Anmerkungen zur Transkription
Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
Im Original fetter Text ist =so ausgezeichnet=.
Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
Buches.
Erziehung zur Mannhaftigkeit
Ludwig Gurlitt
Erziehung zur
Mannhaftigkeit
[Illustration]
Berlin W. 50
Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Hermann Ehbock
1906.
Alle Rechte vorbehalten
MEINEN LIEBEN SÖHNEN
Erwin, Helmut, Winfried
gewidmet,
auf daß sie
aufrechte deutsche Männer =werden=.
Vorwort.
»Erziehung zur Mannhaftigkeit«, keine psychologisch-theoretische
Abhandlung und kein Lehrbuch in paragraphos wohl eingeteilt. Lehren
kann man nur, was man selbst weiß, kann, hat und beherrscht.
Mannhaftigkeit sollten unsere Erzieher sich erst erwerben. Daß das als
wünschenswert, ja notwendig, als möglich und allgemein verbindlich
erkannt werde, deshalb diese Schrift! Daß sie mangelhaft disponiert,
nicht frei von Wiederholungen ist und noch manche andere Kunstfehler
hat, das weiß niemand besser als ich: Aber all das schadet nichts,
wenn sie nur wirkt, was sie wirken soll: ein +Selbstbesinnen+, ein
+Erwachen+, ein +Sichaufraffen+, einen +Willen zur Tat+ aller derer,
die +Volkserzieher+ im +weitesten Sinne+ sind.
Ich bemerke ausdrücklich, daß ich diese Schrift in den Bergen
geschrieben habe, deshalb fast nur auf meinen eigenen Kopf, nicht auf
eine starke Bücherei angewiesen war. Wo ich aber nur immer konnte,
zwang mich doch meine verwünschte Ehrlichkeit, die Gewährsleute
(Männer darf man nicht mehr sagen, da auch Frauen mitarbeiten) selbst
sprechend einzuführen. Ich muß mir diese Tugend nun aber doch endlich
abgewöhnen. Sie zerstört mir jedesmal den einheitlichen Stil meiner
Arbeiten. Es werden gewiß allerlei sachliche Fehler, falsche Zitate u.
dgl. zu finden sein. Ich bitte diese zu entschuldigen, sich darob nicht
allzusehr zu entsetzen. Wo man mir Fehler derart nachweist, werde ich
sie ausmerzen, falls eine zweite Auflage gebraucht wird.
+Ton+ und +Form+ werden manchen Lesern mißfallen; man wird besonders
in Fachkreisen oft den »sittlichen Ernst« vermissen. Zwar kennt und
schätzt jeder Philologe das Wort von Horaz, daß man die Wahrheit auch
lachend sagen dürfe, aber das besteht, wie so vieles, nur im gelehrten
Wissen; das darf man beileibe heute nicht wahr machen wollen!
Plato und Cicero liebten auch den +Dialog+. Man findet ihn dort anmutig
und liebenswürdig, selbst wenn er zur Behandlung wissenschaftlicher,
auch philosophisch-ethischer Stoffe verwendet wird; wenn ich dieselbe
Form hier zuweilen einflechte, nicht aus Vorsatz und gelehrter
Nachahmung, sondern -- ita supercilium salit -- weil mich der Teufel
zwickte, so möge man sich getrost darüber entrüsten.
Ich gebe mich bewußt und mit kühner Ablehnung herkömmlicher
Schulmeisternüchternheit genau so, wie ich nun einmal bin. Weshalb sich
verleugnen? Zudem gibt es viele verwandt gestimmte Seelen, die mich
schon verstehen werden. Auch glaube man ja nicht, daß _die Erzieher
aus solchen Schriften nichts lernen könnten._ Fast täglich laufen bei
mir Briefe von Lehrern ein, die mich durch Zustimmung und Zuspruch
erfreuen. So schrieb mir dieser Tage einer, der selbst ein achtbarer
Schriftsteller ist, als Widmung in sein neuestes Werk: »Dem Verfasser
von ›Der Deutsche und seine Schule‹ als meinem am höchsten verehrten
Lehrer in Dankbarkeit und Treue gewidmet. Keinem anderen Buche schuldet
der Lehrer in mir soviel wie _diesem!_« -- _Nutzlos_ ist also meine
Schriftstellerei nicht, so gern man das auch im Lager meiner Gegner
behauptet.
Mir ist hier angesichts der Dachsteingletscher so froh, so frisch, so
frei, so stolz zumute, daß ich aller Spötter spotte.
Möchte doch von meinem eigenen Behagen und von meinem Lebensmute auch
in dieses Buch ein frischer Hauch eindringen! Nichts tut unserer müden
und kranken Zeit mehr not, als Zuversicht und froher Kampfesmut.
Ich habe viele alte Schlacken aus Kopf und Brust weggeräumt. Jetzt
fühle ich mich nicht, sage ich, »wie neugeboren«; denn Neugeborene sind
weinerlich und machen einen traurigen, hilflosen Eindruck, aber rein,
wie _innerlich frisch_ gewaschen.
Ich komme mir selbst wieder komplet vor und könnte mich endlich ohne
jedes Unbehagen auch wieder im Spiegel besehen, nicht weil ich »schön«
wäre, aber weil ich mich innerlich endlich wieder ganz selbst gefunden
habe und weil ich mich für einen halbwegs anständigen Kerl halte.
Es geht doch nichts über dieses Kraft- und Glücksgefühl.
Sommerfrische in Altaussee i. Steiermark,
den 10. September 1906.
Ludwig Gurlitt,
Steglitz b. Berlin, Arndtstr. 35, I.
I.
Begriffsbestimmung.
»Mit Worten läßt sich wacker
streiten.«
(Goethe.)
Vorauf muß ich schleunigst eine genaue Begriffsbestimmung der
+Mannhaftigkeit+ geben, sonst ergeht es mir, wie voriges Jahr (1905) in
Hamburg auf dem Philologentag, wo ich über Pflege der Persönlichkeit
sprach. Da fielen gleich ein Gymnasialdirektor und zwei Geheime -- oder
waren es gar Wirkliche Geheime? -- über mich her und sagten: ich hätte
meine Sache schlecht gemacht. Erst hätte ich eine +Definition+ der
Persönlichkeit geben müssen. Aha! -- Was nämlich eine Persönlichkeit
ist, das weiß in Deutschland kaum einer, da muß man, wie mir der Herr
Direktor sagte, entweder in Leipzig bei Wundt, dem Professor der
Philosophie, studiert oder doch dessen dicke Bücher gelesen haben. Da
steht alles drin.
Um diesen Herrn zufrieden zu stellen, würde ich also zu untersuchen
haben:
a) Was ist Erziehung? -- Erziehung ist die bewußte Beeinflussung
älterer Leute auf -- -- usw.
b) Was ist Mannhaftigkeit? -- Mannhaftigkeit ist -- --
c) Was heißt Erziehung zu etwas?
usw. das Alphabet durch. Vielleicht gelänge es mir auch, aber ich
fürchte, ich würde wenige Leser finden und nichts damit ausrichten.
Vielleicht steht auch schon alles über die Mannhaftigkeit bei Wundt.
Da mag man also nachschlagen. Ich kenne die Bücher dieses Herrn, der
allen Ernstes ein sehr gelehrter und bedeutender Psychologe sein soll,
noch nicht. Sie sind mir auch hier unerreichbar. Ich sitze nämlich in
einem steirischen Bauernstübl, rings umgeben von hohem felsigen Gebirg.
Im weiten Umkreis keine philosophischen Bücher. Schulferien sind
vorbei, also auch nirgends ein Mensch, den ich um Rat fragen könnte.
Nirgends, soweit ich die Stimme, die rufende, schicke, ein preußischer
Gymnasialdirektor, nirgends ein Geheimer oder Wirklicher Geheimer Rat.
Eher, glaube ich, könnte ich jetzt hier in den Bergen einen alten
Gemsbock greifen.
Und doch soll und will ich weiterleben, weiterdenken, weiterschreiben
-- sogar über Erziehung zur Mannhaftigkeit schreiben! Versuchen wir
es also auf gut Glück, wenn's einmal sein muß, mit unserer eigenen
Begriffsbestimmung!
Erst muß ich bemerken, daß mir das Wort Mannhaftigkeit in der Regel zu
eng gefaßt zu werden scheint, nämlich fast ausschließlich in Beziehung
auf kriegerische und dem verwandte Betätigungen.
Unser Thema hat, was man so zu nennen beliebt, ein »aktuelles
Interesse«, denn es hat unseren +Kaiser+ und folglich auch unsere
Presse in letzter Zeit beschäftigt.
Anläßlich eines vom Norddeutschen Regattenvereine diesen Sommer (1906)
in Cuxhaven veranstalteten Festes sagte nämlich unser Kaiser wörtlich
wie folgt:
»Der Sport, den wir betreiben, hat auch einen ernsten Hintergrund,
und das ist das zweite, was zu unserer Entwicklung notwendig ist,
daß +wir Männer+, daß +wir Charaktere haben+, daß unsere Männer sich
bewußt sind der +Wichtigkeit der deutschen Männlichkeit+. Der deutsche
Manneswert kann sich bewähren auf verschiedenen Gebieten, im Heere, im
Zivildienst, auf der Flotte, im Dienst in den Einzelstaaten, in den
Gemeinden, aber am besten wird er ausgebildet, am besten und klarsten
wird unseren Deutschen das Auge gemacht, wenn sie auf das +Salzwasser+
kommen. Daher begrüße ich in jedem von Ihnen einen meiner Mitkämpfer
und Mitarbeiter an dem Werke, unsere deutschen Männer zu erziehen,
damit sie in der Lage sind, mit offenem Blick ihr ganzes Sinnen
und Trachten in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. Daß unserem
Vaterlande eine solche schöne Entwicklung beschieden sein möge, daß
unser Segelsport gewinnen und blühen möge, daß Sie ein fröhliches und
lustiges Segeln auch in diesem Jahre haben mögen, darauf leere ich mein
Glas. Es leben die Segler! Hurra, hurra, hurra!«
Männer setzen Knaben voraus. Wenn wir Männer und Charaktere haben
wollen, müssen wir sie heranbilden oder wenigstens wachsen lassen. Das
ist also eine Sache der Erziehung. Da haben alle Eltern und Lehrer
nicht bloß mitzusprechen, sondern auch mitzuhandeln. Das gibt uns ein
Recht, die Ratschläge des Kaisers zu prüfen.
Wir unterschätzen gewiß alle weder unser Heer, unsere Marine, noch
den Segelsport, erkennen alle sehr wohl die stählende Kraft, die in
dem Umgang und Kampfe mit dem Meere liegt, halten aber doch die Frage
für berechtigt, ob sich denn wirklich der deutsche Manneswert nur im
Heere, im Zivildienst, auf der Flotte, im Dienst der Einzelstaaten, in
den Gemeinden bekunden und bewähren kann? Wenn es sich nur um +diese+
Richtung und Ausbildung des Manneswertes handelte, so bedürfte es kaum
erneuter und besonderer Anstrengungen. Das deutsche Volk hat sich
vor dem Feinde, in Gefahr und Not noch stets bewährt. Auf der weiten
Erde steht unser Volksheer in dem Rufe der Unbesieglichkeit. Die
staunenswerten Kriegstaten von 1864, 66, 70--71 rechtfertigen dieses
Urteil. Nicht minder ruhmeswert ist das, was seit drei Jahren unsere
Truppen unter unsagbaren Schwierigkeiten des tropischen Klimas in
Afrika leisten.
Ultra posse nemo obligatur -- lautet ein alter Rechtssatz. Ȇber sein
Vermögen wird niemand verpflichtet«. Diese Männer aber überbieten fast
das menschliche Vermögen und bestehen Heldentaten, während ihr Leib in
der Dürre der Wüste schon zu Tode verschmachtet. Ihre Leistungen an
Willenskraft sind noch nie übertroffen worden.
Und wahrlich, nicht umsonst versiegt all das kostbare deutsche Blut,
fließt all der saure Schweiß unserer Brüder in Afrikas Wüstensand: Mag
der volle äußere Erfolg auch noch ausstehen: das +eine+ lehren diese
Helden uns und vor allem auch unsere Feinde, daß der Deutsche heute
so gut wie jemals für seine Ehre und für seine Pflicht ohne Klagen
mannhaft zu leben und zu sterben weiß.
So werden ihre Taten uns den kostbaren Frieden in Europa bewahren
helfen, der bedroht war, weil unsere Neider den Wahn verbreiteten,
die deutsche Einheit und Kraft gehe in die Brüche, zumal im Heere,
das man durch politische Verhetzung und durch moralischen Verfall des
Offizierstandes +wurmstichig und im innersten Kern krank+ glaubte.
So schnell sinkt ein Volk von seiner Höhe nicht herab, so schnell
läßt Art nicht von Art. Was ist denn geschehen im Bösen und
Niedrigen, daß wir berechtigt wären, die Söhne der Sieger von Wörth
und Sedan für minderwertig zu halten? Kein einziger ernster Vorfall
in Heer und Marine, der zu wahrer Besorgnis Anlaß gäbe. Höchstens
die Soldatenschinderei; aber die ist unbestreitbar im Abnehmen.
Liebeshändel aber und dann und wann ein Jeuchen hat es gewiß nicht
minder in dem Musterheere des Großen Fritz gegeben. Auch unsere Sieger
von 1870/71 waren in dieser Hinsicht keine Tugendbolde.
Was geschehen könnte, um bei uns die kriegerische Tüchtigkeit von
Offizieren und Mannschaften noch zu steigern, darüber müssen wir die
Herren vom Fach entscheiden lassen.
Unser Heer, einschließlich natürlich die Marine, ist jedenfalls eine so
bewährte Schule zur Mannhaftigkeit, daß es neu erfunden werden müßte,
wenn es noch nicht bestände. Es ist die großartigste organisatorische
Schöpfung der neuen Welt. Das alte Rom hatte in seiner Glanzzeit etwas
Ähnliches, blieb aber doch mit seinem Heere hinter dem zurück, was wir
vor Augen haben. Etwas anderes ist es natürlich, ob dieses nach wie vor
tapfere Volk in Waffen gewillt sein und bleiben wird, dem Geiste und
der politischen Richtung zu dienen, die zurzeit in Deutschland beliebt
sind. Auch der russische Soldat ist tapfer und hingebend. Er hat es
besonders im letzten Türkenkriege bewiesen. Schlecht regiert, konnte
er aber seine Tapferkeit sogar gegen die eigenen Offiziere wenden.
Mannhaft sind die Revolutionäre auch, die jetzt Heeresrevolten machen
und mit Aufopferung ihres eigenen Lebens Bomben werfen -- aber +diese+
Art von Mannhaftigkeit wollen wir uns doch sorgsam vom deutschen
Volksleibe halten! Das ist Sache der Regierung und der gesetzgebenden
Körperschaften. Und da liegt auch der Schwerpunkt der Frage.
Ebensowenig wie an eine bestimmte Regierungsform ist die Tugend der
Mannhaftigkeit an irgendeinen Stand oder an irgendein Alter gebunden.
Sie ist dem besseren Menschen angeboren, kommt nur in bestimmten
Berufen, wie im Heere, am besten zur Ausbildung und am sichtbarsten zum
Ausdruck.
Die zahlreichen Beweise von Heldentum, die auch im zivilen Leben
vorfallen und wie sie uns die Zeitungen berichten, werden leider nicht
gesammelt. Eine solche Statistik würde geeignet sein, unser nationales
Selbstgefühl stark zu heben.
Wie viele Medaillen für Errettung aus Todesnot und mit eigener
Lebensgefahr werden jährlich in Deutschland verteilt? Wie viele
Feuerwehrmänner, See- und Bergleute, wie viele Bergführer finden in
treuer Ausübung ihres Berufes und aus edelster Hingabe für andere den
Tod?
Wir lasen von Knaben, die Heldentaten begingen, um ihre Geschwister
oder Freunde zu erretten. Wir lasen vor einigen Jahren, daß bei dem
Untergang eines Vergnügungsdampfers in der Elbemündung ein junger
Kellner, der dem sinkenden Schiff entronnen war, trotz aller Bitten
seiner Braut +fünfmal+ in die Fluten zurückkehrte, um kleine Kinder vor
dem Tode zu erretten, bis er selbst in den Wellen den Tod fand. Hätte
das vor 3000 Jahren ein junger Spartaner oder Athener geleistet, sein
Name lebte noch heute im Munde aller deutschen Kinder. Wir sind nicht
umsonst ein »+klassisch+« gebildetes Volk!
Wenn wir die sozialistischen Blätter lesen, so wird uns darin erzählt,
daß nur der Proletarier, der Mann der arbeitenden Klasse, zu so
selbstloser Hingabe fähig sei. Richtig ist, daß man dort ein größeres
Verständnis für die menschliche Not und einen stärkeren Willen findet,
sie zu teilen und mit zu bekämpfen. Werktätige Nächstenliebe ist in
den unteren Gesellschaftsschichten, die uns von reaktionslüsternen
Nichtkennern als verroht und verkommen gezeichnet werden, gegenwärtig
sehr stark entwickelt. Aber nur Partei- und Klassenhaß kann behaupten,
daß die oberen kirchlich korrekten Gesellschaftskreise von solcher
Gesinnung ganz ausgeschlossen wären. Was Ärzte, barmherzige Schwestern
und Pflegerinnen aus vornehmen Häusern auf den Schlachtfeldern, in den
Baracken von Cholera- und Typhuskranken allezeit geleistet haben, darf
nicht verschwiegen bleiben. Häufig auch lasen wir, daß junge Offiziere
Ertrinkende mit eigner Lebensgefahr errettet haben; und daß jeder
Offizier, wie Bismarck ihm nachrühmte, seinen Mann aus dem dichtesten
Kugelregen herausholt, daran hat sich seitdem auch nichts geändert. Den
deutschen Offizier macht uns auch heute noch niemand nach.
Mit den Tätigkeiten, die unser Kaiser besonders erwähnte, sind also
die Gelegenheiten, deutschen Manneswert zu bewähren, keineswegs
erschöpft. Auch auf dem Gebiete der Forschung, der Wissenschaften,
Literatur und Kunst werden Heldentaten begangen, die oft unbekannt,
aber bewundernswerter sind als der Ansturm eines Offiziers auf eine
feindliche Schanze. Der Ritter +Frundsberg+ hatte wohl recht, als er in
Worms dem Pfäfflein +Martinus Luther+ sagte, er gehe einen schwereren
Gang als er oder sonst ein Kriegsmann je gegangen wäre. Die Frage des
Berliner Tageblattes war deshalb berechtigt: »Bedeutet schließlich die
Ausbildung der menschlichen Individualität gar nichts mehr gegenüber
den Anforderungen, die das staatliche oder kommunale Gemeinwesen an
die Fähigkeiten der Menschen stellt?« Und sehr mit Recht wurde auch
gesagt: »Unbeschadet des hohen Wertes jener in den öffentlichen Dienst
gestellten Tugenden und Fähigkeiten darf man es getrost behaupten, daß
in der einseitigen und übertriebenen Wertschätzung jener Betätigungen,
die lediglich auf die Entwicklung der materiellen Kräfte in Staat
und Gesellschaft abzielen, eine nicht zu unterschätzende Gefahr
für die Entwicklung der Kultur im allgemeinen und der deutschen
idealgerichteten Geistesbildung im besonderen liegt. Nur in einer
harmonischen Ausgleichung der ideellen und materiellen Interessen
eines Volkes liegt die sichere Gewähr für seine gedeihliche zukünftige
Entwicklung.«
Wie also soll nun unsere Definition lauten?
Unter Mannhaftigkeit verstehen wir den Inbegriff all der Tugenden, die
das Wesen eines echten Mannes ausmachen, als da sind: Wahrhaftigkeit,
Tapferkeit, Ausdauer, Treue, Edelmut -- ach nein, ich sehe, so
geht es doch nicht. Was ist lächerlicher, als in dieser Weise das
Herrlichste, was Gott erschaffen kann -- einen wahren Mann --, auf
gelbem Konzeptpapier frei konstruieren wollen? Es geht nicht, geht auch
nicht auf dem von den Behörden vorgeschriebenen halbbrüchigen weißen
Aktenpapier Nr. F. Es ist mit einer solchen papiernen Tugendsammlung
wie mit der Abbildung des Pferdes, das mit allen Pferdekrankheiten
behaftet ist: Hahnentritt, Spat, Rotz und grauem Star. So wenig ein
solches Pferd je gelebt hat, so wenig gab und gibt es den Mann, der mit
allen wahrhaftig männlichen Tugenden behaftet war. Auch der tugendhafte
Schüler lebt nicht, der, den zahllosen ihm vorgestellten Mustern
gemäß, mild und sanft wie Christus, stark und trotzig wie Bismarck,
begeisterungsfähig wie Schiller, ruhig und besonnen wie Moltke ist.
Man darf unserm Herrgott nicht ins Handwerk pfuschen wollen. Er läßt
sich keine Vorschriften machen, das Konzept nicht korrigieren. Mannhaft
waren Walther, Luther, Ulrich von Hutten, Lessing, Goethe, Schiller,
Bismarck, aber auch Richard Wagner, Beethoven, Moritz von Schwind und
der körperlich kleine Menzel -- jeder aber mannhaft auf seine Art,
keiner ein Komplex bestimmter abstrakter Tugenden.
+Ludwig Richter+ hat uns ein entzückendes Bildchen hinterlassen mit den
Versen:
»Marthens Fleiß,
Mariens Glut,
Schön wie Rahel,
Klug wie Ruth,
Mägdlein bestes Heiratsgut.«
Das glaub' ich! Daraus macht eine umsichtige Mama nicht eine, sondern
vier gute Partien!
Da wird wohl Unmögliches gefordert: Wer Mariens religiöse Glut hat, dem
fehlt Marthens wirtschaftlicher Sinn, wer schön wie Rahel ist, pflegt
nicht klug wie Ruth zu sein. -- Auch bei den Frauen finden wir selten
solch wandelnde Ideale, und wenn sie erscheinen, so sind sie mehr
Naturwunder als Erziehungsprodukt. Allzu ideal wünscht man sie auch
gar nicht, es würde ihnen damit wohl das Beste, die Individualität,
oder -- um dieses wahrhaft abscheuliche Wort nicht zu gebrauchen -- die
schlichte Natürlichkeit und Menschlichkeit verloren gehen. Damit sage
ich nichts Ungalantes. Das liegt mir ganz fern, denn ich bin durchaus
eines Sinnes mit dem jungen Kommis, der behauptete, daß die Frauen
jedenfalls in dieser Branche das Beste sind, was wir haben.
Doch zurück zum Mann. Ich erinnere mich einiger Verse von +W. H. Riehl+:
»Wer weiß, was er will,
Und will, was er kann,
Und kann, was er soll,
Der ist ein ganzer Mann.«
Das mag man gelten lassen.
Fassen wir das Gemeinsame in den Lebensäußerungen all jener bedeutenden
Männer zusammen, so ergibt sich als Merkmal ihrer Mannhaftigkeit
das Einsetzen ihrer ganzen Kraft für das, was ihnen als edel und
erstrebenswert erschien. Aber nein, auch das befriedigt mich noch
nicht! Wir müssen noch eine Stufe höher steigen. Das Tun dessen, was
edel erscheint, ist ein »Edel-sein-wollen«, also ein Umweg über das
Ideal, dem man nachstrebt, wodurch man seine Selbstachtung befriedigen
will, nicht der unmittelbare Weg zur eigenen Natur selbst. Mannhaft ist
+das furchtlose Tun des Notwendigen+, ist einfach +das Leben, wie man
seiner Natur nach leben muß+.
Für das Erstrebenswerte hat man bei uns die vage Bezeichnung: +ideal+.
Ich gebrauche dieses Wort nicht gern, weil es durch Mißbrauch um
seinen guten Ruf gekommen ist. Die meisten Menschen denken sich heute
unter Idealismus irgendeine feine, zarte, duftige, in den Wolken
schwebende Sache, die nur für die »ganz Gebildeten« ist. Die Ästheten
und altklassisch Humanen haben uns dieses an sich schon undeutsche
Wort arg heruntergebracht, indem sie es gar so hoch bringen und dem
täglichen Gebrauche entrücken wollten. »Ideal« sind angeblich der junge
Poet, der Gymnasialdirektor und seine mit Plato- und Cicerogeist leicht
angehauchten Primaner. Den idealen Jüngling denkt man sich blondgelockt
und mit schmachtenden, wasserblauen Augen. Den altklassischen
Idealismus, mit dem man noch so viel Wesens macht, hat es in der Form,
die in unseren Gymnasien ihr Scheinleben führt, selbst niemals gegeben.
Die Griechen und nun gar die Römer waren derbreale Völker. Was man aber
mit Recht als »ideal« bezeichnen könnte, das ist recht eigentlich eine
germanische Kulturfrucht. »Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer
selbst willen treiben.« Also heißt deutsch sein, auch ideal sein. Wer
eine Sache um ihrer selbst willen treibt, ist von ihrer Notwendigkeit
so überzeugt, daß er ihr jedes Opfer zu bringen vermag. Ihr dienen, ist
ihm nicht einmal ein Opfer, sondern wahrer Lebensberuf, Befriedigung
des innersten Triebes, ist ihm Notwendigkeit und so selbstverständlich,
wie dem Baume das Blühen und Früchtetragen selbstverständlich sein mag.
Kein Mensch rechnet es dem Apfelbaum als Idealismus an, daß ihm die
Äste vor Fruchtbarkeit brechen wollen, auch nicht der Häsin, daß sie
jährlich zwei Dutzend Junge wirft, nicht der Henne, daß sie für ihre
Küken mit dem Raben auf Tod und Leben kämpft.
Ebensowenig will sich ein Künstler anstaunen lassen, weil er für seine
Kunst auch hungert, das versteht sich ihm ganz von selbst, -- oder ein
Offizier, weil er für seine Ehre und sein Vaterland in den Tod geht,
oder ein schlichter Lotse, weil er Ertrinkenden Rettung bringt.
Idealismus ist gerade die derbste, handfesteste Sache, ist schweres
Hausbackenbrot, nicht Konfekt für Leckermäuler. Bei jedem wahren
Idealismus geht es auf Leben und Tod. Mit sentimentalem Gesäusel kommt
man ihm nicht nahe; mit all dem beliebten Ei, ei, ei, und Ach, ach,
ach trifft man sein Wesen nicht. Wer auf große Kunstwerke in dieser
schwächlichen Weise reagiert, der beweist damit nur, daß ihm das
Wesen der Kunst überhaupt noch gar nicht aufgegangen ist. Nicht bloß
die Schlachten, jede Kulturtat wird mit Blut erkauft. In jedem Werke
gibt der wahre Arbeiter und Künstler ein Stück und immer gerade das
beste Stück seines Lebens hin. Es ist damit wie mit dem Eierlegen des
Schmetterlings. Er lebt dafür und stirbt daran, und daß er beides kann
und darf, das macht ihm das Leben lebenswert und den Gedanken an den
Tod erträglich. Wer dieserart seine Natur und damit seinen Lebenszweck
gefunden hat, der wird in jeder Lebenslage mannhaft sein, er müßte
sonst seine Natur geradezu verleugnen.
Auch diese Begriffsbestimmung wird die Theoretiker nicht befriedigen.
Am besten wohl, wir bescheiden uns mit diesem Mißerfolg.
Was ein Mann ist, dafür brauchen und haben wir keine vollgültige
Definition.
Was ein ganzer Mann ist, das merken wir gleich, wenn er uns einmal
entgegentritt. Wenn es Philosophen und Stubengelehrte nicht wissen
sollten, so mögen sie ihre Frauen fragen. Die wissen's, wenn vielleicht
auch nur e contrario. Vielleicht wissen es sogar auch die Töchterchen
schon. Ein junger unverdorbener Bursch weiß es auch. Was nun vollends
ein echter deutscher Mann ist, das brauchen wir wirklich nicht erst aus
den Büchern zusammenzulesen. Wir tragen es im Herzen, und wir haben
es mit eigenem Auge gesehen, jedenfalls wir Älteren. Es ist uns zum
freudigen und zugleich tief erschütternden Erlebnis geworden, als wir
vor dem greisen Bismarck standen und seine Worte hörten, die uns wie
eherne Pfeile ins Herz drangen: jeder Satz ein Glaubensbekenntnis,
hinter jedem Gedanken die Lebensüberzeugung eines Aufrechten, der sich
seine innere Welt selbst erstritten und erbaut hat. An ihm sahen wir
lebendig, was uns +Ernst Moritz Arndt+ in seiner für unser Gefühl etwas
theatralischen Sprache als das wahre Wesen des Mannes, des deutschen
Mannes, vorgezeichnet hat: »Wollt ihr das irdische Paradies wissen?« so
fragte er seine deutschen Brüder und gab ihnen die Antwort: »Es heißt
Arbeit und Mühe, und Freude und Genuß nach Arbeit und Mühe. Anders
wird auf Erden kein glückliches Leben, keine Freude des Herzens, kein
Götterstolz der schwellenden Brust gewonnen. Es heißt arbeiten und
wirken, streiten und ringen, Mut frisch zu leben und tapfer zu sterben.
Weg mit euren Mondgesichtern, eurem seligen Schlaraffenlande, mit allen
euren weinerlichen Tugenden und tugendhaften Weinerlichkeiten! Freies
Auge, festen Arm, kühnes Wort, freudiges Leben und frischen Tod, +das
will ich an Männern+; die Würde des Geschlechts, den Verstand der Welt,
das hohe Ideal der Ewigkeit in Wort und Tat sollen sie aufrechthalten;
darum sollen sie gerüstet sein zu Zorn und Tod, zu jedem hohen Gefühl
und jedem hohen Opfer.«
Mag uns also mit dieser Erklärung genug sein. Sie ist keine
Begriffsbestimmung, aber sie trifft das Wesen der Sache, von der wir
handeln.
Im weiteren Verlaufe dieser Darstellung wird dann noch deutlicher
hervortreten, was wir unter Mannhaftigkeit verstehen.
II.
Begrenzung des Themas.
Die Deutschen zur »Mannhaftigkeit« erziehen, heißt, sie ihrer eignen
Natur zuführen. +Bismarck+, der seine Deutschen wie wenige kannte,
teilte die Völker in männliche und weibliche. Den männlichen zählte er
die Deutschen zu. Dabei handelt es sich, wie schon gesagt, nicht allein
um Tapferkeit vorm Feinde, scheinbar die männlichste aller Tugenden,
sondern um die ganze innere Kraft und Beharrlichkeit, um die ruhige,
sichere Lebensführung. »Tapfer«, sagt derselbe Bismarck, »sind alle
Völker.« Tapfer sind in Wahrheit die Franzosen und nicht minder die
Japaner, tapfer die Türken und die Hereros. Einer unserer Afrikaner
erzählte mir, daß er nach dem Gefechte tote Hereros gefunden habe,
die sich selbst in die Wunden Grasbolzen gestopft hatten, um bis zum
letzten Atemzuge mitzukämpfen. Wer also könnte die Tapferkeit dieser
»Wilden« noch überbieten? Tapfer sind alle die Völker, die für ihre
Freiheit, ihren Glauben, ihren Herd und ihre Heimat kämpfen. Feig sind
nur Sklaven, die nichts zu verteidigen haben, was den Einsatz des
Lebens lohnte. Je mehr unabhängige, freie Männer ein Volk hat, um so
waffengewaltiger und unwiderstehlicher wird es sein. Das wußten die
großen Volkserzieher sehr wohl, die vor jetzt hundert Jahren in Preußen
aus Leibeigenen freie deutsche Bauern machten.
Eine Erziehung zur Tapferkeit gibt es eigentlich nicht. Schon Sokrates
legte sich die Frage zweifelnd vor, ob es möglich sei, aus einem feigen
Menschen einen tapferen zu machen. Er erkannte richtig, daß man ihn
dahin bringen könne, durch Gewandtheit und Kraft die Gefahren und damit
die Furcht zu vermindern. Er war aber der Meinung, daß ein in schwerer
Rüstung erprobter Spartaner seinen Mut verlieren würde, wenn man ihn
plötzlich leichtbewaffnet mit Pfeil und Bogen auf ein wildes Pferd
setzen wollte -- und umgekehrt. Das ist ganz richtig. Ich beobachte
hier die verwegensten Bergsteiger unter den steierischen Bauern, die
durch keine Bitten und Vorstellungen dazu zu bringen wären, bei Sturm
ein Boot zu besteigen.
Tapfer vor dem Feinde oder im Wogendrang sind die Deutschen und werden
es ihrer Natur nach im wesentlichen auch immer bleiben, wenn sie zu
Land und zu Wasser eine tüchtige Ausbildung erhalten und wenn sie
nicht durch eine ungeschickte Regierung und durch eine ungünstige
wirtschaftliche Entwicklung wieder tiefer in eine menschenunwürdige
Abhängigkeit gebracht werden. Die Gefahr ist allerdings vorhanden,
und die Bahn, in der sich unsere sogenannte Kultur entwickelt, führt
unsere Volksmasse eher in die Tiefe, als in die Höhe. Drei starke
Mächte untergraben unbewußt und unbeabsichtigt, aber de facto doch
die Mannhaftigkeit unseres Volkes: +Hierarchie+, +Bureaukratismus+,
+Kapitalismus+.
Mit diesen drei Mächten werden wir uns auch in dieser Schrift
herumschlagen müssen. Das sieht aus wie eine Abweichung vom Thema, ist
es aber nicht. Kein Erzieher, der den allgemeinen Erziehungsfragen
nachgeht, kommt um diese Probleme herum.
Es ist überhaupt ein gar wunderlich Ding mit der Erziehung. Wo immer
man ansetzt, um irgendeiner Erziehungsfrage auf den Grund zu gehen,
da gerät man sofort in die allgemeinen großen und letzten Fragen
der Menschheit, des sozialen und staatlichen Lebens. Man wirft uns
pädagogischen Schriftstellern vor, daß wir anmaßend und geschwätzig
wären. Mag sein, daß wir es sind, aber es ist fast eine Notwendigkeit,
denn unser Studiengebiet ist die gesamte Menschheit, und es hängt darin
wie in einem großen Gewebe eines mit allem zusammen.
Ein besonderes Thema aus der ethischen Erziehung herauszugreifen
ist, wie ich zu spät einsehe, eigentlich etwas Halbes, Einseitiges,
Verkehrtes. Es ist, als wollte einer z. B. über die Gesundheit oder
Pflege der menschlichen Hand ein Lehrbuch schreiben, ohne zugleich
den gesamten übrigen Leib zu behandeln und ohne Kenntnis alles
organischen Lebens und Wachstums. Ist der ganze Leib gesund, so wird
es auch die Hand sein oder werden. Dagegen kann die Hand nie gesund
sein und werden, wenn der übrige Leib krank ist. Ein Leib ist eben ein
geschlossener Organismus. Ebenso ist das menschliche Geistesleben
eine Einheit, ist ein Volk eine Einheit, ist Volkserziehung ein
einheitliches Thema. Wo immer man ansetzt, stets führt die Untersuchung
vom Einzelnen ins Allgemeine, und ehe der Schulmann sich versieht, eilt
sein Geist und seine Feder aus der Schul- und Kinderstube hinaus in die
weite Welt und sucht ringsum, selbst in der alten Geschichte und in
entfernten Gegenden, die notwendigen Ergänzungen und Belehrungen.
So wird sich auch dieses Buch, dem ich enge Grenzen und ausschließliche
Beschränkung auf das Gebiet der Jugenderziehung zugedacht hatte,
auf sein eigenstes Thema nicht beschränken lassen. Vor allem stellt
sich immer wieder heraus, daß Jugenderziehung und allgemeine
Menschenerziehung nicht zu trennen sind. Schon deshalb nicht, weil nur
selbst erzogene Menschen erziehen können, weil jede Erziehungsschrift
sich an die Erwachsenen wenden muß und weil notwendige Voraussetzung
einer jeden guten Erziehung die rechte Organisation von Staat, Haus,
Schule und öffentlichem Leben ist.
Die größten Philosophen und Staatsmänner waren deshalb auch in der
Regel zugleich die besten Erzieher ihres Volkes. +Bismarck+ hat für die
moralische Erziehung unseres Geschlechtes mehr geleistet als zahlreiche
Erzieher von Beruf zusammengenommen. Ebenso Kaiser Wilhelm I. Das
Vorbild gilt mehr als die Lehre, »exempla trahunt« sagten die Römer.
Wenn Plato lehrt, der weiseste Philosoph müsse König sein, so müßte der
Weiseste zugleich Erzieher sein. Stillschweigend wird das auch durch
die Praxis schon anerkannt, denn die Erziehung holt sich ihre geistigen
Hilfstruppen nur aus den Regionen der höchsten menschlichen Kraft. Das
Tiefste, Edelste, Größte und Schönste, was je gebildet, gedacht und
geleistet worden ist, ist uns für unsere Erziehungszwecke eben gut
genug. Nichts liegt uns so fern, nichts so hoch, wonach wir Lehrer
nicht unsere Hände ausstreckten.
Wir haben ein Recht dazu, denn wir walten in Wahrheit eines königlichen
Amtes und unser Reich ist nicht minder groß und schön, als das der
Mächtigsten unter den gekrönten Häuptern. Die Berechtigung aber,
auch an der Erziehung der Eltern zu arbeiten, wird man uns nicht
zugestehen. Dem Prediger ist sie nie bestritten worden. Er hat die
höhere Weihe. So auch der Jurist, der den ererbten, nicht immer
begründeten Ruf allumfassender Kenntnisse und Fähigkeiten genießt,
zumal wenn er sich mit dem Scheine eines +Staatsmannes+ zu umkleiden
weiß. Dahinter wittert der gewöhnliche Sterbliche eine ganz profunde
geistige Kapazität und deutet selbst das Schweigen als ein Siegel
tiefer Gedanken. Dabei ist es oft das ganz natürliche Zeugnis geistiger
Impotenz. Wir wissen, wie geringschätzig +Bismarck+ über diese Zunft
der Völkerlenker dachte. Bauern, Zolleinnehmer und Krämer kamen ihm
mit ihnen verglichen als wahre Leuchten vor. Mir erzählte einmal
Exzellenz +v. Oehlschläger+, Bismarck habe ihn zum Unterstaatssekretär
mit der Begründung gemacht, daß er ein +Jäger+ (!) sei. Jäger hätten
ein gutes Auge und ein gesundes Urteil. Man lese, wie verächtlich auch
+Maximilian Harden+ von der Zunft spricht, die die Welt mit so wenig
Verstand regiert.
Man wird vielleicht, wie nach dem Schmerzenstage von Tilsit, noch
einmal zu der Überzeugung kommen, die +Fichte+ den verzagten Deutschen
predigte, daß alles Heil von der +Erziehung+ kommen müsse. »Unsere
Verfassung wird man uns machen,« sagte er damals in seinen Reden an
die deutsche Nation, »unsere Bündnisse und die Anwendung unserer
Streitkräfte wird man uns anzeigen, ein Gesetzbuch wird man uns leihen,
selbst Gericht und Urteilsspruch und Ausübung desselben wird man uns
bisweilen abnehmen. Mit diesen Sorgen werden wir auf die nächste
Zukunft verschont bleiben. Bloß an die +Erziehung+ hat man nicht
gedacht: suchen wir ein Geschäft, so laßt uns dieses ergreifen! Es
ist zu erwarten, daß man in demselben uns ungestört lassen werde. Ich
hoffe, daß ich einige Deutsche überzeugen und sie zur Einsicht bringen
werde, daß es +allein die Erziehung+ sei, die uns retten könne vor
allen Übeln.«
Wir leben bei allem äußeren Glanze und bei aller Selbstgefälligkeit in
Zeiten, die uns durch die schwüle Stimmung an den Niedergang Preußens,
an die Vorboten von Jena und Auerstedt erinnern. Jedenfalls ist die
Klage +Dr. Heinrich Ilgensteins+ (Blaubuch 1906 Nr. 34) berechtigt,
daß seit den Zeiten des seligen Metternich nie so dunkel, so öde,
so entwicklungsfeindlich, so gegen das Volk und seine vitalsten
Bedürfnisse regiert worden ist. Wo die Staatsinstitute so schmerzlich
versagen und aus den Behörden heraus kein befreiendes Wort zu vernehmen
ist, wird man wohl wieder nach freien »Männern« Ausschau halten.
Vielleicht findet man den einen oder den anderen unter den Lehrern, den
berufensten Kulturträgern, der sich seiner Mission bewußt wird. Schon
der »Rembrandt-Deutsche« sprach die Überzeugung aus, daß wir, um ein
einiges Volk zu werden, noch einen zweiten Bismarck brauchten, und das
müsse ein +pädagogischer+ (oder, wie er unzutreffend sich ausdrückt,
ein philologischer) sein. Vielleicht helfen auch diese Rufe mit, ihn
aufzuwecken und zur Tat zu begeistern. Den Lehrer aber hat man leider
nie nach seiner Bedeutung bewertet. Deshalb vor allem ist er in der
Regel hinter seiner wahren Aufgabe auch weit zurückgeblieben. Jetzt
vielleicht noch mehr als in früheren Zeiten. Denn jetzt ist der Lehrer
mehr als je -- Beamter. Als solcher hat er ein Amt, aber keine Meinung.
Der Mensch wird eben schließlich zu dem, wofür man ihn nimmt.
+Friedrich der Große+, sonst wirklich groß und ehrlich gewillt, ein
+freidenkendes Volk+ zu beherrschen, dachte doch so niedrig über die
geistigen Ansprüche, die au deutsche Jugenderziehung zu stellen seien,
daß er Unteroffiziere dazu glaubte abkommandieren zu können. Das war
vielleicht schon ein Fortschritt. Denn der Unterricht lag damals
noch in den Händen von Handwerkern, die ihn im Nebenamt betrieben.
Der Lehrer rangierte auf dem Lande jahrhundertelang in einer Linie
mit den Kuhhirten und den Totengräbern. Sein Gehalt ist auch jetzt
noch in Preußen das eines Subalternbeamten, obschon +Luther+, der
große Lehrmeister der protestantischen Welt, gesagt hatte: »Einen
fleißigen, frommen Schulmeister oder Magister oder wer es ist, der
Knaben getreulich zeucht und lehret, den kann man nimmermehr genug
lohnen und mit keinem Gelde bezahlen: noch ist's bei uns so schändlich
veracht, als sei es gar nichts, und wollen dennoch Christen sein.
Und ich, wenn ich vom Predigtamt und andern Sachen ablassen könnte
und müßte, so wollte ich kein Amt lieber haben, denn Schulmeister
und Knabenlehrer sein. Denn ich weiß, daß dieses Werk nächst dem
Predigtamte das allernützlichste, größeste und beste ist, und weiß
dazu noch nicht, welches unter beiden das beste ist.« So also sprach
Luther. In unseren Herrscherhäusern aber ist man dem Lehrerstande nicht
aufrichtig gewogen, auch heute noch nicht. Ja, heute vielleicht weniger
als vordem. +Friedrich Wilhelm IV.+ hielt ihn für verantwortlich für
den durch die Aufklärung »verirrten Zeitgeist« und erklärte, daß die
Lehrer nicht auf Bildung, sondern auf Gesinnung ihrer Schüler zu halten
hätten.
Auch unser Kaiser hat die Überzeugung, daß die Sozialdemokratie mit
ihrem mangelnden kirchlichen Sinne und ihrer gegen die Regierung
ablehnenden Haltung zu solcher Macht nicht hätte gelangen können,
wenn die Lehrer ihre »+Pflicht+« getan hätten. Sie haben auch bisher
vom Kaiser kaum noch Beweise der Gnade erhalten. Wir bewegen uns eben
noch in den Bahnen der von Friedrich Wilhelm IV. begonnenen Reaktion.
Ziel des Schulunterrichtes ist nicht sowohl die freie Entfaltung aller
eingeborenen menschlichen Kräfte, als die Heranzüchtung von brauchbaren
Beamten und ruhigen Bürgern oder lieber noch -- »Untertanen«. Denn
daß es bei uns vor dem Gesetze nur noch Bürger, nicht mehr Untertanen
gibt, davon will man in den höchsten Regionen nicht viel wissen. Leider
lassen sich unsere Zeitgenossen die Freiheiten und Rechte, die ihnen
ihre Väter erkämpft haben, in ihrer beschämenden Untertanengesinnung
ohne Widerrede wieder wegnehmen. Daher sprechen unsere Zeitungen
in unseren konstitutionellen Staaten immer noch von Monarchen
und Untertanen und die Leser nehmen es hin ohne Erröten und ohne
Erbitterung.
Es steckt eben dem armen, durch Jahrhunderte hindurch so miserabel
behandelten Deutschen leider die Bedientengesinnung noch zu tief in
den Knochen. Sie lebendig zu erhalten und recht gründlich zu pflegen,
scheint man als Hauptaufgabe des Lehrerstandes anzusehen, dem selbst
vor allem Gehorsam und Bescheidenheit zur Pflicht gemacht wird. Davon
unten mehr! -- Unsere Regierungen geben auch heute noch Gesetze für
die Volksschulen, ohne deren Lehrer selbst zu hören. Die Erzieher der
deutschen Jugend können bis jetzt, wenn sie nur +Volks+schullehrer sind
-- »Volk« bedeutet nämlich bei uns noch etwas Niedriges --, in unserem
Volksheere nicht einmal Reserveoffizier werden. Das sagt alles![1].
Das beweist, wie niedrig man den Bildungsstand und die moralische
Tüchtigkeit dieser Herren einschätzt, die nach meinen Erfahrungen
jetzt in ihren besten Vertretern den Vergleich mit unseren Linien-
und Gardeoffizieren kaum zu scheuen brauchen. Ich bin überzeugt, daß
sie ganz besonders tüchtige Offiziere abgeben würden. Denn sie kennen
das Volk und haben die Jugend gründlich studiert, viel gründlicher
jedenfalls als der adlige Offizier, der vor seiner Dienstzeit mit
dem niederen Volke selten in einem lebendigen Verkehr steht. Sie
haben auch alle sonstigen geistigen und moralischen Qualitäten dazu.
Wer das bezweifelt, der besuche die Verhandlungen dieser Lehrer und
höre ihre Vorträge an. Auf den »Kunsterziehungstagen« wußten wir
Zuhörer, wenn wir nicht das gedruckte Programm einsahen, nicht, ob
da ein Hochschullehrer oder »bloß« ein Volksschullehrer spreche.
Unsere Universitätsprofessoren, die jetzt die Volksschullehrer aus
persönlichen Beziehungen kennen lernen, sprechen mit großer Anerkennung
von ihnen. Prof. +Theobald Ziegler+ aus Straßburg sagte ihnen auf dem
Münchener Lehrertag dieses Jahres offen ins Gesicht, daß heute in dem
Stande der Volksschullehrer ein höherer Bildungsdrang und idealerer
Sinn wohne als in irgendeinem anderen Stande. Das ist auch meine
Erfahrung. Und unter diesen mehr als 150 000 deutschen Männern sollte
keiner sein, -- oder jetzt doch zwei, aber +nur+ zwei -- die sich zum
Reserveoffizier qualifizieren? Unglaublich! Um so unglaublicher, als
unsere von Beamten, Offizieren, Königen und Fürsten mit erhobener Hand
und unter Anrufung Gottes beschworenen Verfassungen anordnen, daß vor
dem Gesetze jeder Bürger gleich sei, daß Ämter und Ehren nur nach
Verdienst und Würdigkeit vergeben werden müssen. Das ist also Gesetz!
Man beruhigt sich aber bei uns -- weil wir ein militärfrommes und
ein doch zu wenig mannhaftes Volk sind -- mit der Tatsache, daß hier
eine Rechtsbeugung vorliegt, und wenn man die Sache einmal ernstlich
zur Sprache bringt, dann fehlt es nie an irgendeiner gesetzwidrigen
und unhaltbaren Ausrede. Dazu gehört in unserem Falle die, daß der
Volksschullehrer keine »gute Kinderstube« hinter sich habe -- und doch
läßt man ihn Kinder erziehen? -- daß er mithin noch nicht ganz -- na
sagen wir mal -- noch nicht ganz »stubenrein« sei. Der wahre Grund
liegt aber wo anders.
Die Lehrer, niedere und selbst höhere, sind eben bei uns noch die
Parias der gebildeten Gesellschaft. Wenn wir für unsere Schulen in
einer sittlich erregten Sprache reden, dann erheitert man sich über
uns. Einen Oberlehrer nimmt man ja schon ernster. Wie aber kann ein
Mensch, der ein kleiner Beamter ist, jährlich kaum mehr als 1000
Mark zu verzehren hat, wie kann ein solcher Mensch sich erlauben,
über allgemeine Kulturfragen, über Politik, Regierungsgeschäfte,
Nationalökonomie, soziale Fragen, über Volksleben und nun vollends über
Kirchenfragen mitreden zu wollen?
Auch den »höheren« Lehrer möchte man ja am liebsten auf seine Klasse
und sein Studierzimmer beschränkt haben. Nur daraus ist die oben schon
erwähnte Zurückhaltung dieses Standes in allen großen öffentlichen
Kulturfragen zu erklären. Beamtengehorsam macht Schweigen erwünscht.
Wer davon abweicht, erregt unangenehmes Aufsehen. Solche Herren
kommen mit ihren sehr unerwünschten, sogenannten »ethischen« Fragen,
stören mit ihrem unfruchtbaren Gerede den ruhigen Geschäftsgang.
(In Deutschland ist jetzt nämlich alles zur bloßen Verwaltungssache
heruntergekommen. Ethische Fragen gibt es nicht mehr!) Dazu sind die
Lehrer anmaßend, nie zufrieden, für sich selbst maßlos begehrlich,
drängen sich in die höheren Stände hinein und wollen vor allem eben
immer über Dinge mitreden, von denen sie nichts verstehen. Da gilt der
Satz: »Schuster, bleib bei deinem Leisten!« Der Lehrer soll den Kindern
nach Anweisung seiner Behörden und unter Aufsicht eines Geistlichen
den rechten Glauben, Gottesfurcht, Liebe zum Herrscherhause und dann
die verschiedenen Lehrgegenstände beibringen: Schreiben, Lesen,
Rechnen, Deutsch, auch Latein, Griechisch, Französisch, Englisch,
Geschichte, Erdkunde, Mathematik usw. Hat er damit nicht genug zu
tun? Da redet ihm auch niemand hinein. Niemand macht ihm seine Lehren
von den lateinischen und griechischen hypothetischen Sätzen streitig.
Weshalb also bleibt nicht auch +er+ auf seinem eignen Boden, bei seinen
dienstlichen Pflichten?
Nun eben aus dem Grunde, weil es unmöglich ist, über Erziehungsfragen
zu sprechen, ohne zugleich Staat und Gesellschaft auf ihren Zustand
zu prüfen. Wer Rousseau und Pestalozzi nur ein wenig kennt, weiß das
selbst schon.
Ich will aber diese Behauptung doch durch zwei Beispiele noch begründen:
Wir nehmen an, die Lehrer haben sich dahin geeinigt, daß ihre Schüler
allwöchentlich ihren arbeitsfreien Nachmittag haben und unter der
Leitung eines Herrn bei Jugendspielen oder Jugendwandern in der Natur
verbringen sollen. Die Eltern gestatten aber ihren Kindern nicht, daran
teilzunehmen, weil sie ihre Hilfe im Hause brauchen und weil die Wege
aus der Großstadt aufs Land zu weit, zu zeitraubend, zu kostspielig
sind. Da werden sich also die Lehrer mit den Problemen der städtischen
sozialen Not zu beschäftigen haben.
Das zweite Beispiel: Die Schule ordnet bei einem patriotischen Feste
öffentlichen Umzug der Schüler an. Mehrere Eltern reichen ein Gesuch
ein, ihre Kinder davon zu dispensieren, da dieses Fest gegen ihre
politische Überzeugung verstoße. Gleich steckt man mitten drin in den
politischen Streitfragen und in der Untersuchung, wie die Befugnisse
der Schule und die des Hauses gegeneinander abzugrenzen seien.
Die Antwort auf diese Beispiele wird lauten: Darüber hat die
vorgesetzte Behörde zu entscheiden. Gesetzlich -- ja! Aber ist deshalb
der Lehrer die Probleme los? Wird er nicht den Beruf in sich fühlen,
Konflikte, die entstehen, selbst eingehend bis in die Quellen zu prüfen
und sich ein selbständiges Urteil darüber zu bilden? Unterläßt er das,
so wird er bald mit seinem Gewissen in Konflikte kommen oder mehr und
mehr zur willenlosen Staatsmaschine werden. Wer ihm das zumutet, der
entwertet den Lehrerstand und vergeht sich damit am öffentlichen Wohle.
Am deutlichsten tritt das in die Erscheinung auf dem religiösen Gebiet.
Auch da wollen Kirche und Staat dem Lehrer die Gesinnung vorschreiben,
ihm schweigenden Gehorsam zur Pflicht machen. Ein unmögliches
Ansinnen. Daran muß der Lehrerstand innerlich zugrunde gehen. Er
wird daher aus dem Triebe der Selbstachtung, der Selbsterhaltung,
auch aus pflichtgemäßer Fürsorge für die ihm anvertraute Jugend und
damit aus patriotisch-nationalem Gewissen in die kirchenpolitische
Agitation und Schriftstellerei mit eintreten, in der wir jetzt unseren
Volksschullehrerstand tatsächlich finden. Das sind wahrhaftig keine
Übertritte in fremdes Gebiet. Da streitet der Lehrer für sein eigenstes
Feld und auf diesem. Anders denkt freilich die Geistlichkeit, die stets
sehr erregt wird, wenn die Lehrerschaft sich ihrer Gängelung entziehen
will. Aus Pastorenfeder stammt jedenfalls auch der köstliche Ausfall,
den ich hier als Gesinnungs- und Stilprobe wiedergeben muß: