Der Schreibende wandte sich um, als er seine Arbeit getan, lächelte,
als er Felder erkannte, und ging fort, ohne ihn anzusprechen.
Felder atmete schwer. Er fühlte die feuchten Tropfen nicht, die
dichter und dichter fielen; er fühlte die drückende Hitze dieses
Tages wie nie.
Also Bauer und Riegler!--Welcher Sieg: er hatte den berühmten Meister
Österreich-Ungarns gleichermaßen geschlagen, wie die hoffnungsvollste
Kraft der Jugend. Er wußte, daß er vorzüglich geschwommen hatte. Wenn
die erreichten Zeiten sich so nah lagen--eine Außergewöhnlichkeit bei
einem Rennen über eine so lange Strecke--so lag das bei ihm nur
daran, weil er durchaus seinen Stil beibehalten hatte. Ohne diese
überflüssige Zugabe hätte er leicht heute noch den Weltrekord über
600 Meter--10:05 1/2--verbessern können.
Es war ein Sieg wie keiner. Vielleicht sein größter. Weshalb schien
man das nicht zu begreifen?--Was sollte das alles überhaupt heißen?--
Warum kam man denn nicht zu ihm?--
Auf der linken Seite, der Wasserseite, dem Ufer gegenüber, lagen die
für die Klubs und die geladenen Gäste reservierten Plätze. Man saß
dort nicht mehr, sondern alles stand dicht durcheinander, kam und
ging. Nur die Klubmannschaften bildeten noch einzelne Gruppen.
Dort sah Felder die blau-weißen Farben. Und mit plötzlichem Entschluß
drängte er sich durch die Menschen und Stühle, ohne daß ihn jemand
beachtete. In seinen Augen war alles Licht erloschen und er lächelte
nicht mehr.
Nach ein paar Schritten stand er still. Er konnte nicht weiter. Er
wartete. Er stand jetzt der Gruppe so nah, daß man ihn von dort aus
sehen mußte.
Jetzt würden sie zu ihm kommen...
Er stand da und wartete, und Koepke, der ihm gefolgt war, ohne zu
wissen, wohin Felder wollte, stand neben ihm.
Er hörte die Stimmen, bekannte Stimmen, und er wußte, wer sprach. Das
war der Vorsitzende, und das, das--war Nagels ruhige, sichere Stimme.
Niemand kam. Niemand schien nach ihm hinzusehen. Niemand sprach ihn
an. Was sollte es bedeuten!--Was konnte das bedeuten?--
Er ertrug es nicht mehr. Und er ging weiter, und dicht an den
Mitgliedern des S.-C. B. 1879 vorüber. Er sah sie an und sie sahen
ihn an.
Aber keiner grüßte ihn; keiner machte eine Bewegung zu ihm hin.
Er ging weiter. Er begriff noch immer nichts. Aber er fühlte einen
Schmerz, wie er ihn noch nie in seinem Leben gefühlt.
Er ging weiter und blieb irgendwo am Geländer stehen, mitten unter
den Mitgliedern des "Neptun", von denen er fast keinen kannte.
Das große Hechttauchen war im Gange. Es regnete schon stark. Ein
Kämpfer nach dem anderen erschien am Start: ging ins Wasser, erschien
dort halb mit seinem Rücken, aber das Gesicht noch immer unter
Wasser, verschwamm sich, fühlte es am Anstoßen, schwamm geradeaus,
ging ans Land, wurde beklatscht--Felder sah immer auf das Wasser vor
sich und begriff noch immer nichts. Er wartete und wartete und wußte
selbst nicht, worauf eigentlich noch....
Dann war auch das Hechttauchen zu Ende, und in die Umstehenden, die--
ebenso wie er--ihre Blicke nur auf die unbewegte Wasserfläche
geheftet hatten, _unter_ der der Sieg erfochten wurde, kam neue
Bewegung.
Da führ auch Felder auf.
Irgend etwas mußte geschehen.
Er mußte Gewißheit haben.
Was ging hier vor um ihn?--Entweder war etwas gegen ihn im Gange, von
dem er nichts wußte, oder ein unbegreifliches Mißverständnis--
vielleicht auf seiner eigenen Seite--täuschte und verwirrte ihn.
Jedenfalls mußte ein Ende gemacht werden.
Und wieder ging er an seinem alten Klub vorüber. Aber diesmal blickte
er nicht vor sich hin, sondern fest und entschlossen sah er von Mann
zu Mann--ohne zuerst zu grüßen, den Hut noch immer in der Hand--aber
wartend--wartend ... worauf?--Und überall, wohin er auch sah, wich
man seinem Blick aus, nicht brüsk und unfreundlich, aber hier in
offenbarer Verlegenheit, dort in bewußter Absichtlichkeit, und
meistens wie erstaunt. Seine Füße wurden schwer und schwerer. Aber er
ging weiter.
An der nächsten Gruppe, der des "Poseidon", wurden seine Blicke von
einzelnen erwidert. Aber nicht freundlich, sondern herausfordernd,
mit offenbarer Feindseligkeit, wie er es kaum anders erwartet. Er
konnte sich nicht täuschen. Die Worte: "Größenwahn!"--"Verrückt!"--
"Der Meisterspringer"--und mehrfach das höhnisch betönte
"Einzelschwimmer" klangen zu vernehmlich an sein Ohr. Er hörte es und
ging weiter.
Weiter und weiter, den Steg entlang. Und wohin er kam, erkannte und
beachtete man ihn entweder gar nicht, oder man machte ihm Platz. Nur
als er den "Hechten" näher kam, schien es, als ob der eine oder
andere von dort Miene machte, ihm entgegen zu kommen. Aber da wendete
er sich ab und schritt schnell zu den nun fast völlig geleerten
Sitzreihen.
Außer den Vereinen war nun fast niemand mehr anwesend.
Er suchte die Vertreter der Zeitungen, aber sie mußten bereits
gegangen sein.
Nur Koepke war plötzlich wieder neben ihm. Da führ er ihn an: "Was
willst du denn noch?--Was läufst du mir denn immer nach?--So laß mich
doch endlich einmal in Ruhe!"
Das war selbst für den kleinen Kaufmann zuviel. Mit gekränkter Miene
und ohne Antwort ging er von dannen. Felder war jetzt ganz allein.
Noch einmal übersah er das ganze Gelände. Es war fast ganz leer und
der dichte Regen schlag durch die Blätter der Bäume. Jedes Interesse
schien erlahmt und man trieb zum Biere und zu anderer Unterhaltung.
Dort unten gingen die letzten Wettkämpfe zu Ende. Die Richter saßen
unter Regenschirmen, und nur die Buntbemützten harrten bis zu Ende
aus.
Da wandte sich Felder zum Gehen.
Er dachte nicht daran, seinen Preis in Empfang zu nehmen.
Er kämpfte nicht mehr um Preise.
Um seinen Namen, um seine Ehre kämpfte er.
Nein, auch das nicht.
Um sein _Leben_ hatte er heute gekämpft, um sein ganzes vergangenes
und zukünftiges Leben.
Nie hatte er so gesiegt wie heute.
Und doch war er unterlegen!
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Er sah ganz klar.
Er begriff plötzlich alles. Er täuschte sich nicht mehr. Er erblickte
alles in anderem Lichte, dem grellen, nüchternen Lichte der
Wirklichkeit.--
Er war ein Narr gewesen.
Ein Narr, als er geglaubt, daß er die Welt erobern könne mit seinen
Siegen. Ein Narr, als er wähnte, sie drehte sich forthin nur noch um
ihn, nachdem er diese Siege errungen. Ein Narr, als er sich
einbildete, er sei der allmächtige und unbezwingliche Sieger. Und der
größte aller Narren, als er von diesem Tage eine unerhörte Wendung
der Dinge erwartet.
Er kannte doch das Schwimmerleben und wußte, wie es in ihm zuging!--
Wie im Leben des Tages, so auch dort überall gegenseitiger Neid und
Haß! Hatte er ihn nicht in aller Blicken gelesen?--Nie würde man ihm
diesen Sieg vergessen. Daß er gewagt, seine eigenen Wege zu gehen,
war schon ein Vergehen gegen die Gewohnheit des Herkommens; daß er
aber als einzelner Schwimmer den großen Preis an sich gerissen, der
doch von Rechts wegen einem Klub gehören sollte, das war ein
Verbrechen, das man ihm nie verzeihen würde.
Und wie hatte er auch nur eine Minute glauben können, daß sein alter
Klub ihn wieder aufnehmen, ja zuerst zu ihm kommen und ihm gar noch
die Ehrenmitgliedschaft antragen würden?--Gerade die 79er waren es
doch, denen am wenigsten noch von allen Klubs an den Preisen lag--das
wußte er doch am besten!--Er war von ihnen gegangen, und damit war
alles zu Ende gewesen zwischen ihm und den Genossen seiner Jugend.
Das war es gewesen, worunter er mehr gelitten, als er es sich jemals
selbst zugestanden. An dem Schmerz, als er an ihnen vorbeiging und
seine Blicke unerwidert geblieben waren, hatte er gefühlt, wieviel er
in diesem letzten Jahre innerlich entbehrt. Er wußte es jetzt: nicht
um die Ehre, nicht um die Preise, nicht um seinen Namen hatte er
gekämpft, sondern um seinen alten Klub. Um seine alte Liebe, um die
Wiederkehr jener glücklichen Stunden im Kreise der Freunde, um das
trauliche und schöne Beisammensein mit ihnen in allen Stunden, um
ihre Achtung und Freundschaft... Um alles, was seinem Leben jahrelang
Wärme und Licht verliehen--um sein Leben hatte er gekämpft.
Dafür hatte er zu siegen gehofft.
Er hatte gesiegt.
Und er hatte verloren.
Sie würden ihn nicht wiedernehmen, auch wenn er selbst zu ihnen
zurückkehren wollte; und wenn sie ihn aufnehmen würden, dann war
alles anders geworden.--