Besser wurde es erst, als es Frühling wurde.--

In der ersten Zeit schwamm er nur selten. Er wagte sich nicht in die

Schwimmhallen, aus Besorgnis, dort Bekannte zutreffen. Er fürchtete

geradezu jede Frage, jedes Wort, jede Anspielung auf seine

Niederlage... Er hätte sie nicht ertragen. Dann, als er wieder

allabendlich nach der Arbeit badete, vermied er mit derselben

Sorgfalt, wie im Vorjahre, die Übungsabende der Klubs und ging an dem

einen Tage hier-, an dem anderen dorthin, wo er sicher sein konnte,

möglichst allein zu sein. So besuchte er alle Winterbäder, wie es

gerade kam. Nur in jene kleine, dunkle Halle im Süden der Stadt, wo

er vor einem Jahre täglicher Gast gewesen war, ging er nie mehr...

Diese Erinnerungen sollten begraben bleiben und durften ihn jetzt

nicht stören. Er schwamm einstweilen noch ohne jeden Gedanken an ein

neues Training. Alles, was er wollte, war, seine ganze Kraft

wiederzufühlen, ehe er daran dachte, sie von neuem zu üben. Er

glaubte nämlich allen Ernstes, das Gefühl seiner Kraft verloren zu

haben. Einmal schwankend geworden an ihr, war er wie der eingebildete

Kranke, der stets die Krankheit zu haben glaubt, von der er hört. Er

war irre an sich geworden, weil er angefangen hatte, über sich

nachzudenken.

Er fürchtete sich, die Zeit nehmen zu lassen. So schwamm er

vorderhand noch in allen möglichen Stilarten und alle möglichen

Längen, wie es ihm gerade in den Sinn kam, ohne auf sich und seine

Umgebung zu achten. Und das ungeheure Wohlbehagen, das er immer

empfand, wenn er im Wasser war, ergriff ihn wieder, und täglich mehr

und mehr... Mit dem Wohlbehagen aber fühlte er zugleich seine Kraft

wieder, und seine Übungen wurden ernster, wenn er sie auch noch nicht

prüfen ließ.

Dann hörte er eines Abends, als er seine hundert Meter zum dritten

Male so ganz für sich geschwommen, wie ein Herr, den er nicht kannte,

der ihn aber beobachtet und zu seinem eigenen Vergnügen nach der Uhr

gesehen hatte, sagte: 1:21.

1:21?!--Aber das war ja seine eigene, frühere gute Zeit, das kam nahe

an den von ihm selbst vor zwei Jahren in Wien aufgestellten Rekord

heran, als er so glänzend disponiert war?--Dann, dann--besaß er sie

ja wieder, seine verlorene Kraft!--Dann ging es ja wieder!--

Er bat den Fremden, ihm doch nochmals die Zeit zu nehmen. Er schwamm

die hundert Meter zum vierten Male, und zwar bewußt ohne besonderen

Kraftaufwand. Und seine Zeit blieb gut.--

Er freute sich noch nicht. Er wagte es nicht. Aber in seine wahllosen

Übungen kam von jetzt ab wieder ein gewisser Sinn.

Er schwamm von neuem alle Stilarten und alle Längen durch, ließ sich

die Zeit nehmen, wenn er gerade den Bademeister oder sonst einen

Bereitwilligen dazu fand, und ohne noch in ein bestimmtes Training zu

treten, erprobte er doch schon--vorsichtig und unsicher wie ein

Anfänger--seine Fertigkeit.

Allmählich wurde er ruhiger, je sicherer er wurde. Er konnte sich

nicht mehr verhehlen, daß sein furchtbares Erschrecken nach jenen

ersten, im Grunde belanglosen Niederlagen töricht und übertrieben,

und daß von einer ernstlichen Erschütterung seiner Kraft wohl nie die

Rede gewesen war; daß ein paar Wochen ruhigen Lebens sie vielleicht

ganz von selbst in das alte Geleise gebracht hätten und so eigentlich

dieser ganze Bruch unnötig und im Gründe etwas lächerlich und darum

eigentlich beschämend war...

Aber eines blieb trotz allem. Wenn auch seine Kraft nicht erschüttert

war, sein Selbstvertrauen war es auf jeden Fall!--Dieses stolze

Selbstvertrauen, entstanden nicht im einer Stunde, sondern aus

empfangsfähigem Boden schüchtern und langsam emporgewachsen, stetig

erst bewässert durch kleine, dann genährt durch immer größere

Erfolge, Wurzel schlagend in beispiellosen Siegen und endlich

untrennbar, Wesen und Eins, mit der Persönlichkeit, mit ihm, ihm--

Franz Felder!--

Dieses Insichselbstvertrauen war erschüttert. Nicht seine Kraft, sein

Selbstvertrauen mußte er daher wiedergewinnen!--

Dazu war nun das Leben, wie er es führte, am wenigsten geeignet.

Unfähig, Vergleiche zu ziehen, Eindrücke zu empfangen und

wiederzugeben, konnte er es nur nähren an den Maßen seiner

Einbildung. Und mit jedem neuen _über sich_ erfochtenen Sieg seiner

Kraft nahm es Dimensionen an, an die Felder früher nicht gedacht

hatte. Schon aus dem einfachen Grunde nicht gedacht, weil er früher

geschwommen, so gut er es konnte, ohne zu denken. Zahlen waren es,

die er jetzt verglich: Zahlen gegen Zahlen. Nicht Leistungen--warme

Leistungen des Lebens--gegen Leistungen. Wie er aber den Tag

ersehnte, an dem ihm das zum ersten Male wieder möglich sein würde!--

Dann würde er wieder leben. Denn dies Leben der Einsamkeit, wie er es

jetzt führte, war kein Leben mehr. Er litt unter seiner eigenen

Einsamkeit. Wie sehr er litt, wußte er selbst nicht einmal mehr.

Er war immer allein, und allmählich kam es ihm wie ein Traum vor: die

alten, lieben Freunde, die lauten, fröhlichen Feste, seine

sensationellen Siege--waren sie in der Tat jemals Wirklichkeit

gewesen?--Der Taumel seiner Sicherheit, seine Wagnisse, seine

Reisen?--

Er wollte nicht an die Vergangenheit denken. Er wollte sich

vorbereiten auf die Zukunft. Denn alles lag erst noch vor ihm. Hinter

ihm lag nur ein Anfang, ein in seinem Ende mißglückter Anfang.

Aber was er nicht hindern konnte, war: daß zuweilen Bilder dieser

Vergangenheit vor ihm aufstiegen, und vor allem Bilder des letzten

Jahres, der Zeit, als er schon nicht mehr so ganz und gar in dem

engen Kreise der Genossen gelebt, sondern neue, fremde Menschen und

andere Lebensweiten sich ihm aufgetan. Und er sah noch zuweilen das

hohe, nüchterne Atelier des Bildhauers vor sich, die kahlen Wände und

die seltsamen Figuren, und den Künstler selbst, schweißbedeckt,

schweratmend und in innerlichen Kämpfen qualvoll ringend; und das

warme, gemütliche Zimmer des Doktors, den fröhlichen, freundlichen

Mann mit den blitzenden Augen und der lebhaften Stimme, unermüdlich

im Erzählen und voll Interesse für ihn; und zuweilen--sah er auch

sie... Aber da wandten sich schnell seine Gedanken. Er wollte davon

nichts mehr wissen und zwang sich zum Vergessen. Und nur in seinen

Träumen erregte sie ihn zuweilen noch, wie sie es damals getan. Doch

auch diese Träume wurden seltener und seltener und schwanden endlich

ganz, wie ihr Duft allmählich aus seinen Kleidern gewichen war,

dieses ekelhafte Parfüm, das seinen Körper vergiftet hatte.

Und endlich wurden die Gestalten blasser und blasser und schwanden

ganz, so wie Felder es wollte.

Alles, was hinter ihm lag, wurde wesenlos und verlor seine letzte

Macht selbst über seine Erinnerung.

Der Schwimmer · 第 26 / 41 题