(die darin bestand, es zu einer Art Knoten zu drehen, und es dann fest
beim rechten Ohr und linken Fuß zu fassen, damit es sich nicht wieder
aufwickeln konnte), brachte sie es in's Freie. »Wenn ich dies Kind nicht
mit mir nehme,« dachte Alice, »so werden sie es in wenigen Tagen
umgebracht haben; wäre es nicht Mord, es da zu lassen?« Sie sprach die
letzten Worte laut, und das kleine Geschöpf grunzte zur Antwort (es
hatte mittlerweile aufgehört zu niesen). »Grunze nicht,« sagte Alice;
»es paßt sich gar nicht für dich, dich so auszudrücken.«
Der Junge grunzte wieder, so daß Alice ihm ganz ängstlich in's Gesicht
sah, was ihm eigentlich fehle. Er hatte ohne Zweifel eine _sehr_
hervorstehende Nase, eher eine Schnauze als eine wirkliche Nase; auch
seine Augen wurden entsetzlich klein für einen kleinen Jungen: Alles
zusammen genommen, gefiel Alice das Aussehen des Kindes gar nicht. »Aber
vielleicht hat es nur geweint,« dachte sie und sah ihm wieder in die
Augen, ob Thränen da seien.
Nein, es waren keine Thränen da. »Wenn du ein kleines Ferkel wirst, höre
mal,« sagte Alice sehr ernst, »so will ich nichts mehr mit dir zu
schaffen haben, das merke dir!« Das arme kleine Ding schluchzte (oder
grunzte, es war unmöglich, es zu unterscheiden), und dann gingen sie
eine Weile stillschweigend weiter.
Alice fing eben an, sich zu überlegen: »Nun, was soll ich mit diesem
Geschöpf anfangen, wenn ich es mit nach Hause bringe?« als es wieder
grunzte, so laut, daß Alice erschrocken nach ihm hinsah. Diesmal konnte
sie sich nicht mehr irren: es war nichts mehr oder weniger als ein
Ferkel, und sie sah, daß es höchst lächerlich für sie wäre, es noch
weiter zu tragen.
Sie setzte also das kleine Ding hin und war ganz froh, als sie es ruhig
in den Wald traben sah. »Das wäre in einigen Jahren ein furchtbar
häßliches Kind geworden; aber als Ferkel macht es sich recht nett, finde
ich.« Und so dachte sie alle Kinder durch, die sie kannte, die gute
kleine Ferkel abgeben würden, und sagte gerade für sich: »wenn man nur
die rechten Mittel wüßte, sie zu verwandeln --« als sie einen Schreck
bekam; die Grinse-Katze saß nämlich wenige Fuß von ihr auf einem
Baumzweige.
[Illustration]
Die Katze grinste nur, als sie Alice sah. »Sie sieht gutmüthig aus,«
dachte diese; aber doch hatte sie _sehr_ lange Krallen und eine Menge
Zähne. Alice fühlte wohl, daß sie sie rücksichtsvoll behandeln müsse.
»Grinse-Mies,« fing sie etwas ängstlich an, da sie nicht wußte, ob ihr
der Name gefallen würde: jedoch grinste sie noch etwas breiter. »Schön,
so weit gefällt es ihr,« dachte Alice und sprach weiter: »willst du mir
wohl sagen, wenn ich bitten darf, welchen Weg ich hier nehmen muß?«
»Das hängt zum guten Theil davon ab, wohin du gehen willst,« sagte die
Katze.
»Es kommt mir nicht darauf an, wohin --« sagte Alice.
»Dann kommt es auch nicht darauf an, welchen Weg du nimmst,« sagte die
Katze.
»-- wenn ich nur _irgendwo_ hinkomme,« fügte Alice als Erklärung hinzu.
»O, das wirst du ganz gewiß,« sagte die Katze, »wenn du nur lange genug
gehest.«
Alice sah, daß sie nichts dagegen einwenden konnte; sie versuchte daher
eine andere Frage. »Was für Art Leute wohnen hier in der Nähe?«
»In _der_ Richtung,« sagte die Katze, die rechte Pfote schwenkend, »wohnt
ein Hutmacher, und in jener Richtung,« die andere Pfote schwenkend,
»wohnt ein Faselhase. Besuche welchen du willst: sie sind beide toll.«
»Aber ich mag nicht zu tollen Leuten gehen,« bemerkte Alice.
[Illustration]
»Oh, das kannst du nicht ändern,« sagte die Katze: »wir sind alle toll
hier. Ich bin toll. Du bist toll.«
»Woher weißt du, daß ich toll bin?« fragte Alice.
»Du mußt es sein,« sagte die Katze, »sonst wärest du nicht hergekommen.«
Alice fand durchaus nicht, daß das ein Beweis sei; sie fragte jedoch
weiter: »Und woher weißt du, daß du toll bist?«
»Zu allererst,« sagte die Katze, »ein Hund ist nicht toll. Das giebst du
zu?«
»Zugestanden!« sagte Alice.
»Nun, gut,« fuhr die Katze fort, »nicht wahr ein Hund knurrt, wenn er
böse ist, und wedelt mit dem Schwanze, wenn er sich freut. Ich hingegen
knurre, wenn ich mich freue, und wedle mit dem Schwanze, wenn ich
ärgerlich bin. Daher bin ich toll.«
»Ich nenne es spinnen, nicht knurren,« sagte Alice.
»Nenne es, wie du willst,« sagte die Katze. »Spielst du heut Croquet mit
der Königin?«
»Ich möchte es sehr gern,« sagte Alice, »aber ich bin noch nicht
eingeladen worden.«
»Du wirst mich dort sehen,« sagte die Katze und verschwand.
Alice wunderte sich nicht sehr darüber; sie war so daran gewöhnt, daß
sonderbare Dinge geschahen. Während sie noch nach der Stelle hinsah, wo
die Katze gesessen hatte, erschien sie plötzlich wieder.
»Uebrigens, was ist aus dem Jungen geworden?« sagte die Katze. »Ich
hätte beinah vergessen zu fragen.«
[Illustration]
»Er ist ein Ferkel geworden,« antwortete Alice sehr ruhig, gerade wie
wenn die Katze auf gewöhnliche Weise zurückgekommen wäre.
»Das dachte ich wohl,« sagte die Katze und verschwand wieder.
Alice wartete noch etwas, halb und halb erwartend, sie wieder erscheinen
zu sehen; aber sie kam nicht, und ein Paar Minuten nachher ging sie in
der Richtung fort, wo der Faselhase wohnen sollte. »Hutmacher habe ich
schon gesehen,« sprach sie zu sich, »der Faselhase wird viel
interessanter sein.« Wie sie so sprach, blickte sie auf, und da saß die
Katze wieder auf einem Baumzweige. »Sagtest du Ferkel oder Fächer?«
fragte sie. »Ich sagte Ferkel,« antwortete Alice, »und es wäre mir sehr
lieb, wenn du nicht immer so schnell erscheinen und verschwinden
wolltest: du machst Einen ganz schwindlig.«
»Schon gut,« sagte die Katze, und diesmal verschwand sie ganz langsam,
wobei sie mit der Schwanzspitze anfing und mit dem Grinsen aufhörte, das
noch einige Zeit sichtbar blieb, nachdem das Uebrige verschwunden war.
»Oho, ich habe oft eine Katze ohne Grinsen gesehen,« dachte Alice, »aber
ein Grinsen ohne Katze! so etwas Merkwürdiges habe ich in meinem Leben
noch nicht gesehen!«
Sie brauchte nicht weit zu gehen, so erblickte sie das Haus des
Faselhasen; sie dachte, es müsse das rechte Haus sein, weil die
Schornsteine wie Ohren geformt waren, und das Dach war mit Pelz gedeckt.
Es war ein so großes Haus, daß, ehe sie sich näher heran wagte, sie ein
wenig von dem Stück Pilz in ihrer linken Hand abknabberte, und sich bis
auf zwei Fuß hoch brachte: trotzdem näherte sie sich etwas furchtsam,
für sich sprechend: »Wenn er nur nicht ganz rasend ist! Wäre ich doch
lieber zu dem Hutmacher gegangen!«
Siebentes Kapitel.
Die tolle Theegesellschaft.
Vor dem Hause stand ein gedeckter Theetisch, an welchem der Faselhase
und der Hutmacher saßen; ein Murmelthier saß zwischen ihnen, fest
eingeschlafen, und die beiden Andern benutzten es als Kissen, um ihre
Ellbogen darauf zu stützen, und redeten über seinem Kopfe mit einander.
»Sehr unbequem für das Murmelthier,« dachte Alice; »nun, da es schläft,
wird es sich wohl nichts daraus machen.«
Der Tisch war groß, aber die Drei saßen dicht zusammengedrängt an einer
Ecke: »Kein Platz! Kein Platz!« riefen sie aus, sobald sie Alice kommen
sahen. »Ueber und über genug Platz!« sagte Alice unwillig und setzte
sich in einen großen Armstuhl am Ende des Tisches.
»Ist dir etwas Wein gefällig?« nöthigte sie der Faselhase.
Alice sah sich auf dem ganzen Tische um, aber es war nichts als Thee
darauf. »Ich sehe keinen Wein,« bemerkte sie.
»Es ist keiner hier,« sagte der Faselhase.
»Dann war es gar nicht höflich von dir, mir welchen anzubieten,« sagte
Alice ärgerlich.
»Es war gar nicht höflich von dir, dich ungebeten herzusetzen,« sagte
der Faselhase.
»Ich wußte nicht, das es _dein_ Tisch ist; er ist für viel mehr als drei
gedeckt.«
»Dein Haar muß verschnitten werden,« sagte der Hutmacher. Er hatte Alice
eine Zeit lang mit großer Neugierde angesehen, und dies waren seine
ersten Worte.
»Du solltest keine persönlichen Bemerkungen machen,« sagte Alice mit
einer gewissen Strenge, »es ist sehr grob.«
Der Hutmacher riß die Augen weit auf, als er dies hörte; aber er sagte
weiter nichts als: »Warum ist ein Rabe wie ein Reitersmann?«
»Ei, jetzt wird es Spaß geben,« dachte Alice. »Ich bin so froh, daß sie
anfangen Räthsel aufzugeben -- Ich glaube, das kann ich rathen,« fuhr sie
laut fort.
[Illustration]
»Meinst du, daß du die Antwort dazu finden kannst?« fragte der
Faselhase.
»Ja, natürlich,« sagte Alice.
»Dann solltest du sagen, was du meinst,« sprach der Hase weiter.
»Das thue ich ja,« warf Alice schnell ein, »wenigstens -- wenigstens
meine ich, was ich sage -- und das ist dasselbe.«
»Nicht im Geringsten dasselbe!« sagte der Hutmacher. »Wie, du könntest
eben so gut behaupten, daß »ich sehe, was ich esse« dasselbe ist wie
»ich esse, was ich sehe.«
»Du könntest auch behaupten,« fügte der Faselhase hinzu, »ich mag, was
ich kriege« sei dasselbe wie »ich kriege, was ich mag!«
»Du könntest eben so gut behaupten,« fiel das Murmelthier ein, das im
Schlafe zu sprechen schien, »ich athme, wenn ich schlafe« sei dasselbe
wie »ich schlafe, wenn ich athme!«
»Es _ist_ dasselbe bei dir,« sagte der Hutmacher, und damit endigte die
Unterhaltung, und die Gesellschaft saß einige Minuten schweigend,
während Alice Alles durchdachte, was sie je von Raben und Reitersmännern
gehört hatte, und das war nicht viel.
Der Hutmacher brach das Schweigen zuerst. »Den wievielsten haben wir
heute?« sagte er, sich an Alice wendend; er hatte seine Uhr aus der
Tasche genommen, sah sie unruhig an, schüttelte sie hin und her und
hielt sie an's Ohr.
Alice besann sich ein wenig und sagte: »Den vierten.«
»Zwei Tage falsch!« seufzte der Hutmacher. »Ich sagte dir ja, daß Butter
das Werk verderben würde,« setzte er hinzu, indem er den Hasen ärgerlich
ansah.
»Es war die beste Butter,« sagte der Faselhase demüthig.
»Ja, aber es muß etwas Krume mit hinein gerathen sein,« brummte der
Hutmacher; »du hättest sie nicht mit dem Brodmesser hinein thun sollen.«
Der Faselhase nahm die Uhr und betrachtete sie trübselig; dann tunkte er
sie in seine Tasse Thee und betrachtete sie wieder, aber es fiel ihm
nichts Besseres ein, als seine erste Bemerkung: »Es war wirklich die
beste Butter.«
Alice hatte ihm neugierig über die Schulter gesehen. »Was für eine
komische Uhr!« sagte sie. »Sie zeigt das Datum, und nicht wie viel Uhr
es ist!«
»Warum sollte sie?« brummte der Hase; »zeigt deine Uhr, welches Jahr es
ist?«
»Natürlich nicht,« antwortete Alice schnell, »weil es so lange
hintereinander dasselbe Jahr bleibt.«
»Und so ist es gerade mit meiner,« sagte der Hutmacher.
Alice war ganz verwirrt. Die Erklärung des Hutmachers schien ihr gar
keinen Sinn zu haben, und doch waren es deutlich gesprochne Worte. »Ich
verstehe dich nicht ganz,« sagte sie, so höflich sie konnte.
»Das Murmelthier schläft schon wieder,« sagte der Hutmacher, und goß ihm
etwas heißen Thee auf die Nase.
Das Murmelthier schüttelte ungeduldig den Kopf und sagte, ohne die Augen
aufzuthun: »Freilich, freilich, das wollte ich eben auch bemerken.«
»Hast du das Räthsel schon gerathen?« wandte sich der Hutmacher an
Alice.
»Nein, ich gebe es auf,« antwortete Alice; »was ist die Antwort?«
»Davon habe ich nicht die leiseste Ahnung,« sagte der Hutmacher.
»Ich auch nicht,« sagte der Faselhase.
Alice seufzte verstimmt. »Ich dächte, ihr könntet die Zeit besser
anwenden,« sagte sie, »als mit Räthseln, die keine Auflösung haben.«
»Wenn du die Zeit so gut kenntest wie ich,« sagte der Hutmacher,
»würdest du nicht davon reden, wie wir sie anwenden, sondern wie sie uns
anwendet.«
»Ich weiß nicht, was du meinst,« sagte Alice.
»Natürlich kannst du das nicht wissen!« sagte der Hutmacher, indem er
den Kopf verächtlich in die Höhe warf. »Du hast wahrscheinlich nie mit
der Zeit gesprochen.«
»Ich glaube kaum,« erwiederte Alice vorsichtig; »aber Mama sagte
gestern, ich sollte zu meiner kleinen Schwester gehen und ihr die Zeit
vertreiben.«
»So? das wird sie dir schön übel genommen haben; sie läßt sich nicht
gern vertreiben. Aber wenn man gut mit ihr steht, so thut sie Einem
beinah Alles zu Gefallen mit der Uhr. Zum Beispiel, nimm den Fall, es
wäre 9 Uhr Morgens, gerade Zeit, deine Stunden anzufangen, du brauchtest
der Zeit nur den kleinsten Wink zu geben, schnurr! geht die Uhr herum,
ehe du dich's versiehst! halb Zwei, Essenszeit!«
(»Ich wünschte, das wäre es!« sagte der Faselhase leise für sich.)
»Das wäre wirklich famos,« sagte Alice gedankenvoll, »aber dann würde
ich nicht hungrig genug sein, nicht wahr?«
»Zuerst vielleicht nicht,« antwortete der Hutmacher, »aber es würde so
lange halb Zwei bleiben, wie du wolltest.«
»So macht ihr es wohl hier?« fragte Alice.
Der Hutmacher schüttelte traurig den Kopf. »Ich nicht!« sprach er. »Wir
haben uns vorige Ostern entzweit -- kurz ehe er toll wurde, du weißt
doch (mit seinem Theelöffel auf den Faselhasen zeigend) -- es war in dem
großen Concert, das die Coeur-Königin gab; ich mußte singen:
[Illustration]
»O Papagei, o Papagei!
Wie grün sind deine Federn!«
Vielleicht kennst du das Lied?«
»Ich habe etwas dergleichen gehört,« sage Alice.
»Es geht weiter,« fuhr der Hutmacher fort:
»Du grünst nicht nur zur Friedenszeit,
Auch wenn es Teller und Töpfe schneit.
O Papagei, o Papagei --«
Hier schüttelte sich das Murmelthier und fing an im Schlaf zu singen: »O
Papagei, o Mamagei, o Papagei, o Mamagei --« in einem fort, so daß sie
es zuletzt kneifen mußten, damit es nur aufhöre.
»Denke dir, ich hatte kaum den ersten Vers fertig,« sagte der Hutmacher,
»als die Königin ausrief: Abscheulich! der Mensch schlägt geradezu die
Zeit todt mit seinem Geplärre. Aufgehängt soll er werden!«
»Wie furchtbar grausam!« rief Alice.
»Und seitdem,« sprach der Hutmacher traurig weiter, »hat sie mir nie
etwas zu Gefallen thun wollen, die Zeit! Es ist nun immer sechs Uhr!«
Dies brachte Alice auf einen klugen Gedanken. »Darum sind wohl so viele
Tassen hier herumgestellt?« fragte sie.
»Ja, darum,« sagte der Hutmacher mit einem Seufzer, »es ist immer
Theestunde, und wir haben keine Zeit, die Tassen dazwischen
aufzuwaschen.«
»Dann rückt ihr wohl herum?« sagte Alice.
»So ist es,« sagte der Hutmacher, »wenn die Tassen genug gebraucht
sind.«
»Aber wenn ihr wieder an den Anfang kommt?« unterstand sich Alice zu
fragen.
»Wir wollen jetzt von etwas Anderem reden,« unterbrach sie der Faselhase
gähnend, »dieser Gegenstand ist mir nachgerade langweilig. Ich schlage
vor, die junge Dame erzählt eine Geschichte.«
»O, ich weiß leider keine,« rief Alice, ganz bestürzt über diese
Zumuthung.
»Dann soll das Murmelthier erzählen!« riefen beide; »wache auf,
Murmelthier!« dabei kniffen sie es von beiden Seiten zugleich.
Das Murmelthier machte langsam die Augen auf. »Ich habe nicht
geschlafen,« sagte es mit heiserer, schwacher Stimme, »ich habe jedes
Wort gehört, das ihr Jungen gesagt habt.«
»Erzähle uns eine Geschichte!« sagte der Faselhase.
»Ach ja, sei so gut!« bat Alice.
»Und mach schnell,« fügte der Hutmacher hinzu, »sonst schläfst du ein,
ehe sie zu Ende ist.«
»Es waren einmal drei kleine Schwestern,« fing das Murmelthier eilig an,
»die hießen Else, Lacie und Tillie, und sie lebten tief unten in einem
Brunnen --«
»Wovon lebten sie?« fragte Alice, die sich immer für Essen und Trinken
sehr interessirte.
»Sie lebten von Syrup,« versetzte das Murmelthier, nachdem es sich eine
Minute besonnen hatte.
»Das konnten sie ja aber nicht,« bemerkte Alice schüchtern, »da wären
sie ja krank geworden.«
»Das wurden sie auch,« sagte das Murmelthier, »sehr krank.«
Alice versuchte es sich vorzustellen, wie eine so außergewöhnliche Art
zu leben wohl sein möchte; aber es kam ihr zu kurios vor, sie mußte
wieder fragen: »Aber warum lebten sie unten in dem Brunnen?«
»Willst du nicht ein wenig mehr Thee?« sagte der Faselhase sehr
ernsthaft zu Alice.
»Ein wenig mehr? ich habe noch keinen gehabt,« antwortete Alice etwas
empfindlich, »also kann ich nicht noch _mehr_ trinken.«
»Du meinst, du kannst nicht _weniger_ trinken,« sagte der Hutmacher: »es
ist sehr leicht, _mehr_ als keinen zu trinken.«
»Niemand hat dich um deine Meinung gefragt,« sagte Alice.
»Wer macht denn nun persönliche Bemerkungen?« rief der Hutmacher
triumphirend.
Alice wußte nicht recht, was sie darauf antworten sollte; sie nahm sich
daher etwas Thee und Butterbrot, und dann wandte sie sich an das
Murmelthier und wiederholte ihre Frage: »Warum lebten sie in einem
Brunnen?«
Das Murmelthier besann sich einen Augenblick und sagte dann: »Es war ein
Syrup-Brunnen.«
»Den giebt es nicht!« fing Alice sehr ärgerlich an; aber der Hutmacher
und Faselhase machten beide: »Sch, sch!« und das Murmelthier bemerkte
brummend: »Wenn du nicht höflich sein kannst, kannst du die Geschichte
selber auserzählen.«
»Nein, bitte, erzähle weiter!« sagte Alice ganz bescheiden; »ich will
dich nicht wieder unterbrechen. Es wird wohl _einen_ geben.«
»_Einen_, wirklich!« sagte das Murmelthier entrüstet. Doch ließ es sich
zum Weitererzählen bewegen. »Also die drei kleinen Schwestern -- sie
lernten zeichnen, müßt ihr wissen --«
»Was zeichneten sie?« sagte Alice, ihr Versprechen ganz vergessend.
»Syrup,« sagte das Murmelthier, diesmal ganz ohne zu überlegen.
»Ich brauche eine reine Tasse,« unterbrach der Hutmacher, »wir wollen
Alle einen Platz rücken.«
Er rückte, wie er das sagte, und das Murmelthier folgte ihm; der
Faselhase rückte an den Platz des Murmelthiers, und Alice nahm, obgleich
etwas ungern, den Platz des Faselhasen ein. Der Hutmacher war der
Einzige, der Vortheil von diesem Wechsel hatte, und Alice hatte es viel
schlimmer als zuvor, da der Faselhase eben den Milchtopf über seinen
Teller umgestoßen hatte.
Alice wollte das Murmelthier nicht wieder beleidigen und fing daher sehr
vorsichtig an: »Aber ich verstehe nicht. Wie konnten sie den Syrup
zeichnen?«
»Als ob nicht aller Syrup gezeichnet wäre, den man vom Kaufmann holt,«
sagte der Hutmacher; »hast du nicht immer darauf gesehen: feinste
Qualität, allerfeinste Qualität, superfeine Qualität -- oh, du kleiner
Dummkopf?«
»Wie gesagt,« fuhr das Murmelthier fort, »lernten sie zeichnen;« hier
gähnte es und rieb sich die Augen, denn es fing an, sehr schläfrig zu
werden; »und sie zeichneten Allerlei -- Alles was mit M. anfängt --«
»Warum mit M?« fragte Alice.
»Warum nicht?« sagte der Faselhase.
Alice war still.
Das Murmelthier hatte mittlerweile die Augen zugemacht, und war halb
eingeschlafen; da aber der Hutmacher es zwickte, wachte es mit einem
leisen Schrei auf und sprach weiter: -- »was mit M anfängt, wie
Mausefallen, den Mond, Mangel und manches Mal -- ihr wißt, man sagt: ich
habe das _manches liebe_ Mal gethan -- hast du je manches liebe _Mal_
gezeichnet gesehen?«
»Wirklich, da du mich selbst fragst,« sagte Alice ganz verwirrt, »ich
denke kaum --«
»Dann solltest du auch nicht reden,« sagte der Hutmacher.
Dies war nachgerade zu grob für Alice: sie stand ganz beleidigt auf und
ging fort; das Murmelthier schlief augenblicklich wieder ein, und die
beiden Andern beachteten ihr Fortgehen nicht, obgleich sie sich ein paar
Mal umsah, halb in der Hoffnung, daß sie sie zurückrufen würden. Als sie
sie zuletzt sah, versuchten sie das Murmelthier in die Theekanne zu
stecken.
»Auf keinen Fall will ich _da_ je wieder hingehen!« sagte Alice, während
sie sich einen Weg durch den Wald suchte. »Es ist die dümmste
Theegesellschaft, in der ich in meinem ganzen Leben war!«
[Illustration]
Gerade wie sie so sprach, bemerkte sie, daß einer der Bäume eine kleine
Thür hatte. »Das ist höchst komisch!« dachte sie. »Aber Alles ist heute
komisch! Ich will lieber gleich hinein gehen.«
Wie gesagt, so gethan: und sie befand sich wieder in dem langen
Corridor, und dicht bei dem kleinen Glastische. »Diesmal will ich es
gescheidter anfangen,« sagte sie zu sich selbst, nahm das goldne
Schlüsselchen und schloß die Thür auf, die in den Garten führte. Sie
machte sich daran, an dem Pilz zu knabbern (sie hatte ein Stückchen in
ihrer Tasche behalten), bis sie ungefähr einen Fuß hoch war, dann ging
sie den kleinen Gang hinunter; und dann -- war sie endlich in dem
schönen Garten, unter den prunkenden Blumenbeeten und kühlen
Springbrunnen.
Achtes Kapitel.
Das Croquetfeld der Königin.
Ein großer hochstämmiger Rosenstrauch stand nahe bei'm Eingang; die
Rosen, die darauf wuchsen, waren weiß, aber drei Gärtner waren damit
beschäftigt, sie roth zu malen. Alice kam dies wunderbar vor, und da sie
näher hinzutrat, um ihnen zuzusehen, hörte sie einen von ihnen sagen:
»Nimm dich in Acht, Fünf! Bespritze mich nicht so mit Farbe!«
»Ich konnte nicht dafür,« sagte Fünf in verdrießlichem Tone; »Sieben hat
mich an den Ellbogen gestoßen.«
Worauf Sieben aufsah und sagte: »Recht so, Fünf! Schiebe immer die
Schuld auf andre Leute!«
»Du sei nur ganz still!« sagte Fünf. »Gestern erst hörte ich die Königin
sagen, du verdientest geköpft zu werden!«
»Wofür?« fragte der, welcher zuerst gesprochen hatte.
»Das geht _dich_ nichts an, Zwei!« sagte Sieben.
»Ja, es _geht_ ihn an!« sagte Fünf, »und ich werde es ihm sagen -- dafür,
daß er dem Koch Tulpenzwiebeln statt Küchenzwiebeln gebracht hat.«
[Illustration]
Sieben warf seinen Pinsel hin und hatte eben angefangen: »Ist je eine
ungerechtere Anschuldigung --« als sein Auge zufällig auf Alice fiel,
die ihnen zuhörte; er hielt plötzlich inne, die andern sahen sich auch
um, und sie verbeugten sich Alle tief.
»Wollen Sie so gut sein, mir zu sagen,« sprach Alice etwas furchtsam,
»warum Sie diese Rosen malen?«
Fünf und Sieben antworteten nichts, sahen aber Zwei an. Zwei fing mit
leiser Stimme an: »Die Wahrheit zu gestehen, Fräulein, dies hätte hier
ein _rother_ Rosenstrauch sein sollen, und wir haben aus Versehen einen
weißen gepflanzt, und wenn die Königin es gewahr würde, würden wir Alle
geköpft werden, müssen Sie wissen. So, sehen Sie Fräulein, versuchen
wir, so gut es geht, ehe sie kommt --« In dem Augenblick rief Fünf, der
ängstlich tiefer in den Garten hinein gesehen hatte: »Die Königin! die
Königin!« und die drei Gärtner warfen sich sogleich flach auf's Gesicht.
Es entstand ein Geräusch von vielen Schritten, und Alice blickte
neugierig hin, die Königin zu sehen.
Zuerst kamen zehn Soldaten, mit Keulen bewaffnet, sie hatten alle
dieselbe Gestalt wie die Gärtner, rechteckig und flach, und an den vier
Ecken die Hände und Füße; danach kamen zehn Herren vom Hofe, sie waren
über und über mit Diamanten bedeckt und gingen paarweise, wie die
Soldaten. Nach diesen kamen die königlichen Kinder, es waren ihrer zehn,
und die lieben Kleinen kamen lustig gesprungen Hand in Hand, paarweise,
sie waren ganz mit Herzen geschmückt. Darauf kamen die Gäste, meist
Könige und Königinnen, und unter ihnen erkannte Alice das weiße
Kaninchen; es unterhielt sich in etwas eiliger und aufgeregter Weise,
lächelte bei Allem, was gesagt wurde und ging vorbei, ohne sie zu
bemerken. Darauf folgte der Coeur-Bube, der die königliche Krone auf
einem rothen Sammetkissen trug, und zuletzt in diesem großartigen Zuge
kamen _der Herzenskönig und die Herzenskönigin_.
Alice wußte nicht recht, ob sie sich nicht flach auf's Gesicht legen
müsse, wie die drei Gärtner; aber sie konnte sich nicht erinnern, je von
einer solchen Sitte bei Festzügen gehört zu haben. »Und außerdem, wozu
gäbe es überhaupt Aufzüge,« dachte sie, »wenn alle Leute flach auf dem
Gesichte liegen müßten, so daß sie sie nicht sehen könnten?« Sie blieb
also stehen, wo sie war, und wartete.
Als der Zug bei ihr angekommen war, blieben Alle stehen und sahen sie
an, und die Königin sagte strenge: »Wer ist das?« Sie hatte den
Coeur-Buben gefragt, der statt aller Antwort nur lächelte und Kratzfüße
machte.
»Schafskopf!« sagte die Königin, den Kopf ungeduldig zurückwerfend; und
zu Alice gewandt fuhr sie fort: »Wie heißt du, Kind?«
[Illustration]
»Mein Name ist Alice, Euer Majestät zu dienen!« sagte Alice sehr
höflich; aber sie dachte bei sich: »Ach was, es ist ja nur ein Pack
Karten. Ich brauche mich nicht vor ihnen zu fürchten!«