War er wirklich schon dort angelangt, wo es kein über sich selbst
Hinausgehen mehr gab?--Dann konnte jeder ihn schlagen, der ihm nur
gleich kam!--Dann war er schon am Ende.
Alle düsteren Prophezeiungen seiner Gegner fielen ihm ein: "Schneller
Aufgang, schneller Abstieg..." Und ein Mahnwort Nagels: "Du hast früh
angefangen, früh wirst du deshalb aufhören..."
Bis heute hatte er darüber gelacht. Aber jetzt lachte er nicht mehr.
Es war ihm nicht mehr ums Lachen. Denn er war sich bewußt, in diesen
letzten Wochen nichts versäumt zu haben. Es hatte ein totes Rennen
gegeben, dann ein Aussetzen--aber beides war erklärlich, sogar
natürlich bei der Nachlässigkeit, mit der er in den vergangenen
Monaten seine Sache behandelt. Aber zu heute hatte er trainiert--
trainiert wie immer sonst--was war das also?!--
Er saß und grübelte, und trank und grübelte, und grübelte...
Und wieder griff die Angst nach seinem Herzen, die furchtbare, die
unbekannte Angst!--
War es etwa schon mehr?--War es schon eine Abnahme seiner Kraft?--War
er schon nicht mehr derselbe?--Blieb er schon hinter sich selbst
zurück?--Unmöglich!--Mit zwanzig Jahren?--Da, wo die Kraft noch wuchs
von Tag zu Tag.--
Lächerlich!--Mit fünfundzwanzig wollte er anfangen, daran zu denken.
--Aber bis dahin wollte er sie, seine Kraft, wachsen, wachsen und
siegen sehen über alles, was sich ihr in den Weg stellte!
Es war eine Indisposition heute, was war das weiter!--Wer hatte die
nicht zuweilen? Deshalb nützten auch die verdammten Sinnierereien
nichts. Jetzt mußte geschwommen werden, darauf kam es an.
Er trank und klappte das Buch zu. Die Seite blieb nicht leer, das war
sicher: die dreiundachtzigste. Auf der sollte ein Sieg stehen. Und
zwar bald!--
Denn es konnte einfach schon deshalb nicht sein, weil es nicht sein
_durfte!_
Wie Felder das Buch in die Rocktasche schieben wollte, stopfte es
sich dort gegen knisternde Papiere. Er zog sie hervor und sah, daß es
ihre Briefe waren. Der süßliche, fahle Duft eines seltsamen Parfüms
stieg zu ihm aus den zerknitterten Blättern auf, und er fühlte, wie
es plötzlich wieder aus war mit seinem neuen Mut und seiner Frische.
Dieser Duft machte ihn schwach, und es half ihm nichts, daß er die
Blätter zusammenballte. Wie er sie losließ, legte sich das steife,
englische Papier auseinander, und es entströmte ihm dieser Duft, den
er so gut kannte, der allem anhaftete, was von ihr ausging: ihren
Kleidern, ihren Handschuhen, ihrem Atem, diesem Papier--ihm selbst!--
Ja, ihn selbst hatte dieser Duft förmlich durchtränkt in diesen
letzten Monaten, so daß er ihn plötzlich verspürte, wenn er eines
seiner Kleidungsstücke zur Hand nahm... Er wurde ihn nicht mehr los,
diesen Duft, der ihn überall umgab, wo er ging und stand--lockend,
begehrlich, geheimnisvoll und aufreizend wie sie selbst, so daß er an
sie denken mußte ohne Aufhören.
Was nützte es, daß er diese Papiere von sich schob, diese Rufe nach
ihm, die er nun schon Monate lang hörte: erst stürmisch und
sehnsuchtsvoll, erst alle Tage, dann, je seltener sie wurden, immer
herrischer und kürzer, bis sie nur noch der Befehl waren: "Heute
abend um 9"--oder "Erst morgen!"--
Welche Macht sie über ihn gewonnen, diese Frau, von der er noch immer
nicht einmal wußte, wer sie war!--
Und wie Felder saß und grübelte, und grübelte, wurde es ihm klar,
warum er heute unterlegen war, warum er in der letzten Zeit nicht
mehr die alte Kraft in sich fühlte, die unbesieglich gewesen war; und
eine maßlose Wut kam über ihn gegen die, die ihm seine Kraft geraubt.
Er ballte die Hand um den Rand des Tisches, daß er sich bog und das
Glas klirrte.
Und dann kam, blitzgleich, auch die wahre Erkenntnis dieses
Verhältnisses über ihn.
Was sie begehrt hatte, das war seine Jugend, seine Kraft und seine
Frische gewesen. Und was sie begehrte, hatte sie ihm genommen: die
Jugend, die Kraft und die Frische seines Körpers!--Stück für Stück,
in unersättlicher Habgier war ihm, ohne daß er es fühlte und ahnte,
eines nach dem anderen von ihr genommen, in unzähligen Umarmungen,
mit Küssen und Schmeicheln, bis sie ihn zu dem gemacht, was er heute
war!
Alles, was er besaß, das einzige, das er sein eigen nannte, hatte sie
ihm geraubt: seinen Ruhm!--Sein Ruhm aber war sein Leben. Sie hatte
es zerstört.
Er aber, er war so blind und so töricht gewesen, nicht zu merken, was
sie eigentlich von ihm wollte. Wie ein dummes Tier war er in die
Falle gegangen; wie ein Hund war er ihr nachgelaufen; wie ein ...
nein, er vermochte nicht weiter zu denken.
Denn jetzt wußte er auf einmal auch, wer sie war.
Eine große Abenteuerin, irgendwo in einem Winkel von
zusammengelaufenen Eltern erzeugt, früh verdorben, früh gelehrt, ihre
Schönheit als erstes und einträglichstes Erwerbsmittel zu betrachten,
sie gelehrig in unstetem Wanderleben durch alle Länder der Welt
schleifend, und alles mitnehmend, was sich ihr bot: hier die Alten
und dort die Jungen.
Die Alten, die sie begehrten und bezahlten, und die Jungen, die von
ihr ausgesucht und bezahlt Wurden!--Und einer von diesen Jungen war
er gewesen--er, Franz Felder!--
Nicht mit solchen Worten sagte er sich dies alles, aber er empfand es
alles so und fühlte, daß es wahr war. Und er hätte schreien mögen,
schreien vor Wut und vor Scham... Ihn, ihn hatte sie nicht bezahlt,
nein, das hatte sie nicht gewagt!--Aber wie lange noch, und es wäre
auch dahin gekommen. Wieviel versteckte Anerbietungen hatte sie ihm
nicht schon gemacht, wie oft nicht versucht, mit ihm scherzhaft oder
gleichgültig von Geld zu sprechen, diesem Gelde, das sie verachtete,
weil sie es durch Arbeit nicht verdiente: damit er es nehmen solle
von ihr als--Lohn...
War ihm selbst nicht eines Tages, wenn auch nur ganz flüchtig, der
Gedanke gekommen, eines dieser Anerbietungen, nicht anzunehmen, o
nein, aber als Darlehen zu benutzen, da es mit seinem Gelde zu Ende
ging, als Darlehen für eine kurze Zeit, bis er sich in England durch
neue Siege neues geholt?--Es war nicht dazu gekommen, es war bei dem
flüchtigen Gedanken geblieben. Aber er hatte ihn doch gedacht...
Auch gegen Geschenke hatte er sich bis heute gewehrt. Das einzige,
was er je angenommen, war das Band an seinem Handgelenk, die Kette
von Gold.
Aber sie war nicht unzerbrechlich. Sie band ihn nicht an sie.
Er griff mit den Fingern der lenken Hand zwischen sie und das Fleisch
und versuchte sie abzustreifen, obwohl er wußte, daß es nicht ging.
Und seine Wut stieg, als er sah, wie vergeblich es war.
Aber das sollte ein Ende nehmen, jetzt gleich, noch heute abend!
Er riß sich aus dem Hinbrüten auf und rief nach dem Wirt. Er hatte
vier Stunden auf diesem Fleck gesessen. Als er nach der Uhr sah, war
es gegen Elf.
Der Regen draußen war stärker geworden. Felder fühlte ihn nicht. Er
ging der Friedrichstadt zu.
Das Haus war offen. Natürlich: dieses Haus war nachts immer offen,
und die Treppen lagen in ihrem ewigen Zwielicht. Weshalb war ihm das
nie so aufgefallen, wie heute?--
Er klingelte an ihrer Tür. Er klingelte nochmals. Endlich hörte er
die schlürfenden Schritte der Alten und ihre Stimme. Er schlug gegen
die Tür und rief um Einlaß.
Als sie sich öffnete, schob er das Weib beiseite, das bei seinem
Anblick wie erstarrt war. Es war das erstemal, daß er unerwartet kam.
Er kümmerte sich nicht im geringsten um die Fragen und Beteuerungen,
daß Madame nicht zu Hause sei. Er hörte nicht hin, er verstand das
Kauderwelsch nicht. Er wollte Madame erwarten, sagte er kurz. Sie
würde schon kommen.
Er riß die Tür zu dem großen Zimmer auf. Es war beleuchtet und warm,
wie immer. Aber sie war nicht da. Sie war auch nicht im Schlafzimmer.
"Ich werde Madame erwarten," sagte er nochmals, und mit solchem
Ausdruck in dem blassen Gesicht, daß sich die Alte endlich mit
Jammern und Wimmern zurückzog. Felder merkte es nicht einmal.
Er lief im Zimmer umher und warf überall rücksichtslos die
Gegenstände durcheinander. Er suchte den kleinen Schlüssel zu dem
Armband. Als er nicht fand, was er suchte, begann er die Arbeit an
seinem Handgelenk von neuem: er zerbrach eine goldene Hutnadel und
eine Schere, er zerrte, bis seine Finger bluteten. Endlich gab er es
auf, warf sich in einen Sessel und wartete.
Wie lange?--Er hatte keine Ahnung.
Das Licht der Ampel trieb das Dunkel in die Ecken des Gemaches und
ein schwaches Rot auf seine Wangen, wie die Röte der Scham.