Sorge macht, ob ich, da ich eben »nur« Lehrer und Staats+bürger+,
nicht Staats+mann+ bin, auch den Beruf dazu habe, in einer so ernsten
nationalen und politischen Angelegenheit öffentlich zu sprechen und
Kritik zu üben. Daher mein vielleicht vergeblicher Versuch eines
Befähigungsnachweises. Der Deutsche braucht einen solchen, sonst ist
ihm selbst nicht wohl und sicher zumute. Es ist das ein Stück deutscher
Gewissenhaftigkeit, die sich freilich ins Philisterhafte und ins
Chinesentum auswächst. Man empfindet auch das Lächerliche und Hemmende
dieses Zustandes immer deutlicher und gibt ihm lauten Ausdruck.
»Leider ist es ja wahr,« sagt +Heinrich Steinhausen+, »daß immer noch
Menschen unter uns etwas sein und etwas bedeuten wollen, die keine
Berechtigungs- und Abgangszeugnisse aufzuweisen haben, wie das jüngst
von Literaten, Schriftstellern, überhaupt Federherren bekannt geworden
ist. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel und die ist und bleibt: Ohne
Schein kein Sein, ohne Schule kein Schein, also ohne Schule kein Sein,
sondern das Nichts. Dieser Schluß ist demantfest.« Immer wieder,
schreibt die »Neue freie Presse« in Wien, wird der Versuch gemacht,
den Spielraum des Talents durch Befähigungsnachweise einzuengen,
durch ein System von Prüfungen, durch einen geregelten Stufengang.
Der Gewerbsmann will durch die Kautelen des Befähigungsnachweises
sich den Konkurrenten vom Halse schaffen, den Lebenskampf, in dem nur
der Tüchtigste besteht, mildern. Der Staat erzieht sich durch ein
kompliziertes System von Prüfungen seine Beamten, schreibt ihnen den
Studiengang vor und läßt sie langsam von Stufe zu Stufe vorrücken. Das
Leben wird reglementiert und in bestimmte Ordnungen gezwängt. Aber es
gibt etwas, was stärker ist als alle diese Beschränkungen: das ist das
Talent. Es braucht einen gewissen Spielraum zu seiner Entwicklung, es
gedeiht am besten in der Freiheit, mitten im vollen Leben. Gerade die
stärksten Talente werden den Drang in sich fühlen, von den markierten
Wegen des Lebens abzuweichen und sich durch Gestrüpp und Wildnis einen
Weg zu bahnen. Dieser Kampf mit dem Leben, dem man Aug ins Aug blickt,
diese Auserprobung aller Kräfte, dieses mutige Ringen erzieht kräftige,
energische, kühne Menschen, und solche sind es, die das moderne Leben
braucht, dessen Schauplatz so weit geworden ist, dessen Aufgaben so
groß und mannigfach sind.
Wir verlangen aber in Deutschland nach wie vor, daß einer erst seine
+Papiere+ vorzeige, ehe wir ihn hören und ihm glauben wollen. Die
Amerikaner tun das nicht und kommen damit schneller voran. Sie sehen
sich den Mann, sehen sich seine Arbeit an und danach urteilen und
entscheiden sie.
Keine Frage, daß unser ganzes Berechtigungswesen veraltet und verzopft
ist. Dabei wuchert es aber gerade jetzt in beispielloser Üppigkeit.
Es werden dadurch eine Menge bester Kräfte lahmgelegt und -- was
vielleicht noch schlimmer ist -- es werden die durch ihre Examen
Privilegierten unmäßig überschätzt und dadurch zu selbstbewußt und viel
zu einflußreich.
Aus allen Berufsklassen bleiben fähige Köpfe allein deshalb
ausgeschlossen, weil sie den üblichen Instanzenweg der Fachbildung
nicht durchgemacht haben. Überall steht ihnen der anspruchsvolle
Fachmann im Wege, der seine Zeugnisse und sonstigen Papiere in Ordnung
hat, dabei aber eine Null sein kann, eine dicke, fette, korrekte,
runde Null, und oft auch ist. Die Abgestempelten sind nicht immer
die wahrhaft Großen. Es läßt sich auf jedem Gebiete des Kulturlebens
nachweisen, daß es in der Regel die Außenstehenden, die Nichtfachmänner
sind, die den Fortschritt bringen. Sieht man z. B. die Geschichte
der Pädagogik durch, so findet man das mit Staunen bestätigt. Die
Bahnbrecher waren fast sämtlich ungeprüfte Leute, ohne Staatsexamina,
ohne »Fakultäten«, überhaupt ohne eine amtliche Lehrberechtigung. Man
denke an Hume, an Rousseau, denke vor allem an Pestalozzi. Dieser
seltene Mann, der Theologe, dann Jurist werden wollte, es später
als Landwirt versuchte, rief erst im vierzigsten Lebensjahre das
entscheidende Wort: »Ich will +Schulmeister+ werden!« -- Keine Behörde
im heutigen Deutschland würde eine solche »gescheiterte Existenz« mit
irgendeinem Lehramte betrauen. Er müßte sein Heil als Literat versuchen
und würde auch da schwer Gehör finden, schon weil er keine Examina
hinter sich hat.
Heute verzeihen es die waschechten Zünftler dem Literaten nicht, daß er
im großen Stile über Erziehung zum deutschen Volke zu sprechen wagt,
wenn er vorher »nur« Volksschullehrer war. Der echte Fachmann belächelt
solchen Übermut und weist den Gedanken weit von sich, als könne er von
einem solchen Menschen etwas lernen. Die Folge ist, daß der selfmademan
-- außer auf dem rein wirtschaftlichen Gebiete -- fast gar nicht
vorkommt. Jammerschade! Denn das sind die Besten! Da kommen wir wieder
auf unsere Mannhaftigkeit. Es ist unmännlich, feig und kurzsichtig,
daß wir stets »Schriftliches« verlangen, um einen Menschen gelten
zu lassen. »Auch noch Geschriebenes forderst du Pedant?« Der beste
Befähigungsnachweis ist die Tat.
+Maximilian Harden+ war Schauspieler. Darauf wurde er Literat. Auf
diesem Boden herrscht noch gottlob freie Konkurrenz. Da kann sich
ein Talent seinen Platz noch selbst bestimmen, braucht sich nicht
von irgendeinem breitschultrigen Vordermann Licht und Luft und alle
Entwicklungsmöglichkeiten rauben zu lassen. Von der Kunstkritik ging er
über zur Politik. Heut ist er eine Macht auf beiden Gebieten. Wer hat
ihn dazu gestempelt?
Seine Worte finden Widerhall in ganz Deutschland und darüber hinaus.
Wen er haßt, der sorge dafür, daß er nur bald in Sicherheit komme,
sei er ein Dichter oder ein Minister. Natürlich wurde auch ihm von
den zünftigen Zeitungsschreibern arg zugesetzt, aber sie hatten doch
keine gesetzlichen Mittel, diesen »Eindringling« von einer Tätigkeit
auszuschließen, zu der er -- wenn einer -- den +inneren+ Beruf hat.
Anfangs witzelte man natürlich über den »frechen Preßbengel« --
Mannhaftigkeit gilt bei uns bekanntlich als Frechheit -- jetzt sehen
wir ihn umworben von all den Mächten, die man als »tonangebend,
maßgebend, autoritativ« oder wie sonst ehrend bezeichnet.
+(Große Ursachen -- kleine Wirkungen.)+
Was uns Harden jüngst mitgeteilt hat, das war für mich mitbestimmend,
ja geradezu entscheidend für diese Schrift. Mit Schaudern las ich
nämlich die Enthüllungen über die Amtstätigkeit des Herrn +von
Holstein+. Da erfuhren wir, daß ein dem deutschen Volke unbekannter,
aber amtlich abgestempelter Mann im Ministerium saß und von da aus
das Wetter in Deutschland und Europa machte. Er wünschte auch Krieg
mit Frankreich, meinte, daß die Marokkofrage zum Ausbruch Gelegenheit
bieten müsse und arbeitete höchst gefährlich auf dieses Ziel hin. Ein
dunkler Ehrenmann, nein, ein Giftmischer, der sich
»in Gesellschaft von Adepten
In die schwarze Küche schloß,
Und nach unendlichen Rezepten
Das Widrige zusammengoß.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Hier war die Arzenei --
Die Patienten starben,
Und niemand fragte, wer genas.
So hat dieser Mann
-- -- mit höllischen Latwergen
In diesen Tälern, diesen Bergen
Weit schlimmer als die Pest getobt.«
Diesem Manne also hätten wir beinahe einen Krieg mit den verbündeten
Engländern und Franzosen zu danken! So Ungeheuerliches wagt bei uns ein
angeblich dazu »Beamteter«!
Gut, sagte ich mir, wenn es in Deutschland möglich ist, daß ein
einzelner Mann das Leben und Lebensglück von Hunderttausenden, den
Bestand unseres Reiches und unseres ganzen Volkes so leichtfertig
aufs Spiel zu setzen wagt, wenn er sich durch seine Examina und
seine amtliche Tätigkeit den »Befähigungsnachweis« zu einem solchen
Verbrechen glaubt erworben zu haben, dann kann ich wahrhaftig mit gutem
Gewissen einer Entwicklung unseres öffentlichen Lebens entgegentreten,
die solche Gefahren erst möglich macht und aufkommen läßt. Oder muß man
sich seine Vaterlandsliebe und das Recht, sie zu betätigen, auch erst
auf dem Amte bestätigen und abstempeln lassen?
V.
Bedürfnisfrage.
»Das Volk steht auf, der Sturm bricht los,
Wer legt noch die Hände jetzt feig in den Schoß,
Pfui, über dich Buben hinter dem Ofen,
Unter den Schranzen, und unter den Zofen --
Bist doch ein ehrlos, erbärmlicher Wicht!«
Körner.
Viel wichtiger als der Befähigungsnachweis ist die Bedürfnisfrage.
Als Bismarck ging, war Frankreich isoliert, heute ist es Deutschland.
Der Dreibund hat seine Bedeutung verloren. Darin stimmen alle unsere
Politiker, die ein freies Wort wagen, mit bedauerlicher Einstimmigkeit
überein. Da man mich als Politiker vielleicht nicht anerkennen wird, so
lasse ich andere sprechen, deren Urteil mir am schwersten wiegt, deren
Voraussagen ihr Urteil bisher am besten bestätigt haben. Ein solcher
ist nach meinen Beobachtungen +Carl Peters+. Ich lese regelmäßig
seine wertvollen politischen Aufsätze, die »+Die Finanz-Chronik+«,
Wochenschrift für finanzielle und wirtschaftliche Interessen, in
London erscheinen läßt, und bedauere stets von neuem, daß unserem
Staatsdienste seine bedeutende Kraft entzogen ist.
Er schreibt am 1. September: -- »Der Schwerpunkt der großen
Entscheidungen hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr von
Berlin nach London verlegt. In der europäischen Politik ist die
englisch-französische Entente cordiale jetzt der Rocher de bronze.
-- -- Sie ist heute fester als je. -- -- Die vereinten Westmächte
planen, zurzeit wenigstens, keinen Angriffskrieg gegen uns. Aber
sicherlich ist es unbequem für die deutsche Politik, daß wir gegen
Westen das alte gute ›divide et impera‹ so gar nicht mehr anwenden
können. Die Algeciras-Konferenz ist ein kleines Vorspiel für das, was
wir in der kommenden Zeit von internationalen Kongressen zu erwarten
haben: ›Einer gegen alle‹ ist stets ein gefährliches Spiel. -- -- Eine
Umwandlung der konservativ-slawischen Großmacht in einen liberalen
oder gar republikanischen Staat wäre eine direkte Gefahr für unsere
internationale Stellung. -- -- Erst ein +konstitutionelles+ Rußland
wird Ernst machen mit der französischen Allianz und mit der britischen
Entente. Deshalb war das Wort des britischen Premierministers: ›la
Douma est morte; vive la Douma!‹ kein bloßer Einfall, sondern ein
wohlüberlegter staatsmännischer Akt. -- -- Damit wäre dann die
Isolierung Deutschlands eine vollendete Tatsache; und unsere Feinde
könnten anfangen, von einem Angriffskrieg gegen uns zu träumen. -- --
Diesen Möglichkeiten und Gefahren gegenüber haben wir im wesentlichen
nur unsere eigene Wehrkraft. Fortdauernd bleibt der alte
Friedericianische Grundsatz für uns bestehen: ›toujours en vedette‹;
oder, wie Kaiser Wilhelm es faßte: ›Wir müssen unser Pulver trocken
halten‹. Das Deutsche Reich, solange es sich selbst treu bleibt, ist
so stark, daß selbst das vereinigte Europa es sich zweimal und dreimal
überlegen wird, darüber herzufallen. Und wenn das +Germanentum+ (?)
einer Koalition aller Weltmächte gegenüber treten müßte: unter allen
Umständen würde das Ende stolz und ruhmvoll sein. Und was will eine
Nation schließlich mehr! Das Dasein als solches ist nicht gerade ein
absolutes Gut, für die Völker ebensowenig wie für die einzelnen.«
All dem muß man leider als richtig zustimmen, nur dem Schlußgedanken
nicht, daß Deutschland nicht mehr zu wollen habe, als ein stolzes und
ruhmvolles Ende.
Soviel aber ist gewiß. Unsere Zukunft hängt allein von +unserer
Kraft+ ab. Wir stehen allein, und nur Eintracht und Mannhaftigkeit
können uns beschützen. Damit ist auch die Bedürfnisfrage für eine
Erziehung zur Mannhaftigkeit schon beantwortet. Man könnte höchstens
sagen, es geschähe schon alles Notwendige, es könne sich nur um eine
gewissenhafte Beibehaltung unserer »altbewährten« Praxis handeln.
Darauf ist zu antworten, daß sich diese Praxis eben zu unserem
Herzeleid nicht bewährt, jedenfalls nicht in vollem Umfang bewährt.
Es kommt nicht allein darauf an, daß wir im Kampfe auf Leben und Tod
unseren Mann stehen, sondern viel wünschenswerter ist es, daß wir es
als ein starkes Volk gar nicht so weit, zu einer solchen nationalen
Pferdekur, kommen lassen. Mit dem »rühmlich Untergehen« hat es noch
Zeit, das pressiert nicht. Wir wollen doch lieber rühmlich +leben+. Tun
wir das, dann wird uns und anderen der Gedanke an einen Niedergang oder
Untergang gar nicht kommen. Der Starke will vom Sterben nichts hören.
Erst wenn es einem hier und da zu zwicken anfängt, stellen sich die
Todesgedanken ein.
Weshalb waren wir denn zu +Bismarcks+ Tagen so lebensfroh und
lebenszuversichtlich? Wir hatten damals kein größeres Heer, keine
größere Flotte, keine besseren Waffen, von allem das Gegenteil, aber
wir hatten dafür etwas, was alles andere aufwiegt, wir hatten +große
Männer+ an der Spitze. Jetzt erkennen wir am eigenen Staatsleibe,
was ein Mann vermag, was wahrer Manneswert bedeutet: die Geschichte
enthüllt es immer deutlicher, daß das Deutsche Reich die Schöpfung
fast des +einen+ Bismarck ist und lehrt uns wieder mit eindringlicher
Sprache, daß es nicht die Massen, nicht Konferenzbeschlüsse und
politische Organisationen sind, sondern daß es vor allem der klare
Wille +einzelner+ Männer ist, der die Welt vorwärts bringt.
Wichtiger noch als Anschaffung neuer Gewehre und neuer Kriegsschiffe
ist tatsächlich eine Erziehung der Jugend zur Mannhaftigkeit. Darin
hat unser Kaiser recht. Zur Mannhaftigkeit aber in +dem+ Sinne, daß
sie freidenkende, selbständig handelnde und mutvoll ihre Überzeugung
wagende Männer werden. Wir haben in Deutschland zuviel »Jasager«, zu
viele in ihrer Jugend schon gebrochene Existenzen, zu viele treue
Diener, zu viele »brave« Beamte, zu wenig Männer.
Hätte Bismarck sich mit dem Ruhme begnügt, ein gehorsamer Fürstendiener
zu sein, so hätten wir kein Deutsches Reich. Alle großen Fortschritte
der preußisch-deutschen Entwicklung hat er seinem mit Hingabe geliebten
königlichen Herrn +abtrotzen+ müssen. Wir haben die Überzeugung, daß
heute kein Mann in Deutschland lebt, der ihm in gleicher Stellung einen
solchen Mannesstolz nachleben würde. Das ist der springende Punkt! Im
Felde versagt kaum einer.
Es leben im deutschen Heere »Leonidasse« und »Pelopidasse« zu
Dutzenden, zu Hunderten, ja, ich glaube, zu Tausenden. Sprechen wir
doch nicht weiter von einer Tugend, die auch den Mamelucken ziert! Es
handelt sich um etwas viel Höheres, als um brutale Gewalt, als um den
Mut der Verzweiflung eines in seiner Existenz bedrohten großen Volkes.
Wer in dieser Hinsicht eine Kraftprobe mit unserem Volke wagen will,
der wird sein blaues Wunder erleben. Aber bei Hof, in den »Ämtern« und
in den Parlamenten vermißt man immer schmerzlicher, mit immer lauteren
Klagen die Bismarck-Naturen, ja, selbst solche Leute, die Männer
wachsen lassen.
Er hat leider wenig Schule gemacht. Genie läßt sich freilich nicht
vererben, aber er selbst meinte, daß man in seinem Hause doch
wenigstens ein »bißchen Vornehmheit« hätte lernen müssen. Was er
darunter verstand, ist leicht ersichtlich: vor allem eben doch
Mannhaftigkeit, ein offenes, ehrliches, freimütiges, tapferes Wesen,
nicht etwa jene glatte gesellschaftliche Politur, jenes gleißende
Nichts, das Walther von der Vogelweide sehr treffend als »geliehene
Zucht« bezeichnete.
Man führt uns immer wieder auf den Wahn, als ob sich der Mannhafte
nur mit Flinte und Säbel bewähren könne. Ich habe so manchen Ritter
des Eisernen Kreuzes als Subalternbeamten kennen gelernt, der nichts
mehr von einem Helden an sich hatte, wohl aber jenen Blick und jenes
Benehmen, das uns an einen homerischen Vers erinnert (Il. I, 225). Es
ist viel leichter, einen Befehl ausführen, dem Willen eines anderen
folgen, als sich seine eigenen Gesetze schreiben und mit diesen zur
Not einem höheren Willen auch trotzen. Wir finden viele Tausende, die
ohne Zögern eine feindliche Stellung stürmen helfen, aber nur wenige
darunter, die ihrem Chef offen ihre Überzeugung ins Gesicht sagen. Ja,
was gäbe mancher Subalterne dafür, wenn er seinen Geheimrat einmal vor
die Pistole laden dürfte! -- Ihm aber widersprechen? Lieber nicht. Man
hat Weib und Kind, ein Avancement steht in Aussicht, nächstes Jahr ist
man mit dem Kronenorden an der Reihe, man mag sich doch nicht von allen
Kollegen verachten lassen. Also, -- nieder mit dem Ärger, und wenns
eine Gallenkolik gibt! Lieber nichts merken lassen, still seinen Dienst
tun, Zufriedenheit und Zustimmung heucheln. »Was ich nicht weiß, macht
mich nicht heiß.« Man tut halt seine sog. Pflicht und sieht nicht nach
rechts und links ... Oller tüchtiger Beamter!
Ein Fabrikarbeiter kündigt und geht seiner Wege. Wohin soll der
entlassene Beamte gehen? Es gibt für ihn kaum einen anderen Weg als den
ins Elend.
Derselbe Geist herrscht überall, wo der Staat der dienstgebende Herr
ist. Also auch in der Schule für Lehrer und Schüler.
»Das ist ja eben«, wird man mir zurufen »die hohe, sittliche, bildende,
erziehliche Kraft des Staates! Wehe dem, der daran rüttelt! Das sind
die Säulen, die unser Reich tragen, das ist die hohe Schule der Zucht
und Ordnung. Dadurch ist Preußen und Deutschland groß geworden: das
allein kann uns auch in Zukunft erhalten. Das ist unsere Macht, unser
Stolz, darum beneiden uns alle Nachbarstaaten, das ist der Fels, an dem
alle Bemühungen der Wühler, Nörgler, Aufhetzer, all der gewissenlosen
offenen oder versteckten Vaterlandsfeinde elend scheitern werden.«
Ich kenne all diese Behauptungen so gut, weil ich sie selbst
lange vertreten habe und sie jetzt von den »Stützen von Thron
und Altar« ja täglich wieder hören muß -- in allen Tonarten vom
freundlich-belehrenden Piano bis zum polternden Furioso, selbst in
erregt vibrierendem Prophetentone mit dem Posaunenklang des jüngsten
Gerichtes.
»Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.«
Ob unsere nationale Erziehungspraxis im weitesten Sinne gefaßt
eine Reform braucht, darüber ist allein unser Volk in seiner
Gesamtheit Richter. Und dieses unser Volk spricht immer lauter, immer
vernehmlicher seine Unzufriedenheit über den herrschenden Geist unseres
öffentlichen Lebens aus, fordert immer lebhafter, daß auch die Schule
eine geistige Verjüngung herbeiführen helfe.
Dagegen begnügten sich bisher viele mit der wohlfeilen Auskunft, daß
die Unzufriedenheit nur ein Kunstprodukt sei, erzeugt durch Verhetzung
der urteilslosen Massen von selten gewissenloser Agitatoren. So
denkt vielleicht noch heute der ostelbische Agrarier, so denken
unsere »korrekten« Behörden, so denkt der Adel und die ihm verbündete
orthodox-konservative Partei. Diese lernen auch aus der Geschichte
nichts und wollen aus ihr nichts lernen, selbst wenn sie eine so
eindringliche Sprache spricht wie jetzt in Rußland.
Es wird also gut sein, sie über das aufzuklären, was unser Volk -- und
nicht gerade die Schlechtesten unseres Volkes -- jetzt beunruhigt, und
was zu Reformen an Haupt und Gliedern immer unaufhaltsamer drängt.
Wir beobachten mit steigender Sorge das Anwachsen der Menge von
wirtschaftlich und auch innerlich gebrochenen Menschen, die nicht
mehr die Kraft, den Mut und den Trieb haben, nach eigener Bestimmung,
eigener Überzeugung, eigenen Idealen zu leben. Wir sehen trotz aller
Fortschritte im wirtschaftlichen Leben »eine ungeheure Rückständigkeit,
sehen in Kirche und Schule eine schlimme Geistesverkrüppelung«, im
Rechtswesen das Gegenteil von dem, was Geheimrat Prof. Dr. +Gierke+
unserem Kaiser vortrug, daß nämlich »in der Tiefe des Volksgemütes
ein felsenfestes Vertrauen auf die Gerichte unerschüttert« sei,
wir sehen, daß die aufrechten und wahrhaften Männer immer weniger
zu Wort kommen, daß auch in der Presse Überzeugungstreue und
Mannhaftigkeit immer mehr schwinden, um einer glatten und bequemen
Gesinnungslosigkeit das Feld zu räumen; sehen eine unheilvolle Trennung
des im Formalismus und Bureaukratismus versinkenden amtlichen Lebens
vom Privatleben; sehen eine gerade von den herrschenden Kreisen
ausgehende Verflachung des Daseins, die unsere Offizierkreise und das
feudale Korpsleben zuerst erfaßte und dann immer tiefer auch in die
Beamtenkreise und in das begüterte Bürgertum eindrang, sehen eine
von den Regierungen begünstigte Klassenwirtschaft, eine gefährlich
anwachsende Zersplitterung unseres Volkes nach Konfessionen, Ständen
und Kasten, sehen ein unheilvolles Regiment des Buchstaben und der
Paragraphen eifrig bei der Arbeit, alles geistige Leben zu nivellieren,
alle Persönlichkeit zu erdrücken. Die Menschen werden zu Maschinen
herabgewürdigt, werden als Nummern in zahllosen Akten und Listen
geführt, werden herz- und geistlos nach »Schema F« abgefertigt. Ein
Wald von Vorschriften engt unser Leben ein und wir drohen unter
Aktenpapier und in Tintenfluten zu ersticken. Alles das ertragen wir
mit wachsendem Unwillen.
Wir sehen, um mit Tacitus zu sprechen, unser Volk in die Knechtschaft
hinabgleiten. Byzantinismus, unmännliche Ergebenheit Würden und Titeln
gegenüber, Bewunderung des äußeren Scheines, protzenhaftes Verachten
aller tiefliegenden geistigen und ethischen Schätze und bei allem
großtuerischen Gebahren in entscheidenden Stunden doch Verzagtheit
und Feigheit. Wir haben den Eindruck, daß unsere Kultur krank, zumal
daß jene berühmten »Stützen« innerlich hohl sind, wir sehen, daß dem
Rechtsbewußtsein, dem Wahrheitsbedürfnisse, dem Entwicklungstriebe
unseres Volkes von seiten der Regierungen und Behörden
entgegengearbeitet wird. Wir beklagen es bitter, daß die Regierung das
Volksempfinden unausgesetzt verletzt.
Während unser Volk nach Aufklärung, nach Befreiung aus überlebten
Geistesfesseln ringt, wird ihm von der Regierung und einem
Klassenparlamente ein reaktionäres Schulgesetz aufgenötigt, das
»unsere Lehrer durch die mittelalterlichsten Verordnungen zu besseren
Drahtpuppen macht«. Wir sehen, daß ein Kultusminister, den man ohne
Widerspruch in der Presse »den Feind jeden Fortschrittes, den König
der Dunkelmänner, den unvolkstümlichsten und volksfeindlichsten aller
Minister« (Das Blaubuch 1906 Nr. 34) nennt, von unserem Kaiser sogar in
den Adelstand erhoben wird.
Immer weniger kommt in einem Parlamente, das nur den Großgrundbesitzern
und der Geistlichkeit zu Willen ist, der Wunsch unseres Volkes zum
Ausdruck. Es ist, als triebe man »oben« geflissentlich das, was man
in Österreich als »Justement-Politik« bezeichnet: »Ihr wollt für das
Abgeordnetenhaus eine Wahlreform? Wollt darin auch den Mittelstand, den
Arbeiterstand, die Intelligenz vertreten sehen? An die Gewehre! Laßt
Kanonen auffahren!«
»Die Studenten rufen nach akademischer Freiheit? Gut, aber auch die
katholischen Korporationen sollen die Freiheit haben, den Geist der
Freiheit zu zerstören. »Ihr Lehrer wollt Aufklärung? Nun gerade nicht!
Zurück in eure Seminare und unter geistliche Zucht!«
Nirgends beobachten wir einen Fortschritt unseres Volkes zu politischer
Selbständigkeit. Im Gegenteil, wir entwickeln uns rückwärts auf einer
Bahn, die zum Absolutismus führt. Immer lauter wird deshalb der Ruf
nach Männern, die uns erlösen sollen.
Gibt es in Deutschland denn nur noch Hofschranzen, Ordensjäger,
Karrieremacher, Streber, Gedankenlose und Untertanen? Haben wir
keinen freien +Bürgerstand+ mehr? Aber das Unerträglichste wird
schon schweigend hingenommen. Paraden, Gedächtnisfeiern und anderes
Schaugepränge müssen uns ein Glück vorgaukeln, das unserem Herzen fremd
ist. In den wichtigsten Fragen, die unser Volk im Innersten seines
Wesens treffen, versagt die Mitarbeit der sog. Intelligenz. Man ist
angeblich zu guter Patriot, um der Regierung Schwierigkeiten zu machen,
in Wahrheit fehlt es an Überzeugungen und an Mannhaftigkeit; es fehlt
an dem Willen zur Macht.