und Sohn

wegen des Lernens von mensa und Tausende von Kindern werden geprügelt,

weil sie mensa nicht lernen wollen. Wer handelte nun wohl vernünftiger?

Jedenfalls hatte der König seine klaren Grundsätze, die eine bewußte

Abkehr von allem Fremden waren.

Erziehung zur Mannhaftigkeit · 第 7 / 23 段