Gesellschaft von den benachbarten Pflanzungen mit Hunden und Flinten zu
versammeln, den Sumpf zu umstellen und die Jagd systematisch zu
betreiben. Wenn es gelänge, gut; wenn nicht, so wollte er Tom vor sich
fordern, und ^dann^ -- er knirschte mit den Zähnen und sein Blut
siedete -- ^dann^ wollte er den Burschen niederbrechen, oder -- und
seine Seele antwortete auf ein gräßliches innerliches Geflüster.
Man sagt, daß der ^Vortheil^ des Herrn ein hinreichender Schutz für
den Sklaven sei. In der Wuth des tollen Willens verkauft der Mensch
wissentlich und mit offnen Augen seine eigne Seele dem Teufel, um zu
seinem Zwecke zu gelangen; und wird er für seines Nächsten Leib mehr
Sorge tragen?
»Nun,« sagte Cassy am nächsten Tage, als sie von der Dachkammer aus
durch das Astloch spähte, »die Jagd wird heute wieder anfangen!«
Drei bis vier Reiter galoppirten auf dem Platze vor dem Hause umher; und
mehrere Koppeln fremder Hunde sträubten sich gegen die Neger, welche
dieselben hielten, und bellten sich einander an.
Zwei der Leute waren Aufseher in benachbarten Pflanzungen; die Andern
gehörten zu Legree's Genossen in der Schenke einer benachbarten Stadt,
welche der Reiz der Jagd hergezogen hatte. Eine rohere Rotte konnte man
sich nicht vorstellen. Legree schenkte Brandwein im Ueberflusse unter
sie wie unter die Neger aus, welche von verschiedenen Pflanzungen zu
dieser Dienstleistung gestellt worden waren, denn es war Gebrauch, jeden
derartigen Dienst für die Neger so viel als möglich zu einem Festtage zu
machen.
Cassy legte das Ohr an das Astloch; und da die Morgenluft gerade auf das
Haus zu wehte, so konnte sie ziemlich viel von der Unterhaltung hören.
Ein tiefer Hohn lagerte sich über dem dunkeln, strengen Ernst ihres
Antlitzes, als sie horchte und hörte, wie sie das Feld vertheilten, die
verschiednen Vorzüge der Hunde abhandelten, Befehle in Betreff des
Feuerngebens und der Behandlung einer Jeden im Falle des
Gefangennehmens.
Cassy zog sich zurück; sie schaute mit gefalteten Händen empor und
sagte: »O, großer, allmächtiger Gott! Wir sind ^alle^ Sünder; aber was
haben ^wir^ mehr, als die übrige Welt verbrochen, daß wir so behandelt
werden?«
Es lag ein furchtbarer Ernst in ihrem Antlitz und ihrer Stimme, als sie
sprach.
»Wenn es nicht für Dich wäre, Kind,« sagte sie, auf Emmeline blickend,
»^ginge^ ich zu ihnen hinaus; und würde es dem Dank wissen, der mich
^niederschöße^; denn was kann mir die Freiheit helfen? Kann sie mir
meine Kinder wieder geben, oder mich wieder dazu machen, was ich war?«
Emmeline in ihrer kindlichen Einfalt fürchtete sich fast vor der
finstern Stimmung Cassy's. Sie sah bestürzt aus und gab keine Antwort.
Sie ergriff blos ihre Hand mit einer sanften, liebkosenden Bewegung.
»Nicht doch!« sagte Cassy, indem sie dieselbe zurückzuziehen versuchte;
»Du willst mich zwingen, Dich lieb zu haben; aber ich will nichts wieder
lieben!«
»Arme Cassy!« sagte Emmeline, »hegt nicht solche Gefühle! Wenn Gott uns
die Freiheit schenkt, schenkt er Euch auch vielleicht Eure Tochter
wieder. Ich weiß, ich werde meine arme, alte Mutter nicht wieder sehen!
Ich will Euch lieben, Cassy, gleichviel, ob Ihr mich auch liebt oder
nicht!«
Der sanfte, kindliche Geist siegte. Cassy setzte sich zu ihr nieder,
legte den Arm um ihren Nacken, und strich ihr sanft das braune Haar; da
erstaunte Emmeline über die Schönheit ihrer prachtvollen Augen, die nun
sanft schimmerten unter Thränen.
»O, Em!« sagte Cassy, »ich habe nach meinen Kindern gehungert und nach
ihnen gedurstet, und meine Augen sind trübe geworden vom Ausschauen nach
ihnen! Hier! hier!« sagte sie, an ihre Brust schlagend, »ist Alles
verödet und leer! Wenn Gott mir meine Kinder wiedergäbe, dann könnte ich
beten.«
»Ihr müßt auf ihn vertrauen, Cassy,« sagte Emmeline; »er ist unser
Vater!«
»Sein Zorn lastet auf uns,« sagte Cassy, »er hat sich im Zorn von uns
gewendet.«
»Nun, Cassy! Er wird noch gütig gegen uns sein! Laßt uns auf ihn
hoffen,« sagte Emmeline; -- »ich habe immer Hoffnung gehabt.«
* * * * *
Die Jagd währte lange; sie wurde sehr lebhaft und gründlich ausgeführt,
aber blieb erfolglos, und Cassy schaute mit ernstem, höhnischem
Frohlocken auf Legree hinab, als er müde und verdrießlich vom Pferde
stieg.
»Nun, Quimbo,« sagte Legree, als er sich im Wohnzimmer niederstreckte,
»geh und bring den Tom hier herauf, sogleich! Der alte Schuft steckt
hinter der ganzen Geschichte; und ich will es aus seinem alten schwarzen
Fell heraus haben; oder den Grund wissen!«
Sambo und Quimbo, obgleich sie sich einander haßten, stimmten doch
vollkommen in einem nicht weniger herzlichen Haß gegen Tom überein.
Legree hatte ihnen gleich Anfangs gesagt, daß er ihn gekauft habe, um
einen Oberaufseher in seiner Abwesenheit aus ihm zu machen; und dies
hatte bei ihnen einen Groll erregt, welcher in ihren erniedrigten und
knechtischen Naturen noch zunahm, als sie sahen, daß er bei ihrem Herrn
in Mißgunst fiel. Quimbo ging deßhalb bereitwillig fort, um seine
Befehle in Ausführung zu bringen.
Tom hörte die Botschaft mit ahnendem Herzen; denn er kannte den ganzen
Plan von dem Entweichen der Flüchtlinge; und den Ort ihres
gegenwärtigen Verstecks. Er kannte den wilden Charakter des Mannes, mit
dem er zu thun hatte, und dessen grausame Gewalt. Aber er fühlte sich
stark in Gott, lieber dem Tode zu begegnen, als die Hülflosen zu
verrathen.
Er setzte seinen Korb in die Reihe nieder, blickte auf und sagte: »In
deine Hände befehle ich meinen Geist! Du hast mich erlöset, Gott der
Wahrheit!« und dann überließ er sich ruhig dem rohen, thierischen Griffe
womit ihn Quimbo packte.
»Ja, ja!« sagte der Riese, als er ihn entlang schleppte, »wirst 's nun
kriegen! Will verdammt sein, wenn Master nicht grimmig wild ist! Hilft
nun kein Wegschleichen mehr! Ich sage Dir, Du wirst 's kriegen, das
steht fest! Nun sieh zu, was Du für ein Gesicht machen wirst, Masters
Nigger helfen davon zu laufen! Wirst's sehen, was Du kriegst!«
Keines der wilden Worte erreichte sein Ohr -- eine höhere Stimme sagte
dann: »Fürchte Dich nicht vor denen, die den Leib tödten, und dann
nichts mehr thun können!«
Diese Worte durchbebten Mark und Bein des Armen, wie vom Finger Gottes
berührt; und er fühlte die Kraft von tausend Seelen in einer. Als er
dahin schritt, schienen die Bäume und Büsche, die Hütten seiner
Knechtschaft, der ganze Schauplatz seiner Erniedrigung an ihm vorbei zu
fliegen, wie eine Landschaft an dahineilenden Wagen. Das Herz schlug ihm
-- seine Heimath war ihm vor Augen -- und die Stunde der Erlösung schien
gekommen.
»Nun, Tom,« sagte Legree, indem er auf ihn los ging, ihn grimmig am
Rockkragen packend und in rasender Wuth durch die Zähne sprechend,
»weißt Du, ich bin entschlossen, Du sollst sterben!«
»So scheint es, Master,« sagte Tom ruhig.
»^Ich habe^,« sagte Legree mit grimmiger, furchtbarer Ruhe, »^eben^
-- ^das^ -- ^gethan^, Tom, wenn Du mir nicht sagst, was Du von den
Mädchen weißt!«
Tom schwieg.
»Hörst Du?« sagte Legree, mit den Füßen stampfend und mit einem Gebrülle
wie das eines wüthenden Löwen. »Sprich!«
»^Ich kann nichts sagen, Master,^« sagte Tom mit langsamem, festem und
bedächtigem Tone.
»Wagst Du, mir zu sagen, alter, schwarzer Christ, Du ^weißt^ es
nicht?« sagte Legree.
Tom antwortete nicht.
»Rede!« donnerte Legree, indem er ihn wüthend schlug. »Weißt Du etwas
davon?«
»Ich weiß was, Master, kann aber nichts sagen. ^Ich kann sterben!^«
Legree holte tief Athem, nahm, seine Wuth unterdrückend, Tom beim Arme,
zog dessen Gesicht dicht an das seinige heran, und sagte mit
schrecklicher Stimme: »Höre, Tom -- Du denkst, weil ich Dich früher
losgelassen habe, 's ist nicht mein Ernst, was ich sage, aber diesmal
^bin ich entschlossen^, ich habe die Kosten berechnet. Du hast Dich
mir immer widersetzt -- jetzt will ich ^Dich unterwerfen oder
umbringen^! Eins oder 's Andre. Ich will jeden Tropfen Blut in Dir
zählen und einen nach dem andern abzapfen, bis Du nachgibst!«
Tom sah zu seinem Herrn auf und antwortete: »Herr, wenn Ihr krank wärt
oder in Noth, oder am Tode, und ich könnte Euch retten, wollte ich Euch
gern mein Herzblut geben; und wenn es Eure köstliche Seele retten
könnte, daß Ihr jeden Blutstropfen nähmt, der in diesem armen, alten
Leibe ist, so wollte ich ihn willig geben, wie der Herr sein Blut für
mich gab. O, Master, ladet nicht diese große Sünde auf Euch! Es schadet
Euch mehr als mir! Thut das Schlimmste, was Ihr könnt, meine Noth wird
bald vorüber sein; aber wenn Ihr nicht bereut, wird Eure ^nie^ enden!«
Gleich einem Accorde himmlischer Musik, nachdem sich der Sturm gelegt
hat, schuf dieser Ausbruch des Gefühls eine plötzliche Pause. Legree
stand erstaunt da, und sah Tom an; es herrschte eine so tiefe Stille,
daß man das Ticken der alten Uhr hören konnte, die mit stiller Berührung
dem verhärteten Herzen die letzten Augenblicke der Gnade und Prüfung
zumaß.
Es war nur ein Augenblick. Eine Pause des Zögerns, der
Unentschlossenheit, des Widerstrebens, und der Geist des Bösen kehrte
mit siebenfacher Heftigkeit zurück; und Legree, schäumend vor Wuth,
schmetterte sein Opfer zu Boden.
* * * * *
Scenen von Blut und Grausamkeit sind verletzend für unser Ohr und unser
Herz. Was der Mensch den Muth hat zu thun, hat er oft nicht den Muth zu
hören. Was Mitmenschen und Mitchristen leiden müssen, lassen wir uns
selbst nicht in unsrer geheimsten Kammer erzählen; so sehr zerreißt es
unser Herz. Und doch, o! mein Vaterland! geschehen diese Dinge unterm
Schatten deiner Gesetze! O, Christ! Deine Kirche sieht es fast
schweigend!
Aber vor alten Zeiten war einer, dessen Leiden ein Marterwerkzeug, ein
Werkzeug der Erniedrigung und Schande in ein Sinnbild des Ruhms und des
unsterblichen Lebens verwandelte; und wo sein Geist ist, können weder
erniedrigende Streiche, noch Blut, noch Hohn des Christen letzten Kampf
anders als glorreich machen.
War er allein in jener langen Nacht, dessen edler, liebevoller Geist in
jenem alten Schuppen nicht verzagte unter Stößen und viehischen
Streichen?
Nein! Neben ihm stand ^Einer^, nur von ihm gesehen, »gleich dem Sohne
Gottes.«
Der Versucher stand auch neben ihm, verblendet durch seinen wüthenden,
despotischen Willen, jeden Augenblick in ihn dringend, diesem Todeskampf
durch den Verrath der Unschuldigen zu entgehen. Aber das brave treue
Herz stand fest auf dem ewigen Felsen. Wie sein Meister wußte er, daß
wenn er Andre rette, er sich selbst nicht retten könne; auch konnte die
äußerste Gewaltmaßregel ihm keine anderen Worte abzwingen, als die des
Gebetes und heiligen Vertrauens.
»Er ist fast hin, Master,« sagte Sambo, wider Willen von der Geduld
seines Opfers gerührt.
»Ausgezahlt, bis er nachgibt! Gieb 's ihm, gieb 's ihm!« brüllte Legree.
»Ich will ihm jeden Blutstropfen abzapfen, den er hat, wenn er nicht
gesteht.«
Tom öffnete die Augen und sah seinen Herrn an. »Ihr armes, elendes
Geschöpf!« sagte er; »es gibt nichts mehr für Euch zu thun! Ich vergebe
Euch mit ganzem Herzen!« und er sank vollständig in Ohnmacht.
»Ich glaube meiner Seele, 's ist aus mit ihm,« sagte Legree, indem er
herzutrat und ihn betrachtete. »Ja, 's ist aus! Nun, so ist ihm doch
wenigstens der Mund gestopft -- das ist ein Trost!«
Ja, Legree; aber wer wird jene Stimmen in Deiner Seele zum Schweigen
bringen, -- jener Seele, ohne Reue, ohne Gebet, ohne Hoffnung, in
welcher das Feuer schon brennt, welches nie gelöscht werden wird.
Tom war jedoch noch nicht ganz dahin. Seine wundervollen Worte und
frommen Gebete hatten die Herzen der entmenschten Schwarzen getroffen,
welche die Werkzeuge der an ihm verübten Grausamkeit gewesen waren; und
den Augenblick, als sich Legree zurückzog, nahmen sie ihn ab und suchten
ihn in ihrer Unwissenheit zum Leben zurückzurufen -- als wenn das eine
Wohlthat für ihn gewesen wäre.
»Wir haben wahrhaftig 'was schrecklich Böses gethan!« sagte Sambo; »ich
hoffe, Master hat dafür Rechenschaft zu geben, -- nicht wir.«
Sie wuschen seine Wunden -- bereiteten ihm ein rohes Bett von
schadhafter Baumwolle -- und Einer von ihnen schlich nach dem Hause und
erbat sich einen Schluck Brandwein von Legree, unter dem Vorgeben, daß
er ermattet sei und ihn für sich brauche. Er brachte denselben zurück
und flößte ihn Tom in den Mund.
»O, Tom!« sagte Quimbo, »wir haben sehr schlecht gegen Dich gehandelt!«
»Ich vergebe Euch mit ganzem Herzen!« sagte Tom mit schwacher Stimme.
»O, Tom! sag uns, wer ^Jesus^ ist?« sagte Sambo, »-- Jesus, der die
ganze Nacht bei Dir gestanden hat! Wer ist 's?«
Das Wort erweckte den sinkenden, ohnmächtigen Geist. Ueber seine Lippen
strömten einige kräftige Sprüche jenes Wunderbaren -- von seinem Leben,
seinem Tode, seiner ewigen Gegenwart, und seiner Macht zu erlösen.
Sie weinten -- die beiden rohen Menschen.
»Warum habe ich das noch nie gehört?« sagte Sambo; »aber ich glaube! --
ich kann nicht anders! Herr Jesus, erbarme Dich unser.«
»Arme Geschöpfe!« sagte Tom, »ich will gern Alles getragen haben, wenn
es Euch nur zu Christus bringt! O Gott! ich bitte Dich, gib mir nur noch
diese beiden Seelen!«
Das Gebet wurde erhört.
Einundvierzigstes Kapitel.
Der junge Master.
Zwei Tage darauf fuhr ein junger Mann in einem leichten Wagen durch die
Orangen-Allee herauf, warf die Zügel eilig auf die Rücken der Pferde,
sprang heraus und fragte nach dem Besitzer der Plantage.
Es war Georg Shelby; und um zu zeigen, wie er hierher kam, müssen wir in
unsrer Geschichte zurück gehen.
Der Brief Opheliens an Mrs. Shelby war durch einen unglücklichen Zufall
einen oder zwei Monate auf einer entlegenen Post liegen geblieben, ehe
er seine Bestimmung erreichte; und ehe er ankam, war Tom schon in den
fernen Sümpfen des Red River verschwunden.
Mrs. Shelby las die Nachricht mit dem tiefsten Kummer; aber irgend ein
unmittelbares Handeln darauf hin war eine Unmöglichkeit. Sie war damals
am Krankenlager ihres Gatten beschäftigt, der in der heftigsten
Phantasie einer Fieberkrisis lag. Der junge Master, Georg Shelby, der
indessen aus einem Knaben ein großer, junger Mann geworden war, stand
ihr als beständiger und treuer Gehülfe zur Seite, und war ihre einzige
Stütze in der Leitung der Angelegenheiten seines Vaters. Miß Ophelie
hatte die Vorsicht gebraucht, den Namen des Anwalts zu melden, der die
Geschäfte der St. Clares betrieb; und das Einzige, was in dieser
Angelegenheit gethan werden konnte, war, schriftlich bei ihm anzufragen.
Der plötzliche Tod Mr. Shelby's wenige Tage nachher hatte natürlich eine
Menge dringender Geschäfte zur Folge, die alles Uebrige eine Zeit lang
in den Hintergrund drängten.
Mr. Shelby hatte sein Vertrauen in die Geschicklichkeit seiner Gattin
dadurch an den Tag gelegt, daß er sie zur alleinigen Vollstreckerin des
letzten Willens ernannte; und so hatte sie augenblicklich eine Masse der
verwickeltesten Geschäfte zu ordnen.
Mrs. Shelby unternahm mit der ihr eignen Entschlossenheit das Geschäft,
das verwickelte Netz dieser Angelegenheiten zu entwirren, und sie und
Georg waren eine Zeit lang mit dem Sammeln und Prüfen von Rechnungen,
dem Verkaufe von Vermögensstücken und der Berichtigung von Schulden
beschäftigt; denn Mrs. Shelby war entschlossen, daß Alles in eine klare
und übersichtliche Gestalt gebracht werden solle, möchten die Folgen
sein, welche sie wollten. Inzwischen empfingen sie ein Schreiben von dem
Anwalt, an welchen sie Ophelie gewiesen hatte, des Inhalts, daß ihm
nichts von der Angelegenheit bekannt sei; daß der Mann in öffentlicher
Versteigerung verkauft worden, und er daher von der Sache nur so viel
wisse, daß das Kaufgeld für denselben an ihn berichtigt worden sei.
Weder Georg noch Mrs. Shelby konnten sich bei diesem Erfolge beruhigen,
und demgemäß beschloß der Letztere nach sechs Monaten, als er für seine
Mutter den Fluß hinab Geschäfte zu besorgen hatte, New-Orleans in Person
zu besuchen und die Nachforschungen weiter zu betreiben, in der
Hoffnung, Tom's Aufenthalt zu entdecken und ihn auszulösen.
Nach einigen Monaten erfolglosen Nachsuchens traf Georg durch bloßen
Zufall in New-Orleans Jemanden, der zufällig die gewünschte Auskunft
geben konnte, und unser Held ging sofort mit dem Gelde in der Tasche auf
einem Dampfschiffe nach Red River ab, entschlossen, seinen alten Freund
aufzusuchen und wieder zu kaufen.
Er wurde in das Haus geführt, wo er Legree im Wohnzimmer fand.
Legree empfing den Fremden mit einer Art von mürrischer
Gastfreundlichkeit.
»Ich höre,« sagte der junge Mann, »daß Ihr in New-Orleans einen
Burschen, Namens Tom, gekauft habt. Er war früher bei meinem Vater, und
ich bin gekommen, um zu sehen, ob ich ihn wieder kaufen könnte.«
Legree's Stirn verdunkelte sich, und er brach heftig in die Worte aus:
»Ja, ich habe so einen Kerl gekauft, und habe dabei einen höllischen
Handel gemacht! Der aufrührerischste, frechste, unverschämteste Hund!
Hetzt meine Nigger auf, davon zu laufen, brachte zwei Mädchen weg, das
Stück acht hundert oder tausend Dollar werth. Er hat es eingestanden,
und als ich ihm befahl, zu sagen, wo sie wären, fuhr er auf und sagte,
er wisse es, wolle es aber nicht sagen, und blieb dabei, obgleich ich
ihm die höllischsten Hiebe geben ließ, die je ein Nigger bekommen hat.
Ich glaube, er wird wohl drauf gehn, weiß aber nicht, ob er schon damit
fertig ist.«
»Wo ist er?« sagte Georg heftig. »Zeigt mir ihn!« Die Wangen des
Jünglings glühten und seine Augen sprühten Feuer; aber er beschloß,
nichts weiter zu sagen.
»Er ist in jenem Schuppen,« sagte ein kleiner Bursche, der Georg's Pferd
hielt.
Legree gab dem Knaben einen Fußtritt und stieß Flüche gegen ihn aus;
Georg aber drehte sich, ohne ein Wort weiter zu sagen, um, und schritt
auf den Ort zu.
Tom hatte zwei Tage seit dem verhängnißvollen Abend da gelegen; nicht
leidend, denn jeder Nerv des Leidens war abgestumpft und zerstört. Er
lag meistens in einer ruhigen Betäubung; denn die Natur seines
gewaltigen und kräftigen Körpers wollte den gefesselten Geist nicht auf
einmal erlöschen. Es waren heimlich in der Nacht arme, trostlose
Geschöpfe da gewesen, die sich etwas von ihrer kurzen Ruhe entzogen, um
ihm einige der Liebesdienste zurückzuzahlen, mit denen er immer so
freigebig gewesen war. Wahrlich, diese armen Schüler hatten wenig zu
geben -- nur eine Schale kaltes Wasser; aber es wurde mit vollem Herzen
gegeben.
Thränen waren auf das ehrliche, empfindungslose Gesicht gefallen --
Thränen später Reue aus den Augen der armen, unwissenden Heiden, die
seine sterbende Liebe und Geduld zur Reue erweckt hatte, und bittere
Gebete waren über ihm zu einem spät gefundenen Heiland gehaucht worden,
von welchem sie kaum mehr als den Namen kannten, aber den das sehnende,
unwissende Herz des Menschen nie vergebens anruft.
Cassy, die aus ihrem Versteck geschlichen war und durch Lauschen gehört
hatte, welches Opfer für sie und Emmeline gebracht war, hatte ihn, der
Gefahr der Entdeckung trotzbietend, in der vorigen Nacht besucht; und,
von den wenigen letzten Worten bewegt, welche die liebevolle Seele noch
Kraft zu hauchen hatte, war der lange Winter der Verzweiflung, das Eis
von Jahren aufgethaut, und das finstere, verzweifelnde Weib hatte
geweint und gebetet.
Als Georg in den Schuppen trat, fühlte er seinen Kopf schwer und sein
Herz krank werden.
»Ist es möglich? -- ist es möglich?« sagte er, indem er zu ihm
niederkniete. »Onkel Tom, mein armer, armer alter Freund!«
Etwas in der Stimme drang zu dem Ohr des Sterbenden. Er bewegte sanft
den Kopf, lächelte und sagte:
»Jesus macht ein Sterbebett
Weich wie Dunen-Kissen sind.«
Aus des Jünglings Augen fielen Thränen, welche seinem männlichen Herzen
Ehre machten, als er sich über seinen armen Freund beugte.
»O, lieber Onkel Tom! wach auf -- sprich noch einmal! Sieh auf! Hier ist
der junge Master Georg -- Dein kleiner junger Master Georg. Kennst Du
mich nicht?«
»Der junge Master Georg!« sagte Tom, indem er die Augen öffnete, und mit
schwacher Stimme sprach, »der junge Master Georg!« Er blickte ihn
verwirrt an.
Allmählig schien der Gedanke seine Seele zu erfüllen; das irre Auge
wurde stätiger und heller, das ganze Antlitz klärte sich auf, die harten
Hände falteten sich und Thränen rannen seine Wangen hinab.
»Gelobt sei Gott! es ist -- es ist -- es ist Alles, was ich wollte! Sie
haben mich nicht vergessen. Es wärmt mein Herz; es macht meinem alten
Herzen Freude! Nun will ich zufrieden sterben! Gepriesen sei Gott, o
meine Seele!«
»Du sollst nicht sterben! Du ^darfst^ nicht sterben, oder nur daran
denken! Ich bin gekommen, Dich zu kaufen und nach Hause zu nehmen,«
sagte Georg mit stürmischer Heftigkeit.
»O, Master Georg, Sie kommen zu spät. Der Herr hat mich gekauft und will
mich nach Hause nehmen -- und ich sehne mich, mit ihm zu gehen. Der
Himmel ist besser als Kentucky.«
»O, stirb nicht! Es wird mich tödten! -- es wird mir das Herz brechen,
wenn ich daran denke, was Du gelitten hast -- und hier in diesem alten
Schuppen zu liegen! armer, armer Mensch!«
»Sagen Sie nicht, armer Mensch!« sagte Tom feierlich. »Ich ^bin^ ein
armer Mensch ^gewesen^, aber das ist jetzt vorüber. Ich bin gerade in
der Pforte, und gehe zum Ruhme ein! O, Master Georg! ^Der Himmel ist
geöffnet!^ Ich habe den Sieg errungen! -- der Herr Jesus hat mir ihn
gegeben. Gepriesen sei sein Name!«
Georg war tief ergriffen von der Kraft und dem Feuer, womit diese
abgebrochenen Sätze ausgestoßen wurden. Schweigend betrachtete er den
Sterbenden.
Tom ergriff seine Hand und fuhr fort: -- »Sie müssen Chloe nichts davon
sagen, der armen Seele! wie Sie mich gefunden haben; es wäre so
schrecklich für sie. Sagen Sie ihr bloß, daß Sie mich gefunden haben,
als ich zur Herrlichkeit einging, und daß ich nicht hätte bleiben
können. Und sagen Sie ihr, der Herr habe bei mir gestanden überall und
immer und Alles leicht und schmerzlos gemacht. Und ach, die armen
Kinder, und das Kleine -- mein altes Herz ist ihretwegen lange
gebrochen. Sagen Sie Allen, daß Sie mir folgen -- mir folgen! Grüßen Sie
Master freundlich und die liebe, gute Missis und Jedermann auf dem Gute!
Sie wissen nicht! 's ist mir, als liebte ich sie Alle! Ich liebe jedes
Geschöpf, überall -- 's ist ^nichts^ als Liebe! O, Master Georg! was
ist 's doch, wenn man ein Christ ist!«
Diesen Augenblick trat Legree an die Thür des Schuppens, sah hinein mit
verdrießlicher Miene und affektirter Gleichgültigkeit, und ging wieder
fort.
»Der alte Satan!« sagte Georg in seinem Unwillen. »'s ist ein Trost zu
glauben, daß der Teufel ihn dafür bald bezahlen wird.«
»O, nicht doch! -- oh, das müssen Sie nicht!« sagte Tom, indem er seine
Hand ergriff; »er ist ein armes, elendes Geschöpf 's ist schrecklich
daran zu denken! O, wenn er nur bereuen könnte, Gott würde ihm noch
immer vergeben; aber ich fürchte, er wird es niemals.«
»Ich hoffe, er wird nicht!« sagte Georg. »Ich möchte ^ihn^ nicht im
Himmel sehen.«
»Still, Master Georg! das thut mir weh. Denken Sie nicht so. Er hat mir
kein wirkliches Leid gethan -- mir nur die Thore des Himmelreichs
geöffnet; das ist Alles!«
In diesem Augenblick schwand die plötzliche Kraft, welche die Freude,
seinen jungen Herrn wiederzusehen, dem Sterbenden eingeflößt hatte. Eine
plötzliche Ohnmacht befiel ihn; er schloß die Augen; und jener
geheimnißvolle und erhabene Wechsel kam über sein Antlitz, der das Nahen
einer andern Welt verkündete.
Er begann mit langen und tiefen Zügen zu athmen; und seine breite Brust
hob sich schwer und sank. Der Ausdruck seines Gesichts war der eines
Ueberwinders.
»Wer -- wer -- wer soll uns scheiden von der Liebe Christi?« sagte er
mit einer Stimme, die gegen sterbliche Schwäche ankämpfte; und sank
lächelnd in den tiefen Schlaf.
Georg saß da wie von feierlichem Grauen gebannt. Der Ort schien ihm
heilig zu sein; und als er die leblosen Augen schloß und sich von dem
Todten erhob, erfüllte ihn nur der Gedanke -- den sein schlichter, alter
Freund ausgesprochen: »Was ist es doch, wenn man ein Christ ist!«
Er wendete sich um, Legree stand mürrisch hinter ihm.