Das Fernrohr in gebräunter Hand,
Dem schwarzgelockten Passagiere
Hat er den Rücken zugewandt.
Nach einem Wolkenstreif in Sinnen
Die beiden wie zwei Pfeiler sehn.
Der Fremde spricht: „Was braut da drinnen?“
„Der Teufel,“ brummt der Kapitän.
Da hebt von morschen Balkens Trümmer
Ein Kranker seine feuchte Stirn,
Des Äthers Blau, der See Geflimmer,
Ach, alles quält sein fiebernd Hirn!
Er läßt die Blicke, schwer und düster,
Entlängs dem harten Pfühle gehn,
Die eingegrabnen Worte liest er:
„Batavia. Fünfhundertzehn.“
Die Wolke steigt, zur Mittagsstunde
Das Schiff ächzt auf der Wellen Höhn,
Gezisch, Geheul ans wüstem Grunde,
Die Bohlen weichen mit Gestöhn.
„Jesus, Marie! wir sind verloren!“
Vom Mast geschleudert der Matros,
Ein dumpfer Krach in aller Ohren,
Und langsam löst der Bau sich los.
Noch liegt der Kranke am Verdecke,
Um seinen Balken festgeklemmt,
Da kömmt die Flut, und eine Strecke
Wird er ins wüste Meer geschwemmt.
Was nicht geläng’ der Kräfte Sporne,
Das leistet ihm der starre Krampf,
Und wie ein Narwal mit dem Horne
Schießt fort er durch der Wellen Dampf.
Wie lange so? — er weiß es nimmer,
Dann trifft ein Strahl des Auges Ball,
Und langsam schwimmt er mit der Trümmer
Auf ödem, glitzerndem Krystall.
Das Schiff! — die Mannschaft! — sie versanken.
Doch nein, dort auf der Wasserbahn,
Dort sieht den Passagier er schwanken
In einer Kiste morschem Kahn.
Armsel’ge Lade! sie wird sinken,
Er strengt die heisre Stimme an:
„Nur grade! Freund, du drückst zur Linken!“
Und immer näher schwankt’s heran,
Und immer näher treibt die Trümmer,
Wie ein verwehtes Möwennest;
„Kourage!“ ruft der kranke Schwimmer,
„Mich dünkt, ich sehe Land im West!“
Nun rühren sich der Fähren Ende,
Er sieht des fremden Auges Blitz,
Da plötzlich fühlt er starke Hände,
Fühlt wütend sich gezerrt vom Sitz.
„Barmherzigkeit! Ich kann nicht kämpfen.“
Er klammert dort, er klemmt sich hier;
Ein heisrer Schrei, den Wellen dämpfen,
Am Balken schwimmt der Passagier.
Dann hat er kräftig sich geschwungen
Und schaukelt durch das öde Blau,
Er sieht das Land wie Dämmerungen
Enttauchen und zergehn in Grau.
Noch lange ist er so geschwommen,
Umflattert von der Möwe Schrei,
Dann hat ein Schiff ihn aufgenommen,
Viktoria! nun ist er frei!
II.
Drei kurze Monde sind verronnen,
Und die Fregatte liegt am Strand,
Wo Mittags sich die Robben sonnen,
Und Bursche klettern übern Rand;
Den Mädchen ist’s ein Abenteuer,
Es zu erschaun vom fernen Riff,
Denn noch zerstört, ist nicht geheuer
Das greuliche Korsarenschiff.
Und vor der Stadt, da ist ein Waten,
Ein Wühlen durch das Kiesgeschrill,
Da die verrufenen Piraten
Ein jeder sterben sehen will.
Aus Strandgebälken, morsch, zertrümmert,
Hat man den Galgen, dicht am Meer,
In wüster Eile aufgezimmert.
Dort dräut er von der Düne her!
Welch ein Getümmel an den Schranken!
„Da kömmt der Frei — der Hessel jetzt —
Da bringen sie den schwarzen Franken,
Der hat geleugnet bis zuletzt.“ —
„Schiffbrüchig sei er hergeschwommen,“
Höhnt eine Alte, „ei, wie kühn“
Doch keiner sprach zu seinem Frommen,
Die ganze Bande gegen ihn.
Der Passagier, am Galgen stehend,
Hohläugig, mit zerbrochenem Mut,
Zu jedem Räuber flüstert flehend:
„Was tat dir mein unschuldig Blut?
Barmherzigkeit! so muß ich sterben
Durch des Gesindels Lügenwort,
O, mög die Seele euch verderben!“
Da zieht ihn schon der Scherge fort.
Er sieht die Menge wogend spalten —
Er hört das Summen im Gewühl —
Nun weiß er, daß des Himmels Walten
Nur seiner Pfaffen Gaukelspiel!
Und als er in des Hohnes Stolze
Will starren nach den Ätherhöhn,
Da liest er an des Galgens Holze:
„Batavia. Fünfhundertzehn.“
Annette v. Droste-Hülshoff.
Konquistadores.
Zwei edle Spanier halten Wacht
Und einer spricht zum andern:
„Sennor, mir deucht, der Teufel lacht,
Wie wir ins Leere wandern!
Das Segel bauscht, es rauscht der Kiel,
Noch keines Strandes Boten —
Die Hölle treibt mit uns ihr Spiel,
Wir fahren zu den Toten!
Wer einem Genuesen traut,
Hat den Verstand verloren!
Die Klugen hat er schlecht erbaut,
Da lockt’ er alle Toren —
Rund sei die Erde, log er mir,
Wie Pomeranzenbälle,
Doch unermeßlich flutet hier
Nur Welle hinter Welle!“
Der andre blickt ins Meer hinaus
Und runzelt finstre Brauen:
„Sennor, mich zog Columb ins Haus,
Ließ mich die Karten schauen,
Was er dociert, verstand ich nicht,
Ich ließ es alles gelten —
Sein übermächtig Angesicht
Verhieß mir neue Welten!
Ist er ein Narr und haben wir
Uns in das Nichts verlaufen,
Ein räud’ger Hund, Sennor, wie Ihr,
Darf fröhlich mit ersaufen!“
— „Sennor, da betet Ihr nicht gut!
Zurück Euch in den Rachen
Den räud’gen Hund! Ihr raucht von Blut
Und risset aus den Wachen!“
„Sennor, ich dolcht ein falsches Weib,
Bekenn’ ich unverhohlen!
Nicht hab’ dem Bäcker einen Laib
Vom Brett ich weggestohlen!
Sennor, Ihr seid ein Galgenstrick!“
— „Sennor, Ihr seid nicht besser!“
Sie ziehen mit entflammtem Blick
Und kreuzen blanke Messer ...
Da zwischen ihre Messer walzt
Im tollen Freudensprunge,
Mit ölgetränkten Fingern schnalzt
Miquel, der Küchenjunge.
Er drückt die Lider blinzelnd ein
Mit schlauem Wimperzwinken,
Bald hüpft er auf dem rechten Bein,
Bald hopst er auf dem linken,
In Lüften bläht sich sein Gewand,
Es puffen ihm die Hosen —
Neugierig kommen hergerannt
Soldaten und Matrosen.
Der Junge redet kunterbunt,
Als ob’s im Kopf ihm fehle,
Dann öffnet er den großen Mund
Und singt aus voller Kehle:
„Das Heimchen zirpt, das Heimchen zirpt,
Stimmt Laudes an und Psalmen!
Und wenn’s mir nicht vor Freude stirbt,
Bald weidet’s unter Halmen!
Ich schwör’ es euch bei Gottes Haupt:
Es atmet duft’ge Weiden,
Es wittert Wälder dichtbelaubt
Und unermeßne Heiden!
Erlauchte Herren, gebet acht,
In meinem engen Räumchen
Hat unsre Meerfahrt mitgemacht
Ein andalusisch Heimchen —
Mitnahm ich’s aus dem Vaterland,
Mich scheidend zu beschenken,
Ich fing’s mit flinkem Griff der Hand
Zu seinem Angedenken.
Da wir zu Schiffe stiegen dort,
Die Zierden aller Lande,
Zirpt’ Heimchen mir im Busen fort,
Als weidet’s noch am Strande.
Das grüne Vorgebirg verschwand,
Dem Heimchen ward es schaurig,
Beklommen saß es an der Wand
Und wurde faul und traurig.
So darbt’s und dämmert’s lange Zeit,
Schon gab ich es verloren,
Und nun, bei meiner Seligkeit,
Ist Heimchen neugeboren!
Bedenkt, es hockte gram und lahm
An Dielen und an Wänden,
Jetzt jubelt’s wie ein Bräutigam
Und kann nur gar nicht enden!“
Miquel ist fort und wieder da,
Die Fingerspitze zeigend:
Da sitzt es ja! Da singt es ja!
Die Spanier lauschen schweigend —
Dann sinnen sie der Sache nach,
Den Lustgesang im Ohre,
Sie schütteln sich die Hände jach
Und schrei’n im wilden Chore:
„Das Heimchen zirpt! Das Heimchen zirpt!
Bald schwelgen wir in Beute!
Wer spielt, gewinnt! Wer wagt, erwirbt!
Wir sind gemachte Leute!
Die Küste winkt! Das Gold erblinkt,
Davon die Sagen melden!
Das Morgen steigt! Das Gestern sinkt!
Wir sind berühmte Helden!“
C. F. Meyer.
[Illustration]
Eine Seeräubergeschichte.
Wir hatten Öl geladen und Korinthen
Und segelten vergnügt mit unsrer Fracht
Von Malta auf Gibraltar, Jochen Schütt,
Der Lüb’sche Kapitän, mit fünf Matrosen,
Und ich, Hans Kiekebusch, als Steurmann.
Der Wind blies lustig, und wir waren schon
Sardinien vorbei, als hinter uns
Nordosther ein verdächtig Segel aufkam,
Das wie mit Siebenmeilenstiefeln lief.
Bedenklich guckte Jochen Schütt durchs Glas
Und schüttelte den Kopf und guckte wieder,
Und immer länger ward sein schlau Gesicht.
„Verdammte Suppe!“ brach er endlich los,
„Der Haifisch soll mich schlucken, wenn das nicht
Tuneser sind, Spitzbuben, die’s auf uns
Und unsern schmucken Schoner abgesehn!
Bei Gott, jetzt heißt es: Alles Weißzeug los
Und stramm gesegelt!“
Leider war’s zu spät.
Ein Viertelstündchen noch, da wußten wir,
Daß Flucht unmöglich. Gleich darauf auch ließ
Das Kaperschiff die rote Flagge schon
Vom Topmast fliegen, und ein Schuß befahl
Uns beizulegen. An Verteidigung
War nicht zu denken. Sieben waren wir,
Die höchstens Sonntags mal im Lauer Holz
Mit Schrot geknallt, und drüben an die vierzig,
Verwegnes Raubvolk insgesamt, auf Mord
Und Totschlag eingeübt wie wir aufs Kegeln.
Mit einer einz’gen Salve hätten sie
Uns weggefegt; drum hieß uns Jochen Schütt
Geruhig bleiben und ihn machen lassen.
Ein Stückchen, meint er, hab’ er ausgedacht,
Das uns vielleicht noch aus der Tinte hilfe.
Zwar spielt’ er auf ~Va banque~ damit, indes
Am Ende sei’n wir Christenmenschen doch,
Und Gott im Himmel könnt’ ein Einsehn haben.
So brümmelnd stieg er zur Kajüt’ hinab
Und nahm die andern mit; nur mir befahl er
Auf Deck zu bleiben und dem leidigen
Besuch, als käm’ er auf ein Frühstück bloß,
Mit Höflichkeit zu ihm den Weg zu weisen.
Mir schlug das Herz bis an den Hals, als nun
Mit jeglicher Minute der Korsar
Uns näher rückte. Bald erkannt’ ich schon
Die Fuchsgesichter mit den Rattenzöpfen,
Das Negervolk, das in den Tauen hing.
Jetzt sah ich, wie solch rotbekappter Schuft
Den Enterhaken hob, jetzt machten’s ihm
Zehn andre nach und jetzt — ein einz’ger Schlag,
Ein ungeheurer Ruck, und Bord an Bord
Mit dem Tuneser lagen wir.
Ein Mohr,
Die breite Kling’ im Maule, sprang zuerst
Auf unser Schiff, dann kam der Hauptmann selbst,
Einäugig, stachelbärtig wie ein Kater,
Am grünen Bund den Halbmond von Rubin,
Und dann die andern, meist ein quittengelb,
Zerlumpt Gesind’l, doch mit langem Rohr,
Mit Beil und Messer Mann für Mann versehn.
Mir lief’s den Rücken kalt wie Eis hinab.
Doch macht’ ich nach des Kapitäns Geheiß
Den schönsten Bückling und, verbindlich dann
Den Weg anzeigend, fuhr ich wie ein Kellner
In Sprüngen die Kajütentrepp’ hinab.
Auch poltert’ es alsbald mit schwerem Tritt
Mir nach und, ein Pistol in jeder Hand,
Trat Meister Einaug’ in die Tür, doch blieb er,
Als er sich umsah, wie ein Zaunpfahl stehn.
Denn vor ihm saß, den Hut auf einem Ohr,
Aus kurzer Pfeife Dampf und Funken paffend,
Auf offner Pulvertonne Jochen Schütt,
Und rings umher lag wie ein Zauberkreis
Ein breiter Streif von Pulver aufgestreut.
Wir standen hinter ihm und mucksten nicht;
Er aber, ruhig sitzen bleibend, tat,
Als wüßt er gar von keinem Harm und sah
Den Türken an und sagte: „Guten Tag!
Was steht zu Diensten, wenn ich bitten darf?“
Und als nun der sich wie ein Puterhahn
Aufplustert und in seinem Kauderwelsch
Zu kollern anfängt und, wie das nicht fleckt,
Die Zähne weist und mit Geberden droht,
Sagt Jochen Schütt: „Ja, (Türkisch versteh’ ich nicht)
Mein lieber Herr; doch ~parlez-vous français~?“
Und dazu pafft er toller stets und macht
Den Meerschaumkopf wie einen Schornstein sprüh’n,
Daß mir, bei Gott, schon deucht, wir fliegen auf.
Das schien denn unserm Rinaldini auch
Ein schlechter Spaß, er wurde grün vor Wut,
Und plötzlich macht er Kehrt und schoß hinaus.
Nun ging ein heftig Schnattern droben an,
Und dann ein Poltern, Schieben, Ziehn und Winden,
Als kehrten sie vom Schiffsraum bis aufs Deck
Das Unterste zu oberst, während wir
In tausend Ängsten wie die Hühner uns
Um unsern Kapitän zusammendrückten,
Der keine Silbe sprach und langsam nur
Fortqualmte. Zwar die Ladung, wußten wir,
War gut versichert, doch wir fürchteten,
Die Heiden würden, wenn sie’s ausgeraubt,
Das Schiff aus purer Bosheit sinken machen,
Und dann, ihr Lüb’schen Türme, gute Nacht!
So ging ein langes, banges Stündlein hin.
Da plötzlich hörten wir durch all den Lärm
Die Botsmannspfeife kreischen; ein entsetzlich
Gedräng’ entstand an Bord, wie Flucht beinah,
Und kurz darauf geschah ein Stoß und Rauschen,
Als riss’ ein Donnerwetter Schiff von Schiff;
Und dann mit eins war’s still. Wir warteten
Ein Weilchen noch und horchten, doch es pfiff
Auch nicht die Maus im Loch; kein Zweifel mehr,
Sie waren fort. —
„Was nu?“ sprach Jochen Schütt,
„Die Luft an Bord scheint wieder klar zu sein,
Ich denk’, wir sehn uns mal den Schaden an!“
Und stieg hinauf ans Deck und wir ihm nach.
Da sah’s denn gräulich aus. Im großen Stall
Der Arche Noäh war nicht solch ein Wust,
Als aller Welt Getier das Schiff geräumt.
Packstroh und Scherben rings, Korinthenfässer,
Ölpiepen, Werkzeug, Zwiebeln, Kochgerät,
Im tollsten Wirrwarr alles durcheinander,
Als wär’ in allerbester Arbeit just
Das große Plünderfest gestört. Und so
Verhielt sich’s auch. Denn von Nordosten kam
Indes der Türk’, wie ein gejagter Habicht,
Nach Süden fortschoß, eine englische
Fregatt’ heran mit vollem Wind und ließ
Die blaubekreuzte Flagge lustig wehn.
Das gab ein Jubeln, ein Umarmen jetzt!
Der Schiffsjung fiel auf seine Knie, der Koch,
Der letzt in Portsmouth überwintert, schwang
Die Zipfelmütz’ und sang: „~God save the king!~“
Doch Jochen Schütt nahm eine Zwiebel auf
Und roch daran und niest’: ich merkt’ es wohl,
Wir sollten ihn nicht weinen sehn. Dann zog er
Den Hut und sprach: „Nun danket alle Gott!
Heut’ tut mir’s leid, daß ich nicht singen kann,
Weil ich beim alten Haase Schulen lief.
Den Engelsmann schickt uns der Himmel selbst.
Auch keinen roten Sechsling gab ich mehr
Für unser Leben, blieb er aus. Nun lief’s
Noch gnädig ab.“ —
„Ein wahrer Segen auch,“
Sagt’ ich, „Kap’tän, daß Euch das Pulver einfiel,
Sonst kam uns selbst der Engelsmann zu spät.“
Ja, Pulver!“ lacht’ er, und die Schlauheit blitzt
Ihm aus den Augen, „Pulver! Hat sich was!
Wir haben keine zwanzig Schuß an Bord.
Das schwarze Zeug, wovor der Heidenkerl
Die Angst gekriegt, war — Rübsaat aus Schwerin,
Und mein Kanarienvogel frißt davon.
Ein richt’ger Mann muß sich zu helfen wissen,
So hilft ihm Gott auch wohl. — Und nun seht nach,
Ob uns das Volk auch überm Rum gewesen.
Ich denk’, ein Schluck soll gut tun auf den Schreck.“
Eman. Geibel.
[Illustration]
Das Haus am Meer.
Hart an des Meeres Strande
Baut man ein festes Haus;
Als sollt’ es ewig dauern,
So heben die trotz’gen Mauern
Sich in das Land hinaus.
Mächtige Hammerschläge
Erdröhnen schwer und voll;
Die Sägen knarren und zischen,
Verworren hört man dazwischen
Der Wogen dumpf Geroll.
Durch das Gebälke klettert
Ein rüst’ger Zimmermann;
Der Wind der sich erhoben,
Zerreißt mit seinem Toben
Das Lied, das er begann.
Ich bin hineingetreten;
Daß solch ein Werk gedeiht,
Das ist an Gott gelegen,
Zu beten um seinen Segen,
Nehm’ ich mir gern die Zeit.
Die Fenster gehen alle
Hinaus auf die wilde See;
Noch sind sie nicht verschlossen,
Eine Möwe kommt geschossen
Durch das, an dem ich steh’.
Hier will der Bewohner schlafen;
Schon wird in dem luft’gen Raum
Die Bettstatt aufgeschlagen;
Da ahn’ ich mit stillem Behagen
Voraus gar manchen Traum.
Doch wende ich mein Auge,
Fällt’s auf gar manches Riff,
Ich sehe des Meeres Tosen,
Drüben im Grenzenlosen
Durchbricht den Nebel ein Schiff.
Wer ist’s denn, der am Strande,
Am öden, sein Haus sich baut?
„Ein Schiffer; seit vielen Jahren
Hat er das Meer befahren,
Nun ist’s ihm lieb und vertraut.
Dies ist die letzte Reise,
Ich fühl’ mich alt und müd’,
Daß ich mein Nest dann finde,
Hobelt und hämmert geschwinde!
So sprach er, als er schied.
Jetzt kann er stündlich kehren,
Er ist schon lange fort,
Drum müssen wir alle eilen!“
Des schwellenden Sturmwinds Heulen
Verschlingt des Zimm’rers Wort.
Die Wolken ballen sich dräuend,
Riesige Wogen erstehn,
Aufgerüttelt von Stürmen,
Schrecklich, wenn sie sich türmen,
Schrecklicher, wenn sie zergehn.
Das Schiff dort, kraftlos ringend,
Ihr Spiel jetzt, bald ihr Raub,
Muß gegen die Felsen prallen,
Schon hör’ ich den Notschuß fallen,
Was hilft es? Gott ist taub.
Ich fürchte, das ist der Schiffer,
Dem man dies Bett bestellt,
Der Zimm’rer mit dem Hammer
Befestigt die letzte Klammer,
Während das Schiff zerschellt.
Friedr. Hebbel.
Nis Randers.
Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd —
Ein Schrei durch die Brandung!
Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut:
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sich’s der Abgrund.
Nis Randers lugt — und ohne Hast
Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen.“
Da faßt ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein!
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich will’s, deine Mutter!
Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!“
Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
„Und +seine+ Mutter?“
Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.
Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muß es zerschmettern! ... Nein: es blieb ganz! ...
Wie lange? Wie lange?
Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.
Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des andern springt
Mit stampfenden Hufen!
Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? — Ein Boot, das landwärts hält —
Sie sind es! Sie kommen! — —
Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt ...
Still — ruft da nicht einer — Er schreit’s durch die Hand:
„Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“
Otto Ernst.
Das Wrack.
Die Flut verrinnt! Auf ebbetrocknem Strande
Liegt dort das Wrack tiefeingewühlt im Sande;
Zerborsten klafft das Deck, der Kiel zerbrach.
Ein Schoner einst! Wie alle Wimpel flogen,
Als er zuerst durchschoß die blauen Wogen!
Der greise Kaufherr sah ihm lächelnd nach.
Bayard, des Werftes Stolz, der kühnste Renner,
Am Bord neun Friesen, seegebräunte Männer,
Mit stillem Aug’ und eisenfester Hand.
Zum Ost und West ging manche gute Reise,
Zum fernen Süd, durch beide Wendekreise,
Den bunten Gürtel, der die Welt umspannt.
Dann kam der Schicksalstag. Das lang geschlafen,
Losfuhr das Wetter nah’ dem Heimathafen.
Zerspellte Rumpf und Rah’ mit wilder Wucht,
Zersprengte Brass’ und Tau gleich Fadennetzen
Und warf Gebälk und Trumm, wertlose Fetzen,
In dieses Eilands sturmgepeitschte Bucht. —
[Illustration]
Dort liegt das Wrack! Es sitzt auf seinen Planken
Ein alter Mann verloren in Gedanken,
Gebückt, den breiten Hut tief im Gesicht.
Verstürmt auch er? — Wer weiß, auf welchen Meeren? —
Er schreibt. — Ein Lied wie dies? — Harm soll man ehren;
Geht sacht an ihm vorbei und stört ihn nicht.
F. W. Weber.
[Illustration]
Meeresstrand.
Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmrung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein.
Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.
Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen —
So war es immer schon.
Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.
Theodor Storm.
Meeresrauschen.
Mehr noch als der Anblick des Meeres überrascht seine +Stimme+.
Sie wird überall vernommen auf hoher See und am Strande, und immer
wechselnd bewegt sie in immer neuer Weise das Gemüt. Bald erbraust sie
in erhaben-gleichförmigem Rhythmus; es ist die Sprache der Wasserwüste,
das Nachtönen des „Werde!“, welches die Schöpfung ins Dasein rief.
Bald glaubt man ein tiefes Atemholen der Flut zu hören oder ein
träumerisches Murmeln und dann wieder ein Klatschen und Schmettern
mit langgezogenem Widerhall, bis die Stunde des Sturmes kommt, da das
Element in entfesselter Größe überschwillt und mit seinen rollenden
Donnern die Erde zittern macht. Aber die empörten Wogen kehren wieder
in ihre Bahn zurück, und nun scheint ihre Stimme nicht mehr zürnend,
sondern voll klagenden Gesanges. Das Ohr unterscheidet allmählich auch
die leiseren Töne in dem Riesenorchester, das Flüstern und Klingen der
einzelnen Wellen, und in das Spiel der Phantasie verloren, vermeinen
wir wohl die Bäche und Bächlein der Heimat wieder zu vernehmen, die
im Ozean nach langer Wanderung ein Ziel gefunden haben. Auch das sind
Meeresszenen voll tiefen, fast feierlich-sehnsüchtigen Reizes, der
freilich dann am ergreifendsten wirkt, wenn im Dufte des unendlichen
Horizontes die Gestirne der Nacht aufsteigen oder versinken vor dem
Auge des Schiffers.
Herm. Masius.
[Illustration]
Der Gesang des Meeres.
Wolken, meine Kinder, wandern gehen
Wollt ihr? Fahret wohl! Auf Wiedersehen!
Eure wandellustigen Gestalten
Kann ich nicht in Mutterbanden halten.
Ihr langweilet euch auf meinen Wogen,
Dort die Erde hat euch angezogen:
Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer!
Ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer.
Segelt, kühne Schiffer, in den Lüften!
Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften!
Brauet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten!
Traget glüh’nden Kampfes Purpurtrachten!
Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen!
Füllt die Brunnen! Rieselt in die Wellen!
Braust in Strömen durch die Lande nieder —
Kommet, meine Kinder, kommet wieder!
C. F. Meyer.
[Illustration]
Ostern.
Es war daheim auf unsrem Meeresdeich;
Ich ließ den Blick am Horizonte gleiten,
Zu mir herüber schoß verheißungsreich
Mit vollem Klang das Osterglockenläuten.
Wie brennend Silber funkelte das Meer,
Die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel,
Die Möwen schossen blendend hin und her,
Eintauchend in die Flut die weißen Flügel.
Im tiefen Kooge bis zum Deichesrand
War sammetgrün die Wiese aufgegangen;
Der Frühling zog prophetisch über Land,
Die Lerchen jauchzten, und die Knospen sprangen. —
Entfesselt ist die urgewalt’ge Kraft,
Die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen,
Und alles treibt, und alles webt und schafft,
Des Lebens vollste Pulse hör’ ich klopfen.
Der Flut entsteigt der frische Meeresduft;
Vom Himmel strömt die goldne Sonnenfülle;
Der Frühlingswind geht klingend durch die Luft
Und sprengt im Flug des Schlummers letzte Hülle.
O wehe fort, bis jede Knospe bricht,
Daß endlich uns ein ganzer Sommer werde;
Entfalte dich, du gottgebornes Licht,
Und wanke nicht, du feste Heimaterde! —
Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht
Aufgor das Meer zu gischtbestäubten Hügeln,
Wenn in den Lüften war der Sturm erwacht,
Die Deiche peitschend mit den Geierflügeln.
Und jauchzend ließ ich an der festen Wehr
Den Wellenschlag die grimmen Zähne reiben;
Denn machtlos, zischend schoß zurück das Meer —
Das Land ist unser, unser soll es bleiben!
Theodor Storm.
Geistesgruß.
Hoch auf dem alten Turme steht
Des Helden edler Geist,
Der, wie das Schiff vorübergeht,
Es wohl zu fahren heißt.
„Sieh, diese Sehne war so stark,
„Dies Herz so fest und wild,
„Die Knochen voll von Rittermark,
„Der Becher angefüllt;
„Mein halbes Leben stürmt’ ich fort,
„Verdehnt’ die Hälft’ in Ruh,
„Und du, du Menschen-Schifflein dort,
„Fahr’ immer, immer zu!“
Wolfg. v. Goethe.
Turmwächterlied.
Am gewaltigen Meer,
In der Mitternacht,
Wo der Wogen Heer
An die Felsen kracht,
Da schau’ ich vom Turm hinaus.
Ich erheb’ einen Sang
Aus starker Brust
Und mische den Klang
In die wilde Luft,
In die Nacht, in den Sturm, in den Graus.
[Illustration]
Dringe durch, dringe durch
Recht freudenvoll,
Mein Lied von der Burg
In das Sturmgeroll!
Verkünd’ es weit durch die Nacht,
Wo schwanket ein Schiff
Durch die Flut entlang,
Wo schwindelt am Riff
Des Wanderers Gang,
Daß oben ein Mensch hier wacht!
Ein kräftiger Mann,
Recht frisch bereit,
Wo er helfen kann,
Zu wenden das Leid,
Mit Ruf, mit Leuchte, mit Hand.
Ist zu schwarz die Nacht,
Ist zu fern der Ort,
Da schickt er mit Macht
Seine Stimme fort
Mit Trost über See und Land.
Wer auf Wogen schwebt —
Sehr leck sein Kahn —
Wer im Walde bebt,
Wo sich Räuber nahn,
Der denke: Gott hilft wohl gleich!
Wen das wilde Meer
Schon hinunterschlingt,
Wem des Räubers Speer
In die Hüfte dringt,
Der denk’ an das Himmelreich!
Friedr. de la Motte Fouqué.
Am Turme.
Ich steh auf hohem Balkone am Turm,
Umstrichen vom schreienden Stare,
Und lass’ gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare;
O wilder Geselle, o toller Fant,
Ich möchte dich kräftig umschlingen
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand,
Auf Tod und Leben dann ringen!
Und drunten seh ich am Strand, so frisch
Wie spielende Doggen, die Wellen
Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch
Und glänzende Flocken schnellen.
O springen möcht’ ich hinein alsbald,
Recht in die tobende Meute,
Und jagen durch den korallenen Wald
Das Walroß, die lustige Beute!
Und drüben seh ich ein Wimpel wehn,
So keck wie eine Standarte,
Seh auf und nieder den Kiel sich drehn
Von meiner luftigen Warte;
O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff,
Das Steuerruder ergreifen
Und zischend über das brandende Riff
Wie eine Seemöwe streifen.