»Das ist recht,« sagt der Vater, »verlaß Dich immer auf Dich selbst,

mein Sohn. Du hast mehr Aussicht, als Dein armer Vater jemals hatte.«

In diesem Augenblick wird ein Klopfen an der Thür gehört, und Elisa geht

und öffnet sie. Das freudige: »Wie! -- Sie sind es?« ruft den Mann

herbei, und der gute Pastor von Amherstberg wird bewillkommt. Zwei

andere Frauenzimmer begleiten ihn, welche Elisa zum Sitzen einladet.

Wenn wir die Wahrheit sagen sollen, so hatte der gute Pastor ein kleines

Programm entworfen, nach welchem sich diese Angelegenheit entwickeln

sollte; und auf dem Wege dahin hatten Alle sich gegenseitig ermahnt,

vorsichtig zu sein und nichts vor der Zeit zu verrathen, sondern der

getroffenen Verabredung getreu zu bleiben. Wie groß war daher des guten

Mannes Bestürzung, als gerade in dem Augenblicke, wo er sein Taschentuch

hervorzog, um seinen Mund abzuwischen, und seine Einleitungsrede in

guter Ordnung beginnen wollte, Madame de Thoux den ganzen Plan

vereitelte, indem sie ihre Arme um Georg's Hals schlang und Alles durch

die Worte verrieth: »O Georg! kennst Du mich nicht? Ich bin Deine

Schwester Emilie!«

Cassy hatte sich mit mehr Fassung niedergesetzt, und würde ihre Rolle

wahrscheinlich sehr gut durchgeführt haben, wenn nicht plötzlich die

kleine Elisa grade in derselben Gestalt, mit denselben Zügen und Locken

vor ihr erschienen wäre, wie sie ihre Tochter hatte, als sie sie zum

letzten Male sah. Das kleine Wesen schaute ihr in's Gesicht, und Cassy

fing sie in ihren Armen, drückte sie an ihren Busen und rief, was sie in

diesem Augenblicke wirklich glaubte: »Mein Liebling, ich bin Deine

Mutter!«

Es war in der That eine schwierige Aufgabe, gehörige Ordnung wieder

herzustellen; allein endlich gelang es dem guten Pastor doch, Alle zur

Ruhe zu bringen, und seine Rede zu halten, mit der er die Sache hatte

eröffnen wollen, welche eine solche Wirkung äußerte, daß seine

sämmtliche Zuhörerschaft in ein Schluchzen ausbrach, das jeden Redner,

älterer oder neuerer Zeit, befriedigt haben würde. Sie knieten zusammen

nieder, und der gute Mann betete, -- denn es gibt Gefühle so gewaltiger

Art, daß sie nur dann Ruhe finden können, wenn sie in den Busen der

allmächtigen Liebe ausgegossen werden; -- und sodann erhoben sich die

Mitglieder der neugefundenen Familie, und umarmten einander mit heiligem

Vertrauen zu ihm, der sie aus solchen Gefahren, und auf so dunklen Wegen

hier zusammengeführt hatte.

Das Tagebuch eines Missionärs unter den canadischen Flüchtlingen enthält

wahre Thatsachen, die wunderbarer sind als Erfindungen irgend einer Art.

Wie kann es anders sein, wo ein System besteht, welches die Familien

zerreißt und ihre Mitglieder zerstreut, wie der Wind die Blätter des

Herbstes zerstreut? Diese Küsten vereinigen oft, wie die der Ewigkeit,

Herzen, die schon lange Jahre um einander als verloren getrauert hatten;

und unbeschreiblich rührend ist der Eifer, mit dem jeder neue Ankömmling

von ihnen empfangen wird, um zu hören, ob er vielleicht Nachrichten von

Mutter, Schwester, Kind oder Weib bringe, die noch in der Nacht der

Sklaverei schmachten. Größere Heldenthaten werden hier vollbracht, als

im Romane geschildert werden können, wenn der Flüchtling, den Martern

und selbst dem Tode trotzend, freiwillig zu den Schrecken und Gefahren

jenes dunklen Landes zurückkehrt, um seine Mutter, seine Schwester oder

seine Frau zu erretten.

Ein junger Mann, von dem uns ein Missionär erzählte, war zweimal wieder

gefangen worden, und hatte die schrecklichsten Mißhandlungen erduldet,

als er zum dritten Male entfloh; und zeigte seinen Freunden in einem

Briefe an, der uns vorgelesen worden ist, daß er zum dritten Male

zurückkehre, um endlich seine Schwester zu befreien. Ist dieser Mensch

ein Held oder ein Verbrecher? Wer würde nicht dasselbe für seine

Schwester thun? Wer kann ihn tadeln?

Aber wir müssen zu unsern Freunden zurückzukehren, die wir verließen,

als sie ihre Augen trockneten, und sich von einer zu großen und zu

plötzlichen Freude erholten. Jetzt sitzen sie um den gastlichen Tisch,

und beginnen ganz ernstlich gesellig zu werden; nur daß Cassy, welche

die kleine Elisa auf ihrem Schooße hält, das kleine Wesen zuweilen auf

eine Weise drückt, welche dasselbe in Erstaunen setzt, und sich

hartnäckig weigert, sich den Mund in einem solchen Maaße mit Kuchen

stopfen zu lassen, wie die Kleine es wünscht, -- indem sie sagt, worüber

sich das Kind in hohem Grade wundert, daß sie etwas Besseres als Kuchen

habe und dessen nicht bedürfe.

Und in der That ist mit Cassy in Zeit von zwei bis drei Tagen eine

solche Veränderung vorgegangen, daß unsere Leser sie kaum kennen würden.

Der verzweifelnde, wilde Ausdruck des Gesichts ist dem eines sanften

Vertrauens gewichen. Sie scheint auf einmal in den Busen der Familie zu

sinken, und die Kleinen in ihr Herz zu schließen, wie Etwas, worauf sie

lange gewartet hat. Wirklich schien ihre Liebe sich mehr der kleinen

Elisa, als ihrer Tochter zuzuwenden; denn sie war das getreue Abbild des

Kindes, welches sie verloren hatte. Das kleine Wesen war ein Blumenband

zwischen Mutter und Tochter, durch welches Bekanntschaft und Zuneigung

wieder aufwuchsen. Elisa's beständige, durch fortwährendes Lesen der

heiligen Schrift geregelte Frömmigkeit machte sie zu einer geeigneten

Führerin für das zerrissene Gemüth ihrer Mutter. Cassy war schnell und

von ganzem Herzen für jeden guten Einfluß empfänglich, und wurde eine

aufrichtige und andächtige Christin.

Nach einigen Tagen machte Madame de Thoux ihrem Bruder genauere

Mittheilungen über ihre Verhältnisse. Der Tod ihres Mannes hatte sie in

den Besitz eines bedeutenden Vermögens gesetzt, welches sie großmüthig

mit der Familie zu theilen sich erbot. Als sie Georg fragte, auf welchem

Wege sie es am Besten für ihn verwenden könne, antwortete er ihr:

»Verleihe mir Bildung, Emilie; danach hat immer mein Herz verlangt. Dann

kann ich alles Uebrige thun.«

Nach reiflicher Ueberlegung wurde beschlossen, daß die ganze Familie auf

einige Jahre nach Frankreich gehen solle, wohin sie alsbald abreiste und

Emmeline mitnahm. Das hübsche Aeußere der Letzteren erweckte die Liebe

des ersten Steuermanns auf dem Schiffe, und Emmeline wurde bald nach dem

Einlaufen in den Hafen sein Weib.

Georg blieb vier Jahre auf einer französischen Universität, und erlangte

durch unermüdlichen Fleiß eine gründliche Bildung. Die politischen

Unruhen Frankreichs bewogen endlich die Familie, von Neuem eine Zuflucht

in diesem Lande zu suchen. Georg's Empfindungen und Ansichten als eines

gebildeten Mannes lassen sich am Besten aus einem an seine Freunde

gerichteten Briefe entnehmen:

»Ich bin noch nicht ganz einig mit mir über mein zukünftiges

Verhalten. Zwar könnte ich mich, wie Sie mir sagten, in die Kreise

der Weißen in diesem Lande mischen, da meine eigene Farbe so hell

und die meiner Frau und Familie kaum bemerkbar ist. Kann sein, ich

würde vielleicht dort geduldet werden. Aber um die Wahrheit zu

sagen, ich mag es nicht thun.«

»Meine Sympathien gehören nicht dem Geschlechte meines Vaters,

sondern dem meiner Mutter. Ihm galt ich nicht mehr als ein schöner

Hund oder ein schönes Pferd; aber meiner armen Mutter mit ihrem

gebrochenen Herzen war ich ein Kind; und obgleich ich sie nach

jenem grausamen Verkaufe, der uns trennte, nie wieder sah, bis sie

starb, so weiß ich doch, daß sie mich innig liebte. Ich weiß es

durch mein eignes Herz. Wenn ich an alles das denke, was sie

litt, an meine eignen frühen Leiden, an die Schmerzen und Kämpfe

eines heldenmüthigen Weibes, an meine Schwester, die in

New-Orleans auf dem Sklavenmarkte verkauft wurde, -- so darf ich,

ohne unchristliche Empfindungen zu haben, sagen, daß ich nicht für

einen Amerikaner gelten, oder mich mit ihm identificiren möchte.«

»Das unterdrückte, in Ketten geschlagene afrikanische Geschlecht

ist es, zu dem ich mich hingezogen fühle; und wenn ich etwas

wünschen sollte, so wäre es eher, daß ich um zwei Schattirungen

dunkler, als um eine heller wäre.«

»Der Wunsch und das Sehnen meines Herzens richtet sich auf eine

afrikanische ^Nationalität^. Ich verlange nach einem Volke,

welches eine erkennbare, besondre Existenz für sich selbst hat;

und wo soll ich das finden? Nicht in Hayti, denn dort hatten sie

keine Grundlage für den Anfang. Ein Strom kann sich nicht über

seine Quelle erheben. Das Geschlecht, welches den Charakter der

Haytier bildete, war ein entkräftetes, verweichlichtes, und wird

deßhalb natürlich Jahrhunderte gebrauchen, um sich nur zu Etwas zu

erheben.«

»Wo soll ich also suchen? An den Küsten Afrika's sehe ich eine

Republik, -- die von auserlesenen Männern gebildet ist, welche

sich durch Energie und selbstbildende Kraft in vielen Fällen

individuell über den Zustand der Sklaverei erhoben haben. Nachdem

diese Republik durch ein vorbereitendes Stadium von Schwäche

gegangen ist, ist sie endlich eine anerkannte Nation der Erde

geworden, -- anerkannt von Frankreich und England. Dahin wünsche

ich zu gehen, um ein Volk für mich zu finden.«

»Ich weiß wohl, daß ich Sie jetzt alle gegen mich haben werde;

aber ehe Sie mich verdammen, hören Sie mich! Während meines

Aufenthaltes in Frankreich habe ich mit großem Interesse die

Geschichte meines Volkes in Amerika studirt. Ich habe den Kampf

zwischen dem Abolitions- und Colonisationssysteme beobachtet, und

als entfernter Zuschauer einige Wahrnehmungen gemacht, die ich als

Theilnehmer nicht würde haben machen können. Ich gebe zu, daß

dieses Liberia allen Zwecken gedient haben mag, indem es in den

Händen unserer Unterdrücker gegen uns gebraucht wurde. Ohne

Zweifel ist der Plan auf unverantwortliche Weise zur Verzögerung

unserer Emancipation gebraucht worden; aber meine Frage ist: Giebt

es nicht einen Gott, der über allen Plänen erhaben ist! Kann er

nicht ihre Absichten beherrscht, und durch sie eine Nation für uns

gegründet haben?«

»In der jetzigen Zeit wird eine Nation in einem Tage geboren. Eine

Nation erhebt sich jetzt mit allen den großen Problemen der

Civilisation und republikanischen Lebens fertig zur Hand. Sie hat

nicht mehr zu entdecken, sondern nur anzuwenden. Laßt uns also

alle mit aller Kraft zusammenhalten, und sagen, was wir in diesem

neuen Unternehmen vermögen, und der ganze Continent Afrika's wird

sich uns und unsern Kindern öffnen. Unsere Nation wird die Fluth

der Civilisation und des Christenthums über seine Küsten ergießen,

und mächtige Republiken gründen, die, mit der Schnelligkeit

tropischer Vegetation aufwachsend, für alle kommenden Jahrhunderte

bestehen werden.«

»Sagen Sie, daß ich meine in der Sklaverei schmachtenden Brüder

vergesse? Ich glaube nicht. Wenn ich sie eine Stunde, einen

Augenblick meines Lebens vergesse, so möge Gott mich vergessen!

Aber was kann ich hier für sie thun? Kann ich ihre Ketten

zerbrechen? Nein, nicht als Individuum; aber lassen Sie mich gehen

und ein Theil einer Nation werden, welche eine Stimme in dem Rathe

der Völker erlangen wird, und dann können wir reden. Eine Nation

hat das Recht, die Sache ihres Stammes zu besprechen, zu

vertreten, -- was ein Individuum nicht kann.«

»Wenn Europa jemals eine große Versammlung freier Nationen wird,

-- wie ich zu Gott hoffe, -- wenn darin Knechtschaft und alle

ungerechten, drückenden, socialen Ungleichheiten aufgehoben worden

sind; und wenn sie, wie England und Frankreich bereits gethan

haben, unsere Stellung anerkennen, -- dann wollen wir in dem

großen Congreß der Nationen unsere Stimme hören lassen, und die

Sache unseres geknechteten, leidenden Stammes zur Sprache bringen;

und es ist unmöglich, daß das freie, aufgeklärte Amerika dann

nicht den schwarzen Fleck von seinem Wappenschilde vertilgen

sollte, der es schändet, und ein eben so großer Fluch für das Land

selbst wie für seine Sklaven ist.«

»Aber Sie werden mir sagen, daß unser Stamm dasselbe Recht habe,

in der amerikanischen Republik zu leben, wie der Irländer, der

Deutsche, der Schwede, und ich gestehe das zu. Wir ^sollten^ die

Freiheit haben, dort zu leben, uns durch unsern individuellen

Werth, ohne Rücksicht auf Kaste oder Farbe, zu heben; und

Diejenigen, welche uns dieses Recht versagen, sind ihren eigenen

Grundsätzen von menschlicher Gleichheit ungetreu. Wir sollten

insbesondre hier zugelassen werden; denn wir haben ein größeres

Recht als das der gewöhnlichen Menschen ist: wir haben die

Ansprüche eines verletzten Stammes auf Entschädigung. Allein, ich

mache keine Ansprüche darauf; ich will ein eignes Land, eine

eigene Nation haben. Ich glaube, daß der afrikanische Stamm

besondere Eigenschaften hat, die noch unter dem Lichte der

Civilisation und des Christenthums entwickelt werden müssen, und

die, wenn es nicht dieselben sind, welche der angelsächsische

Stamm besitzt, in moralischer Beziehung vielleicht nur noch höher

stehen.«

»Dem angelsächsischen Stamme sind die Geschicke der Welt während

der Periode ihres Ringens und Kämpfens anvertraut gewesen, und zu

dieser Mission waren seine strengen, unbeugsamen, energischen

Elemente wohl geeignet; aber als ein Christ sehe ich einer andern

Aera entgegen. Ich hoffe, daß wir an ihren Gränzen stehen, und daß

die Schmerzen, von denen die Nationen jetzt zerrissen werden, nur

die Geburtswehen einer Stunde sind, welche uns allgemeinen Frieden

und allgemeine Brüderschaft bringen wird.«

»Ich hoffe, daß die Entwickelung Afrika's vorzugsweise eine

christliche sein wird. Wenn der eingeborene Stamm kein

herrschender und gebietender ist, so ist er wenigstens ein

gefühlvoller, großherziger und vergebender. Da er in den Glühofen

der Ungerechtigkeit und Unterdrückung gesunken ist, so muß er jene

erhabene Lehre der Liebe und Vergebung um so fester in sein Herz

schließen, als er durch sie allein siegen kann, und ihre

Verbreitung über den Continent Afrika's die ihm aufgetragene

Mission ist.«

»Ich selbst bin, wie ich gestehen muß, schwach in diesem Punkte,

denn die eine Hälfte meines Blutes ist das heiße, hitzige,

sächsische; aber ich habe in der Person meines schönen Weibes

einen beredten Prediger des Evangeliums an meiner Seite. Wenn ich

mich verirre, führt mich ihr sanfterer Geist stets zurück, und

hält meinen Augen den christlichen Beruf unseres Geschlechtes vor.

Ich gehe als ein christlicher Patriot, als ein Lehrer des

Christenthums nach ^meinem Vaterlande^ -- meinem erwählten,

glorreichen Afrika! auf das ich in meinem Herzen oft jene

herrlichen Worte der Prophezeiung anwende: -- »Sintemalen Du

verlassen und verhaßt gewesen, so daß Niemand von Dir wissen

wollen, will ich Dich zu ewigem Ruhme erheben, und zur Freude

vieler Geschlechter!««

»Sie werden mich einen Enthusiasten nennen, und werden mir sagen,

daß ich das nicht reiflich überlegt habe, was ich zu unternehmen

im Begriffe stehe; aber ich habe überlegt und die Kosten

berechnet. Ich gehe nach Liberia, nicht wie nach einem

romantischen Elysium, sondern wie nach einem Felde der Arbeit.

Ich rechne darauf, mit beiden Händen dort zu arbeiten, -- schwer

zu arbeiten; gegen alle Arten Schwierigkeiten und Entmuthigungen

zu arbeiten, -- und zu arbeiten, bis ich sterbe. Das ist der Zweck

meines Gehens, und ich bin überzeugt, daß ich darin nicht werde

getäuscht werden.«

»Was Sie auch immer von meinem Entschlusse denken mögen, entziehen

Sie mir deßhalb Ihr Vertrauen nicht, und sein Sie überzeugt, daß

ich bei Allem, was ich thue, mit einem Herzen handle, welches ganz

meinem Volke angehört.«

»Georg Harris.«

Einige Wochen später schiffte sich Georg mit seinem Weibe, seinen

Kindern, seiner Schwester und Mutter nach Afrika ein. Wenn wir uns nicht

täuschen, wird die Welt dort noch von ihm hören.

Von unsern übrigen Personen haben wir nichts Besonderes mehr zu

erwähnen, ausgenommen ein Wort in Beziehung auf Miß Ophelia und Topsy,

und ein Schlußkapitel, welches wir Georg Shelby widmen wollen.

Miß Ophelia nahm Topsy mit sich nach Vermont, und zwar zum großen

Erstaunen derjenigen ernsten und bedächtigen Personen, welche ein

Neu-Engländer unter dem Ausdrucke: »Unsere Leute« versteht. »Unsere

Leute« waren anfangs der Meinung, daß Topsy eine seltsame und unnöthige

Vergrößerung ihres wohlgeregelten Haushaltes sei; allein so erfolgreich

war Miß Ophelien's gewissenhaftes Streben, ihre Pflicht gegen ihren

Zögling zu thun, daß das Kind schnell bei der Familie und der

Nachbarschaft in Gunst und Gnade zunahm. Als sie das Alter der

Jungfräulichkeit erreicht hatte, wurde sie auf ihren eigenen Wunsch

getauft, wurde ein Mitglied der christlichen Gemeinde des Ortes, und

verrieth so viel Verstand, Thätigkeit, Eifer und Verlangen, Gutes in

der Welt zu wirken, daß sie endlich als Missionärin zu einer der

Stationen in Afrika empfohlen und bestätigt wurde; und wir haben gehört,

daß dieselbe Thätigkeit und Empfindungsgabe, welche sie in ihrer

Kindheit so unstät in ihrer Entwickelung machte, jetzt zu einem

heilsameren Zwecke, dem Unterrichte der Kinder ihres eigenen

Vaterlandes, verwendet wird.

_P. S._ Es wird für manche Mutter eine Genugthuung sein, wenn wir

erwähnen, daß die von der Madame de Thoux veranlaßten Nachforschungen

den Erfolg gehabt haben, Cassy's Sohn aufzufinden. Als ein junger,

energischer Mann war es ihm schon mehrere Jahre vor seiner Mutter

geglückt, zu entfliehen, und hatte bei Freunden der Unterdrückten im

Norden Aufnahme gefunden und seine Erziehung erhalten. Er wird nächstens

seiner Familie nach Afrika nachfolgen.

Vierundvierzigstes Kapitel.

Der Befreier.

Georg Shelby hatte nur eine Zeile an seine Mutter geschrieben, um ihr

den Tag seiner Ankunft anzuzeigen. Von der Sterbescene seines alten

Freundes sagte er kein Wort, -- er hatte nicht den Muth dazu. Mehrmals

hatte er versucht, aber nichts erreicht, als daß ihm vor Wehmuth der

Athem stockte, und endete jedesmal damit, daß er das Papier zerriß, sich

die Augen trocknete, und vom Sitze aufsprang, um wieder ruhig zu

werden.

An jenem Tage fand, in Erwartung der Ankunft des jungen Master Georg, im

ganzen Shelby'schen Hause eine muntere Bewegung Statt. Mrs. Shelby saß

in ihrem bequem eingerichteten Wohnzimmer, wo ein gemüthliches Feuer die

Kühle des Herbstabends verjagte, und in der Mitte ein Abendtisch mit

Tellern und geschliffenen Gläsern gedeckt stand, dessen Anordnung unsere

alte Freundin Chloe besorgte. Angethan mit einem neuen Kattunkleide,

einer reinen, weißen Schürze und einem hohen, wohl gestärkten Turbane,

glänzte ihr schwarz polirtes Gesicht von innerer Zufriedenheit, während

sie mit unnöthiger Genauigkeit in ihren Geschäften am Tische fortfuhr,

und sich derselben als Vorwand bediente, um mit ihrer Mistreß ein wenig

plaudern zu können.

»Sehen Sie, nun! wird's ihm nicht ganz natürlich scheinen?« sagte sie.

»Hier, da, -- ich setze seinen Teller hin, wo er am liebsten sitzt, --

hier beim Feuer. Master Georg hat gern 'nen warmen Sitz. O, gehn Sie mir

doch! -- warum hat Sally denn nicht die ^beste^ Theekanne genommen, --

die kleine neue, die Master Georg zu Weihnachten für Missis gekauft hat?

-- Will sie holen! -- Und Missis hat von Master Georg einen Brief

bekommen?« fügte sie fragend hinzu.

»Ja, Chloe, aber nur eine Zeile, die weiter nichts enthielt, als daß er

heut Abend hier eintreffen werde, wenn es ihm möglich sei.«

»Hat wohl nichts gesagt von meinem alten Mann?« fuhr Chloe fort, sich

noch immer mit den Theetassen beschäftigend.

»Nein, er hat gar nichts von ihm erwähnt, Chloe. Er sagte nur, er würde

Alles erzählen, wenn er hier wäre.«

»Ganz wie Master Georg; -- er muß immer Alles selbst erzählen. Habe das

immer an Master Georg bemerkt. Weiß gar nicht, ich, wie die weißen Leute

so viel schreiben können, als sie gewöhnlich thun; -- schreiben ist so

'ne langsame, mühselige Arbeit.«

Mrs. Shelby lächelte.

»Denke, mein alter Mann wird die Jungens und 's Kleine gar nicht mehr

kennen. Herr! sie ist nun ein großes Mädchen, jetzt -- und gut ist sie

auch, und munter, Polly. Sie ist jetzt im Hause, und paßt auf die Kuchen

auf. Habe grade den rechten Teig gemacht, wie ihn mein alter Mann so

gern ißt; grade so wie damals, an dem Morgen, wo er fortgebracht wurde.

Gott sei mir gnädig! wie mir damals zu Muthe war!«

Mrs. Shelby seufzte, und fühlte bei diesen Worten eine schwere Last auf

ihr Herz fallen. Sie hatte vom ersten Augenblicke, wo sie ihres Sohnes

Brief erhalten, eine ängstliche Unruhe darüber empfunden, daß hinter

diesem Schleier des Schweigens noch Etwas verborgen sein möchte.

»Missis hat doch die Banknoten?« fragte Chloe besorgt.

»Ja, Chloe.«

»Weil ich meinem alten Manne gerne dieselben Noten zeigen möchte, die

mir der Kuchenbäcker gegeben hat. Und dann sagte er: ›Chloe, ich

wollte, Du bliebst länger hier.‹ ›Dank' Ihnen, Master,‹ sagt' ich,

›ich thät's gern, aber mein alter Mann kommt nach Hause, und Missis --

sie kann mich nicht länger entbehren.‹ Das hab' ich ihm gesagt. War ein

sehr guter Mann, dieser Master Jones.«

Chloe hatte hartnäckig darauf bestanden, daß dieselben Noten, in denen

ihr Lohn ausgezahlt worden war, aufbewahrt werden sollten, um sie ihrem

Manne als Beweis ihrer Geschicklichkeit zu zeigen; und Mrs. Shelby hatte

gern eingewilligt.

»Er wird Polly gar nicht mehr kennen, -- mein alter Mann. Herr! 's ist

nun just fünf Jahre, daß sie ihn weg holten! Damals war sie noch ganz

klein, -- konnte kaum stehen. Weiß noch, wie ängstlich er immer war,

wenn sie laufen wollte und immer hin fiel.«

Jetzt wurde das Rasseln von Rädern hörbar.

»Master Georg!« sagte Tante Chloe, an's Fenster eilend.

Mrs. Shelby lief nach der Thür, und befand sich gleich darauf in den

Armen ihres Sohnes. Tante Chloe stand ängstlich dabei und suchte mit

ihren Augen in der Dunkelheit.

»Meine ^arme^ Tante Chloe!« sagte Georg, mitleidig vor ihr stehen

bleibend und ihre harte, schwarze Hand in die seinige nehmend: »ich

hätte mein ganzes Vermögen darum gegeben, wenn ich ihn hätte mitbringen

können; aber er ist in ein besseres Land gegangen.«

Mrs. Shelby stieß einen Schrei aus, aber Tante Chloe sagte nichts.

Alle traten hierauf in das Wohnzimmer, wo das Geld noch auf dem Tische

lag, auf welches Chloe so stolz gewesen war.

»Da,« sagte sie, es zusammenraffend und mit zitternder Hand ihrer

Mistreß hinhaltend, -- »will nichts weiter davon sehen und hören. Grade

so, wie ich mir dachte, daß es kommen würde, -- verkauft und umgebracht

auf den alten Plantagen!«

Chloe wandte sich um und schritt stolz zum Zimmer hinaus. Mrs. Shelby

ging ihr nach, nahm sie sanft bei der Hand und zog sie auf einen Stuhl

nieder, und setzte sich zu ihr.

»Meine arme, gute Chloe!« sagte sie.

Chloe lehnte ihren Kopf an die Schulter ihrer Mistreß, und schluchzte

laut: »O Missis, verzeihen Sie mir, -- mein Herz bricht.«

»Ich weiß es,« entgegnete Mrs. Shelby, »und ich kann es nicht heilen,

aber Jesus kann es. ›Er heilet, die zerbrochenen Herzens sind, und

verbindet ihre Schmerzen.‹«

Eine Zeit lang herrschte tiefes Schweigen, und Alle weinten. Endlich

setzte sich Georg neben die Trauernde, ergriff ihre Hand, und schilderte

mit einfachen, aber gefühlvollen Worten ihres Mannes triumphirende

Sterbescene und seine letzten Aufträge der Liebe.

Etwa einen Monat später wurden eines Morgens alle Sklaven der

Shelby'schen Besitzung in die große Halle des Hauses zusammenberufen, um

einige Worte von ihrem jungen Herrn zu hören.

Zum Erstaunen Aller erschien er mit einem großen Bündel Papiere in der

Hand, welche die Freilassungsscheine jedes Einzelnen enthielten, die er

nach der Reihe vorlas, und sodann unter Thränen und Schluchzen aller

Anwesenden aushändigte. Viele drängten sich um ihn und baten ihn

flehend, mit ängstlichen Gesichtern, und indem sie ihre

Freilassungsscheine zurückreichten, sie nicht fortzuschicken.

»Wir wollen nicht freier sein, als wir sind. Wir haben immer Alles

gehabt, was wir brauchten. Wir wollen den alten Platz nicht verlassen,

und Master und Missis und alles Uebrige.«

Onkel Tom's Hütte(#69977) · 第 20 / 22 段