Die Nebel zerreißen,

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1898 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr

verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom

Bearbeiter erstellt und an den Anfang des Buches gesetzt. Wie in

den anderen Ausgaben dieser Buchreihe, erscheint im Original der

Titel ‚Geleitspruch des deutschen Spielmanns‘ nicht als Überschrift,

wurde aus Gründen der Vereinheitlichung aber dennoch in das

Inhaltsverzeichnis übernommen.

Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der

folgenden Symbole gekennzeichnet:

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fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

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Der deutsche Spielmann

Eine Auswahl aus dem

Schatz deutscher Dichtung

* für Jugend und Volk *

Herausgegeben von Ernst Weber

Mit Bildern von deutschen Künstlern

Band V: Meer

München 1903 * * * Verlag des deutschen Spielmanns:

Georg D. W. Callwey und Carl Haushalter G. m. b. H.

Meer

Die weite See, das Ziel deutscher Sehnsucht,

* * * * wie es lockt und schreckt * * * *

Gesammelt von Ernst Weber

Bildschmuck von J. V. Cissarz

[Illustration]

München 1903 * * * Verlag des deutschen Spielmanns:

Georg D. W. Callwey und Carl Haushalter G. m. b. H.

Druck von Georg D. W. Callwey in München.

Inhalt

Seite

Geleitspruch des deutschen Spielmanns 7

An das Meer (Leuthold) 8

Der Freund (Eichendorff) 8

Der junge Schiffer (Hebbel) 9

Norderney (Heine) 10

Am Strande (Grün) 14

Der kleine Hydriot 15

Seefahrt (Goethe) 16

Auf offener See (Eichendorff) 17

Der Seemorgen (Lenau) 17

Frieden (Heine) 18

Meerfahrt (Freiligrath) 19

Meeres Stille (21)

Ich seh’ von des Schiffes Rande ... (Eichendorff) 21

Sturm mit seinen Donnerschlägen ... (Lenau) 22

Glückliche Fahrt (Goethe) 22

Der goldene Tod (Avenarius) 23

Teerspitterchens Tochter (Blüthgen) 24

Der Klabautermann (Kopisch) 32

Wanderer und Wind (Lenau) 35

Nun kommt der Sturm (Seibel) 36

Das Meer (Heine) 37

Leander und Selin (Ew. v. Kleist) 37

Die Vergeltung (v. Droste-Hülshoff) 39

Konquistadores (C. F. Meyer) 42

Eine Seeräubergeschichte (Seibel) 45

Das Haus am Meer (Hebbel) 49

Nis Randers (O. Ernst) 51

Das Wrack (F. W. Weber) 52

Meeresstrand (Storm) 55

Meeresrauschen (Masius) 55

Der Gesang des Meeres (C. F. Meyer) 56

Ostern (Storm) 57

Geistesgruß (Goethe) 58

Turmwächterlied (F. de la Motte Fouqué) 58

Am Turme (v. Droste-Hülshoff) 60

Old Mütterchen (Kopisch) 61

Der Riese im Sturm (Kopisch) 65

Flut und Ebbe (C. F. Meyer) 66

Die Stadt (Storm) 69

Spruch (Eichendorff) 70

[Illustration]

[Illustration]

Vom Meer will ich Euch künden,

Vom endlos großen Meer,

Von seinen Wellenschlünden,

Den Fluten grimm und schwer,

Von seiner tiefen Stille,

Die kaum den Odem regt,

Bis ein gewalt’ger Wille

Den Sturm darüber fegt.

Es ist seit alten Tagen

Das Meer der Sehnsucht Ziel;

Es klingt durch unsre Sagen

Der Wogen rauschend Spiel.

Die alten Spielmannsrecken,

Herrn Volker und Horand,

Das Meer mit seinen Schrecken,

Es hielt sie nicht am Strand.

Sie haben ihm entrungen

Die königliche Braut;

Es hat ihr Mund gesungen,

Was ihm das Meer vertraut.

Ist die bewegte Welle

Doch recht der Seele Bild,

Bald düster und bald helle,

Bald träumend und bald wild.

Und wo in unsern Reigen

Von ihr ein Raunen schwebt,

Da ist uns wohl zu eigen,

Als hätten wir’s erlebt. —

So rausche denn und ruhe,

Wir stehen hoch am Strand,

Und wirf aus dunkler Truhe

Uns Perlen in die Hand!

Der deutsche Spielmann.

An das Meer.

Gruß dir, frührotschimmerndes Meer! Gewaltig

Haucht dein herber Odem mich an, und wieder

Tragen aufwärts mich die des Fluges entwöhnten

Schwingen der Seele.

Dir im Schoß ruhn Tempel vergessner Götter,

Ruhn versunkne Städte, es ruhen neben

Völkerketten untergegangner Reiche

Kronen im Schoße dir.

Tyrus alten Glanz und den Stolz Karthagos,

Romas Weltherrschaft und Venedigs Größe

Deckst du zu mit deiner Gewässer dunkel

rollendem Bahrtuch.

Tiefgeheimnisvoll, wie des Weltenschicksals

Stimme tönet dein Donnergebrüll ins Ohr mir

Ehern, rauh, hohnlachend, so vieler Völker

Wiegen- und Grablied.

Oft wie Atemzüge des großen Weltgeists

Weht’s aus deinen Tiefen; mir ist, als hört’ ich

Heil’ge Laute, welche der Schöpfungssagen

Rätsel mir lösen.

Fritz Leuthold.

Der Freund.

Wer auf den Wogen schliefe,

Ein sanft gewiegtes Kind,

Kennt nicht des Lebens Tiefe,

Vor süßem Träumen blind.

Doch wen die Stürme fassen

Zu wildem Tanz und Fest,

Wen hoch auf dunklen Straßen

Die falsche Welt verläßt:

Der lernt sich wacker rühren,

Durch Nacht und Klippen hin

Lernt der das Steuer führen

Mit sichrem, ernstem Sinn.

[Illustration]

Der ist vom echten Kerne,

Erprobt zu Lust und Pein,

Der glaubt an Gott und Sterne,

Der soll mein Schiffmann sein!

Jos. v. Eichendorff.

Der junge Schiffer.

Dort bläht ein Schiff die Segel,

Frisch saust hinein der Wind;

Der Anker wird gelichtet,

Das Steuer flugs gerichtet,

Nun fliegt’s hinaus geschwind.

Ein kühner Wasservogel

Kreist grüßend um den Mast,

Die Sonne brennt herunter,

Manch Fischlein, blank und munter,

Umgaukelt keck den Gast.

Wär’ gern hinein gesprungen,

Da draußen ist mein Reich!

Ich bin ja jung von Jahren,

Da ist’s mir nur um’s Fahren,

Wohin? Das gilt mir gleich!

Friedr. Hebbel.

[Illustration]

Norderney.

Es geht ein starker Nordwind, und die Hexen haben wieder viel Unheil

im Sinne. Man hegt hier nämlich wunderliche Sagen von Hexen, die den

Sturm zu beschwören wissen, wie es denn überhaupt auf allen nordischen

Meeren viel Aberglauben gibt. Die Seeleute behaupten, manche Insel

stehe unter der geheimen Herrschaft ganz besonderer Hexen, und dem

bösen Willen derselben sei es zuzuschreiben, wenn den vorbeifahrenden

Schiffen allerlei Widerwärtigkeiten begegnen. Als ich voriges Jahr

einige Zeit auf der See lag, erzählte mir der Steuermann unseres

Schiffes, die Hexen wären besonders mächtig auf der Insel Wight und

suchten jedes Schiff, das bei Tage dort vorbeifahren wolle, bis zur

Nachtzeit aufzuhalten, um es alsdann an Klippen oder an die Insel

selbst zu treiben. In solchen Fällen höre man diese Hexen so laut durch

die Luft sausen und um das Schiff herumheulen, daß der Klabotermann

ihnen nur mit vieler Mühe widerstehen könne. Als ich nun fragte, wer

der Klabotermann sei, antwortete der Erzähler sehr ernsthaft: „Das ist

der gute, unsichtbare Schutzpatron der Schiffe, der da verhütet, daß

den treuen und ordentlichen Schiffern Unglück begegne, der da überall

selbst nachsieht und sowohl für die Ordnung wie für die gute Fahrt

sorgt.“ Der wackere Steuermann versicherte mit etwas heimlicherer

Stimme, ich könne ihn selber sehr gut im Schiffsraume hören, wo er die

Waren gern noch besser nachstaue, daher das Knarren der Fässer und

Kisten, wenn das Meer hoch gehe, daher bisweilen das Dröhnen unserer

Balken und Bretter; oft hämmere der Klabotermann auch außen am Schiffe,

und das gelte dann dem Zimmermann, der dadurch gemahnt werde, eine

schadhafte Stelle ungesäumt auszubessern; am liebsten aber setze er

sich auf das Bramsegel, zum Zeichen, daß guter Wind wehe oder sich

nahe. Auf meine Frage, ob man ihn nicht sehen könne, erhielt ich zur

Antwort, nein, man sehe ihn nicht, auch wünsche keiner ihn zu sehen, da

er sich nur dann zeige, wenn keine Rettung mehr vorhanden sei. Einen

solchen Fall hatte zwar der gute Steuermann noch nicht selbst erlebt,

aber von andern wollte er wissen, den Klabotermann höre man alsdann vom

Bramsegel herab mit den Geistern sprechen, die ihm untertan sind; doch

wenn der Sturm zu stark und das Scheitern unvermeidlich würde, setze

er sich auf das Steuer, zeige sich da zum ersten Male und verschwinde,

indem er das Steuer zerbräche. Diejenigen aber, die ihn in diesem

furchtbaren Augenblicke sähen, fänden unmittelbar darauf den Tod in den

Wellen.

Der Schiffskapitän, der dieser Erzählung mit zugehört hatte, lächelte

so fein, wie ich seinem rauhen, wind- und wetterdienenden Gesichte

nicht zugetraut hätte, und nachher versicherte er mir, vor fünfzig

oder gar vor hundert Jahren sei auf dem Meere der Glaube an den

Klabotermann so stark gewesen, daß man bei Tische immer auch ein Gedeck

für denselben aufgelegt und von jeder Speise etwa das Beste auf seinen

Teller gelegt habe, ja, auf einigen Schiffen geschehe das noch jetzt.

Ich gehe hier oft am Strande spazieren und gedenke solcher

seemännischen Wundersagen. Die anziehendste derselben ist wohl die

Geschichte vom fliegenden Holländer, den man im Sturm mit aufgespannten

Segeln vorbeifahren sieht, und der zuweilen ein Boot aussetzt, um den

begegnenden Schiffen allerlei Briefe mitzugeben, die man nachher nicht

zu besorgen weiß, da sie an längst verstorbene Personen adressiert

sind. Manchmal gedenke ich auch des alten, lieben Märchens von dem

Fischerknaben, der am Strande den nächtlichen Reigen der Meernixen

belauscht hatte und nachher mit seiner Geige die ganze Welt durchzog

und alle Menschen zauberhaft entzückte, wenn er ihnen die Melodie

des Nixenwalzers vorspielte. Diese Sage erzählte mir einst ein lieber

Freund, als wir im Konzerte zu Berlin solch einen wundermächtigen

Knaben, den Felix Mendelssohn-Bartholdy, spielen hörten.

Einen eigentümlichen Reiz gewährt das Kreuzen um die Insel. Das Wetter

muß aber schön sein, die Wolken müssen sich ungewöhnlich gestalten,

und man muß rücklings auf dem Verdecke liegen und in den Himmel sehen

und allenfalls auch ein Stückchen Himmel im Herzen haben. Die Wellen

murmeln alsdann allerlei wunderliches Zeug, allerlei Worte, woran liebe

Erinnerungen flattern, allerlei Namen, die wie süße Ahnung in der Seele

wiederklingen. Dann kommen auch Schiffe vorbeigefahren, und man grüßt,

als ob man sich alle Tage wiedersehen könnte. Nur des Nachts hat das

Begegnen fremder Schiffe auf dem Meere etwas Unheimliches; man will

sich dann einbilden, die besten Freunde, die wir seit Jahren nicht

gesehen, führen schweigend vorbei, und man verlöre sie auf immer.

Ich liebe das Meer wie meine Seele.

Oft wird mir sogar zu Mute, als sei das Meer eigentlich meine Seele

selbst; und wie es im Meere verborgene Wasserpflanzen gibt, die nur im

Augenblick des Aufblühens an dessen Oberfläche heraufschwimmen und im

Augenblick des Verblühens wieder hinabtauchen, so kommen zuweilen auch

wunderbare Blumenbilder heraufgeschwommen aus der Tiefe meiner Seele

und duften und leuchten und verschwinden wieder.

Man sagt, unfern dieser Insel, wo jetzt nichts als Wasser ist, hätten

einst die schönsten Dörfer und Städte gestanden, das Meer habe sie

plötzlich alle überschwemmt, und bei klarem Wetter sähen die Schiffer

noch die leuchtenden Spitzen der versunkenen Kirchtürme, und mancher

habe dort in der Sonntagsfrühe sogar ein frommes Glockengeläute gehört.

Die Geschichte ist wahr; denn das Meer ist meine Seele —

„Eine schöne Welt ist da versunken,

Ihre Trümmer blieben unten stehn,

Lassen sich als goldne Himmelsfunken

Oft im Spiegel meiner Träume sehn.“

(Wilh. Müller.)

Geht man am Strande spazieren, so gewähren die vorbeifahrenden Schiffe

einen schönen Anblick. Haben sie die blendend weißen Segel aufgespannt,

so sehen sie aus wie vorbeiziehende große Schwäne. Gar besonders schön

ist dieser Anblick, wenn die Sonne hinter dem vorbeisegelnden Schiffe

untergeht, und dieses wie von einer riesigen Glorie umstrahlt wird.

Die Jagd am Strande soll ebenfalls ein großes Vergnügen gewähren.

Was mich betrifft, so weiß ich es nicht sonderlich zu schätzen. Der

Sinn für das Edle, Schöne und Gute läßt sich oft durch Erziehung den

Menschen beibringen; aber der Sinn für die Jagd liegt im Blute. Wenn

die Ahnen schon seit undenklichen Zeiten Rehböcke geschossen haben, so

findet auch der Enkel ein Vergnügen an dieser legitimen Beschäftigung.

Meine Ahnen gehörten aber nicht zu den Jagenden, viel eher zu den

Gejagten, und soll ich auf die Nachkömmlinge ihrer ehemaligen Kollegen

losdrücken, so empört sich dawider mein Blut.

Des Versuchs halber, denn ich muß mein Blut besser gewöhnen, ging

ich gestern auf die Jagd. Ich schoß nach einigen Möwen, die gar zu

sicher umherflatterten und doch nicht bestimmt wissen konnten, daß ich

schlecht schieße. Ich wollte sie nicht treffen und sie nur warnen, sich

ein anderes Mal vor Leuten mit Flinten in acht zu nehmen; aber mein

Schuß ging fehl, und ich hatte das Unglück, eine junge Möwe tot zu

schießen. Es ist gut, daß es keine alte war; denn was wäre dann aus den

armen kleinen Möwchen geworden, die, noch unbefiedert, im Sandneste der

großen Düne liegen und ohne die Mutter verhungern müßten! Mir ahndete

schon vorher, daß mich auf der Jagd ein Mißgeschick treffen würde: ein

Hase war mir über den Weg gelaufen.

Gar besonders wunderbar wird mir zu Mute, wenn ich allein in der

Dämmerung am Strande wandle, — hinter mir flache Dünen, vor mir das

wogende, unermeßliche Meer, über mir der Himmel wie eine riesige

Krystallkuppel, — ich erscheine mir dann selbst sehr ameisenklein, und

dennoch dehnt sich meine Seele so meilenweit. Die hohe Einfachheit der

Natur, wie sie mich hier umgibt, zähmt und erhebt mich zu gleicher

Zeit, und zwar in stärkerem Grade als jemals eine andere erhabene

Umgebung. Nie war mir ein Dom groß genug; meine Seele mit ihrem alten

Titanengebet strebte immer höher, als die gotischen Pfeiler, und wollte

immer hinausbrechen durch das Dach. Auf der Spitze der Roßtrappe

haben mir beim ersten Anblick die kolossalen Felsen in ihren kühnen

Gruppierungen ziemlich imponiert; aber dieser Eindruck dauerte nicht

lange; meine Seele war nur überrascht, nicht überwältigt, und jene

ungeheuren Steinmassen wurden in meinen Augen allmählich kleiner,

und am Ende erschienen sie wie geringe Trümmer eines zerschlagenen

Riesenpalastes, worin sich meine Seele vielleicht komfortabel befunden

hätte.

Heinr. Heine.

Am Strande.

Auf hochgestapelte Ballen blickt

Der Kaufherr mit Ergötzen;

Ein armer Fischer daneben flickt

Betrübt an zerrißnen Netzen.

Manch rüstig stolzbewimpelt Schiff,

Manch morsches Wrack im Sande!

Der Hafen hier und dort das Riff,

Jetzt Flut, jetzt Ebb’ am Strande.

Hier Sonnenblick, Sturmwolken dort;

Hier Schweigen, dorten Lieder,

Und Heimkehr hier, dort Abschiedswort;

Die Segel auf und nieder!

Zwei Jungfraun sitzen am Meeresstrand;

Die eine weint in die Fluten,

Die andre mit dem Kranz in der Hand

Wirft Rosen in die Fluten.

Die eine, trüber Wehmut Bild,

Stöhnt mit geheimem Beben:

„O Meer, o Meer, so trüb und wild,

Wie gleichst du so ganz dem Leben!“

Die andre, lichter Freude Bild,

Kost selig lächelnd daneben:

„O Meer, o Meer, so licht und mild,

Wie gleichst du so ganz dem Leben!“

Fortbraust das Meer und überklingt

Das Stöhnen wie das Kosen;

Fortwogt das Meer, und, ach, verschlingt

Die Tränen wie die Rosen.

Anast. Grün.

[Illustration]

Der kleine Hydriot.

Ich war ein kleiner Knabe, stand fest kaum auf dem Bein,

Da nahm mich schon mein Vater mit in das Meer hinein,

Und lehrte leicht mich schwimmen an seiner sichern Hand,

Und in die Fluten tauchen bis nieder auf den Sand.

Ein Silberstückchen warf er dreimal ins Meer hinab,

Und dreimal mußt ich’s holen, eh’ er’s zum Lohn mir gab.

Dann reicht er mir ein Ruder, hieß in ein Boot mich gehn,

Er selber blieb zur Seite mir unverdrossen stehn,

Wies mir, wie man die Woge mit scharfem Schlage bricht,

Wie man die Wirbel meidet und mit der Brandung ficht.

Und von dem kleinen Kahne ging’s flugs ins große Schiff,

Es trieben uns die Stürme um manches Felsenriff.

Ich saß auf hohem Maste, sah über Meer und Land,

Es schwebten Berg’ und Türme vorüber mit dem Strand.

Der Vater hieß mich merken auf jedes Vogels Flug,

Auf aller Winde Wehen, auf aller Wolken Zug;

Und bogen dann die Stürme den Mast bis in die Flut,

Und spritzten dann die Wogen hoch über meinen Hut,

Da sah der Vater prüfend mir in das Angesicht —

Ich saß in meinem Korbe und rüttelte mich nicht. —

Da sprach er, und die Wange ward ihm wie Blut so rot:

„Glück zu, auf deinem Maste, du kleiner Hydriot!“ —

Und heute gab der Vater ein Schwert mir in die Hand,

Und weihte mich zum Kämpfer für Gott und Vaterland.

Er maß mich mit den Blicken vom Kopf bis zu den Zehn:

Mir war’s, als tät sein Auge hinab ins Herz mir sehn.

Ich hielt mein Schwert gen Himmel und schaut’ ihn sicher an

Und däuchte mich zur Stunde nicht schlechter als ein Mann.

Da sprach er, und die Wange ward ihm wie Blut so rot:

„Glück zu, mit deinem Schwerte, du kleiner Hydriot!“

Wilh. Müller.

Seefahrt.

Lange Tag’ und Nächte stand mein Schiff befrachtet;

Günst’ger Winde harrend saß mit treuen Freunden,

Mir Geduld und guten Mut erzechend,

Ich im Hafen.

Und sie waren doppelt ungeduldig:

Gerne gönnen wir die schnellste Reise,

Gern die hohe Fahrt dir; Güterfülle

Wartet drüben in den Welten deiner,

Wird Rückkehrendem in unsern Armen

Lieb’ und Preis dir.

Und am frühen Morgen ward’s Getümmel,

Und dem Schlaf entjauchzt uns der Matrose,

Alles wimmelt, alles lebet, webet,

Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen.

Und die Segel blähen in dem Hauche,

Und die Sonne lockt mit Feuerliebe;

Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken,

Jauchzen an dem Ufer alle Freunde

Hoffnungslieder nach, im Freudentaumel

Reisefreuden wähnend, wie des Einschiffmorgens,

Wie der ersten hohen Sternennächte.

Aber gottgesandte Wechselwinde treiben

Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab,

Und er scheint sich ihnen hinzugeben,

Strebet leise, sie zu überlisten,

Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege.

Aber aus der dumpfen grauen Ferne

Kündet leise wandelnd sich der Sturm an,

Drückt die Vögel nieder aufs Gewässer,

Drückt der Menschen schwellend Herz darnieder,

Und er kommt. Vor seinem starren Wüten

Streckt der Schiffer klug die Segel nieder;

Mit dem angsterfüllten Balle spielen

Wind und Wellen.

Und an jenem Ufer drüben stehen

Freund’ und Lieben, beben auf dem Festen:

Ach, warum ist er nicht hier geblieben!

Ach, der Sturm! Verschlagen weg vom Glücke!

Soll der Gute so zu Grunde gehen?

Ach, er sollte, ach, er könnte! Götter!

Doch er stehet männlich an dem Steuer;

Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen,

Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen;

Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe,

Und vertrauet, scheiternd oder landend.

Wolfg. v. Goethe.

Auf offener See.

Ade, du Küste mit den falschen Sorgen,

Furcht, Glück und Not, sinkt unter in das Meer!

Nun bin ich frei, jetzt bin ich erst geborgen,

Kein eitles Hoffen langet bis hierher.

Wie still, wohin ich auch die Blicke wende,

Wie weit und hoch und ringsum ohne Ende!

Gestirne, Wolken gehen auf und unter

Und spiegeln sich im stillen Ozean,

Hoch Himmel über mir und Himmel drunter,

Inmitten wie so klein mein schwacher Kahn!

Walt’ Gott, ihm hab’ ich alles übergeben,

Nun komm nur, Sturm, ich fürcht’ nicht Tod noch Leben.

Jos. v. Eichendorff.

Der Seemorgen.

Der Morgen frisch, die Winde gut,

Die Sonne glüht so helle,

Und brausend geht es durch die Flut,

Wie wandern wir so schnelle!

Die Wogen stürzen sich heran;

Doch wie sie auch sich bäumen,

Dem Schiff sich werfend in die Bahn,

In toller Mühe schäumen:

Das Schiff voll froher Wanderlust

Zieht fort unaufzuhalten,

Und mächtig wird von seiner Brust

Der Wogendrang gespalten;

Gewirkt von goldner Strahlenhand

Aus dem Gesprüh der Wogen,

Kommt ihm zur Seit’ ein Irisband

Hellflatternd nachgeflogen.

So weit nach Land mein Auge schweift,

Seh’ ich die Flut sich dehnen,

Die uferlose; mich ergreift

Ein ungeduldig Sehnen.

Daß ich so lang euch meiden muß

Berg, Wiese, Laub und Blüte! —

Da lächelt seinen Morgengruß

Ein Kind aus der Kajüte.

Wo fremd die Luft, das Himmelslicht,

Im kalten Wogenlärme,

Wie wohl tut Menschenangesicht

Mit seiner stillen Wärme!

Nik. Lenau.

Frieden.

Hoch am Himmel stand die Sonne,

Von weißen Wolken umringt;

Das Meer war still, —

Und sinnend lag ich am Steuer des Schiffes,

Träumerisch sinnend, — und halb im Wachen

Und halb im Schlummer, schaute ich Christus,

Den Heiland der Welt.

In wallend weißem Gewande

Wandelte riesengroß

Er über Land und Meer;

Es ragte sein Haupt in den Himmel,

Die Hände breitete segnend

Er über Land und Meer;

Und als ein Herz in der Brust

Trug er die Sonne,

Die rote, flammende Sonne;

Und das rote, flammende Sonnenherz

Goß seine Gnadenstrahlen

Und sein holdes, liebseliges Licht,

Erleuchtend und wärmend,

Weit über Land und Meer.

Glockenklänge zogen feierlich

Hin und her, zogen wie Schwäne

Am Rosenbande das gleitende Schiff,

Und zogen es spielend ans grüne Ufer,

Wo Menschen wohnen in hochgetürmter,

Ragender Stadt.

O Friedenswunder! Wie still die Stadt!

Es ruhte das dumpfe Geräusch

Der schwatzenden, schwülen Gewerbe;

Und durch die reinen, hallenden Straßen

Zogen Menschen, weißgekleidete,

Palmzweigtragende;

Und wo sich zwei begegneten,

Sahn sie sich an, verständnisinnig;

Und schauernd in Lieb’ und süßer Entsagung,

Küßten sie sich auf die Stirne

Und schauten hinauf

Nach des Heilands Sonnenherzen,

Das freudig versöhnend sein rotes Blut

Hinunterstrahlte;

Und dreimal selig sprachen sie:

Gelobt sei, Jesu Christ!

Heinr. Heine.

Meerfahrt.

Da schwimm ich allein auf dem stillen Meer;

Keine Welle rauscht, es ist eben und glatt.

Auf dem sandigen Grunde prächtig und hehr

Glänzt die alte, versunkene Stadt.

In alter verschollner Märchenzeit

Verstieß ein König sein Töchterlein;

Da lebt es über den Bergen weit

Im Walde bei sieben Zwergen klein.

Und als es starb durch des Giftes Kraft,

Ihm eingeflößt von der Mutter arg,

Da legt es die kleine Genossenschaft

In einen krystallenen Sarg.

Da lag es in seinem weißen Kleid,

Bekränzt mit Blumen, duftend und schön;

Da lag es in seiner Lieblichkeit,

Und sie konnten es immer sehn.

So liegst du in deinem Sarg von Krystall,

Du geschmückte Leiche, versunknes Julin!

Der spielenden Flut durchsichtiger Schwall

Zeigt deiner Paläste Glühn!

Die Türme ragen düster empor

Und geben schweigend ihr Trauern kund;

Die Mauer durchbricht das gewölbte Tor,

Es schimmern die Kirchenfenster bunt.

Doch in der schauerlich stillen Pracht

Keines Menschen Tritt, keine Lust, kein Spiel;

Auf Straßen und Märkten ungeschlacht

Treibt sich das frische Gewühl.

Sie glotzen mit glasigen Augen dumm

In die Fenster und in die Türen hinein;

Sie sehn die Bewohner schläfrig und stumm

In ihren Häusern von Stein.

Ich will hinunter, ich will erneun

Die versunkene Pracht, die ertrunkene Lust!

Die Zauber des Todes will ich zerstreun

Mit dem Odem meiner lebendigen Brust!

Hinab! — nicht rudert er fürder! Schlaff

Und reglos sinken ihm Arm und Fuß:

Über seinem Haupte schließt sich das Haff;

Er entbietet der Stadt seinen Gruß.

Er lebt in den Häusern der alten Zeit,

Wo die Muschel blitzt, wo der Bernstein glüht.

Unten die alte Herrlichkeit,

Oben ein Fischerlied.

Ferd. Freiligrath.

Meeres Stille.

Tiefe Stille herrscht im Wasser,

Ohne Regung ruht das Meer,

Und bekümmert sieht der Schiffer

Glatte Fläche rings umher.

Keine Luft von keiner Seite!

Todesstille fürchterlich!

In der ungeheuern Weite

Reget keine Welle sich.

Wolfg. v. Goethe.

Ich seh’ von des Schiffes Rande

Tief in die Flut hinein:

Gebirge und grüne Lande

Und Trümmer im falben Schein

Und zackige Türme im Grunde,

Wie ich’s oft im Traum mir gedacht,

Das dämmert alles da unten

Als wie eine prächtige Nacht.

[Illustration]

Seekönig auf seiner Warte

Sitzt in der Dämmrung tief,

Als ob er mit langem Barte

Über seiner Harfe schlief’;

Da kommen und gehen die Schiffe

Darüber, er merkt es kaum,

Von seinem Korallenriffe

Grüßt er sie wie im Traum.

Jos. v. Eichendorff.

Sturm mit seinen Donnerschlägen

Kann mir nicht wie du

So das tiefste Herz bewegen,

Tiefe Meeresruh!

Du allein nur konntest lehren

Uns den schönen Wahn

Seliger Musik der Sphären,

Stiller Ozean!

Nächtlich Meer, nun ist dein Schweigen

So tief ungestört,

Daß die Seele wohl ihr eigen

Träumen klingen hört:

Daß im Schutz geschlossnen Mundes

Doch mein Herz erschrickt,

Das Geheimnis heil’gen Bundes

Fester an sich drückt.

Nik. Lenau.

Glückliche Fahrt.

Die Nebel zerreißen,

Der Himmel ist helle,

Und Äolus löset

Das ängstliche Band.

Es säuseln die Winde,

Es rührt sich der Schiffer.

Geschwinde! Geschwinde!

Es teilt sich die Welle,

Es naht sich die Ferne;

Schon seh’ ich das Land!

Wolfg. v. Goethe.

Der goldene Tod.

Kein Wind im Segel, die See liegt still —

Kein Fisch doch, der sich fangen will!

So ziehen die Netze sie wieder herein

Und murren, schelten und fluchen drein.

Da neben dem Kutter wird’s heller und licht

Wie weißliches Haar, wie ein Greisengesicht,

Und ein triefendes Haupt taucht auf aus der Flut:

„Ei, drollige Menschlein, ich mein’s mit euch gut —

Ich gönn’ euch von meiner Herde ja viel,

Doch heut ist mein Jüngster als Fisch beim Spiel,

Den mußt’ ich doch hüten, ich alter Neck,

Drum jagt ich sie all miteinander weg —

Doch schickt ihr den Jungen mir wieder nach Haus,

So werft nur noch einmal das Fangzeug aus:

Der schönste ist mein Söhnchen klein,

Das übrige mag euer eigen sein!“

Hei, flogen die Netze jetzt wieder in See!

Ho, kaum, daß ihr’ Lasten sie brachten zur Höh’!

Wie lebende Wellen, so fort und fort

Von köstlichen Fischen, so quoll’s über Bord.

Und patscht und schnappt und zappelt und springt —

Und bei den Fischern, da tollt’s und singt.

Nun plötzlich blitzt es — seht: es rollt

Ein Fisch über Bord von lauterem Gold!

Eine jede Schuppe ein Geldesstück!

Wie edelsteinen, so funkelt’s im Blick!

Die Kiemen sind aus rotem Rubin,

Perlen die Flossen überziehn,

Mit eitel Demanten besetzt, so ruht

Auf seinem Häuptlein ein Krönchen gut,

Und fürnehm wispert’s vom Schnäuzlein her:

„Ich bin Prinz Neck, laßt mich ins Meer!“

Den Fang ins Meer? Sie rühren ihn an,

Die Fischer, und tasten und stieren ihn an.

„Laßt mich ins Meer!“ Sie hören nicht drauf.

„Laßt mich ins Meer!“ Sie lachen nur auf.

Sie wägen das goldene Prinzlein ab,

Sie schätzen’s und klauben ihm Münzlein ab —

Wie wiegt das voll, wie gleißt das hold!

Sie denken nichts weiter, — sie denken nur Gold.

Und seht: ein Goldschein überfliegt

Jetzt alles, was von Fisch da liegt,

Und wandelt’s, daß es klirrt und rollt:

Seht: +all+ die Fische werden Gold!

Sinkt das Schiff von blitzender Last?

„Schaufelt, was die Schaufel faßt!“ ...

Wie lustiges Feuerwerk sprüht das umher —

Dann rauscht über alles zusammen das Meer.

Ferd. Avenarius.

Teerpitterchens Tochter.

Fern im Norden, woher die häßlichen Winterstürme kommen, welche durch

die dicksten Fausthandschuhe wehen und alle Nasen und Ohren zwicken,

daß sie rot und blau werden, da liegt die Ostsee. Sie besteht aus

lauter Wasser, aber trinken kann man es nicht, denn es schmeckt salzig

wie Heringe. Wenn du so auf dem gelben Ufersande stehst, den die See

ausspült und der Wind zu Bergen aufweht, dann liegt es vor dir, weit,

weit, — alles Wasser, wie in den blauen Himmel hineingemalt; höchstens

daß du ein fernes Schiff darauf erblickst mit braunen, teergetränkten

Segeln. Von weitem her schießen die blitzenden Wogen auf dich los, aber

es vergeht viel Zeit, ehe sie herangerauscht sind und zu deinen Füßen

zischend auseinander stieben. Gar oft müssen sie Anlauf nehmen, und

jedesmal, wenn sie recht hoch gekommen sind, so schwitzen sie weißen

Gischt vor Anstrengung, und dann lassen sie sich wieder fallen und

ruhen einen Augenblick aus.

Es gibt auch kleine Jungen und Mädchen an der See, das sind meist

Fischerkinder; und wenn die an den Strand gehen, so können sie die

schönsten kleinen Höhlen in die Sandberge kratzen und Teppiche von

Seegras hineintragen, oder sie können Muscheln und Bernsteinstückchen

suchen, welche die See auswirft. In den Bernsteinstückchen sind

manchmal tote Mücken und Fliegen, und die sind dann steinalt, viel

tausend Jahre. Des Abends aber, wenn die Sterne sich im finstern Wasser

spiegeln und einander zunicken, dann sitzen die Fischer und erzählen

sich die herrlichsten Märchen von der Welt: vom Heringskönig mit dem

silbernen Mantel und der roten Weste, der aus Versehen seine Krone

verschluckt hatte, von der Bernsteinhexe, die in jeder Neumondnacht

dicke gelbe Bernsteintränen weint und die Leute, welche sie trösten

wollen, bei den Beinen in das Wasser zieht, vom Klabautermann und

der versunkenen Stadt Julin. Manchmal erzählten sie auch vom kleinen

Teerpitterchen, welches die Wolken macht. Man wird gar nicht müde

zuzuhören.

[Illustration]

Der kleine Wilm hat auch einen Vater, welcher Fischer war. Der stand

in der Nacht auf und ging in hohen Transtiefeln zum Strande hinunter,

wo sein Boot lag, und dann fuhr er damit in das Meer hinein und fing

Heringe, Flundern und Hornfische. Am Tage aber nahm die Mutter den

kleinen Wilm mit an den Strand; sie wusch die Netze und hing sie zum

Trocknen auf, und der Junge spielte bis er müde war, dann legte sie

ihn in das Boot auf das Segeltuch, daß er schliefe. Da streichelte der

Sonnenschein sein rotes Gesichtchen, und der Wind blies in seine gelben

Haare.

Wie er einmal so lag, sah er im Schlaf etwas sonderbares, nämlich ein

kleines Männchen, das war das Teerpitterchen. Es hatte Kleider aus

dickgeteertem Segeltuch an, dazu ein Paar hohe Stiefel und auf dem

Kopfe eine Kappe. Das merkwürdigste aber waren seine Haare und sein

Bart, die waren grünes Seegras. Es saß auf einem Stück Segeltuch,

welches auf den Wellen schwamm; einen Zipfel hatte es an einem Faden

wie ein Segel vor sich und blies hinein, daß seine Backen so dick waren

wie zwei runde Apfelsinen.

„Guten Tag, kleiner Wilm,“ sagte das Teerpitterchen und hielt bei

dem Boote an, in welchem der kleine Wilm lag. „Du kannst ein bißchen

mitkommen zu meiner Anning; sie ist eine lustige kleine Dirne.“

„Ich kann ja nicht fort, weil ich schlafe,“ antwortete Wilm.

„Das schadet nichts, deine Seele kann immer fort; das geht ganz

leicht,“ sprach das Teerpitterchen.

„Aber wenn meine Mutter mich wecken will, dann kann ich nicht

aufwachen.“

„O wenn sie das will, trage ich dich so rasch wieder her, wie man Amen

sagt. Sie soll gar nichts merken.“

„Wenn sie nur nichts merkt,“ sprach der kleine Wilm nachdenklich, und

da sah er schon, daß er neben dem Teerpitterchen auf dem Segeltuch

stand.

„Grüß Klein-Anning von mir,“ sagte eine Stimme, und wie er sich

umwandte, war es die Segelstange auf seines Vaters Boot, die hatte das

Segel umgeschlagen wie ein Plaid und machte tiefe Verneigungen; und das

Boot hatte ein Gesicht bekommen und blinzelte ihm lustig zu und sagte

auch: „Grüß Klein-Anning von mir,“ und dabei wippte das Boot immer auf

und nieder. Im Boote sah er sich selber schlafen; das kam ihm spaßhaft

vor. Wie er sich aber nach seiner Mutter umschaute, dünkte es ihm, als

seien ihre Augen auf ihn gerichtet, und da wurde er ängstlich und rief:

„Sie sieht mich schon, sie sieht mich schon.“

„Träterätätä,“ sagte das Teerpitterchen, eine Seele kann man nicht

sehn, und jetzt geht die Fahrt ab.“ Darauf hob er einen anderen Zipfel

aus dem Wasser heraus und blies, daß seine Backen so groß wurden wie

runde Turmknöpfe, und wenn er einmal vorbei blies in das Wasser, so

flog ein weißer Nebel auf und stieg in die Luft; das war dann eine

Wolke.

Wie sie ein Stück gefahren waren, hielt das Fahrzeug an, und das

Teerpitterchen pfiff auf zwei Fingern. Da kamen zwei Seehunde, die

waren gesattelt und gezäumt und wedelten mit den Hinterfüßen, denn

einen Schwanz hatten sie nicht. „Steig auf, kleiner Wilm,“ sprach das

Teerpitterchen, und schon saß er selber im Sattel und hing sich das

Segeltuch wie einen Reitermantel um. Rutsch! da fuhren sie durch das

grüne Wasser. Es glänzte wie Glas, und der kleine Wilm konnte sich

nicht genug verwundern, daß er gar nicht naß wurde. Er wußte nicht,

daß eine Seele niemals naß wird. Endlich ritten sie in einen hellen

Glanz hinein, der alles Wasser goldig färbte, und nun hielten sie vor

Teerpitterchens Hause, das so leuchtete, weil es aus lauter Bernstein

gebaut war; das Dach aber war obendrein mit Perlmutter belegt.

„Brrr!“ sagte das Teerpitterchen und da stand auch schon ein kleiner

Hummerkrebs, nahm in jede Schere einen Zügel und wartete bis die zwei

abgestiegen waren. Dann führte er die Seehunde fort in den Stall. Das

Männlein aber rief einen alten Kinderspruch:

„Anning, min Anning,

Wat heww ik’n Gör!

Kann tanzen un speelen

As Müs’ op de Deelen;

Anning, min Anning,

Wat heww ik’n Gör!“

„Da bin ich schon,“ sagte Klein-Anning und stand mit einem Male bei

ihnen. Sie war ein süßes kleines Ding und hatte keine garstigen

Seegrashaare wie ihr Vater, sondern gerade so einen Flachskopf wie

die Anna, das Nachbarskind, mit welcher der Wilm Sandhäuser baute und

Sandkuchen buk. Das Schönste aber war ihr Kleid, denn es war mit lauter

Fischschuppen benäht.

„Jetzt wird’s lustig,“ nickte sie und faßte Wilm bei den Händen; „ich

bin froh, daß du gekommen bist, denn du mußt wissen, daß ich heute

Geburtstag habe. Mit den dummen Fischen ist gar nichts anzufangen; sie

sprechen kein Wort und lassen sich alles gefallen. Ich mag keinen

leiden, der sich alles gefallen läßt. Kannst du dich mit mir zanken?“

„Je, warum nicht?“ sagte Wilm.

„Aber nicht gleich. Das muß erst zuletzt kommen. Jetzt darfst du ein

Stück Geburtstagskuchen essen.“ Und sie zog ein Stück aus der Tasche,

das aß Wilm, und es schmeckte wie lauter Fruchtbonbon. „So, nun komm

mit.“ Damit zog sie ihn auf eine hübsche kleine Seegraswiese, um

welche lauter hohe Wasserpflanzen wuchsen, wie Bäume so hoch. Einige

davon waren fast durchsichtig, grün oder rot gefärbt, die sahen am

niedlichsten aus. Fische schossen hindurch, große und kleine, manche

rund wie Kugeln und rings mit Stacheln besetzt, andere ganz platt wie

Scheiben oder auch schlank und dünn wie ein Rohrstöckchen. Alle hatten

runde Glotzaugen, und bei einigen standen die Augen gar auf Hörnern,

welche sie überall hin drehen konnten.

„Wir wollen tanzen. Du kannst es doch ordentlich?“ fragte Klein-Anning.

„Ein bißchen,“ antwortete Wilm.

„Ich will dir zeigen, wie man es machen muß,“ sprach sie und schlang

ihre Ärmchen um Wilm. Und nun ging das in die Höhe, und immer auf

und nieder im Wasser, und es war Wilm, als wäre er eine Mücke und

tanzte auf und ab unter seines Vaters Apfelbaum. Die Fische schwammen

herzu und sahen sich die Sache von weitem an; sie hätten gewiß gern

mitgetanzt, aber sie wagten es nicht vor lauter Respekt, denn es

hatte sie niemand dazu aufgefordert. Klein-Anning aber jauchzte und

drehte Wilm so rasch im Kreise herum, daß ihm Hören und Sehen verging.

„Plumps,“ sagte sie dann und ließ ihn fallen. Da lag er im Grase und

zog ein verdrießliches Gesicht und sie lachte.

„Du bist dumm,“ sagte der kleine Wilm.

„Höre du!“ meinte sie warnend, „jetzt darfst du noch nicht zanken. Wir

haben ja erst angefangen zu spielen. Ich will dir einmal etwas ins Ohr

sagen.“ Und sie setzte sich zu ihm in das Gras und sprach in sein Ohr:

„Wir gehen jetzt spazieren und besuchen unser Schloß.“

„Das wird ein schönes Ding sein.“

„Jawohl ist es schön; aber du darfst dich nicht fürchten vor den Tieren

unterwegs.“

„Ich fürchte mich gar nicht.“

Da faßte sie seine Hand, und nun ging es durch die Wasserpflanzen hin

und dann auf dem Meeresboden weiter, und die Fische zogen in hellen

Haufen hinterher. Bei ihren Füßen kribbelten und krabbelten große

Würmer, Krebse und Seespinnen, daß der kleine Wilm immer glaubte, er

müsse eines tot treten; aber er fürchtete sich wirklich gar nicht.

Die Muscheln öffneten die Schalen und machten „klipp, klapp“ wie die

Dreschflegel auf der Tenne. Helle Bernsteinstücke lagen umher, manche

so groß wie die Backsteine. Alle Fische aber, welche herbeigeschwommen

kamen, schlossen sich hinten dem Zuge an; die meisten davon waren

Heringe.

Zuletzt kamen sie wieder in einen Wald von durchsichtigen Wasserbäumen;

alles um sie herum schimmerte im herrlichsten Grün und die Spitzen der

Bäume wedelten hin und her wie Fahnen. Mitten im Walde aber lag ein

schwarzer alter Holzbau, das war ein versunkenes Schiff. Es sah recht

trübselig aus. Stücke von den Masten waren umhergestreuet, und die

Bretter klafften überall, daran saßen Muscheln und Wassermoos. Zu den

Fenstern aber schlüpften die Fische aus und ein. Ein Brett war weiß,

daran standen Buchstaben, die niemand mehr lesen konnte, so verwischt

waren sie. Es war ein recht verwittertes altes Schiff.

„Hier ist unser Schloß,“ sagte Klein-Anning.

„Das ist zu schlecht,“ antwortete Wilm, „das ist gar kein Schloß; da

hinein gehe ich nicht.“

„Warte nur, ich will es neu anstreichen,“ meinte Klein-Anning. Sie

hob eine Muschel auf und strich über das Holz, und mit einem Male

glänzte das ganze Holz wie lauter Perlmutter. „So, nun wollen wir

hineinsteigen. Du bist der Prinz und ich die Prinzessin, und wir werden

Hochzeit halten.“

„Wenn du Hochzeit halten willst, mußt du einen Kranz haben; ohne Kranz

kann ich dich nicht heiraten,“ sagte Wilm.

„Das ist schade,“ meinte Klein-Anning und sah sich um; endlich bückte

sie sich und zog ein paar grüne Ranken herauf, welche unter dem Schiffe

vorwuchsen, die schlang sie sich durch das Haar um den Kopf. „Ist das

nun gut?“ fragte sie.

„Nein, es müssen Blumen darin sein.“

„Ich will aber keine Blumen!“ rief sie zornig und machte so böse große

Augen, daß dem Wilm ganz ängstlich wurde. Aber sie war gleich wieder

vergnügt und umfaßte ihn, und wie der Blitz fuhren sie aufwärts

und standen schon auf dem Verdeck des Schiffes. Sie kletterten die

Schiffstreppe hinab und kamen in einen weiten Saal, in welchem sich

noch Tische und Stühle befanden. Der Saal war ganz mit Muscheln

tapeziert, und auf den Stühlen wuchsen kleine grüne Wasserpflänzchen,

daß sie wie mit grünem Plüsch überzogen aussahen.

„Komm,“ sagte Klein-Anning, „wir wollen erst den Musikanten holen.“

Sie zog Wilm in eine Tür hinein, in ein finsteres Kämmerchen. Da lag

ein Mann und rührte sich nicht; aber wie Klein-Anning ihn anfaßte,

machte er die Augen auf.

„Guten Tag, kleiner Wilm,“ sagte er.

„Wer bist du?“ fragte Wilm.

„Kennst du mich nicht? Ich bin ja dein Onkel, der immer mit dem Schiff

gefahren ist nach Amerika und noch weiter. Lebt denn der Kakadu noch,

den ich dir mitgebracht habe? Puh, es ist so naß hier unten. Ich weiß

nicht, wie viel Wasser ich schon geschluckt habe, seit ich hier auf dem

Schiff untergegangen bin, aber es muß sehr viel sein.“

„Du sollst uns geigen,“ sprach Klein-Anning ungeduldig; „du mußt

wissen, daß wir Brautleute sind.“

Wilm war nachdenklich geworden und sagte: „Ich möchte lieber nach

Hause. Meine Mutter wird kommen und mich wecken wollen. Kannst du meine

Mutter nicht sehen, Prinzessin?“

„O ja, Prinz,“ antwortete Klein-Anning und legte die Hand über die

Augen. „Sie sitzt an der See und spült das große Netz.“

Da gab sich Wilm zufrieden, und sie gingen beide in den Saal; der Mann

aber hatte eine Geige genommen und kam hinterher.

Die Fische guckten zu den Fenstern herein; denn sie sind immer sehr

neugierig.

„Ihr dürft nicht herein,“ rief Klein-Anning; „bloß zusehen dürft ihr.

Ihr seid nicht schlank genug zum Tanzen. Aber die Heringe können

kommen.“

Und die Heringe kamen denn auch, immer mehr und mehr, und stellten sich

auf die Schwänze und knixten, und dazu schnappten sie immer mit den

Mäulern, als ob sie etwas sagen wollten, aber es kam nichts heraus als

Luftblasen. Klein-Anning nickte dem Spielmann zu, und da fing der an zu

geigen, und nun nickte auch Wilm, denn er kannte das Lied schon; der

Onkel hatte es immer gegeigt, wenn er heimgekommen war, und es war sehr

schön, bloß ein wenig traurig. Dann kam die Trauung.

Wilm faßte Klein-Anning bei der Hand, und der Onkel legte seine Hand

auch dazu und sagte: „Alama kalalama itzehuatiputzli; habt ihr’s

verstanden?“

„Ja,“ sprach Klein-Anning, und da sagte Wilm auch „ja“; und die Heringe

klappten die Mäuler auf und zu, als wollten sie ebenfalls „ja“ sagen.

Es war gewiß sehr feierlich anzusehen.

„Schön,“ meinte der Onkel; „jetzt gebt euch einen Kuß, dann ist alles

in Ordnung, und wir können tanzen.“

Sie gaben sich wirklich einen Kuß, und Klein-Anning biß Wilm dabei

in die Lippen und lachte ihn dann aus. Nun kamen alle Heringe und

gratulierten; man konnte es dabei sehen, daß sie die Augen verdrehten,

indem sie heranspazierten, und daß sie noch mehr schnappten als vorher.

Wilm aber wurde mit einem Male wieder unruhig. „Prinzessin,“ sprach er,

„du kannst mir noch einmal sagen, was meine Mutter macht.“

„Ja, mein Prinz,“ antwortete Klein-Anning und legte wieder die Hand

über die Augen. „Sie zieht eben das Netz auf den Strand hinauf.“

„Dann habe ich noch Zeit,“ sagte Wilm. Sie setzten sich auf die beiden

größten Stühle, und der Onkel mit der Geige stieg auf einen Tisch und

fing an so lustig zu geigen, daß jedem das Herz im Leibe lachen mußte.

Die Heringe faßten sich mit den Flossen an und tanzten, daß der ganze

Saal blitzte. Und am Ende fing der Onkel auch an auf seinem Tische

herumzuspringen, und Klein-Anning jauchzte dazwischen und zappelte

mit den Füßchen, und die Tische und Stühle hoben auch die Beine und

sprangen umher, sogar die beiden großen, auf denen die Neuvermählten

saßen.

Zuletzt hörte der Onkel auf, da war mit einem Male alles ruhig.

Der kleine Wilm aber machte zum dritten Male ein ängstliches Gesicht

und fragte zum dritten Male: „Prinzessin, was macht meine Mutter?“

„Ei, sie steht bei den Pfählen und hakt’s Netz ein.“

„Bring mich hin,“ rief Wilm und sprang vom Stuhle; „jetzt kommt sie

gleich an das Boot und will mich mitnehmen.“

„Du sollst hier bleiben,“ sagte Klein-Anning. „Ich lasse dich nicht

fort.“

„Ich will aber fort, du dumme Dirn.“ Sie wollte seine Hand fassen,

aber er riß sich los. Da stampfte sie mit den Füßen; alle Fische, die

draußen gewesen, kamen herein und schwammen mit offenen Mäulern auf ihn

los, und die grünen, durchsichtigen Wasserpflanzen wuchsen durch die

Fenster und wurden dichter und dichter, so viel auch der kleine Wilm

von ihnen zerriß. Er sah schon Klein-Anning nicht mehr, aber er hörte

sie neben sich kichern, und der Onkel mußte wieder seine Geige genommen

haben und lustig darauf herumkratzen — —

Mit einem Male gab es einen Knack, daß das ganze Schiff zitterte. Die

Decke spaltete sich, und der Wilm fuhr nach oben, hinaus in das klare

Wasser. Über dem Wasser aber schwebte eine weiße Möwe, die schrie:

„Krieh! Krieh!“ Und als der kleine Wilm auftauchte, faßte sie ihn mit

den Krallen und trug ihn in das Boot. Da war es nicht mehr der Vogel,

sondern das kleine Teerpitterchen, was bei ihm war.

„Adieu, kleiner Wilm,“ sagte es und nickte ihm freundlich zu; dann war

es verschwunden.

Da fühlte Wilm auch schon, daß ihn seine Mutter am Ärmel zupfte und

schlug die Augen auf. Die Sonne schien heiß in das Boot; am Himmel aber

standen ein paar finstere Regenwolken.

„Hast du was gemerkt, Mutting?“ fragte er und blinzelte schlau zu ihr

hinauf.

„Was soll ich denn gemerkt haben? Komm rasch mit nach Hause, sonst

werden wir tüchtig naß werden.“ —

Viktor Blüthgen.

Der Klabautermann.

Flink auf! die lustigen Segel gespannt!

Wir fliegen wie Vögel von Strand zu Strand,

Wir tanzen auf Wellen um Klipp’ und Riff,

Wir haben das Schiff nach dem Pfiff im Griff,

Wir können, was kein andrer kann:

Wir haben einen Klabautermann.

[Illustration]

Der Klabautermann ist ein wackerer Geist,

Der alles im Schiff sich rühren heißt,

Der überall, überall mit uns reist,

Mit dem Schiffskapitän flink trinkt und speist,

Beim Steuermann sitzt er und wacht die Nacht,

Und im obersten Mast, wenn das Wetter kracht.

Ist’s Wetter klar, und die Fahrt gelingt,

So nimmt er die Geige und tanzt und springt,

Und alles muß auf dem Deck sich schwingen.

Unzählige selige Lieder singen,

Nicht Sturm, nicht Wurm, ihn ficht nichts an;

Wir haben den wahren Klabautermann.

Hei, klettert er, sei die See auch groß,

Klabautermann läßt kein Takelwerk los,

Er läuft auf den Raaen, wenn alles zerreißt,

Er tut, was der Kapitän ihn heißt —

Und wißt ihr, wie man ihn rufen kann?

Kourage heißt der Klabautermann.

Aug. Kopisch.

Wanderer und Wind.

Herbstwind, o sei willkommen,

Fünf Tage lag das Meer

So still, so bang beklommen,

Kein Lüftchen zog daher.

O Wind, nach deinem Rauschen

Sehnt’ ich mich auf der See,

Wie einst mein Jägerlauschen

Im Wald nach Hirsch und Reh.

Wie geht es meinen Wäldern

Am frischen Neckarfluß?

Den heimatlichen Feldern?

Bringst du mir keinen Gruß?

„Entlaubt hab’ ich die Wälder

„Im raschen Wanderzug,

„Nahm durch die Stoppelfelder

„Den ungehemmten Flug.

„Nun ich durch Feld und Auen

„Mein Wanderliedlein pfiff,

„Komm’ ich nach euch zu schauen

„Im Emigrantenschiff.

[Illustration]

„Weil alter Liebesbande

„Das Schifflein müd und matt,

„Jag ich’s vom Mutterstrande

„Dahin, ein welkes Blatt!“

Nik. Lenau.

Nun kommt der Sturm.

Nun kommt der Sturm geflogen,

Der heulende Nordost,

Daß hoch in Riesenwogen

Die See ans Ufer tost.

Das ist ein rasend Gischen,

Ein Donnern und ein Schwall,

Gewölk und Abgrund mischen

All ihrer Stimmen Schall.

Und in der Winde Sausen

Und in der Möwe Schrei’n,

In Schaum und Wellenbrausen

Jauchz’ ich berauscht hinein.

Schon mein’ ich, daß der Reigen

Des Meergotts mich umhallt,

Die Wogen seh’ ich steigen

In grüner Roßgestalt.

Und drüber hoch im Wagen,

Vom Nixenschwarm umringt,

Ihn selbst, den Alten, ragen,

Wie er den Dreizack schwingt.

Emanuel Geibel.

Das Meer.

I.

Der Wind zieht seine Hosen an,

Die weißen Wasserhosen;

Er peitscht die Wellen so stark er kann,

Die heulen und brausen und tosen.

Aus dunkler Höh’, mit wilder Macht

Die Regengüsse träufen;

Es ist, als wollt’ die alte Nacht

Das alte Meer ersäufen.

An den Mastbaum klammert die Möwe sich

Mit heiserem Schrillen und Schreien;

Sie flattert und will gar ängstiglich

Ein Unglück prophezeien.

II.

Der Sturm spielt auf zum Tanze,

Er pfeift und saust und brüllt;

Heisa, wie springt das Schifflein!

Die Nacht ist lustig und wild.

Ein lebendes Wassergebirge

Bildet die tosende See;

Hier gähnt ein schwarzer Abgrund,

Dort türmt es sich weit in die Höh’.

Ein Fluchen, Erbrechen und Beten

Schallt aus der Kajüte heraus;

Ich halte mich fest am Mastbaum

Und wünsche: Wär’ ich zu Haus.

Heinrich Heine.

Leander und Selin.

Leander und Selin, zwei Freunde, die

Ein gleiches Herz und gleicher Edelmut

Verbanden, traten in Geschäften einst

Zusammen eine Fahrt durchs Weltmeer an.

Die Winde wehten erst der Gegend zu,

Die schon die Reisenden im Geiste sahn.

Das Ufer floh, und bald erblickten sie

Ringsum nur Luft und Meer. Das Firmament

War heiter und voll Glanz. Sie segelten

In seinem Widerschein geruhig fort

Und nahten sich bereits der Reise Ziel,

Als schnell ein reißender Orkan erwacht;

Der peitscht das Meer, durchwühlt den tiefen Grund,

Treibt, Bergen gleich, die hohen Wogen fort

Und schleudert mächtig gegen einen Fels

Das Schiff. Es scheitert. Jeder sucht dem Tod

Auf Trümmern von dem Schiffe zu entfliehn.

Den beiden Freunden ward ein Brett zu Teil;

Allein es war zu klein für seine Last.

„Wir sinken,“ sprach Selin, „das Brettchen trägt

Uns beide nicht. O Freund, leb’ ewig wohl!

Du mußt erhalten sein; an dir verliert

Das Wohl der Welt zu viel, und ohne dich

Wär’ mir das Leben doch nur eine Qual.“

„Nein,“ sprach Leander, „nein, ich sterb’, o Freund!“

Allein Selin verließ zu schnell das Brett

Und übergab dem nassen Grab

Der Wasserwogen sich.

Die Vorsehung,

Die über alles wacht, sah seine Treu’

Und seine Großmut an und ließ das Meer

Ihm nicht zum Grabe sein. Mitleidig trägt’s

Auf seinen Wellen ihn zum Ufer hin.

Er fand Leandern schon daselbst. — O! wer

Beschreibt die namenlose Freude, die

Sie fühlten? Sie umarmten sich

Mit einer Tränenflut. Leander sprach:

„O allzuteurer Freund, in was für Qual

Hat deine Freundschaft mich gestürzt! Ich hab

Um dich zehnfache Todesangst gefühlt.

Was du tat’st, wollt’ ich tun; denn ohne dich

Wünscht’ ich das Leben nicht.“ „Geliebtester,

Was wär’ ich ohne dich?“ versetzt’ Selin.

„Der Himmel sei gelobt, der dich mir schenkt!

Komm, lass’ uns ihn, der uns vom Tod befreit,

Verehren und ihm ganz das Leben weihn!“

Sie knieten nieder an das Ufer hin

Und dankten dem, der sie errettete,

Und ihr Gebet drang durch die Wolken, drang

Zu Gott. — Leander teilte mit Selin,

Der arm an Geld, doch reich an Tugend war,

All’ seine Schätze, die Selin nur nahm,

Weil sich sein Freund dadurch beglückter fand,

Und Segen kam auf sie und auf ihr Haus,

Und lange waren sie der Nebenmenschen Glück.

Ew. v. Kleist.

Die Vergeltung.

I.

Meer · 第 1 / 3 段