Sie schluckte demnach einen kleinen Kuchen herunter, und merkte zu ihrem

Entzücken, daß sie sogleich abnahm. Sobald sie klein genug war, um durch

die Thür zu gehen, rannte sie zum Hause hinaus, und fand einen

förmlichen Auflauf von kleinen Thieren und Vögeln davor. Die arme kleine

Eidechse, Wabbel, war in der Mitte, von zwei Meerschweinchen

unterstützt, die ihm etwas aus einer Flasche gaben. Es war ein

allgemeiner Sturm auf Alice, sobald sie sich zeigte; sie lief aber so

schnell sie konnte davon, und kam sicher in ein dichtes Gebüsch.

»Das Nöthigste, was ich nun zu thun habe,« sprach Alice bei sich, wie

sie in dem Wäldchen umher wanderte, »ist, meine richtige Größe zu

erlangen; und das Zweite, den Weg zu dem wunderhübschen Garten zu

finden. Ja, das wird der beste Plan sein.«

Es klang freilich wie ein vortrefflicher Plan, und recht nett und

einfach ausgedacht; die einzige Schwierigkeit war, daß sie nicht den

geringsten Begriff hatte, wie sie ihn ausführen sollte; und während sie

so ängstlich zwischen den Bäumen umherguckte, hörte sie plötzlich ein

scharfes feines Bellen gerade über ihrem Kopfe und sah eilig auf.

Ein ungeheuer großer junger Hund sah mit seinen hervorstehenden runden

Augen auf sie herab und machte einen schwachen Versuch, eine Pfote

auszustrecken und sie zu berühren. »Armes kleines Ding!« sagte Alice in

liebkosendem Tone, und sie gab sich alle Mühe, ihm zu pfeifen; dabei

hatte sie aber große Angst, ob er auch nicht hungrig wäre, denn dann

würde er sie wahrscheinlich auffressen trotz allen Liebkosungen.

[Illustration]

Ohne recht zu wissen was sie that, nahm sie ein Stäbchen auf und hielt

es ihm hin; worauf das ungeschickte Thierchen mit allen vier Füßen

zugleich in die Höhe sprang, vor Entzücken laut aufbellte, auf das

Stäbchen losrannte und that, als wolle es es zerreißen; da wich Alice

ihm aus hinter eine große Distel, um nicht zertreten zu werden; und so

wie sie auf der andern Seite hervorkam, lief der junge Hund wieder auf

das Stäbchen los und fiel kopfüber in seiner Eile, es zu fangen. Alice,

der es vorkam, als wenn Jemand mit einem Fuhrmannspferde Zeck spielt,

und die jeden Augenblick fürchtete, unter seine Füße zu gerathen, lief

wieder hinter die Distel; da machte der junge Hund eine Reihe von kurzen

Anläufen auf das Stäbchen, wobei er jedes Mal ein klein wenig vorwärts

und ein gutes Stück zurück rannte und sich heiser bellte, bis er sich

zuletzt mit zum Munde heraushängender Zunge und halb geschlossenen

Augen, ganz außer Athem hinsetzte.

Dies schien Alice eine gute Gelegenheit zu sein, fortzukommen; sie

machte sich also gleich davon, und rannte bis sie ganz müde war und

keine Luft mehr hatte, und bis das Bellen nur noch ganz schwach in der

Ferne zu hören war.

»Und doch war es ein lieber kleiner Hund!« sagte Alice, indem sie sich

an eine Butterblume lehnte um auszuruhen, und sich mit einem der Blätter

fächelte. »Ich hätte ihn gern Kunststücke gelehrt, wenn -- wenn ich nur

groß genug dazu gewesen wäre! O ja! das hätte ich beinah vergessen, ich

muß ja machen, daß ich wieder wachse! Laß sehen -- wie fängt man es doch

an? Ich dächte, ich sollte irgend etwas essen oder trinken; aber die

Frage ist, was?«

Das war in der That die Frage. Alice blickte um sich nach allen Blumen

und Grashalmen; aber gar nichts sah aus, als ob es das Rechte sei, das

sie unter den Umständen essen oder trinken müsse. In der Nähe wuchs ein

großer Pilz, ungefähr so hoch wie sie; nachdem sie ihn sich von unten,

von beiden Seiten, rückwärts und vorwärts betrachtet hatte, kam es ihr

in den Sinn zu sehen, was oben darauf sei. Sie stellte sich also auf die

Fußspitzen und guckte über den Rand des Pilzes, und sogleich begegnete

ihr Blick dem einer großen blauen Raupe, die mit kreuzweise gelegten

Armen da saß und ruhig aus einer großen Huhka rauchte, ohne die

geringste Notiz von ihr noch sonst irgend Etwas zu nehmen.

[Illustration]

Fünftes Kapitel.

Guter Rath von einer Raupe.

Die Raupe und Alice sahen sich eine Zeit lang schweigend an; endlich

nahm die Raupe die Huhka aus dem Munde und redete sie mit schmachtender,

langsamer Stimme an. »Wer bist du?« fragte die Raupe.

Das war kein sehr ermuthigender Anfang einer Unterhaltung. Alice

antwortete, etwas befangen: »Ich -- ich weiß nicht recht, diesen

Augenblick -- vielmehr ich weiß, wer ich heut früh war, als ich

aufstand; aber ich glaube, ich muß seitdem ein paar Mal verwechselt

worden sein.«

»Was meinst du damit?« sagte die Raupe strenge. »Erkläre dich

deutlicher!«

»Ich kann mich nicht deutlicher erklären, fürchte ich, Raupe,« sagte

Alice, »weil ich nicht ich bin, sehen Sie wohl?«

»Ich sehe nicht wohl,« sagte die Raupe.

»Ich kann es wirklich nicht besser ausdrücken,« erwiederte Alice sehr

höflich, »denn ich kann es selbst nicht begreifen; und wenn man an einem

Tage so oft klein und groß wird, wird man ganz verwirrt.«

»Nein, das wird man nicht,« sagte die Raupe.

»Vielleicht haben Sie es noch nicht versucht,« sagte Alice, »aber wenn

Sie sich in eine Puppe verwandeln werden, das müssen Sie über kurz oder

lang wie Sie wissen -- und dann in einen Schmetterling, das wird sich

doch komisch anfühlen, nicht wahr?«

»Durchaus nicht,« sagte die Raupe.

»Sie fühlen wahrscheinlich anders darin,« sagte Alice; »so viel weiß

ich, daß es mir sehr komisch sein würde.«

»Dir!« sagte die Raupe verächtlich. »Wer bist _du_ denn?«

Was sie wieder auf den Anfang der Unterhaltung zurückbrachte. Alice war

etwas ärgerlich, daß die Raupe so sehr kurz angebunden war; sie warf den

Kopf in die Höhe und sprach sehr ernst: »Ich dächte, Sie sollten mir

erst sagen, wer _Sie_ sind?«

»Weshalb?« fragte die Raupe.

Das war wieder eine schwierige Frage; und da sich Alice auf keinen guten

Grund besinnen konnte und die Raupe _sehr_ schlechter Laune zu sein

schien, so ging sie ihrer Wege.

»Komm zurück!« rief ihr die Raupe nach, »ich habe dir etwas Wichtiges zu

sagen!«

Das klang sehr einladend; Alice kehrte wieder um und kam zu ihr zurück.

»Sei nicht empfindlich,« sagte die Raupe.

»Ist das Alles?« fragte Alice, ihren Aerger so gut sie konnte

verbergend.

»Nein,« sagte die Raupe.

Alice dachte, sie wollte doch warten, da sie sonst nichts zu thun habe,

und vielleicht würde sie ihr etwas sagen, das der Mühe werth sei. Einige

Minuten lang rauchte die Raupe fort ohne zu reden; aber zuletzt nahm sie

die Huhka wieder aus dem Munde und sprach: »Du glaubst also, du bist

verwandelt?«

»Ich fürchte es fast, Raupe,« sagte Alice, »ich kann Sachen nicht

behalten wie sonst, und ich werde alle zehn Minuten größer oder

kleiner!«

»Kannst _welche_ Sachen nicht behalten?« fragte die Raupe.

»Ach, ich habe versucht zu sagen: Bei einem Wirthe &c.; aber es kam ganz

anders!« antwortete Alice in niedergeschlagenem Tone.

»Sage her: Ihr seid alt, Vater Martin,« sagte die Raupe.

Alice faltete die Hände und fing an: --

[Illustration]

»Ihr seid alt, Vater Martin,« so sprach Junker Tropf,

»Euer Haar ist schon lange ganz weiß;

Doch steht ihr so gerne noch auf dem Kopf.

Macht Euch denn das nicht zu heiß?«

»Als ich jung war,« der Vater zur Antwort gab,

»Da glaubt' ich, für's Hirn sei's nicht gut;

Doch seit ich entdeckt, daß ich gar keines hab'

So thu' ich's mit fröhlichem Muth.«

[Illustration]

»Ihr seid alt,« sprach der Sohn, »wie vorhin schon gesagt,

Und geworden ein gar dicker Mann;

Drum sprecht, wie ihr rücklings den Purzelbaum schlagt.

Potz tausend! wie fangt ihr's nur an?«

»Als ich jung war,« der Alte mit Kopfschütteln sagt',

»Da rieb ich die Glieder mir ein

Mit der Salbe hier, die sie geschmeidig macht.

Für zwei Groschen Courant ist sie dein.«

[Illustration]

»Ihr seid alt,« sprach der Bub', »und könnt nicht recht kau'n,

Und solltet euch nehmen in Acht;

Doch aßt ihr die Ganz mit Schnabel und Klau'n;

Wie habt ihr das nur gemacht?«

»Ich war früher Jurist und hab' viel disputirt,

Besonders mit meiner Frau;

Das hat so mir die Kinnbacken einexercirt,

Daß ich jetzt noch mit Leichtigkeit kau!«

[Illustration]

»Ihr seid alt,« sagte der Sohn, »und habt nicht viel Witz,

Und doch seid ihr so geschickt;

Balancirt einen Aal auf der Nasenspitz'!

Wie ist euch das nur geglückt?«

»Drei Antworten hast du, und damit genug,

Nun laß mich kein Wort mehr hören;

Du Guck in die Welt thust so überklug,

Ich werde dich Mores lehren!«

»Das ist nicht richtig,« sagte die Raupe.

»Nicht ganz richtig, glaube ich,« sagte Alice schüchtern; »manche Wörter

sind anders gekommen.«

»Es ist von Anfang bis zu Ende falsch,« sagte die Raupe mit

Entschiedenheit, worauf eine Pause von einigen Minuten eintrat.

Die Raupe sprach zuerst wieder.

»Wie groß möchtest du gern sein?« fragte sie.

»Oh, es kommt nicht so genau darauf an,« erwiederte Alice schnell; »nur

das viele Wechseln ist nicht angenehm, nicht wahr?«

»Nein, es ist nicht wahr!« sagte die Raupe.

Alice antwortete nichts; es war ihr im Leben nicht so viel widersprochen

worden, und sie fühlte, daß sie wieder anfing, empfindlich zu werden.

»Bist du jetzt zufrieden?« sagte die Raupe.

»Etwas größer, Frau Raupe, wäre ich gern, wenn ich bitten darf,« sagte

Alice; »drei und einen halben Zoll ist gar zu winzig.«

»Es ist eine sehr angenehme Größe, finde ich,« sagte die Raupe zornig

und richtete sich dabei in die Höhe (sie war gerade drei Zoll hoch).

»Aber ich bin nicht daran gewöhnt!« vertheidigte sich die arme Alice in

weinerlichem Tone. Bei sich dachte sie: »Ich wünschte, alle diese

Geschöpfe nähmen nicht Alles gleich übel.«

»Dur wirst es mit der Zeit gewohnt werden,« sagte die Raupe, steckte

ihre Huhka in den Mund und fing wieder an zu rauchen.

Diesmal wartete Alice geduldig, bis es ihr gefällig wäre zu reden. Nach

zwei oder drei Minuten nahm die Raupe die Huhka aus dem Munde, gähnte

ein bis zwei Mal und schüttelte sich. Dann kam sie von dem Pilze

herunter, kroch in's Gras hinein und bemerkte blos bei'm Weggehen: »Die

eine Seite macht dich größer, die andere Seite macht dich kleiner.«

»Eine Seite wovon? die andere Seite wovon?« dachte Alice bei sich.

»Von dem Pilz,« sagte die Raupe, gerade als wenn sie laut gefragt hätte;

und den nächsten Augenblick war sie nicht mehr zu sehen.

Alice blieb ein Weilchen gedankenvoll vor dem Pilze stehen, um ausfindig

zu machen, welches seine beiden Seiten seien; und da er vollkommen rund

war, so fand sie die Frage schwierig zu beantworten. Zuletzt aber

reichte sie mit beiden Armen, so weit sie herum konnte, und brach mit

jeder Hand etwas vom Rande ab.

»Nun aber, welches ist das rechte?« sprach sie zu sich, und biß ein

wenig von dem Stück in ihrer rechten Hand ab, um die Wirkung

auszuprobiren; den nächsten Augenblick fühlte sie einen heftigen Schmerz

am Kinn, es hatte an ihren Fuß angestoßen!

Ueber diese plötzliche Verwandlung war sie sehr erschrocken, aber da war

keine Zeit zu verlieren, da sie sehr schnell kleiner wurde; sie machte

sich also gleich daran, etwas von dem andern Stück zu essen. Ihr Kinn

war so dicht an ihren Fuß gedrückt, daß ihr kaum Platz genug blieb, den

Mund aufzumachen; endlich aber gelang es ihr, ein wenig von dem Stück in

ihrer linken Hand herunter zu schlucken.

* * * * *

»Ah! endlich ist mein Kopf frei!« rief Alice mit Entzücken, das sich

jedoch den nächsten Augenblick in Angst verwandelte, da sie merkte, daß

ihre Schultern nirgends zu finden waren: als sie hinunter sah, konnte

sie weiter nichts erblicken, als einen ungeheuer langen Hals, der sich

wie eine Stange aus einem Meer von grünen Blättern erhob, das unter ihr

lag.

»Was mag all das grüne Zeug sein?« sagte Alice. »Und wo sind meine

Schultern nur hingekommen? Und ach, meine armen Hände, wie geht es zu,

daß ich euch nicht sehen kann?« Sie griff bei diesen Worten um sich,

aber es erfolgte weiter nichts, als eine kleine Bewegung in den

entfernten grünen Blättern.

Da es ihr nicht gelang, die Hände zu ihrem Kopfe zu erheben, so

versuchte sie, den Kopf zu ihnen hinunter zu bücken, und fand zu ihrem

Entzücken, daß sie ihren Hals in allen Richtungen biegen und wenden

konnte, wie eine Schlange. Sie hatte ihn gerade in ein malerisches

Zickzack gewunden und wollte eben in das Blättermeer hinunter tauchen,

das, wie sie sah, durch die Gipfel der Bäume gebildet wurde, unter denen

sie noch eben herumgewandert war, als ein lautes Rauschen sie plötzlich

zurückschreckte: eine große Taube kam ihr in's Gesicht geflogen und

schlug sie heftig mit den Flügeln.

»Schlange!« kreischte die Taube.

»Ich bin _keine_ Schlange!« sagte Alice mit Entrüstung. »Laß mich in

Ruhe!«

»Schlange sage ich!« wiederholte die Taube, aber mit gedämpfter Stimme,

und fuhr schluchzend fort: »Alles habe ich versucht, und nichts ist

ihnen genehm!«

»Ich weiß gar nicht, wovon du redest,« sagte Alice.

»Baumwurzeln habe ich versucht, Flußufer habe ich versucht, Hecken habe

ich versucht,« sprach die Taube weiter, ohne auf sie zu achten; »aber

diese Schlangen! Nichts ist ihnen recht!«

Alice verstand immer weniger; aber sie dachte, es sei unnütz etwas zu

sagen, bis die Taube fertig wäre.

»Als ob es nicht Mühe genug wäre, die Eier auszubrüten,« sagte die

Taube, »da muß ich noch Tag und Nacht den Schlangen aufpassen! Kein Auge

habe ich die letzten drei Wochen zugethan!«

»Es thut mir sehr leid, daß du so viel Verdruß gehabt hast,« sagte

Alice, die zu verstehen anfing, was sie meinte.

»Und gerade da ich mir den höchsten Baum im Walde ausgesucht habe,« fuhr

die Taube mit erhobener Stimme fort, »und gerade da ich dachte, ich wäre

sie endlich los, müssen sie sich sogar noch vom Himmel herunterwinden!

Pfui! Schlange!«

»Aber ich bin _keine_ Schlange, sage ich dir!« rief Alice, »ich bin ein --

ich bin ein --«

»Nun, was bist du denn?« fragte die Taube. »Ich merke wohl, daß du dir

etwas ausdenken willst!«

»Ich -- ich bin ein kleines Mädchen,« sagte Alice etwas unsicher, da sie

an die vielfachen Verwandlungen dachte, die sie den Tag über schon

durchgemacht hatte.

»Eine schöne Ausrede, wahrhaftig!« sagte die Taube im Tone tiefster

Verachtung. »Ich habe mein Lebtag genug kleine Mädchen gesehen, aber nie

eine mit solch einem Hals! Nein, nein! du bist eine Schlange! das kannst

du nicht abläugnen. Du wirst am Ende noch behaupten, daß du nie ein Ei

gegessen hast.«

»Ich _habe_ Eier gegessen, freilich,« sagte Alice, die ein sehr

wahrheitsliebendes Kind war; »aber kleine Mädchen essen Eier eben so gut

wie Schlangen.«

»Das glaube ich nicht,« sagte die Taube; »wenn sie es aber thun, nun

dann sind sie eine Art Schlangen, so viel weiß ich.«

Das war etwas so Neues für Alice, daß sie ein Paar Minuten ganz still

schwieg; die Taube benutzte die Gelegenheit und fuhr fort: »Du suchst

Eier, das weiß ich nur zu gut, und was kümmert es mich, ob du ein

kleines Mädchen oder eine Schlange bist?«

»Aber _mich_ kümmert es sehr,« sagte Alice schnell; »übrigens suche ich

zufällig nicht Eier, und wenn ich es thäte, so würde ich deine nicht

brauchen können; ich esse sie nicht gern roh.«

»Dann mach', daß du fortkommst!« sagte die Taube verdrießlich, indem sie

sich in ihrem Nest wieder zurecht setzte. Alice duckte sich unter die

Bäume so gut sie konnte; denn ihr Hals verwickelte sich fortwährend in

die Zweige, und mehre Male mußte sie anhalten und ihn losmachen. Nach

einer Weile fiel es ihr wieder ein, daß sie noch die Stückchen Pilz in

den Händen hatte, und sie machte sich sorgfältig daran, knabberte bald

an dem einen, bald an dem andern, und wurde abwechselnd größer und

kleiner, bis es ihr zuletzt gelang, ihre gewöhnliche Größe zu bekommen.

Es war so lange her, daß sie auch nur ungefähr ihre richtige Höhe gehabt

hatte, daß es ihr erst ganz komisch vorkam; aber nach einigen Minuten

hatte sie sich daran gewöhnt und sprach mit sich selbst wie gewöhnlich.

»Schön, nun ist mein Plan halb ausgeführt! Wie verwirrt man von dem

vielen Wechseln wird! Ich weiß nie, wie ich den nächsten Augenblick

sein werde! Doch jetzt habe ich meine richtige Größe: nun kommt es

darauf an, in den schönen Garten zu gelangen -- wie _kann_ ich das

anstellen? das möchte ich wissen!« Wie sie dies sagte, kam sie in eine

Lichtung mit einem Häuschen in der Mitte, ungefähr vier Fuß hoch. »Wer

auch darin wohnen mag, es geht nicht an, daß ich so groß wie ich jetzt

bin hineingehe: sie würden vor Angst nicht wissen wohin!« Also knabberte

sie wieder an dem Stückchen in der rechten Hand, und wagte sich nicht an

das Häuschen heran, bis sie sich auf neun Zoll herunter gebracht hatte.

Sechstes Kapitel.

Ferkel und Pfeffer.

Noch ein bis zwei Augenblicke stand sie und sah das Häuschen an, ohne

recht zu wissen was sie nun thun solle, als plötzlich ein Lackei in

Livree vom Walde her gelaufen kam -- (sie hielt ihn für einen Lackeien,

weil er Livree trug, sonst, nach seinem Gesichte zu urtheilen, würde sie

ihn für einen Fisch angesehen haben) -- und mit den Knöcheln laut an die

Thür klopfte. Sie wurde von einem andern Lackeien in Livree geöffnet,

der ein rundes Gesicht und große Augen wie ein Frosch hatte, und beide

Lackeien hatten, wie Alice bemerkte, gepuderte Lockenperücken über den

ganzen Kopf. Sie war sehr neugierig, was nun geschehen würde, und

schlich sich etwas näher, um zuzuhören.

[Illustration]

Der Fisch-Lackei fing damit an, einen ungeheuren Brief, beinah so groß

wie er selbst, unter dem Arme hervorzuziehen; diesen überreichte er dem

anderen, in feierlichem Tone sprechend: »Für die Herzogin. Eine

Einladung von der Königin, Croquet zu spielen.« Der Frosch-Lackei

erwiederte in demselben feierlichen Tone, indem er nur die

Aufeinanderfolge der Wörter etwas veränderte: »Von der Königin. Eine

Einladung für die Herzogin, Croquet zu spielen.«

Dann verbeugten sich Beide tief, und ihre Locken verwickelten sich in

einander.

Darüber lachte Alice so laut, daß sie in das Gebüsch zurücklaufen mußte,

aus Furcht, sie möchten sie hören, und als sie wieder herausguckte, war

der Fisch-Lackei fort, und der andere saß auf dem Boden bei der Thür und

sah dumm in den Himmel hinauf.

Alice ging furchtsam auf die Thür zu und klopfte.

»Es ist durchaus unnütz, zu klopfen,« sagte der Lackei, »und das wegen

zweier Gründe. Erstens weil ich an derselben Seite von der Thür bin wie

du, zweitens, weil sie drinnen einen solchen Lärm machen, daß man dich

unmöglich hören kann.« Und wirklich war ein ganz merkwürdiger Lärm

drinnen, ein fortwährendes Heulen und Niesen, und von Zeit zu Zeit ein

lautes Krachen, als ob eine Schüssel oder ein Kessel zerbrochen wäre.

»Bitte,« sagte Alice, »wie soll ich denn hineinkommen?«

»Es wäre etwas Sinn und Verstand darin, anzuklopfen,« fuhr der Lackei

fort, ohne auf sie zu hören, »wenn wir die Thür zwischen uns hätten. Zum

Beispiel, wenn du drinnen wärest, könntest du klopfen, und ich könnte

dich herauslassen, nicht wahr?« Er sah die ganze Zeit über, während er

sprach, in den Himmel hinauf, was Alice entschieden sehr unhöflich fand.

»Aber vielleicht kann er nicht dafür,« sagte sie bei sich; »seine Augen

sind so hoch oben auf seiner Stirn. Aber jedenfalls könnte er mir

antworten. -- Wie soll ich denn hineinkommen?« wiederholte sie laut.

»Ich werde hier sitzen,« sagte der Lackei, »bis morgen --«

In diesem Augenblicke ging die Thür auf, und ein großer Teller kam

heraus geflogen, gerade auf den Kopf des Lackeien los; er strich aber

über seine Nase hin und brach an einem der dahinterstehenden Bäume in

Stücke.

»-- oder übermorgen, vielleicht,« sprach der Lackei in demselben Tone

fort, als ob nichts vorgefallen wäre.

»Wie soll ich denn hineinkommen?« fragte Alice wieder, lauter als

vorher.

»Sollst du überhaupt hineinkommen?« sagte der Lackei. »Das ist die erste

Frage, nicht wahr?«

Das war es allerdings; nur ließ sich Alice das nicht gern sagen. »Es ist

wirklich schrecklich,« murmelte sie vor sich hin, »wie naseweis alle

diese Geschöpfe sind. Es könnte Einen ganz verdreht machen!«

Der Lackei schien dies für eine gute Gelegenheit anzusehen, seine

Bemerkung zu wiederholen, und zwar mit Variationen. »Ich werde hier

sitzen,« sagte er, »ab und an, Tage und Tage lang.«

»Was soll _ich_ aber thun?« fragte Alice.

»Was dir gefällig ist,« sagte der Lackei, und fing an zu pfeifen.

»Es hilft zu nichts, mit ihm zu reden,« sagte Alice außer sich, »er ist

vollkommen blödsinnig!« Sie klinkte die Thür auf und ging hinein.

Die Thür führte geradewegs in eine große Küche, welche von einem Ende

bis zum andern voller Rauch war; in der Mitte saß auf einem dreibeinigen

Schemel die Herzogin, mit einem Wickelkinde auf dem Schoße; die Köchin

stand über das Feuer gebückt und rührte in einer großen Kasserole, die

voll Suppe zu sein schien.

»In der Suppe ist gewiß zu viel Pfeffer!« sprach Alice für sich, so gut

sie vor Niesen konnte.

Es war wenigstens zu viel in der Luft. Sogar die Herzogin nieste hin und

wieder; was das Wickelkind anbelangt, so nieste und schrie es

abwechselnd ohne die geringste Unterbrechung. Die beiden einzigen Wesen

in der Küche, die nicht niesten, waren die Köchin und eine große Katze,

die vor dem Herde saß und grinste, sodaß die Mundwinkel bis an die Ohren

reichten.

[Illustration]

»Wollen Sie mir gütigst sagen,« fragte Alice etwas furchtsam, denn sie

wußte nicht recht, ob es sich für sie schicke zuerst zu sprechen, »warum

Ihre Katze so grinst?«

»Es ist eine Grinse-Katze,« sagte die Herzogin, »darum! Ferkel!«

Das letzte Wort sagte sie mit solcher Heftigkeit, daß Alice auffuhr;

aber den nächsten Augenblick sah sie, daß es dem Wickelkinde galt, nicht

ihr; sie faßte also Muth und redete weiter: --

»Ich wußte nicht, daß Katzen manchmal grinsen; ja ich wußte nicht, daß

Katzen überhaupt grinsen _können_.«

»Sie können es alle,« sagte die Herzogin, »und die meisten thun es.«

»Ich kenne keine, die es thut,« sagte Alice sehr höflich, da sie ganz

froh war, eine Unterhaltung angeknüpft haben.

»Du kennst noch nicht viel,« sagte die Herzogin, »und das ist die

Wahrheit.«

Alice gefiel diese Bemerkung gar nicht, und sie dachte daran, welchen

andern Gegenstand der Unterhaltung sie einführen könnte. Während sie

sich auf etwas Passendes besann, nahm die Köchin die Kasserole mit Suppe

vom Feuer und fing sogleich an, Alles was sie erreichen konnte nach der

Herzogin und dem Kinde zu werfen -- die Feuerzange kam zuerst, dann

folgte ein Hagel von Pfannen, Tellern und Schüsseln. Die Herzogin

beachtete sie gar nicht, auch wenn sie sie trafen; und das Kind heulte

schon so laut, daß es unmöglich war zu wissen, ob die Stöße ihm weh

thaten oder nicht.

»Oh, bitte, nehmen Sie sich in Acht, was Sie thun!« rief Alice, die in

wahrer Herzensangst hin und her sprang. »Oh, seine liebe kleine Nase!«

als eine besonders große Pfanne dicht daran vorbeifuhr und sie beinah

abstieß.

»Wenn Jeder nur vor seiner Thür fegen wollte,« brummte die Herzogin mit

heiserer Stimme, »würde die Welt sich bedeutend schneller drehen, als

jetzt.«

»Was kein Vortheil wäre,« sprach Alice, die sich über die Gelegenheit

freute, ihre Kenntnisse zu zeigen. »Denken Sie nur, wie es Tag und Nacht

in Unordnung bringen würde! Die Erde braucht doch jetzt vier und zwanzig

Stunden, sich um ihre Achse zu drehen --«

»Was, du redest von Axt?« sagte die Herzogin, »Hau' ihr den Kopf ab!«

Alice sah sich sehr erschrocken nach der Köchin um, ob sie den Wink

verstehen würde; aber die Köchin rührte die Suppe unverwandt und schien

nicht zuzuhören, daher fuhr sie fort: »Vier und zwanzig Stunden, glaube

ich; oder sind es zwölf? Ich --«

»Ach, laß mich in Frieden,« sagte die Herzogin, »ich habe Zahlen nie

ausstehen können!« Und damit fing sie an, ihr Kind zu warten und eine

Art Wiegenlied dazu zu singen, wovon jede Reihe mit einem derben Puffe

für das Kind endigte: --

»Schilt deinen kleinen Jungen aus,

Und schlag' ihn, wenn er niest;

Er macht es gar so bunt und kraus,

Nur weil es uns verdrießt.«

_Chor_

(in welchen die Köchin und das Wickelkind einfielen).

»Wau! wau! wau!«

Während die Herzogin den zweiten Vers des Liedes sang, schaukelte sie

das Kind so heftig auf und nieder, und das arme kleine Ding schrie so,

daß Alice kaum die Worte verstehen konnte: --

»Ich schelte meinen kleinen Wicht,

Und schlag' ihn, wenn er niest;

Ich weiß, wie gern er Pfeffer riecht,

Wenn's ihm gefällig ist.«

_Chor._

»Wau! wau! wau!«

»Hier! du kannst ihn ein Weilchen warten, wenn du willst!« sagte die

Herzogin zu Alice, indem sie ihr das Kind zuwarf. »Ich muß mich zurecht

machen, um mit der Königin Croquet zu spielen,« damit rannte sie aus dem

Zimmer. Die Köchin warf ihr eine Bratpfanne nach; aber sie verfehlte sie

noch eben.

Alice hatte das Kind mit Mühe und Noth aufgefangen, da es ein kleines

unförmliches Wesen war, das seine Arme und Beinchen nach allen Seiten

ausstreckte, »gerade wie ein Seestern,« dachte Alice. Das arme kleine

Ding stöhnte wie eine Locomotive, als sie es fing, und zog sich zusammen

und streckte sich wieder aus, so daß sie es die ersten Paar Minuten nur

eben halten konnte.

Alice's Abenteuer im Wunderland · 第 2 / 6 段