Ja, er schämte sich. O, wie er sich schämte!--

Er hätte weinen mögen und konnte es nicht. Die innere Wut erstickte

seine Tränen.

Er lag wie in einem Halbschlummer.

Plötzlich führ er empor. Er hörte draußen Stimmen: das klagende

Wimmern der Alten und ihren herrischen, empörten Aufschrei der

Verwunderung. Die Tür wurde aufgestoßen, und sie stand vor ihm:

hochaufgerichtet, in großer Toilette, die Arme und die herrlichen

Schultern entblößt, Zorn in den Augen und auf den roten Lippen. "Wer

ist hier?--Du?--Was willst du hier?--Wer hat dir erlaubt--"

Er ging auf sie zu. Die ganze Raserei dieser Nacht brach in ihm los.

Als sie seine Augen sah, wußte sie alles. Aber sie hatte keine Angst.

Sie kannte keine Furcht und ihre Lippen verzogen sich leise und

spöttisch.

Wie er das sah, griff er sie bei den Armen. Er wußte nicht, was er

mit ihr tun sollte, er wußte nur, daß er sich rächen wollte an diesem

Geschöpf, das ihn beraubt.

Sie bog sich wie eine Katze unter dem Druck seiner rauhen Hände. Und

auf diesem selben Platze, auf dem sie an jenem ersten Abend

miteinander gerungen in begehrender Liebe, rangen sie nun in

widerstrebendem Haß.

Von seinem mißhandelten Handgelenk floß Blut und befleckte die Seide

ihres Kleides und ihre weiche, bräunliche Haut, während ihre Lippen

unerhörte Beschimpfungen, die er nicht verstand, von sich

schleuderten.

Immer wieder versuchte er, sie niederzuzwingen, und immer wieder flog

ihr schlanker Körper empor wie eine Gerte unter seinen Händen.

Es war, als ob er seine Kraft an sie gegeben habe in diesen paar

Monaten...

War es das, oder war es der Duft, der von ihr ausging und ihn

betäubte, daß er sie nicht niederkriegen konnte?--

Kurz: er fühlte, daß er auch hier der Schwächere geworden war...

Da gab er sie frei und taumelte hinaus, verfolgt von ihrem höhnischen

und triumphierenden Lachen.

5

Bis zum Morgen ging er durch die Straßen. Als es dämmerte, schlug er

die Richtung nach dem Norden ein.

Um sechs Uhr war er an den Toren der Fabrik und der erste, der

eintrat. Er ging in die mechanische Werkstätte. An einem der

Schraubstöcke stand er eine kurze Weile. Als er zurück kam, hielt er

das gesprengte Armband in der Hand.

Noch fast eine Stunde ging er durch die öden Gassen dieser Gegend.

Irgendwo schleuderte er das Armband auf einen Kehrichthaufen. Dann

erst wusch er sich an einem Brunnen die Hände, verband sich das

blutende Gelenk und trank in einer Destillation eine Tasse Kaffee. Um

sieben Uhr war er an seiner Arbeit. Den Morgen über sprach er kein

Wort. Am Mittag führ er nach Hause, warf sich auf sein Bett und

schlief wie ein Toter.

Als er erwachte, war ein neuer Tag angebrochen. Mit ihm begann ein

neues Leben für Franz Felder.--

Wenn das Leben, welches er vor einem Jahre vor seinem neuen, großen

Ziele der Springmeisterschaft geführt hatte, ein einfaches und

enthaltsames gewesen war, so war das, welches er jetzt lebte, noch

spartanisch dagegen zu nennen. Es zerfloß zwischen Arbeit und Ruhe,

und sein einziger Zweck war für Felder einstweilen: die

Wiedererringung seiner Kraft. Nicht dessen, was andere Menschen

Gesundheit und Kraft nennen. Die allermeisten hätten ihn um die seine

beneidet. Nein, jener überlegenen, herkulischen Kraft, die er nötig

hatte.

Daher strich er von einem Tage zum anderen alles aus seinem Leben,

wodurch er glaubte, sie auch nur um ein Minimum vermindert zu haben:

das Glas und die Frau, denn beides war Gift und Krankheit; jeden

Verkehr, denn der nahm ihm die Zeit zur nötigen Ruhe; jede Freude,

denn er wollte von ihr nichts mehr wissen; und um ganz sicher zu

sein, strich er gleich alles auf einmal!

Das einzige, was er sich noch gönnte an Genüssen, war eine möglichst

gute und nahrhafte Kost und zuweilen ein Glas starken Weines. Und

Schlaf, viel Schlaf!--

Die Arbeit war ihm lieb. Sie hielt seine Kräfte im Gleichgewicht,

ohne sie zu verbrauchen.

Außerdem verlieh sie seinem Leben die nötige Regelmäßigkeit. Da er

mit seinem Gelde zu Ende und ganz auf sie angewiesen war, hütete er

sich vor jeder unnötigen Ausgabe. Er kleidete sich wieder wie früher

und achtete selbst an den Feiertagen kaum auf sein Äußeres. Wozu

auch? Es sah ihn ja niemand mehr.

Er nahm sich nicht die Mühe, seinen Austritt aus dem Verein "Hecht"

diesem anzuzeigen. Er sandte gelegentlich sein Trikot zurück. Sie

hatten seinen Namen wohl bereits aus der Mitgliederliste gestrichen.

Was lag ihm daran!--Er hatte nie Fühlung mit diesen Leuten gehabt,

unter denen er fremd, denen er nur der Meisterschwimmer Europas

gewesen war, die ihn für Siege, aber nicht für Niederlagen gebrauchen

konnten.

Er sah selbst Koepke kaum mehr, und damit zerriß auch, das letzte

Band, das ihn noch an sein früheres Leben knüpfte. Wenn er ihn

gelegentlich traf, tranken sie ein Glas Bier zusammen. Dann erzählte

der alte Getreue Felder, wie er "ebenfalls der Schwimmsache Valet

gesagt habe", da sie ihm keinen Spaß mehr mache, seitdem Felder nicht

mehr dabei sei. Er war in einen kaufmännischen und in einen Kegelklub

eingetreten und spielte in beiden bereits seine alte Rolle des

Lasttieres mit unverhohlener Wonne weiter.

Felder lächelte krampfhaft. Also er hatte dem Schwimmen Adieu

gesagt!--Das sagte man also von ihm!--Nun, man würde ja sehen...

Das neue Leben fiel ihm nicht schwer. Er dachte wenig und er fühlte

sich ganz wohl.

Nur die langen Sonntage waren schlimm. Es wäre ihm am liebsten

gewesen, sie hätten nicht existiert. Wenn er sie hätte durcharbeiten

können, alle diese Wochen, einen Tag wie den anderen, ihm wäre es

Recht, dachte er oft. Nun mußte er sich mit den Sonntagen abfinden,

diesen endloslangen Nachmittagen, mit denen er nichts mehr anzufangen

wußte, und er ging jetzt sogar das eine oder andere Mal mit seinen

stillen Eltern und den lauten Geschwistern, die darüber höchst

erstaunt waren. Aber auch das gab er bald auf, denn er wußte mit

ihnen nichts zu reden. Die häuslichen Dinge langweilten ihn, und über

das eine konnte er doch nicht sprechen, weder mit ihnen, noch mit

irgend jemand auf der Welt... Wer verstand das?--Er kannte keinen.

So ging er denn schließlich auch an diesen Nachmittagen seine

einsamen Wege: zu all den Orten, wo er früher so glücklich gewesen

war und die jetzt öde und verlassen unter dem ewig grauen Himmel

lagen. Denn es wollte dieses Jahr nicht Frühling werden. Eine dünne

Eisschicht bedeckte noch den Kochsee, als er eines Tages dort durch

die Spalten der festverschlossenen Umzäunung sah, und kahl und

traurig starrten die Gerüste und Planken der anderen Badeplätze in

die Höhe--am Plötzensee und in Grünau, wohin er auch kam,--kahl und

frostig wie die Bäume, deren laublose Stämme sich regungslos von dem

braunen Boden der Landschaft abhoben. Sie stimmten ihn nicht

fröhlicher, diese einsamen Ausflüge, auf denen unvergessene

Erinnerungen ihn immer von neuem in ihrem Bann zogen. Aber er wußte

nichts anderes zu tun, und so fuhr er immer wieder hinaus und ging

oder stand oft stundenlang, in Gedanken versunken, auf den

verlassenen Stätten seiner Siege und seines Glückes...

Der Schwimmer · 第 25 / 41 题