Leidenschaft gezügelt. Die Gegenwart des Menschen war Georg nur
widerlich und er fühlte nur das Verlangen, mit so wenig Worten wie
möglich von ihm abzukommen.
Indem er sein scharfes, dunkles Auge auf Legree heftete, sagte er
einfach, indem er auf den Todten hindeutete: »Ihr habt Alles aus ihm
heraus, was Ihr habt herausbekommen können. Was soll ich Euch für den
Körper zahlen? Ich will ihn mit mir nehmen und anständig beerdigen.«
»Ich verkaufe keinen todten Nigger,« sagte Legree finster. »Ihr könnt
ihn begraben, wo und wann Ihr wollt.«
»Burschen,« sagte Georg in einem befehlenden Tone zu zwei oder drei
Negern, welche um den Leichnam standen, »helft mir ihn zu meinem Wagen
tragen; und verschafft mir einen Spaten.«
Einer von ihnen lief nach einem Spaten; die andern beiden halfen Georg
den Körper nach dem Wagen tragen.
Georg sprach weder mit Legree, noch sah er denselben an; und dieser gab
keine Gegenbefehle, sondern stand pfeifend da mit der Miene erzwungener
Unbekümmertheit, und folgte ihnen trotzig zum Wagen, der am Thor stand.
Georg breitete seinen Mantel im Wagen aus und legte den Körper
sorgfältig hinein, indem er den Sitz so ordnete, daß Platz gewonnen
wurde. Dann drehte er sich um, heftete das Auge auf Legree und sagte mit
erzwungener Ruhe:
»Ich habe Euch noch nicht gesagt, was ich von dieser scheußlichen
Angelegenheit denke; dies ist nicht Zeit und Ort. Aber diesem
unschuldigen Blute muß Gerechtigkeit werden. Ich will diesen Mord
veröffentlichen. Ich werde zur nächsten Behörde gehen und Euch
anklagen.«
»Das könnt Ihr!« sagte Legree, verächtlich mit den Fingern schnippend.
»Ich möchte das wohl sehen. Woher wollt Ihr Zeugen nehmen? -- Wie wollt
Ihr es beweisen? He?«
Georg sah sogleich, wie wohl begründet dieses Trotzbieten war. Es war
kein Weißer am Orte; und in allen südlichen Gerichtshöfen hat das
Zeugniß der Farbigen keinen Werth. Ihm war in dem Augenblicke, als könne
er den Himmel zerreißen mit seines Herzens empörtem Rufe nach
Gerechtigkeit; aber vergebens.
»Aber was für Geschrei um einen todten Nigger!« sagte Legree.
Das Wort wirkte wie ein Funke in einer Pulverkammer. Vorsicht war nie
eine Haupttugend des Kentucky'schen Jünglings. Georg drehte sich um und
schmetterte mit einem wüthenden Schlage Legree zu Boden; und als er über
ihm stand, schäumend vor Zorn und Wuth, hätte er kein unpassendes Bild
seines großen Namensvetters abgegeben, wie derselbe über den Drachen
triumphirt.
Einige Leute werden indeß entschieden dadurch gebessert, daß sie zu
Boden geschlagen werden. Wenn Jemand dieselben ehrlich und redlich in
den Staub streckt, scheinen sie sogleich Achtung vor ihm zu bekommen;
und Legree gehörte zu diesen. Als er sich daher erhob und den Staub von
seinen Kleidern strich, schaute er dem langsam sich entfernenden Wagen
mit sichtlicher Achtung nach; auch that er den Mund nicht eher auf, als
bis ihm derselbe aus dem Gesichte war.
Jenseits der Grenzen der Pflanzung hatte Georg einen trockenen, sandigen
Hügel bemerkt, der von wenigen Bäumen beschattet war; dort gruben sie
das Grab.
»Sollen wir den Mantel abnehmen, Herr?« sagten die Neger, als das Grab
fertig war.
»Nein, nein: begrabt ihn damit. Es ist Alles, was ich Dir jetzt geben
kann, armer Tom, und Du sollst ihn haben.«
Sie legten ihn hinein, und die Leute schaufelten ihn still zu. Sie
häuften einen Hügel auf und legten grüne Rasen darauf.
»Ihr könnt nun gehen, Jungens,« sagte Georg, indem er jedem ein
Geldstück in die Hand drückte. Sie zögerten aber.
»Wenn Master so gut sein wollte, uns zu kaufen --« sagte der Eine.
»Wir wollten so treu dienen!« sagte der Andere.
»Schlechte Zeiten hier, Master!« sagte der Erste. »Kauft uns doch,
Master, kauft uns!«
»Ich kann nicht! -- Ich kann nicht,« sagte Georg mit schwerem Herzen,
indem er sie fortdrängte, »es ist unmöglich!«
Die armen Kerle machten niedergeschlagene Gesichter und gingen
schweigend fort.
»Bezeuge mir, ewiger Gott,« sagte Georg, indem er am Grabe seines armen
Freundes knieete, »o, bezeuge mir, daß ich von dieser Stunde an Alles
thun will, ^was ein Mensch kann^, um diesen Fluch der Sklaverei aus
meinem Vaterlande zu verbannen!«
Kein Denkmal bezeichnet die letzte Ruhestätte unseres Freundes. Er
bedarf keines. Sein Gott weiß, wo er liegt, und wird ihn zur
Unsterblichkeit erwecken, um mit ihm zu erscheinen, wenn er in seiner
Herrlichkeit erscheinen wird.
Bemitleide ihn nicht! Solch' ein Leben und Tod sind nicht zu
bemitleiden. Nicht in der Fülle von Allmacht ist der höchste Ruhm Gottes
zu finden, sondern in der selbstverleugnenden, duldenden Liebe. Und
gesegnet sind Die, welche er zur Gemeinschaft mit sich ruft, und ihr
Kreuz ihm nachtragen in Geduld. Von denen steht es geschrieben:
»Gesegnet sind die Traurigen, denn sie sollen getröstet werden.«
Zweiundvierzigstes Kapitel.
Eine wirkliche Geistergeschichte.
Aus irgend einem besondern Grunde waren Geistergeschichten um diese Zeit
ungewöhnlich im Schwunge unter den Dienstboten auf Legree's Gute.
Man flüsterte sich zu, daß Fußtritte um Mitternacht die Dachstubentreppe
herabgekommen und im Hause umher gehört worden seien. Vergebens hatte
man die Thüre des obern Einganges geschlossen; der Geist trug entweder
einen Nachschlüssel in der Tasche, oder bediente sich des unverjährbaren
Vorrechtes der Geister, durch das Schlüsselloch zu kommen, und ging nach
wie vor mit beunruhigender Freiheit im Hause umher.
Die Ansichten waren einigermaßen getheilt über die Gestalt des Geistes,
nach der unter Negern -- und so viel wir wissen, auch unter Weißen --
vorherrschenden Sitte, unveränderlich die Augen zu schließen, und den
Kopf unter der Bettdecke, Unterröcken, oder was sonst bei dergleichen
Gelegenheiten zum Schutze gebraucht zu werden pflegt, zu verbergen.
Natürlich ist, wie Jedermann weiß, das geistige Auge besonders scharf
und durchdringend, sobald die leiblichen Augen außer Thätigkeit gesetzt
sind; und deshalb gab es eine Menge Portraits des Geistes in voller
Lebensgröße, die bezeugt und beschworen wurden, und, wie es oft mit
Portraiten der Fall ist, keine andre Aehnlichkeit mit einander hatten,
als die Familienähnlichkeit des ganzen Geistergeschlechts, -- ein weißes
Gewand.
Sei dem wie ihm wolle, wir haben besondre Gründe, zu wissen, daß eine
große Figur in einem weißen Gewande allnächtlich zur echten
Geisterstunde um Legree's Wohnung schritt, durch Thüren ging, das Haus
umschlich, -- zuweilen verschwand, dann wieder erschien, und jene
einsame Treppe hinauf in den verrufenen Boden ging; und daß am nächsten
Morgen alle Thüren eben so fest verschlossen gefunden wurden, wie zuvor.
Legree mußte nothwendig dies Geflüster hören, und es regte ihn um so
mehr auf, je mehr Mühe man sich gab, es ihm zu verhehlen. Er trank mehr
Brandwein, als gewöhnlich, trug seinen Kopf hoch und fluchte lauter als
jemals bei Tage. Aber er hatte böse Träume, und die Erscheinungen, die
sich an seinem Bette zeigten, waren nichts weniger als angenehm. Am
Abende, nachdem Tom's Leichnam fortgeschafft worden war, ritt er nach
der nächsten Stadt zu einem Zechgelage. Er kam spät und ermüdet nach
Hause, verschloß seine Thür, zog den Schlüssel aus, und ging zu Bett.
Mag ein Mensch sich auch noch so viel Mühe geben, seine Seele
einzuschläfern, sie ist für einen bösen Menschen doch ein entsetzlich
gespenstiges Besitzthum. Wer kennt ihre Grenzen? Wer kennt alle ihre
Ahnungen, ihre Schauer, ihr Beben, die sie eben so wenig unterdrücken
kann, wie ihre eigne Ewigkeit überleben! Welcher Thor ist Derjenige, der
seine Thür verschließt, um Geister abzuhalten, und in seinem eignen
Busen einen Geist trägt, dem er nicht zu begegnen wagt, -- dessen
Stimme, obgleich unterdrückt durch Berge von Weltlichkeit, dennoch wie
die warnende Stimme des jüngsten Gerichtes ertönt!
Aber Legree verschloß seine Thür, und setzte einen Stuhl davor; er
stellte seine Lampe zu Häupten des Bettes, und legte seine Pistolen
daneben. Er untersuchte den Verschluß der Fenster, und schwur dann, »daß
er sich nicht vor dem Teufel und allen seinen Engeln fürchte,« und legte
sich schlafen.
Wohl, er schlief, denn er war müde, -- er schlief fest. Endlich aber
breitete sich über seinen Schlaf ein Schatten, ein Schrecken, eine
Ahnung von etwas Entsetzlichem, was über ihm schwebe. Er hielt es für
das Sterbehemd seiner Mutter, aber Cassy hielt es empor, und zeigte es
ihm. Er hörte ein verworrenes Geräusch von Schreien und Stöhnen; und
dennoch wußte er, daß er schlief, und bemühte sich, wach zu werden.
Endlich wurde er halb wach, und glaubte mit Bestimmtheit zu erkennen,
daß Etwas in sein Zimmer komme. Er wußte, daß die Thür offen war, aber
er konnte weder Hand noch Fuß rühren. Endlich wendete er sich mit einer
plötzlichen Anstrengung um. Die Thür war geöffnet, und er sah eine Hand
sein Licht auslöschen.
Es war eine trübe, nebelige Mondnacht, und doch sah er es! -- etwas
Weißes, was herein schlich! Er hörte das leise Rauschen der gespenstigen
Gewänder. Es stand an seinem Bette still; -- eine kalte Hand berührte
die seinige; eine Stimme sagte dreimal in leisem, schrecklichen
Flüstern: »Komm'! komm'! komm'!« Und während er vor Schrecken in Schweiß
gebadet da lag, bemerkte er nicht, wann und wie die Erscheinung wieder
verschwand. Er sprang aus dem Bette, und riß an der Thür. Sie war fest
verschlossen, und der Mann stürzte ohnmächtig zu Boden.
Von dieser Zeit an wurde Legree ein stärkerer Trinker als je zuvor. Er
trank nicht mehr mit Vorsicht und Besonnenheit, sondern ohne Grenze und
Maaß. Bald nachher verbreitete sich in der Umgegend das Gerücht, daß er
krank sei und dem Tode nahe. Unmäßigkeit hatte jene schreckliche
Krankheit erzeugt, welche die düstern Schatten einer kommenden
Vergeltung auf dieses Leben zurückzuwerfen scheint. Niemand konnte die
Schrecken jenes Krankenzimmers ertragen, wenn er raste und schrie, und
von Gesichten sprach, die das Blut Derjenigen, die ihn hörten, erstarren
ließ; und an seinem Sterbebette stand eine ernste, weiße, unerbittliche
Gestalt, die ihm zurief: »Komme! komme! komme!«
Durch ein sonderbares Zusammentreffen wurde nach derselben Nacht, in der
Legree diese Erscheinung hatte, die Hausthür am Morgen offen gefunden;
und einige Neger hatten zwei weiße Gestalten die Allee hinab der
Landstraße zugehen sehen.
Es war kurz vor Sonnenaufgang, als Cassy und Emmeline einen Augenblick
in einem kleinen Gehölze in der Nähe der Stadt anhielten. Cassy war nach
der Mode spanischer Creolinnen gekleidet, -- ganz schwarz. Ein kleiner,
schwarzer Hut, der mit einem dicht gestickten Schleier bedeckt war,
verbarg ihr Gesicht. Nach getroffener Uebereinkunft sollte sie auf der
Flucht die Rolle einer vornehmen Creolin spielen, und Emmeline für ihre
Dienerin gelten.
Da Cassy sich von früher Jugend an in den höchsten Gesellschaftskreisen
bewegt hatte, so harmonirten ihre Sprache, ihre Bewegungen, ihr ganzes
Wesen mit dieser Idee; und sie hatte von ihrer einst glänzenden
Garderobe noch genug bewahrt, um diese Rolle mit äußerem Anstande und
mit Erfolg spielen zu können.
In der Vorstadt kaufte sie an einem ihr bekannten Orte einen hübschen
Reisekoffer, und ersuchte den Mann, ihr denselben nachtragen zu lassen;
und auf diese Weise von dem Burschen, der ihren Koffer karrte, und
Emmelinen, welche eine Reisetasche und verschiedene andre Effekten trug,
gefolgt, erschien sie vor dem kleinen Gasthofe wie eine Dame von Stande.
Die erste Person, welche ihr nach ihrer Ankunft daselbst auffiel, war
Georg Shelby, der daselbst das nächste Boot erwartete. Cassy hatte den
jungen Mann aus ihrem Verstecke auf dem Boden bemerkt, und ihn den
Leichnam Tom's fortschaffen sehen, und mit geheimer Freude sein
Zusammentreffen mit Legree beobachtet. Späterhin hatte sie aus den
Unterhaltungen der Neger, die sie behorchte, wenn sie Nachts in ihrer
gespenstigen Verkleidung umher schlich, erfahren, wer er war, und in
welchem Verhältniß er zu Tom stand. Aus diesem Grunde fühlte sie sich
augenblicklich durch eine Art Vertrauen zu ihm hingezogen, als sie sah,
daß er gleich ihr das nächste Boot erwarte.
Cassy's Haltung und ganzes Aeußere, so wie die ihr zu Gebote stehenden
Geldmittel verdrängten im Gasthofe jede Möglichkeit eines Verdachtes.
Die Leute untersuchen nie zu genau die Verhältnisse solcher Personen,
die in dem Hauptpunkte, einer guten Zahlung, befriedigend sind, was
Cassy vorher gewußt zu haben schien, als sie sich mit Gelde versah.
Gegen Abend näherte sich ein Boot, und Georg Shelby geleitete Cassy mit
einer Höflichkeit an Bord, die jedem Eingeborenen von Kentucky natürlich
ist, und bemühte sich, ihr eine gute Cajüte zu verschaffen.
Cassy blieb während der ganzen Zeit, daß sie auf dem rothen Flusse
waren, unter dem Vorwande von Krankheit in ihrem Zimmer und ihrem Bette,
und wurde mit dem dienstfertigsten Eifer von ihrer Begleiterin bedient.
Als sie den Mississipppi erreichten, und Georg in Erfahrung brachte, daß
die fremde Dame denselben Weg aufwärts den Fluß wie er nehme, machte er
ihr den Vorschlag, eine Cajüte für sie auf demselben Boote nehmen zu
dürfen, auf dem er zu fahren beabsichtigte, -- indem er in seiner
Gutmüthigkeit Mitleid für ihre schwache Gesundheit hegte, und ihr so
viel Beistand wie möglich zu leisten wünschte.
Wir sehen deshalb die ganze Gesellschaft wohlbehalten auf das gute
Dampfboot Cincinnati übergehen, welches unter Leitung einer gewaltigen
Dampfsäule den Fluß hinauf arbeitet.
Cassy's Gesundheit hatte sich bedeutend gebessert. Sie saß auf dem
Verdeck, kam zu Tische, und wurde von Allen auf dem Boote für eine Dame
gehalten, die sehr schön gewesen sein müsse.
Vom ersten Augenblicke an, wo Georg ihr Gesicht gewahrte, fiel ihm eine
jener flüchtigen, und dunklen Aehnlichkeiten auf, die wohl fast jedem
Menschen begegnet sind. Er konnte sich nicht enthalten, sie fortwährend
anzusehen und zu beobachten. Sie mochte bei Tische, oder in der Thür
ihrer Kajüte sitzen, immer begegnete sie den auf ihr ruhenden Augen des
jungen Mannes, der seine Blicke jedoch sogleich abwandte, sobald er in
ihrem Gesichte bemerkte, daß sie sich von ihm beobachtet fühlte.
Cassy wurde unruhig. Sie begann zu fürchten, daß er Verdacht geschöpft
habe, und beschloß deshalb endlich, sich seinem Edelmuthe gänzlich
anzuvertrauen, und theilte ihm ihre ganze Geschichte mit.
Georg war gern geneigt, für Jeden Sympathie zu empfinden, der von
Legree's Plantage entflohen war, -- einem Orte, an den er nicht ohne
Aufregung denken konnte, -- und er versprach ihr deshalb mit jener
muthigen, seinem Alter eigenthümlichen Nichtbeachtung aller möglichen
Folgen, daß er sie mit allen seinen Kräften unterstützen und
durchbringen wolle.
Das nächste, an Cassy's Kajüte stoßende Gemach war von einer
französischen Dame, Namens de Thoux, bewohnt, welche sich in Begleitung
einer schönen, kleinen Tochter, einem Mädchen von ungefähr zwölf Jahren,
befand. Diese Dame, welche aus Georg's Unterhaltung entnommen hatte, daß
er aus Kentucky gebürtig war, schien offenbar geneigt, seine
Bekanntschaft zu machen, worin sie durch die Anmuth ihrer kleinen
Tochter unterstützt wurde, die ein so niedliches, kleines Spielwerk war,
als nur je eins die Langeweile einer vierzehntägigen Fahrt auf dem
Dampfboote vertrieb.
Georgs Stuhl befand sich oft an der Thür ihrer Kajüte, und Cassy konnte,
wenn sie auf dem Verdecke saß, ihre Unterhaltung hören.
Madame de Thoux befragte ihn sehr umständlich über Kentucky, wo sie, wie
sie sagte, in einer frühern Periode ihres Lebens gewohnt hatte; und
Georg entdeckte zu seinem großen Erstaunen, daß ihr früherer Aufenthalt
in der Nähe seiner eignen Besitzung gewesen sein müsse, denn ihre Fragen
verriethen eine Bekanntschaft mit Leuten und Dingen in jener Gegend, die
ihn förmlich in Verwundrung setzte.
»Kennen Sie,« sagte Madame de Thoux eines Tages, »einen Mann in Ihrer
Nachbarschaft, der den Namen Harris führt?«
»Es gibt dort einen Menschen dieses Namens, der nicht weit von der
Besitzung meines Vaters wohnt; allein wir haben nie Umgang mit ihm
gehabt,« entgegnete Georg.
»Er besitzt, glaube ich, eine große Anzahl Sklaven,« fuhr Madame de
Thoux in einer Weise fort, die mehr Interesse verrieth, als sie schien
sehen lassen zu wollen.
»Ja, ich glaube,« entgegnete Georg, überrascht durch ihr Wesen.
»Haben Sie jemals davon gehört, -- vielleicht haben Sie davon gehört,
daß er einen Mulattenburschen Namens Georg besaß?«
»O gewiß -- Georg Harris -- ich kenne ihn recht wohl. Er heirathete eine
Sklavin meiner Mutter, aber ist jetzt nach Canada entflohen.«
»Ist er entflohen?« sagte Madame de Thoux schnell. »Gott sei gedankt!«
Georg richtete einen fragenden Blick auf sie, aber sagte nichts.
Madame de Thoux stützte ihren Kopf in die Hand und brach in Thränen aus.
»Er ist mein Bruder,« sagte sie.
»Madame!« rief Georg mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens.
»Ja,« entgegnete Madame de Thoux stolz, ihren Kopf empor richtend und
ihre Thränen trocknend, -- »Mr. Shelby, Georg Harris ist mein Bruder!«
»Ich bin im höchsten Grade erstaunt,« sagte Georg, indem er seinen Stuhl
zurückschob und Madame de Thoux betrachtete.
»Ich wurde nach dem Süden verkauft, als er noch ein Knabe war,« sagte
sie, »und von einem guten, menschenfreundlichen Manne gekauft. Er nahm
mich mit sich nach den westindischen Inseln, gab mir meine Freiheit und
heirathete mich. Erst vor Kurzem starb er, und ich wollte nach Kentucky
gehen, um zu sehen, ob ich meinen Bruder loskaufen könne.«
»Ich habe ihn von einer Schwester Emilie sprechen hören, die nach Süden
verkauft wurde,« sagte Georg.
»Ja, das bin ich,« entgegnete Madame de Thoux. -- »Bitte, sagen Sie mir,
was für ein --«
»Ein sehr hübscher, junger Mann,« erwiederte Georg, »ungeachtet des
Fluches der Sklaverei, der auf ihm lastete. Er erwarb sich stets in
Bezug auf Intelligenz und Grundsätze die besten Zeugnisse. Ich kenne ihn
deßhalb,« fügte er hinzu, »weil er in unsere Familie geheirathet hat.«
»Was für ein Mädchen?« fragte Madame de Thoux eifrig.
»Einen wahren Schatz,« entgegnete Georg; -- »ein schönes, kluges,
liebenswürdiges und sehr frommes Mädchen. Meine Mutter hatte sie fast so
sorgsam auferzogen, als wenn sie ihre eigene Tochter gewesen wäre. Sie
konnte lesen und schreiben, sehr schön, und sticken, und sang
vortrefflich.«
»Wurde sie in Ihrem Hause geboren?« fragte Madame de Thoux.
»Nein. Mein Vater kaufte sie auf einer seiner Reisen nach New-Orleans
und brachte sie meiner Mutter als Geschenk mit. Sie mochte damals acht
oder neun Jahre alt sein. Vater wollte uns nie sagen, wie viel er für
sie gegeben hatte; allein vor Kurzem, als wir seine alten Papiere
durchsahen, fanden wir den Verkaufsbrief. Er hatte eine ungeheure Summe
für sie bezahlt, ich glaube, mit Rücksicht auf ihre ungewöhnliche
Schönheit.«
Georg saß mit dem Rücken gegen Cassy gewendet, und konnte deßhalb die
gespannte Aufmerksamkeit ihrer Züge nicht bemerken, während er diese
Details mittheilte. Bei diesem Punkte der Erzählung berührte sie seinen
Arm und sagte mit einem vor ängstlicher Spannung bleich gewordenen
Gesichte: »Kennen Sie den Namen der Leute, von denen sie gekauft wurde?«
»Ein Mann Namens Simmons, glaube ich, war die Hauptperson in dem
Geschäfte; wenigstens, denke ich, stand dieser Name im Verkaufsbriefe.«
»O mein Gott!« rief Cassy, und fiel bewußtlos auf den Boden der Kajüte.
Georg war im höchsten Grade überrascht, und ebenso Madame de Thoux.
Obgleich keines von Beiden errathen konnte, was die Ursache ihrer
Ohnmacht sei, so machten sie doch allen, in solchen Fällen gewöhnlichen,
Tumult; -- Georg stieß in dem Eifer seiner Menschenfreundlichkeit ein
Waschbecken um und zerbrach zwei Gläser; und mehrere andere Damen, die
davon gehört hatten, daß Jemand in Ohnmacht gefallen sei, drängten sich
um die Thür, und hielten alle frische Luft ab, so viel sie konnten; so
daß, im Ganzen genommen, Alles geschah, was nur erwartet werden konnte.
Arme Cassy! Als sie wieder zu sich kam, lehnte sie ihr Gesicht gegen die
Wand und weinte und schluchzte wie ein Kind. Vielleicht weißt Du, o
Mutter, woran sie dachte, vielleicht auch nicht; aber sie fühlte in
dieser Stunde, daß Gott ihr gnädig gewesen sei, und daß sie ihre Tochter
wieder sehen werde, -- wie mehrere Monate später geschah, -- als -- doch
wir greifen vor.
Dreiundvierzigstes Kapitel.
Ergebnisse.
Der Rest unserer Geschichte ist bald erzählt. Georg Shelby, der, wie
jeder andere junge Mann an seiner Stelle, durch das Romantische des
Falles und seine eigenen menschenfreundlichen Gefühle bewogen,
besonderes Interesse an dieser Angelegenheit genommen hatte, sendete
Cassy den Verkaufsbrief über Elisa, dessen Datum und Name mit ihrer
eigenen Kenntniß der Umstände übereintraf, und also keinen Zweifel über
die Identität ihres Kindes zurückließ. Es kam jetzt nur noch darauf an,
die Spur der Flüchtlinge zu verfolgen.
Sie und Madame de Thoux, die auf diese Weise durch die seltsame
Berührung ihrer Schicksale zusammengeführt worden waren, begaben sich
sofort nach Canada, und begannen hier ihre Nachforschungen auf den
Stationen, wo die zahlreichen Flüchtlinge aus der Sklaverei
untergebracht werden.
In Amherstberg fanden sie den Missionär, bei dem Georg und Elisa nach
ihrer ersten Ankunft in Canada ein Unterkommen gefunden hatten; und
durch ihn wurden sie in den Stand gesetzt, der Familie nach Montreal zu
folgen.
Georg und Elisa waren jetzt seit fünf Jahren frei. Georg hatte
fortwährende Beschäftigung in der Werkstatt eines achtbaren Maschinisten
gefunden, wo er einen hinreichenden Unterhalt für seine Familie erwarb,
die sich inzwischen um eine Tochter vermehrt hatte. Der kleine Harry, --
ein hübscher, munterer Knabe, -- war in eine gute Schule gebracht
worden, und machte schnelle Fortschritte.
Der würdige Geistliche der Station in Amherstberg, wo Georg zuerst
gelandet war, hatte so großen Antheil an den Mittheilungen der Madame de
Thoux und Cassy's genommen, daß er den Bitten der Ersteren nachgab, sie
zum Zwecke ihrer Nachforschungen bis nach Montreal zu begleiten.
Die Scene verwandelt sich jetzt in eine kleine niedliche Wohnung in den
Vorstädten von Montreal. Es ist Abend. Ein lustiges Feuer brennt auf dem
Heerde; der Theetisch ist mit einem weißen Tuche bedeckt, und steht zum
Abendessen bereit. In der einen Ecke des Zimmers befindet sich ein
Tisch, der mit einem grünen Tuche überzogen ist, und auf dem man
Schreibzeug, Papier und Federn bemerkt, während über demselben ein Brett
mit einer ausgesuchten Sammlung von Büchern angebracht ist. Dies war
Georg's Studirzimmer. Derselbe Eifer für Belehrung, der ihn dazu
antrieb, die von ihm so sehr ersehnten Künste des Lesens und Schreibens
sich heimlich, unter den Mühseligkeiten und Demüthigungen seines
früheren Lebens anzueignen, vermochte ihn auch jetzt, alle seine
Mußestunden zu seiner Ausbildung zu verwenden.
In diesem Augenblicke sitzt er am Tische, und ist damit beschäftigt,
Auszüge aus einem Bande der Familienbibliothek zu machen, den er gelesen
hat.
»Komm', Georg,« sagt Elisa, »Du bist den ganzen Tag aus dem Hause
gewesen. Lege jetzt Dein Buch bei Seite, und laß uns zusammen plaudern,
während ich den Thee bereite.«
Und die kleine Elisa unterstützt die Bitte, indem sie zu ihrem Vater
herum getrippelt kömmt und ihm das Buch aus der Hand zu ziehen versucht,
um sich an dessen Stelle auf sein Knie niederzulassen.
»O Du kleine Hexe!« sagt Georg nachgebend, wie ein Mann unter solchen
Umständen immer muß.
»Das ist recht,« sagt Elisa, während sie das Brod zu schneiden beginnt.
Sie ist etwas älter geworden, ihre Gestalt etwas voller, und ihre Miene
etwas matronenhafter; aber zufrieden und glücklich scheint sie zu sein.
»Harry, mein Junge, wie bist Du heut mit Deiner Rechnung fertig
geworden?« fragt Georg, während er seine Hand auf des Sohnes Kopf legt.
Harry hat seine Locken verloren; aber er kann nie jene Augen und
Augenlider verlieren, und die schöne, kühne Stirne, die von Triumph
strahlt, während er antwortet: »Ich habe sie ^ganz allein^ gemacht,
und ^Niemand^ hat mir geholfen!«