Gärtner zeigte, die um den Rosenstrauch lagen; denn natürlich, da sie
auf dem Gesichte lagen und das Muster auf ihrer Rückseite dasselbe war
wie für das ganze Pack, so konnte sie nicht wissen, ob es Gärtner oder
Soldaten oder Herren vom Hofe oder drei von ihren eigenen Kindern waren.
»Woher soll ich das wissen?« sagte Alice, indem sie sich selbst über
ihren Muth wunderte. »Es ist nicht meines Amtes.«
Die Königin wurde purpurroth vor Wuth, und nachdem sie sie einen
Augenblick wie ein wildes Thier angestarrt hatte, fing sie an zu
brüllen: »Ihren Kopf ab! ihren Kopf --«
»Unsinn!« sagte Alice sehr laut und bestimmt, und die Königin war still.
Der König legte seine Hand auf ihren Arm und sagte milde: »Bedenke,
meine Liebe, es ist nur ein Kind!«
Die Königin wandte sich ärgerlich von ihm ab und sagte zu dem Buben:
»Dreh' sie um!«
Der Bube that es, sehr sorgfältig, mit einem Fuße.
»Steht auf!« schrie die Königin mit durchdringender Stimme, und die drei
Gärtner sprangen sogleich auf und fingen an sich zu verneigen vor dem
König, der Königin, den königlichen Kindern, und Jedermann.
»Laßt das sein!« eiferte die Königin. »Ihr macht mich schwindlig.« Und
dann, sich nach dem Rosenstrauch umdrehend, fuhr sie fort: »Was habt ihr
hier gethan?«
»Euer Majestät zu dienen,« sagte Zwei in sehr demüthigem Tone und sich
auf ein Knie niederlassend, »wir haben versucht --«
»Ich sehe!« sagte die Königin, die unterdessen die Rosen untersucht
hatte. »Ihre Köpfe ab!« und der Zug bewegte sich fort, während drei von
den Soldaten zurückblieben um die unglücklichen Gärtner zu enthaupten,
welche zu Alice liefen und sie um Schutz baten.
»Ihr sollt nicht getödtet werden!« sagte Alice, und damit steckte sie
sie in einen großen Blumentopf, der in der Nähe stand. Die drei Soldaten
gingen ein Weilchen hier- und dorthin, um sie zu suchen, und dann
schlossen sie sich ruhig wieder den Andern an.
»Sind ihre Köpfe gefallen?« schrie die Königin sie an.
»Ihre Köpfe sind fort, zu Euer Majestät Befehl!« schrien die Soldaten
als Antwort.
»Das ist gut!« schrie die Königin. »Kannst du Croquet spielen?«
Die Soldaten waren still und sahen Alice an, da die Frage
augenscheinlich an sie gerichtet war.
»Ja!« schrie Alice.
»Dann komm mit!« brüllte die Königin, und Alice schloß sich dem Zuge an,
sehr neugierig, was nun geschehen werde.
»Es ist -- es ist ein sehr schöner Tag!« sagte eine schüchterne Stimme
neben ihr. Sie ging neben dem weißen Kaninchen, das ihr ängstlich in's
Gesicht sah.
»Sehr,« sagte Alice; -- »wo ist die Herzogin?«
»Still! still!« sagte das Kaninchen in einem leisen, schnellen Tone. Es
sah dabei ängstlich über seine Schulter, stellte sich dann auf die
Zehen, hielt den Mund dicht an Alice's Ohr und wisperte: »Sie ist zum
Tode verurtheilt.«
»Wofür?« fragte diese.
»Sagtest du: wie Schade?« fragte das Kaninchen.
»Nein, das sagte ich nicht,« sagte Alice, »ich finde gar nicht, daß es
Schade ist. Ich sagte: wofür?«
»Sie hat der Königin eine Ohrfeige gegeben --« fing das Kaninchen an.
Alice lachte hörbar. »Oh still!« flüsterte das Kaninchen in sehr
erschreckten Tone. »Die Königin wird dich hören! Sie kam nämlich etwas
spät, und die Königin sagte --«
»Macht, daß ihr an eure Plätze kommt!« donnerte die Königin, und Alle
fingen an in allen Richtungen durcheinander zu laufen, wobei sie Einer
über den Andern stolperten; jedoch nach ein bis zwei Minuten waren sie
in Ordnung, und das Spiel fing an.
[Illustration]
Alice dachte bei sich, ein so merkwürdiges Croquet-Feld habe sie in
ihrem Leben nicht gesehen; es war voller Erhöhungen und Furchen, die
Kugeln waren lebendige Igel, und die Schlägel lebendige Flamingos, und
die Soldaten mußten sich umbiegen und auf Händen und Füßen stehen, um
die Bogen zu bilden.
Die Hauptschwierigkeit, die Alice zuerst fand, war, den Flamingo zu
handhaben; sie konnte zwar ziemlich bequem seinen Körper unter ihrem
Arme festhalten, so daß die Füße herunterhingen, aber wenn sie eben
seinen Hals schön ausgestreckt hatte, und dem Igel nun einen Schlag mit
seinem Kopf geben wollte, so richtete er sich auf und sah ihr mit einem
so verdutzten Ausdruck in's Gesicht, daß sie sich nicht enthalten konnte
laut zu lachen. Wenn sie nun seinen Kopf herunter gebogen hatte und eben
wieder anfangen wollte zu spielen, so fand sie zu ihrem großen Verdruß,
daß der Igel sich aufgerollt hatte und eben fortkroch; außerdem war
gewöhnlich eine Erhöhung oder eine Furche gerade da im Wege, wo sie den
Igel hinrollen wollte, und da die umgebogenen Soldaten fortwährend
aufstanden und an eine andere Stelle des Grasplatzes gingen, so kam
Alice bald zu der Ueberzeugung, daß es wirklich ein sehr schweres Spiel
sei.
Die Spieler spielten Alle zugleich, ohne zu warten, bis sie an der Reihe
waren; dabei stritten sie sich immerfort und zankten um die Igel, und in
sehr kurzer Zeit war die Königin in der heftigsten Wuth, stampfte mit
den Füßen und schrie: »Schlagt ihr den Kopf ab!« ungefähr ein Mal jede
Minute.
Alice fing an, sich sehr unbehaglich zu fühlen, sie hatte zwar noch
keinen Streit mit der Königin gehabt, aber sie wußte, daß sie keinen
Augenblick sicher davor war, »und was,« dachte sie, »würde dann aus mir
werden? die Leute hier scheinen schrecklich gern zu köpfen; es ist das
größte Wunder, daß überhaupt noch welche am Leben geblieben sind!« Sie
sah sich nach einem Ausgange um und überlegte, ob sie sich wohl ohne
gesehen zu werden, fortschleichen könne, als sie eine merkwürdige
Erscheinung in der Luft wahrnahm: sie schien ihr zuerst ganz
räthselhaft, aber nachdem sie sie ein Paar Minuten beobachtet hatte,
erkannte sie, daß es ein Grinsen war, und sagte bei sich: »Es ist die
Grinse-Katze; jetzt werde ich Jemand haben, mit dem ich sprechen kann.«
»Wie geht es dir?« sagte die Katze, sobald Mund genug da war, um damit
zu sprechen.
Alice wartete, bis die Augen erschienen, und nickte ihr zu. »Es nützt
nichts mit ihr zu reden,« dachte sie, »bis ihre Ohren gekommen sind,
oder wenigstens eins.« Den nächsten Augenblick erschien der ganze Kopf;
da setzte Alice ihren Flamingo nieder und fing ihren Bericht von dem
Spiele an, sehr froh, daß sie Jemand zum Zuhören hatte. Die Katze
schien zu glauben, daß jetzt genug von ihr sichtbar sei, und es erschien
weiter nichts.
»Ich glaube, sie spielen gar nicht gerecht,« fing Alice in etwas
klagendem Tone an, »und sie zanken sich Alle so entsetzlich, daß man
sein eigenes Wort nicht hören kann -- und dann haben sie gar keine
Spielregeln, wenigstens wenn sie welche haben, so beobachtet sie Niemand
-- und du hast keine Idee, wie es Einen verwirrt, daß alle
Croquet-Sachen lebendig sind; zum Beispiel da ist der Bogen, durch den
ich das nächste Mal spielen muß, und geht am andern Ende des Grasplatzes
spazieren -- und ich hätte den Igel der Königin noch eben _treffen_
können, nur daß er fortrannte, als er meinen kommen sah!«
»Wie gefällt dir die Königin?« fragte die Katze leise.
»Ganz und gar nicht,« sagte Alice, »sie hat so sehr viel --« da bemerkte
sie eben, daß die Königin dicht hinter ihr war und zuhörte, also setzte
sie hinzu: »Aussicht zu gewinnen, daß es kaum der Mühe werth ist, das
Spiel auszuspielen.«
Die Königin lächelte und ging weiter.
»Mit wem redest du da?« sagte der König, indem er an Alice herantrat
und mit großer Neugierde den Katzenkopf ansah.
»Es ist einer meiner Freunde -- ein Grinse-Kater,« sagte Alice;
»erlauben Eure Majestät, daß ich ihn Ihnen vorstelle.«
»Sein Aussehen gefällt mir gar nicht,« sagte der König; »er mag mir
jedoch die Hand küssen, wenn er will.«
»O, lieber nicht!« versetzte der Kater.
»Sei nicht so impertinent,« sagte der König, »und sieh mich nicht so
an!« Er stellte sich hinter Alice, als er dies sagte.
»Der Kater sieht den König an, der König sieht den Kater an,« sagte
Alice, »das habe ich irgendwo gelesen, ich weiß nur nicht mehr wo.«
»Fort muß er,« sagte der König sehr entschieden, und rief der Königin
zu, die gerade vorbeiging: »Meine Liebe! ich wollte, du ließest diesen
Kater fortschaffen!«
Die Königin kannte nur _eine_ Art, alle Schwierigkeiten, große und kleine,
zu beseitigen. »Schlagt ihm den Kopf ab!« sagte sie, ohne sich einmal
umzusehen.
»Ich werde den Henker selbst holen,« sagte der König eifrig und eilte
fort.
Alice dachte, sie wollte lieber zurück gehen und sehen, wie es mit dem
Spiele stehe, da sie in der Entfernung die Stimme der Königin hörte, die
vor Wuth außer sich war. Sie hatte sie schon drei Spieler zum Tode
verurtheilen hören, weil sie ihre Reihe verfehlt hatten, und der Stand
der Dinge behagte ihr gar nicht, da das Spiel in solcher Verwirrung war,
daß sie nie wußte, ob sie an der Reihe sei oder nicht. Sie ging also,
sich nach ihrem Igel umzusehen.
Der Igel war im Kampfe mit einem andern Igel, was Alice eine
vortreffliche Gelegenheit schien, einen mit dem andern zu _treffen_; die
einzige Schwierigkeit war, daß ihr Flamingo nach dem andern Ende des
Gartens gegangen war, wo Alice eben sehen konnte, wie er höchst
ungeschickt versuchte, auf einen Baum zu fliegen.
Als sie den Flamingo gefangen und zurückgebracht hatte, war der Kampf
vorüber und die beiden Igel nirgends zu sehen. »Aber es kommt nicht
drauf an,« dachte Alice, »da alle Bogen auf dieser Seite des Grasplatzes
fortgegangen sind.« Sie steckte also ihren Flamingo unter den Arm, damit
er nicht wieder fortliefe, und ging zurück, um mit ihrem Freunde weiter
zu schwatzen.
Als sie zum Cheshire-Kater zurück kam, war sie sehr erstaunt, einen
großen Auflauf um ihn versammelt zu sehen: es fand ein großer
Wortwechsel statt zwischen dem Henker, dem Könige und der Königin,
welche alle drei zugleich sprachen, während die Uebrigen ganz still
waren und sehr ängstlich aussahen.
Sobald Alice erschien, wurde sie von allen dreien aufgefordert, den
streitigen Punkt zu entscheiden, und sie wiederholten ihr ihre
Beweisgründe, obgleich, da alle zugleich sprachen, man kaum verstehen
konnte, was jeder Einzelne sagte.
[Illustration]
Der Henker behauptete, daß man keinen Kopf abschneiden könne, wo kein
Körper sei, von dem man ihn abschneiden könne; daß er so etwas noch nie
gethan habe, und jetzt über die Jahre hinaus sei, wo man etwas Neues
lerne.
Der König behauptete, daß Alles, was einen Kopf habe, geköpft werden
könne, und daß man nicht so viel Unsinn schwatzen solle.
Die Königin behauptete, daß wenn nicht in weniger als keiner Frist etwas
geschehe, sie die ganze Gesellschaft würde köpfen lassen. (Diese
letztere Bemerkung hatte der Versammlung ein so ernstes und ängstliches
Aussehen gegeben.)
Alice wußte nichts Besseres zu sagen als: "Er gehört der Herzogin, es
wäre am besten sie zu fragen."
"Sie ist im Gefängnis," sagte die Königin zum Henker, "hole sie her."
Und der Henker lief davon wie ein Pfeil.
Da wurde der Kopf des Katers undeutlicher und undeutlicher; und gerade
in dem Augenblicke, als der Henker mit der Herzogin zurück kam,
verschwand er gänzlich; der König und der Henker liefen ganz wild umher,
ihn zu suchen, während die übrige Gesellschaft zum Spiele zurückging.
Neuntes Kapitel.
Die Geschichte der falschen Schildkröte.
»Du kannst dir gar nicht denken, wie froh ich bin, dich wieder zu sehen,
du liebes altes Herz!« sagte die Herzogin, indem sie Alice liebevoll
unterfaßte, und beide zusammen fortspazierten.
Alice war sehr froh, sie bei so guter Laune zu finden, und dachte bei
sich, es wäre vielleicht nur der Pfeffer, der sie so böse gemacht habe,
als sie sich zuerst in der Küche trafen. »Wenn ich Herzogin bin,« sagte
sie für sich (doch nicht in sehr hoffnungsvollem Tone), »will ich gar
keinen Pfeffer in meiner Küche dulden. Suppe schmeckt sehr gut ohne --
Am Ende ist es immer Pfeffer, der die Leute heftig macht,« sprach sie
weiter, sehr glücklich, eine neue Art Regel erfunden zu haben, »und
Essig, der sie sauertöpfisch macht -- und Kamillenthee, der sie bitter
macht -- und Gerstenzucker und dergleichen, was Kinder zuckersüß macht.
Ich wünschte nur, die großen Leute wüßten das, dann würden sie nicht so
sparsam damit sein --«
Sie hatte unterdessen die Herzogin ganz vergessen und schrak förmlich
zusammen, als sie deren Stimme dicht an ihrem Ohre hörte. »Du denkst an
etwas, meine Liebe, und vergißt darüber zu sprechen. Ich kann dir diesen
Augenblick nicht sagen, was die Moral davon ist, aber es wird mir gleich
einfallen.«
»Vielleicht hat es keine,« hatte Alice den Muth zu sagen.
»Still, still, Kind!« sagte die Herzogin. »Alles hat seine Moral, wenn
man sie nur finden kann.« Dabei drängte sie sich dichter an Alice heran.
Alice mochte es durchaus nicht gern, daß sie ihr so nahe kam: erstens,
weil die Herzogin sehr häßlich war, und zweitens, weil sie gerade groß
genug war, um ihr Kinn auf Alice's Schulter zu stützen, und es war ein
unangenehm spitzes Kinn. Da sie aber nicht gern unhöflich sein wollte,
so ertrug sie es, so gut sie konnte.
»Das Spiel ist jetzt besser im Gange,« sagte sie, um die Unterhaltung
fortzuführen.
[Illustration]
»So ist es,« sagte die Herzogin, »und die Moral davon ist -- Mit Liebe
und Gesange hält man die Welt im Gange!«
»Wer sagte denn,« flüsterte Alice, »es geschehe dadurch, daß Jeder vor
seiner Thüre fege.«
»Ah, sehr gut, das bedeutet ungefähr dasselbe,« sagte die Herzogin, und
indem sie ihr spitzes kleines Kinn in Alice's Schulter einbohrte, fügte
sie hinzu »und die Moral _davon_ ist -- So viel Köpfe, so viel Sinne.«
»Wie gern sie die Moral von Allem findet!« dachte Alice bei sich.
»Du wunderst dich wahrscheinlich, warum ich meinen Arm nicht um deinen
Hals lege,« sagte die Herzogin nach einer Pause; »die Wahrheit zu
gestehen, ich traue der Laune deines Flamingos nicht ganz. Soll ich es
versuchen?«
»Er könnte beißen,« erwiderte Alice weislich, da sie sich keineswegs
danach sehnte, das Experiment zu versuchen.
»Sehr wahr,« sagte die Herzogin, »Flamingos und Senf beißen beide. Und
die Moral davon ist: Gleich und Gleich gesellt sich gern.«
»Aber der Flamingo ist ja ein Vogel und Senf ist kein Vogel,« wandte
Alice ein.
»Ganz recht, wie immer,« sagte die Herzogin, »wie deutlich du Alles
ausdrücken kannst.«
»Es ist, glaube ich, ein Mineral,« sagte Alice.
»Versteht sich,« sagte die Herzogin, die Allem, was Alice sagte,
beizustimmen schien, »in dem großen Senf-Bergwerk hier in der Gegend
sind ganz vorzüglich gute Minen. Und die Moral davon ist, daß wir gute
Miene zum bösen Spiel machen müssen.«
»O, ich weiß!« rief Alice aus, die die letzte Bemerkung ganz überhört
hatte, »es ist eine Pflanze. Es sieht nicht so aus, aber es ist eine.«
»Ich stimme dir vollkommen bei,« sagte die Herzogin, »und die Moral
davon ist: Sei was du zu scheinen wünschest! -- oder einfacher
ausgedrückt: Bilde dir nie ein verschieden von dem zu sein was Anderen
erscheint daß was du warest oder gewesen sein möchtest nicht verschieden
von dem war daß was du gewesen warest ihnen erschienen wäre als wäre es
verschieden.«
»Ich glaube, ich würde das besser verstehen,« sagte Alice sehr höflich,
»wenn ich es aufgeschrieben hätte; ich kann nicht ganz folgen, wenn Sie
es sagen.«
»Das ist noch gar nichts dagegen, was ich sagen könnte, wenn ich
wollte,« antwortete die Herzogin in selbstzufriedenem Tone.
»Bitte, bemühen Sie sich nicht, es noch länger zu sagen!« sagte Alice.
»O, sprich nicht von Mühe!« sagte die Herzogin, »ich will dir Alles, was
ich bis jetzt gesagt habe, schenken.«
»Eine wohlfeile Art Geschenke!« dachte Alice, »ich bin froh, daß man
nicht solche Geburtstagsgeschenke macht!« Aber sie getraute sich nicht,
es laut zu sagen.
»Wieder in Gedanken?« fragte die Herzogin und grub ihr spitzes kleines
Kinn tiefer ein.
»Ich habe das Recht, in Gedanken zu sein, wenn ich will,« sagte Alice
gereizt, denn die Unterhaltung fing an, ihr langweilig zu werden.
»Gerade so viel Recht,« sagte die Herzogin, »wie Ferkel zum Fliegen, und
die M --«
Aber, zu Alice's großem Erstaunen stockte hier die Stimme der Herzogin,
und zwar mitten in ihrem Lieblingsworte »Moral«, und der Arm, der in dem
ihrigen ruhte, fing an zu zittern. Alice sah auf, und da stand die
Königin vor ihnen, mit über der Brust gekreuzten Armen, schwarzblickend
wie ein Gewitter.
»Ein schöner Tag, Majestät!« fing die Herzogin mit leiser schwacher
Stimme an.
»Ich will Sie schön gewarnt haben,« schrie die Königin und stampfte
dabei mit dem Fuße: »Fort augenblicklich, entweder mit Ihnen oder mit
Ihrem Kopfe! Wählen Sie!«
Die Herzogin wählte und verschwand eilig.
»Wir wollen weiter spielen,« sagte die Königin zu Alice, und diese, viel
zu erschrocken, ein Wort zu erwiedern, folgte ihr langsam nach dem
Croquet-Felde.
Die übrigen Gäste hatten die Abwesenheit der Königin benutzt, um im
Schatten auszuruhen; sobald sie sie jedoch kommen sahen, eilten sie
augenblicklich zum Spiele zurück, indem die Königin einfach bemerkte,
daß eine Minute Verzug ihnen das Leben kosten würde.
Die ganze Zeit, wo sie spielten, hörte die Königin nicht auf, mit den
andern Spielern zu zanken und zu schreien: »Schlagt ihm den Kopf ab!«
oder: »Schlagt ihr den Kopf ab!« Diejenigen, welche sie verurtheilt
hatte, wurden von den Soldaten in Verwahrsam geführt, die natürlich dann
aufhören mußten, die Bogen zu bilden, so daß nach ungefähr einer halben
Stunde keine Bogen mehr übrig waren, und alle Spieler, außer dem Könige,
der Königin und Alice, in Verwahrsam und zum Tode verurtheilt waren.
Da hörte die Königin, ganz außer Athem, auf, und sagte zu Alice: »Hast
du die _Falsche Schildkröte_ schon gesehen?«
»Nein,« sagte Alice. »Ich weiß nicht einmal, was eine _Falsche
Schildkröte_ ist.«
»Es ist das, woraus falsche Schildkrötensuppe gemacht wird,« sagte die
Königin.
»Ich habe weder eine gesehen, noch von einer gehört,« sagte Alice.
»Komm schnell,« sagte die Königin, »sie soll dir ihre Geschichte
erzählen.«
Als sie mit einander fortgingen, hörte Alice den König leise zu der
ganzen Versammlung sagen: »Ihr seid Alle begnadigt!« »Ach, das ist ein
Glück!« sagte sie für sich, denn sie war über die vielen Enthauptungen,
welche die Königin angeordnet hatte, ganz außer sich gewesen.
Sie kamen bald zu einem Greifen, der in der Sonne lag und schlief. (Wenn
ihr nicht wißt, was ein Greif ist, seht euch das Bild an.) »Auf, du
Faulpelz,« sagte die Königin, »und bringe dies kleine Fräulein zu der
falschen Schildkröte, sie möchte gern ihre Geschichte hören. Ich muß
zurück und nach einigen Hinrichtungen sehen, die ich angeordnet habe;«
damit ging sie fort und ließ Alice mit dem Greifen allein. Der Anblick
des Thieres gefiel Alice nicht recht; aber im Ganzen genommen, dachte
sie, würde es eben so sicher sein, bei ihm zu bleiben, als dieser
grausamen Königin zu folgen, sie wartete also.
[Illustration]
Der Greif richtete sich auf und rieb sich die Augen: darauf sah er der
Königin nach, bis sie verschwunden war; dann schüttelte er sich. »Ein
köstlicher Spaß!« sagte der Greif, halb zu sich selbst, halb zu Alice.
»_Was_ ist ein Spaß?« fragte Alice.
»Sie,« sagte der Greif. »Es ist Alles ihre Einbildung, das: Niemand wird
niemals nicht hingerichtet. Komm schnell.«
»Jeder sagte hier, komm schnell,« dachte Alice, indem sie ihm langsam
nachging, »so viel bin ich in meinem Leben nicht hin und her kommandirt
worden, nein, in meinem ganzen Leben nicht!«
Sie brauchten nicht weit zu gehen, als sie schon die falsche Schildkröte
in der Entfernung sahen, wie sie einsam und traurig auf einem
Felsenriffe saß; und als sie näher kamen, hörte Alice sie seufzen, als
ob ihr das Herz brechen wollte. Sie bedauerte sie herzlich. »Was für
einen Kummer hat sie?« fragte sie den Greifen, und der Greif antwortete,
fast in denselben Worten wie zuvor: »Es ist Alles ihre Einbildung, das;
sie hat keinen Kummer nicht. Komm schnell.«
Sie gingen also an die falsche Schildkröte heran, die sie mit
thränenschweren Augen anblickte, aber nichts sagte.
»Die kleine Mamsell hier,« sprach der Greif, »sie sagt, sie möchte gern
deine Geschichte wissen, sagt sie.«
»Ich will sie ihr erzählen,« sprach die falsche Schildkröte mit tiefer,
hohler Stimme; »setzt euch beide her und sprecht kein Wort, bis ich
fertig bin.«
Gut, sie setzten sich hin und Keiner sprach mehre Minuten lang. Alice
dachte bei sich: »Ich begreife nicht, wie sie je fertig werden kann,
wenn sie nicht anfängt.« Aber sie wartete geduldig.
»Einst,« sagte die falsche Schildkröte endlich mit einem tiefen Seufzer,
»war ich eine wirkliche Schildkröte.«
[Illustration]
Auf diese Worte folgte ein sehr langes Schweigen, nur hin und wieder
unterbrochen durch den Ausruf des Greifen »Hjckrrh!« und durch das
heftige Schluchzen der falschen Schildkröte. Alice wäre beinah
aufgestanden und hätte gesagt: »Danke sehr für die interessante
Geschichte!« aber sie konnte nicht umhin zu denken, daß doch noch etwas
kommen müsse; daher blieb sie sitzen und sagte nichts.
»Als wir klein waren,« sprach die falsche Schildkröte endlich weiter,
und zwar ruhiger, obgleich sie noch hin und wieder schluchzte, »gingen
wir zur Schule in der See. Die Lehrerin war eine alte Schildkröte -- wir
nannten sie Mamsell Schalthier --«
»Warum nanntet ihr sie Mamsell Schalthier?« fragte Alice.
»Sie _schalt hier_ oder sie schalt da alle Tage, darum,« sagte die falsche
Schildkröte ärgerlich; »du bist wirklich sehr dumm.«
»Du solltest dich schämen, eine so dumme Frage zu thun,« setzte der
Greif hinzu, und dann saßen beide und sahen schweigend die arme Alice
an, die in die Erde hätte sinken mögen. Endlich sagte der Greif zu der
falschen Schildkröte: »Fahr' zu, alte Kutsche! Laß uns nicht den ganzen
Tag warten!« Und sie fuhr in folgenden Worten fort:
»Ja, wir gingen zur Schule, in der See, ob ihr es glaubt oder nicht --«
»Ich habe nicht gesagt, daß ich es nicht glaubte,« unterbrach sie Alice.
»Ja, das hast du,« sagte die falsche Schildkröte.
»Halt' den Mund!« fügte der Greif hinzu, ehe Alice antworten konnte. Die
falsche Schildkröte fuhr fort.
»Wir gingen in die allerbeste Schule; wir hatten vier und zwanzig
Stunden regelmäßig jeden Tag.«
»Das haben wir auf dem Lande auch,« sagte Alice, »darauf brauchst du dir
nicht so viel einzubilden.«
»Habt ihr auch Privatstunden außerdem?« fragte die falsche Schildkröte
etwas kleinlaut.
»Ja,« sagte Alice, »Französisch und Klavier.«
»Und Wäsche?« sagte die falsche Schildkröte.
»Ich dächte gar!« sagte Alice entrüstet.
»Ah! dann gehst du in keine wirklich gute Schule,« sagte die falsche
Schildkröte sehr beruhigt. »In unserer Schule stand immer am Ende der
Rechnung, »Französisch, Klavierspielen, Wäsche -- extra.«
»Das könnt ihr nicht sehr nöthig gehabt haben,« sagte Alice, »wenn ihr
auf dem Grunde des Meeres wohntet.«
»Ich konnte keine Privatstunden bezahlen,« sagte die falsche
Schildkröte mit einem Seufzer. »Ich nahm nur den regelmäßigen
Unterricht.«
»Und was war das?« fragte Alice.
»Legen und Treiben, natürlich, zu allererst,« erwiederte die falsche
Schildkröte; »und dann die vier Abtheilungen vom Rechnen: Zusehen,
Abziehen, Vervielfraßen und Stehlen.«
»Ich habe nie von Vervielfraßen gehört,« warf Alice ein. »Was ist das?«
Der Greif erhob beide Klauen voller Verwunderung. »Nie von Vervielfraßen
gehört!« rief er aus. »Du weißt, was Verhungern ist? vermuthe ich.«
»Ja,« sagte Alice unsicher, »es heißt -- nichts -- essen -- und davon --
sterben.«
»Nun,« fuhr der Greif fort, »wenn du nicht verstehst, was Vervielfraßen
ist, dann bist du ein Pinsel.«
Alice hatte allen Muth verloren, sich weiter danach zu erkundigen, und
wandte sich daher an die falsche Schildkröte mit der Frage: »Was hattet
ihr sonst noch zu lernen?«
»Nun, erstens Gewichte,« erwiederte die falsche Schildkröte, indem sie
die Gegenstände an den Pfoten aufzählte, »Gewichte, alte und neue, mit
Seeographie; dann Springen -- der Springelehrer war ein alter
Stockfisch, der ein Mal wöchentlich zu kommen pflegte, er lehrte uns
Pfoten Reiben und Unarten, meerschwimmig Springen, Schillern und
Imponiren.«
»Wie war denn das?« fragte Alice.
»Ich kann es dir nicht selbst zeigen,« sagte die falsche Schildkröte,
»ich bin zu steif. Und der Greif hat es nicht gelernt.«
»Hatte keine Zeit,« sagte der Greif; »ich hatte aber Stunden bei dem
Lehrer der alten Sprachen. Das war ein alter _Barsch_, ja, das war er.«