Unser gutes deutsches Volk ist schon in Grund und Boden regiert. Das

sind die Früchte unserer sog. guten Erziehung, die man so ehrend gar

nicht benennen dürfte. Nicht Erziehung, sondern Abrichtung! Abrichtung

zu stillen Untertanen und untertänigen Beamten. Von Kindheit an zum

Schweigen erzogen, zum sog. Anstand, der zumeist gleichbedeutend

mit Charakterlosigkeit ist, zur Botmäßigkeit, zur Bewunderung der

»vorgesetzten« Einsicht, zum Gehorsam gegen all die staatlichen

Machthaber in den Schulen, im Heere, auf dem Amte und der Polizei, und

stets geduckt vor Höherstehenden, die den Bestand des Geldbeutels, die

soziale Stellung, die öffentliche Wertschätzung des Mannes durch Gunst

oder Ungunst eigenmächtig bestimmen! Dazu kommt dann die Kirche, die

unter Berufung auf: Römer Kap. 13, 1 (»Eine jegliche Seele sei den

höheren Gewalten untergeben; denn es gibt keine Gewalt, außer die von

Gott. Die es aber gibt, die sind von Gott geordnet. Wer demnach der

Gewalt widersteht, widerstehet Gottes Ordnung.« Vgl. Rußland!) stillen

Gehorsam gegen die »Obrigkeit« predigt und die Feigheit noch mit einem

Glorienschein umstrahlt.

Als Bismarck das stolze Wort sprach: »Wir Deutsche fürchten Gott, sonst

nichts in der Welt«, gab er der Tatsache wahren Ausdruck, daß wir

keinem äußeren Feinde im Felde weichen würden.

Nach seinem Rücktritte aus dem Amt wird er seine Meinung wohl

eingeschränkt haben. Wir Deutschen fürchten außer Gott, ja oft mehr als

Gott, unsere Vorgesetzten und das Urteil unserer Umgebung. Wir fürchten

Konflikte mit den Behörden, mit den Gerichten, mit der Polizei,

fürchten die Ungnade der »Maßgebenden«, fürchten die Kritik unserer

Berufs- und Standesgenossen, fürchten uns sogar vor der Konsequenz

unserer eigenen Gedanken und ziehen uns lieber scheu in das Faulbett

des Herkommens zurück, als daß wir den Kampf in dem Staube der Arena

wagten.

Die notwendigsten Schlachten auf dem Gebiete des Geisteslebens bleiben

deshalb ungeschlagen, weil sich nicht genug Kämpfer dazu bereit finden.

Uns erschreckt die Riesenaufgabe, daß wir uns eine neue Welt der

Gedanken aufrichten müssen. Wir flicken lieber ängstlich an dem alten

Bau, als daß wir beherzt zu einem Abbruch und zu dem Neubau des neuen

Hauses schritten. Uns hält die Scheu vor der Tradition, die Rücksicht

auf alte, zu alte »Ideale« und ihre alten Vertreter, eine unmännliche

Pietät davon ab, das Gestrige abzutun und heute zu leisten, was uns

der Tag gebietet. Wir können eine Scheinkultur nicht sterben lassen,

die nur mit Kunstmitteln noch ihr mattes Dasein fristet.

Wie werden unsere Söhne später über uns urteilen? Ich fürchte, wir

werden schlecht vor ihnen bestehen.

Wir fühlen ja selbst schon mit Beschämung, wie uns der Wille und die

Kraft entschwunden sind, als ein selbstherrliches, mannhaftes Volk

unsere Geschicke selbst zu bestimmen. Wir lassen uns regieren und

benutzen nicht einmal die uns verfassungsmäßig zustehenden Rechte zur

Mitarbeit. Das ist Pflichtversäumnis, denn Rechte +sind+ zugleich

Pflichten.

Bei der neuen preußischen Schulvorlage fielen die höheren Lehrer fast

ganz aus. Höchst achtbarer Beamtengehorsam und das Bewußtsein, was sie

sich als akademisch Gebildete schuldig sind, mag sie zu besonnener

Zurückhaltung begeistert haben. Das wird sich an ihnen vielleicht noch

rächen; denn man wird im Volke aufhören, sie als Vorkämpfer unserer

geistigen Kultur zu schätzen. »Res ad triarios venit!« würde Cäsar

sagen. »Die Volksschule vor!« so lautete auch der Schlachtruf. Kampf

und Ehre wird also den Herren »Elementarlehrern« allein zufallen.

Erst spät, zu spät, um zu wirken, traten Herren der Hochschule noch ins

Feld.

»+Sind denn die Gneist und Mommsen ganz ausgestorben?+« fragte mit

Verwunderung Prof. +Paul Natorp+ (Marburg) in der Frankfurter Zeitung,

»geht die Staatsrechtslehrer, die Geschichtslehrer die Sache etwa

nichts an? Spüren unsere freigesinnten Theologen nicht, wie sehr die

Richtung dieses Entwurfs auch ihrem ganzen Bestreben an den Hals geht?

Kann irgendeiner, dem die ›Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre‹

mehr als eine Phrase ist, gleichgültig zusehen, daß die Mächte, die

von jeher deren ergrimmteste Gegner gewesen sind, mit dem Durchgehen

dieses Entwurfs einen gewaltigen, vielleicht entscheidenden Sieg

erringen würden? Oder ist man so kleinmütig geworden, daß man fürchtet,

unser einmütiges besonnenes, aber unverblümt deutliches Wort werde

im Volke angehört verhallen? +Sind nicht die Lehrer der Volksschulen

unsere Brüder, unsere nächsten Arbeitsgenossen? Können wir vor der

Geschichte die Verantwortung tragen, sie auch jetzt wieder im Stich

gelassen zu haben? Empfinden wir nicht, daß wir durch Schweigen uns

zu Mitschuldigen machen? daß wir die Folgen eines solchen Sieges der

Lichtfeinde zu allererst zu spüren bekommen werden?+ Unsere Hochschulen

haben soeben, in im ganzen löblicher Tendenz und erfreulicher

Einmütigkeit der Lehrenden und Lernenden, um die ›akademische Freiheit‹

gekämpft; soll die Freiheit ein Privileg der Hochschulen sein? und

steht nicht das, worum wir gestritten haben, in höchster Gefahr, wenn

erst die größte Provinz des nationalen Bildungswesens sozusagen ohne

Schwertstreich in die Hand des Gegners gefallen ist, dessen offen

erklärtes, mit zäher Energie und unleugbaren Erfolgen schon längst

verfolgtes Ziel die Konfessionalisierung auch der höheren Schulen und

der Universität ist?«

Lange meinte ich, meine schlechte Stimmung könnte eine persönliche

Schwäche sein: geistige Überanstrengung, dienstlicher Verdruß,

gestörte Verdauung, schlechter Schlaf, heruntergekommene Nerven. Aber

ich empfing, als ich zum ersten Male meine Klagen laut werden ließ,

tausendfach ermutigenden Zuspruch. Ich sehe seitdem, daß selbst meine

Widersacher verstummen, daß selbst die Klarsichtigsten in immer

wachsenden Kreisen meine Mißstimmung und Besorgnis teilen.

Ich muß auch hierfür Zeugnisse beibringen, sonst beliebt man

vielleicht, mir diese Tatsache einfach abzuleugnen. Es genügte freilich

auf das +Türmer-Jahrbuch+ zu verweisen, das ein ehrlicher Spiegel der

öffentlichen Meinung ist, oder auf die »+Zukunft+«, die seit Jahren,

eher als alle anderen, den Niedergang angezeigt hat. Am 14. Juli 1906

lesen wir dort:

»Das unbehagliche Gefühl, spottschlecht regiert zu werden, die Furcht,

von schwer erklommener Höhe mählich herabzugleiten, schleicht von Mond

zu Mond schneller durchs Land, und die Presse, die nicht aufhören

möchte, Ausdruck der öffentlichen Meinung zu sein, darf sich nicht

länger sträuben, der Drängnis eine Zunge zu leihen. Ich will«, fährt

Harden fort, »nur +fromme+ Stimmen zitieren; nur aus den letzten

Tagen: »Das Maß, in dem die verantwortlichen Männer ihre Haltung nach

den Wünschen und Anschauungen des Staatsoberhauptes orientieren, geht

gelegentlich über das Notwendige, Richtige und Nützliche hinaus.

Dadurch wird nicht nur die Stellung der Minister, das Ansehen der

Regierung und schließlich die Staatsautorität geschädigt, sondern

direkt gegen den Geist des konstitutionellen Systems verstoßen, +das

selbstbewußte Männer an den verantwortlichen Stellen verlangt. Aus

Männern mit eignen Gedanken, eigenem Wollen werden Handlanger eines

höheren Willens. Das Staatsgefühl geht zurück und mit ihm, trotz aller

hohen und hohlen Worten, die innerliche Achtung vor dem Staat.+«

(Hannoverscher Courier.) »Der Kaiser wird über die Einzelheiten der

innerpreußischen Politik in so mangelhafter Weise unterrichtet, daß

für die Zukunft die ernstesten Besorgnisse berechtigt sind.« (Tägliche

Rundschau.) »Der Kaiser zwei Tage lang in Hamburg, als Taufpate und als

Schiffsprediger, als Kriegsherr und als hoher Gönner des Rennsports,

immer um die Elbhöhe herumgefahren und dem Standbild Bismarcks keinen

Besuch abgestattet! Millionen treuer Söhne ihres Vaterlandes werden

peinlich und schmerzlich empfinden, daß dies möglich werden konnte.«

(Deutsche Stimmen, Wochenblatt für die nationalliberale Partei.)

»Man wird mit Fug erklären dürfen, daß die Bevölkerung der vielen

umfangreichen Mitteilungen über Reisen und Reden der Fürsten allgemach

müde wird. Es wäre daher kein Unglück, wenn politische Fürstenbesuche,

die sich in den letzten Jahren allzu oft wiederholt haben, einmal

geraume Zeit unterblieben. Man ist so ziemlich überall zufrieden, wenn

sie vorüber sind, ohne einen Mißklang erfahren oder zurückgelassen zu

haben.« (Vossische Zeitung.)

»Endlich!« ruft Harden aus und fährt mit der gleichberechtigten

Bemerkung fort: »Wäre vor sechzehn Jahren so gesprochen worden, dann

sähe es im deutschen Land heute besser aus. Jetzt genügen so sanfte, in

Watte gewickelte Andeutungen nicht mehr. Bleiben auch allzu vereinzelt.

Morgen wird da wieder Weihrauch gespendet, wo sich gestern kritisches

Bestreben zeigte. Jetzt muß so ernst, so vernehmlich gesprochen werden,

daß keine Möglichkeit eines Mißverständnisses bleibt. So, wie es bisher

war, kann's nicht weitergehen. Die ganze Methode unserer Politik muß

geändert werden. Schnell; jede Woche häuft neue gefährliche Fehler.«

Stets die gleiche Klage, daß es an +Männern+ fehlt. So schreibt +H.

Ilgenstein+ im »Blaubuch« 1906, Nr. 34:

»Was uns nottut, das ist eine Revolution der Geister, ein Erwachen,

ein Wille, eine Kraft. Man tue sich (in gesetzmäßiger Weise)

allenthalben zusammen! Man verkünde allerorten, daß man sich für einen

Minister bedankt, der bei längerer Tätigkeit denn doch dem Lande eine

ernste Gefahr bedeutet. Herr von Studt kommt in das Haus, in dem neben

einer volksfeindlichen Majorität auch einige Männer sitzen, denen das

Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt. Ist keiner unter diesen Männern,

der diesem Minister für Geistesknechtung einmal auf gut deutsch die

Wahrheit sagt? In den Verwaltungsbehörden unserer Städte herrscht

größtenteils eine liberale, durchaus nicht fortschrittsfeindliche

Gesinnung. Von diesen könnte den merkwürdigen Sondererlassen des

Herrn Ministers doch eine recht gesunde Obstruktion gemacht werden.

Erst neulich (Nr. 32 des »Blaubuch«) machten wir auf den widerlichen

Unteroffizierston aufmerksam, in dem unter der Ära Studt die

Unterrichtsbehörden mit den Lehrern verkehren. Sollte es nicht Pflicht

der Gemeinden sein, in deren Dienst die Lehrer stehen, dem Minister es

einmal recht klar zu machen, daß selbst preußische Volksschullehrer

noch Menschen sind? Wenn alle Faktoren, die sich jetzt nur ›ärgern‹,

nur eine Zeitlang auf ihrem Posten wären, dann bliebe dem Dunkelmanne

nur noch der Rückzug. Aber vorläufig sind wir noch nicht auf dem

Posten.«

Über die Stimmung der deutschen Volksschullehrer, mit der man sich

im sog. gebildeten Publikum besser vertraut machen müßte, belehrt

der »Bund der deutschen Volkserzieher« unter der Leitung +Wilhelm

Schwaners+. Wenige Deutsche, von den Volksschullehrern abgesehen,

lesen dessen »Volkserzieher«, der eine +Macht+ im Volksleben geworden

ist. Die Lehrer lesen ihn nach vielen Tausenden und halten zu ihm in

begeisterter Hingabe zu Schutz und Trutz.

Ich gebe eine Stimmungsprobe aus dem Hefte 17 des X. Jahrganges (1906),

einen Aufruf von +Hans Würtz+ in Altona:

»Der Bund Deutscher Volkserzieher ist eine Gemeinschaft von deutschen

Männern und Frauen, die sich zusammengeschlossen haben zu Rat und

Tat, zu mutigem Kampfe und ewiger Fehde gegen die Giftmischer des

Geistes und der Gesinnung, gegen Tyrannen und gegen Knechtsseelen,

gegen die Orthodoxen der Religion, des Rechts und der Hygiene, gegen

Papst- und Pfaffentum, gegen Feigheit und Reaktion, gegen Anarchie

und Revolution -- zum ernsten Streben und Tun für die höchsten und

herrlichsten Güter unseres Volkes: Wahrung, Erneuerung und Kräftigung

echt germanischer Art in Religion, Sitte und Gesamtkultur gegenüber

der römischen Scheinkultur, Umwandlung der papiernen Gewissensfreiheit

in staatlich anerkannte Freiheit des Wissens und Glaubens, Wertung der

Individualität.

Darum finden sich bei uns auf gemeinsamem Boden des Verstehens: die

Philosophen und Theosophen, die Mystiker und Wirklichkeitsmenschen,

die Abstinenten, Vegetarier und Gemäßigten, die Männer der Tat und die

in der Welt der Kunst und Schönheit träumen. Den neuen Frühling des

Germanentums wollen wir herbeiführen: darum stellen wir naturgemäß

die Tatreligion, die wir in den alten und neuen Schriften unserer

germanischen Rasse niedergelegt finden, höher als die offizielle

jüdisch-christliche Scheinreligion der Kirchen. Die Religion der

+deutschen+ Propheten, der Luther, Lessing, Goethe, Schiller, Kant,

Schopenhauer, Nietzsche, Lagarde, Emerson, Friedrich II., Wagner,

Bismarck u. a. hat unser Führer in der »Germanenbibel« aufgebaut, und

wir Bundesmitglieder haben dieses bahnbrechende Werk zu unserm Hausbuch

erhoben. Freunde, laßt euch von Berlin Prospekte der »Germanenbibel«

schicken und sorgt für Verbreitung des Werkes, damit unsere Ideen auch

auf diesem Wege ins Volk dringen! -- -- --«

Noch deutlicher und deutscher spricht +Wilhelm Schwaner+ selbst, ein

ehemaliger gemaßregelter Lehrer, dem die +rechte+ Kirchengläubigkeit

fehlte, ehedem ein harmloses Wiesenbächlein, das man hätte sollen

gewähren lassen, jetzt zum reißenden Strom angeschwollen.

»Es ist richtig,« schreibt er in einem Aufsatz über »Schulproletarier«

im »Volkserzieher« X, Nr. 17, »daß in Zukunft preußische

Volksschullehrer im Gehalt +hinter+ den Schutzleuten zu rangieren

haben, obgleich ihnen +vor+ den ehemaligen Sergeanten die

Offizierskarriere und der regelrechte Besuch bestimmter Universitäten

und damit die Ministerlaufbahn offensteht.

Aber es ist trotz der hundserbärmlichen Entlohnung, insbesondere der

meisten Landlehrer, +unrichtig+, von Schulproletariern zu reden. Denn

wenn es schon welche gibt, welche jährlich 720 M. Gehalt beziehen --

ich selber habe drei Jahre lang pro anno 600 M. (hört, hört) gehabt,

also weniger als ein Großknecht, weniger als jeder mittelmäßige

Fabrikarbeiter, weniger sogar als eine sechzehnjährige Kontoristin

der Großstadt -- so sind sie doch noch lange keine Proletarier.

Unsere Lehrer haben nämlich, was den unglücklichen Proletariern der

roten Partei absolut fehlt, immerhin eine gewisse wissenschaftliche

Bildung, und sie haben, was sie gegenüber den Millionären des Kapitals

zu Milliardären erhebt, Ideale, unverwüstliche, +hohe und heilige

Ideale+. Gewiß, die stempeln unsere Schulmeister zu Revolutionären

des Geistes -- eine eingehende Geschichte des Lehrerstandes würde zu

überraschenden Entdeckungen führen, wenn es auch den Juristen Studt

wenig interessieren mag, was für »Kerle« gerade auf dem von ihm

beaufsichtigten Felde Bahnbrecher und Führer geworden sind -- aber zu

Revolutionären der Straße werden die deutschen Lehrer niemals werden.

Obgleich es auch unter ihnen gelegentlich einen richtigen Umreißer

geben kann, ähnlich wie die neuere Geschichte einen Anarchisten

Johannes Miquel gekannt hat, den der nachmalige Kaiser Wilhelm II.

›+seinen+ Mann‹ nannte.

Seit der beste Teil der Lehrerschaft angefangen hat, sich auf sich

selbst zu besinnen, Selbsterziehung zu üben durch Alkohol- und

Nikotinabstinenz oder gar durch Fleischenthaltung und vor allem

durch sittenstrengen Lebenswandel; seit die Lehrer durch Selbsthilfe

und energisches Studium sich die Quellen der Wissenschaft und damit

die Tore zum Tempel der Weisheit erschlossen haben; seit wir eine

Volkserzieherbewegung kennen und hinter ihr als Rückgrat und Träger

in die Zukunft einen Bund, der alle deutschen Gaue überspannt:

seitdem, ihr Leute vom ›Vorwärts‹, die ihr als Millionär Paul Singer

und als Schloßbesitzer August Bebel ja selber keine Proletarier

seid, seitdem ist es mit eurer Hoffnung auf eine rote Avantgarde

aus Schulmeisterkreisen ein für allemal vorbei. Es hätte auch noch

schlimmer kommen können, als es ja leider Gottes schon ist, so würden

+wir+ doch +nicht+ unseren Patriotismus ›revidieren‹. Denn +unsere+

Gesinnung hängt nicht wie die eurige oder wie die der Agrarier,

Industriellen, Junker und anderer Sippen vom ›+Brotkorb+‹ ab, sondern

von der Höhe unseres Seelen- und Geisteslebens, das eben lediglich

und allein +durch uns selbst+ bestimmt wird! (Mitläufer, Schmarotzer,

Feiglinge, Mantelträger, Rückenmärker und dergleichen Gelichter

selbstverständlich ausgenommen. Auch die Bierbank-, Schnaps- und

Weinhelden, die als Lehrer regelmäßig dem kirchlichen Abraham im

Schoße sitzen, wie sie als Arbeiter und »Proleten« für die Paule

der roten Partei unentbehrlich bleiben, weshalb man ja auch auf

den sozialdemokratischen Parteitagen niemals die Alkoholfrage zur

Hauptdebatte stellen läßt: zur politischen Revolution haben eben wie

zum Verrat Elende des Alkohols nötig.) Uns ›Schulproletariern‹ wird man

Gerhart Hauptmann, Hermann Sudermann, Henrik Ibsen und andere nicht so

leicht entreißen, wie man aus eurem Zentralorgan die Leute der besseren

Feder und des einfachen politischen Anstandes weggebissen hat. Denn bei

uns wird ebensowenig die Knute des Despoten je etwas erreichen wie die

Phrase des Pöbels. Wir bauen uns eben unsere eigene Welt, die deutsch

und pädagogisch ist!«

Ideale, mein lieber Schwaner haben die Sozis auch, nur etwas andere als

wir beide. Ich nenne jeden Menschen einen Idealisten, der sich für

seine Überzeugung einsperren läßt. Aller andere sog. Idealismus beruht

auf Selbsttäuschung.

Und während ich diese Zeilen schreibe -- buchstäblich zu verstehen

-- reicht mir das Sopherl, das mich bedient, einen Brief herein, in

dem ich von einer Redaktion aufgefordert werde, über die »Pflege der

Willenskraft in der Erziehung« zu schreiben, »als Grundlage einer

gesunden deutschen Erziehung, die an die Stelle treten müsse der zur

tatenlosen Träumerei verführenden Drillmethode der alten +Lern+schule«.

Der Briefschreiber ist Schul+direktor+!

Überall die gleiche Sehnsucht nach einer inneren geistigen Reform. Das

Notwendigste aber hat doch wieder +Harden+ gesagt (»Zukunft« 1906 Nr.

38):

»Im Reichstag sitzen gescheite und redliche Männer, die etwas leisten

können. Weshalb finden wir, wenn monatelang gedroschen ist, die Tenne

leer? Weil dieser Reichstag nicht zur Regierung berufen, sondern nur

als Ornament gedacht ist. Weil die Regierenden sich bemühen, ihn

schmeichelnd zu überlisten und er selbst in technischem Kleinkram, in

Paragraphenflickerei, die jeder Geheimrat besser besorgt, seine Aufgabe

sieht. Weil der Wille zur Macht ihm versiegt ist. Die Änderung oder

Ablehnung eines Gesetzes, nach Jahren vielleicht die bundesrätliche

Zustimmung zu einem Initiativantrag: das kann er erreichen; mehr

nicht. Keinen Kanzler noch Staatssekretär stürzen; seiner Majorität

nie die Wirkensmöglichkeit erobern. ›Wenn die Kerle sich ausgeschimpft

haben, sind sie wieder still‹; und die Karre rumpelt, als sei nichts

geschehen, ein Stückchen weiter bergab. Wer mag für solchen Preis

das Leben einsetzen? Wer sich mutwillig die Exzellenten verfeinden,

die er doch nicht vom Thrönchen stoßen kann? Da sie bleiben, solange

es dem Kaiser paßt, stellt man sich mit ihnen lieber auf leidlichen

Fuß und bekümmert sich eifriger um ihre Umgangsformen als um ihre

Leistungsfähigkeit. Dieser Reichstag hat kein Ziel vor, keinen Willen

zur Herrschaft in sich; er ist zum Disputierkränzchen geworden und

drischt in jedem Herbst wieder dasselbe Stroh. In England, Frankreich,

Italien, Spanien, Ungarn, Belgien, Skandinavien, in Österreich und

den Balkanstaaten sogar regiert das Parlament, in Rußland heischt es

Konventsrechte; in Deutschland redet es den Regierenden ins Handwerk

drein und knickert ihnen unklug die Pfennige ab. There's the respect

that makes calamity of so long life. Dieser Zustand darf nicht noch

länger dauern. Das nächste Ziel politischen Trachtens muß die Sicherung

des parliamentary government nach britischem Muster sein.

Übt euch in zähem Widerstand gegen Ungebühr! Warnt das Volk, sein Geld

einer schlechten Regierung anzuvertrauen! Und stählt den Willen zur

Macht!«

Ganz meine Meinung! Wir witzeln über den unfähigen Reichstag, tuen aber

nichts ihn zu stärken. Noch fehlt dem Reichstagsgebäude die Aufschrift.

Erträgt das unser lammfrommes Volk noch weitere Jahrzehnte?

In allen großen Kulturfragen unseres Volkes wollen und werden wir uns

erlauben mitzureden, werden auch die Amtstätigkeit unserer Beamten

öffentlich kritisieren, wenn sie uns gemeingefährlich erscheint. Paul

de Lagarde verlangte schon eindringlichst, daß die Beamten für ihre

Verfehlungen regreßpflichtig gemacht würden. Was sagt man nun zu

folgender ›amtlichen‹ Angelegenheit? Man lese das Buch ›Mein gutes

Recht‹ des deutschen Kaufmanns +Karl Paasch+ (Kommissionsverlag

von Meyer & Hendeß in Zürich, 1906), den man für verrückt erklärt

hat, weil er über deutsches Kolonialwesen die unglaublichsten Dinge

veröffentlicht hat. Nach den jüngsten Erfahrungen wird er auch für

Unglaubliches jetzt Gehör finden.

+Lehmann-Hohenberg+, auch so ein Unbequemer, der in alle dunklen Ecken

unseres Reiches hineinleuchtet, nennt in seinem »Rechtshort« (1906, Nr.

13/16) diesen Paasch einen modernen Michael Kohlhaas und ruft, nachdem

er den wirklich ganz ungeheuerlichen Fall in großen Zügen dargestellt

hat, in Erregung aus: ›Ward je ein Fürst und Volk schändlicher betrogen

und verraten!?‹ -- -- »Hier kann und darf keine Aufklärung gescheut

werden! Stecken wir schon mitten in vollster Korruption? Das deutsche

Volk hat ein Recht darauf, zu erfahren, wie es hiermit steht, und daß

mit stählernem Besen die Stuben unseres Beamtentums ausgefegt werden,

wenn die Angaben von Paasch auch nur zu einem Teil auf Wahrheit

beruhen.«

Um mich etwas verständlicher zu machen, will ich mit seinen eigenen

Worten andeuten, worum es sich handelt, mache dabei auf die Tatsache

aufmerksam, daß verwandte Anschauung und Stimmung hervorleuchten aus

»den Briefen, die ihn nicht erreichten«. Paasch also schreibt:

»Weil meine geschäftlichen Projekte bei den chinesischen Behörden

gute Aufnahme und Beachtung gefunden, weil sie die allerbesten

Aussichten auf Erfolg hatten, eben deshalb, und nur deshalb wurde meine

Beseitigung beschlossen, v. Brandt und v. Ketteler wollten mit einem

Schlage reiche und wenn möglich berühmte Leute werden. Geld, Geld und

wieder Geld war das Hauptmotiv für alle Handlungen dieser Herren. Was

still und ruhig mit den chinesischen Behörden verhandelt war, was ruhig

in den Geheimarchiven der deutschen Gesandtschaft ruhte und bestimmt

war, dem Fürsten Bismarck vorgelegt zu werden zur Ehre und zum Vorteil

Deutschlands, das wurde von diesen beiden Herren verplempert, verraten

und wahrscheinlich einfach verkauft zu ihrem Vorteile ...«

»Nachdem das +Attentat+ (!!) auf mich mißlungen war, verfügte Herr v.

Brandt plötzlich über Geld und wollte mir kürzlich erst abgeborgte

20 000 Mk. zurückgeben; auch Herr v. Ketteler wollte plötzlich eine

›Erbschaft‹ gemacht haben. Merkwürdig, sehr merkwürdig! ...«

Erziehung zur Mannhaftigkeit · 第 5 / 23 段