der Rede und Sprache in Kindern und Jünglingen«): »die Kunst der
Rede und Sprache in Kindern und Jünglingen auszubilden müsse ein
Hauptgeschäft der Schulen sein ... Denn nur durch Reden lernen wir
sprechen ... Wahrheit, Wahrheit bilde unsern Ausdruck auch im Ton der
Stimme ... Die Rede hat ein weites Reich von Gegenständen, Gesinnungen,
Leidenschaften, Empfindungen, Zuständen der Seele usf., deren Ausdruck
sie zu schaffen und auf die mächtigste angenehmste Weise darzustellen
hat. Daß sie dieses zu tun vermöge, dazu gehört Übung. Lesen heißt
diese Übung; aber ein Lesen mit Verstand und Herz, ein Lesen im
Vortrage jeder Art, und neben ihm eigene Komposition und ein lauter
lebendiger Vortrag derselben ... Dies laute Lesen, auswendige Vortragen
bildet nicht nur die Schreibart, sondern es prägt Formen der Gedanken
ein und weckt eigene Gedanken; es gibt dem Gemüt Freude, der Phantasie
Nahrung, dem Herzen einen Vorschmack großer Gefühle, und erweckt, wenn
dies bei uns möglich ist, einen Nationalcharakter.«[3] -- Man staunt,
daß es beinahe anderthalbhundert Jahre brauchte, ehe so einleuchtende
Gedanken +anfangen+, Gemeingut der Lehrer zu werden!
Ein zweites Beispiel zum Beweise dafür, daß wir die alten Pädagogen
nicht unterschätzen! Der alte +Pestalozzi+ behauptete, daß er während
30 Jahren kein Buch mehr gelesen habe. Jetzt rechnen ihm zwar Gelehrte
nach, daß das nicht genau stimme: Er habe doch dann und wann noch
gelesen -- mag sein. Jedenfalls war er in seinem Denken so selbständig,
als ob vor ihm außer etwa Rousseau niemals ein Mensch über Erziehung
geschrieben hätte. Er selbst verfuhr also ganz unhistorisch, und
deshalb vielleicht kam er auch so weit. Deshalb aber waren ihm die
Zünftler auch so gram. Schade, daß sie sich ihm nicht mit Haut und
Haar verschrieben. Hätten sie es getan, so wären wir heute mit unserem
Erziehungs- und Schulwesen viel weiter. Wir hätten dann den ganzen
undeutschen Neuhumanismus nicht erlebt, hätten die jetzt vor allen von
Professor +P. Natorp+ in Marburg unter Berufung auf Pestalozzis geniale
pädagogischen Lehren und Taten wissenschaftlich sicher begründete
»Sozialpädagogik« in Deutschland schon durchgeführt; hätten damit
eine einheitliche nationale Schule; brauchten nicht erst wieder da
einzusetzen, wo Pestalozzi aufhörte.
Unser neuester pädagogischer Kurs geht nämlich endlich, endlich unter
der Flagge des »nationalen Humanismus« -- man sollte dafür lieber mit
zwei guten deutschen Worten der »deutschen Bildung« sagen -- Der Weg
zur deutschen Bildung führte bekanntlich über Palästina, Athen, Sparta
und Rom und kehrte dann im großen Bogen wieder zu Pestalozzi zurück
-- aus jenen Bahnen, die man vor 100 Jahren eben auf Anraten meiner
im übrigen auch von mir hochverehrten engeren Herren Kollegen von der
klassischen Philologie betreten hatte, nämlich des großen Latinisten
+Johann August Ernesti+ (1707--1781) -- der Mann soll den ganzen Cicero
auswendig gewußt haben, war deshalb der geborene Erzieher der deutschen
Jugend --, der nicht minder großen Gräzisten +Christian Gottlob Heyne+
(1729--1812), +Friedrich August Wolf+ (1759--1824) und anderer großer
von +Lessing+ und +Winckelmann+ in den sonnigen Süden entführter
Geister. Ach, ja: »Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen.«
Dort suchte man echte Humanität, fand auch so was Ähnliches, es
erwies sich aber trotz aller erdenklichen Mühe schließlich doch als
unbrauchbar für unsern rauhen und grauen Norden. Das einzusehen
bedurfte es leider mehr als dreier Menschenalter. Ein witziger Kopf
hat einmal gesagt: »In Deutschland braucht man hundert Jahre, etwas
Verkehrtes einzuführen; zweihundert Jahre, es wieder abzuschaffen.« Der
Mann scheint recht zu haben. -- Außerdem hatte man ja zu Hause schon
seine bodenständige echte Menschlichkeit und ›Bildung‹ -- Pestalozzi
selbst hatte dieses Wort erst geprägt --, und das ist eben auf gut
deutsch dasselbe, was so gelehrt mit Humanität bezeichnet wird, nur
daß man diese heimische Bildung nicht nach Gebühr achtete und trotz
Pestalozzis eindringlichen Lehren nicht gehörig pflegte.
Jetzt also macht man in Deutschland zum zweiten Male die überraschende
Entdeckung, daß dem deutschen Volke eine deutsche Erziehung und
deutsche Bildung angemessen sei. Es geht uns wirklich wie dem
Knaben des Märchens, der in die Fremde zog, um das Glück zu suchen.
Die Verirrung liegt aber vielleicht weniger bei den Gründern des
Gymnasiums, als bei dessen Ausgestaltern, eben bei jenen »Provisoren
alles Giftes«. Das Gymnasium hatte es ursprünglich auf ein
Allerweltswissen gar nicht abgesehen, auch nicht auf Gelehrtenkultur,
sondern auf -- +Menschenbildung+, und zwar mittels der lateinischen
Sprache, die eben damals noch als internationale Gelehrtensprache
unentbehrlich war.
Ich berufe mich auch hier auf einen als Gelehrten wie als Erzieher
und kerndeutschen Mann allseits Anerkannten, den verstorbenen Dr.
+Rudolf Hildebrand+, Professor für Germanistik an der Universität
zu Leipzig, den ich schon oben nannte. Dieser drückte vor 20 Jahren
schon sein Bedenken gegen das herrschende deutsche Schulwesen in den
Worten aus: »Was gerade jetzt zu bessern ist, das ist wohl auch im
allgemeinen klar genug, wenn man nur auf die Stimmen hört, die immer
lauter ertönen auch aus den Kreisen unbefangenster und wohlwollendster
Beobachter, von Leuten, die froh und frei genug stehen im Geiste, um
den rechten Weg und das rechte Ziel finden zu helfen. Fast macht das
Ganze den Eindruck, daß man beim höheren Unterricht, auf Gymnasien
wie Realgymnasien und selbst auf höheren Töchterschulen, bewußt
oder unbewußt, gewollt oder ungewollt, und nur vom Zuge der Zeit
mitgetrieben, das als Ziel annimmt, daß es da gelte, kleine +Gelehrte+
zu bilden, nicht -- +Menschen+, was noch in meiner Schulzeit auch für
das Gymnasium eigentlich das Ziel war aus der Überlieferung des vorigen
Jahrhunderts, ja aus dem 16. Jahrhundert her, wie schon in dem alten
Stichwort humaniora trefflich und kräftig ausgesprochen ist: ›+mehr
Mensch+‹ zu werden war das Ziel. Das schöne Wort wird ruhig noch mit
fortgeführt im Hausrat der gelehrten Schulen, gleicht aber nun wirklich
mehr einer alten Kiste, die im Winkel steht mit Sachen aus dem Haushalt
der Großeltern. Die Zeit ist da, eigentlich nicht lange erst, auf
einen verhängnisvollen Irrweg geraten, von dem man wird umkehren
+müssen+, es fragt sich nur, wieviel Schaden der Gesundheit der Nation,
der äußeren und der innern, noch geschehen soll bis zur entschlossenen
Umkehr. +Lasse man die Gelehrsamkeit der Universität, die wahrlich für
ihre schwere Arbeit nichts nötiger braucht, als gesunde ganze Menschen,
wie unsere Zeit überhaupt+, und diese müssen ihr die Gymnasien
liefern.«[4]
Freilich, wenn man so früh sein Vaterhaus verläßt, sich in der Fremde
herumtreibt und dort sein Herz vertändelt, dann wird man mit der Zeit
heimatlos, fremd im eigenen Vaterhause und muß sich nachher bei alten
Leuten erkundigen, wie es in älteren Zeiten eigentlich darin gehalten
wurde.
Aus diesem Grunde wird es auch hier ohne historische Rückblicke leider
nicht ganz abgehen. Es fehlt uns eben eine stetige, ununterbrochene
Tradition im Schul- und Erziehungswesen, wie sie meines Wissens die
glücklicheren Engländer seit den Zeiten Humes haben.
Den wahren, letzten Grund aber, weshalb ich so scheu an die
historischen Vorbilder herangehe, habe ich noch immer nicht verraten.
Nun muß er endlich doch ans Licht: »Die Menschen +lernen+ nichts aus
der Geschichte -- +nichts+, rein +gar+ nichts!«
So wenig ein junger Mann seine Lebenserfahrung vom Vater und Großvater
ererbt, ebensowenig wollen sich ganze Völker von früheren Geschlechtern
das Leben vorleben lassen. Jeder Mensch, jedes Volk will seine eigenen
Dummheiten machen und am eigenen Schaden klug werden.
(Zwischenruf: »Na, erlauben Sie mal!«)
Was ich hier gesagt habe, habe ich im vollen Ernste gesagt und kann es
beweisen:
Vor mehr als 100 Jahren entdeckten Winckelmann, Lessing und Goethe
den harmonischen Menschen, den Normal- und Idealmenschen in den
altklassischen Hellenen. Hier sahen sie alle menschlichen körperlichen
und geistigen Anlagen durch eine gleichmäßige Ausbildung zu herrlicher
Entfaltung gebracht. Nun meinst du, liebwerter Mitbürger, natürlich,
daß diese schöne Erkenntnis zu einer entsprechenden Tat geführt habe.
Ja, das meinst du in deinem törichten Laienverstande. Da kennst du aber
die Menschen schlecht, kennst vor allem die geistigen Oberpriester
nicht, die bei uns Kultur machen!
»Aber, mein Gott! Sie sagten doch eben selbst, daß man die rechten
Vorbilder der Menschheit gefunden habe? Fehlte es vielleicht an einer
Anleitung, wie man eine solche menschliche Vollkommenheit erreichen
könne?«
»I, Jott bewahre! Man hatte ja die Bücher, in denen genau
berichtet wird, wie die Athener, wie die Spartaner ihre Kinder zu
schönen, gesunden, heiteren, kunstsinnigen, glücklichen, tapferen,
vaterlandsliebenden Männern und Frauen heranbildeten.«
»Hatte man diese Bücher? So richtete man sich also nach ihnen? Erzog
die Kinder nach diesen Anweisungen?«
»I, Jott bewahre! Das muß man ganz anders machen. Sehen Sie, mein
Lieber: die Griechen sprachen und schrieben doch Griechisch, nicht
wahr? Also muß man doch vorerst ihre Sprache, Griechisch, lernen, um
diese Anweisungen lesen zu können, nicht wahr? Aber damit nicht genug.
Es muß doch auch aus der alten Geschichte erst der Nachweis erbracht
werden, daß, wo, wann, wie, warum, wie oft, wo nicht, wann nicht, wie
nicht, warum nicht, wie oft nicht diese Tüchtigkeit der altgriechischen
Erziehung sich bewährte -- nicht wahr? Man mußte doch alle die Männer
auf -- ides, -- iades, -- on und -- kles gleichsam von Angesicht zu
Angesicht kennen lernen, mußte ebenso die Orte, Städte und Felder bei
Namen kennen lernen, wo sich ihre Tüchtigkeit bewährte, nicht wahr?
Wir können doch nicht weiter kommen, wenn unsere Knaben von Plataeae,
Aegospotamoi, Kunaxa, von den Arginusen, vom Eurymedon, von Tanagra,
Sphakteria und Kynoskephalae nichts wissen?«
»Ja, aber --«
»Bitte, kein ›ja aber‹! Die Sache ist völlig klar. Es gehört die ganze
Zeit, Kraft und Energie einer Jugend dazu, um die alten Sprachen nach
jeder Richtung hin und ebenso die alte Geschichte so beherrschen zu
lernen, daß man in ihr seine geistige Heimat findet.
Deshalb richtete man ja doch nach griechischem Vorbilde Gymnasien ein.
Sie wissen, γυμνὸς heißt nackt, γυμνάσιον heißt ein Ring- oder Turnplatz
für nackte Knaben; deshalb nannte man diese Schulen +humanistische+
Gymnasien, weil eben in ihnen diese altgriechische allseitige
menschliche Ausbildung, diese Harmonie des Lebens erreicht werden
sollte.«
»Ja, turnen denn da die Kinder wirklich nackt? Ringen, springen, singen
sie darin frisch umher?«
»Nein, das nun eben nicht. Aber die beschäftigen sich doch mit dem
Studium jener alten vorbildlichen Welt und das gibt ihnen eine
+geistige+ Gymnastik von unschätzbarem -- -- --«
»Geistige Gymnastik? Also eine Art geistigen Nacktturnens? -- -- --
Gestatten Sie mir gütigst, das für einen kleinen Blödsinn zu erklären.«
»Eine Stählung des Willens, gleichsam ein geistiges Jungbad, ein
Sichemporrecken nach idealen Vorbildern« -- --
»Bei uns hatte sich mal ein Primaner in der Klasse, wohl nach idealem
Vorbilde oder weil's sehr heiß war, Schuh und Strümpfe ausgezogen.
Himmel, gab das eine Berammelung! Den ›respektlosen, unsittlichen,
verkommenen Burschen‹ hätten sie beinahe ins Zuchthaus gebracht. Und
dabei war's doch in der Homerstunde geschehen! Hihihi!« -- --
»-- Ein unausgesetzter Kampf mit den Schwierigkeiten der Sprachen,
in denen die Weisheit und Schönheit jener alten Welt verschlossen
liegt -- --«
»Und wenn einer heute seine nackte Schönheit zeigen wollte, dann steckt
ihr ihn in Arrest? Müßten mal bei so einem echten Sophokles-Direktor
die Primaner völlig +nackicht+ antreten! Na, Badehose möchte noch
gestattet sein. Hihihi!«
»Bitte, so lassen Sie doch endlich Ihre faden Bierzeitungswitze und
ihr läppisches Gelache! -- -- Die Weisheit, sagte ich, und Schönheit
verschlossen liegt -- -- Und eben durch diesen Kampf endlich ein
siegreiches Gelingen, über das dann in den Abschlußprüfungen, dieser
unersetzlichen Kraftprobe, Zeugnis abgelegt wird.«
»Ja, sind denn die Geprüften dann, die armen Hasen, die aus den
alljährlichen Herbstbürgerjagden zwar noch mit dem Leben davonkommen,
aber mit zahlreichen Schroten im Pelze, mit unvergeßlicher Angst
im Herzen, sind das dann wirklich nun die glücklichen, gesunden
Normalgeschöpfe? Das wäre doch das Entscheidende. Wird man denn
wirklich stark, froh, schön, gesund und mannhaft, wenn man in Büchern
jahrelang nachliest, wie andere dazu gekommen sind? Ich sollte meinen
-- verzeihen Sie einem Laien eine solche, wohl etwas dreiste Bemerkung
-- ich sollte meinen, man müßte lieber die Bücher zuschlagen und die
Kinder einfach auch nackt umherspringen, sich tummeln und in jedem
Wettkampfe üben lassen.«
»Ich bitte Sie, mein Freund, lassen Sie solche törichte und rein
barbarische Ketzereien keinen anderen altklassischen Philologen hören,
sonst --«
»Ja, -- sagen Sie einmal selbst, aber, bitte, ganz ehrlich: habe ich
denn nicht recht?«
»Im Vertrauen und ins Ohr gesagt: Ja, natürlich haben Sie in einer
gewissen Hinsicht recht, vollkommen recht-- gewissermaßen, nur --.«
»Was! Ich habe recht? Ja, zum Donnerwetter noch einmal, weshalb quält
und vermurkst man mir denn dann meine armen Buben so elendiglich mit
dem alten Schulkram? Weshalb dulden denn das die Eltern? -- --«
»Ruhe, Ruhe, mein Lieber! Vergessen Sie nicht, wo wir sind! Wir leben
in Deutschland, in Preußen. Wir sind preußische Untertanen, nicht
athenische Vollbürger. Die Erziehung unserer Kinder liegt in der Hand
des Staates, der mit Umsicht und --«
»Ach was, Umsicht? -- mit Unsinn ...«
»Mein Verehrtester, seien Sie vorsichtig! Bitte, vergessen Sie nie,
daß wir mit Erregung und Leidenschaft in solchen Fragen nicht weiter
kommen. Also Ruhe, mein Lieber, Ruhe, Mäßigung, Besonnenheit! Wenn
unsere weisen Behörden, beraten von den erfahrensten und gelehrtesten
Männern der pädagogischen Wissenschaft, wenn sie, gestützt auf die
Erfahrung einer jahrhundertjährigen Schul- und Erziehungspraxis, mit
Ihren Kindern so verfahren, so werden Sie sich, als ein schlichter Mann
des Volkes, dem doch zu fügen haben, werden nur darauf halten, daß alle
Anordnungen der Schule auch stets pünktlich und gewissenhaft --«
»Ja, mein Gott, bin ich denn der +Büttel+ der Schule? Sind es denn
+meine+ Kinder oder die Kinder des Kgl. Provinzial-Schulkollegiums!?
Wie? Was? -- --«
»Mein Herr! Ich muß Sie doch um Mäßigung bitten, muß Sie auch bitten,
auf meine Standesehre Rücksicht nehmen zu wollen!«
»Auf was für 'n Ding?«
»Auf meine Standesehre! Als staatlich angestellter wissenschaftlicher
Lehrer, auch als Vertreter meiner altphilologischen Kollegen muß ich
Sie bitten, sehr dringend bitten, alle Bemerkungen zu unterlassen,
durch die etwa die Ehre dieses Standes, die auch ich zu vertreten
habe, -- --«
»Mein werter Herr Oberlehrer, vertreten Sie sich doch, was Sie wollen!
Wenn ich aber für meine lieben Buben eintrete, so soll daran kein
Mensch ein Ärgernis nehmen. Liegt darin etwa schon eine Herabsetzung
Ihrer Person oder Ihres Standes? Ich verstehe Sie tatsächlich nicht.
Nichts lag mir ferner, als Sie kränken zu wollen oder nun gar den
angesehenen, mit Recht hochangesehenen Lehrerstand herabzusetzen.
Die Herren tun ja auch nur schlecht und recht ihre Pflicht, wie der
Dienst sie ihnen vorschreibt. An deren Ehre kann doch wohl mein ja
vielleicht etwas übereiltes Wort nicht heranreichen. Ist denn diese
Ihre Standesehre ein gar so gebrechlich Ding, daß sie ein leiser Hauch
aus meinem Munde schon bedrohen kann? Ich denke, Herr Oberlehrer, wir
sprechen uns hier offen und ehrlich aus und wollen uns doch gegenseitig
nichts weis machen, nicht wahr? Wir brauchen, dachte ich, als deutsche
Männer uns gar so zart nicht anzufassen. Die Hauptsache ist doch
wohl, daß wir uns gegenseitig verständigen. Und wenn wir hier über
Erziehungsgrundsätze verhandeln, so hat das mit der Ehre oder Unehre
keines Menschen was zu schaffen, keines einzigen, auch keines Standes.
Das erst recht nicht! Aber, Herr Oberlehrer, Sie widersprechen. --«
»Ich breche ab! Ich sehe, Sie sind nicht zu belehren.«
»Na, Sie aber ooch nich, mein verehrtester Herr Ober -- Ober --
Oberlehrer!! Sie altklassischer Philologe, Sie!«
»Mein Herr, ich verbitte mir alle Injurien!«
»Schon recht, ich gehe ja schon, Sie oller Qu -- --«
»Gut! Ich werde mich beim Königlichen Provinzial-Schulkollegium über
Sie beschweren, verstehen Sie?«
»Wacker! Tun Sie das! Und fahren Sie fort, meine Knaben fleißig zur
+Mannhaftigkeit+ zu erziehen! -- zu echten, wahren, klaren, aufrechten
+deutschen+ Männern zu erziehen! Adieu!«
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
»Empörend! Es wird wirklich alle Tage unerträglicher. Tagsüber macht
man in Tricotagen und frischen Importen und abends hält man einem alten
Gymnasialprofessor pädagogische Vorträge.«
Nun möcht ich blos wissen, weshalb unser einer jahrelang
studiert, seine Examina gemacht hat, ein Probejahr, fünf hungrige
Hilfslehrerjahre und dann zwanzig weitere Jahre unter strenger Aufsicht
geschulmeistert hat, wenn jeder Spießer es besser versteht und einem
belehrende Vorträge halten will! Leiden aber kann uns niemand.
Unglaublich, was man sich als Lehrer bieten lassen muß! -- Was dabei
das Schlimmste ist: die Leute haben nicht einmal so unrecht. Noch
schlimmer ist nur noch +eines+: wenn man nämlich versucht, eigenen
gerechten Wünschen und denen des Volkes in seinen vernünftigen
Vertretern nachzugeben, so bekommt man es mit der Behörde zu tun, die
nicht liebt, daß einer sich Extratouren erlaube. Zwar verkündet man
von oben herab mit feierlichen Worten, daß der Lehrer sich freier
bewegen und nicht eingeengt fühlen solle, zwar haben wir oben Männer
von weitestem Blicke -- ich nenne nur Matthias und den einflußreichen
Wilhelm Münch --, aber, wenn -- -- wenn man einmal wagt, diese schönen
Worte wahr zu machen, dann -- dann -- -- -- ja, Bauer, dann ist das
ganz anders gemeint! -- -- Dann --
»Doch birst mein Herz, denn schweigen muß der Mund!«
Nun, es kommt hoffentlich auch ein Tag, der das Reden zur Pflicht
machen wird. Ich werde bis dahin mich begnügen, auf +Wilhelm Münchs+
schönes Buch »Eltern, Lehrer und Schüler in der Gegenwart«[5]
hinzuweisen. Das ist einer von den wenigen, die nach allen Seiten hin
gerecht sein wollen. Was er zum Schutze von uns Lehrern schreibt,
das sollte +jeder+ lesen, der überhaupt über uns und unsere Arbeit
zu sprechen wagt. Er wird dann erkennen, daß die Vorwürfe, die den
Lehrern gemacht werden, deshalb zum großen Teil ungerecht sind, weil
diese selbst nur die unfreien Werkzeuge eines höheren Willens sind.
Ich muß hier Münch selbst zu Worte kommen lassen, denn was er Seite
58 sagt, das ist Wort für Wort zutreffend und wert, laut in die Lande
hineingerufen zu werden.
»Es ist nicht bloß die moralische Situation, die dem Lehrer Gefahr
bringt, sondern auch die physische. Was es heißt, eine Reihe von
Unterrichtsstunden in lebendigem Tempo, mit gleichzeitig voller
Aufmerksamkeit auf den Lehrstoff und seine Entwicklung, auf Form und
Sprache, auf das äußere Verhalten aller der zahlreichen Schüler, auf
die angemessene Heranziehung der einzelnen usw. gut zu geben (und
lässig gegebene Stunden werden immer weniger geduldet und seltener
gefunden), was es auch heißt, sich überhaupt mit vielen Menschen
zugleich in einem inneren Rapport zu fühlen, wie das zwar zunächst
anregend, auf die Dauer aber reizend und überreizend wirkt, wer das
weiß, der wird billiger urteilen, als es üblich ist. Noch sind --
gerade in Preußen und den ihm in Schulsachen sich anschließenden
deutschen Staaten -- den Lehrern auf den höheren Schulen so viel
wöchentliche Unterrichtsstunden auferlegt, daß sie in Verbindung mit
der sehr bedeutenden Vor-, Nach- und Nebenarbeit des Amtes und in
Verbindung namentlich mit den gegenwärtigen Anforderungen an Straffheit
des Unterrichts eine ruhig freie Lebensstimmung nicht leicht bestehen
lassen. Die didaktisch tadellosen Stunden, die man nun verlangt, lassen
sich um so eher verwirklichen, je weniger dicht sie aufeinander folgen
sollen.« (Und doch darf es vorkommen, daß ein einzelner älterer,
zudem kranker Lehrer =unausgesetzt drei Stunden hintereinander=
+Probelektionen+ halten muß!?) »Und ebenso kann jene ruhige und
freie Stimmung, das Erhabensein über alle Gereiztheit, Ungeduld,
Unfreudigkeit eigentlich nur bei einem verhältnismäßig freien, einem
nicht allzu unfreien Leben gedeihen.« Vortrefflich!
»Die Ferien sind natürlich der Jugend wegen eingerichtet, die man doch
noch nicht immer anspornen, einengen und zwingen will, die zu Zeiten
noch sich selbst und ihrem Spiel soll leben dürfen; aber wenn die
Ferien nicht da wären, würden die Lehrer alle an nervöser Überreizung
zugrunde gehen. (Sehr richtig!) Im ganzen würden minder belastete
Lehrer nicht bloß den Stand besser vertreten und heben, sondern auch
als um so viel geeignetere Erzieher sich bewähren. Das Erziehen muß man
nicht fabrikmäßig betreiben sollen. Jetzt kommt bei der Schulerziehung
wirklich viel Fabrikware heraus. (Also doch!) Aber daran sind weder
die Werkmeister, noch die einzelnen Arbeiter schuld, sondern die
Organisation.«
Wenn also zugestandenermaßen die Organisation nichts taugt, so ist es
doch wohl Pflicht, diese Organisation zu ändern. Auch sonst erkenne
ich aus Münchs Buch, obschon es hier und da auch gegen mich gerichtete
Spitzen haben mag, daß er die Berechtigungen unserer Reformvorschläge
vielfach zugibt. Er klagt über ›gigantische Einseitigkeiten‹ und über
die Heftigkeit der Polemik. Man kann ihm getrost in beiden recht geben
und doch bei der alten Taktik verbleiben, die sich bewährt hat. Denn
sie hat schon gute Erfolge zu verzeichnen. Wenn die Presse einem so
festgefügten Organismus gegenüber, wie es unsere staatliche Schule ist,
irgend etwas ausrichten will, so muß sie ihren Angriff mit gesammter
Kraft auf deren schwächste Stellen richten. Daß bei einem solchen
Sturme unnütz viel geschossen und Hurra gebrüllt wird, ist auch ein
Stück allgemeiner Lebenserfahrung, die den weltweisen Münch nicht
verwundern sollte.
Zieht man die Summe seiner so ruhig abwägenden Betrachtungen, so
gewinnt man die unleugbare Überzeugung, daß er im wesentlichen die
Berechtigung unserer Beschwerden anerkennt, daß er seine bedeutende
Kraft gerne mit einsetzt, um bessere Zustände herbeizuführen. In
welcher Tonart ein jeder seine Musik machen will, das überlasse man
getrost seiner eigenen Natur. Besonders würde es nutzlos sein, einen
vor Schmerzen Schreienden darüber freundlich belehren zu wollen, daß er
zu laut sei.
Ich halte es für einen großen Gewinn unserer neuen Zeit, daß man in ihr
wieder Naturlaute zu hören bekommt.
Was mich selbst betrifft, so lege ich mir nur den Zwang auf, den Kampf
nicht ins Persönliche hinübergleiten zu lassen, im übrigen bekenne ich
mich möglichst wahr, ehrlich und ohne jegliche Pose und glaube, so
komme ich am weitesten. Die Gründe werden zwar nicht zwingender, wenn
man sie laut vorträgt, aber sie werden dann doch gehört. Und wenn man
es mit Schwerhörigen zu tun hat, bleibt einem nichts anderes übrig, als
sein Organ anzustrengen.
IV.
Befähigungsnachweis.
»Heiße Doktor und Magister gar
Und ziehe schon die dreißig Jahr --«