konnte, »es ist durchaus nicht erforderlich, daß Ihr mich verlasset.
Meine Besitzung braucht jetzt noch eben so viele Arbeiter, wie früher,
und eben so mein Haus. Aber Ihr seid jetzt freie Männer und freie
Weiber. Ich werde Euch Löhne für Eure Arbeit bezahlen, je nachdem wir
übereinkommen. Der Vortheil für Euch besteht darin, daß, im Falle ich in
Schulden gerathen, oder sterben sollte, Ihr nicht genommen und verkauft
werden könnt. Ich beabsichtige, die Bewirthschaftung meiner Besitzung
fortzusetzen, und Euch zu lehren, was Euch vielleicht einige Zeit zu
lernen kosten wird, -- nämlich, auf welche Weise Ihr von den Rechten
Gebrauch zu machen habt, die ich Euch als freien Menschen gebe. Ich
erwarte, daß Ihr gut sein und willig lernen werdet, und hoffe zu Gott,
daß ich gegen Euch treu und willig zu lehren sein werde. Und nun, meine
Freunde, blicket empor und danket Gott für den Segen der Freiheit!«
Ein alter Neger-Patriarch, der auf der Besitzung grau und blind geworden
war, stand jetzt auf, hob seine zitternden Hände empor, und sagte: »Laßt
uns dem Herrn danken!«
Als Alle niedergekniet waren, stieg aus der Tiefe dieses alten,
ehrlichen Herzens ein _Te Deum_ zum Himmel, wie es selbst beim Klange
der Orgel, der Glocken und Kanonen nie feierlicher gehört werden konnte.
Als Alle sich erhoben hatten, stimmte ein Anderer eine methodistische
Hymne an, deren Schlußvers war:
»Das Jubeljahr ist jetzt gekommen,
Kehrt Ihr, befreite Sünder, heim.«
»Noch Eins,« sagte Georg, indem er die Gratulationen der Menge
unterbrach. -- »Ihr alle erinnert Euch unseres guten, alten Onkel Tom?«
Hierauf gab Georg eine kurze Schilderung seiner Sterbescene, und
erwähnte des liebevollen Abschieds, den er ihm an Alle aufgetragen
hatte, und fügte hinzu:
»An seinem Grabe, meine Freunde, gelobte ich vor Gott, nie wieder einen
Sklaven zu besitzen, wenn es in meiner Macht stehe, ihn in Freiheit zu
setzen, um nie Jemanden durch mich der Gefahr auszusetzen, von seiner
Heimath und seinen Freunden losgerissen zu werden und auf einer einsamen
Plantage sterben zu müssen, wie er starb. So oft Ihr Euch also Eurer
Freiheit freut, so denkt daran, daß Ihr sie jener alten, guten Seele
verdankt, und zeigt Euch durch Liebe gegen seine Frau und Kinder dafür
erkenntlich. Gedenkt Eurer Freiheit, so oft Ihr ^Onkel Tom's Hütte^
seht, und laßt sie Euch daran erinnern, seinen Fußtapfen zu folgen, und
so redlich, so treu, so christlich zu sein, wie er war.«
Fünfundvierzigstes Kapitel.
Schlußbemerkungen.
Die Verfasserin hat oft von verschiedenen Seiten Anfragen darüber
erhalten, ob diese Erzählung wahre Thatsachen enthalte, und sie will
deshalb hierauf die nachfolgende allgemeine Antwort geben.
Die einzelnen Ereignisse, welche darin zusammengestellt worden, sind bis
zu einem hohen Grade authentisch, und haben sich entweder unter den
eignen Augen der Verfasserin, oder denen ihrer Freunde zugetragen. Sie
selbst oder ihre Freunde haben Gegenstücke zu fast allen Charakteren,
die hier geschildert worden sind, beobachtet, und viele der
eingeflochtenen Reden sind Wort für Wort wiedergegeben, wie sie von der
Verfasserin gehört oder ihr mitgetheilt worden sind.
Die persönliche Erscheinung Elisa's und der ihr beigelegte Charakter
sind nach dem Leben gezeichnet. Die unbestechbare Treue, Rechtlichkeit
und Frömmigkeit Tom's hat die Verfasserin in mehr als einem persönlichen
Beispiele selbst beobachtet. Ebenso haben mehrere der tragischsten und
schrecklichsten Ereignisse ihre Originalien in der Wirklichkeit. Die
Handlung der Mutter, welche über das Eis des Ohioflusses geht, ist eine
wohlbekannte Thatsache. Die Geschichte der »alten Prue« ereignete sich
unter der persönlichen Wahrnehmung eines Bruders der Verfasserin,
welcher Kassirer eines großen Handlungshauses in New Orleans war. Aus
derselben Quelle ist der Charakter des Pflanzers Legree entnommen
worden. Ueber ihn äußerte sich derselbe, indem er einen auf seiner
Pflanzung bei Gelegenheit einer Geschäftsreise abgestatteten Besuch
schildert, folgendermaßen: »Er ließ mich in der That seine Faust
befühlen, welche dem Hammer eines Grobschmieds glich, und sagte mir
dabei, daß sie vom ^Niederschlagen der Neger^ so hart geworden sei.«
Daß ebenso Tom's tragisches Schicksal mehr als ein Beispiel in der
Wirklichkeit hat, dafür gibt es im ganzen Lande zahlreiche lebendige
Zeugen. Man erinnere sich daran, daß es in allen südlichen Staaten ein
gesetzliches Princip ist, keine Person von farbiger Abkunft als Zeugen
gegen einen Weißen zuzulassen; und man wird deshalb leicht sehen, daß
ein solcher Fall sich überall ereignen kann, wo die Leidenschaften eines
Menschen die Rücksichten auf seinen Vortheil überwiegen, und ein Sklave
Männlichkeit und Festigkeit genug besitzt, seinem Willen zu widerstehen.
Es gibt in der That für einen Sklaven keinen andern Schutz, als den
Charakter seines Herrn.
Thatsachen, die zu schrecklich sind, um nur gelegentlich erwähnt zu
werden, bahnen sich ihren Weg gewaltsam zur Oeffentlichkeit, und die
Bemerkungen, die darüber gemacht werden, sind oft noch schrecklicher,
als die Sache selbst. Man hört die Aeußerung: »Kann wohl sein, daß
solche Dinge sich dann und wann zutragen, aber sie sind kein Beleg für
die allgemeine Praxis.« Wenn die Gesetze von Neu-England so beschaffen
wären, daß ein Meister dann und wann einen Lehrling zu Tode quälen
könnte, ohne die Möglichkeit, denselben zur Bestrafung zu ziehen, --
würde dies mit demselben Gleichmuthe angehört werden? Würde man sagen:
»Derartige Fälle sind selten und keine Belege für die allgemeine
Praxis?« Diese Ungerechtigkeit ist eine nothwendige Folge des
Sklavensystems, welches ohne dieselbe nicht bestehen kann.
Der öffentliche und schamlose Verkauf reizender Mulatten und
Quadroonmädchen hat durch diejenigen Ereignisse Oeffentlichkeit erlangt,
welche der Wegnahme der ›Perl‹ folgten. Wir entnehmen das Folgende aus
der Rede des Mr. Horace Mann, eines der gesetzlich bestellten
Vertheidiger der Angeklagten. Er sagt: »Unter den sechsundsiebzig
Personen, welche im Jahre 1848 in dem Schoner ›Perl‹ von Columbia zu
entfliehen suchten, und deren Offiziere ich zu vertheidigen bemüht war,
befanden sich mehrere junge und kräftige Mädchen, welche in Zügen und
Gestalt jene besonderen Reize besaßen, die von Kennern so hoch geschätzt
werden. Elisabeth Russel gehörte zu diesen. Sie fiel augenblicklich in
die Netze der Sklavenhändler, und wurde von ihnen für den Markt in
New-Orleans bestimmt. Die Herzen Aller, die sie sahen, wurden von
Mitleid für ihr Schicksal ergriffen. Man bot achtzehnhundert Dollar, um
sie loszukaufen, aber der Teufel von einem Sklavenhändler war
unerbittlich. Sie wurde nach New-Orleans abgeführt; allein während der
Reise erbarmte Gott sich ihrer und erlöste sie durch den Tod. Zwei
andere Mädchen, Namens Edmundson, befanden sich ebenfalls unter ihnen.
Als sie nach demselben Markte abgesendet werden sollten, kam eine ältere
Schwester derselben zur Fleischbank, um den Elenden, dem sie gehörten,
bei der Liebe Gottes anzuflehen, seiner Opfer zu schonen. Er verhöhnte
sie, und stellte ihr vor, was für schöne Kleider und Möbeln sie haben
würden. ›Ja,‹ entgegnete sie, ›das mag in diesem Leben ganz angenehm
sein, aber was wird in jenem Leben aus ihnen werden?‹ Sie wurden auch
nach New-Orleans abgeführt, aber später für eine ungeheure Summe
losgekauft und zurückgebracht.« Ergibt sich aus diesen Beispielen nicht
deutlich genug, daß die Schicksale Cassy's und Emmelinens zahlreiche
Gegenstücke haben werden?
Um gerecht zu sein, ist die Verfasserin auch genöthigt, zu bemerken, daß
die Freundlichkeit und der Edelmuth St. Clare's nicht ohne Parallelen
sind, wie sich aus der folgenden Thatsache ergibt. Vor mehreren Jahren
kam ein junger Gentleman aus dem Süden mit einem Lieblingssklaven, der
von seiner Kindheit an sein persönlicher Diener gewesen war, nach
Cincinnati. Letzterer machte von dieser Gelegenheit Gebrauch, sich seine
Freiheit zu verschaffen, und floh unter den Schutz eines Quäckers, der
im allgemeinen Rufe stand, sich derartigen Geschäften zu unterziehen.
Der Eigenthümer war empört. Er hatte den Sklaven stets mit großer
Nachsicht behandelt, und setzte ein so großes Vertrauen in seine
Anhänglichkeit zu ihm, daß er glaubte, er müsse nothwendig zu diesem
Schritte durch Andre verleitet worden sein. Er begab sich deshalb in
heftiger Aufregung zu dem Quäcker, aber wurde bald, da er ein Mann von
offenem und rechtlichem Sinne war, durch die Vorstellungen desselben
beschwichtigt. Er lernte hier die Sache von einer Seite betrachten, von
der er noch nie gehört, -- an die er noch nie gedacht hatte, und sagte
deshalb dem Quäcker sofort, daß, wenn sein Sklave ihm von Angesicht zu
Angesicht den Wunsch, frei zu werden, erklären wolle, er ihn frei lassen
werde. Die Zusammenkunft fand augenblicklich Statt, und Nathan wurde von
seinem jungen Herrn befragt, ob er irgend einen Grund habe, sich über
die von ihm zu Theil gewordene Behandlung zu beklagen?
»Nein, Master,« sagte Nathan, »Sie sind immer gut gegen mich gewesen.«
»Gut, weshalb willst Du mich also verlassen?«
»Master kann sterben, und wem falle ich dann zu? -- Ich möchte lieber
frei sein.«
Nach einiger Ueberlegung entgegnete der junge Mann: »Nathan, ich
glaube, ich würde an Deiner Stelle eben so denken. Du bist frei.«
Sofort fertigte er seine Entlassungsscheine aus, legte eine Summe Geldes
in die Hand des Quäckers, um ihm auf zweckmäßige Weise damit
fortzuhelfen, und ließ einen herzlichen und gefühlvollen Brief an den
jungen Mann zurück, in welchem er ihm gute Rathschläge für seinen neuen
Lebensweg ertheilte. Dieser Brief ist längere Zeit in den Händen der
Verfasserin gewesen.
Die Verfasserin hofft, daß sie der Menschenfreundlichkeit und dem
Edelmuthe volle Gerechtigkeit hat wiederfahren lassen, durch welche sich
oft einzelne Bewohner des Südens auszeichnen. Solche Beispiele bewahren
uns davor, an unserem Geschlechte ganz zu verzweifeln; aber wir fragen
Jeden, der die Welt kennt, ob solche Charaktere gewöhnlich sind?
Viele Jahre lang hat die Verfasserin durchaus vermieden, etwas über den
Gegenstand der Sklaverei zu lesen, oder seiner irgendwie Erwähnung zu
thun, weil es zu peinlich für sie war, Ermittelungen darüber
anzustellen, und sie der Ueberzeugung lebte, daß das sich immer mehr
ausbreitende Licht der Civilisation das ganze Institut bald verdrängen
werde; allein seit sie durch die Akte von 1850 zu ihrem größten
Erstaunen gehört hat, daß Menschen und Christen die Zurücklieferung der
Entflohenen in die Sklaverei als die Pflicht eines jeden guten Bürgers
empfehlen, -- seit sie überall in den nördlichen Freistaaten
menschenfreundliche, mitleidige und achtungswerthe Leute Versammlungen
und Berathschlagungen darüber hat halten sehen, was die Christenpflicht
in diesem Falle gebiete, -- konnte sie nur glauben, daß diese Menschen
und Christen keine klare Vorstellung von dem haben, was Sklaverei
wirklich ist; denn wenn sie sie besäßen, so hätte bei ihnen eine solche
Frage nie zur Berathung kommen können. Hieraus entstand der Wunsch, sie
zum Gegenstande einer lebendigen dramatischen Darstellung zu machen.
Die Verfasserin ist bemüht gewesen, sie in ihrem besten und
schlechtesten Lichte zu zeigen. In ersterer Beziehung ist es ihr
vielleicht gelungen: aber o! wer kann sagen, was in dem jenseitigen
Thale und unter seinen Todesschatten noch unerwähnt geblieben ist?
An Euch, Ihr edelherzigen, edelmüthigen Männer und Frauen des Südens, --
an Euch, deren Tugend, Hochherzigkeit und Reinheit des Charakters um so
größer sind, als Ihr gegen eine schwere Versuchung zu kämpfen habt, --
an Euch ergeht mein Ruf. Habt Ihr nicht in der Tiefe Eurer eignen Herzen
empfunden, in Eurem eignen Privatverkehr wahrgenommen, daß in diesem
fluchwürdigen Systeme viel größere Uebel und Leiden liegen, als hier hat
schwach geschildert werden können? Kann es anders sein? Ist der Mensch
ein Geschöpf, dem eine völlig unverantwortliche Gewalt anvertraut werden
darf? und macht das System der Sklaverei nicht dadurch, daß es dem
Sklaven die Fähigkeit Zeugniß abzulegen, versagt, jeden einzelnen
Besitzer von Sklaven zu einem Despoten ohne jede Verantwortlichkeit?
Kann irgend Jemand sich darüber täuschen, welche praktische Folgen
nothwendig daraus hervorgehen müssen? Wenn, was wir gern zugestehen,
unter Euch, Männern von Ehre, Menschlichkeit und Gerechtigkeit, ein
übereinstimmendes Gefühl herrscht, so frage ich Euch, herrscht nicht ein
solches andrer Art auch unter den schändlichen, rohen und entarteten
Menschen? Und kann nicht nach Eurem Sklaven-Gesetze der rohe, entartete
Mensch grade eben so viele Sklaven besitzen, wie der Beste unter Euch?
Bilden die ehrenwerthen, gerechten, mitleidigen und edelmüthigen
Menschen irgendwo in dieser Welt die Majorität?
Der Sklavenhandel wird jetzt nach amerikanischen Gesetzen als eine Art
Räuberei betrachtet; allein ein so systematischer Sklavenhandel, wie er
nur jemals an der Küste Afrika's betrieben wurde, ist eine nothwendige
Folge der in Amerika bestehenden Sklaverei. Und können ihre Gräuel und
ihr herzzerreißendes Elend geschildert werden?
Die Verfasserin hat nur ein schwaches Bild von der Angst und
Verzweiflung gegeben, die in diesem Augenblicke tausend Herzen
zerreißen, tausend Familien zerstören, und jene hülflose und gefühlvolle
Menschenklasse zu Wahnsinn und Verzweiflung treiben. Es gibt Viele,
denen aus eigner Wahrnehmung bekannt ist, daß durch diesen fluchwürdigen
Handel Mütter dazu getrieben worden sind, ihre eigenen Kinder zu
ermorden, und für sich selbst im Tode einen Schutz gegen Leiden zu
suchen, die für sie schrecklicher waren als der Tod. Es läßt sich nichts
so Tragisches schreiben, sagen oder vorstellen, was der furchtbaren
Wirklichkeit jener Scenen gleich käme, die sich täglich unter dem
Schutze des amerikanischen Gesetzes und dem Schatten des Kreuzes Christi
an unsern Küsten zutragen.
Und nun, Ihr Männer und Frauen Amerika's, ist dies ein Gegenstand, der
leicht genommen, entschuldigt oder mit Schweigen übergangen werden
könnte? Ihr Farmer vom Massachusetts, New-Hampshire, Vermont und
Connecticut, die Ihr dieses Buch beim Scheine Eures winterlichen Feuers
leset, -- Ihr muthigen, edelherzigen Seeleute vom Maine, -- ist dies
eine Sache, die Ihr unterstützen und befördern wollt? Ihr braven, edlen
Männer von New-York, Ihr Farmer des reichen und fröhlichen Ohio, und Ihr
in den weiten Prairie-Staaten, -- antwortet mir, ist dies eine Sache,
die Ihr vertheidigen wollt? Und Ihr, Mütter Amerika's, -- Ihr, die Ihr
an den Wiegen Eurer eignen Kinder gelernt habt das ganze
Menschengeschlecht zu lieben, -- bei der heiligen Liebe zu Euren eignen
Kindern, bei der Freude, die Ihr über ihre reine, schöne Kindheit
empfindet, bei der mütterlichen Liebe und Zärtlichkeit, mit der Ihr ihre
reifenden Jahre bewacht, bei der Sorge für ihre Erziehung, bei den
Gebeten, die Ihr für ihr unsterbliches Seelenheil zum Himmel sendet, --
beschwöre ich Euch, habt Mitleid für die Mutter, die alle Eure warmen
Empfindungen, und kein gesetzliches Recht hat, das Kind ihres Herzens zu
beschützen, zu leiten und zu erziehen! Bei der Sterbestunde Eures
Kindes, bei jenen brechenden Augen, die Ihr nie vergessen könnt, bei den
letzten Schreien, die Euer Herz zerrissen haben, wenn Ihr weder helfen
noch retten konntet, bei jener vereinsamten Wiege, bei jener verödeten
Kinderstube, -- beschwöre ich Euch, habt Mitleid mit jenen Müttern, die
fortwährend kinderlos werden durch den amerikanischen Sklavenhandel! Und
sagt mir, Ihr Mütter Amerika's, ist dies ein Gegenstand, der vertheidigt
oder mit Stillschweigen übergangen werden kann?
Wollt Ihr behaupten, daß die Bewohner der Freistaaten nichts damit zu
thun haben, und nichts dafür thun können? Wollte Gott, es wäre wahr!
Aber es ist nicht wahr. Die Bewohner der Freistaaten haben das System
vertheidigt, befördert, und selbst daran Theil genommen; sie sind vor
Gott sogar schuldiger als der Süden, da sie weder den Einfluß der
Erziehung noch der Sitte für sich haben.
Wenn die Mütter der Freistaaten in früheren Zeiten die Empfindungen und
Ansichten gehabt hätten, die sie hätten haben sollen, so würden die
Söhne der Freistaaten nicht Sklavenhalter, und, wie es sprüchwörtlich
geworden ist, die härtesten Herrn der Sklaven geworden sein; die Söhne
der Freistaaten würden nicht zur Verbreitung der Sklaverei mitgewirkt,
und nicht mit menschlichen Seelen und Körpern, wie sie thun, anstatt
Geldes gehandelt haben. Es gibt zahllose Sklaven, die von Kaufleuten der
nördlichen Städte zeitweise besessen und verkauft werden; und darf also
die ganze Schuld und Schmach der Sklaverei allein auf den Süden fallen?
Die Männer, Mütter und Christen des Nordens haben noch etwas mehr zu
thun, als ihre Brüder des Südens anzuklagen; sie haben das unter ihnen
selbst bestehende Uebel abzustellen.
Aber was kann eine einzelne Person thun? Darüber kann Jeder urtheilen.
Es gibt Etwas, das jedes Individuum thun kann, -- dafür sorgen, daß es
richtige Empfindungen hegt. Ein jedes menschliches Wesen ist von einer
Atmosphäre sympathetischen Einflusses umgeben, und Jeder, der gesunde,
kräftige und gerechte Empfindungen in Bezug auf die großen Interessen
der Menschheit hegt, wird stets ein Wohlthäter des menschlichen
Geschlechts sein. Sorgt also für Eure Empfindungen über diesen
Gegenstand. Sind sie in Uebereinstimmung mit den Gefühlen, die Christus
lehrte, oder sind sie durch die Sophistereien einer weltlichen Politik
auf Abwege gelenkt und verderbt worden?
Noch mehr, Ihr christlichen Männer und Weiber des Nordens! -- Ihr könnt
noch mehr thun! Ihr könnt beten! Glaubt Ihr an die Kraft des Gebetes?
oder ist es für Euch nur eine dunkle, apostolische Tradition geworden?
Ihr betet für die Heiden im Auslande; betet auch für die Heiden in Eurem
Vaterlande; und betet für die unglücklichen Christen, deren Fortschritte
in der Religion einzig und allein von Zufälligkeiten im Handel und
Wandel abhängig sind, und für die jedes Festhalten an der Moral des
Christenthums häufig eine Unmöglichkeit ist, wenn sie nicht von oben
herab mit dem Muthe des Märtyrerthums begnadigt worden sind.
Aber noch mehr. An den Küsten unserer freien Staaten sammeln sich die
armen, verstreuten Ueberbleibsel zerrissener Familien, -- Männer und
Weiber, die durch wunderbare Fügungen der Vorsehung aus der Sklaverei
entkommen sind, -- schwach im Wissen, und meistens auch zu Grunde
gerichtet in ihrem moralischen Zustande, und zwar durch ein System,
welches jedes Princip des Christenthums und der Morallehre entstellt und
verwirrt. Sie kommen, um eine Zuflucht bei Euch zu suchen, um Erziehung,
Unterricht und Christenthum zu suchen.
Was seid Ihr diesen Unglücklichen schuldig, o Christen? Hat nicht jeder
amerikanische Christ die Verbindlichkeit gegen das afrikanische
Geschlecht, nach Kräften das Unrecht wieder gut zu machen, welches die
amerikanische Nation über das Letztere gebracht hat? Sollen ihnen die
Thüren der Kirchen und Schulhäuser verschlossen werden? Sollen die
Staaten sich erheben und sie hinaustreiben? Soll die Kirche Christi
schweigend den Hohn mit anhören, der auf sie geworfen wird, soll sie vor
der hülflosen Hand zurückweichen, die Jene ausstrecken, und durch ihr
Schweigen die Grausamkeit gut heißen, die sie aus unsern Gränzen
vertreiben möchte? Wenn dies geschehen muß, so wird es ein trauriges
Schauspiel sein. Wenn dies geschehen muß, so wird das Land Ursache haben
zu zittern, sobald es daran denkt, daß das Schicksal der Völker in der
Hand Eines liegt, der mitleidig und barmherzig ist.
Sagt Ihr vielleicht: »Wir wollen sie nicht hier haben, -- sie mögen nach
Afrika gehen?«
Daß die Vorsehung Gottes ihnen einen Zufluchtsort in Afrika eröffnet
hat, ist allerdings ein großer und wichtiger Umstand, aber es ist kein
Grund, der die Kirche Christi von der Verantwortlichkeit gegen diesen
ausgestoßenen Stamm entbindet, welche ihr Glaube ihr zur Pflicht macht.
Wollte man Liberia mit einem unwissenden, unerfahrenen, halb
barbarischen Geschlechte anfüllen, welches so eben erst den Ketten der
Sklaverei entlaufen ist, so würde es nur dazu dienen, die Dauer des
Kampfes zu verlängern, der den Anfang jedes neuen Unternehmens
begleitet. Die Kirche des Nordens möge diese armen Leidenden im Geiste
Christi bei sich aufnehmen, sie der Wohlthaten einer christlich
republikanischen Gesellschaft und ihrer Schulen theilhaftig machen, und,
wenn sie eine gewisse moralische und intellektuelle Reife erlangt haben,
ihnen behülflich zu der Uebersiedelung nach jenen Küsten sein, wo sie
den in Amerika angefangenen Unterricht praktisch anwenden können.
Es gibt im Norden einen verhältnißmäßig kleinen Verein von Männern,
welche dies bereits gethan haben, und in Folge dessen hat unser Land
bereits Beispiele von Männern aufzuweisen, die früher Sklaven gewesen
sind, und sich schnell Vermögen, Ruf und Bildung erworben haben. Talente
sind entwickelt worden, die unter Berücksichtigung der Umstände,
Bewundrung verdienen; und in Zügen von Rechtlichkeit, Herzensgüte,
Zartheit der Empfindungen, -- heroischer Aufopferung und
Selbstverläugnung; um Brüder und Angehörige, die noch in der Sklaverei
waren, zu befreien, -- haben sich diese Menschen in einem Grade
ausgezeichnet, der unter Berücksichtigung des Einflusses, unter dem sie
geboren wurden, Staunen erregen muß.
Die Verfasserin hat viele Jahre lang an der Gränze der Sklavenstaaten
gelebt, und vielfach Gelegenheit gehabt, solche Personen zu beobachten,
die früher Sklaven gewesen waren. Sie sind Dienstboten in ihrer Familie
gewesen, und haben, in Ermangelung einer andern Schule, häufig denselben
Unterricht mit ihren Kindern genossen. Mit ihren Erfahrungen stimmen die
Ansichten der in Canada unter den flüchtigen Sklaven lebenden Missionäre
vollkommen überein, so daß die daraus zu ziehenden Folgerungen über die
Bildungsfähigkeit des Geschlechts in hohem Grade ermuthigend sind.
Das erste Verlangen des emancipirten Negers steht in der Regel nach
Unterricht. Es gibt nichts, was sie nicht willig geben würden, um ihre
Kinder unterrichtet zu sehen; und so weit die Beobachtung der
Verfasserin selbst geht, und das Zeugniß der Lehrer reicht, welche sie
unterrichtet haben, besitzen sie eine ungewöhnliche Fassungsgabe. Die
Ergebnisse der in Cincinnati für sie von wohlthätigen Individuen
gegründeten Schulen bestätigen dies vollkommen.
Die Verfasserin läßt hier die nachstehenden Angaben rücksichtlich der
jetzt in Cincinnati lebenden, emancipirten Sklaven folgen, und stützt
sich dabei auf die Autorität des Professors C. E. Stowe, am Lane Seminar
zu Ohio, um zu zeigen, was die diesem Geschlechte angehörigen
Individuen, selbst ohne besonderen Beistand, zu leisten vermögen. Es
sind hier nur die Anfangsbuchstaben der Namen gegeben, und sämmtliche
hier angedeutete Personen wohnen in Cincinnati.
»B--. Tischler; zwanzig Jahre in der Stadt; besitzt an Vermögen
zehn tausend Dollar, die er selbst erworben hat, und gehört der
Baptisten Gemeinde an.«
»C--. Ganz schwarz; gestohlen in Afrika und in New-Orleans
verkauft; ist seit fünfzehn Jahren frei; bezahlte selbst
sechshundert Dollar für sich; ist Farmer, und besitzt mehrere
Farmgrundstücke in Indiana; gehört der presbyterianischen Kirche
an, und hat ein selbst erworbenes Vermögen von fünfzehn bis
zwanzig tausend Dollar.«
»K--. Ganz schwarz; ist vierzig Jahre alt, Gütermäkler, seit sechs
Jahren frei, und besitzt ungefähr dreißig tausend Dollar. Er
bezahlte achtzehn hundert Dollar für seine Familie, ist Mitglied
der Baptisten-Gemeinde, und empfing von seinem Herrn ein Legat,
welches er in Acht genommen und vermehrt hat.«