Er stand oben und sah hinab auf den Weg, den er gemacht. Und aus der
Tiefe zu ihm heraufklang berauschend Jubel und Neid gleich stark in
seine Ohren.--
In dieser Zeit brachte jenes größte und angesehenste Sportblatt der
Welt, das seinen Namen "Welt-Sport" daher nicht mit Unrecht führte,
abermals sein Bild und erzählte seinen Lesern die einfache Geschichte
seines Lebens und die beispiellose Geschichte seiner Erfolge.
Die Biographie konnte nicht mehr sein als die einfache Wiedergabe
schlichter Tatsachen. Das Bild war die Reproduktion nach einer
vorzüglichen Photographie. Sie zeigte den Meister von Europa im
Brustbild, bekleidet, und neben den allerhöchsten Ehrungen nur die
eine kleine, schlichte--und doch vielleicht die höchste von allen--,
kaum erkennbar neben den schweren Medaillen von Gold und Silber, die
kleine Münze, die er sich als erste Ehre einst, vor langen Jahren,
geholt, indem er das Leben eines Menschen gerettet.
Das Bild selbst zeigte ein ernstes, schönes und stolzes Gesicht. Es
war nicht mehr das Gesicht des Knaben. Derselbe war nur noch der
seltsame Zug von Entschlossenheit um den Mund, und unverändert war
noch die etwas niedrige, trotzige Stirn. Aber die Weichheit, die
Rundung der Wangen und des Kinns, und vor allem der gutmütige,
vertrauende Blick der blauen Augen waren verschwunden und einem
frühernsten Ausdruck gewichen, so daß das Gesicht an Bedeutung
gewann, was es an Liebenswürdigkeit verloren hatte. Es war das
Gesicht eines Menschen geworden, der ruhig, selbstbewußt und
entschlossen in steter Wachsamkeit um sich und in die Ferne blickt,
damit ihm niemand zu nahe komme; der Ausdruck einer stets bereiten
Abwehr, der in seiner furchtlosen Kühnheit ersetzte, was dem Gesicht
an tieferer geistiger Intelligenz mangelte. In dem Augenblick der
Aufnahme war er so lebendig geworden, daß er es eigentümlich belebte
und interessant machte.
Es war noch immer ein sympathisches Gesicht, aber das liebenswürdige,
gute Gesicht des Knaben war es nicht mehr.
Ein anderes Bild aber--aus derselben Zeit--, das den Meisterschwimmer
in voller Figur und im Trikot zeigte und auf dem das Gesicht gegen
den Körper zurücktrat, störte in keiner Linie. Es war das Bild einer
wundervoll sicher und gleichmäßig entwickelten, vom Leben noch völlig
unangetasteten, ganz einzigen Kraft in der Siegessicherheit ihrer
Jugend.
14
Mit schweren Füßen gehen wir über die schwere Erde. Ewig ist in uns
die Sehnsucht, uns über sie erheben zu können, und noch im Tode
bitten wir, sie möge uns leicht sein. Denn schwer ist sie uns, wie
das Leben.
Aber wir können nicht fliegen. Neidvoll sehen wir den Vögeln nach,
die sich in die Luft erheben, die für uns zu leicht ist.
Zu schwer die Erde, zu leicht die Luft.
Aber wir können schwimmen.
Zwischen Himmel und Erde wiegt uns das Wasser. Halb zieht es uns
hinab, halb trägt es uns hinauf.
Wir sind noch nicht oben, aber wir sind nicht mehr unten. Es gibt uns
das Vergessen: das Vergessen der Erde und die Ahnung, im Himmel zu
sein, wenn es uns trägt.
Wir haben keine Flügel, aber wir fühlen die Schwere der Erde nicht
mehr.
Wunderbares Element!--Warum haben wir uns aus dir, das unser aller
Heimat und Wiege war, auf die Erde geflüchtet?--Warum sind wir nicht
in deinen stillen, traumlosen, seligen Tiefen geblieben, statt in das
Getöse, den Staub und den Kampf der Erde zu treten?--Warum keuchen
wir aus schweren Lungen, statt mühelos aus leichten Kiemen zu atmen?--
Weil wir Wärme, Licht und Leben brauchten?--Ach, die Wärme der Erde
ist sengende Glut, ihr Licht blendet unsere Augen, und unerträglich
ist uns meisten das Leben.
Dort unten war Kühle, Dämmerung und Traum.
Aber wir wollten hinauf: aus den Tiefen hinauf auf die Erde. Und dann
wollten wir höher und höher, von der Erde in den Himmel. Wir können
es nicht. Und verzehren uns nun in der ewigen Sehnsucht, die nicht
hinauf kann und nicht mehr hinab.
Wunderbares Element!--Die meisten haben dich vergessen. So fremd bist
du ihnen geworden, daß sie Furcht vor dir haben. Und statt sich dir
anzuvertrauen, blicken sie mit angstvollen Augen auf dich und zittern
vor der Berührung mit dir. Mit dir!--Mit dir, das du sie trägst und
wiegst und ihnen neues Leben geben möchtest, das du ihnen den Staub
aus den Augen und die Qualen vom Herzen wäschest und sie nur sinken
läßt, wenn sie, dumm und ungebärdig, dich mißhandeln mit plumpen
Gebärden und ungeschickten Fäusten, und, das Unmögliche heischend, in
dir den Himmel suchen. Sie alle, die vergessen, daß du nicht wie ein
Sklave behandelt sein willst, und es dir verdenken, wenn der Freie
sich im Zorn empört und die ungebetene Last von sich abschüttelt und
begräbt.
Aber nicht alle haben dich vergessen.
In einigen lebe noch die Sehnsucht nach dir fort, wie das Verlangen
nach der Reinheit aus dem Schmutze, und wenn sie zu dir kommen, so
nimmst du sie in die Arme, wiegst sie, küssest sie und vergiltst
tausendfach jede ihrer noch so ungeschickten Liebkosungen. Und wer
sich dir einmal so zu eigen gab, der begehrt den Himmel nicht mehr
und kehrt nur auf die Erde zurück, weil ihr Staub ihn gebar und ihn
nährt, der kehrt zu dir zurück, wann immer er kann, der ist dein
eigen geworden für Lebenszeit...
Einer von diesen wenigen war Franz Felder. Als sich kaum die kleinen,
dicken Kinderfäuste von der Mutterbrustgelöst, hatte ihn das erste,
selbständige Lebensverlangen nicht auf das weite Feld der Erde,
sondern in die stummen Tiefen des Wassers gezogen. Und das Wasser
hatte ihn empfangen wie sein eigenstes Kind, hatte ihn unterwiesen in
der Kunst des Lebens, ihn verhätschelt, ihn auf alle Weise der
gehaßten Erde zu entreißen versucht, die Sehnsucht nach sich auf alle
Art genährt, bis er sein eigen geworden war mit Leib und Seele.
So war es sein erster Spielkamerad gewesen und sein einziger
geblieben. So war es sein erster Freund geworden, und in der Stunde,
als er, noch fast ein Kind, bei einem allzu hastigen Sprunge sich
eine tiefe Fleischwunde an einem Nagel, den er streifte, in den Arm
riß, und sein Blut sich mit dem Wasser mischte, das es trank, war
zwischen ihnen die Blutsbrüderschaft entstanden, die sich erst lösen
konnte mit seinem Leben. Die Wunde war geheilt, das Wasser heilte sie
wie von selbst, aber die Freundschaft zwischen ihnen hatte
gewissermaßen ihre Weihe erhalten, und alle seine kleinen Schmerzen
und Wunden trug Franz fortab zu seinem Freunde und ließ sie von ihm
heilen, die offenen und die verschwiegenen.
Nun war das Wasser sein Gegner geworden.
Sie rangen miteinander, doch es war nicht das kindliche Spiel mehr
des Augenblicks, vergessen im nächsten. Aus der knabenhaften Balgerei
war ein ernsthaftes Messen der Kräfte geworden. Aber es war noch
immer der achtungsvolle Kampf zweier Gegner, die sich vor und nach
ihm die Hand schütteln und voneinander gehen ohne jeden Groll.
Noch immer herrschte die volle Eintracht der Einigkeit zwischen
ihnen.