6. W. Hofstetter ...... (Berl. S.-Sport-C.von 1888) rote Kappe

Darunter war der Raum freigelassen zum Einzeichnen der Sieger:

Erster: ........... Zeit: .... Min. .... Sek.

Zweiter: .......... Zeit: .... Min. .... Sek.

Da stand sein Name. Noch keine Stunde würde vergangen sein, und die

Entscheidung war erfolgt. Welcher unter diesen sechs Namen würde

eingetragen werden in die kleine leere Stelle?--Der seine?--

Er hielt es nicht mehr aus. Der Gleichmut seiner Freunde erregte ihn.

Ahnten sie, wußten sie denn nicht, was auf dem Spiele stand?--Warum

lachten sie noch?... Außer dem dummen Koepke schien keiner von der

Größe des Augenblicks erfüllt zu sein.

Das Tauchen hatte begonnen. Es würde bei der großen Beteiligung

mindestens eine halbe Stunde dauern. Aber Franz ertrug es nicht

länger, ihm untätig zuzusehen. Die Zeit, in der die ersten beiden

unter Wasser blieben, erschien ihm endlos.

Er stahl sich weg und suchte einen der hinten gelegenen

Auskleideräume auf. In dem ersten, den er betrat, hatten sich bereits

sechs oder sieben Teilnehmer ausgezogen. Ein wüstes Durcheinander

herrschte in dem engen Gelaß. Der Boden triefte von Nässe und

Schmutz, unter den Lattenbelägen standen Wasserlachen, Stiefel lagen

herum, die nicht zueinander paßten, und Kleidungsstücke

verschiedenster Art waren wahllos übereinander geworfen--friedlich

vereinigten sich hier die toten Dinge, während sich draußen ihre

Besitzer so bitter bekämpften. Felder bemerkte das alles kaum. Er war

es nicht anders gewohnt.

Er war zufrieden, noch einen freien Haken zu finden, und kleidete

sich langsam aus. Er war ganz allein in dem abgelegenen Räume, in dem

ein trübes Dunkel herrschte, da man vergessen hatte, hier Licht

anzuzünden. Durch die engen Fenster sah mit ihrem letzten Schein die

früh erlöschende Wintersonne, und nur von ferne drangen verlorene

Rufe aus der Halle bis hierher.

Als er das Trikot angelegt hatte und darüber die weiße Badehose mit

dem blauen Rande streifte, überkam ihn wieder die zeitweilige

Mutlosigkeit der letzten Tage. Er hüllte sich in sein Badetuch und

setzte sich in eine Ecke. Er wußte, daß man ihn rufen würde, wenn es

Zeit war, und es war ihm ganz lieb, daß man ihn bis dahin allein

ließ.

Er glaubte nicht mehr daran, daß er siegen konnte. Es war eine

Vermessenheit von ihm, zu schwimmen; und es war mehr als eine solche

von seinem Klub, ihn zu diesem Wagnis verleitet zu haben. Auf ihn

fiel die Schmach, wenn er unterlag. Und er mußte ja unterliegen--wenn

nicht gegen die anderen, so doch gegen Wenzel. War überhaupt jemals

ein Mensch gegen den aufgekommen? Und gerade heute nach einjähriger

Pause schwamm der wieder mit!

Er sah trübe vor sich hin.

Plötzlich wurde er aus seinem Sinnengerissen. Zwei nasse Gestalten

stürzten herein und suchten lärmend nach ihren Kleidern, während sie

laut miteinander über das eben beendete Tauchen sprachen.

Hinter ihnen her Koepke.

--Wo bleibst du denn, Mensch?--Jetzt wird es aber wirklich Zeit. So

komm doch--alle warten schon auf dich! Felder ließ sein großes

Badetuch von den Schultern gleiten und folgte dem wieder Forteilenden

langsam. Als er sich mühsam durch die immer enger zusammengepreßte

Menschenmenge zu seinen Leuten durchgerungen hatte, kam eben der

letzte Taucher, mit seinen zwanzig Tellern beladen, blaß und

schweratmend an die Oberfläche.

Es herrschte an der Eingangsseite ein unglaubliches Gedränge. Alles

stieß sich durcheinander: Herren vom Wettschwimm-Ausschuß in

schwarzen Fräcken; Kellner mit gefüllten Biergläsern; Bademeister in

hellen, frischgewaschenen Leinwandanzügen; Klubmitglieder in Mützen

und Abzeichen, viele die Brust mit Medaillen und Schleifen übersät,

freundlich oder feindlich gesinnt, und sich entweder herzlich

begrüßend oder höflich ausweichend; und Gäste des Festes, jeden

Alters und Standes und Geschlechtes--alles mußte hier durch, um

hinaus oder zu seinem Platz zurückzugelangen, und kaum wurde den

Schwimmern ausgewichen, die triefend von Wasser durch sie alle

hindurch und zu ihren Kleidern zu gelangen suchten. Die Halle dröhnte

wider von dem Durcheinanderlärmen zahlloser Stimmen.

Man machte vor dem Hauptrennen des Festes die kurze Pause um einige

Minuten länger, während welcher die Starter versuchten, einen kleinen

Raum um die Sprungbretter herum zu schaffen.

Felder stand eingekeilt in einer Ecke. Nagel hatte ihm selbst die

blaue Kappe übergezogen, die ihm das Los bestimmt hatte, und

erinnerte ihn noch einmal an seine Platznummer: "Du hast also Nr. 3

und schwimmst in der Mitte zwischen zwei Gegnern!" Er hörte Brünings

spöttische Stimme, der über den "Blödsinn des übertriebenen Tauchens"

sprach und fühlte dabei, wie sein Blick aufmerksam auf ihm ruhte. Als

er ihm begegnete, versuchte er, sorglos zu lächeln, aber er konnte es

nicht. Er hatte nur den einen Wunsch, daß alles vorbei sein möchte.

Dann sah er, wie der Starter auf das eine der unteren Sprungbretter

trat und seine Fahne schwang. Der Lärm in der Halle verminderte sich,

Rufe um Rufe wurden laut, und eine klare Stimme tönte bis in den

fernsten Winkel des Raumes:

--Neunte Konkurrenz: Schwimmen über hundert Meter um die diesjährige

Meisterschaft Berlins. Herr Wenzel vom Schwimmklub "Poseidon"

schwimmt wegen plötzlich eingetretenen Unwohlseins nicht mit.

Ein Murmeln der Überraschung erhob sich auf verschiedenen Seiten.

Dann lösten sich aus den dunklen Massen schnell einige helle, nackte

Gestalten und sprangen mit kurzem Ruck in das Wasser. Felder hatte

kein Wort verstanden. Er fühlte sich plötzlich vorwärts gestoßen und

sah, wie der Raum vor ihm frei wurde. Er trat vor.

Einen Augenblick--eine kurze Sekunde--stand seine jugendlich-schlanke,

ebenmäßige Gestalt allein über dem Bassinrand in der Mitte unzähliger

Blicke und überstrahlt von dem grellen Lichte der Bogenlampen, als

könne sie sich nicht entschließen, den Sprung zu tun--dann streckte

Felder die Arme aus, neigte sich vor und ging mit glattem Sprunge

in das Wasser unter sich. Und in demselben Augenblick, als sein

heißes Gesicht in die kühle Flut tauchte und seine Hand nach der

Stelle des Brettes griff, wo seine Nummer stand, war es ihm, als

müsse er aufschreien vor Lust, und er fühlte nichts anderes in

dieser Minute mehr, als die maßlose Seligkeit, schwimmen, jetzt

losschwimmen zu dürfen!--Endlich im Wasser, war er jetzt wieder

Herr seiner selbst und seiner ganzen Kraft, und den Blick geradeaus

auf die glatte Fläche vor sich geheftet, hörte er die Stimme des

Starters auf dem Sprungbrett über sich:

--Sind die Herren bereit?--

Der Platz neben Felder lag leer. Aber dieser hatte keine Zeit,

darüber nachzudenken, denn schon erklang über ihm wieder die feste

Stimme:

--Achtung!--...--Fertig!

Und sofort danach mit dem gleichzeitigen Schwung der Fahne durch die

Luft:

--Los!--

Fünf Hände ließen das Brett los, und fünf Gestalten durchschnitten

mit rasender Geschwindigkeit das Wasser.

Die Musik setzte ein, und es wurde so still unter der ungeheuren

Wölbung, daß man außer ihr nur das Rauschen des Wassers unter den

peitschenden Schlägen der Arme und Hände vernahm. Eine atemlose

Spannung ergriff selbst die Fernsitzenden unter den Zuschauern, und

allen teilte sich etwas von der inneren Erregung mit, die von diesem

Kampfe ausging.

Die erste Länge von fünfundzwanzig Metern wurde fast gleich genommen.

Beim Wenden legte der Tritone in weißer Kappe sich vor und blieb so

liegen bis rast an das Ende der zweiten Länge, wo er seinen Vorsprung

gegen drei Gegner, unter ihnen Felder wieder verlor.

Wieder stießen fast gleichzeitig vier der Schwimmer zur dritten Länge

ab; der fünfte war zurückgeblieben und blieb es.

Die vier Körper lagen nun fast nebeneinander. Bei jedem Stoß

verschwanden die Köpfe mit den bunten Mützen unter der Wasserwoge,

die über sie wegging; dann sah man, wie sich die Arme wieder hoben,

um zu neuem Schlage auszuholen und die Körper, von neuem, mächtigen

Stoße der Beine getrieben, vorwärts flogen, als würden sie gezogen...

Gegen Ende der dritten Länge schien es, als schwämmen die vier auf

einen bestimmten Punkt zu, so sehr näherten sie sich einander. Aber

dann gingen sie wieder auseinander und jeder auf seine Nummer los.

Wieder erfolgte der Anschlag fast gleichzeitig; doch hatten sowohl

die rot-weiße wie die rote Kappe eingebüßt, da ihnen die Richtung ein

wenig verloren gegangen war. So kam es, daß Felder zuerst, oder doch

fast gleichzeitig mit dem Träger der schwarzen, wenden konnte.

Die Musik schwieg plötzlich und die ersten vereinzelten Rufe der

Teilnahme und der Ermutigung wurden laut. Auf der Galerie waren die

Zuschauer aufgestanden und überall drängten sich die Köpfe so weit

wie nur möglich vor. Die Spannung erreichte den höchsten Grad.

Die ersten Längen hatte Franz geschwommen wie er immer schwamm: ohne

Aufbietung seiner letzten Kraft. Er war so glücklich, schwimmen zu

können, daß er fast vergessen hatte, um was es sich handelte. Nun

erwachte er plötzlich wie aus einem Traum: er hörte die Rufe und sah

dicht neben sich den langen Riesecker, der sich eben wandte und ihm

mit dem nächsten Stoß schon voraus war. Da packte ihn eine

fürchterliche Wut. Er wußte wieder, wo er war--und tief Atem holend,

stieß er sich ab. Ganz einerlei jetzt--ob er siegte oder nicht; aber

leicht wollte er jenem den Sieg nicht machen! Er griff in das Wasser

und schoß in ihm hin; er kämpfte mit ihm wie mit einem persönlichen

Feinde, außer sich vor Wut und Raserei.

Die Zuschauer sahen wie sich die zu Anfang der Endlänge nicht mehr

gerade Linie der vier Köpfe wieder schloß--wie der zweite dem ersten

wieder näher und näher kam und wie sich ihm die beiden anderen

zugesellten. In der Mitte des Bassins lagen die Schwimmer fast so

wieder zusammen, wie zu Anfang des Rennens.

Die Aufregung der Zuschauer stieg ins maßlose. Man rief nicht mehr,

man schrie den Schwimmern von allen Seiten zu, und jeder ihrer vier

Namen erklang aufmunternd, anfeuernd--drohend von überallher...

Franz nahm seine letzte Kraft zusammen. Er hörte und sah nichts mehr.

Er wußte nicht mehr, wohin er schwamm, ob er überhaupt noch in einer

Richtung ging. Neben ihm peitschte irgend etwas mit beiden Armen wie

ein Ertrinkender das Wasser--er sah und hörte nichts mehr. Er fühlte

kaum, wie seine Finger das Holz des Brettes berührten... Er wußte

nicht einmal mehr, war es nun zu Ende oder nicht...

Dann vernahm er das frenetische Jubelgeschrei, das die Halle

durchbrauste und das den Tusch der Musik völlig übertönte. Über sich

sah er erregte Gesichter und neben sich für einen Augenblick seine

Gegner--erschöpft wie er. Wie sie holte er noch einmal tief Atem.

Dann tauchte er unter und schwamm mit einem Stoß auf die Leiter zu.

Er hatte sich vollkommen ausgegeben,

Er hörte nicht, was die Umstehenden sagten. Er hatte nur das eine

Bedürfnis sich jetzt hinsetzen zu dürfen. Er drängte sich aufs

Geratewohl durch die Menschen, die ihm keinen Platz machten. Man

hatte ihm ein Tuch übergeworfen, wie einem Pferde nach dem Rennen die

Decke. Er hüllte sich fest hinein, um das Zittern seiner Glieder zu

verbergen, und machte sich rücksichtslos Platz. So gelangte er zu dem

Raum, wo seine Kleider hingen, und setzte sich, noch immer keuchend,

in eine Ecke.

Sie drängten sich ihm alle nach, seine Freunde, lachend über seine

eilige Flucht und sein böses Gesicht, und versuchten, ihm die Hand zu

drücken.

Als er sie alle vor sich sah, die bekannten Gesichter, wurde er noch

böser:

--Aber warum denn?--Ich war doch nicht erster!--

Er sah, wie sie wieder lachten.

--Wer denn sonst, fragte Brüning.

Franz sah von einem zum andern. Ohne Zweifel, sie lachten ihn aus.

Dann erblickte er seinen Schwimmwart und sah ihn an. Und eine Ahnung

stieg in ihm auf, daß es wahr sein könne. Wenn Nagel es sagte, dann

glaubte er es.

Und als auch dieser nickte und sagte:

--Mit 2/5 Sekunden etwa... da war ihm, als löse sich von seiner Brust

der ungeheure Druck und eilig sprang er auf, um nach seinen Kleidern

zu greifen.

Hastig riß er Badehose und Trikot herunter und warf sich in seinen

Anzug. Um ihn herum ließen die Mitglieder des "S.-C. B. 1879" jetzt

ihren Gefühlen freien Lauf. Lebhaft wurde das eben beendete Rennen

besprochen. Allgemein stimmte man darin überein, daß es ein ganz

außergewöhnliches Rennen gewesen war, "wieder einmal eines von jenen,

bei denen alles anders gekommen war..." Am äußergewöhnlichsten

sicherlich das Endresultat.

Nur einer war ganz zurückgeblieben; einer hatte nicht mitgeschwommen.

Die übrigen vier waren fast gleichzeitig durchs Ziel gegangen. Es

konnte sich bei ihnen nur um ein paar Sekundenfünftel handeln. Aber

Felder hatte unbedingt zuerst angeschlagen. Sie alle hatten es

gesehen. Gleich nach ihm hatte Riesecker die Hand angelegt, und es

hatte sich vielleicht nur um dies Anlegen der Hand gehandelt; dann

Georgy vom "Spree "-Verein, und wieder fast gleichzeitig mit diesem

der junge Erstlingsschwimmer Hofstetter, dem das kein Mensch

zugetraut hätte. Hoffmann, der berühmte Hoffmann vom "Triton", der

Meister des Vorjahres, war überhaupt ganz zurückgeblieben und hatte

zu Ende der dritten Länge schon gänzlich ausgesetzt.

Das an den Richtertisch gesandte Mitglied, wo unterdessen die Zeit

festgestellt und bekannt geworden war, kam zurück und bestätigte fast

jede Einzelheit. Die hundert Meter waren geschwommen in der Zeit von

1:23 4/5 bis 1:25 Minuten. Riesecker hatte den zweiten Preis mit 24

1/5; der dritte hatte mit 1:24 3/5 abgeschnitten und mit 1/5 Sekunde

später der junge Hofstetter.

Der Rekord für Deutschland betrug 1:18 Minuten. Er war also

keineswegs erreicht, wie überhaupt in den letzten Jahren nicht mehr.

Was aber die Leistung Felders zu einer so außergewöhnlichen machte,

war die Jugend des Siegers. Wenn man sie in Betracht zog, war es ein

Erfolg, fast einzig in seiner Art.

Neueintretende erzählen von der allgemeinen Verblüffung. Der ganze

Amateur-Schwimmklub sei in Aufruhr und wolle das Resultat anfechten,

da zwischen seinem Mitglied und Felder ein totes Rennen stattgefunden

habe: man habe ganz genau gesehen, daß Riesecker und Felder zu

gleicher Zeit angeschlagen hätten, und man habe es von ihrem Platze

aus besser sehen können, als von dem Tische der Richter.

Die Freude der Mitglieder wurde durch die Nachricht von dem Arger der

anderen natürlich nur erhöht, und man freute sich im voraus auf die

nicht ausbleibenden Reibereien der nächsten Zeit.

Nur Franz war merkwürdig still geworden. Jetzt, wo er wirklich diesen

so heißersehnten und noch immer unbegreiflichen Sieg sein eigen

nannte, erschien ihm so wenig, was er errungen. Die Unruhe und Angst

der letzten Zeit waren vorbei. Aber geschwunden war auch zugleich mit

ihnen und wie mit einem Schlage das Gefühl des Angespanntseins, das

einer inneren Gehobenheit trotz aller Verzagtheit... Was hatte er

getan?--Wofür wurde er gelobt?--Er hatte geschwommen, wie schon

hundert Male, von Rand zu Rand der Wasserfläche--etwas besser, nicht

viel schlechter heute, als sonst. Nur hatte er diesmal etwas getan,

was andere nicht gekonnt: um den Bruchteil einer Sekunde, um einen

Augenblick früher hatte er die Hand zum Anschlagen erhoben, und diese

eine, diese einzige Bewegung der Arme und der Hand erhob ihn

plötzlich so, daß ihn alle anstarrten wie ein Wundertier. Wäre er

unterlegen, ja, wäre er nur zweiter geworden, kein Mensch würde sich

um ihn kümmern, niemand seinen Namen nennen... Außerdem: Wenzel hatte

nicht mit geschwommen. Wäre er nicht erkrankt, so hätten sie alle

miteinander einpacken und zusehen können!

Er wollte wissen, wie er geschwommen hatte. Nagel würde es ihm sagen.

Er drängte sich zu ihm, als er fertig war, und ging mit ihm hinaus.

Dann hörte er es: "Ein schöner Sieg, weil er so schwer errungen

wurde. Wie du geschwommen hast?--Die ersten drei Längen ganz gut. Bei

der letzten hast du natürlich den Stil verloren und bist über deine

Kräfte hinausgegangen. Sonst hättest du auch nicht gesiegt.--Freu'

dich nur ruhig. Wir freuen uns auch."

Ja, Franz freute sich, als er dies hörte, und zog sich seine

Sportmütze über die noch nassen Haare. Jetzt erst freute er sich

_wirklich!_--

Mit den anderen ging er hinaus, und eine Weile noch standen alle in

ihrer Ecke der Galerie, wo der Sieger mit neuen Glückwünschen

empfangen wurde.

Die schwüle Hitze in der Halle hatte noch zugenommen. Der Dunst des

warmen Wassers und der vielen Menschen war erdrückend. Überall sah

man rote Gesichter, auf denen der Schweiß stand, und alles versuchte

die innere Glut mit großen Gläsern Bier zu löschen. Aber noch immer

erschienen die Reihen der Zuschauer ungelichtet. Man blieb, weil man

einmal da war, oder auch, weil man noch das Wasserpolo und die

lustige Pantomime am Schluß nicht aufgeben wollte. Die letzten Rennen

gingen unter allgemeiner Interesselosigkeit vorüber. Selbst ein

langes, aber vortreffliches Kürspringen vermochte es kaum mehr

aufrecht zu erhalten. Wie immer, rächte sich an diesen letzten

Nummern die offenbar unvermeidliche Überladung des Programms.

In der Ecke der 79er drängte Brüning seine näheren Freunde zum

Aufbruch, endlich "dies verfluchte Schwitzbad" zu verlassen. Er könne

es nicht mehr aushalten, und wenn sie noch zehn Minuten länger

hierblieben, könnten sie es erleben, daß er sich auszog und ins

Wasser ging. Er hatte aus Anlaß des Sieges sogleich ein kleines

Festessen geplant und den immer bereiten Koepke (der als Belohnung

dafür mit eingeladen wurde) in ein benachbartes Weinrestaurant

geschickt, wo die Nennung seines Namens und kurze Angaben genügten,

um eine gemütliche Nische und ein ausgesuchtes kleines Souper für

sechs Personen nach einer Stunde bereit zu finden.

Die Geladenen verabschiedeten sich für ein paar Stunden von ihren

Leuten und verließen, von vielen Blicken gefolgt, die heiße Halle.--

Bei Tisch herrschte die lebhafteste Fröhlichkeit. Franz saß zunächst

dem Gastgeber, neben ihm ein älterer Schwimmer mit großem Namen, und

ihm gegenüber sein verehrter Schwimmwart. Er war äußerlich still, wie

immer, aber innerlich war jetzt alle Sorge von ihm genommen, und er

ließ sich alle die guten und ungewohnten Dinge, die auf den Tisch

kamen, mit dem ganzen unverdorbenen Appetit seiner jungen Jahre

schmecken.

Aber als Brüning zum Schluß, als der Sekt kam, das Glas in die Hand

nahm und--halb ernsthaft, halb launig, wie es so seine Art war--eine

Rede auf ihn hielt und alle aufstanden, um auf den heurigen und alle

künftigen Erfolge mit ihm anzustoßen, da übermannte ihn fast die

Rührung über so viel unverdiente Freundschaft. Ein großer Entschluß

keimte in ihm auf, und während die anderen schon weiteraßen und

weiterlachten, stand er plötzlich auf und sagte geradeausschauend und

ganz schnell:

--Es lebe der Schwimmklub Berlin 1879. Ich danke ihm, daß er mich

aufgenommen hat, und ich werde mich anstrengen, ihm immer so Ehre zu

machen, wie heute...

Das war ein kurzer Toast, aber ein guter, und alle wunderten sich,

daß er ihn so zustande gebracht hatte; Brüning nannte ihn sogar einen

Beweis für "die unvermutet glänzende Rednergabe unseres lieben

Mitgliedes Franz Felder".

Aber das störte diesen nicht weiter, und äußerlich still, aber

innerlich glücklich blieb er den ganzen Abend: während der

Droschkenfahrt nach dem Lokal, wo die Preisverteilung stattfand;

während dieser selbst, als er--noch einmal der Zielpunkt aller

Blicke--die silberne Medaille und die Urkunde, die ihn den Meister

von Berlin für das kommende Jahr nannte, erhielt; und während der

langen Stunden, die sich noch durch die halbe Nacht zogen, als man an

den Tischen zu seiten des großen Saales saß, in dem unermüdlich

getanzt wurde, und als immer wieder und wieder von allen Seiten alte

und neue Bekannte kamen, um mit ihm anzustoßen, zutrinken und ein

Wort zu wechseln...

Und glücklich war er, als er endlich durch die helle und kalte

Winternacht heimwärts ging. Denn wie der Himmel dort oben, so war

auch seine Zukunft voll lichter Sterne, und ein jeder von ihnen war

ein neuer, ein großer und ein immer größerer Erfolg!

8

Er durfte seinen Sternen vertrauen. Einer nach dem anderen neigte

sich gegen ihn und fiel nieder in seine jungen, hoch emporgestreckten

Hände--Sieg um Sieg!--

Die Meisterschaff der kurzen Strecke für Berlin hatte Franz Felders

Namen mit einem Schlage bekanntgemacht. Jetzt konnte im Klub kaum mehr

darüber gestritten werden, wer zu den nächsten Schwimmkonkurrenzen

entsandt werden sollte; es handelte sich nur noch darum, an welchen

Schwimmen er sich beteiligen konnte, und bei welchen es besser war,

von einer Beteiligung noch abzusehen. Das galt natürlich in erster

Linie bei den langen Strecken, für die es im Klub kein Mitglied gab,

das sich mit den Meistern dieser Jahre über sie hätte messen können.

Aber man konnte sich nach dem unverhofften Triumphe seines jungen

Mitgliedes jetzt nicht mehr zurückziehen, um so weniger, als

man neben Felder einen ausgezeichneten Springer, Grafenberger,

herangebildet hatte, der sich auf dem Bundesschwimmen einen zweiten

Preis geholt, und auf den man als Springer ebensolche Hoffnungen

zu setzen begann, wie auf Felder als Schwimmer.

So war der alte Schwimmklub Berlin von 1879 mit einem Schlage wieder

in den Vordergrund des Interesses getreten, und seine alten

Mitglieder sahen wohl ein, daß sie dem Drängen der jüngeren nicht

länger widerstreben durften und konnten, sondern verpflichtet waren,

das Eisen zu schmieden, das wieder zu glühen begann.

Mit der Hoffnung auf neue, rege Beteiligung an der Öffentlichkeit und

mit der begründeten Aussicht auf neue Siege begann sich ein neues,

frisches Leben in den Sitzungen, wie auf den Übungsabenden zu

entfalten, und nie war der Ton bei den Zusammenkünften so frei und

fröhlich gewesen, wie zu Beginn dieses Sommers...

Felder übte unablässig. Als der laute Tag vorbeigerauscht war, der

ihm seinen so heißersehnten Sieg gebracht, erschien es ihm wieder so

wenig, was er getan, daß ein tiefes Gefühl der Unbefriedigtheit ihn

fast nicht mehr verließ. Ja, er hatte gesiegt--aber war das ein Sieg

gewesen, wie er zu wünschen war?--Weder war seine Zeit eine besondere

gewesen, noch sein Stil bis zu Ende rein geblieben; dabei hatte er

seine Kraft völlig verausgabt; und endlich hatte Wenzel, der

Meistgefürchtete, nicht teilgenommen. Alles das beeinträchtigte den

Wert seines Sieges in seinen Augen bedeutend und er war ungeduldig

nach neuen Kämpfen.

Er übte unermüdlich. Er erreichte es zunächst, die hundert Meter in

derselben Zeit, wie auf dem Bundesschwimmen, aber in glatt

durchgeführtem Stil zu schwimmen; dann verbesserte er seine Zeit von

Woche zu Woche um ein weniges.

Als der Frühling kam und die ersten Ausschreibungen für die

Sommerfeste erlassen wurden, begann er, das frühere Training für

Strecken über drei- und fünfhundert Meter wieder aufzunehmen. Seine

Fortschritte setzten selbst seine Klubgenossen in Erstaunen. Sogar

Nagel, der ihn unausgesetzt beobachtete, sagte nichts mehr. Nach

außenhin bewahrte der Klub absolutes Stillschweigen.

Dann kamen die Siege dieses Sommers, einer nach dem andern: er siegte

zweimal auf den internen Veranstaltungen seines Klubs gegen seine

eigene Mannschaft, war dessen erklärter bester Schwimmer über alle

Strecken und in jeder Stilart und verzichtete damit fürs erste auf

die Beteiligung an Kämpfen mit seinen eigenen Leuten. Er schlug auf

dem schönen Fest des "Delphin" dessen besten Schulschwimmer im

Brustschwimmen über 150 Meter; er holte sich ein Diplom in

Reinickendorf und einen Ehrenpreis in Halensee. Und er erlebte einen

anderen, in seiner Art merkwürdigen Triumph. Er erreichte auf dem

diesjährigen großen Verbandsschwimmen im Kochsee, auf dem er zu dem

großen 500-Meter-Schwimmen um den Hauptpreis nicht gemeldet war, da

diesmal die abmahnenden Stimmen seines Klubs, die vor allzu hastigem

Vorgehen warnten, im Übergewicht gewesen waren, er erreichte auf

diesem Fest im Juniorenschwimmen über dieselbe Strecke, bei dem er

natürlich startete, eine Zeit, die so nahe an die des Siegers im

Hauptschwimmen heranreichte, daß alle Gegner schweigen und denen

recht geben mußten, die schon für dieses Jahr ungestüm eine

Beteiligung Franz Felders an ersten Konkurrenzen gefordert hatten.--

Das war auch ein Sieg, und nicht der schlechteste!

Dazu kamen noch in diesem Sommer seine ersten Reisen. Sie wurden über

den Sonntag gemacht, da er zur festgesetzten Zeit wieder bei seiner

Arbeit sein mußte. Im Fluge hin, im Fluge zurück; oft im Morgengrauen

zur Bahn, eine lange Fahrt, ein hastiger Sieg, ein Telegramm an den

Klub, und schon wieder zum Bahnhof zurück... Nur einmal konnte er ein

paar Tage Urlaub benutzen, um nach Stuttgart zu gehen, wo er zwei

Tage blieb. Auf diesen seinen ersten Reisen, die mehr Ausflüge waren,

unternommen auf Kosten seines Klubs und stets in Begleitung

irgendeines Kameraden, kam er nacheinander nach Magdeburg, Hamburg

und Stuttgart und im Spätherbst nochmals nach Hamburg, wo er den

schönsten aller seiner bisherigen Siege errang: in dem deutschen

Schulschwimmen einen Ehrenkranz mit Gravierung für ein tadellos

durchgeführtes Brustschwimmen von hundert Metern gegen und hundert

Metern mit dem Strom, bei dem die Art des Schwimmens, nicht nur die

Schnelligkeit gewertet wurde. In Stuttgart holte er sich den zweiten

Preis im Wettschwimmen über einhundert Meter, in Magdeburg den ersten

im Hindernisschwimmen: ein in seiner künstlerischen Ausführung

wirklich wertvolles Diplom.

Und dann hatte sich Felder im folgenden Winter in seiner

Meisterschaft von Berlin im Schwimmerbund über die kurze Strecke zu

behaupten: diesmal gegen Wenzel vom "Poseidon" und die besten

Berliner Schwimmer, und er tat es in einer Weise, die deutlich

zeigte, welche Sicherheit ihm bereits die sommerlichen Siege

verliehen hatten--er schwamm die kurze Strecke nicht nur in reinstem

spanischem Stil und verbesserte seine eigene Zeit gegen das Vorjahr

nicht nur um fast drei Sekunden, sondern er schlug den gefürchtetsten

Gegner, der alles daran setzte, die verlorene Meisterschaft wieder zu

gewinnen, um eine ganze Sekunde.

Zum zweiten Male war er Meister von Berlin geworden. Kaum war ein

kurzes Jahr vergangen, und doch: welcher Unterschied zwischen heute

und damals!

Als er--umstanden von seinen jungen und alten Klubfreunden--sein

Trikot überzog und der immer behäbiger werdende Brüning den anderen

in seiner spöttisch-gutmütigen Art erzählte, wie sie ihn damals vom

Sofa aufgeweckt und den Mutlosen in einer Droschke hierher gebracht,

dachte Felder selbst einen Augenblick an die trübe, einsame

Viertelstunde, in der er hier allein niedergedrückt bei dem grauen

Zwielicht eines trüben Wintertages gesessen, fast verzweifelnd an

sich und seiner Zukunft.

Heute zweifelte er nicht mehr. Er dachte überhaupt wenig mehr an

Siegen und Unterliegen. Die heitere Zuversicht der Ruhe, erworben in

so manchen ernsten Kämpfen des letzten Jahres, war über ihn gekommen,

und kaum ließ die Erwartung jetzt sein Herz höher schlagen, wenn ein

neuer Sieg ihn reizte. Er wußte, er tat, was er konnte, und er tat es

in erster Linie für seinen geliebten Klub. Er hatte ihm bereits Ehre

gemacht. Er wußte es, und er war stolz darauf. Als das Diplom des

Bundesschwimmens, das seinen Namen trug, in dem alten, gemütlichen

Klubzimmer der Lindenstraße, wo der Klub nun schon seit fast einem

Jahrzehnt tagte, dieser Stätte so zahlreicher, erregter Debatten, so

zahlloser freudiger und gehobener Stunden, zwischen der Unmenge

Ehrengeschenke und Urkunden vergangener Tage seinen Platz fand, wich

zum ersten Male recht eigentlich das Gefühl einer gewissen Fremdheit,

das ihn nie ganz verlassen hatte, von ihm: denn jetzt hatte der

Arbeitersohn aus dem Osten angefangen, seine Schuldzurückzuzahlen,

und man brauchte es nicht mehr zu bereuen, den armen Jungen unter

sich aufgenommen zu haben. Und er schwur sich damals und viele Male

später, immer und immer wieder zu: ganz und bis aufs letzte die in

seinen Augen so unermeßliche Schuld zurückzuzahlen, und vielleicht

nicht nur das, sondern dem "S.-C. B. 1879" mit Zinsen und

Zinseszinsen zu vergelten, was er an ihm getan.

Daher freute er sich an jedem seiner Erfolge, nicht nur für sich,

sondern auch für seinen Klub mit. Und so glücklich er auch war, einen

Preis nach Hause tragen zu dürfen und die Ehrenzeichen und Medaillen

auf seiner Brust sich vermehren zu sehen--lieber war es ihm doch noch

und größer seine Siegerfreude, wenn er seine Preise in den Besitz des

Klubs übergehen und dort die Wand zieren sah, während ihm selbst nur

eine einfache Urkunde--gewissermaßen als Bestätigung--zuteil wurde.

So rein und ehrlich war seine Freude, daß er fast noch keine Neider

hatte, wenigstens nicht unter seinen Leuten. Er war noch ganz der,

als den sie ihn damals aufgenommen hatten, wenn er auch äußerlich ein

junger, eleganter Mann geworden war, der es lernte, Wert auf sein

Äußeres zu legen. Auf seinen Lippen zeigte sich der erste Flaum, aber

sein Körper--obwohl Felder auch im letzten Jahre tüchtig in die Höhe

geschossen war--zeigte noch immer die unentwickelte Formen des

Knaben, und wenn er an den Start ging, verschwand seine Gestalt fast

neben denen der anderen. Wer ihn nicht kannte, prophezeite ihm vor

seinen meist voll entwickelten, muskulösen Gegner sicher nicht den

Sieg, bis er ihn mit kurzen und sicheren Schlägen das Wasser teilen

und den schmächtigen Schwimmer schnell allen vorauseilen sah.

Diese Liebe zu seinem Klub, diese fast kindliche Freude an seinen

ersten Triumphen, diese so bescheidene und doch selbstbewußte

Zurückhaltung und Ruhe, die Felder eigen war, erhöhte seine

Beliebtheit im Klub von Tag zu Tag; und wann immer er kam, woran er

auch teilnahm, stets war er gern gesehen und fühlte sich mehr und

mehr heimisch in diesem Leben, das mehr als je fast jede seiner nicht

der Tagesarbeit gewidmeten Stunden in Anspruch nahm. Noch immer waren

und blieben die besten seiner Freunde die alten: Nagel, der treue und

ernste Berater; Brüning, dessen ausgesprochener Schützling er blieb

und der, so oft er nur konnte, den Unerfahrenen auf seinen Reisen

begleitete und natürlich stets alles zahlte; und Koepke, der

Unzertrennliche, sein Schatten, der bei jedem neuen Siege von neuem

aus dem Häuschen geriet und ihm Erfolge voraussagte, über die Felder

selbst einstweilen nur lächelte. Aber auch an manchen anderen

Klubgenossen hatte er wahre und aufrichtige Freunde, die verlernt

hatten, sich an seiner Schwerfälligkeit und Wortkargheit zu stoßen

und ihm näher standen, als Felder es selbst wußte.

Und noch eines trug dazu bei, seine Beliebtheit zu erhöhen: trotz

seiner erstaunlichen Fortschritte und der in Anbetracht seiner Jugend

außergewöhnlichen Siege drängte er sich doch nie zu den Konkurrenzen,

und immer war es der freie Entschluß seines Klubs, der ihn--vor der

von Brüning und einigen anderen gelenkten Majorität sich beugend--

hinaussandte. So ließ er sich ruhig mitnehmen in die fremden Städte,

überwand schnell das anfängliche Unbehagen der hastigen und

überstürzten Fahrten, und tat sein Bestes, sich für die Kämpfe

möglichst frisch zu erhalten, indem er geduldig die Ratschläge seiner

Begleiter über sich ergehen ließ und aß und schlief, wenn diese es

für nötig erachteten, und nicht, wenn er hungrig und müde war. Die

Reisen selbst interessierten ihn wenig: er sah wohl hier und da eine

Sehenswürdigkeit der fremden Stadt, wenn es zufällig eine freie

Zwischenstunde erlaubte, auch machte das neue und bunte Hafenleben

Hamburgs einigen Eindruck auf den Binnenländer, aber im allgemeinen

drehten sich seine Erinnerungen an diese Reisen doch nur um

deren Zweck und Ziel: um die Wettläufe am Nachmittag und die

Preisverteilung am Abend, und die glichen sich alle mehr oder minder,

mochte es nun in Hamburg sein oder in Stuttgart oder Berlin.

Aus diesem Jahre, vielleicht dem glücklichsten seines kurzen Lebens,

stammte eine Photographie, auf der er sich zum ersten Male bildlich

im Schmucke seiner Siegeszeichen zeigte. Die kleine, braune

Rettungsmedaille war fast nicht mehr sichtbar unter den sechs bis

sieben großen Silbermünzen, die bereits eine ganze Reihe auf der

linken Brustseite bildeten; und um den Hals trug der junge Meister

bereits das breite Band mit der kleinen, vergoldeten Medaille, das in

leuchtenden Buchstaben den frühen Ruhm seines Trägers verkündete.

Als der "Welt-Sport", das berühmte und angesehenste Sportblatt der

ganzen Welt, Felder um sein Bild bat und es zu Ende dieses Winters

seinen Lesern zeigte, schrieb es dazu:

"Wenn wir heute--entgegen unserer sonstigen Gewohnheit--unseren

Lesern das Bild eines jungen Schwimmers zeigen, dessen Name, obwohl

bereits rühmlich bekannt in seinen Kreisen, doch noch keine

eigentlich nationale Geltung erlangt hat, so tun wir es in der

sicheren Überzeugung, daß der Name Franz Felder eines, vielleicht

nicht einmal fernen Tages über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus

genannt werden wird. Was uns zu diesem Ausspruch treibt, sind nicht

so sehr die in Anbetracht seiner Jugend allerdings außergewöhnlichen

Leistungen und staunenswert schnellen Fortschritte dieses Schwimmers,

sondern vor allem die Beobachtung der ganz nur auf ein Ziel

gerichteten Energie dieses jungen Mannes, mit der er von früh auf

sich selbst gesteckte Ziele rastlos und unbekümmert zu verfolgen

scheint... Wir wüßten unter allen deutschen Schwimmern der jüngeren

Generation keinen, der uns so zu den höchsten Hoffnungen berechtigt

erscheint, wie Franz Felder, der Meister von Berlin über die kurze

Strecke der letzten beiden Jahre..."

Als an einem Sitzungsabend des Klubs die Nummer herumgereicht und von

allen Seiten mit launigen und spöttischen Bemerkungen über den

Schreiber begleitet wurde, war es wieder nur Nagel, der ernst blieb.

Indem er verstohlen das Bild mit dem ihm seit Jahren bekannten

Gesicht verglich und Zug für Zug hier wiederfand, was er dort

so gut kannte: die niedrige, trotzige Stirn, den Mund mit den

ausdrucksvollen, gewölbten Lippen, das energische Kinn und die oft so

unnatürlich ernsthaft blickenden blauen Augen mit den scharf

gezogenen Brauen darüber--da mußte er innerlich dem gewiegten und in

allen Lebenssätteln gerechten Menschenkenner des großen Sportsblattes

recht geben und seiner Beobachtungsgabe Bewunderung zollen. Aber was

jenen, den gleichgültigen Kritiker, so zu überschwänglichen

Prophezeiungen begeisterte, erfüllte ihn mit heimlich-banger Sorge um

seinen Schützling.

Er sprach nicht aus, was er dachte. Man würde ihn mitverlacht haben.

Denn für die meisten anderen lag alles dies, was er in diesem

Augenblick in voller Schärfe sah, noch verborgen unter der Weichheit

der Jugend, die in diesen Zügen noch nichts Hartes hervortreten ließ,

und gerade in dieser Stunde, in diesem lustigen Kreise, unter diesen

ihm so vertrauten und lieben Menschen, kam alles, was in Felders

Natur an unbekümmerter Fröhlichkeit, an sich und anderen vertrauender

Güte und natürlicher Liebenswürdigkeit lag, hervor. Mit den anderen

lachte er über die Überschwänglichkeiten des Reporters, denn wenn je

in ihm die Stimme des Ehrgeizes geschwiegen hatte, so rat sie es

jetzt. Seine ersten Siege hatten ihn beruhigt. Wenn es so leicht war,

zu siegen--nun, dann wollte er noch oft siegen. Aber wozu darüber

nachdenken?--Das würde alles schon kommen, wie es kommen sollte. Für

ihn war die Hauptsache, daß er seinem Klub Ehre und Freude machte.

Hier hatte er die Heimat seiner knabenhaften Wünsche gefunden, und

hier wollte er bleiben. Sein Klub würde ihn leiten und ihm sagen, wie

weit er zu gehen, wo er stehen zu bleiben hatte. Er vertraute sich

ihm ganz.

Er war ganz ruhig, ganz sicher, ganz glücklich.

Er hatte ein großes Vertrauen in seine Kraft gewonnen. Denn er fühlte

sie wachsen von Tag zu Tag, von Tag zu Tag!

9

Sie waren eine glückliche Zeit für den jungen Schwimmer--die Jahre

dieses rapiden, sicheren und doch nicht überhasteten Aufstiegs.

Aber nie schien ein Sommer in Franz Felders Leben so voll Sonne zu

werden wie dieser nächste, der seines achtzehnten Lebensjahres, in

dem er seine Lehrzeit beendete und in dem er in einer Fülle anderer

erstklassiger Siege, die sich Schlag auf Schlag in fast

beängstigender Schnelle folgten, auch seine erste, ganz große

Meisterschaft und mit ihr die große goldene Medaille erfocht: die

Jahresmeisterschaft von Deutschland über die große Strecke von

tausend Metern--den schönsten und reinsten aller seiner bisherigen

Siege.

Der Wunsch, sich an diesem höchsten Wettkampf zu beteiligen, um den

alle ersten Schwimmer Deutschlands Jahr für Jahr mit ihrem besten

Können rangen, hatte lange in ihm gelegen, bevor er sich

hervortraute. Die kurze Strecke, über die er sich Meister fühlte,

reizte ihn schon nicht mehr. So kam es, daß er sich mehr und mehr auf

die langen Strecken legte und im Frühjahr dieses Jahres wochenlang

überhaupt nur noch über tausend Meter trainierte, bis er auch hier

Zeiten erreichte, die sich kühnlich neben anderen sehen lassen

konnten. Aus dem unübertrefflichen Flieger war ein ausgezeichneter

Steher geworden. Als daher die Beratungen über die jährliche

Beteiligung begannen, konnten die schwachen und vereinzelten Einwände

meist älterer Mitglieder gegen ihn nur seiner Jugend gelten, und sie

wurden von dem allgemeinen lebhaften Verlangen des Klubs nach neuen

und größeren Siegen auf neuem Gebiet glatt überstimmt.

Das große Schwimmen des "Allgemeinen Deutschen Schwimmverbandes"

sollte in diesem Jahre besonders großartig ausgestaltet werden, jede

Art von Konkurrenz im Schwimmen, Springen und Tauchen umfassen und

sich über zwei ganze Tage erstrecken, einen Sonnabend und einen

Sonntag im Juli. Als Ort war diesmal Grünau gewählt, der allbekannte

Sportplatz an der Dahme, der "wendischen Spree", dem Heim der großen

Regatten. Seit Jahren waren keine zahlreicheren und bedeutsameren

Meldungen aus allen Orten Deutschlands eingetroffen, und die gesamte

Schwimmwelt blickte den entscheidenden Tagen mit außergewöhnlicher

Spannung entgegen. Der "Schwimmklub Berlin 1879" hatte neben Felder,

der am ersten Tage in einem 200-Meter-Schwimmen, am zweiten sich an

dem großen Schwimmen beteiligen sollte, seinen ausgezeichneten

Springer, Grafenberger, und zu den kleineren Wettkämpfen mehrere

verheißungsvolle Kräfte gemeldet, so daß er schon nach der Zahl

seiner Meldungen im Vordergrund des Interesses stand!--

Der Eröffnungstag, der Sonnabend, war nicht vom Wetter begünstigt und

verlief auch sonst unbefriedigend. Grafenberger hatte seinen

schlechten Tag, und sogar Felder holte sich nur einen zweiten Preis,

indem er gegen den Meisterschwimmer Westdeutschlands aus Frankfurt

über die 200-Meter-Strecke unterlag. Man trennte sich unter

strömendem Regen früh, um sich zu dem Haupttage durch ausgiebigen

Schlaf zu rüsten.

Um so zahlreicher und auserlesener war am Sonntag die Zuschauermenge,

die in dichten Reihen die Holzbänke an dem sanft aufsteigenden Ufer

zu vielen Hunderten schon vor der angesetzten dritten Stunde des

Beginnes besetzt hielt, während von einem wolkenlosen, blauen Himmel

die Sonne in vollster Pracht auf Wasser, Wälder und sie, die

Menschen, herniederstrahlte.

Fast alles, was in der Welt des Schwimmsports einen Namen hatte, war

vertreten. Man sah mehr bunte Mützen und Farben als je zuvor, und aus

der Zahl der Zuschauer und der Vertreter und Deputierten öffentlicher

Behörden konnte man ersehen, welchen Aufschwung das Schwimmwesen in

den letzten Jahren genommen und wie sehr es an Interesse in weiteren

Kreisen gewonnen haben mußte.

Von Anfang an wurden alle Rennen mit allgemeinster Aufmerksamkeit

verfolgt, und selbst solche, die sonst nur Ermüdung und Langeweile

bei den Zuschauern hervorzurufen pflegten, wurden mit Beifall

begleitet.

Als dann aber das Hauptschwimmen kam, als die schlanke, ebenmäßige

Gestalt Felders die Flut mit der Regelmäßigkeit und Kraft eines

Dampfers durchschnitt, als er erst den bestaunten Koloß der

Hamburger, dann den Meister der langen Strecke von Süddeutschland,

endlich in der letzten Länge auch den bisher als unbesieglich

geltenden Karl Becker, den Sieger des Vorjahres, hinter sich ließ und

vor allem ebenso ruhig aus dem Wasser stieg, wie er hineingegangen

war, da löste sich die aufs höchste gestiegene Spannung in einem

nicht endenwollenden Jubel. Es war ein Sieg, so rein und schön

erfochten, daß jedes Mäkeln und Deuteln vor ihm verstummte; und so

einfach und ungezwungen war die Haltung des Siegers (als habe er das

Selbstverständlichste der Welt getan), daß man nicht anders konnte,

als ihn bewundern und lieben zu gleicher Zeit.

Felder konnte sich vor den Beglückwünschungen kaum retten. Da es ihm

bei seiner Schwerfälligkeit noch immer lästig war, vor so vielen

fremden Menschen Rede und Antwort zu stehen, suchte er sich ihnen

möglichst bald zu entziehen. Heute hatte er einen guten Grund.

Seine ganze Familie hatte heute ausnahmsweise "nach Grünau

hinausgemacht", um "einmal zu sehen, auf welche Weise er denn zu all

diesen schönen Geschenken und den Medaillen käme". Franz hatte zuerst

protestiert. Was fiel ihnen plötzlich ein?--Er wollte sie nicht da

haben. Sie sollten ihre eigenen Wege gehen, wie er die seinen ging.

Aber er konnte ihnen schließlich nicht verbieten, unter den

Zuschauern zu sein und zuzusehen. So hatte er ihnen denn möglichst

gute Plätze verschaffe und im benachbarten Restaurant einen großen

Tisch am Wasser belegt. "Einen recht großen, denn es würden noch

mehrere dabei sein", meinte sein Vater.

Jetzt kam ihm diese ganze Familiengeschichte gerade recht, um sich

auf eine Stunde den anderen zu entziehen. Auch war er ganz zufrieden,

daß die Seinen nun endlich einmal gesehen hatten, was aus ihm

geworden war, wenn sie auch nicht viel davon verstanden. Denn mehr

als je zerfielen für ihn die Menschen in die zwei Klassen: in die,

die schwimmen konnten, und in die, die es nicht konnten...

Als er--die Brust bedeckt mit seinen Siegeszeichen--an den Tisch

trat, fand er auch bereits seine Familie fast vollzählig vor: die

Geschwister, verheiratete und unverheiratete, waren da, die Kinder

der ersteren und andere Verwandte. Außerdem befreundete Familien, von

denen er nur einzelne Mitglieder kannte--alle bunt durcheinander.

Man hatte ihm einen Ehrenplatz oben am Tische aufgehoben. Er sah sich

flüchtig um. Zu seiner Linken saß ein junges Mädchen, das ihm fremd

war, zur Rechten seine alte Mutter. Ein paar Plätze von ihm entfernt

machte sich ein beleibter Herr mit einer mächtigen Bowle zu schaffen.

Überall bekannte Gesichter.

Franz nickte seiner Mutter zu.

Mit einem schwachen und seltenen Versuch, zu scherzen (sein neuer

Sieg hatte ihm Mut gemacht) meinte er:

--Na, Mutter, heute ging es ja noch mal gut; aber das nächste Mal

ertrinke ich dann sicher.--Die alte Frau glaubte nämlich noch immer,

ihr Franz müsse eines schönen Tages seinen Tod im Wasser finden. Ins

Wasser gehen bedeutete für sie, sich ganz unnötigerweise einer Gefahr

aussetzen; und wenn sie in letzter Zeit auch begriff, weshalb ihr

Sohn das tat--denn er brachte doch die schönen Preise nach Hause--so

war sie doch immer noch nicht aller Sorge ledig. So antwortete sie

denn nur:

--Wenn du auch schwimmen kannst, ertrinken kannst du doch!...

Man lachte sehr über ihre Antwort, und Franz lachte mit, obwohl er

sich ein wenig über das Unverständnis der alten Frau ärgerte.

Da hörte er sich plötzlich von links her angesprochen:

--Kennen Sie mich denn wirklich nicht mehr, Herr Felder?--

Er sah seine Nachbarin überrascht an. Schon als er sich setzte, war

sie ihm aufgefallen, und er hatte gedacht, wer sie wohl sei. Sie war

noch ganz jung, etwa in seinem Alter, und sehr elegant gekleidet: ein

weißes Sommerkleid mit rotem Besatz, ein großer Strohhut, blonde

Haare und ein Stumpfnäschen, sehr hübsch und schon recht

selbstbewußt--so kam sie ihm vor. Er sah ihr nun gerade ins Gesicht;

dann sagte er aufs Geratewohl:

--Aber gewiß, Fräulein, voriges Jahr auf dem Bundesfest...

Er hatte sie nie gesehen. Es kam überhaupt selten vor, daß er mit

Damen sprach. Höchstens auf den Vereinsvergnügungen oder auf den

Schwimmfesten, wo er von den Damen, die den Sieger in der Nähe sehen

wollten, zum Tanze geholt wurde, machte er eine flüchtige

Bekanntschaft.

Sie lachte laut.

--Nein, sagte sie, es ist viel länger her...

--Viel länger her?--

Er wußte nicht, was sie meinte. Er wußte es wirklich nicht, soviel er

sie auch ansah.

Sie lachte noch immer; dann kam sie ihm zu Hilfe.

--Na, wir haben doch immer zusammen gespielt, als wir noch Kinder

waren. Wissen Sie denn nicht mehr, in der Fruchtstraße, im Hof, da

wohnten wir doch. Vatern gehörte doch dazumalen das Haus...

Ja, jetzt erinnerte er sich dunkel, aber auch nur ganz dunkel. So

oft, wie sie sagte, "immer", konnten sie übrigens nicht zusammen

gespielt haben, denn er war doch meist fort gewesen, am Wasser. Aber

daß sie sich als Kinder gekannt hatten, war schon richtig, denn er

erinnerte sich jetzt sogar ihres Namens: Elise Heinecke.

--Na, Sie hätte ich aber nicht wiedererkannt, Fräulein Heinecke!

--Ja, glauben Sie, ich Sie?--Aber als wir neulich Ihren Namen im

"Morgenblatt" lasen, meinte Vater, ob das wohl dieselben Felders

sind, die dazumal in der Fruchtstraße bei uns gewohnt haben; und da

er doch alles kennt, ist er denn gleich zu dem Herrn Faßbender, was

doch der Vorsitzende von Ihrem Verein ist, gegangen, und der hat ihm

gesagt, wenn wir uns überzeugen wollten, brauchten wir nur heute nach

Grünau zu machen, da würden wir Sie schon in Ihrem Glänze sehen.

"Machen wir!" sagte Vater, und auf dem Bahnhof haben wir denn auch

gleich Ihre Eltern getroffen. Nein, können Sie aber schwimmen!

Die letzte Bemerkung machte Franz warm. Überhaupt, er wußte nicht,

was es war, aber sie gefiel ihm ausnehmend. Es war so leicht, sich

mit ihr zu unterhalten. Sie fragte und verstand immer Dinge zu

fragen, auf welche er Antwort zu geben wußte. Und wenn er keine gab,

so sprach sie gleich weiter und nahm es nicht weiter übel.

Das Schwimmen war vorüber, und der große Garten füllte sich bis auf

den letzten Platz mit Sportsfreunden und Zuschauern. Überall an den

Tischen gruppierten sich die durstigen Mitglieder der vielen Vereine

und ihre zahlreichen Angehörigen. Ganz dicht am Wasser an der anderen

Seite hatte sich der S.-C. B. 1879--heute der Mittelpunkt aller

anderen--einen langen Tisch reserviert.

Als Felder, bereits von allen Seiten vermißt, von seinen Leuten

gefunden und fortgeholt wurde, war er erstaunt, zu hören, wie

schnell die Zeit vergangen war. Er mußte versprechen, nach der

Preisverteilung wiederzukommen, um teil an der Bowle zu nehmen, und

der alte Heinecke, stolz auf sein gelungenes Werk, sagte ihm

mindestens dreimal, sie sei nur ihm zu Ehren angesetzt. Wichtiger

aber war für Franz, was auch die Tochter sagte, als er ging: "Ja,

Herr Felder, kommen Sie bald wieder. Sie müssen mir noch viel über

Ihre Siege erzählen."

Er dachte an sie, als er unter seinen Freunden saß, und zum ersten

Male, solange er denken konnte, hätte er eine andere Gesellschaft als

die seines Klubs vorgezogen, und immer wieder blickte er nach dem

Tische hinüber, von wo ein weißes Kleid wie grüßend zu ihm

herüberschimmerte.

Als jedoch die Preisverteilung in dem großen Saale des Restaurants

stattfand, als er aus den Händen des ersten Verbandsvorsitzenden die

schöne große Medaille von Gold erhielt und ihm das breite,

dreifarbige Band, an dem sie hing, um den Hals gelegt wurde, als an

sein Ohr die Worte schlugen, die ihm galten--: "Wohl noch nie ist ein

Sieg, wie der heutige, von einer so jungen Kraft errungen worden. Was

aber seinen Wert noch erhöht, ist die tadellose Art, in der er

gewonnen wurde. Indem ich Ihnen, Herr Franz Felder, daher hiermit den

großen Preis Ihres Sieges, den von allen deutschen Schwimmern am

heißesten begehrten, überreiche, kann ich keinem anderen Wunsche

Ausdruck geben als dem: Möchten alle Ihre künftigen Siege, mein

junger Meister von Deutschland, so rein und schön sein wie dieser

heutige..."--als diese Worte an Felders Ohr klangen und ihn dann

wieder der ungezügelte Jubel des ganzen Saales umtoste, da hatte er

alles, alles in der Welt vergessen, bis auf seinen geliebten Sport,

und nur ein Wunsch, eine Sehnsucht hielt ihn wieder gefangen: sich

immer würdig zu zeigen der hohen und großen Ehre dieses Tages.

So sehr hatten ihn die einfachen, warmen Worte des alten Herrn

ergriffen, daß er lange Zeit brauchte, um sich zu sammeln. Jeder

wollte mit ihm sprechen, jeder ihn und sein Ehrenzeichen sehen. Man

zog ihn an diesen Tisch und an jenen, überall wurden ihm offene Hände

und gefüllte Gläser entgegengestreckt; er mußte antworten, anstoßen

und mittrinken, und als er sich endlich seines Versprechens erinnerte

und an den Tisch zurückkehrte, wo ihn die Bowle, seine Familie und

ein junges Mädchen erwarteten, da begannen bereits die ersten

Schatten des Abends zu fallen. Wie er sie wiedersah, war er gleich

wieder in dem Bann dieser braunen, lustigen Augen. Er nahm die

Glückwünsche seiner Familie und eine lange, schwülstige Rede des

dicken Hausbesitzers hin, weil es so sein mußte, aber er sprach fast

nur mit ihr.

Sie schmollte erst ein wenig mit ihm, daß er nicht eher gekommen war,

aber sie begriff doch, daß er an einem solchen Tage viele

Verpflichtungen habe; denn wenn sie auch, wie sie lachend meinte,

wohl seine älteste Bekannte hier im Garten sei, so kannten ihn doch

alle anderen besser als sie. Sie erzählte ihm, wie sie im Saale

gewesen sei und ganz dicht bei der Tribüne gestanden habe, so daß sie

jedes Wort gehört habe. Sie bewunderte nach Gebühr seine neue

Medaille und las Wort für Wort die Inschrift auf dem Bande, wobei sie

es, wie liebkosend, durch die Hand gleiten ließ. Dann kam sie auf die

vorhin unterbrochenen Erklärungen seiner anderen Preise zurück, und

von neuem mußte Franz ihr Herkunft und Bedeutung eines jeden

erklären. So erfuhr sie von allem, was seinem Leben bisher Inhalt und

Wert gegeben, und es schien sie aufrichtig zu interessieren, so daß

sich Felder sagte: das ist nicht nur ein schönes, sondern auch ein

kluges Mädchen.

Später gingen sie miteinander durch den Garten, und wieder stellte

sie Fragen, die zu beantworten ihm Freude machte. Sie wollte wissen,

wer die an diesem und die an jenem Tische waren, ob es befreundete

oder fernstehende Vereine waren. Sie fragte nach den Namen von

solchen, deren Brust sie, wie die seine, mit Preisen bedeckt sah.--

Waren es Springer oder Schwimmer, wie er?--Hatte er schon mit ihnen

gekämpft und hatte er sie geschlagen?

Es machte ihr offenbar Freude, so an seiner Seite durch die Reihen

der Tische zu gehen, zu sehen, wie Felder überall von Grüßen und

Zurufen begleitet wurde, und dabei mit angesehen zu werden.

In demselben Saale, in dem die Preisverteilung stattgefunden, wurde

jetzt getanzt. Als sie hörte, daß er zwar etwas tanze, sich aber

nichts daraus mache, meinte sie auch, es könne kein besonderes

Vergnügen sein, in dem heißen und überfüllten Räume sich

herumzudrehen, wo es doch draußen jetzt so schön kühl geworden sei.

Die Bowle war fast geleert, und überall im Garten brannten die

Lichter, als sie von ihrem Rundgang an ihren Tisch zurückkehrten. Man

war natürlich wieder dagewesen und hatte nach Franz gefragt. Die

alten Leute waren müde geworden und wollten nach Hause. Die Kinder

schliefen schon zum Teil, und man brach auf, da man dem kolossalen

Gedränge der letzten Züge und der Gefahr, überhaupt nicht mehr

mitzukommen, entgehen wollte. So brach die ganze Gesellschaft

zusammen auf. Franz wollte sie noch bis zum Bahnhof begleiten, bevor

er sich endlich wieder zu seinen Kameraden gesellte.

Man ging in einer langen Reihe durch den Kiefernforst zu der etwa

zehn Minuten entfernten Station.

Es kam wie von selbst, daß der junge Mann und das junge Mädchen die

letzten wurden.

Als die Lichter der Häuser in Grünau hinter ihnen lagen, umgab sie

die Dunkelheit des Waldes, und sie konnten nur noch die Zurufe der

vor ihnen Gehenden hören, ohne die Gestalten mehr recht zu

unterscheiden.

Die beiden gingen dicht nebeneinander, so schmal war der Weg.

Unsicher über seine Richtung in dem tiefen Dunkel unter dem dichten

Nadelholz, kam es, daß sie sich berührten, wenn sie ihn mit ihren

Schritten suchten. Sie war Stumm geworden, und er, nicht mehr von ihr

gefragt, wußte nicht, was er sagen sollte. Sie mußten ziemlich weit

zurückgeblieben sein, denn das Sprechen und das Gelächter der Ihren

tönte zu ihnen zurück wie aus weiter Ferne.

Wieder stießen sie in der Dunkelheit aneinander, und er hörte, wie

sie lachte. Ihr Lachen machte ihm Mut, und er fragte:

--Soll ich Ihnen nicht meinen Arm geben, Fräulein? Sie werden sonst

noch fallen.

--Nehmen Sie mich bei der Hand, gab sie zur Antwort, und er fühlte

ihre weichen, warmen Finger in den seinen. Und dann--wie es kam,

wußte er nicht--blieben sie beide stehen. Er legte seinen Arm um ihre

Taille und beugte sich nieder, um sie zu küssen. Er stieß erst gegen

ihren breiten Sommerhut, berührte ihre Wange und küßte sie dann

mitten auf den Mund. Sie hielt ganz still.

Dann sagte sie nur:

--Aber nicht doch, Herr Felder...--

Aber sie ließ seine Hand nicht los, und nach einigen Schritten

blieben sie wieder stehen. Diesmal brauchte er nicht zu suchen, denn

sie hob das Gesicht zu ihm empor, und er küßte sie wieder und wieder

und wieder, und er täuschte sich nicht, wenn er fühlte, wie ihr Mund

seinen Mund immer von neuem suchte.

Endlich aber wich sie von ihm zurück.

--Wir müssen uns eilen, sagte sie hastig und eindringlich, die

anderen müssen schon am Bahnhof sein.

Sie gingen Hand in Hand so schnell wie möglich, aber keines von ihnen

sprach ein Wort. Sie war es, die vorwärts trieb. Bevor sie in die vor

ihnen heller und heller aufleuchtenden Lichter hinaustraten, suchte

er sie noch einmal an der Hand zurückzuhalten. Aber sie sagte:

--Nein, nein. Wir müssen uns eilen.--Und sie gingen weiter.

Sie wurden von der ganzen Gesellschaft gesehen, wie sie aus dem Walde

traten. Sie warteten alle vor dem Bahnhof auf den Abgang des Zuges.

Der alte Heinecke machte ein böses Gesicht und ging auf seine Tochter

zu. Man suchte den Wartesaal auf. Der Zug hatte natürlich Verspätung.

Dort, in der gräßlichen Enge und Hitze des vollgedrängten Raumes,

suchte sich Felder dem Mädchen vergebens noch einmal zu nähern. Nur,

als endlich alle auf den Bahnsteig strömten, gelang es ihm, ihr noch

einige Worte zu sagen:

--Sie werde doch ganz sicher in acht Tagen auf das Kochseefest

kommen?--Vater sei sehr böse, flüsterte sie zurück,--aber sie wolle

sehen... Der Ausdruck ihres Gesichtes erschien ihm ganz verändert,

wie sie an ihm vorbeiging. Alle Freundlichkeit schien aus ihm

geschwunden; es war eine ganz andere als die, welche er noch eben in

seinen Armen gehalten.

Als sie alle in dem bereits überfüllten Zuge untergebracht waren--die

einen hier, die anderen dort, aber alle auseinander gerissen--und er

Eltern und Verwandten Adieu gesagt, suchte er sie noch einmal mit den

Augen. Aber er fand die Abteilung nicht mehr, wo sie eingestiegen

war.

Eilig ging er den Weg zum Garten zurück. Er fühlte sich so leicht und

glücklich wie nie zuvor in seinem Leben.

Als er unter seine Freunde trat, wurde er mit Jubel, aber auch mit

unmutigen Bemerkungen über sein Fernbleiben empfangen.

Ob er wohl lange genug Familie gesimpelt habe?--Und ein anderer rief

über den Tisch hin:

--Laßt ihn, Franz hat eine Braut...--

Felder kümmerte sich um nichts, sondern griff nach einem Glase. Er

war durstig, durstig und glücklich, und er wurde selbst nicht böse,

als ihm ein Dritter in täppischer Vertraulichkeit zuflüsterte:

--Du, die kleine Heinecke mußt du dir festhalten. Der Alte hat

Moneten wie Heu. Zwei Holzplätze im Norden...

Ob er sich wohl _darum_ gekümmert hatte!--Er wußte nicht einmal, was

der Alte war. Aber das hatte er sich schon gedacht, daß die

Bemerkungen nun nicht ausbleiben konnten.

Ein Übermut ergriff ihn, der ihm sonst ganz fremd war. Er hörte

nicht, was die anderen sagten. Er lachte und trank und ließ sie

reden. Ein schönes Mädchen, ein kluges Mädchen, und wie sie küssen

konnte!...

Es war ein wunderbarer Sommerabend, weich und warm. Die breite

Wasserfläche lag still und schwarz und nur vom anderen Ufer her

blinkten noch einige Lichter.

Die Bänke und Tische wurden leerer und leerer. Aber noch gegen

Mitternacht, als sich der Schwarm verlaufen hatte, kamen an dem

Tische der 79er einige der angesehensten Sportkameraden zusammen, um

unter sich bei einem letzten Glase nochmals den Sieg des heutigen

Tages zu feiern, und unter allen Ehrungen dieses und aller

vorhergehenden Feste war keine schöner und wertvoller für den jungen

Sieger als die einfache und neidlose Bewunderung, die ihm die Besten

ihrer Kunst in dieser späten Stunde darbrachten, indem sie sich zu

ihm gesellten. Wieder wurde er ganz der Schwimmer, der er mit Leib

und Seele war, und wieder fühlte er sich hier, nur hier unter den

Seinen, zu Hause wie sonst nirgends auf der Welt.

Erst als sie lange nach Mitternacht Brünings Motorboot bestiegen und

das sicher gelenkte, elegante Fahrzeug lautlos an den flachen Ufern

vorüberglitt, während sich die Müdigkeit über die in den Ecken

Hockenden und Liegenden breitete, kehrten seine Gedanken noch einmal

zu dem jungen Mädchen zurück, das er heute in seinen Armen gehalten

und das seine Küsse so willfährig und so innig erwidert hatte, und er

konnte in dieser stillen Stunde dem sehnsüchtigen Wunsche nicht

wehren, nur noch einmal wieder diese Lippen mit den seinen zu

berühren, diese weichen Lippen, die so verständnisvoll zu fragen, so

freundlich zu lächeln und so heiß zu küssen verstanden.

10

Acht Tage später schwamm er auf dem Feste des "Deutschen

Wettschwimmkartells".

Zum ersten Male, solange Felder sich an den Kämpfen beteiligte,

waren seine Gedanken nicht ganz und ungeteilt bei seiner Aufgabe,

obwohl es durchaus kein sicheres Schwimmen für ihn war. Es galt einen

vielbegehrten Wanderpreis, der erst nach dreijährigem, Jahr auf Jahr

errungenem Siege in den Besitz des Klubs überging, den Preis der

Stadt Charlottenburg, zum zweiten Male zu gewinnen, und Felder wußte

ganz gut, daß sein großer Sieg des letzten Sonntags die Gegner nur

noch hitziger gemacht hatte. War doch der Sieger des vorletzten

Jahres, Biedermann vom "Ersten Charlottenburger Schwimmklub", unter

seinen Gegnern und brannte darauf, ihm heute den bereits einmal

erstrittenen, dann wieder verlorenen Preis seiner eigenen Stadt

streitig zu machen. Er wußte also gut, daß er sich zusammenzunehmen

hatte.

Aber er konnte nicht so ruhig sein wie sonst. Immer wieder überflog

sein Auge die Menschenmengen, die an dem abgegrenzten Ufer des

Wassers langsam die Zuschauerreihen der Bänke zu füllen begannen,

ohne unter ihnen das weiße Kleid mit dem roten Besatz und den großen

Hut erkennen zu können. Selbst als sein Schwimmen begann, und er an

den Start ging, suchte noch sein Blick in dem dichten Gewühl eine

Gestalt zu unterscheiden, ohne daß es ihm gelang. War sie gekommen,

wie sie versprochen? Oder nicht?

Er dachte immer wieder daran, als er im Wasser lag und die ersten

Längen schwamm. Und so kam es, daß er in der Mitte der vierten

plötzlich dicht vor sich den Charlottenburger und neben sich einen

zweiten Gegner sah, von dem er nicht einmal wußte, wer es war, so

wenig hatte er die Konkurrenzen im Gedächtnis. Ein gewaltiger

Schrecken durchfuhr ihn. Mit mächtigem Schlage ausholend, ließ er den

neben ihm Liegenden hinter sich, erreichte Biedermann, schlug kurz

vor ihm an und glaubte gesiegt zu haben. Aber während er sich ruhig

an dem Balken hielt und den Abstieg suchte, sah er zu seinem

grenzenlosen Erstaunen alle beide, erst den einen, dann auch den

anderen, die neue Länge beginnen--und als es ihm plötzlich klar

wurde, daß er sich um eine ganze Länge geirrt hatte, waren sie ihm

bereits um ein paar Meter voraus und die übrigen teils schon neben

ihm, teils ebenfalls am Ende dieser Länge. Da aber hatte Felder auch

alles andere vergessen, und sich fest auf die Seite legend und tief

Atem holend, sah und dachte er jetzt nur noch eines: sein Ziel!--Wäre

die Länge 75 statt 100 Meter gewesen, es wäre ihm nie möglich

geworden, die so leichtsinnig und nutzlos verlorene Zeit wieder

einzubringen. So aber--und infolge seines ausgezeichneten, nie

versagenden Trainings--dachte er keinen Augenblick daran, den Sieg

schon verloren zu geben; und während die Richter bereits glaubten,

daß er freiwillig ausgesetzt habe, sahen sie ihn jetzt wieder näher

und näher kommen, dann an der Seite des zweiten, gleich darauf an der

des ersten Gegners liegen und endlich in einer fast unglaublichen

Anstrengung dicht vor diesem anschlagen...

Von tosendem Beifall umhallt, von erregten Fragen über das Geschehene

bestürmt, wurde Felder erst jetzt sein unbegreiflicher Irrtum recht

klar. Der Schrecken lag ihm noch in den Gliedern und er hatte sich

vollständig ausgegeben. Er winkte den Freunden ab, die sich um ihn

bemühten, und mußte sich im Ankleideraum sofort setzen, so erschöpft

war er. Als er wieder ruhiger atmete, schämte er sich. Das konnte

ihm, ihm passieren, sich in den Längen zu irren!--Und das alles,

dieses leichtsinnige Aufsspielsetzen eines wenn heute verlorenen,

erst in Jahren wieder einbringbaren Sieges, dies alles nur darum,

weil er nicht aufgepaßt hatte!--weil er an ein kleines Mädchen

dachte, statt an seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit! Er hätte

sich selbst ohrfeigen mögen, so wütend war er.

Er wurde nicht ruhiger, als er Nagel vor sich sah, der ihn heftig

anfuhr:

--Du fängst ja schon an, es dir bequem zu machen. Du paßt wohl

schon nicht mehr auf?--Na, weißt du, so leicht ist die Sache

denn doch nicht, und solche Scherze solltest du einstweilen noch

unterlassen!... Sonst könnten sie doch böse Folgen für uns haben!

Geschwommen hast du natürlich zuletzt wie ein Schwein!--

Felder sagte kein Wort. Er saß da wie ein Schüler, der von seinem

Lehrer bestraft wird.

Er wurde erst ruhiger, als er sich nach dem Ankleiden--er trug heute

einzig und allein die große goldene Medaille seiner Deutschland-

Meisterschaft auf der Brust--unter seine Freunde mischte und die

Erregung wahrnahm, die nach seinem unglaublichen Endspurt unter ihnen

immer noch nachzitterte. Keiner habe auch nur einen Pfennig mehr um

seinen Sieg gegeben, versicherte man ihm, als man ihn in der letzten

Länge so weit hinter Biedermann liegen sah. Ob er mit Absicht

zurückgeblieben sei, um zu zeigen, was er könne?--Ob ein Krampf ihn

befallen habe!--Ob er sich in den Längen verzählt habe?--so

bestürmten ihn die Frager von allen Seiten, bis Felder von neuem

ärgerlich wurde und sie stehen ließ.

Er nahm Koepke auf die Seite. Er möge doch einmal nachsehen, ob der

alte Heinecke mit seiner Tochter nicht da sei, ja?--Und er möge ihm

Bescheid in den Garten bringen. Koepke rannte fort wie ein getreuer

Hund, aber die Antwort, die er nach einer halben Stunde brachte, war

nicht geeignet, Felders Laune aufzubessern. Er habe alle Reihen

durchgesehen, meldete Koepke, aber er habe von den Gesuchten nichts

finden können.

Jetzt war es klar, daß sie nicht gekommen war. Natürlich war der Alte

schuld daran, der sie nicht gelassen hatte. Wie sollte er es jetzt

anfangen, sie so bald wiederzusehen?--

Mißmutig saß er vor seinem Biere in einer Ecke des Gartens und ließ

seine Freunde schwatzen, soviel sie wollten, ohne ihnen zuzuhören.

Mißmutig und noch schweigsamer als sonst blieb er auch den Rest des

Nachmittags. Er wartete nur noch die offizielle Bekanntgabe der

Resultate ab, dann schloß er sich einem Klubfreund an, der früh nach

Hause wollte, da er morgen früh an die Arbeit mußte.

Das einzige, was ihn einigermaßen über seine eigene Dummheit

tröstete, waren ein paar Worte, die Brüning ihm zugerufen, als er im

Garten an ihm vorbeigegangen war: "Menschenskind, du kannst ja viel

mehr, als wir alle wissen und du selber ahnst. Wer das fertig bringt,

was du eben getan hast, der kann sich schon einen Scherz erlauben."

Und er hatte ihm zugenickt und war mit seiner Mätresse fortgefahren.

--Ja, Brüning hatte recht: er konnte weit mehr, als alle und er

selbst es wußten.

Zu Hause warf sich Felder aufs Bett und verschlief die Erinnerung

dieses Unglückstages, wie er ihn nannte, in zehnstündigem Schlaf.

Die ganze nächste Woche nagte es an ihm, daß sie nicht gekommen war.

Im Grunde war es weniger die Sehnsucht, sie wiederzusehen, als eine

gewisse Unruhe, diesem ihm so unbekannten Gefühl ein Ende zu machen,

das ihn für einen Abend, statt zum Schwimmen, in der Nähe ihrer

Wohnung auf und ab gehen ließ, in der Hoffnung, sie ausgehen oder

heimkehren zu sehen und zu sprechen. Nachdem er fast eine Stunde

vergeblich herumgelaufen war, sah er nicht sie, sondern eine ihrer

Freundinnen, die er ebenfalls vom vorigen Sonntag her kannte, aus dem

Hause treten, glücklicherweise allein. Er ließ sie bis zur nächsten

Straßenecke vorausgehen und redete sie dann an. Die kleine Dicke

stieß erst einen erstaunten Schrei aus, als sie Felder erblickte, war

es dann aber gleich selbst, die seinen Fragen zuvorkam.

O, Lieschen hatte sie ja in alles eingeweiht--wie gut es war, daß sie

ihn sah, denn sie habe ja Nachrichten für ihn!--Er habe sie wohl

zufällig gesehen?--Habe er auf Elise hier gewartet?--Nein?--Also: ob

er denn noch gar nicht wisse, daß sie fort sei?--Nein?--Ach, es war

ja eine ganze Geschichte. Der alte Heinecke sei wütend gewesen am

Sonntag vor acht Tagen, darüber, daß sie den ganzen Nachmittag

zusammengesessen hätten, und dann, daß sie im Dunklen im Wald

zurückgeblieben seien. Schon auf der Rückfahrt habe er angefangen--

wenn sie schon daran dachte, würde ihr noch ganz schlecht, so

geschimpft habe der Alte. An einem der nächsten Tage sei sie denn

auch gleich hingegangen, um von Elise zu erfahren, was denn

eigentlich vorgegangen sei. Aber die Freundin habe nur geweint--o so

geweint!--und immer nur gesagt, sie möchte doch so gern am Sonntag

kommen, um ihn noch einmal zu sehen. Als sie aber endlich Mut gefaßt

und ihrem Vater das gesagt habe, da sei die Geschichte von neuem

losgegangen, und um ihr ein Ende zu machen, sei sie noch in derselben

Woche nach Posen geschickt, zu einer Tante, um dort ein Jahr zu

bleiben und die Haushaltung zu erlernen. Sie habe Elise noch vor

ihrer Abreise gesehen, und diese habe ihr ausdrücklich aufgetragen,

doch Herrn Felder noch recht schön zu grüßen und ihm zu sagen, daß er

doch nicht böse sein solle, wenn sie am Sonntag nicht kommen könne,

denn es sei doch nicht möglich, daß daraus etwas würde, und so sei es

denn schon das beste, wenn sie sich fügten und einander vergäßen...

So schwatzte die Dicke darauf los, selig, ihre Wissenschaft

loszuwerden und einen so guten Zuhörer zu haben. Denn Felder ging

neben ihr her, durch die Menschenströme, und erwiderte keine Silbe.

Heute abend sei sie nun oben gewesen--so ging es weiter--um zu sehen,

ob noch kein Brief von Elise da sei. Ja, sie habe schon geschrieben:

es gefalle ihr ganz gut in der Stadt, in der sie jetzt sei, und in

vierzehn Tagen sei ein Ball im Kasino, wo auch Offiziere hinkämen,

und sie habe die Tante gebeten, hingehen zu dürfen, und die Tante

habe es ihr erlaubt... Der Alte sei auch schon ganz beruhigt, und er

habe heute abend sogar gelacht, als er davon sprach daß seine kluge

Elise schon nicht so töricht sei, zu denken, daß "daraus" etwas

Ernsthaftes werden könne denn wenn er--Felder--auch ein vorzüglicher

Schwimmer sei, so seien das doch nur brotlose Künste, und er könne

doch sein einziges Kind nicht einem jungen Menschen versprechen, der

eben erst aus der Lehre sei und keinerlei sichere Zukunft vor sich

habe...

Weiter kam sie nicht. Denn Felder blieb plötzlich stehen und fragte:

--Hat sie Ihnen keinen Brief für mich gegeben?

Nein, keinen Brief. Aber sie habe ihm doch gesagt, daß Elise ihn

recht schön grüßen lasse und es so bedauere...

Dann stand sie wieder allein auf der Straße unter den vorbeieilenden

Menschen. Ihr Begleiter hatte ganz unverhofft seinen Hut gezogen,

ganz kurz guten Abend gewünscht und war verschwunden. Nicht einmal

bis nach Hause brachte er sie!

Felder dachte nicht einmal daran. Was ging ihn die dumme Gans an!--Er

dachte an das Mädchen, das mit ihm erst gespielt und ihn dann so

leichten Herzens--mit einem flüchtigen Grüß--aufgegeben. Aber es war

viel mehr das Gefühl einer erlittenen Beleidigung als das des

Schmerzes, unter dem er in dieser Stunde litt. Daß man ihn, den

Meisterschwimmer von Deutschland, so behandeln konnte, das war es,

was ihn wurmte und einen bitteren Groll in ihm entfachte. Und mehr

als alles hatte ihn das Wort des reichgewordenen Holzhändlers von der

brotlosen Kunst getroffen. Er biß die Lippen aufeinander vor Wut,

wenn er daran dachte, während er die Straße hinunterlief und sich

rücksichtslos durch die Reihen der Fußgänger stieß. Als ob er je

daran gedacht hätte, dieses Mädchen zu heiraten!--Er hatte überhaupt

an nichts gedacht, dieser alte Geldprotz konnte ganz ruhig sein. Das

Mädchen hatte ihm gefallen, am meisten die unverhohlene Bewunderung,

die er in ihren Augen gelesen, und bei deren Blick ihm so warm

geworden war.

Aber ihm geschah ja ganz recht. Warum hatte er seine Leute verlassen

und war an den Tisch gegangen. Was gingen ihn die Frauenzimmer an? Er

hatte sich bis jetzt nicht um sie gekümmert und sie nicht entbehrt,

so würde er wohl auch noch dieses dumme Ding vergessen, um

dessentwillen er heute abend sein Schwimmen versäumte und fast einen

Sieg verloren hätte...

Er sah nach der Uhr. Aber es war schon zu spät. Und mit einer

Bewegung des Ärgers schüttelte er diese ganze dumme Geschichte, die

ihm schon viel zuviel Kopfzerbrechen gemacht hatte, von sich ab und

schlug den Weg nach seinem Klublokal ein, wo er noch den einen oder

anderen seiner Kameraden beim Biere zu finden hoffte...

Von diesem Abend an dachte er nur noch zuweilen an das Mädchen, aber

immer wallte von neuem das Gefühl verletzten Stolzes in ihm auf und

blieb in ihm zurück--wie ein Rest von Bitterkeit allen Frauen

gegenüber.

Mit verstärkter Genugtuung genoß er die zahlreichen Triumphe dieses

Herbstes, von denen fast jeder Sonntag ihm einen neuen einbrachte:

dieser die Odermeisterschaft und mit ihr die große silberne Medaille;

der nächste zum zweiten Male den großen Staatspreis in Hamburg; und

bereits der übernächste den vielumstrittenen Preis im Brustschwimmen,

den die vereinigten westdeutschen Schwimmklubs gaben--einen silbernen

Pokal für seinen Klub, so groß und wertvoll, wie dieser wenige besaß.

Bevor der Winter begann, nahm er sich dann in der Fabrik, in der er

noch ein Jahr nach seiner Lehrzeit bleiben wollte, seinen ersten

achttägigen Urlaub und machte das große Wettschwimmen des "I.

österreichischen Amateur-Schwimmklub Wien" mit, auf dem er am ersten

Tage Anton Riegler, den Meister Österreichs über die kurze Strecke,

zum ersten Male schlagen durfte; und am zweiten den großen Derbypreis

über die lange gegen die Teilnehmer dreier Staaten: Italien,

Osterreich und Deutschland, unter ungeheurer Erwartung aller

beteiligten Kreise, ersiegte.

So griff der junge Meister von Deutschland mit diesen Siegen rasch

und beherzt nach den Lorbeeren des Auslandes, nachdem er die seines

eigenen, weiten Vaterlandes bereits sein eigen nannte.

Die Fahrt nach Wien, seine erste Auslandreise, war zugleich

eigentlich die erste, an der er wirklich Vergnügen empfand. Er machte

sie mit Brüning und zwei anderen Mitgliedern seines Klubs, alten

Freunden und lustigen Brüdern, war Gast in der herrlichen Villa eines

reichen österreichischen Sportfreundes, der sich die Ehre nicht

nehmen lassen wollte, den deutschen Meisterschaftsschwimmer bei sich

zu beherbergen, ließ sich den ganzen Tag und die halbe Nacht durch

alle Vergnügungen der schönen "Kaiserstadt an der Donau" schleppen

und es sich wohl sein unter den leichtlebigen Menschen mit dem

sorgenlosen Wesen und der gemütlichen Sprache. Noch nirgends hatte er

sich so wohl gefühlt wie hier, und als endlich die acht Tage mit

ihren Ausflügen, ihren fröhlichen Mahlzeiten, bei denen es an feschen

Mädchen nie fehlte, ihren Fiakerfahrten, den Ronacherabenden und den

durchjubelten Nächten zu Ende waren, da war er wie betäubt. Neben dem

großen Preise für seinen Klub, dem Ehrenschilde, und den eigenen

Ehren brachte er unvergeßliche Erinnerungen nach Hause, und unter

ihnen war nicht die letzte die an die Liebe, die er ebenfalls in Wien

erst kennen lernen sollte: die reue- und schmerzlose Liebe flüchtiger

Stunden, lachend geboten und ohne Besinnen genossen, erfrischend wie

ein Trank und süß wie eine vollsaftige Frucht.

Berlin kam ihm nüchtern vor, und er brauchte einige Zeit, um sich

wieder an seine eintönige Tagesarbeit zu gewöhnen, nach diesen Tagen,

in denen er geehrt worden war wie ein König und gelebt hatte wie ein

Millionär!...

Der Winter verging stiller. Beim Hauptschwimmen Berlins mußte er

aussetzen. Er war völlig übertrainiert.--Was schadete es? wenn er

sich auch ärgerte. In seiner Brust regten sich neue Wünsche des

Ehrgeizes, und heimliche Träume erzählten ihm von Siegen, die noch

_nicht_ die seinen geworden waren.

11

Wieder ging ein Winter und wieder kam ein Sommer.

Und wie alles in diesen letzten Jahren im Leben Franz Felders nur ein

rastloses Eilen von Erfolg zu Erfolg gewesen war, so kamen mit dem

nächsten Sommer jene Triumphe, die ihn auf eine Höhe führten, über

die hinaus kein Weg mehr ging: neben einer Reihe anderer erster Siege

fiel ihm die der Europameisterschaft zu und mehr als das--er

behauptete diese Meisterschaft auf jener glorreichen Reise nach

England, wo er sie in einem in der Geschichte des Schwimmens einzig

dastehenden Rennen gegen die englischen und australischen Meister

verfocht, die größten und berühmtesten Schwimmer der Welt.

Die Europameisterschaft über die lange Strecke von

eintausendfünfhundert Metern erschwamm er in Grünau auf einem Feste,

das der große deutsche Verband, zu dem jetzt fast alle Schwimmvereine

des Deutschen Reiches gehörten, in Verbindung mit den größten

außerdeutschen Vereinen und Verbänden abhielt, zu dem Schwimmer fast

aller Länder des Kontinents erschienen, und das sich zu einem

Wettschwimmen gestaltete, wie es in diesem Umfang und dieser

Bedeutung in Deutschland überhaupt noch nicht stattgefunden hatte. Es

war nicht nur für Berlin, sondern auch für die gesamte Schwimmerwelt

Deutschlands das große Ereignis des Sommers, hinter dem alle anderen

Veranstaltungen weit zurücktraten. Noch nie hatte man einem Meeting

mit solcher Erwartung entgegengesehen, noch nie hatte die Spannung

eine solch fieberhafte Höhe erreicht...

Einmütigkeit herrschte unter allen Berliner Vereinen, selbst unter

denen, die sonst nie müde werden konnten, sich zu bekämpfen: galt es

doch, Berlin würdig nach außenhin zu vertreten, dem alten Ruhme, seit

Jahren die eigentliche Heimat der Schwimmerei zu sein, keine Schande

zu machen. Daher wurden weder Mühe noch Kosten gescheut, und viele

Wochen vorher begannen die Delegiertenversammlungen, um das lange

Programm der Tage zu durchdenken, und bis in seine letzten

Einzelheiten festzusetzen.

Nie war aber auch die Beteiligung an den Meldungen eine so rege und

so aufregende gewesen. Mit Ausnahme Englands waren solche aus fast

allen Ländern des Kontinents, von Italien bis Schweden, von Holland

bis Osterreich eingelaufen, und fast kein in den letzten Jahren

genannter Name blieb unvertreten: neben den berühmtesten Schwimmern

die ersten Springer, die gekröntesten Mehrkampfmeister Europas.

Natürlich waren im Schwimmen alle größten Hoffnungen auf den Meister

von Deutschland gesetzt. In seinen Händen lag vor allem der Ruhm

Berlins, die Ehre Deutschlands. Wenn er unterlag, so unterlag Berlin;

wenn er nicht siegte, so blieb die Meisterschaft von Deutschland in

den Händen des Auslandes.

Und Felder wußte es wohl!--Es gab keinen, der so überzeugt wie er

selbst von der Wichtigkeit dieses Sieges gewesen wäre. Er fühlte, daß

diesmal andere Dinge auf dem Spiele standen als sein eigener Ruhm und

der seines Klubs, um die er bis jetzt gekämpft. Die Stadt, in der er

geboren war, und sein ganzes Vaterland, das weite deutsche Reich,

sahen auf ihn an diesem Tage. Er konnte ihnen keine Schande machen--

es _durfte_ nicht sein!--

Er trainierte mit beispielloser Ausdauer und Sorgfalt. Da nun auch

das Jahr, das er nach seiner Lehrzeit noch in der Fabrik blieb, zu

Ende war, wollte er mit dem Eintritt in eine neue Stelle warten, bis

das große Ereignis vorüber war. Bei seiner Sparsamkeit hatte er

vermocht, etwas zurückzulegen. Auch standen ihm genug Börsen

wohlhabender Klubfreunde und Verehrer offen, aber Felder war viel zu

stolz, um auch nur das geringste anzunehmen. Er hätte am liebsten

seine Sportreisen selbst bezahlt, aber das konnte er natürlich nicht.

Außerdem war sein Klub reich genug, um Opfer solcher Art nicht von

seinen Mitgliedern erwarten zu brauchen.

Da Felder somit völlig Herr seiner Zeit geworden war, hinderte ihn

nichts in seinem Training. Die Erfahrung des letzten Winters hatte

ihn klug gemacht, und er hütete sich wohl, des Guten zuviel zu tun.

Er hielt sich selbst in strengster Selbstkontrolle und gönnte sich

kein Vergnügen, das über die zehnte Abendstunde währte, wo er

todsicher bereits im Bett lag. Einige fanden seinen Ernst oft

lächerlich; er ließ sie lachen.

Eine Art finsterer Entschlossenheit bemächtigte sich seiner in dieser

letzten Zeit. Er wurde noch wortkarger und verschlossener, als er

sonst schon war. Zugleich schien auch die schöne und sonnige Ruhe,

die nach den Siegen der letzten Jahre über ihn gekommen war und mit

jedem neuen Siege mehr und mehr das Schroffe und abweisend

Insichgekehrte seines Wesens gemildert hatte, von ihm zu weichen. Er

glich jetzt wieder mehr dem armen und unbekannten Knaben von damals,

mit der unjugendlichen Stirn und dem trotzigen Munde, der nichts war

und doch so viel werden wollte, als dem von aller Welt gefeierten

Sieger, der seine kühnsten Träume zur Wirklichkeit geworden sah und

sich in ihrer Erfüllung sonnte.

Und es war ihm in der Tat so, als habe er noch nichts erreicht, als

sei erst dieser Sieg über Europa allein alles Strebens wert, erst die

eigentliche Krönung eines Gebäudes, zu dem alle anderen Erfolge nur

als Stufen führten. Wenn er hier unterlag, er, auf dem die ungeheure

Verantwortlichkeit der Repräsentation eines ganzen, großen Volkes

lag, so war alles andere umsonst gewesen, so--in seinen bereits

überhitzten Gedanken redete er es sich ein--so war nicht nur Berlin,

sondern das ganze deutsche Reich dem Spott des mit dem Preise

davonziehenden Auslandes preisgegeben.

Denn daß es auch einem anderen deutschen Schwimmer glücken könne, den

Preis über "die Fremden" davonzutragen, daran dachte er nicht einmal

--so sehr betrachtete er schon sich selbst als den unbesiegbaren

Meister seines Vaterlandes. Aber er hatte Furcht vor diesen

Ausländern, vor diesen Gegnern, die er nicht kannte, von denen er

sich mit den wenigsten gemessen, über deren Kräfte er nichts

Bestimmtes wußte. Und ein Gefühl der Unruhe und der Angst, hier, auf

seinem eigenen Boden, den er sich gewissermaßen Meter für Meter in

diesen Jahren erkämpft hatte, geschlagen zu werden, ließ nicht von

ihm und verscheuchte jede unbefangene Freude... Es war kein Genuß

mehr, mit ihm zu verkehren und ihn üben zu sehen, und sein

feierlicher Ernst, mit dem er kam und ging, steckte die andern an. Es

war wie in den Tagen vor einer Schlacht...

Er siegte.

In den letzten Tagen wich alle Unruhe wieder von ihm. Eine große

Entschlossenheit leuchtete aus seinen Augen, als müsse er siegen um

jeden Preis. Er wies alles von sich ab, er wollte nichts mehr hören

und sehen von dem, was alle um ihn herum beschäftigte. Was gingen ihn

alle diese fremden Namen und Menschen an--ob er sie kannte oder

nicht, er schwamm darum nicht besser. Er wußte nur eines: daß er

siegen mußte!

Und gleich als wenn die Kraft seiner Muskeln seinem Willen gehorchen

müsse, so geschah, was er wollte.

Er siegte.

Er schlug den berühmten Holländer, den gefürchteten Österreicher, er

schlug den riesigen Norweger, einen Hünen an Gestalt und Kraft, er

schlug die Besten seines eigenen Vaterlandes zum zweiten und dritten

Male, und er siegte über seine eigene Zeit vom Vorjahre mit mehr als

drei Minuten.

Ein unbeschreiblicher Tumult entstand, als er anschlug. Die Zuschauer

rasten.

Seine Freunde erdrückten ihn fast. Völlig Fremde umarmten ihn. Man

trug ihn mehr, als er ging, durch die Reihen von Menschen, die ihre

Plätze verlassen hatten.

Deutschland hatte gesiegt. Und in Deutschland Berlin!--Und diese

kühlen Berliner, so gern stets zu verkleinernder Kritik geneigt und

so abhold jeder Gefühlsüberschwänglichkeit, waren kaum wieder zu

erkennen in dem Jubel und der Freude über den Sieg ihrer Stadt.

Unglaublich, dieser Felder!--hörte man allenthalben, was der will,

das kann er auch.

Und die Begeisterung wollte sich nicht legen...

Am ruhigsten waren noch Felder selbst und--Nagel. Der sagte schon

lange nichts mehr, und nur ein Händedruck zeigte, daß er mitfühlte in

diesem Moment. Bei sich dachte er: Jetzt, jetzt wird es sich zeigen--

daran, wie er diesen Sieg erträgt.--Brüning rannte umher wie besessen

und schrie nach Sekt, und Koepke war völlig unzurechnungsfähig. Er

sprach nur noch in Hyperbeln.

An Felders Ruhe, die zudem viel mehr eine äußerliche als eine

innerliche war, hatte übrigens eine gewisse seelische wie körperliche

Abspannung ihren Hauptgrund. Jetzt, als alles vorüber war, merkte er

erst, wie er sich in den letzten Wochen innerlich verzehrt hatte--in

dem einen Wunsche.

In demselben Garten, in dem im vorigen Jahre seine

Meisterschaftserklärung für Deutschland erfolgt war, wurde ihm nun

die höchste aller Ehrungen zuteil, und unter dem achtungsvollen

Schweigen vieler Hunderte nahm er den Weltmeisterpreis entgegen...!

Die ganze warme Sommernacht hindurch dauerte wieder das Feiern um ihn

herum. Er lebte ganz in diesen Stunden. Er dachte nicht zurück. Er

dachte auch nicht in die Zukunft. Die Stimmen in ihm schwiegen. Zum

erstenmal vielleicht in seinem Leben schwiegen sie ganz. Er hatte

erreicht, nicht was er gewollt: nein, viel mehr als das. Sie mußten

heute schweigen, diese Stimmen, denn sie wurden übertönt von dem

einmütigen Jubel um ihn her. Die stillen Sterne leuchteten hernieder;

der Atem der weichen Nacht spielte um die erhitzten Köpfe, und vom

Wasser her kam die frische Kühle, die alle diese Menschen nicht müde

werden ließ, zu sprechen, zu trinken, sich zu berauschen am Leben, an

Freude und an der eigenen Kraft.

Und Felder trank--trank--trank--alles, was man ihm bot: Sekt, Bier

und Wein, aber am süßesten schmeckte ihm der berauschende Trank des

Erfolges.

Alles andere hatte er vergessen.

Selbst als er inmitten seiner wildesten Bewunderer wie berauscht

endlich zum Bahnhof ging, zog auch nicht ein Erinnern in seine müden

und wirren Gedanken, das ihm ein weißes Kleid, einen jungen Leib oder

einen warmen Mund wachgerufen hätte.

Müde saß er in einer Coupéecke und während die anderen um ihn herum

sich noch immer über den heutigen Tag ereiferten, schlief er ein; und

den Sieger über seinen Siegen vergessend, dachten sie erst wieder an

ihn und weckten ihn erst, als der Zug in die von der Morgendämmerung

erhellte Halle des Görlizer Bahnhofs einfuhr...

Die ersten Tageszeitungen waren bereits erschienen. Man griff nach

den noch feuchten Blättern und las die kurzen Zeilen, die den Namen

Franz Felders, den Triumph Berlins, den Sieg Deutschlands--in dieser

Stunde der Welt verkündeten. Er selbst, der Sieger, war unfähig, sie

zu lesen. Die Buchstaben flimmerten und ranzten vor seinen Augen.

12

Der Glanz dieses Tages konnte selbst durch die Reise, die Felder

wenige Wochen später nach England unternahm, um dort in dem gelobten

Lande des Sports seine Meisterschaft Europas gegen ihre ersten

bisherigen Meister zu behaupten, kaum erhöht werden.

Die Reise war nie geplant. Es war an sie nie gedacht. Sie war einfach

eine natürliche Folge dieses letzten Sieges.

Während die Sportzeitungen des Kontinents einig waren in der

Anerkennung dieses Sieges, verhielten sich die englischen, an Zahl

und Bedeutung gleich und im Ton immer überlegen, dem Siege gegenüber

skeptisch und erhoben den Einwand, daß England sich nicht beteiligt

habe, daß aber England in Sportsachen (wie auch in anderen Dingen)

Europa sei, und daß Felder sich erst einmal mit englischen Schwimmern

gemessen haben müßte, ehe ihm wirklich der nur künstlich gemachte

Titel des Europameisters gebühre. Natürlich verwahrte man sich gegen

diese Beschuldigung und erklärte sie für lächerlich. Man hatte die

ersten Schwimmer Europas eingeladen, auch die Engländer. Sie waren

nicht gekommen, weil sie eben nie kamen. Und weil sie hochmütige

Narren waren, die sich einbildeten, man müsse zu ihnen kommen.

Daher waren auch erst wieder manche Stimmen gegen die Reise Felders

nach England. Ein Entgegenkommen dieser Art war ein Zugeständnis,

eine Erniedrigung.

Aber andere sagten: Man muß es ihnen zeigen!--Jetzt ist die

Gelegenheit da, ihre angemaßte und nur eingebildete Überlegenheit zu

brechen. Wenn wir ihnen jede Entschuldigung nehmen, so werden sie

sich bequemen müssen, von ihrem Piedestal herabzusteigen, auf dem sie

schon viel zu lange gestanden, dann ist Beteiligung an kontinentalen

Festen oder aber endgültiger Verzicht die unausbleibliche Folge.

Als dann auch der letzte Einwand: der der zu hohen Kosten dadurch

kurz abgeschnitten wurde, daß sich Brüning, der sich jetzt sogar um

seine Pferde nicht mehr kümmerte, erbot, sie sämtlich zu tragen und

Felder nach England zu begleiten, wurde dessen Beteiligung

beschlossen.

Wenn Felder später an diese Reise nach England zurückdachte, so kam

sie ihm vor wie ein Traum. Ein wirres Durcheinander von Bildern aller

Art zog an seinem Auge vorüber.

Zunächst weite Landschaften, die im Fluge an dem dahinrasenden Zuge

vorbeizogen. Die dunkle Regennacht auf dem Schiffe: das Meer, das er

zum ersten Male sah--ein Wasser, wie er es nie geahnt, Wogen von

einer Kraft, gegen die das mächtige Schiff rang, wie sein Körper rang

gegen die stille Flut seines heimatlichen Flusses, und an der

menschliche Einzelkraft zerbrechen mußte wie ein Streichholz unter

dem Schlage eines Hammers. Wasser, nur Wasser, dasselbe Wasser, das

er kannte und liebte wie kein anderer--und doch ein ganz anderes

Element. Nicht das, welches ihm vertraut war von Jugend auf, sondern

eine fremde, unheimliche Kraft, mit der zu messen er sich nie getraut

hätte, vor der ihm graute, da er der Schwächere, ein Nichts war vor

ihr ... das war das Meer!... Elend, ganz zermalmt von der

lächerlichen und doch so mächtigen Krankheit der See, atmete er erst

auf, als er wieder Land unter den Füßen fühlte--er, der es sonst nur

widerstrebend betrat, da er sein geliebtes Wasser verlassen mußte--

und nur mit Schaudern dachte er an das Gebrüll, die Feindseligkeit,

die ganze Furchtbarkeit des fremden Wesens zurück, das ihn behandelt

hatte wie den ersten besten, eine Katze, die ein Tiger geworden war,

ein Freund, plötzlich verwandelt in einen Feind, der die Maske fallen

gelassen und ihn niedergeworfen, um ihn zu ermorden!...

Dann, noch die Angst um das--gerettete--Leben in den Gliedern, die

Ode und Unermeßlichkeit der in ewigen Dunst gehüllten Stadt, vor

deren Grenzenlosigkeit ihm sein Berlin wie ein Dorf erschien.

Endlich, in schärfstem Kontrast dazu, die Tage der Races an dem

stillen, umbuschten Ufer der Themse, wo der Himmel wieder lachte und

der Frieden wieder in den versteckten weißen Häusern zuwohnen schien,

wo er seinen Mut wiederfand, den Mut, sich daran zu erinnern, weshalb

er hierher gekommen war, und die Kraft, zu siegen, sich wirklich den

ersten Preis zu holen, weil er sich hier endlich wieder daheim

fühlte, daheim im Wasser...

Und die Bilder nach dem Siege.

Der Jubel dieser ihm erst so ernst, so steif erschienenen Menschen,

gegen den der Beifall von Grünau wie ein Murmeln war. In seinem

ganzen Leben zusammen hatte er nicht so vielen Menschen die Hand

geschüttelt wie an diesem Tage. Man renkte ihm fast den Arm aus. Und

dann schleppte man ihn zwei Tage lang von einer Festlichkeit zur

andern, durchzog in Reihen von zwanzig Cabs--in denen nur je einer

sitzen durfte--wie in einer Prozession die endlosen Straßen Londons,

behandelte ihn wie einen Fürsten und überschüttete ihn in

beispielloser Generosität und Gastfreundschaft mit Gaben jeder Art.

Am letzten Tage überreichte ihm irgend jemand, dessen Namen er nicht

einmal wußte, ein Ehrengeschenk von 150 Pfund, da man gehört hatte,

daß er völlig auf die Arbeit seiner Hände angewiesen war. Es wurde

mit so viel Achtung und Selbstverständlichkeit angeboten, daß Felder

es unmöglich ausschlagen konnte. Er war ganz gerührt. Er hatte

gedacht, diese Engländer würden es gewaltig übelnehmen, wenn ein

Ausländer daherkam und sie auf ihrem Grund und Boden schlug, und nun

sah und fühlte er überall nichts, als die neidloseste Bewunderung und

eine Verehrung, wie sie ihm in solchen Formen noch ganz unbekannt

war.

Und doch--war es die fremde Sprache oder was war es?--so gemütlich

wie in Deutschland oder gar in Wien waren diese Tage nicht. Alles

ging in ewiger Hast, von einem zum andern. Nie setzte man sich zu

einem Glas Bier zusammen, um in Ruhe alles zu besprechen. Getrunken

wurde zwar genug--und was nicht alles durcheinander!--aber alles im

Fluge, im Stehen, und von einer Hand ging er in die andere, fast wie

eine Sache, an der jeder ein Anrecht hatte. Jeder wollte ihm die Hand

geschüttelt und mit ihm getrunken haben... Und immer wieder mußte er

trinken und Hände schütteln, bis er am Abend so müde war, daß er die

rechte nicht mehr von der linken zu unterscheiden wußte.

Nein, so gemütlich wie zu Hause war es nicht, und Felder war fast

froh, als es an die Heimreise ging. Eigentlich hätte er sich nicht

fremd zu fühlen brauchen, denn Brüning und ein anderer Klubgenosse

waren stets mit ihm, und der erstere war der beste Reisemarschall,

den man sich denken konnte: überall zu Hause, in allen sprachen

gerecht, praktisch und erfahren, dabei in unerschöpflich guter Laune

und den schwerfälligen Felder über jede Verlegenheit spielend

hinübertragend. Man kam aus dem Lachen mit ihm gar nicht heraus.

Aber Felder wurde nie ganz froh. Denn ohne es sich selbst

einzugestehen, fürchtete er sich vor dieser Heimreise. Wieder sollte

er--und diesmal einen ganzen Tag--sich dem furchtbaren Element

anvertrauen, wieder ihm machtlos und jämmerlich gegenüberstehen und

sich in elender Ohnmacht vor diesem Wasser krümmen, das er sonst

siegreich packte, wo immer er es traf...

Er hätte sich nicht zu fürchten brauchen. Als sie nach einer letzten,

halb durchjubelten und durchtrunkenen Nacht am Morgen von

Queensborough abfuhren, war er so müde, daß die Freunde ihn fast aufs

Schiff trugen, und kaum auf ihm angelangt, schlief er wie ein Toter

bis zu dem Augenblicke, wo sie ihn in Vlissingen wieder aufweckten.

Das war seine Reise nach England.

Alles war herrlich, glorreich, einzig gewesen. Aber er war froh, als

er wieder in Berlin war, wieder die heimatlichen Laute um sich herum

vernahm und das Schreckgespenst vergaß, das ihn angegrinst hatte wie

der leibhaftige Tod.

Denn er hatte es sich jetzt klargemacht: das Meer war das Meer, und

das Wasser war das Wasser. Aber dasselbe waren beide nicht!--Nie

wollte er das Meer wiedersehen.

Hätte er es gesehen, wie es in stahlblauer Pracht dalag, ruhig,

verschwiegen, lockend, wie ein tiefer See, und nur leise erzitternd

unter den Strahlen der Sonne, wie es liebreich und versöhnt den

Sieger heimtrug auf seinem breiten Rücken, er hätte es wiedererkannt

als sein Element und nicht geruht, bis er sich seiner salzigen Flut

anvertraut und die Wonnen seiner Umarmung genossen.

13

Das war Franz Felders Reise nach England, von deren Triumph nun die

Zeitungen berichteten: ein wirres Durcheinander von Bildern aller

Art, und leuchtend nur die Erinnerung an seinen Sieg, der ihm erst

durch diese Berichte recht deutlich zum Bewußtsein gebracht wurde--

den Sieg über die ersten Gegner der Welt, die von keiner Seite fürs

erste mehr bestrittene Meisterschaft von Europa, die höchsten

erreichbaren Auszeichnungen, und ein Ruhm, der seinen Namen von jenem

Tage an für alle Zeiten unvergeßbar in die Annalen des Schwimmsportes

eingrub.

Er hatte erreicht, was er gewollt.

Was er ersehnt, war Erfüllung geworden.

Er konnte etwas, was kein anderer Mensch außer ihm konnte.

Er war der Meister des Wassers.

Er hatte seinem Klub zu seinem alten Ansehen verhelfen. Mehr: er

hatte seinen Namen mit dem eigenen berühmt gemacht weit über die

bisherigen Grenzen. Seine Schuld war beglichen.

Aus dem armen Knaben war ein junger Mensch geworden, auf den alle mit

Stolz und Bewunderung sahen, der keine Not mehr zu leiden brauchte,

so viele waren der hilfreichen Hände, die sich ihm entgegenstreckten.

Nein, es war nicht richtig, daß er erreicht, was er gewollt. Nie

hatte er so hoch gewollt. Er war dahin getragen, wohin er sich nie zu

sehnen gewagt.

Und so hoch war er getragen, daß er sich fragen mußte: wohin nun?--So

viel hatte er erreicht, daß ihm nichts mehr zu wünschen übrig blieb.

Welcher Weg führte noch über die Höhe hinaus, auf der er stand?--Denn

sich dort zu behaupten erschien ihm selbstverständlich.

Die Welt nannte seinen Namen.

Er vergaß nur zweierlei: daß die Welt, die er so nannte, nur ein

unendlich kleiner Teil der wirklichen weiten Welt war--wenn es auch

die Welt war, in der er lebte; und daß selbst dieser kleine Teil von

Menschen, die ihn heute anstaunten und bejubelten, sich seiner

vielleicht morgen noch erinnern, ihn aber ganz sicher übermorgen

vergessen haben würden.

Aber wie ihm seine Sache von jeher allein nur als die einzig wichtige

erschienen war, so konnte er die Welt nie richtig messen, weil ihm

von jeher jeder andere Maßstab gefehlt hatte. So war er allmählich

dahin gekommen, sie nur unter einem einzigen Gesichtspunkt zu sehen,

und jetzt folgerichtig dahin, sich als ihren Mittelpunkt zu

betrachten.

Das einzige, was er sich noch wirklich klar machte, war, daß er jetzt

die Höhe seiner Kraft erreicht hatte. Über sie hinaus konnte er nun

nicht mehr.

Übertraf ihn, ja erreichte ihn nur irgendein anderer, so war es aus.

Es galt daher, sich auf dieser Höhe zu erhalten. Das mußte nun sein

nächstes Ziel sein. Aber es war kein Ziel mehr, das ihn reizte.

Daher war er jetzt, auf der Höhe, nicht mehr so glücklich, wie er

gewesen war, als er sie erklommen und jede seiner Bewegungen von

tausend Augen verfolgt sah. Aber glücklich war er doch noch.

Daß einmal ein Tag kommen mußte, mochte er sich auch noch so lange

behaupten, an dem er herabsteigen mußte, um einem anderen Platz zu

machen, das wußte er. Darüber gab es keine Täuschung. Das war so

sicher wie der Tod.

Der Schwimmer · 第 13 / 41 题