3. Riegler . . . . . 11:20

Der Schreibende wandte sich um, als er seine Arbeit getan, lächelte,

als er Felder erkannte, und ging fort, ohne ihn anzusprechen.

Felder atmete schwer. Er fühlte die feuchten Tropfen nicht, die

dichter und dichter fielen; er fühlte die drückende Hitze dieses

Tages wie nie.

Also Bauer und Riegler!--Welcher Sieg: er hatte den berühmten Meister

Österreich-Ungarns gleichermaßen geschlagen, wie die hoffnungsvollste

Kraft der Jugend. Er wußte, daß er vorzüglich geschwommen hatte. Wenn

die erreichten Zeiten sich so nah lagen--eine Außergewöhnlichkeit bei

einem Rennen über eine so lange Strecke--so lag das bei ihm nur

daran, weil er durchaus seinen Stil beibehalten hatte. Ohne diese

überflüssige Zugabe hätte er leicht heute noch den Weltrekord über

600 Meter--10:05 1/2--verbessern können.

Es war ein Sieg wie keiner. Vielleicht sein größter. Weshalb schien

man das nicht zu begreifen?--Was sollte das alles überhaupt heißen?--

Warum kam man denn nicht zu ihm?--

Auf der linken Seite, der Wasserseite, dem Ufer gegenüber, lagen die

für die Klubs und die geladenen Gäste reservierten Plätze. Man saß

dort nicht mehr, sondern alles stand dicht durcheinander, kam und

ging. Nur die Klubmannschaften bildeten noch einzelne Gruppen.

Dort sah Felder die blau-weißen Farben. Und mit plötzlichem Entschluß

drängte er sich durch die Menschen und Stühle, ohne daß ihn jemand

beachtete. In seinen Augen war alles Licht erloschen und er lächelte

nicht mehr.

Nach ein paar Schritten stand er still. Er konnte nicht weiter. Er

wartete. Er stand jetzt der Gruppe so nah, daß man ihn von dort aus

sehen mußte.

Jetzt würden sie zu ihm kommen...

Er stand da und wartete, und Koepke, der ihm gefolgt war, ohne zu

wissen, wohin Felder wollte, stand neben ihm.

Er hörte die Stimmen, bekannte Stimmen, und er wußte, wer sprach. Das

war der Vorsitzende, und das, das--war Nagels ruhige, sichere Stimme.

Niemand kam. Niemand schien nach ihm hinzusehen. Niemand sprach ihn

an. Was sollte es bedeuten!--Was konnte das bedeuten?--

Er ertrug es nicht mehr. Und er ging weiter, und dicht an den

Mitgliedern des S.-C. B. 1879 vorüber. Er sah sie an und sie sahen

ihn an.

Aber keiner grüßte ihn; keiner machte eine Bewegung zu ihm hin.

Er ging weiter. Er begriff noch immer nichts. Aber er fühlte einen

Schmerz, wie er ihn noch nie in seinem Leben gefühlt.

Er ging weiter und blieb irgendwo am Geländer stehen, mitten unter

den Mitgliedern des "Neptun", von denen er fast keinen kannte.

Das große Hechttauchen war im Gange. Es regnete schon stark. Ein

Kämpfer nach dem anderen erschien am Start: ging ins Wasser, erschien

dort halb mit seinem Rücken, aber das Gesicht noch immer unter

Wasser, verschwamm sich, fühlte es am Anstoßen, schwamm geradeaus,

ging ans Land, wurde beklatscht--Felder sah immer auf das Wasser vor

sich und begriff noch immer nichts. Er wartete und wartete und wußte

selbst nicht, worauf eigentlich noch....

Dann war auch das Hechttauchen zu Ende, und in die Umstehenden, die--

ebenso wie er--ihre Blicke nur auf die unbewegte Wasserfläche

geheftet hatten, _unter_ der der Sieg erfochten wurde, kam neue

Bewegung.

Da führ auch Felder auf.

Irgend etwas mußte geschehen.

Er mußte Gewißheit haben.

Was ging hier vor um ihn?--Entweder war etwas gegen ihn im Gange, von

dem er nichts wußte, oder ein unbegreifliches Mißverständnis--

vielleicht auf seiner eigenen Seite--täuschte und verwirrte ihn.

Jedenfalls mußte ein Ende gemacht werden.

Und wieder ging er an seinem alten Klub vorüber. Aber diesmal blickte

er nicht vor sich hin, sondern fest und entschlossen sah er von Mann

zu Mann--ohne zuerst zu grüßen, den Hut noch immer in der Hand--aber

wartend--wartend ... worauf?--Und überall, wohin er auch sah, wich

man seinem Blick aus, nicht brüsk und unfreundlich, aber hier in

offenbarer Verlegenheit, dort in bewußter Absichtlichkeit, und

meistens wie erstaunt. Seine Füße wurden schwer und schwerer. Aber er

ging weiter.

An der nächsten Gruppe, der des "Poseidon", wurden seine Blicke von

einzelnen erwidert. Aber nicht freundlich, sondern herausfordernd,

mit offenbarer Feindseligkeit, wie er es kaum anders erwartet. Er

konnte sich nicht täuschen. Die Worte: "Größenwahn!"--"Verrückt!"--

"Der Meisterspringer"--und mehrfach das höhnisch betönte

"Einzelschwimmer" klangen zu vernehmlich an sein Ohr. Er hörte es und

ging weiter.

Weiter und weiter, den Steg entlang. Und wohin er kam, erkannte und

beachtete man ihn entweder gar nicht, oder man machte ihm Platz. Nur

als er den "Hechten" näher kam, schien es, als ob der eine oder

andere von dort Miene machte, ihm entgegen zu kommen. Aber da wendete

er sich ab und schritt schnell zu den nun fast völlig geleerten

Sitzreihen.

Außer den Vereinen war nun fast niemand mehr anwesend.

Er suchte die Vertreter der Zeitungen, aber sie mußten bereits

gegangen sein.

Nur Koepke war plötzlich wieder neben ihm. Da führ er ihn an: "Was

willst du denn noch?--Was läufst du mir denn immer nach?--So laß mich

doch endlich einmal in Ruhe!"

Das war selbst für den kleinen Kaufmann zuviel. Mit gekränkter Miene

und ohne Antwort ging er von dannen. Felder war jetzt ganz allein.

Noch einmal übersah er das ganze Gelände. Es war fast ganz leer und

der dichte Regen schlag durch die Blätter der Bäume. Jedes Interesse

schien erlahmt und man trieb zum Biere und zu anderer Unterhaltung.

Dort unten gingen die letzten Wettkämpfe zu Ende. Die Richter saßen

unter Regenschirmen, und nur die Buntbemützten harrten bis zu Ende

aus.

Da wandte sich Felder zum Gehen.

Er dachte nicht daran, seinen Preis in Empfang zu nehmen.

Er kämpfte nicht mehr um Preise.

Um seinen Namen, um seine Ehre kämpfte er.

Nein, auch das nicht.

Um sein _Leben_ hatte er heute gekämpft, um sein ganzes vergangenes

und zukünftiges Leben.

Nie hatte er so gesiegt wie heute.

Und doch war er unterlegen!

8

Er sah ganz klar.

Er begriff plötzlich alles. Er täuschte sich nicht mehr. Er erblickte

alles in anderem Lichte, dem grellen, nüchternen Lichte der

Wirklichkeit.--

Er war ein Narr gewesen.

Ein Narr, als er geglaubt, daß er die Welt erobern könne mit seinen

Siegen. Ein Narr, als er wähnte, sie drehte sich forthin nur noch um

ihn, nachdem er diese Siege errungen. Ein Narr, als er sich

einbildete, er sei der allmächtige und unbezwingliche Sieger. Und der

größte aller Narren, als er von diesem Tage eine unerhörte Wendung

der Dinge erwartet.

Er kannte doch das Schwimmerleben und wußte, wie es in ihm zuging!--

Wie im Leben des Tages, so auch dort überall gegenseitiger Neid und

Haß! Hatte er ihn nicht in aller Blicken gelesen?--Nie würde man ihm

diesen Sieg vergessen. Daß er gewagt, seine eigenen Wege zu gehen,

war schon ein Vergehen gegen die Gewohnheit des Herkommens; daß er

aber als einzelner Schwimmer den großen Preis an sich gerissen, der

doch von Rechts wegen einem Klub gehören sollte, das war ein

Verbrechen, das man ihm nie verzeihen würde.

Und wie hatte er auch nur eine Minute glauben können, daß sein alter

Klub ihn wieder aufnehmen, ja zuerst zu ihm kommen und ihm gar noch

die Ehrenmitgliedschaft antragen würden?--Gerade die 79er waren es

doch, denen am wenigsten noch von allen Klubs an den Preisen lag--das

wußte er doch am besten!--Er war von ihnen gegangen, und damit war

alles zu Ende gewesen zwischen ihm und den Genossen seiner Jugend.

Das war es gewesen, worunter er mehr gelitten, als er es sich jemals

selbst zugestanden. An dem Schmerz, als er an ihnen vorbeiging und

seine Blicke unerwidert geblieben waren, hatte er gefühlt, wieviel er

in diesem letzten Jahre innerlich entbehrt. Er wußte es jetzt: nicht

um die Ehre, nicht um die Preise, nicht um seinen Namen hatte er

gekämpft, sondern um seinen alten Klub. Um seine alte Liebe, um die

Wiederkehr jener glücklichen Stunden im Kreise der Freunde, um das

trauliche und schöne Beisammensein mit ihnen in allen Stunden, um

ihre Achtung und Freundschaft... Um alles, was seinem Leben jahrelang

Wärme und Licht verliehen--um sein Leben hatte er gekämpft.

Dafür hatte er zu siegen gehofft.

Er hatte gesiegt.

Und er hatte verloren.

Sie würden ihn nicht wiedernehmen, auch wenn er selbst zu ihnen

zurückkehren wollte; und wenn sie ihn aufnehmen würden, dann war

alles anders geworden.--

Der Schwimmer · 第 31 / 41 题