Was nun aber?--

So ging es doch nicht weiter.

Er täuschte sich nicht mehr, und er wußte jetzt, wie furchtbar er

gelitten in dieser letzten Zeit. So konnte er nicht weiterleben. Er

konnte die Einsamkeit einfach nicht mehr ertragen.

Gewiß: es standen ihm andere, die besten Klubs offen. Nichts lag vor,

was seinen Eintritt hinderte, und nach dem heutigen Siege würden sich

gar bald die gehässigen in freundliche Mienen verwandeln und sich ihm

überall die Hände entgegenstrecken, wo er sie nur ergreifen wollte.

Aber es würde niemals wieder so werden, wie es gewesen war. Er würde

so sein, wie im "Hecht": ein Fremder unter Fremden.

Aber was sollte denn nun werden?--Ihm begann vor der Zukunft zu

grauen, denn er sah jetzt in allem ganz klar.

Er erkannte, wie sehr er sich zunächst in bezug auf sich selbst

getäuscht. Allmählich in diesen letzten Jahren, und immer mehr und

mehr, hatte er sich daran gewöhnt, nur sich zu sehen, nur seine

Siege, nur seine Triumphe. So war er dahin gekommen, den Erfolgen

anderer keine Bedeutung beizulegen, sie zu übersehen, soweit es

anging. Gewiß, darüber war kein Zweifel: sein Name war der

berühmteste unter allen, sein Erfolg beispiellos, sein Ruhm weiter

gedrungen, als der Ruhm irgendeines deutschen Schwimmers bisher...

Aber wieviel andere Namen wurden nicht auch neben, nicht mit dem

seinen zusammen genannt, wenn man von den Meistern des Schwimmens

sprach: alte Namen und neue, alle Tage neue... Er war nicht der

einzige, der Meister hieß. Da gab es eine Menge von Meisterschaften,

selbst in Deutschland, die in anderen Händen waren, an denen er sich

nicht beteiligt hatte, gar nicht hatte beteiligen können, schon

allein, weil Zeit und Raumentfernung und Satzungen es verboten. Da

gab es ferner die Meisterschaften im Mehrkampf, unter denen er nur

eine einzige, die bei seinem ersten und letzten Versuch errungene,

sein eigen nannte. Dann endlich die Springmeisterschaften... Doch

daran mochte er gar nicht mehr denken!--Also: nicht auf einer Brust

wurden alle Ehren vereinigt. Genug, daß die seine die höchsten trug.

Er hatte einen Namen, den besten und berühmtesten. Aber es war doch

nur ein Name neben und mit anderen.

Noch immer der erste. Heute mehr als je der erste, und nach diesem

letzten Siege lauter genannt, als jemals zuvor.--Aber wie lange

noch?--

Denn auch darin sah Felder jetzt zum ersten Male klar: daß es eine

Grenze gab, über die keiner hinauskam. Nie hatte er sich das selbst

gegenüber eingestanden, nie daran auch nur denken wollen... Aber

jetzt täuschte er sich auch hierin nicht mehr, und manches Wort fiel

ihm ein, das Nagel und auch andere schon vor Jahren warnend zu ihm

gesprochen.

Wie lange dauerte denn die Siegeslaufbahn einer Sportgroße?--So

lange, wie seine beste Kraft. Eine Reihe von Jahren, ein paar

weniger, ein paar mehr. Aber über ein gewisses Maß ging es nie

hinaus.

Und im Schwimmen?--Wenn einer dieselben Meisterschaften und einige

Wanderpreise drei Jahre hintereinander errang, so war das schon eine

große Ausnahme. Meist kam irgendeine andere Kraft dazwischen und

entriß sie ihm vor der Entscheidung.--Wenn ein Schwimmer ein paar

Jahre lang die Meisterschaft über die kurze oder lange Strecke, oder

in irgendeiner besonderen Art des Schwimmens, in der er es zur

besonderen Fertigkeit gebracht, behauptete, so war das gerade genug.

Sicher war kein Sieg, und je zahlreicher sie sich auf eine Person

häuften, um so näher lag die Gefahr, daß diese bald von ihrem Platze

verdrängt werden würde. War einer aber gar, wie Felder, jahrelang der

überall Siegreiche, überall Gefürchtete und Beneidete gewesen, dann

waren sie alle hinter ihm her, sie, die "auch etwas konnten", und es

galt, sich zu verteidigen nach links und rechts und keinen der Gegner

aus den Augen zu lassen.

Das war nicht leicht. Jetzt erst fühlte Felder, wie schwer es war,

wieviel schwerer es wurde von Jahr zu Jahr!--

Eine Zeitlang hatte er sich auch hierüber täuschen können. In stolze

Sicherheit gewiegt, hatte er sich für unüberwindlich gehalten, bis

ihm die Augen geöffnet wurden. In erster Bestürzung wollte er die

Schuld einer Abnahme seiner Kraft und sich selbst zuschreiben. Längst

wußte er, daß er sich auch darin geirrt. Sein eigener lässiger

Hochmut und Dünkel, das waren die hauptsächlichsten Gründe, die alles

verschuldet, was geschehen war.

Er besaß sie nicht mehr: nicht Hochmut, nicht Dünkel mehr. Er wußte

seit langem wieder, was auf dem Spiele stand, und wie es zu ringen

galt, um sich auf der neu gewonnenen Höhe zu behaupten. Er war

bereit. Wie am ersten Tage der kleine Knabe bereit gewesen war, an

seinen ersten kleinen Sieg seine ganze, kleine Kraft zu setzen--so

war er willig, jetzt zu ringen um seine letzten Siege. Aber wozu?--

Und für wen?--

Die Freude an Siegen war dahin, die er mit niemandem mehr teilen

konnte. Nicht nur mehr gefürchtet und beneidet, gehaßt würden seine

Siege werden, wenn er sie in dieser Weise weiter erfocht. Man würde

sie ihm erschweren auf alle Weise. Hatte er nicht heute erlebt, wie

man wie auf geheime Abmachung hin ihn überall auch dort ostentativ

geschnitten, wo er nicht das geringste verschuldet?--Hatte nicht

Feindseligkeit, ja Haß gegen den "Einzelschwimmer" in den Blicken

gelegen?--Ruhiger geworden, sagte er sich, daß auch der Zufall, der

Ausbruch des Regens und andere Umstände mitgewirkt hatten, um ihm

diese furchtbare Enttäuschung zu bereiten. Sonst würden doch der eine

oder andere von seinen älteren Bekannten aus irgendeinem der

befreundeten Klubs und sicherlich auch die passiven Sportfreunde und

die Kenner, wie zum Beispiel sein alter Bewunderer, der

Berichterstatter des "Welt-Sport", und andere zu ihm gekommen sein.

Aber die allgemeine Animosität gegen den "Einzelschwimmer" würde

immer bestehen bleiben, und allgemeine Freude würden seine Siege nie

mehr hervorrufen. Sollte er immer so stehen bleiben, er, der

Einzelne, gegen die geschlossenen Mächte der Klubs?

Und die anderen Träume, in die er sich gewiegt in dieser letzten,

einsamen Zeit--waren sie nicht ebenso haltlos und töricht?--Nach

England wollte er gehen?--Ganz allein, ohne Kenntnis der Sprache in

das fremde Land, um dort sich zu messen mit diesen unbekannten

Kräften, von denen er nichts wußte, als daß sie die allerersten der

Welt waren? Woher sollte er die Mittel zur Reise nehmen? Und selbst

wenn er hinging, wenn er alle Schwierigkeiten überwand--was dann,

wenn er unterlag und mit Hohn und Spott heimgeschickt wurde?--Dann

war es endgültig aus...

Oder sollte er wirklich die wahnwitzige Idee zur Ausführung bringen

und seine Kunst zum Beruf machen? Dem ganzen Sportwesen den Rücken

kehren und als Professional die Welt durchreisen? Jede andere Arbeit

aufgeben, sich auf einige Dinge bis zur Abnormität einüben und dann

von Stadt zu Stadt und von Land zu Land ziehen und sich als "Artist"

anstaunen lassen?--Das war sicherlich die törichtste seiner

Einbildungen gewesen, und er lachte sich selbst aus. Das konnte er

einfach gar nicht!--

Alles, was also übrigblieb, war, sich noch ein paar Jahre, so lange,

wie nur eben möglich, auf der wiedergewonnenen Höhe zu halten, den

schmalen, schwindelnden Grat zu verteidigen, bis eines Tages der

Abgrund des Vergessens auch ihn verschlang. Denn wie lange konnte die

ganze Herrlichkeit noch dauern?--Im besten Falle ein paar Jahre. Dann

war auch das vorbei. Dann waren die neuen, frischen, jungen Kräfte

ins Feld gerückt, die jetzt bereits in der Stille heranreiften, mit

flatternden Fahnen und klingendem Spiel; und wer ihnen nicht selbst

klug genug zur rechten Zeit auswich, der wurde einfach überholt, zu

Boden gerissen, niedergestampft. Dann würden die ersten wirklichen

Niederlagen kommen, die, nach denen es kein Aufstehen mehr gab. Denn

während er schon stillstand und über die eigene Kraft nicht mehr

hinaus konnte, marschierten jene, und "Platz!--Platz endlich für

uns!" war ihr Geschrei. Sie würden siegen, ganz einfach, weil sie

jung waren. Ihre neuen Namen würden die alten verschlingen, und noch

ein paar Jahre eines letzten, aussichtslosen, verzweifelnden Ringens,

in denen der alte Glanz immer mehr und mehr erblaßte,--und alles war

vorbei, sie alle miteinander vergessen; und während sie noch

weiterlebten, waren sie in Wirklichkeit schon tot, und niemand

kümmerte sich mehr um ihre verblaßten Bänder und Medaillen, diese

letzten Zeugen einstiger Triumphe, von denen sie nur den geduldigsten

ihrer Freunde noch erzählen durften, und auch das nicht, ohne bei

ihnen das Gähnen der Langeweile oder das Lächeln des Mitleids

hervorzurufen.

So war es bei allen.

Der Schwimmer · 第 32 / 41 题