sind die Früchte unserer sog. guten Erziehung, die man so ehrend gar
nicht benennen dürfte. Nicht Erziehung, sondern Abrichtung! Abrichtung
zu stillen Untertanen und untertänigen Beamten. Von Kindheit an zum
Schweigen erzogen, zum sog. Anstand, der zumeist gleichbedeutend
mit Charakterlosigkeit ist, zur Botmäßigkeit, zur Bewunderung der
»vorgesetzten« Einsicht, zum Gehorsam gegen all die staatlichen
Machthaber in den Schulen, im Heere, auf dem Amte und der Polizei, und
stets geduckt vor Höherstehenden, die den Bestand des Geldbeutels, die
soziale Stellung, die öffentliche Wertschätzung des Mannes durch Gunst
oder Ungunst eigenmächtig bestimmen! Dazu kommt dann die Kirche, die
unter Berufung auf: Römer Kap. 13, 1 (»Eine jegliche Seele sei den
höheren Gewalten untergeben; denn es gibt keine Gewalt, außer die von
Gott. Die es aber gibt, die sind von Gott geordnet. Wer demnach der
Gewalt widersteht, widerstehet Gottes Ordnung.« Vgl. Rußland!) stillen
Gehorsam gegen die »Obrigkeit« predigt und die Feigheit noch mit einem
Glorienschein umstrahlt.
Als Bismarck das stolze Wort sprach: »Wir Deutsche fürchten Gott, sonst
nichts in der Welt«, gab er der Tatsache wahren Ausdruck, daß wir
keinem äußeren Feinde im Felde weichen würden.
Nach seinem Rücktritte aus dem Amt wird er seine Meinung wohl
eingeschränkt haben. Wir Deutschen fürchten außer Gott, ja oft mehr als
Gott, unsere Vorgesetzten und das Urteil unserer Umgebung. Wir fürchten
Konflikte mit den Behörden, mit den Gerichten, mit der Polizei,
fürchten die Ungnade der »Maßgebenden«, fürchten die Kritik unserer
Berufs- und Standesgenossen, fürchten uns sogar vor der Konsequenz
unserer eigenen Gedanken und ziehen uns lieber scheu in das Faulbett
des Herkommens zurück, als daß wir den Kampf in dem Staube der Arena
wagten.
Die notwendigsten Schlachten auf dem Gebiete des Geisteslebens bleiben
deshalb ungeschlagen, weil sich nicht genug Kämpfer dazu bereit finden.
Uns erschreckt die Riesenaufgabe, daß wir uns eine neue Welt der
Gedanken aufrichten müssen. Wir flicken lieber ängstlich an dem alten
Bau, als daß wir beherzt zu einem Abbruch und zu dem Neubau des neuen
Hauses schritten. Uns hält die Scheu vor der Tradition, die Rücksicht
auf alte, zu alte »Ideale« und ihre alten Vertreter, eine unmännliche
Pietät davon ab, das Gestrige abzutun und heute zu leisten, was uns
der Tag gebietet. Wir können eine Scheinkultur nicht sterben lassen,
die nur mit Kunstmitteln noch ihr mattes Dasein fristet.
Wie werden unsere Söhne später über uns urteilen? Ich fürchte, wir
werden schlecht vor ihnen bestehen.
Wir fühlen ja selbst schon mit Beschämung, wie uns der Wille und die
Kraft entschwunden sind, als ein selbstherrliches, mannhaftes Volk
unsere Geschicke selbst zu bestimmen. Wir lassen uns regieren und
benutzen nicht einmal die uns verfassungsmäßig zustehenden Rechte zur
Mitarbeit. Das ist Pflichtversäumnis, denn Rechte +sind+ zugleich
Pflichten.
Bei der neuen preußischen Schulvorlage fielen die höheren Lehrer fast
ganz aus. Höchst achtbarer Beamtengehorsam und das Bewußtsein, was sie
sich als akademisch Gebildete schuldig sind, mag sie zu besonnener
Zurückhaltung begeistert haben. Das wird sich an ihnen vielleicht noch
rächen; denn man wird im Volke aufhören, sie als Vorkämpfer unserer
geistigen Kultur zu schätzen. »Res ad triarios venit!« würde Cäsar
sagen. »Die Volksschule vor!« so lautete auch der Schlachtruf. Kampf
und Ehre wird also den Herren »Elementarlehrern« allein zufallen.
Erst spät, zu spät, um zu wirken, traten Herren der Hochschule noch ins
Feld.
»+Sind denn die Gneist und Mommsen ganz ausgestorben?+« fragte mit
Verwunderung Prof. +Paul Natorp+ (Marburg) in der Frankfurter Zeitung,
»geht die Staatsrechtslehrer, die Geschichtslehrer die Sache etwa
nichts an? Spüren unsere freigesinnten Theologen nicht, wie sehr die
Richtung dieses Entwurfs auch ihrem ganzen Bestreben an den Hals geht?
Kann irgendeiner, dem die ›Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre‹
mehr als eine Phrase ist, gleichgültig zusehen, daß die Mächte, die
von jeher deren ergrimmteste Gegner gewesen sind, mit dem Durchgehen
dieses Entwurfs einen gewaltigen, vielleicht entscheidenden Sieg
erringen würden? Oder ist man so kleinmütig geworden, daß man fürchtet,
unser einmütiges besonnenes, aber unverblümt deutliches Wort werde
im Volke angehört verhallen? +Sind nicht die Lehrer der Volksschulen
unsere Brüder, unsere nächsten Arbeitsgenossen? Können wir vor der
Geschichte die Verantwortung tragen, sie auch jetzt wieder im Stich
gelassen zu haben? Empfinden wir nicht, daß wir durch Schweigen uns
zu Mitschuldigen machen? daß wir die Folgen eines solchen Sieges der
Lichtfeinde zu allererst zu spüren bekommen werden?+ Unsere Hochschulen
haben soeben, in im ganzen löblicher Tendenz und erfreulicher
Einmütigkeit der Lehrenden und Lernenden, um die ›akademische Freiheit‹
gekämpft; soll die Freiheit ein Privileg der Hochschulen sein? und
steht nicht das, worum wir gestritten haben, in höchster Gefahr, wenn
erst die größte Provinz des nationalen Bildungswesens sozusagen ohne
Schwertstreich in die Hand des Gegners gefallen ist, dessen offen
erklärtes, mit zäher Energie und unleugbaren Erfolgen schon längst
verfolgtes Ziel die Konfessionalisierung auch der höheren Schulen und
der Universität ist?«
Lange meinte ich, meine schlechte Stimmung könnte eine persönliche
Schwäche sein: geistige Überanstrengung, dienstlicher Verdruß,
gestörte Verdauung, schlechter Schlaf, heruntergekommene Nerven. Aber
ich empfing, als ich zum ersten Male meine Klagen laut werden ließ,
tausendfach ermutigenden Zuspruch. Ich sehe seitdem, daß selbst meine
Widersacher verstummen, daß selbst die Klarsichtigsten in immer
wachsenden Kreisen meine Mißstimmung und Besorgnis teilen.
Ich muß auch hierfür Zeugnisse beibringen, sonst beliebt man
vielleicht, mir diese Tatsache einfach abzuleugnen. Es genügte freilich
auf das +Türmer-Jahrbuch+ zu verweisen, das ein ehrlicher Spiegel der
öffentlichen Meinung ist, oder auf die »+Zukunft+«, die seit Jahren,
eher als alle anderen, den Niedergang angezeigt hat. Am 14. Juli 1906
lesen wir dort:
»Das unbehagliche Gefühl, spottschlecht regiert zu werden, die Furcht,
von schwer erklommener Höhe mählich herabzugleiten, schleicht von Mond
zu Mond schneller durchs Land, und die Presse, die nicht aufhören
möchte, Ausdruck der öffentlichen Meinung zu sein, darf sich nicht
länger sträuben, der Drängnis eine Zunge zu leihen. Ich will«, fährt
Harden fort, »nur +fromme+ Stimmen zitieren; nur aus den letzten
Tagen: »Das Maß, in dem die verantwortlichen Männer ihre Haltung nach
den Wünschen und Anschauungen des Staatsoberhauptes orientieren, geht
gelegentlich über das Notwendige, Richtige und Nützliche hinaus.
Dadurch wird nicht nur die Stellung der Minister, das Ansehen der
Regierung und schließlich die Staatsautorität geschädigt, sondern
direkt gegen den Geist des konstitutionellen Systems verstoßen, +das
selbstbewußte Männer an den verantwortlichen Stellen verlangt. Aus
Männern mit eignen Gedanken, eigenem Wollen werden Handlanger eines
höheren Willens. Das Staatsgefühl geht zurück und mit ihm, trotz aller
hohen und hohlen Worten, die innerliche Achtung vor dem Staat.+«
(Hannoverscher Courier.) »Der Kaiser wird über die Einzelheiten der
innerpreußischen Politik in so mangelhafter Weise unterrichtet, daß
für die Zukunft die ernstesten Besorgnisse berechtigt sind.« (Tägliche
Rundschau.) »Der Kaiser zwei Tage lang in Hamburg, als Taufpate und als
Schiffsprediger, als Kriegsherr und als hoher Gönner des Rennsports,
immer um die Elbhöhe herumgefahren und dem Standbild Bismarcks keinen
Besuch abgestattet! Millionen treuer Söhne ihres Vaterlandes werden
peinlich und schmerzlich empfinden, daß dies möglich werden konnte.«
(Deutsche Stimmen, Wochenblatt für die nationalliberale Partei.)
»Man wird mit Fug erklären dürfen, daß die Bevölkerung der vielen
umfangreichen Mitteilungen über Reisen und Reden der Fürsten allgemach
müde wird. Es wäre daher kein Unglück, wenn politische Fürstenbesuche,
die sich in den letzten Jahren allzu oft wiederholt haben, einmal
geraume Zeit unterblieben. Man ist so ziemlich überall zufrieden, wenn
sie vorüber sind, ohne einen Mißklang erfahren oder zurückgelassen zu
haben.« (Vossische Zeitung.)
»Endlich!« ruft Harden aus und fährt mit der gleichberechtigten
Bemerkung fort: »Wäre vor sechzehn Jahren so gesprochen worden, dann
sähe es im deutschen Land heute besser aus. Jetzt genügen so sanfte, in
Watte gewickelte Andeutungen nicht mehr. Bleiben auch allzu vereinzelt.
Morgen wird da wieder Weihrauch gespendet, wo sich gestern kritisches
Bestreben zeigte. Jetzt muß so ernst, so vernehmlich gesprochen werden,
daß keine Möglichkeit eines Mißverständnisses bleibt. So, wie es bisher
war, kann's nicht weitergehen. Die ganze Methode unserer Politik muß
geändert werden. Schnell; jede Woche häuft neue gefährliche Fehler.«
Stets die gleiche Klage, daß es an +Männern+ fehlt. So schreibt +H.
Ilgenstein+ im »Blaubuch« 1906, Nr. 34:
»Was uns nottut, das ist eine Revolution der Geister, ein Erwachen,
ein Wille, eine Kraft. Man tue sich (in gesetzmäßiger Weise)
allenthalben zusammen! Man verkünde allerorten, daß man sich für einen
Minister bedankt, der bei längerer Tätigkeit denn doch dem Lande eine
ernste Gefahr bedeutet. Herr von Studt kommt in das Haus, in dem neben
einer volksfeindlichen Majorität auch einige Männer sitzen, denen das
Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt. Ist keiner unter diesen Männern,
der diesem Minister für Geistesknechtung einmal auf gut deutsch die
Wahrheit sagt? In den Verwaltungsbehörden unserer Städte herrscht
größtenteils eine liberale, durchaus nicht fortschrittsfeindliche
Gesinnung. Von diesen könnte den merkwürdigen Sondererlassen des
Herrn Ministers doch eine recht gesunde Obstruktion gemacht werden.
Erst neulich (Nr. 32 des »Blaubuch«) machten wir auf den widerlichen
Unteroffizierston aufmerksam, in dem unter der Ära Studt die
Unterrichtsbehörden mit den Lehrern verkehren. Sollte es nicht Pflicht
der Gemeinden sein, in deren Dienst die Lehrer stehen, dem Minister es
einmal recht klar zu machen, daß selbst preußische Volksschullehrer
noch Menschen sind? Wenn alle Faktoren, die sich jetzt nur ›ärgern‹,
nur eine Zeitlang auf ihrem Posten wären, dann bliebe dem Dunkelmanne
nur noch der Rückzug. Aber vorläufig sind wir noch nicht auf dem
Posten.«
Über die Stimmung der deutschen Volksschullehrer, mit der man sich
im sog. gebildeten Publikum besser vertraut machen müßte, belehrt
der »Bund der deutschen Volkserzieher« unter der Leitung +Wilhelm
Schwaners+. Wenige Deutsche, von den Volksschullehrern abgesehen,
lesen dessen »Volkserzieher«, der eine +Macht+ im Volksleben geworden
ist. Die Lehrer lesen ihn nach vielen Tausenden und halten zu ihm in
begeisterter Hingabe zu Schutz und Trutz.
Ich gebe eine Stimmungsprobe aus dem Hefte 17 des X. Jahrganges (1906),
einen Aufruf von +Hans Würtz+ in Altona:
»Der Bund Deutscher Volkserzieher ist eine Gemeinschaft von deutschen
Männern und Frauen, die sich zusammengeschlossen haben zu Rat und
Tat, zu mutigem Kampfe und ewiger Fehde gegen die Giftmischer des
Geistes und der Gesinnung, gegen Tyrannen und gegen Knechtsseelen,
gegen die Orthodoxen der Religion, des Rechts und der Hygiene, gegen
Papst- und Pfaffentum, gegen Feigheit und Reaktion, gegen Anarchie
und Revolution -- zum ernsten Streben und Tun für die höchsten und
herrlichsten Güter unseres Volkes: Wahrung, Erneuerung und Kräftigung
echt germanischer Art in Religion, Sitte und Gesamtkultur gegenüber
der römischen Scheinkultur, Umwandlung der papiernen Gewissensfreiheit
in staatlich anerkannte Freiheit des Wissens und Glaubens, Wertung der
Individualität.
Darum finden sich bei uns auf gemeinsamem Boden des Verstehens: die
Philosophen und Theosophen, die Mystiker und Wirklichkeitsmenschen,
die Abstinenten, Vegetarier und Gemäßigten, die Männer der Tat und die
in der Welt der Kunst und Schönheit träumen. Den neuen Frühling des
Germanentums wollen wir herbeiführen: darum stellen wir naturgemäß
die Tatreligion, die wir in den alten und neuen Schriften unserer
germanischen Rasse niedergelegt finden, höher als die offizielle
jüdisch-christliche Scheinreligion der Kirchen. Die Religion der
+deutschen+ Propheten, der Luther, Lessing, Goethe, Schiller, Kant,
Schopenhauer, Nietzsche, Lagarde, Emerson, Friedrich II., Wagner,
Bismarck u. a. hat unser Führer in der »Germanenbibel« aufgebaut, und
wir Bundesmitglieder haben dieses bahnbrechende Werk zu unserm Hausbuch
erhoben. Freunde, laßt euch von Berlin Prospekte der »Germanenbibel«
schicken und sorgt für Verbreitung des Werkes, damit unsere Ideen auch
auf diesem Wege ins Volk dringen! -- -- --«
Noch deutlicher und deutscher spricht +Wilhelm Schwaner+ selbst, ein
ehemaliger gemaßregelter Lehrer, dem die +rechte+ Kirchengläubigkeit
fehlte, ehedem ein harmloses Wiesenbächlein, das man hätte sollen
gewähren lassen, jetzt zum reißenden Strom angeschwollen.
»Es ist richtig,« schreibt er in einem Aufsatz über »Schulproletarier«
im »Volkserzieher« X, Nr. 17, »daß in Zukunft preußische
Volksschullehrer im Gehalt +hinter+ den Schutzleuten zu rangieren
haben, obgleich ihnen +vor+ den ehemaligen Sergeanten die
Offizierskarriere und der regelrechte Besuch bestimmter Universitäten
und damit die Ministerlaufbahn offensteht.
Aber es ist trotz der hundserbärmlichen Entlohnung, insbesondere der
meisten Landlehrer, +unrichtig+, von Schulproletariern zu reden. Denn
wenn es schon welche gibt, welche jährlich 720 M. Gehalt beziehen --
ich selber habe drei Jahre lang pro anno 600 M. (hört, hört) gehabt,
also weniger als ein Großknecht, weniger als jeder mittelmäßige
Fabrikarbeiter, weniger sogar als eine sechzehnjährige Kontoristin
der Großstadt -- so sind sie doch noch lange keine Proletarier.
Unsere Lehrer haben nämlich, was den unglücklichen Proletariern der
roten Partei absolut fehlt, immerhin eine gewisse wissenschaftliche
Bildung, und sie haben, was sie gegenüber den Millionären des Kapitals
zu Milliardären erhebt, Ideale, unverwüstliche, +hohe und heilige
Ideale+. Gewiß, die stempeln unsere Schulmeister zu Revolutionären
des Geistes -- eine eingehende Geschichte des Lehrerstandes würde zu
überraschenden Entdeckungen führen, wenn es auch den Juristen Studt
wenig interessieren mag, was für »Kerle« gerade auf dem von ihm
beaufsichtigten Felde Bahnbrecher und Führer geworden sind -- aber zu
Revolutionären der Straße werden die deutschen Lehrer niemals werden.
Obgleich es auch unter ihnen gelegentlich einen richtigen Umreißer
geben kann, ähnlich wie die neuere Geschichte einen Anarchisten
Johannes Miquel gekannt hat, den der nachmalige Kaiser Wilhelm II.
›+seinen+ Mann‹ nannte.
Seit der beste Teil der Lehrerschaft angefangen hat, sich auf sich
selbst zu besinnen, Selbsterziehung zu üben durch Alkohol- und
Nikotinabstinenz oder gar durch Fleischenthaltung und vor allem
durch sittenstrengen Lebenswandel; seit die Lehrer durch Selbsthilfe
und energisches Studium sich die Quellen der Wissenschaft und damit
die Tore zum Tempel der Weisheit erschlossen haben; seit wir eine
Volkserzieherbewegung kennen und hinter ihr als Rückgrat und Träger
in die Zukunft einen Bund, der alle deutschen Gaue überspannt:
seitdem, ihr Leute vom ›Vorwärts‹, die ihr als Millionär Paul Singer
und als Schloßbesitzer August Bebel ja selber keine Proletarier
seid, seitdem ist es mit eurer Hoffnung auf eine rote Avantgarde
aus Schulmeisterkreisen ein für allemal vorbei. Es hätte auch noch
schlimmer kommen können, als es ja leider Gottes schon ist, so würden
+wir+ doch +nicht+ unseren Patriotismus ›revidieren‹. Denn +unsere+
Gesinnung hängt nicht wie die eurige oder wie die der Agrarier,
Industriellen, Junker und anderer Sippen vom ›+Brotkorb+‹ ab, sondern
von der Höhe unseres Seelen- und Geisteslebens, das eben lediglich
und allein +durch uns selbst+ bestimmt wird! (Mitläufer, Schmarotzer,
Feiglinge, Mantelträger, Rückenmärker und dergleichen Gelichter
selbstverständlich ausgenommen. Auch die Bierbank-, Schnaps- und
Weinhelden, die als Lehrer regelmäßig dem kirchlichen Abraham im
Schoße sitzen, wie sie als Arbeiter und »Proleten« für die Paule
der roten Partei unentbehrlich bleiben, weshalb man ja auch auf
den sozialdemokratischen Parteitagen niemals die Alkoholfrage zur
Hauptdebatte stellen läßt: zur politischen Revolution haben eben wie
zum Verrat Elende des Alkohols nötig.) Uns ›Schulproletariern‹ wird man
Gerhart Hauptmann, Hermann Sudermann, Henrik Ibsen und andere nicht so
leicht entreißen, wie man aus eurem Zentralorgan die Leute der besseren
Feder und des einfachen politischen Anstandes weggebissen hat. Denn bei
uns wird ebensowenig die Knute des Despoten je etwas erreichen wie die
Phrase des Pöbels. Wir bauen uns eben unsere eigene Welt, die deutsch
und pädagogisch ist!«
Ideale, mein lieber Schwaner haben die Sozis auch, nur etwas andere als
wir beide. Ich nenne jeden Menschen einen Idealisten, der sich für
seine Überzeugung einsperren läßt. Aller andere sog. Idealismus beruht
auf Selbsttäuschung.
Und während ich diese Zeilen schreibe -- buchstäblich zu verstehen
-- reicht mir das Sopherl, das mich bedient, einen Brief herein, in
dem ich von einer Redaktion aufgefordert werde, über die »Pflege der
Willenskraft in der Erziehung« zu schreiben, »als Grundlage einer
gesunden deutschen Erziehung, die an die Stelle treten müsse der zur
tatenlosen Träumerei verführenden Drillmethode der alten +Lern+schule«.
Der Briefschreiber ist Schul+direktor+!
Überall die gleiche Sehnsucht nach einer inneren geistigen Reform. Das
Notwendigste aber hat doch wieder +Harden+ gesagt (»Zukunft« 1906 Nr.
38):
»Im Reichstag sitzen gescheite und redliche Männer, die etwas leisten
können. Weshalb finden wir, wenn monatelang gedroschen ist, die Tenne
leer? Weil dieser Reichstag nicht zur Regierung berufen, sondern nur
als Ornament gedacht ist. Weil die Regierenden sich bemühen, ihn
schmeichelnd zu überlisten und er selbst in technischem Kleinkram, in
Paragraphenflickerei, die jeder Geheimrat besser besorgt, seine Aufgabe
sieht. Weil der Wille zur Macht ihm versiegt ist. Die Änderung oder
Ablehnung eines Gesetzes, nach Jahren vielleicht die bundesrätliche
Zustimmung zu einem Initiativantrag: das kann er erreichen; mehr
nicht. Keinen Kanzler noch Staatssekretär stürzen; seiner Majorität
nie die Wirkensmöglichkeit erobern. ›Wenn die Kerle sich ausgeschimpft
haben, sind sie wieder still‹; und die Karre rumpelt, als sei nichts
geschehen, ein Stückchen weiter bergab. Wer mag für solchen Preis
das Leben einsetzen? Wer sich mutwillig die Exzellenten verfeinden,
die er doch nicht vom Thrönchen stoßen kann? Da sie bleiben, solange
es dem Kaiser paßt, stellt man sich mit ihnen lieber auf leidlichen
Fuß und bekümmert sich eifriger um ihre Umgangsformen als um ihre
Leistungsfähigkeit. Dieser Reichstag hat kein Ziel vor, keinen Willen
zur Herrschaft in sich; er ist zum Disputierkränzchen geworden und
drischt in jedem Herbst wieder dasselbe Stroh. In England, Frankreich,
Italien, Spanien, Ungarn, Belgien, Skandinavien, in Österreich und
den Balkanstaaten sogar regiert das Parlament, in Rußland heischt es
Konventsrechte; in Deutschland redet es den Regierenden ins Handwerk
drein und knickert ihnen unklug die Pfennige ab. There's the respect
that makes calamity of so long life. Dieser Zustand darf nicht noch
länger dauern. Das nächste Ziel politischen Trachtens muß die Sicherung
des parliamentary government nach britischem Muster sein.
Übt euch in zähem Widerstand gegen Ungebühr! Warnt das Volk, sein Geld
einer schlechten Regierung anzuvertrauen! Und stählt den Willen zur
Macht!«
Ganz meine Meinung! Wir witzeln über den unfähigen Reichstag, tuen aber
nichts ihn zu stärken. Noch fehlt dem Reichstagsgebäude die Aufschrift.
Erträgt das unser lammfrommes Volk noch weitere Jahrzehnte?
In allen großen Kulturfragen unseres Volkes wollen und werden wir uns
erlauben mitzureden, werden auch die Amtstätigkeit unserer Beamten
öffentlich kritisieren, wenn sie uns gemeingefährlich erscheint. Paul
de Lagarde verlangte schon eindringlichst, daß die Beamten für ihre
Verfehlungen regreßpflichtig gemacht würden. Was sagt man nun zu
folgender ›amtlichen‹ Angelegenheit? Man lese das Buch ›Mein gutes
Recht‹ des deutschen Kaufmanns +Karl Paasch+ (Kommissionsverlag
von Meyer & Hendeß in Zürich, 1906), den man für verrückt erklärt
hat, weil er über deutsches Kolonialwesen die unglaublichsten Dinge
veröffentlicht hat. Nach den jüngsten Erfahrungen wird er auch für
Unglaubliches jetzt Gehör finden.
+Lehmann-Hohenberg+, auch so ein Unbequemer, der in alle dunklen Ecken
unseres Reiches hineinleuchtet, nennt in seinem »Rechtshort« (1906, Nr.
13/16) diesen Paasch einen modernen Michael Kohlhaas und ruft, nachdem
er den wirklich ganz ungeheuerlichen Fall in großen Zügen dargestellt
hat, in Erregung aus: ›Ward je ein Fürst und Volk schändlicher betrogen
und verraten!?‹ -- -- »Hier kann und darf keine Aufklärung gescheut
werden! Stecken wir schon mitten in vollster Korruption? Das deutsche
Volk hat ein Recht darauf, zu erfahren, wie es hiermit steht, und daß
mit stählernem Besen die Stuben unseres Beamtentums ausgefegt werden,
wenn die Angaben von Paasch auch nur zu einem Teil auf Wahrheit
beruhen.«
Um mich etwas verständlicher zu machen, will ich mit seinen eigenen
Worten andeuten, worum es sich handelt, mache dabei auf die Tatsache
aufmerksam, daß verwandte Anschauung und Stimmung hervorleuchten aus
»den Briefen, die ihn nicht erreichten«. Paasch also schreibt:
»Weil meine geschäftlichen Projekte bei den chinesischen Behörden
gute Aufnahme und Beachtung gefunden, weil sie die allerbesten
Aussichten auf Erfolg hatten, eben deshalb, und nur deshalb wurde meine
Beseitigung beschlossen, v. Brandt und v. Ketteler wollten mit einem
Schlage reiche und wenn möglich berühmte Leute werden. Geld, Geld und
wieder Geld war das Hauptmotiv für alle Handlungen dieser Herren. Was
still und ruhig mit den chinesischen Behörden verhandelt war, was ruhig
in den Geheimarchiven der deutschen Gesandtschaft ruhte und bestimmt
war, dem Fürsten Bismarck vorgelegt zu werden zur Ehre und zum Vorteil
Deutschlands, das wurde von diesen beiden Herren verplempert, verraten
und wahrscheinlich einfach verkauft zu ihrem Vorteile ...«
»Nachdem das +Attentat+ (!!) auf mich mißlungen war, verfügte Herr v.
Brandt plötzlich über Geld und wollte mir kürzlich erst abgeborgte
20 000 Mk. zurückgeben; auch Herr v. Ketteler wollte plötzlich eine
›Erbschaft‹ gemacht haben. Merkwürdig, sehr merkwürdig! ...«