so zart zu sein scheint wie die Blaublümelein, droht wieder einmal
ein tötlicher Reif zu fallen. Angst und bange muß es einem werden,
wenn man die Klagetöne über die drohende Konfessionalisierung
der Volksschulen anhört. Wir entdecken jählings die ungeheuren
Segnungen der Simultanschule, deren Licht hell durch das
konfessionelle Duster leuchtet, und ziehen den Kriegsmokassin an,
um mannhaft für Freiheit des Geistes und Fortschritt einzutreten.
Eine würdige Sache ist gefunden, in deren Dienst der mannhafte Hase
seine radikalen Raubtierinstinkte austoben kann. Allen voran aber
zieht, als Rufer im Streit, der freiheitsdurstige »Schulmann«.
Seit die Schulmeister die Schlacht bei Sadowa gewonnen haben, ist
ihnen ein gewaltiger Stolz in die Krone gefahren. Es ist mit der
Würde des Volkserziehers unvereinbar, die Bälge zu treten oder
dem Pastor in den Talar zu helfen. Beim Schweineschlachten vermag
auch die größte Wurst den Pädagogen nicht mehr zu locken, der sich
sehnt, die Bank des Kollegs zu drücken und Reserveoffizier zu
sein. Statt den Bakel zu schwingen, erregt er die Aufmerksamkeit
des Schülers und vertieft dessen Interesse; statt der Fibel, deren
Titelblatt der stolze Hahn ziert, wälzt er dicke Schmöker, in
denen die unverdaulichen und zähen Brocken aus philosophischen
Schüsseln zu einem breiten, leicht eingehenden Brei verkocht
sind. Er interessiert sich für alles, namentlich wenn es aus
zweiter Hand kommt. Er betrachtet die Welt und ihre Probleme
mit arrogant-bescheidenem Verständnis. Er begeistert sich für
das Wahre, Gute und Schöne und streut mit verschwenderischer
Hand Keime des Edlen aus. Und er handhabt den Idealismus wie ein
geschickter Wilddieb die Flinte, um jedem individualistischen
Bock das Leben auszupusten. Kurz, er wird seinem Kollegen der
höheren Observanz, dem Gymnasialobermeier, immer ähnlicher. Den
aber packt der bleiche Schreck, er könne mit dem Volksschulmeister
verwechselt werden, und darum trachtet er nach faustdicken Titeln:
Gymnasialreferendar, Gymnasialassessor, Professor -- und begehrt
Einlaß in die erhabene vierte Ratsklasse. So flüchtet er auf der
Leiter der Würden immer vor dem Rivalen aus der unteren Schicht
her -- aufwärts; aber schließlich werden beide auf dem höchsten
Gipfel der Wertschätzung ankommen, und wenn der Obermeier an die
Stelle des Erzengels Gabriel einrückt, wird der Meister der Schule
nicht säumen, die Erbschaft Rafaels anzutreten. Heilig sind die
Seelen der zu erziehenden Kinder. Heilig, heilig ist die Schule.
Heilig, heilig, heilig ist der Pauker. Die Welt ist ein Institut,
in der einer immer den andern erzieht, und der liebe Gott ist der
Oberschulmeister, obwohl er noch nach veralteten Methoden arbeitet
und bei Gelegenheit feste zuhaut.« (Die Funken.)
Man sieht, dem Pfäfflein ist es betrübend, daß ihm der Lehrer über den
Kopf zu wachsen droht und sich nicht mehr mit der Ehre begnügt, für ihn
den Balg der Orgel zu treten und ihm mit devotem Eifer in den schwarzen
Talar zu helfen. Daher die Erregung! Nichts erheiternder als so ein
polternder Kapuziner! Ich sehe voraus und hoffe, daß die Geistlichkeit
und die ihr allzu willfährigen Regierungen an den Lehrern, die jetzt
erwacht, organisiert, zum Bewußtsein ihres nationalen und sittlichen
Berufes, zugleich auch zum Bewußtsein ihrer Macht gekommen sind,
noch ihr blaues Wunder erleben werden. Wir stehen im Anfange einer
Entwicklung, die nicht mehr einzuhalten ist. Der Lehrer steigt in
dem Maße, wie der Geistliche sinkt. Dies -- in Parenthese -- meine
Überzeugung!
Welches also wird, um die Frage zu wiederholen und endlich auch zu
beantworten, welches wird die Begrenzung dieses Themas sein? Nun, am
liebsten gar keine. Schulmeisterarroganz weicht, wie wir lasen, vor
keiner Schwierigkeit zurück. Es soll also nichts abgewiesen werden,
was mit unserem Thema in einem inneren lebendigen Zusammenhang steht.
Erschöpfen läßt sich auch bei großer Einschränkung unser Thema nicht,
noch weniger zu allgemeiner Zufriedenheit lösen. Schon jetzt wissen
es alle Klerikalen, alle bureaukratisch und plutokratisch infizierten
Leser, daß es »lauter Unsinn« sein wird, was nun folgt.
Nur eine Beschränkung schließt das Thema leider schon in sich ein: den
Ausschluß der +Mädchenerziehung+. Mir wäre es leid, wenn man daraus
falsche Schlüsse zöge, als ob ich diese für minder wichtig als die
Knabenerziehung hielte. Es ist auch kein gewollter, kein absichtlicher
Ausschluß. Auch Mädchen sollen zu +Persönlichkeiten+ herangezogen
werden, am besten gemeinsam mit den Knaben. Zu Männern aber und
»mannhaft« wünscht man sie doch nicht.
Mir fällt dabei der Pastor ein, der seiner eben ihm angetrauten Gattin,
als sie sich trotz dreimaligen Signales der Bahnglocke den Armen ihrer
Mutter nicht entwinden konnte, das stolze Wort zurief: »Luise, sei ein
Mann!«
Wer, wie ich, +Pestalozzi+ verehrt, der weiß, daß alle Erziehung in der
Kinderstube wurzelt und daß die Mutter die erste und die wirksamste
Erzieherin der Kinder ist.
Haben wir tüchtige Mütter, so wächst auch eine tüchtige Jugend heran.
Das ist eine alte Weisheit und allen Völkern bekannt. Die Mütter
bedürfen keines neuen Ruhmes, sie dürfen stolz sein auf die Ehrennamen,
die ihnen die +Sprichwörter aller Völker+ geben. »Muttertreu', sagt der
Deutsche, wird täglich neu. -- Ist die Mutter noch so arm, gibt sie
doch dem Kinde warm. -- Wer der Mutter nicht folgen will, muß zuletzt
dem Gerichtsdiener folgen. -- Besser einen reichen Vater verlieren,
als eine arme Mutter. -- Was der Mutter ans Herz geht, geht dem Vater
nur ans Knie. -- Im Hindostanschen heißt es: Mutter mein, immer mein,
möge reich oder arm ich sein. -- Der Venetianer sagt: Mutter, Mutter!
Wer sie hat, ruft sie, wer sie nicht hat, vermißt sie. -- Der Russe
sagt: Das Gebet der Mutter holt vom Meeresgrund herauf. -- Tscheche
und Lette sagen: Mutterhand ist weich, auch wenn sie schlägt. -- Fast
alle Völker haben das Sprichwort: Eine Mutter kann eher sieben Kinder
ernähren, als sieben Kinder eine Mutter. -- Über den Verlust der
Mutter sagt ein russisches Sprichwort: Ohne die Mutter sind die Kinder
verloren wie die Bienen ohne Stachel.«
(Ich fand diese schöne Zusammenstellung in irgendeiner Tageszeitung,
kann leider nicht mehr sagen, in welcher.)
Ich maße mir nicht an, einen Prälaten, Generalsuperintendenten oder
Geheimrat irgendeines Kultusministeriums davon zu überzeugen, daß ihre
Tätigkeit die Mannestugenden des deutschen Volkes schädige. Ich erwarte
und finde es selbstverständlich, daß sie sich darob entrüsten oder
wohl lieber mit spöttischem Lächeln daran vorübergehen. Das ist ihr
gutes Recht, ebenso wie es mein gutes, mir verfassungsmäßig zustehendes
Recht ist, solche Behauptungen nach meiner ehrlichen Überzeugung
auszusprechen und zu verfechten.
Als ich mit meinen ersten pädagogischen Schriften hervortrat, hatte ich
noch den naiven Wunsch, anders Gesinnte zu überzeugen, und den noch
naiveren Glauben, von ihnen gerecht beurteilt zu werden. Beides habe
ich seitdem gründlich aufgegeben.
Wenn jetzt einer kommt und sagt mir: »Sie hätten das und das nicht
schreiben dürfen; Sie hätten die Sache so und so darstellen müssen,«
dann habe ich für solchen Fall eine prächtige »Abfuhr« erfunden. Meine
Antwort lautet:
»Mein Herr, Sie befinden sich in einem fundamentalen Irrtum!«
»Na, erlauben Sie mal! Wieso denn?«
»Ja, mein Herr, Sie meinen, daß ich +Ihre+ Ansichten vortragen wollte.
Das lag mir völlig fern. Ich wollte nur sagen, was +mir+ richtig
scheint. Das haben Sie offenbar nicht beachtet.
Auf recht baldiges Wiedersehen! Meine besten Empfehlungen an Ihre
verehrte Frau Gemahlin!«
III.
Pädagogische Vorbilder.
Am liebsten freilich würde ich persönlich auf die Erziehungsweisheit
der Vergangenheit an dieser Stelle verzichten. An lehrreichen
Abhandlungen, an Doktorarbeiten über die Erzieher aller Völker und
Zeiten ist kein Mangel. An historischem Wissen fehlt es uns wahrhaftig
nicht. Daß auch ich die Pädagogik früherer Jahrhunderte, auch die
anderer Völker, einigermaßen kenne, wird man mir glauben. Wenn nicht,
so schadet es auch nichts. Man hat jetzt so vortreffliche Handbücher
über die Geschichte der Pädagogik, daß einer ja mühelos in einem Monate
darin zu einem Kenner werden kann. Verzichten möchte ich, weil wir an
sich schon in Überlieferung und in historischer Bildung ersticken. Was
wir brauchen, ist die Tat.
Was würde wohl Jesus Sirach dafür gegeben haben, wenn er einen
flüchtigen Blick in unsere heutige Erziehungspraxis hätte tun können?
Was Habakuk -- der einzige von allen kleinen Propheten, zu dem ich von
Kindheit an in einem herzlichen Verhältnis stehe; ich sprach freilich
seinen Namen früher etwas unkorrekt als Haferkuck aus und stellte ihn
mir als einen kleinen neckischen Kobold vor, der sich auf der Tenne
und beim Futterkasten im Pferdestall durch Neugier bemerklich machte,
daher das frühe Interesse und Verständnis für ihn --. Was würden dessen
Kollegen von der »kleinen Prophetie«, deren Namen, aber auch +rein
nichts+ als eben diese Namen, seit Luthers Tagen Millionen, nein, ich
glaube Milliarden von blonden Bauernkindern kennen und hersagen lernten
-- Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zephanja,
Haggai, Sacharja, Maleachi -- ein Lautgeklingel, den Kindern weniger
wertvoll als der Spielreim:
Ene mene mink mank
Pinkpank
Use buse packe dich
Eier beier weg! --
Was würden also wohl diese schwarzgelockten Hebräer, was die ernsten
Griechen, etwa ein Sokrates, ein Plato, Aristoteles, was Cicero,
Seneca, der heilige Augustin, was Luther, Goethe, Fichte und andere
große Erzieher der Vorzeit darum gegeben haben, wenn sie einen
flüchtigen Blick in die heutige Erziehungspraxis hätten tun können?
Wenn man einen dieser Männer gefragt hätte: »Wie sollen die Deutschen
im 20. Jahrhundert ihre Kinder erziehen?« so würden sie gewiß -- da
sie ja eben gescheite Leute waren -- wie aus einem Munde jeder in
seiner Sprache gerufen haben: »Ja, was woas denn i? Des müssen doch de
alloanig wissen!«
Man lege sich einmal selbst die Frage vor: »Wie soll im Jahre 3000 die
deutsche Jugend erzogen werden?« Getraut sich irgend jemand dazu nur
ein einziges Wort von Bedeutung zu sagen?
Wenn ich heute die Ehre hätte, mit +Ernst Moritz Arndt+ zu sprechen, so
würde +er+ fragen, +ich+ antworten, nicht umgekehrt.
»So, ihr habt also endlich ein einiges Deutsches Reich? Famos! Sagen
Sie mir: Besteht denn det olle Gymnasium noch immer? Sollt's nicht
glauben! Ja, ja, so alte Einrichtungen haben ein zähes Leben. Also
geturnt darf jetzt in den deutschen Schulen wieder werden? Na, gottlob!
Das muß ich doch meinem Freunde Jahn erzählen. In unserer Zeit galt es
einmal für staatsgefährlich. Wird das euren Kindern auch in der Schule
erzählt? Denkt man noch an mich, an den großen Befreiungskrieg, an
unser herrliches Leipzig? Gelten unsere Namen der deutschen Jugend noch
etwas? Oder leben da in höherem Ansehen noch der alte Aristides, der so
gerecht war, daß er nicht einmal Staatsgelder defraudierte, Hippias,
der sich bestechen ließ, vom Erbfeinde -- oder der Erzschelm, der
Aristomenes -- nee, nee, wie hieß doch der Athener, der sein Vaterland
mit Hilfe der Spartaner bekämpfte?«
»Herr Professor, Sie meinen den Alcibiades?«
»Ja ja, ganz recht, Alcibiades. An den liederlichen Burschen habe ich
freilich lange nicht mehr gedacht.
Na, und dann die scharmanten +Römer+? Fabricius, der nicht einmal vor
einem Elefanten ausriß, Horatius Cordes, der allein mit einem ganzen
Etruskerheere fertig wurde -- Herrgott, was konnten die alten Römer
schön lügen! Und der eisigkalte Sulla, Marius, der Bluthund, mein alter
Schulfreund Cicero, ›Quosque tandem, Catilina‹! (Sie sehen, es sitzt
noch immer), der lustige und verliebte Ovidius Naso, -- der dann im
südlichen Rußland so elend einging -- seine Amores lasen wir heimlich
deutsch -- auch der Virgilius, der mit so vollen Backen sang, der alte
gemütliche Horatius mit seiner netten Lalage? -- alle noch auf dem
Posten? Ja? Und trotzdem habt ihr also ein großes Deutsches Reich?
Sehen Sie mal an!
Na, Gurlitt, da setzen Sie sich mal her! Sie müssen nun ordentlich
erzählen, wie das alles gekommen ist. Aber, bitte, recht genau, recht
ausführlich! Sie sind ja Lehrer, also auch die Erziehungsgeschichte!
Alles, alles! Es interessiert mich wirklich über die Maßen.«
»Herzlich gerne, aber Sie verzeihen; eigentlich war es meine Absicht
mir bei Ihnen, Herr Professor, Rat zu holen.«
»Bei mir?«
»Ja, eine Belehrung darüber, wie wir die deutsche Jugend erziehen
sollen, besonders in Rücksicht auf die +Mannhaftigkeit+. Ich hoffte,
daß Sie --«
»Ach, Unsinn, Sie oller Schulmeister! Von mir können Sie da nichts
lernen. Jedes Volk, jede Zeit muß eigne Erzieher haben. Oder haben die
Athener jemals danach gefragt, wie man in Sparta die Kinder erzog,
wie bei den Persern? Oder umgekehrt? Haben sich jene Völker, die Sie
immer noch mit Eifer studieren, jemals um fremde oder alte Schulrezepte
gekümmert? Nein? Na, sehen Sie!
Erziehen Sie die deutsche Jugend nach den Bedürfnissen und sittlichen
Anschauungen Ihrer Tage, sonst wird nichts Vernünftiges daraus. So
gut wie jeder einzelne Mensch hat jede Zeitepoche ihr Eigen- und
Einzelleben« --
»Gewiß, mein Herr, das verstehe ich wohl, aber wir müssen doch immer
die +historische Entwicklung+ berücksichtigen.« --
»Historische Entwicklung? Das ist wohl wieder eine von euren neuen
Entdeckungen? Ja, entsprach es denn der historischen Entwicklung, daß
Karl der Große den Sachsen eine Religion mit Glaubenssätzen aufzwang,
die ihnen so fremd waren, wie die Feigen und Datteln, die aus gleicher
Gegend stammen? Entspricht es der historischen Entwicklung, daß ihr
eure Jungen immer mit der Kultur von Palästina, Hellas und Rom abspeist
und dabei sorglos über Jahrhunderte der Geschichte hinwegspringt?
Hat sich mein Freund Napoleon um die historische Entwicklung
gekümmert, als er die deutschen Staaten zertrümmerte? Ist nicht fast
alles wahrhaft Große, ist nicht Luther, ist nicht Christus selbst
eben deshalb zunächst verfolgt worden, weil ihr Streben gegen die
vermeintliche historische Entwicklung verstieß?«
»Ich wage nicht zu widersprechen, mein sehr verehrter Herr
Professor. Es ist in der Tat wohl so, daß alle Neuerungen den
bewußten, tatkräftigen Willen eines Reformators voraussetzen und
die Außenstehenden meist als Gewaltsamkeiten anmuten. Ich las in
diesen Tagen einen pädagogischen Aufsatz über das Thema »Gefahren der
Staatsschule für die Pädagogik«[2]. Da fragt grade auch ein neugieriger
Schulmann höchst respektlos: »Ist denn die heutige deutsche Volksschule
wirklich das Produkt einer Entwicklung, die nie gestört worden ist
und nie gestört werden darf?« Und antwortet sich selbst darauf: »Ich
glaube vielmehr, alle Fortschritte sind mehr oder minder gewaltsam
in sie hineingedrungen. Gerade das letzte Produkt dieser sogenannten
Entwicklung, die Verstaatlichung der Schule und der Schulzwang, sind
Gewaltstreiche, vielleicht notgedrungene Zugeständnisse der Regierungen
gewesen.« Auch haben wir jetzt ein neues Volksschulgesetz erhalten, das
gegen den Willen der Lehrerschaft die Volksschule konfessionalisieren
soll. Mir will das auch nicht wie eine historisch notwendige
Entwicklung vorkommen.«
»Gewiß nicht! Sie sehen, darauf ist nichts zu geben. Historische
Entwicklung! Mit dieser Phrase scheint man den Fortschritt der
Menschheit hemmen zu wollen. +Handelt+ nur, mein Verehrtester, nach
eurer ehrlichen Überzeugung, wie es alle tüchtigen Männer zu allen
Zeiten getan haben! Kein Gedanke, kein Wunsch, keine Handlung fällt nur
so vom Himmel nieder. Es gibt nichts auf Erden, was nicht diese eure
berühmte historische Entwicklung hätte. Alles braucht Zeit zum Keimen,
Wachsen und Reifen, auch die Gedanken und Handlungen der Menschen.
Wir kennen aber oft diese verborgenen Keime nicht, brauchen uns um
sie auch nicht zu kümmern. Beschwert euch doch nicht mit historischen
Erwägungen! Für die Einordnung eurer Taten in den geschichtlichen
Zusammenhang laßt getrost die Historiker der nächsten Generation
sorgen! Die werden euch schon beweisen, daß alles so kommen +mußte+,
werden Ihnen sogar das bißchen Ehre und Stolz rauben, das Sie
wirklich mit eigenem Kopfe gedacht, mit eigenem Herzen gestrebt hätten.
Während Sie sich jetzt vielleicht einbilden, daß Ihre Taten einmal
wie eine stolze Säule hervorragen werden, wird man sie später als ein
notwendiges schlichtes Glied in einer langen Kette der Entwicklung
betrachten lernen.
Ja, ja! daran aber erkenne ich meine lieben Landsleute wieder. Bleiben
sich doch immer gleich! Wenn eine Sache nicht theoretisch entwickelt,
nicht ins System gebracht und gelehrt begründet ist, dann ist sie
für meine Deutschen überhaupt nicht da. Bei ihnen soll alles mit
Gelehrsamkeit geschafft werden. Sind also bei euch die Federfuchser
noch immer so in Flor? Armes Vaterland! Ich habe diese Kerle mein
Lebtag gehaßt. Sie verdarben uns mit ihrer giftigen schwarzen
Galläpfeltinte jedesmal was wir mit frischem roten Blute angeregt und
erstritten hatten.
Aber genug! Ich verfalle in greisenhaftes Gerede und komme vom
Thema ab. -- Also: »Erziehung zur Mannhaftigkeit?« Da kann ich
leider nur wiederholen, was ich schon gesagt habe: Das müssen Sie
besser wissen als ich, denn Sie leben -- ich leider nicht mehr --
der Lebende aber hat recht. Meine Pädagogik lehrte mich die auf uns
lastende Fremdherrschaft: Napoleon war unser Zuchtmeister, unser
Erzieher. Wäre er nicht gewesen, hätte er uns nicht mißhandelt, so
wäre ich nicht zum Volkserzieher geworden, ebensowenig wie Freiherr
vom Stein, wie Scharnhorst, Fichte und die anderen; jedenfalls wäre
auf unsere Worte nicht gehört worden. Was nur damals passend war,
werden Sie wohl nicht brauchen können. Ich meine: Jede Zeit hat eben
ihre besonderen Aufgaben, ihre eigenen politischen und sozialen
Bedürfnisse. Danach wird sich auch ihre Pädagogik richten. Es gibt
ebensowenig eine allgemein giltige praktische Erziehungslehre, als
es eine für alle Zeiten gesetzmäßig festgelegte Wirtschaftslehre,
Staatslehre, Politik oder Kunstlehre gäbe. Das wechselnde Leben schafft
sich seine wechselnden Bedürfnisse und diesen angepaßt seine stets
veränderlichen Kulturformen. Nur die Orthodoxen meinen, eine endgiltig
für alle Christen aller Zeiten und Völker festgesetzte religiöse
Erziehungsweisheit ererbt zu haben. Diesem Wahne opfern sie ihren
Einfluß und ihren wahren Beruf, Dolmetscher, Führer und Erzieher der
tiefsten, ehrlichsten und strebsamsten Geister zu sein und zu bleiben,
wie es seiner Zeit die jüdischen Propheten waren, und leben heute von
dem Weihrauch, den ihnen die Gedankenlosen, Müden, Bequemen und Feigen
spenden. Der Lebende soll nicht immer von dem Toten lernen wollen; denn
-- wie gesagt -- der Lebende hat recht!
Ewige Wahrheiten! Ob es solche wohl überhaupt gibt? Ich bezweifle
es. Nur +eine+ Wahrheit möchte ich für ewig halten, nämlich die, daß
+alles+ im ewigen Wechsel ist. +Alles fließt!+ Selbst +die+ Wahrheiten,
die für alle Ewigkeit begründet schienen. Sie wissen jetzt, weshalb ich
Ihrem Wunsch nicht nachkommen kann. Ich habe viel Dringlicheres zu tun,
nämlich Sie auszufragen.
Doch vorher nur noch ein letztes Wort! Bei Lehrern werden Sie über
Erziehung zur Mannhaftigkeit wenig finden. Denen ist's immer ums
Wissen. Fragen Sie doch lieber bei so alten Haudegen, wie dem Blücher,
an, oder, wenn's schon ein Mann von der Feder sein soll, bei dem alten
Fichte.
Oder zeigen Sie Ihrer Jugend das Lebensbild unseres Freiherrn +vom und
zum Stein+. Sehen Sie, das war ein ganzer Mann, ein Mann nach meinem
Herzen: In seinen Gesinnungen und Grundsätzen immer der Zuverlässige
und Unwandelbare; was gut, tapfer, frei, menschlich und christlich
deutsch war, hat in Rat und Tat in ihm immer den wärmsten Freund,
Verteidiger, Lobredner gefunden; und wenn die Spur seiner äußeren
Wirksamkeit, seiner äußeren Werke und Taten vielleicht schon verwischt
sein wird, so wird und muß doch sein innerer Schatz, die Liebe, Treue,
Hingebung für sein Volk und sein Vaterland, wird das Unsichtbare und
Unbewußte, das unsterbliche, unvergängliche Abbild des geistigen
Wirkens eines edlen und biedern Mannes noch in dem Enkel und Urenkel
des deutschen Volkes fortleben und fortwirken. Oder ist es nicht so?
Gott hatte ein feuriges, gewaltiges, mutiges Herz in seine Brust
gelegt, ihn mit einer raschen, blitzschnellen Auffassung, einem kühnen,
geschwinden Verstande gerüstet: Geschwindigkeit, Kühnheit, Hastigkeit
-- das war er selbst. An Wahrhaftigkeit, Redlichkeit, Offenheit hat
kein Mensch ihn übertroffen, er sah und wandelte stracks und gerade
vor sich hin. Das war sein Glaube, daß durch Wahrheit, Einfalt und
Redlichkeit alle Dinge allein gewonnen werden sollen und erhalten
werden können und daß kein Weg, der irgend krumm sein muß, Segen
bringe. Das war sein Spruch: Es darf nichts getan werden, was nicht
gerade und offen getan werden kann. Also: +offener Weg, hohe Zwecke und
reine Mittel zu den Zwecken+.
Da haben Sie das lebendige Beispiel, wonach der Erzieher sich richten
soll, wenn er +Männer+ erziehen will. Ewig dauere das Gedächtnis +des+
deutschen Biedermanns! Frisch stehe seine Tugend in jeder ernsten Zeit
vor euch, damit ihr wißt, wie ihr handeln und leiden sollt, wenn das
Vaterland euch aufruft. Ich frage Sie, zeigt man unserer Jugend noch
dieses Vorbild?«
»Gewiß, wir zeigen es ihr, wir geben ihr auch gerne einen Einblick in
Ihre Schriften, Herr Professor. So las ich jüngst in einem ›Lesebuche
für die höheren Schulen Deutschlands‹ von Dr. +Alfred Puls+, in
Gotha bei E. F. Thienemann herausgegeben, Auszüge aus Ihren Werken:
»Erinnerungen aus dem äußeren Leben« und »Schriften für und an seine
lieben Deutschen« und darin gerade auch Ihre Würdigung des Freiherrn
vom Stein.«
»Gut, gut! Das freut mich von Herzen -- aber:
Warum denn überhaupt bei uns Alten anfragen? Haben Sie denn inzwischen
in Deutschland gar keine Männer erlebt, die Ihrer Jugend als Vorbild
dienen könnten? Ich meine eben gerade für die Mannhaftigkeit als
Vorbild? Zeitgenossen, Männer, die Ihre politischen und sozialen, kurz
alle Ihre kulturellen Verhältnisse selbst kannten und umgestalten
halfen? Das wäre doch das Wichtigste!«
»Ach ja, mein Herr, gewiß, Zum Beispiel den Bismarck.«
»Wie heißt der?«
»Fürst Otto von Bismarck, Gründer des neuen Deutschen Reiches und
dessen erster Kanzler.«
»So? O, herrlich! Na, erzählen Sie mal!«
* * * * *
Ich möchte nicht dahin verstanden werden, als glaubte ich, wir könnten
ganz auf die Lebenserfahrungen und die pädagogische Weisheit früherer
Geschlechter verzichten. Ich bin im Gegenteil der Meinung, daß es auf
unserem Gebiete der Erziehung kaum möglich ist, Gedanken zu finden,
die nicht vor uns schon gedacht und sorgfältig begründet worden wären.
Es hat bei historischen Rückblicken nur den Übelstand, daß sich jeder
immer nur das aussucht, was ihm gerade in seine Gedankenkreise paßt,
wodurch jetzt alle jene alten Autoritäten kaum noch Gewicht haben.
Es gibt keinen Menschen, der sich nicht auf Goethe als Kronzeugen
beriefe. Da die Erde rund, ein Menschenleben wechselnd und die
Gedanken in stetem Flusse sind, so kann es leicht kommen, daß man
jemanden, der viel geschrieben hat, immer wieder mit seinen eigenen
Worten widerlegt. Ehe eine Zeit für gewisse Gedanken nicht gleichsam
reif geworden ist, bleiben sie unverstanden oder doch unbefolgt.
Sie brauchen oft ihre hundert Jahre, ehe sie zur Tat werden. So ist
es z. B. leicht nachweisbar, daß wir »modernen« Pädagogen zum Teil
unbewußt und unbeabsichtigt ganz in +Herders+ Spuren wandeln, also
auch in +Goethes+, der in paedagogicis Herders gelehriger Schüler war.
Wer das noch nicht weiß, der lese eine kleine Schrift von +Achim von
Winterfeld+ (A. v. Waldberg, »Gesunde Jugenderziehung, Schulreform
und Herder als ihr Vorkämpfer«, Leipzig, Felix Dietrich, 1906). Dieser
Nachweis ist natürlich nicht neu. Schon der große Germanist und
Reformer des deutschen Unterrichts, Dr. +Rudolf Hildebrand+ in Leipzig,
war sich seiner Abhängigkeit von Herder bewußt und sagte: »Ich will
gleich selbst aussprechen, daß ich keineswegs ganz Neues aufzustellen
wähne; doch gewisse Grundgedanken, die in dem wohl noch ziemlich Neuen
stecken, durchkämpfen zu helfen, das möchte ich gern,« und weist uns
dabei selbst auf Herder, als seinen ersten bedeutsamen Vorgänger hin.
Was also Hildebrand und vor ihm Herder für den deutschen Unterricht
anstrebten, das deckt sich fast durchaus mit den allermodernsten
Wünschen und Vorschlägen »unruhiger Neuerer«.
Ich will das kurz mit Stellen aus Herder belegen, die auch schon längst
Rudolf Dietrich (im »Hildebrand-Heft« S. 504) gesammelt hat:
Im Jahre 1769 auf seiner »Fahrt aus Riga in die weite Welt« malte sich
Herder das »Ideal einer Schule« aus, das er in seinem »Reisejournal«
beschrieb. Hier lesen wir über den Sprachunterricht:
»Alles lebendige Übung. Nur spät, und wenig aufschreiben; aber was
aufgeschrieben wird, sei das Lebendigste, Beste, und was am meisten
der Ewigkeit des Gedächtnisses würdig ist. So lernt man Grammatik aus
der Sprache, nicht Sprache aus der Grammatik. So lernt man Stil aus dem
Sprechen, nicht sprechen aus dem künstlichen Stil ... So wird's Gang,
erst sprechen, d. i. denken, sprechen, d. i. erzählen, sprechen, d. i.
bewegen zu lernen ... Die Sprache soll nicht aus Grammatik, sondern
lebendig gelernt werden: nicht fürs Auge und durchs Auge studiert,
sondern fürs Ohr und durchs Ohr gesprochen, ein Gesetz, das nicht zu
übertreten ist.«