»Bei dem bin ich nicht gewesen,« sagte die falsche Schildkröte mit einem

Seufzer, »er lehrte Zebräisch und Greifisch, sagten sie immer.«

»Das that er auch, das that er auch, und besonders Laßsein,« sagte der

Greif, indem er ebenfalls seufzte, worauf beide Thiere sich das Gesicht

mit den Pfoten bedeckten.

»Und wie viel Schüler wart ihr denn in einer Klasse?« sagte Alice, die

schnell auf einen andern Gegenstand kommen wollte.

»Zehn den ersten Tag,« sagte die falsche Schildkröte, »neun den

nächsten, und so fort.«

»Was für eine merkwürdige Einrichtung!« rief Alice aus.

»Das ist der Grund, warum man Lehrer hält, weil sie die Klasse von Tag

zu Tag leeren.«

Dies war ein ganz neuer Gedanke für Alice, welchen sie gründlich

überlegte, ehe sie wieder eine Bemerkung machte. »Den elften Tag müssen

dann Alle frei gehabt haben?«

»Natürlich!« sagte die falsche Schildkröte.

»Und wie wurde es den zwölften Tag gemacht?« fuhr Alice eifrig fort.

»Das ist genug von Stunden,« unterbrach der Greif sehr bestimmt:

»erzähle ihr jetzt etwas von den Spielen.«

Zehntes Kapitel.

Das Hummerballet.

Die falsche Schildkröte seufzte tief auf und wischte sich mit dem Rücken

ihrer Pfote die Augen. Sie sah Alice an und versuchte zu sprechen, aber

ein bis zwei Minuten lang erstickte lautes Schluchzen ihre Stimme.

»Sieht aus, als ob sie einen Knochen in der Kehle hätt',« sagte der

Greif und machte sich daran, sie zu schütteln und auf den Rücken zu

klopfen. Endlich erhielt die falsche Schildkröte den Gebrauch ihrer

Stimme wieder, und während Thränen ihre Wangen herabflossen, erzählte

sie weiter.

»Vielleicht hast du nicht viel unter dem Wasser gelebt --« (»Nein,«

sagte Alice) -- »und vielleicht hast du nie die Bekanntschaft eines

Hummers gemacht --« (Alice wollte eben sagen: »ich kostete einmal,« aber

sie hielt schnell ein und sagte: »Nein, niemals«) -- »du kannst dir also

nicht vorstellen, wie reizend ein Hummerballet ist.«

»Nein, in der That nicht,« sagte Alice, »was für eine Art Tanz ist es?«

»Nun,« sagte der Greif, »erst stellt man sich in einer Reihe am Strand

auf --«

»In zwei Reihen!« rief die falsche Schildkröte. »Seehunde, Schildkröten,

Lachse, und so weiter; dann, wenn alle Seesterne aus dem Wege geräumt

sind --«

»Was gewöhnlich einige Zeit dauert,« unterbrach der Greif.

»-- geht man zwei Mal vorwärts --«

»Jeder einen Hummer zum Tanze führend!« rief der Greif.

»Natürlich,« sagte die falsche Schildkröte: »zwei Mal vorwärts, wieder

paarweis gestellt --«

»-- wechselt die Hummer, und geht in derselben Ordnung zurück,« fuhr der

Greif fort.

»Dann, mußt du wissen,« fiel die falsche Schildkröte ein, »wirft man die

--«

»Die Hummer!« schrie der Greif mit einem Luftsprunge.

»-- so weit in's Meer, als man kann --«

»Schwimmt ihnen nach!« kreischte der Greif.

»Schlägt einen Purzelbaum im Wasser!« rief die falsche Schildkröte,

indem sie unbändig umhersprang.

[Illustration]

»Wechselt die Hummer wieder!« heulte der Greif mit erhobener Stimme.

»Zurück an's Land, und -- das ist die ganze erste Figur,« sagte die

falsche Schildkröte, indem ihre Stimme plötzlich sank; und beide Thiere,

die bis dahin wie toll umhergesprungen waren, setzten sich sehr betrübt

und still nieder und sahen Alice an.

»Es muß ein sehr hübscher Tanz sein,« sagte Alice ängstlich.

»Möchtest du eine kleine Probe sehen?« fragte die falsche Schildkröte.

»Sehr gern,« sagte Alice.

»Komm, laß uns die erste Figur versuchen!« sagte die falsche Schildkröte

zum Greifen. »Wir können es ohne Hummer, glaube ich. Wer soll singen?«

»Oh, singe du!« sagte der Greif. »Ich habe die Worte vergessen.«

So fingen sie denn an, feierlich im Kreise um Alice zu tanzen; zuweilen

traten sie ihr auf die Füße, wenn sie ihr zu nahe kamen; die falsche

Schildkröte sang dazu, sehr langsam und traurig, Folgendes: --

Zu der Schnecke sprach ein Weißfisch: »Kannst du denn nicht

schneller gehn?

Siehst du denn nicht die Schildkröten und die Hummer

alle stehn?

Hinter uns da kommt ein Meerschwein, und es tritt mir auf

den Schwanz;

Und sie warten an dem Strande, daß wir kommen zu

dem Tanz.

Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen

zu dem Tanz?

Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen

zu dem Tanz?«

»Nein, du kannst es nicht ermessen, wie so herrlich es wird sein,

Nehmen sie uns mit den Hummern, werfen uns in's Meer hinein!«

Doch die Schnecke thät nicht trauen. »Das gefällt mir doch nicht ganz!

Viel zu weit, zu weit! ich danke -- gehe nicht mit euch zum Tanz!

Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, kann nicht kommen zu dem Tanz!

Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, mag nicht kommen zu dem Tanz!«

Und der Weißfisch sprach dagegen: »'s kommt ja nicht drauf an, wie

weit!

Ist doch wohl ein andres Ufer, drüben auf der andern Seit'!

Und noch viele schöne Küsten giebt es außer Engelland's;

Nur nicht blöde, liebe Schnecke, komm' geschwind mit mir zum Tanz!

Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem

Tanz?

Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst nicht kommen zu dem

Tanz?«

»Danke sehr, es ist sehr, sehr interessant, diesem Tanze zuzusehen,«

sagte Alice, obgleich sie sich freute, daß er endlich vorüber war; »und

das komische Lied von dem Weißfisch gefällt mir so!«

»Oh, was die Weißfische anbelangt,« sagte die falsche Schildkröte, »die

-- du hast sie doch gesehen?«

»Ja,« sagte Alice, »ich habe sie oft gesehen, bei'm Mitt --« sie hielt

schnell inne.

»Ich weiß nicht, wer Mitt sein mag,« sagte die falsche Schildkröte,

»aber da du sie so oft gesehen hast, so weißt du natürlich, wie sie

aussehen?«

»Ja, ich glaube,« sagte Alice nachdenklich, »sie haben den Schwanz im

Maule, -- und sind ganz mit geriebener Semmel bestreut.«

»Die geriebene Semmel ist ein Irrthum,« sagte die falsche Schildkröte;

»sie würde in der See bald abgespült werden. Aber den Schwanz haben sie

im Maule, und der Grund ist« -- hier gähnte die falsche Schildkröte und

machte die Augen zu. -- »Sage ihr Alles das von dem Grunde,« sprach sie

zum Greifen.

»Der Grund ist,« sagte der Greif, »daß sie durchaus im Hummerballet

mittanzen wollten. So wurden sie denn in die See hinein geworfen. So

mußten sie denn sehr weit fallen. So kamen ihnen denn die Schwänze in

die Mäuler. So konnten sie sie denn nicht wieder heraus bekommen. So ist

es.«

»Danke dir,« sagte Alice, »es ist sehr interessant. Ich habe nie so viel

vom Weißfisch zu hören bekommen.«

»Ich kann dir noch mehr über ihn sagen, wenn du willst,« sagte der

Greif, »weißt du, warum er Weißfisch heißt?«

»Ich habe darüber noch nicht nachgedacht,« sagte Alice. »Warum?«

»Darum eben,« sagte der Greif mit tiefer, feierlicher Stimme, »weil man

so wenig von ihm _weiß_. Nun aber mußt du uns auch etwas von deinen

Abenteuern erzählen.«

»Ich könnte euch meine Erlebnisse von heute früh an erzählen,« sagte

Alice verschämt, »aber bis gestern zurück zu gehen, wäre ganz unnütz,

weil ich da jemand Anderes war.«

»Erkläre das deutlich,« sagte die falsche Schildkröte.

»Nein, die Erlebnisse erst,« sagte der Greif in ungeduldigem Tone,

»Erklärungen nehmen so schrecklich viel Zeit fort.«

Alice fing also an, ihnen ihre Abenteuer von da an zu erzählen, wo sie

das weiße Kaninchen zuerst gesehen hatte. Im Anfange war sie etwas

ängstlich, die beiden Thiere kamen ihr so nah, eins auf jeder Seite,

und sperrten Augen und Mund so _weit_ auf; aber nach und nach wurde sie

dreister. Ihre Zuhörer waren ganz ruhig, bis sie an die Stelle kam, wo

sie der Raupe 'Ihr seid alt, Vater Martin' hergesagt hatte, und wo

lauter andere Worte gekommen waren, da holte die falsche Schildkröte

tief Athem und sagte: »das ist sehr merkwürdig.«

»Es ist Alles so merkwürdig, wie nur möglich,« sagte der Greif.

»Es kam ganz verschieden!« wiederholte die falsche Schildkröte

gedankenvoll. »Ich möchte sie wohl etwas hersagen hören. Sage ihr, daß

sie anfangen soll.« Sie sah den Greifen an, als ob sie dächte, daß er

einigen Einfluß auf Alice habe.

»Steh' auf und sage her: 'Preisend mit viel schönen Reden',« sagte der

Greif.

»Wie die Geschöpfe alle Einen kommandiren und Gedichte aufsagen lassen!«

dachte Alice, »dafür könnte ich auch lieber gleich in der Schule sein.«

Sie stand jedoch auf und fing an, das Gedicht herzusagen; aber ihr Kopf

war so voll von dem Hummerballet, daß sie kaum wußte, was sie sagte, und

die Worte kamen sehr sonderbar: --

[Illustration]

»Preisend mit viel schönen Kniffen seiner Scheeren Werth und Zahl,

Stand der Hummer vor dem Spiegel in der schönen rothen Schal'!

»Herrlich,« sprach der Fürst der Krebse, »steht mir dieser lange Bart!«

Rückt die Füße mit der Nase auswärts, als er dieses sagt.«

»Das ist anders, als ich's als Kind gesagt habe,« sagte der Greif.

»Ich habe es zwar noch niemals gehört,« sagte die falsche Schildkröte;

»aber es klingt wie blühender Unsinn.«

Alice erwiederte nichts; sie setzte sich, bedeckte das Gesicht mit

beiden Händen und überlegte, ob wohl _je_ wieder irgend etwas natürlich

sein würde.

»Ich möchte es gern erklärt haben,« sagte die falsche Schildkröte.

»Sie kann's nicht erklären,« warf der Greif schnell ein. »Sage den

nächsten Vers.«

»Aber das von den Füßen?« fragte die falsche Schildkröte wieder. »Wie

kann er sie mit der Nase auswärts rücken?«

»Es ist die erste Position bei'm Tanzen,« sagte Alice; aber sie war über

Alles dies entsetzlich verwirrt und hätte am liebsten aufgehört.

»Sage den nächsten Vers!« wiederholte der Greif ungeduldig, »er fängt

an: 'Seht mein Land!'«

Alice wagte nicht, es abzuschlagen, obgleich sie überzeugt war, es würde

Alles falsch kommen, sie fuhr also mit zitternder Stimme fort: --

»Seht mein Land und grüne Fluten,« sprach ein fetter Lachs vom Rhein;

Goldne Schuppen meine Rüstung, und mit Austern trink' ich Wein.«

»Wozu sollen wir das dumme Zeug mit anhören,« unterbrach sie die falsche

Schildkröte, »wenn sie es nicht auch erklären kann? Es ist das

verworrenste Zeug, das ich je gehört habe!«

»Ja, ich glaube auch, es ist besser du hörst auf,« sagte der Greif, und

Alice gehorchte nur zu gern.

»Sollen wir noch eine Figur von dem Hummerballet versuchen?« fuhr der

Greif fort. »Oder möchtest du lieber, daß die falsche Schildkröte dir

ein Lied vorsingt?«

»Oh, ein Lied! bitte, wenn die falsche Schildkröte so gut sein will,«

antwortete Alice mit solchem Eifer, daß der Greif etwas beleidigt sagte:

»Hm! der Geschmack ist verschieden! Singe ihr vor 'Schildkrötensuppe',

hörst du, alte Tante?«

Die falsche Schildkröte seufzte tief auf und fing an, mit halb von

Schluchzen erstickter Stimme, so zu singen: --

»Schöne Suppe, so schwer und so grün,

Dampfend in der heißen Terrin'!

Wem nach einem so schönen Gericht

Wässerte denn der Mund wohl nicht?

Kön'gin der Suppen, du schönste Supp'!

Kön'gin der Suppen, du schönste Supp'!

Wu -- underschöne Su -- uppe!

Wu -- underschöne Su -- uppe!

Kö -- önigin der Su -- uppen,

Wunder-wunderschöne Supp'!

Schöne Suppe, wer fragt noch nach Fisch,

Wildpret oder was sonst auf dem Tisch?

Alles lassen wir stehen zu p

Reisen allein die wunderschöne Supp',

Preisen allein die wunderschöne Supp'!

Wu -- underschöne Su -- uppe!

Wu -- underschöne Su -- uppe!

Kö -- önigin der Su -- uppen,

Wunder-wunderschöne Supp'!

»Den Chor noch einmal!« rief der Greif, und die falsche Schildkröte

hatte ihn eben wieder angefangen, als ein Ruf: »Das Verhör fängt an!« in

der Ferne erscholl.

»Komm schnell!« rief der Greif, und Alice bei der Hand nehmend lief er

fort, ohne auf das Ende des Gesanges zu warten.

»Was für ein Verhör?« keuchte Alice bei'm Rennen; aber der Greif

antwortete nichts als: »Komm schnell!« und rannte weiter, während

schwächer und schwächer, vom Winde getragen, die Worte ihnen folgten: --

»Kö -- önigin der Su -- uppen,

Wunder-wunderschöne Supp'!«

Elftes Kapitel.

Wer hat die Kuchen gestohlen?

Der König und die Königin der Herzen saßen auf ihrem Throne, als sie

ankamen, und eine große Menge war um sie versammelt -- allerlei kleine

Vögel und Thiere, außerdem das ganze Pack Karten: der Bube stand vor

ihnen, in Ketten, einen Soldaten an jeder Seite, um ihn zu bewachen;

dicht bei dem Könige befand sich das weiße Kaninchen, eine Trompete in

einer Hand, in der andern eine Pergamentrolle. Im Mittelpunkte des

Gerichtshofes stand ein Tisch mit einer Schüssel voll Torten: sie sahen

so appetitlich aus, daß der bloße Anblick Alice ganz hungrig darauf

machte. -- »Ich wünschte, sie machten schnell mit dem Verhör und

reichten die Erfrischungen herum.« Aber dazu schien wenig Aussicht zu

sein, so daß sie anfing, Alles genau in Augenschein zu nehmen, um sich

die Zeit zu vertreiben.

Alice war noch nie in einem Gerichtshofe gewesen, aber sie hatte in

ihren Büchern davon gelesen und bildete sich etwas Rechtes darauf ein,

daß sie Alles, was sie dort sah, bei Namen zu nennen wußte. »Das ist der

Richter,« sagte sie für sich, »wegen seiner großen Perrücke.«

Der Richter war übrigens der König, und er trug die Krone über der

Perücke (seht euch das Titelbild an, wenn ihr wissen wollt, wie), es sah

nicht aus, als sei es ihm bequem, und sicherlich stand es ihm nicht gut.

»Und jene zwölf kleinen Thiere da sind vermuthlich die Geschwornen,«

dachte Alice. Sie wiederholte sich selbst dies Wort zwei bis drei Mal,

weil sie so stolz darauf war; denn sie glaubte, und das mit Recht, daß

wenig kleine Mädchen ihres Alters überhaupt etwas von diesen Sachen

wissen würden.

Die zwölf Geschwornen schrieben alle sehr eifrig auf Schiefertafeln.

»Was thun sie?« fragte Alice den Greifen in's Ohr. »Sie können ja noch

nichts aufzuschreiben haben, ehe das Verhör beginnt.«

»Sie schreiben ihre Namen auf,« sagte ihr der Greif in's Ohr, »weil sie

bange sind, sie zu vergessen, ehe das Verhör zu Ende ist.«

»Dumme Dinger!« fing Alice entrüstet ganz laut an; aber sie hielt

augenblicklich inne, denn das weiße Kaninchen rief aus: »Ruhe im Saal!«

und der König setzte seine Brille auf und blickte spähend umher, um zu

sehen, wer da gesprochen habe.

Alice konnte ganz deutlich sehen, daß alle Geschworne »dumme Dinger!«

auf ihre Tafeln schrieben, und sie merkte auch, daß Einer von ihnen

nicht wußte, wie es geschrieben wird, und seinen Nachbar fragen mußte.

»_Die_ Tafeln werden in einem schönen Zustande sein, wenn das Verhör

vorüber ist!« dachte Alice.

Einer der Geschwornen hatte einen Tafelstein, der quiekste. Das konnte

Alice natürlich nicht aushalten, sie ging auf die andere Seite des

Saales, gelangte dicht hinter ihn und fand sehr bald eine Gelegenheit,

den Tafelstein fortzunehmen. Sie hatte es so schnell gethan, daß der

arme kleine Geschworne (es war Wabbel), durchaus nicht begreifen konnte,

wo sein Griffel hingekommen war; nachdem er ihn also überall gesucht

hatte, mußte er sich endlich entschließen, mit einem Finger zu

schreiben, und das war von sehr geringem Nutzen, da es keine Spuren auf

der Tafel zurückließ.

[Illustration]

»Herold, verlies die Anklage!« sagte der König.

Da blies das weiße Kaninchen drei Mal in die Trompete, entfaltete darauf

die Pergamentrolle und las wie folgt: --

»Coeur-Königin, sie buk Kuchen,

Juchheisasah, juchhe!

Coeur-Bube kam, die Kuchen nahm.

Wo sind sie nun? O weh!«

»Gebt euer Urtheil ab!« sprach der König zu den Geschwornen.

»Noch nicht, noch nicht!« unterbrach ihn das Kaninchen schnell. »Da

kommt noch Vielerlei erst.«

»Laßt den ersten Zeugen eintreten!« sagte der König, worauf das

Kaninchen drei Mal in die Trompete blies und ausrief: »Erster Zeuge!«

Der erste Zeuge war der Hutmacher. Er kam herein, eine Tasse in einer

Hand und in der andern ein Stück Butterbrot haltend. »Ich bitte um

Verzeihung, Eure Majestät, daß ich das mitbringe; aber ich war nicht

ganz fertig mit meinem Thee, als nach mir geschickt wurde.«

»Du hättest aber damit fertig sein sollen,« sagte der König. »Wann hast

du damit angefangen?«

Der Hutmacher sah den Faselhasen an, der ihm in den Gerichtssaal gefolgt

war, Arm in Arm mit dem Murmelthier. »Vierzehnten März, glaube ich war

es,« sagte er.

»Funfzehnten,« sagte der Faselhase.

»Sechzehnten,« fügte das Murmelthier hinzu.

»Nehmt das zu Protokoll,« sagte der König zu den Geschwornen, und die

Geschwornen schrieben eifrig die drei Daten auf ihre Tafeln, addirten

sie dann und machten die Summe zu Groschen und Pfennigen.

»Nimm deinen Hut ab,« sagte der König zum Hutmacher.

»Es ist nicht meiner,« sagte der Hutmacher.

»Gestohlen!« rief der König zu den Geschwornen gewendet aus, welche

sogleich die Thatsache notirten.

»Ich halte sie zum Verkauf,« fügte der Hutmacher als Erklärung hinzu,

»ich habe keinen eigenen. Ich bin ein Hutmacher.«

Da setzte sich die Königin die Brille auf und fing an, den Hutmacher

scharf zu beobachten, was ihn sehr blaß und unruhig machte.

»Gieb du deine Aussage,« sprach der König, »und sei nicht ängstlich,

oder ich lasse dich auf der Stelle hängen.«

Dies beruhigte den Zeugen augenscheinlich nicht; er stand abwechselnd

auf dem linken und rechten Fuße, sah die Königin mit großem Unbehagen

an, und in seiner Befangenheit biß er ein großes Stück aus seiner

Theetasse statt aus seinem Butterbrot.

Gerade in diesem Augenblick spürte Alice eine seltsame Empfindung, die

sie sich durchaus nicht erklären konnte, bis sie endlich merkte, was es

war: sie fing wieder an zu wachsen, und sie wollte sogleich aufstehen

und den Gerichtshof verlassen; aber nach weiterer Ueberlegung beschloß

sie zu bleiben, wo sie war, so lange sie Platz genug hatte.

»Du brauchtest mich wirklich nicht so zu drängen,« sagte das

Murmelthier, welches neben ihr saß. »Ich kann kaum athmen.«

»Ich kann nicht dafür,« sagte Alice bescheiden, »ich wachse.«

»Du hast kein Recht dazu, hier zu wachsen,« sagte das Murmelthier.

»Rede nicht solchen Unsinn,« sagte Alice dreister; »du weißt recht gut,

daß du auch wächst.«

»Ja, aber ich wachse in vernünftigem Maßstabe,« sagte das Murmelthier,

»nicht auf so lächerliche Art.« Dabei stand es verdrießlich auf und ging

an die andere Seite des Saales.

Die ganze Zeit über hatte die Königin unablässig den Hutmacher

angestarrt, und gerade als das Murmelthier durch den Saal ging, sprach

sie zu einem der Gerichtsbeamten: »Bringe mir die Liste der Sänger im

letzten Concerte!« worauf der unglückliche Hutmacher so zitterte, daß

ihm beide Schuhe abflogen.

[Illustration]

»Gieb deine Aussage,« wiederholte der König ärgerlich, »oder ich werde

dich hinrichten lassen, ob du dich ängstigst oder nicht.«

»Ich bin ein armer Mann, Eure Majestät,« begann der Hutmacher mit

zitternder Stimme, »und ich hatte eben erst meinen Thee angefangen --

nicht länger als eine Woche ungefähr -- und da die Butterbrote so dünn

wurden -- und es Teller und Töpfe in den Thee schneite.«

»Teller und Töpfe -- was?« fragte der König.

»Es fing mit dem Thee an,« erwiederte der Hutmacher.

»Natürlich fangen Teller und Töpfe mit einem T an. Hältst du mich für

einen Esel? Rede weiter!«

»Ich bin ein armer Mann,« fuhr der Hutmacher fort, »und seitdem schneite

Alles -- der Faselhase sagte nur --«

»Nein, ich hab's nicht gesagt!« unterbrach ihn der Faselhase schnell.

»Du hast's wohl gesagt!« rief der Hutmacher.

»Ich läugne es!« sagte der Faselhase.

»Er läugnet es!« sagte der König: »laßt den Theil der Aussage fort.«

»Gut, auf jeden Fall hat's das Murmelthier gesagt --« fuhr der Hutmacher

fort, indem er sich ängstlich umsah, ob es auch läugnen würde; aber das

Murmelthier läugnete nichts, denn es war fest eingeschlafen. »Dann,«

sprach der Hutmacher weiter, »schnitt ich noch etwas Butterbrot --«

»Aber _was_ hat das Murmelthier gesagt?« fragte einer der Geschwornen.

»Das ist mir ganz entfallen,« sagte der Hutmacher.

»Aber es _muß_ dir wieder einfallen,« sagte der König, »sonst lasse ich

dich köpfen.«

Der unglückliche Hutmacher ließ Tasse und Butterbrot fallen und ließ

sich auf ein Knie nieder. »Ich bin ein armseliger Mann, Eure Majestät,«

fing er an.

»Du bist ein _sehr_ armseliger Redner,« sagte der König.

Hier klatschte eins der Meerschweinchen Beifall, was sofort von den

Gerichtsdienern unterdrückt wurde. (Da dies ein etwas schweres Wort ist,

so will ich beschreiben, wie es gemacht wurde. Es war ein großer

Leinwandsack bei der Hand, mit Schnüren zum Zusammenziehen: da hinein

wurde das Meerschweinchen gesteckt, den Kopf nach unten, und dann saßen

sie darauf.)

»Es ist mir lieb, daß ich das gesehen habe,« dachte Alice, »ich habe so

oft in der Zeitung am Ende eines Verhörs gelesen: 'Das Publikum fing an,

Beifall zu klatschen, was aber sofort von den Gerichtsdienern

unterdrückt wurde,' und ich konnte bis jetzt nie verstehen, was es

bedeutete.«

»Wenn dies Alles ist, was du zu sagen weißt, so kannst du abtreten,«

fuhr der König fort.

»Ich kann nichts mehr abtreten,« sagte der Hutmacher: »ich stehe so

schon auf den Strümpfen.«

»Dann kannst du _abwarten_, bis du wieder gefragt wirst,« erwiederte der

König.

Hier klatschte das zweite Meerschweinchen und wurde unterdrückt.

»Ha, nun sind die Meerschweinchen besorgt,« dachte Alice, »nun wird es

besser vorwärts gehen.«

[Illustration]

»Ich möchte lieber zu meinem Thee zurückgehen,« sagte der Hutmacher mit

einem ängstlichen Blicke auf die Königin, welche die Liste der Sänger

durchlas.

»Du kannst gehen,« sagte der König, worauf der Hutmacher eilig den

Gerichtssaal verließ, ohne sich einmal Zeit zu nehmen, seine Schuhe

anzuziehen.

»-- und draußen schneidet ihm doch den Kopf ab,« fügte die Königin zu

einem der Beamten gewandt hinzu; aber der Hutmacher war nicht mehr zu

sehen, als der Beamte die Thür erreichte.

»Ruft den nächsten Zeugen!« sagte der König.

Der nächste Zeuge war die Köchin der Herzogin. Sie trug die

Pfefferbüchse in der Hand, und Alice errieth, schon ehe sie in den Saal

trat, wer es sei, weil alle Leute in der Nähe der Thür mit einem Male

anfingen zu niesen.

»Gieb deine Aussage,« sagte der König.

»Ne!« antwortete die Köchin.

Der König sah ängstlich das weiße Kaninchen an, welches leise sprach:

»Eure Majestät müssen diesen Zeugen einem Kreuzverhör unterwerfen.«

»Wohl, wenn ich muß, muß ich,« sagte der König trübsinnig, und nachdem

er die Arme gekreuzt und die Augenbraunen so fest zusammengezogen hatte,

daß seine Augen kaum mehr zu sehen waren, sagte er mit tiefer Stimme:

»Wovon macht man kleine Kuchen?«

»Pfeffer, hauptsächlich,« sagte die Köchin.

»Syrup,« sagte eine schläfrige Stimme hinter ihr.

»Nehmt dieses Murmelthier fest!« heulte die Königin. »Köpft dieses

Murmelthier! Schafft dieses Murmelthier aus dem Saale! Unterdrückt es!

Kneift es! Brennt ihm den Bart ab!«

Einige Minuten lang war das ganze Gericht in Bewegung, um das

Murmelthier fortzuschaffen; und als endlich Alles wieder zur Ruhe

gekommen war, war die Köchin verschwunden.

»Schadet nichts!« sagte der König und sah aus, als falle ihm ein Stein

vom Herzen. »Ruft den nächsten Zeugen.« Und zu der Königin gewandt,

fügte er leise hinzu: »Wirklich, meine Liebe, du mußt das nächste

Kreuzverhör übernehmen, meine Arme sind schon ganz lahm.«

Alice beobachtete das weiße Kaninchen, das die Liste durchsuchte, da sie

sehr neugierig war, wer wohl der nächste Zeuge sein möchte, -- »denn sie

haben noch nicht viel Beweise,« sagte sie für sich. Denkt euch ihre

Ueberraschung, als das weiße Kaninchen mit seiner höchsten Kopfstimme

vorlas: »Alice!«

Zwölftes Kapitel.

Alice ist die Klügste.

»Hier!« rief Alice, in der augenblicklichen Erregung ganz vergessend,

wie sehr sie die letzten Minuten gewachsen war; sie sprang in solcher

Eile auf, daß sie mit ihrem Rock das Pult vor sich umstieß, so daß alle

Geschworne auf die Köpfe der darunter sitzenden Versammlung fielen. Da

lagen sie unbehülflich umher und erinnerten sie sehr an ein Glas mit

Goldfischen, das sie die Woche vorher aus Versehen umgestoßen hatte.

»Oh, ich _bitte_ um Verzeihung,« rief sie mit sehr bestürztem Tone, und

fing an, sie so schnell wie möglich aufzunehmen; denn der Unfall mit den

Goldfischen lag ihr noch im Sinne, und sie hatte eine unbestimmte Art

Vorstellung, als ob sie gleich gesammelt und wieder in ihr Pult gethan

werden müßten, sonst würden sie sterben.

[Illustration]

»Das Verhör kann nicht fortgesetzt werden,« sagte der König sehr ernst,

»bis alle Geschworne wieder an ihrem rechten Platze sind -- _alle_,«

wiederholte er mit großem Nachdrucke, und sah dabei Alice fest an.

Alice's Abenteuer im Wunderland · 第 5 / 6 段