war das ganze Geschäft natürlich für Deutschland verloren. Die Chinesen
hatten ja die ganze im Interesse der Hochfinanz ins Werk gesetzte
Intrigue durchschaut, ehe ich sie ihnen mündlich und schriftlich
berichtet hatte. Niemand geringeres als der Vizekönig Li-Hung-Chang
hat mir das selbst erzählt. Der Verlust, der für Deutschland daraus
entstanden ist, läßt sich annähernd kaum abschätzen. Ich beziffere
ihn auf +Milliarden+. Man denke nur, China hätte derzeit die von mir
vorgeschlagenen Projekte ausgeführt, was wären dann die Folgen gewesen?
Wir hätten in China auf lange Zeit hinaus festen Fuß gefaßt, nicht auf
Grund kriegerischer Ereignisse, sondern in freundschaftlicher Weise, so
daß die Chinesen ein Interesse daran gehabt hätten, gerade uns Deutsche
im Lande, wenigstens noch für lange Zeit, zu halten. Damals waren wir
Deutschen geradezu eine bevorzugte Nation bei den Chinesen, während
heute das Gegenteil der Fall sein dürfte. Der Gesandtenmord und die
daraus resultierende Chinaexpedition wären uns erspart geblieben, und
was sonst noch für Vorteile für uns in ostasiatischen Angelegenheiten
erwachsen wären, mag sich ein jeder selbst auskalkulieren, der sich für
diese Dinge interessiert.«
Gehen uns diese Dinge wirklich nichts an? Müssen wir Bürger nicht die
hohe Zeche bezahlen, bezahlen sogar mit unserem Blute, mit unserer
nationalen Ehre?
Ich kann nicht beurteilen, ob Paasch im Rechte, ob er normal oder
geistig krank ist, aber ich möchte als Staatsbürger über diese Frage
aufgeklärt werden.
Keines der Preßzeugnisse, die ich hier beigebracht habe, entstammt
einem sozialistischen Blatte. Keiner der genannten Zeugen würde sich
abstreiten lassen, daß es ein guter Patriot sei. Nicht die sind unsere
guten Freunde, die über unsere Schwächen schweigen, sondern die,
welche es wagen, uns freimütig das zu sagen, was man »+die Wahrheit+«
nennt, also ihre ehrliche, wenn auch tadelnde Überzeugung. Noch eins:
Auffallend wie wenig bei uns die aufklärende und fortschrittliche
Arbeit der Männer mit der unserer Frauen Schritt hält. Nichts
ebenbürtiges haben wir der starken Propaganda der Frauenbewegung
innerhalb der letzten zehn Jahre an die Seite zu stellen. Mit dem
Kultureifer unserer jungen Damen verglichen macht der gebildete
Korpsjüngling eine schlechte Figur. Ideenloser und nüchterner, als
diese vermeintliche Blüte der deutschen Nation, deren Umgang jungen
kaiserlichen Prinzen gestattet wird, flacher, unmännlicher kann man
unmöglich sein. Wenn sie noch jugendlich froh und ausgelassen wären!
Aber auch das nicht, sondern nur patent und korrekt, schon in jungen
Jahren auf Karriere spekulierend, auf Protektion, die das eigene Denken
und Arbeiten ersetzen soll. Ihr Mannesmut erschöpft sich auf dem
Paukboden bei der Mensur: einer mittelalterlichen, wohl mutstählenden
Spielerei, die man anerkennen und sogar begünstigen dürfte, wenn
sie nicht mit unseren Staatsgesetzen und mit dem öffentlichen
Rechtsbewußtsein in Widerspruch stände -- für entsprechende Handlungen
kommt nämlich der Arbeiter ins Gefängnis -- und wenn sich dabei
nicht der Mannesmut des jungen Herren ganz zu verausgaben schiene.
Zu diesem zwar blutigen, aber im Grunde doch ungefährlichen Spiele
würden sich für angemessene Bezahlung auch Dienstmänner abrichten
lassen. Was wir vermissen: eigene, mannhafte Überzeugungen, jugendliche
Geistesfrische, den »Zorn der freien Rede«, das begeisterte Eintreten
für alle wahren Menschheitsideale, davon finden wir in dieser vornehmen
jungen Vertretung der herrschenden Kasten nichts. Da waren die alten
Burschenschaften mit ihren Brauseköpfen und dem Überschwang hoher
Gefühle doch ganz andere Kerle!
Als jüngst eine Dame in öffentlicher Versammlung wegen sog.
»Schürzenpolitik« unfreundliche Worte zu hören bekam, sagte sie
entrüstet: »Wir lassen uns von den heutigen Männern Deutschlands nicht
mehr verspotten. Wo wir einmal eine wahrhaft mannhafte Tat brauchen, da
wenden wir uns an eine -- Frau. »Wenn ich«, sagte sie, »auf der Straße
elegante Herren mit Zylinder und schwarzen Aktenmappen darum bat, mir
als Zeugen bei empörender Pferdequälerei zu dienen, so erhielt ich noch
jedesmal die gleiche Antwort: ›Bedaure, gnädige Frau; ich befasse mich
nicht gern mit dergleichen. Man hat nur Schererei davon.‹ Wandte ich
mich an Damen, so fand ich selten eine Ablehnung.«
Ich muß gestehen, daß ich selbst als Vorstand eines Tierschutzvereins
gleiche Erfahrungen nicht selten gemacht habe und der Beifall, der
jener Dame gespendet wurde, sprach für die Allgemeingültigkeit ihres
Urteils.
Die empörendste Pferdeschinderei gehört in und um Berlin zu den
scheinbar unausrottbaren Übeln, die der Mensch als ein Gegebenes
ertragen muß. Wenn ich von den noch brutaleren Griechen und Italienern
absehe, so kenne ich im übrigen Europa keinen Platz, wo sich vor
aller Augen rohe und vielfach versoffene Kutscher dergleichen offene
Verhöhnung aller Menschlichkeit gestatten. Dies wäre ganz unmöglich,
wenn jeder deutsche Mann seine Pflicht täte. Aber da fehlt es eben.
Man wendet den Blick ab, will lieber nichts gesehen haben und macht
sich durch solche Schwäche zum Mitschuldigen. Es müßte doch wunderbar
zugehen, wenn alle gesitteten Leute einer Großstadt unfähig sein
sollten, eine solche öffentliche Schmach auszurotten! Aber man begnügt
sich bestenfalls mit einer Anzeige bei der Polizei und hat davon -- wie
ich selbst immer wieder durchmache -- tatsächlich viel Schererei. Dazu
kommt, daß der bedrohte Kutscher natürlich saugrob wird -- denn er lebt
noch immer des Wahns, Pferdeschinden wäre sein gutes Kutscherrecht --,
das gibt dann noch Beleidigungsklagen und weitere Umständlichkeiten.
Warum ist es denn bei anderen gesitteten Völkern möglich, das Übel
abzustellen? So in England, wo ich +nie+ eine Pferdeschinderei gesehen
habe? Dort würde eben nicht nur +ein+ Mann, sondern gleich 20, 30, 40
Mann dem Kutscher sofort ihre geballten Fäuste (mit und ohne Glaçé)
unter die Nase halten, so daß ihm auch das Schimpfen gleich vergehen
sollte. Ein stolzes, gesittetes, selbstherrliches Volk! -- Wir werden
natürlich auf die Polizei verwiesen, wie Quartaner, die dem Herrn
Ordinarius Anzeige zu machen haben. Und diese Polizei? Man betritt
mit entblößten Haupte das Wachtzimmer, bietet artig seinen »Schönen
guten Morgen« und beginnt schüchtern seinen Vortrag: »Ich wollte mir
gestatten, Ihnen usw. ... wollen Sie so freundlich sein« usw. ...
Keiner von den blauen Bären erhebt sich vom Sitze, über die Achsel
hin wird man mit kritischem Blicke betrachtet und dann kommt, nachdem
anderes Wichtigeres seine gemütliche amtliche Erledigung erfahren, auch
der unbequeme Gast zu Verhör.
Dabei haben die Behörden selbst die Bürgerschaft öffentlich
zur Mithilfe im Kampfe gegen ein Übel aufgerufen, dessen sie
eingestandenermaßen selbst nicht Herr werden. Ein Recht zur Klage haben
wir Deutsche deshalb nicht, weil jedes Volk die Polizei, die Kutscher,
die Pferdeschinderei hat, die es verdient. Man kann daran -- nicht
etwa deutsche Gemütsrohheit -- wohl aber deutsche Untertanenschwäche
studieren.
Wer kennt nicht Prof. +Rudolf von Jerings+ tapferes Schriftchen »Der
Kampf ums Recht«? Für mich bedeutete es eine Entwicklungsstufe in
meinem Leben. Es lehrte mich, daß =jeder= berufen ist, Mitstreiter für
das Recht zu sein. Die meisten gebildeten Deutschen +drücken+ sich
heute von dieser Pflicht. Diese Drückebergerei, das Nichtsehenwollen,
das Ablehnen von jeder Verantwortung, der Mangel an Sozialgefühl,
an anderen als rein selbstischen Wünschen, das sind unzweifelhaft
Anzeichen der Décadence. Dabei bückt sich die bürgerliche Ehrbarkeit
bis tief zum Boden und der Korrekte erfleht sich den kirchlichen Segen
für seine armselige Tugendhaftigkeit.
Wann endlich wird sich das deutsche Volk ermannen? +Friedrich Hebbel+,
einer der Mannhaftesten, den je die Erde trug, litt sein Leben lang
an der deutschen Demut und Unmännlichkeit. »Das Volk wird nicht bloß
geschunden, es ist dahin gebracht, daß es sich selbst schinden muß«
(Tagebuch, 12. Febr. 1841); »Ich weiß im Ernst nicht«, schrieb er am
25. Sept. 1840, »wer eher geköpft zu werden verdient: der, welcher
bei Shakespeare kalt bleibt, oder der leidenschaftliche Mörder. Aber
das Nichts gilt für den Inbegriff aller Tugenden«: -- »Die Menschen
haben viele absonderliche Tugenden erfunden, aber die absonderlichste
von allen ist die Bescheidenheit. Das Nichts glaubt dadurch etwas zu
werden, daß es bekennt: ich bin Nichts« (ebenda 19. Okt. 1843). »Er
nahm einen Fußtritt hin, aber er mußte von einem gewichsten Stiefel
apliziert werden« (13. Okt. 1840).
Man liest jetzt oft Vergleiche zwischen unseren Tagen und der Zeit
von Jena und Auerstedt. Ich halte den Vergleich für falsch. Nein, wir
leben in einer neuen +Metternich-Periode+, wieder ist nach glänzender
Waffentat dem guten, opferfreudigen Volke sein Lohn ausgeblieben,
wieder haben wie damals Hierarchie, Staatsanwälte, Polizei und
die ganze schwerlastende Bureaukratie auf den Lebensfrühling ihre
Nachtfröste gesandt, wieder dieselbe Entmündigung, Abrichterei,
Gängelung und Frommacherei des Volkes, das endlich doch der Kinderstube
entwachsen sein dürfte.
Aus der Ära Metternich errettete uns die Revolution von 1848. Wenn
nicht Umkehr in der öffentlichen Politik eintritt, scheint mir eine
ähnliche Katastrophe nicht ausgeschlossen. Die Mißstimmung wächst von
unten auf immer bedrohlicher und ergreift schon Kreise, die noch vor
wenigen Jahren bei keinem Kaiserkommerse vermißt wurden.
Wir wünschen und hoffen, daß es eine rein geistige Revolution sein
möge, diese aber sehnen wir herbei, weil sonst das Volk verkommt,
weil wir sonst unseren Beruf versäumen, Bahnbrecher und Fackelträger
der Menschheit zu sein. Den Ruhm, gehorsame Untertanen und sanfte
Schafe der Kirche zu sein, gönnen wir unseren Brüdern in Rußland und
Spanien. Der Kurs führt von Luther, Kant, Goethe, Schiller, Hebbel,
Nietzsche, de Lagarde, Bismarck auf den Bahnen der Aufklärung zu einer
germanischen Gesittung und Kultur. Der Weg nach Rom ist eine Umkehr ins
dunkelste Mittelalter. Dort ist keine Kultur zu holen, sondern nur ein
cäsarisches Imperium und geistige Entmündigung -- ein Cäsareopapismus
nach russischem Muster.
Im Jahre 1816 sang +Ludwig Uhland+ ein Lied, das heute im Jahre 1906
nicht weniger Gehör verdient, jedermann kennt es, aber wenigen ist es
noch tief ins Herz geschrieben. Wir stehen vor der Gedächtnisfeier von
Jena. Da ist es gut, sich auch daran zu erinnern, was auf Jena und
Leipzig folgte:
Am 18. Oktober 1816.
1. Wenn heut' ein Geist herniederstiege,
Zugleich ein Sänger und ein Held,
Ein solcher, der im heil'gen Kriege
Gefallen auf dem Siegesfeld,
Der sänge wohl auf deutscher Erde
Ein scharfes Lied, wie Schwertesstreich,
Nicht so, wie ich es künden werde,
Nein! himmelskräftig, donnergleich.
2. Man sprach einmal von Festgeläute,
Man sprach von einem Feuermeer,
Doch was das große Fest bedeute,
Weiß es denn jetzt noch irgendwer?
Wohl müssen Geister niedersteigen,
Von heil'gem Eifer aufgeregt,
Und ihre Wundenmale zeigen,
Daß ihr darein die Finger legt.
3. Ihr +Fürsten+ seid zuerst befraget:
Vergaßt ihr jenen Tag der Schlacht,
An dem ihr auf den Knien laget
Und huldigtet der höhern Macht?
Wenn eure Schmach die Völker lösten,
Wenn ihre Treue sich erprobt,
So ist's an euch, nicht zu vertrösten,
Zu leisten jetzt, was ihr gelobt.
4. Ihr +Völker+, die ihr viel gelitten,
Vergaßt auch ihr den schwülen Tag?
Das Herrlichste, was ihr erstritten,
Wie kommt's, daß es nicht frommen mag?
Zermalmt habt ihr die fremden Horden,
Doch innen hat sich 's nicht gehellt,
Und Freie seid ihr nicht geworden,
Wenn ihr das Recht nicht festgestellt.
5. Ihr +Weisen+, muß man euch berichten,
Die ihr doch alles wissen wollt,
Wie die Einfältigen und Schlichten
Für klares Recht ihr Blut gezollt?
Meint ihr, daß in den heißen Gluten
Die Zeit, ein Phönix, sich erneut
Nur um die Eier auszubruten,
Die ihr geschäftig unterstreut?
6. Ihr +Fürstenrät'+ und +Hofmarschälle+,
Mit trübem Stern auf kalter Brust,
Die ihr vom Kampf um Leipzigs Wälle
Wohl gar bis heute nichts gewußt:
Vernehmt! an diesem heut'gen Tage
Hielt Gott, der Herr, ein groß' Gericht,
Ihr aber hört nicht, was ich sage,
Ihr glaubt an Geisterstimmen nicht.
7. Was ich gesollt, hab' ich gesungen,
Und wieder schwing' ich mich empor;
Was meinem Blick sich aufgedrungen,
Verkünd' ich dort dem sel'gen Chor:
»Nicht rühmen kann ich, nicht verdammen,
Untröstlich ist's noch allerwärts,
Doch sah ich manches Auge flammen,
Und klopfen hört' ich manches Herz.«
Damit vergleiche man, um sich der Stimmungsgemeinschaft bewußt
zu werden, ein +modernes+ Gedicht des Wiener Palamentariers und
Schriftstellers +Karl Iro+:
Entnervt!
Viel deutsches Lärmen und Schreien
Hört man ringsum im Land --
Doch all' die Schreier halten
Beim Schlagen niemals Stand.
Beim Zechen brüllt man sich heiser
Mit deutschem Sing und Sang --
Ruft man zu deutschen +Taten+
Wird all' den Zechern bang.
Im Geisterkampf der Tage
Ein marklos schwach Geschlecht --
Kein männermutig Streiten
Für Ehr' und deutsches Recht!
Das Tänzeln und Scharwenzeln
Ist jetzt die deutsche Art,
Und Kriechertum und Feigheit,
Die haben sich gepaart!
Sie zeugten im Lotterbette
Den deutschen Volksverrat,
Der geht nun durch die Straßen
Frech schamlos früh und spat.
Wie Stickluft, bleiern und drückend
Liegt's über dem Jammer all',
Kein Aufwärtsjauchzen zur Höhe --
Ein deutscher Sündenfall.
Bräch' doch ein wildes Wetter
In diese deutsche Nacht,
Bis die Gewissen alle
Zum Mahneramt erwacht.
Und auf den deutschen Wangen
Schamröte wieder glüht,
Wenn die entnervte Masse
Des Stammes Elend sieht. --
Ein heiliges großes Ringen
Tut unserem Volke not,
Ein Reitersäbelklingen
Wie einst bei Gravelott'.
Ein blutig Kämpfen und Streiten
Für Ehre, Hab und Gut
Muß durch die Adern treiben
Das alte Heldenblut!
Und aus dem schaurigen Sterben
Ein neu Geschlecht ersteh'n,
Das seinem deutschen Gotte
Kann +frei+ ins Auge seh'n.
Das wieder groß und edel
Und mannhaft, stolz und stark --
Ein Hüter und ein Schirmer
Der freien deutschen Mark.
+Heuerts+ 1906. (Unverfälschte deutsche Worte. 5. Heft 1906. Wien.)
Es wäre unmännlich und feig, all die Sorgen und Befürchtungen zu
verschweigen, die uns heute beunruhigen. Deshalb fort mit allen
Bedenken! Es hat jeder Bürger das Recht, »Feuer!« zu rufen und
Löscheimer herbeizuschaffen, wenn er aus dem Dachstuhle Rauch
aufsteigen sieht. Noch schlagen zwar im deutschen Reichsbau die Flammen
nicht empor, aber im Nachbarhause wütet der Brand, und das wissen wir
klassisch Gebildeten ja aus Vergil, daß es um unsere Sache geht, wenn
die nächste Wand brennt. -- Bei uns herrscht jetzt doch auch eine
gar schwüle, drückende Luft. Es ist, als ob es heimlich schon unter
den Dielen schwele. Wie leicht schlägt die Flamme über, wenn sie so
aufgehäuften Zündstoff findet!
Wir alle sind zu Warnern, zu Rettern berufen. -- Wo sich andere das
Recht nehmen, dem Staat von amtswegen zu schaden, wird niemandem das
Recht verwehrt sein, ihm selbst außeramtlich nach seinen Kräften zu
nützen. Dort geht es um Gut und Blut, hier vorerst nur um Papier und
Druckerschwärze.
Nun besteht aber bei uns zu Lande die Meinung, daß ein Beamter nichts
»gegen die Regierung« schreiben dürfe. +Ich+ schreibe nicht +gegen+,
sondern +für+ die Regierung. Wie weit außerdem das gesetzliche Verbot
geht, weiß ich nicht. Wohl aber weiß ich, daß z.B. +Paul de Lagarde+
trotz seines Beamtentums mit der rückhaltlosesten Offenheit die Schäden
der Staatspolitik beleuchtet hat, weiß freilich auch, daß diesen
Mannhaften nicht die Behörden, wohl aber alle Wohlgesinnten mit einem
Haß verfolgten, der ihnen ebenso zur Unehre gereicht, wie dem Gehaßten
zum Nachruhm. Er fragte verwundert, ob es denn ein Unrecht sei, wenn
man den Lokomotivführer darauf aufmerksam macht, daß an seiner Maschine
ein Schaden sei. Er hat es selbst noch erlebt, daß seine trüben
Voraussagen in noch trübere Erfüllung gingen. Jetzt beruft sich jeder
gute Patriot schon gerne auf diesen Volkserzieher, der neben Fichte
seinen Ehrenplatz hat. Jetzt scheinen selbst seine ehemaligen Kollegen
von der Hochschule vergessen zu haben, daß sie ihn zum Einsiedler
machten, ihn wie einen Geächteten mieden und wie durch geheime
Übereinkunft all seine bedeutenden politischen Arbeiten totschwiegen.
Und wie haben die Zünftler einen +Nietzsche+ behandelt! Stets haben
wir das gleiche Bild: »Wenn ein Jagdhund durch die Dorfstraße läuft,
kläffen alle Kettenhunde.« »Die ganze Gesellschaft ist verschworen
gegen die Mannhaftigkeit des einzelnen,« sagt Emerson. Er muß also in
dem angeblich freien Amerika dieselbe trübe Erfahrung gemacht haben.
-- Wenn wirklich allen Beamten eine Kritik der staatlichen Zustände
untersagt wäre, dann wäre die Intelligenz zum großen Teile von einer
einschneidenden Mitwirkung ausgeschlossen: denn auch all unsere
Hochschullehrer sind Beamte. Vielleicht hätte es die weitere Wirkung,
daß die Unsitte, unter Pseudonymen zu schreiben, überhand nähme -- eine
wenig mannhafte Kampfesweise.
Ich bin so wenig rechtskundig, daß ich mich bloß auf mein Gefühl
verlasse. Sollte, was ich in guter Absicht schreibe, in der Meinung,
dem Vaterlande nach meinem schwachen, aber ehrlichen Willen zu dienen,
mit unseren Gesetzen in Widerspruch geraten, so nehme ich die Folgen
auf mich. Ich bilde mir ein, ein gutes Werk zu tun. Von einem dolus --
wonach die Juristen immer suchen -- wird hier nichts zu finden sein,
wohl aber von »Wahrung berechtigter Interessen« eines Jugenderziehers
und Staatsbürgers.
Jedoch ich will den Herren Juristen nicht vorgreifen, mich lieber mit
dem von Herrn Geheimrat Prof. Dr. +Gierke+ proklamierten »felsenfesten
Vertrauen auf unsere Gerichte« ausrüsten.
Ich meine, man darf sich, wenn man seine Überzeugung verfechten will,
um den Beifall oder den Widerspruch aller amtlich Gebundenen nicht
kümmern. Die sind stets für Ruhe und Sachlichkeit, für eine korrekte
Amtsführung, Einhaltung des Instanzenweges, kurz für all das, was
den Fortschritt hemmt. Neue Gedanken und nun gar eine Kritik des
Bestehenden empfinden sie als lästige Ruhestörung, als Übergriff.
Kümmern wir uns also um sie nicht mehr als nötig ist, um ihren
schädlichen Einfluß zu brechen! Ob ich zu dieser Arbeit berechtigt und
befähigt bin, das soll, soweit es davon Kenntnis nimmt, das deutsche
+Volk+ entscheiden, das heißt die, deren Urteil ungebunden ist.
VI.
Das deutsche Mannesideal in der Geschichte.
Wie jede Sache, so hat auch das deutsche Mannesideal seine
geschichtliche Entwicklung. Ohne deren Kenntnis lernt man auch die
Gegenwart nicht verstehen. Wenn wir uns also von unseren Vorfahren auch
nicht belehren lassen wollen, so wollen wir sie und damit uns selbst
doch kennen lernen. Denn unser ganzes Sein und Denken ist aufgebaut auf
ererbte Zustände und Anschauungen. Es ist kein durchaus erfreuliches
Erbe, das wir antreten mußten: Deutschland war ein viel geplagtes,
dürftiges Land. Es galt von ihm, was Herodot von dem athenischen Staate
sagt: »Die Armut war ihm Amme.«
Armut, sagt man, stählt die Lebenskräfte, Armut drückt sie aber auch
nieder und läßt eine freie Mannesgesinnung nicht leicht aufkommen.
Die Armen leben meist in knechtischer Abhängigkeit. Da gilt das alte
homerische Wort: »Der Tag der Knechtschaft nehmen dem Manne seinen
halben Wert.«
In seinem Aufsatze »Der Deutsche der Zukunft« sagt Prof. +A.
Lichtwark+ ganz in diesem Sinne: »Aus den Jahrhunderten der Armut und
Beschränktheit, der Hörigkeit und Knechtschaft nach innen und außen
haften dem Wesen des Deutschen so viele beklagenswerte Züge an, daß wir
als politisch und wirtschaftlich voran gekommenes Geschlecht mit Ruhe
und Entschlossenheit nicht nur an die erbarmungslose Ausrottung alter
Fehler, sondern vor allen an die Entwicklung alter zurückgebliebenen
edlen Kräfte zu gehen haben.«
Um das also zu können, bedürfen wir einer Rückschau und einer Einkehr
in unsrer eignen Natur.
Von den alten Germanen wissen wir zu wenig Verläßliches. Wir wollen
uns auch in so ferne und so dunkle Gegenden lieber nicht verlieren.
Es ist gar zu schwer, entschwundene Zeiten zu verstehen, je ferner
sie liegen, um so schwerer, um so weniger verlohnt es auch, an sie
anzuknüpfen. Bei Wodan und Freia werden wir doch nicht wieder warm.
Jene alte Welt hat uns Rom ein für allemal so zertrümmert und so
entrückt, daß keine Brücke uns dorthin zurückführen, kein Gedenken uns
je dort wieder heimisch machen kann.
Im +Mittelalter+ -- um damit zu beginnen -- hatte man ein Bildungsideal
verkörpert, das vorbildlich erziehliche Kraft hat. Freilich blieb es
beschränkt auf den Ritterstand.
Hier sind die edelsten Mannestugenden vereint, noch bereichert, geadelt
und gemildert durch den Einfluß des Christentums. Mit der himmlischen
Liebe allein wollten aber die lebensfrohen Ritter sich nicht zufrieden
geben, und die besten unter ihnen wurden den Zwiespalt ihrer Seele
nie los, so oft sie sich auch die bange Frage vorlegten, wie man drei
Dinge erwürbe, nämlich Vermögen, Ehre und Gottes Huld, ohne daß eines
davon verdürbe. Vielleicht ist die Höhe echt männlicher und dabei
menschlicher Bildung nie wieder erreicht, geschweige denn übertroffen
worden, wie sie in den besten Vertretern der christlichen Ritterorden
verkörpert war. Noch heute empfinden wir den Zauber, der in dem
Begriffe echter Ritterlichkeit liegt. Uns tritt dabei vor die Seele
das Bild der stattlichen, im Waffenschmuck erglänzenden, körperlich
durchgebildeten, in allen Künsten des Kriegshandwerkes, im Jagen,
Reiten, Fechten und Schießen gewandten Männer, die ihre rüstige Kraft
begeistert in den Dienst der Schwachen stellten, das Gelübde ablegten,
ehrbar zu leben, Treue zu pflegen, mildtätig zu sein, Witwen und Waisen
zu schützen, jedem Unrecht entgegenzutreten und dabei stets in Haltung
und Ton vornehm und bescheiden zu bleiben. Wenn diese Männer zugleich
den Frauen in anmutigen Formen huldigten und ihre Feste mit Gesang und
Saitenspiel, mit ungekünsteltem Frohsinn würzten, dann muß da wirklich
eine Blüte des Mannestums ins Leben getreten sein, mit der wir uns
nicht ohne beschämende Sehnsucht beschäftigen können.
Mit Wissenschaft befaßten sich diese Männer freilich nicht. Es war
schon viel, wenn einer schreiben und lesen konnte. Aber deshalb
waren sie doch nicht ungebildet. Ihre Kenntnisse von Ländern und
Leuten erritten sie sich auf ihren endlosen Zügen in Freundes-
und Feindesland. Die Welt war damals noch eng. Schon der alte
+Hildebrandt+ rühmt sich seiner Weitgereistheit und seiner
Menschenkenntnis. Ebenso +Walther von der Vogelweide+. Diese Männer
waren gut vertraut mit dem Boden, auf dem sie wirkten und mit den
Sitten, Sprachen und Anschauungen der Völker, mit denen sie verkehrten.
Ich glaube nicht, daß sie uns den Eindruck der Unbildung machen würden,
wenn es möglich wäre, plötzlich einmal in ihre Mitte einzutreten. Man
lese nur Walthers Gedichte, um sich mit dem tiefen sittlichen Gehalte
und mit dem Umfange ihrer geistigen Interessen bekannt zu machen.
Jedenfalls hatte der junge Adlige sein klar umschriebenes Mannesideal
vor Augen und wußte, wohin er zu streben und zu wachsen habe. Der
junge Parzival hielt die ersten erzgepanzerten Ritter, die er sah, für
Götter. Wie Götter erschienen sie wohl jedem Kinde. Wenn man ihm dann
sagte, es könne durch rechte +Zucht+ auch einmal so ein stolzes Wesen
werden, dann war dem Leben Ziel und Weg gewiesen.
Deutsche Männer nennt Walther »wolgezogen« und »teutsche zucht«, sagt
er, »gat vor in allem«.
Das ritterliche Mannesideal und die ritterliche Zucht blieb selbst in
der besten Zeit auf den Stand der Ritter beschränkt. Bürgern und gar
Bauern kam es nicht in den Sinn, ein gleiches zu erstreben, auch waren
sie durch die Standesschranken davon ausgeschlossen. In den Kreisen der
Ritterschaft hielten sich noch die äußeren gesellschaftlichen Formen
und das Bewußtsein, durch eine Ahnenreihe den Wert und Adel ererbt zu
haben. Der bloße Name genügte, einem ganzen Leben erhöhte Ansprüche und
ein gesteigertes Selbstbewußtsein zu geben. Wo innerer Wert fehlte, da
mußte oft der Schein aushelfen. Mit der edleren ritterlichen Kultur
sank aber und verblaßte auch das edle Mannesideal.