Dritter Teil

1

Franz Felder wohnte noch immer bei seinen Eltern. Zwar nicht mehr in

dem dumpfen Keller, in dem er einen Teil seiner Jugend verbracht,

aber doch immer noch in einer Hofwohnung, ohne viel Licht und Wärme.

Er hatte sein eigenes Zimmer. Hier hingen alle seine Trophäen. Die

Ehrenpreise, die in Gegenständen bestanden und nicht in den

Klubbesitz übergegangen waren und dort das Vereinszimmer schmückten,

hatte er zum Teil seiner Mutter überlassen, die mit ihnen die

dürftige Armut der vorderen Wohnstube zu verdecken suchte. Dort stand

das große Bierservice, die Fruchtschale aus Cuivre, der Rauchtisch

und manches mehr--Dinge, die oft mehr dem guten Willen als dem

Geschmack ihrer Stifter Ehre machten. Aber alles, was er sich sonst

errungen in seinen vielen Kämpfen, hing hier in seinem eigenen

kleinen Zimmer in Gestalt dorrender Lorbeerkränze und mehr oder

minder künstlerisch ausgeführter Diplome an den Wänden, und von den

bunten Schleifen leuchteten goldene Inschriften. Bis an die niedrige

Decke hinauf hingen sie, und über dem Bette war fast schon kein Platz

mehr für neue Ankömmlinge. Auch hatte Felder es längst aufgeben

müssen, sich alle seine Urkunden einrahmen zu lassen.

Auf der Kommode in einem großen Glaskasten--dem Geschenk eines

Klubfreundes, eines Schreiners, zu Weihnachten--lagen auf roter

Sammetunterlage alle seine Medaillen, goldene und silberne, große und

kleine, alle an ihren Schleifen, eine ganze Sammlung von nicht

geringem Wert. Sie war sein höchster Stolz!--Mit welcher Liebe nahm

er nicht zu den Festen Stück für Stück heraus, um es, eins nach dem

andern, auf seiner Brust zu befestigen; mit welcher Sorgfalt legte er

nicht jedes einzelne an seinen rechten Platz zurück!--Bei jedem neuen

Siege verrückte der neue Erwerb den Platz und die Stellung der

anderen, und in immer neuer Gruppierung lagerte sich um die schweren,

goldenen Rundstücke erster Siege die Schar der kleinen Trabanten,

alle gleich gekannt, alle gleich geliebt. Denn an jeden knüpfte sich

eine unvergeßliche Erinnerung.

So viele waren ihrer geworden, daß sie längst nicht mehr auf der

breiten Brust des Meisterschwimmers Platz fanden. Auf seiner letzten

Photographie trug er daher nur die wichtigsten selbst--die breiten

Bänder um den Hals und die großen goldenen und silbernen Münzen auf

den Rockschlägen; die anderen waren auf einem Schilde reihenweise

geordnet, das auf einer Art Staffelei neben ihm stand, auf die er die

Hand legte. Das ganze Bild des beutebeladenen Siegers erschien

ebenfalls alsbald in einer Sportzeitung und übte stellenweise auf

unwissende Laien eine erheiternde Wirkung aus, die keineswegs

beabsichtigt war.

Auch dieses Bild prangte in der kleinen Stube, und was außer ihm an

Bildern dort noch zu sehen war, es stellte immer nur ihn dar: Franz

Felder. Da war er als kleiner Junge mit seiner Rettungsmedaille auf

der Brust, dick und ernst; als junges Mitglied des S.-C. B. 1879 mit

der hellen Mütze und dem Zeichen seines ersten Sieges auf der Brust;

ein Jahr später als neugebackener Berliner Meister--noch ohne Band um

den Hals, aber doch schon gekrönt mit einem ersten Preise und mit

jenem seltsamen Zug um den Mund, der auf keinem der späteren Bilder

mehr fehlte. Endlich all diese Bilder der späteren Jahre, aufgenommen

in all den verschiedenen Städten, wo man ihn mit zum Photographen

genommen oder ihn beim Fest selbst noch schnell vor den Kasten

gestellt, ehe er ins Wasser ging, immer um ein paar Zoll größer,

immer etwas selbstbewußter in der Haltung, je mehr die Zahl der

Zeichen auf seiner Brust wuchs--da waren sie alle bis auf dies

letzte, wo die Zahl der Ehren so groß geworden war, daß er ihre Last

nicht mehr selbst tragen konnte... Und da waren die anderen Bilder,

die Gruppenaufnahmen, auf deren keinem er fehlte: erst mehr an der

Seite, fastversteckt unter den anderen, dann immer mehr in die Miete

gerückt, bis seine Person die Mitte selbst bildete--diese Aufnahmen,

ausgeführt zum größten Teile von irgendeinem Amateurphotographen,

mehr oder minder gut gelungen, aber jede einzelne eine liebe

Erinnerung an die fröhlichen Stunden eines Ausfluges, einer

Veranstaltung des Klubs, erfüllt von Gelächter und immer überstrahlt

von der unversiegbaren Fröhlichkeit der Jugend.

Und endlich die Bilder, die ihn darstellten unter seinen

Mitschwimmern bei den Konkurrenzen, Aufnahmen, wie sie in letzter

Zeit bei den wichtigsten Hauptschwimmen gewöhnlich gemacht wurden,

bevor man an den Start ging. Alle Namen, die überhaupt in der

Schwimmerwelt in den letzten Jahren genannt wurden, waren da

vertreten, alle die mehr oder minder gefährlichen Gegner, alle, mit

denen er, Franz Felder, gerungen, alle, die er besiegt hatte... Er

kannte sie alle und lächelte, wenn sein Blick auf ihren Gesichtern

ruhte. Im Momente der Aufnahme noch ruhig, fast gleichgültig--wie

verändert waren sie alle wenige Minuten später, wo es drauf und dran

ging!--Wie verschieden waren diese nackten, nur mit dem Trikot

bekleideten Gestalten: der eine lang und hoch aufgeschossen wie ein

Turm und sehnig wie ein Pferd; der andere kurz und untersetzt mit

mächtigen Schenkeln und einer phänomenalen Brustweite; der dritte

ebenmäßig und schlank, in nichts fast seine Kraft verratend; und

immer war es Felder, der diesem Dritten glich. Auf allen Bildern

stand seine schöne, schlanke Gestalt hoch aufgerichtet und ruhig

unter den anderen, und seine ernsten und mutigen Augen verliehen

seinem Gesicht einen Zug von Leidenschaftlichkeit und Intelligenz,

den man vergebens auf denen der anderen suchte...

Schließlich füllte eine Ecke des Zimmers ein großer Stoß von

Programmen und Zeitungen: die Programme der Wettschwimmen, an denen

er teilgenommen, und die Zeitungen, die über sie berichtet hatten. Es

war schon ein ganzer Haufen, und Felder hatte ihn sorgfältig

gesammelt. Koepke hatte ihm dabei geholfen und sorgte dafür, daß

nichts fehlte.

So hatte er alles um sich herum in dem kleinen Raum, was seines

Lebens ganzen Inhalt ausmachte, und darum fühlte er sich wohl in ihm.

Seine Familie bedeutete ihm schon seit langem nur so viel, als sie

ihm diese Heimat erhielt. Ihre Interessen waren nur noch in wenigen

äußerlichen Dingen die seinen. Jeder ging seine eigenen Wege, und man

war es beiderseits zufrieden. Wenn er seiner Mutter zur Ausschmückung

des Vorderzimmers die Wertpreise überließ, so tat er es nicht nur,

weil sie ihn in seinem kleinen Zimmer beengten, sondern

hauptsächlich, weil er auf sie weit weniger Wert legte als auf seine

Diplome und Medaillen. Er wußte nichts mit ihnen anzufangen.

Ganz Herr seiner selbst, mit eigenem Schlüssel zu eigenem Eingang,

kam und ging er, wie er wollte, und längst war jeder Anspruch seiner

Familie an seine Zeit verstummt. Von den heranwachsenden Geschwistern

zeigte keiner besondere Lust zu seinem Sport; daher interessierten

sie ihn nicht. Sie gehörten für ihn zu dem "anderen Teile" der

Menschheit.

So war die einzige Veränderung in seinem äußeren Leben eigentlich nur

die, daß er seine Stellung aufgegeben. Als seine Beteiligung an den

ausländischen Konkurrenzen immer wieder die Bitte um Urlaub nötig

machte, wurde der sonst ziemlich geduldige Chef unwirsch, und vor

Felders englischer Reise sagte er ihm, er möge zwar ein großer

Schwimmer sein, aber das könne ihm doch für seinen eigentlichen Beruf

nichts nützen, und er möge lieber seinem Sport etwas weniger Zeit

opfern... Wie der kleine Junge vor Jahren unter den Worten des

Rektors, so bäumte sich jetzt der gefeierte Meisterschwimmer auf;

aber er war zu stolz geworden, um überhaupt ein Wort der Entgegnung

zu verlieren. Er ging. Wenn man nicht wußte, wer er war, so sollte

man es bleiben lassen oder es lernen.--Daß er zeitweilig ohne

Stellung war, kümmerte ihn wenig. Als er dann von England kam, war er

durch die ihm gebotene Ehrensumme jeder augenblicklichen Not

enthoben, und er arbeitete von da an nur, wenn es ihm gefiel...

Größer war die innerliche Veränderung, die mit ihm vorgegangen war in

diesem Jahre. Als er von England als der unangefochtene Meister

Europas zurückkehrte, fiel sie zum ersten Male seinen Klubbrüdern

auf. Ernst und schweigsam war er eigentlich immer gewesen, aber nie

hatte sich seine große Gutmütigkeit und Freundlichkeit verleugnet.

Jetzt war etwas Strenges und Hartes in sein Wesen gekommen, das ihm

nicht eigen gewesen war. Wie er gegen sich war, so wurde er nun auch

gegen andere.

Auch seine Unbefangenheit war nicht mehr dieselbe. Er wußte, was er

seiner Würde schuldig war, und war eifersüchtig auf sie. Er

verlangte, daß sie respektiert werden sollte, und hatte angefangen,

darauf zu achten. Leichtigkeit im Umgang hatte er nie besessen, aber

die Schwerfälligkeit seines Wesens war nie so hervorgetreten wie

jetzt, wo er nicht mehr im Hintergrunde stand. Bei den Sitzungen

glaubte er an den Beratungen teilnehmen, in die Verhandlungen

eingreifen zu müssen. Da ihm die Gabe der Rede jedoch völlig abging,

so vermochte er sich nur unbeholfen auszudrücken, und man fand

allgemein mit Recht, daß er besser täte, zu schweigen wie

bisher. Dennoch hatte man so viel Achtung vor ihm und seinem

leidenschaftlichen Ernst, seiner hingebenden Liebe zur Sache, daß

man ihn geduldig anhörte.

Eine bisher fremde Ungeduld hatte ihn ergriffen; er wollte immer

weiter und weiter, ohne doch recht Zuwissen, wohin noch. Bei den

meisten Mitgliedern des Klubs aber, besonders bei den älteren, machte

sich eine gewisse Ermüdung nach so vielen großen und lauten äußeren

Erfolgen geltend, und sie verlangten mit größerer Entschiedenheit

nach einer einheitlichen Ausbildung des Ganzen, nach einer ruhigeren

Entwickelung als bisher.

Noch hatte Felder nichts an Freundschaft und Achtung verloren. Im

Gegenteil: seine Siege hatten ihm begeisterte Bewunderer erworben,

die mit ihm durch dick und dünn gingen und bei denen er alles galt.

Aber man fand den Verkehr mit ihm nicht mehr so bequem wie früher.

Man fühlte, hier mit Bedauern, dort mit Unmut, daß er nicht zufrieden

war.

Und so war es auch: in dieser Zeit, die nach beispiellosen Erfolgen

die glücklichste und schönste seines Lebens hätte sein müssen, war er

nicht glücklich.

2

Ein Winter der Ruhe sollte diesem aufgeregten Sommer voll höchster

Triumphe folgen. Der Verein hatte nach langen Debatten beschlossen,

Felder nur auf ein einziges Winterfest zu senden, auf dem er den

Wanderpreis der Stadt Charlottenburg zum dritten Male erkämpfen

mußte. Sonst sollte er ruhen, nicht trainieren und, wie Brüning

lächelnd sagte, sich "in seinem eigenen Glänze sonnen". "Im nächsten

Sommer würde es schon genug Arbeit geben, um das Gewonnene mit Ehren

zu behaupten", fügte Nagel in seiner bedächtigen Weise hinzu. Er

hatte sich übrigens verlobt und sein Amt als Schwimmwart nieder

gelegt.

Auch Brüning war in diesem Winter meist von Berlin fort, und so war

Felder mehr als vorher auf die Gesellschaft seiner anderen Klubbrüder

angewiesen. Obwohl er mit allen mehr öder minder vertraut war,

verband ihn doch mit keinem eigentlich die enge Freundschaft wie mit

jenen beiden, und sein Vertrauen genoß nur noch Koepke. Aber der war

immer da und zählte nur mit, wenn Felder ihn gerade brauchte.

Eine der stürmischen Klubsitzungen war vorüber. Es hatte irgendeine

Streitigkeit mit einem anderen Vereine gegeben, bei der die

Mitglieder verschieden Partei ergriffen. Obwohl Felder von der ganzen

im Grunde gleichgültigen Geschichte wenig begriff und sie ihn

obendrein nicht besonders interessierte, glaubte er es doch seiner

Würde schuldig zu sein, ein paar Worte mitzureden, und die waren

wieder schlecht genug ausgefallen. Daß man seine unklaren und

unbeholfenen Auseinandersetzungen so ruhig und ohne zu lächeln

hingenommen hatte, verdankte er nur seinem Ruhm...

Nun ging es noch in ein Café mit zwei anderen, denn man war noch viel

zu erhitzt und aufgeregt, um schlafen zu können. Es war das übrigens

für Felder in letzter Zeit eine Gewohnheit geworden, an die er vor

einem Jahre noch gar nicht gedacht hatte. Jetzt aber: Geld hatte er

ja, und ausschlafen konnte er morgen auch...

Man saß in einem Cafe in der Leipziger Straße. In Felder nagte noch

der Ärger über sich selbst, und er sprach kein Wort mehr. Um so

lauter waren die beiden anderen; in leidenschaftlicher Debatte

suchten sie sich gegenseitig zu überzeugen.

Felder hatte sich eine Zeitung geben lassen, las aber nicht, sondern

sah sich bewundernd um. Er war zum ersten Male hier. Er war nicht

mehr der unerfahrene Junge aus dem Osten Berlins, der nichts außer

seinem Stadtteil kannte, sondern ein gereister Mann, der Vergleiche

anstellen konnte. Aber dies schien ihm doch eines der schönsten Cafés

zu sein, das er je gesehen hatte. Überall Gold und Marmor und Spiegel

bis an die Decke hinauf; und dazu stimmte die Eleganz des Publikums,

der ruhig-vornehme Ton, der hier herrschte und der selbst seine

Kameraden zwang, ihre lauten Stimmen zu dämpfen; und die leise Art

der Kellner, die in ihren blendendweißen Schürzen kamen und gingen,

ohne daß man es merkte.

Es waren nicht sehr viele Gäste außer ihnen in diesem Teil des

Saales. An einem Tisch unweit von ihnen saß ein Herr mit einer Dame,

dessen Gesicht er nicht sehen konnte, da er ihm den Rücken zudrehte.

Die Dame war sehr elegant gekleidet, saß zurückgelehnt in ihrem

Stuhl, und während Felders Blick von der Betrachtung des Saales zu

ihr zurückkehrte, bemerkte er, wie sie ihn ansah. Er blickte fort.

Als er dann zufällig nach einer Weile wieder zu dem Tisch hinübersah,

sah er noch immer ihre Augen auf sich gerichtet, so fest und

unverwandt, daß jeder Irrtum ausgeschlossen war, und er konnte sich

des Gedankens nicht erwehren, daß sie ihn während dieser ganzen Weile

so angesehen haben mußte. Diesmal wandte er sich noch schneller ab

und betrachtete noch aufmerksamer die Decke, die Wände und die

übrigen Gäste. Es war ihm unbehaglich, so angestiert zuwerden.

Dann--als er nach einigen Minuten wieder hinschaute, überzeugt, dem

eigentümlich festen und ruhigen Blicke nicht mehr zu begegnen, sah er

die Dame unverändert wie vorher zurückgelehnt in ihrem Stuhle sitzen

und ihre Augen unverwandt auf seinem Gesichte ruhen. Diesmal

begegneten sich ihre Blicke: der Felders unruhig, herausfordernd-

fragend, der der Fremden unverändert ruhig, überlegen, fast

gleichgültig, als sei es selbstverständlich, daß sie ihn in dieser

Weise mustere; und ohne die geringste Veränderung, wie ihr Blick,

blieb auch der Ausdruck ihrer Züge.

Er wurde unruhig. Jetzt wußte er, daß er sich nicht täuschen konnte.

Er ergriff eine Zeitung, starrte verständnislos auf eine politische

Karikatur der "Lustigen Blätter" und war entschlössen, nicht mehr

aufzusehen.

Der Schwimmer · 第 15 / 41 题