plötzlich, ohne Legree dabei zu Rathe zu ziehen, mit bedeutendem
Aufsehen alles Geräth und Zubehör ihres Zimmers nach einem andern in
beträchtlicher Entfernung davon schaffen zu lassen. Die Unterbedienten,
welche Auftrag erhalten hatten, diesen Umzug zu bewerkstelligen, rannten
und lärmten umher mit großem Eifer und viel Verwirrung, als Legree
gerade von einem Ritte zurückkam.
»Hallo! Cass'!« sagte Legree, »was ist hier im Werke?«
»Nichts; ich bin nur gesonnen, ein anderes Zimmer zu haben,« sagte Cassy
mürrisch.
»Und warum denn das?« sagte Legree.
»Weil mir's beliebt,« sagte Cassy.
»Und weßhalb denn, zum Teufel?«
»Ich möchte gern zuweilen ein Bischen Schlaf haben.«
»Schlaf! gut, warum kannst Du denn nicht schlafen?«
»Ich glaube, ich kann es Euch sagen, wenn Ihr es hören wollt,« sagte
Cassy trocken.
»Heraus damit, Mensch!« sagte Legree.
»O! Nichts. Es wird Euch vermutlich nicht stören. Nichts als Stöhnen und
Balgen und Umherrollen auf dem Boden die halbe Nacht hindurch, von Zwölf
bis zum Morgen.«
»Leute auf dem Boden?« sagte Legree mit Unbehagen, sich jedoch zum
Lachen zwingend. »Wer ist es, Cassy?«
Cassy schlug ihre scharfen, schwarzen Augen auf und sah Legree mit einem
Ausdrucke in's Gesicht, der ihm durch Mark und Bein ging, als sie sagte:
»Wahrhaftig, Simon, wer es ist? Ich wollte gern, daß ^Ihr^ es mir
sagtet. Ihr wißt 's vermuthlich nicht!«
Legree schlug fluchend mit der Reitpeitsche nach ihr, aber sie schlüpfte
auf die Seite, eilte zur Thüre hinaus und sagte, indem sie
zurückschaute: »Wenn Ihr in jenem Zimmer schlafen wollt, erfahrt Ihr
Alles. Vielleicht versucht Ihr 's lieber selbst!« Und dann machte sie
sogleich die Thür zu und verschloß dieselbe.
Legree tobte und fluchte, und drohte die Thür einzuschlagen, besann sich
aber sichtlich eines Bessern und ging unruhig in sein Wohnzimmer. Cassy
bemerkte, daß der Pfeil den rechten Fleck getroffen hatte, und von jener
Stunde an hörte sie mit der ausgezeichnetsten Geschicklichkeit nie mehr
auf, die Einwirkungen, welche sie begonnen, fortzusetzen.
In einem Astloche auf dem Boden hatte sie einen alten Flaschenhals so
angebracht, daß wenn der geringste Wind war, jammervolle und traurige
Klagetöne daraus hervorgingen, welche bei einem starken Winde zu
völligen Schreien anwuchsen, so daß es leichtgläubigen und in
Aberglauben befangenen Ohren leicht scheinen konnte, als wenn sie
Schreckens- und Verzweiflungs-Laute hörten.
Jene Töne, welche die Dienerschaft von Zeit zu Zeit hörte, erweckten die
Erinnerung an die alte Gespenstergeschichte in voller Kraft. Eine
abergläubische Furcht schien das ganze Haus zu beschleichen, und
obgleich sie Niemand gegen Legree äußern durfte, fand er sich doch davon
wie von einem Dunstkreise umgeben.
Niemand ist so durchaus abergläubisch, als der Gottlose. Der Christ ist
gesammelt im Glauben an einen weisen, Alles beherrschenden Vater,
dessen Gegenwart die unbekannten Räume mit Licht und Ordnung erfüllt;
aber einem Menschen, welcher Gott verläugnet, ist das Geisterland in der
That, mit den Worten des hebräischen Dichters zu reden, »ein Land der
Dunkelheit und der Schatten des Todes,« ohne jede Ordnung und ohne
Licht. Leben und Tod sind für ihn gespenstige Gebiete, angefüllt mit
Koboldgestalten und drohenden Schatten.
Bei Legree waren die schlummernden moralischen Elemente durch sein
Zusammentreffen mit Tom geweckt worden -- geweckt, nur um Widerstand an
der entschlossenen Kraft des Bösen zu finden; aber dennoch lag eine
Mahnung an die finstere, innere Welt in jedem Worte, jedem Gebete oder
Liede, und rief abergläubische Furcht hervor.
Der Einfluß Cassy's auf ihn war eigenthümlicher Art. Sie war sein
Eigenthum und er ihr Tyrann und Quäler. Sie war, wie sie wußte, ganz und
ohne jede Möglichkeit von Hülfe oder Rettung in seinen Händen, und doch
ist es so, daß selbst der roheste Mann nicht in beständigem Verkehr mit
einem starken, weiblichen Einflusse leben kann, ohne in hohem Grade
davon beherrscht zu werden. Als er sie kaufte, war sie, wie wir sie
haben sagen hören, ein wohlerzogenes Frauenzimmer, und er zermalmte sie,
ohne Gewissensbisse, unter seinen thierischen Füßen. Als aber die Zeit,
erniedrigende Einflüsse und Verzweiflung das weibliche Gefühl in ihr
abgestumpft, und die Gluthen wilder Leidenschaften in ihr erwacht waren,
war sie seine Geliebte geworden und er quälte und fürchtete sie
wechselsweise.
Dieser Einfluß war plagender und entschiedener geworden, seit
theilweiser Wahnsinn allen ihren Worten und ihrer ganzen Sprache einen
fremden, spukhaften und unstäten Anstrich gegeben hatte.
Ein oder zwei Abende später saß Legree in dem alten Wohnzimmer bei einem
flackernden Holzfeuer, das einen ungewissen Schein im Zimmer umher warf.
Es war eine stürmische Regennacht, eine solche, die ganze Schaaren
unbeschreibbarer Töne und Laute in baufälligen alten Häusern erweckt.
Fenster rasselten, Laden schlugen auf und zu, der Wind lärmte, und fuhr
den Schornstein herab, und peitschte dann und wann Rauch und Asche
umher, als wenn eine Legion Geister hinter ihm käme. Legree hatte ein
Paar Stunden lang Rechnungen geprüft und Zeitungen gelesen, während
Cassy in der Ecke saß und mürrisch in das Feuer sah. Legree legte die
Papiere hin und da er ein altes Buch auf dem Tische liegen sah, welches
er Cassy im ersten Theile des Abends hatte lesen sehen, nahm er es auf
und begann darin zu blättern. Es war eine jener Sammlungen von
Geschichten blutiger Morde, Gespenstern und übernatürlichen
Erscheinungen, welche in ihrem rohen Gewande und mit Kupfern verziert,
einen eigenthümlichen Reiz für den haben, der sie einmal zu lesen
anfängt.
Legree sagte wiederholt: Pah! und Pfui! las aber zu, indem er Blatt auf
Blatt umkehrte, bis er endlich, nachdem er eine gute Strecke
hineingelesen, das Buch mit einem Fluche wegwarf.
»Du glaubst nicht an Geister, Cassy, nicht wahr?« sagte er, indem er die
Zange nahm und das Feuer schürte. »Ich dachte, Du hättest mehr Verstand,
als Dich von solchem Lärm in Furcht jagen zu lassen.«
»Es kommt nichts darauf an, was ich glaube,« sagte Cassy mürrisch.
»Auf der See pflegten die Kerle zu versuchen, mir mit ihren Geschichten
bange zu machen,« sagte Legree. »Mich übertölpelt Keiner auf die Art.
Ich bin zu fest für dergleichen Plunder, das kann ich Dir sagen.«
Cassy saß im Schatten der Ecke und schaute ihn mit durchdringenden
Blicken an. Es war jenes seltsame Licht in ihren Augen, das auf Legree
immer einen unheimlichen Eindruck machte.
»Der Lärm war nichts als Ratten und Wind,« sagte Legree. »Ratten machen
einen Teufelslärm. Ich habe sie zuweilen unten im Schiffsraume gehört;
und Wind -- um Gottes Willen! man kann Alles aus Wind machen.«
Cassy wußte, daß es Legree unter ihrem Blicke nicht wohl war, und sie
antwortete deßhalb nicht, sondern fuhr fort, den Blick auf ihn zu heften
mit demselben seltsamen, unheimlichen Ausdruck wie vorher.
»Sprich doch, Weib -- nicht wahr?« sagte Legree.
»Können Ratten die Treppe heruntergehen, durch die Halle kommen und die
Thür aufmachen, wenn man sie zugeschlossen und einen Stuhl davor gesetzt
hat?« sagte Cassy; »und gerade auf das Bett kommen, und ihre Hand
ausstrecken, so?«
Cassy heftete ihr blitzendes Auge auf Legree, als sie so sprach, und er
starrte sie an, wie ein Mensch unter Alpdrücken, bis er, als sie damit
endete, daß sie ihre eiskalte Hand auf die seine legte, mit einem Fluche
zurücksprang.
»Weib! Was willst Du? Es war Niemand!«
»O, nein -- natürlich -- sagte ich, es war Jemand?« sagte Cassy mit
einem Lächeln kalten Hohnes.
»Aber -- hast Du wirklich gesehen? Komm', Cass', was ist es? Sprich!«
»Ihr könnt selbst da schlafen,« sagte Cassy, »wenn Ihr es wollt.«
»Kam es vom Boden herunter, Cassy?«
»Es -- was?« sagte Cassy.
»Nun, wovon Du sprachst.«
»Ich habe Euch Nichts gesagt,« sagte Cassy mit finsterem Tone.
Legree schritt unruhig im Zimmer auf und ab.
»Ich will das heraushaben. Ich will diesen Abend noch untersuchen. Ich
nehme meine Pistolen --«
»Das thut,« sagte Cassy; »schlaft in dem Zimmer. Ich wollte, Ihr thätet
es. Schießt mit den Pistolen -- thut's!«
Legree stampfte mit dem Fuße und fluchte gewaltig.
»Flucht nicht,« sagte Cassy; »Niemand weiß, wer Euch hören kann. Horcht!
Was war das?«
»Was?« sagte Legree zurückfahrend.
Eine schwerfällige, alte, holländische Uhr, welche in einem Winkel der
Stube stand, hob an und schlug langsam Zwölf.
Aus einem oder dem andern Grunde sprach Legree weder, noch bewegte er
sich; ein unbestimmtes Grauen befiel ihn; während Cassy, mit einem
scharfen, spöttischen Glanze im Auge, ihn ansah und die Schläge zählte.
»Zwölf Uhr; gut, ^nun^ wollen wir sehen,« sagte sie, indem sie sich
umdrehte und die Thür nach dem Gange öffnete, wie um zu lauschen.
»Horcht! Was ist das?« sagte sie, indem sie den Finger aufhob.
»Es ist bloß der Wind,« sagte Legree. »Hörst Du nicht, wie verdammt er
bläst.«
»Simon, kommt her,« sagte Cassy flüsternd, indem sie ihre Hand auf die
Seinige legte und ihn an den Fuß der Treppe führte; »wißt Ihr, was das
ist? Horcht!«
Ein wilder Schrei schallte die Treppe herunter. Er kam aus dem Boden.
Legree's Beine schlotterten; sein Gesicht wurde weiß vor Furcht.
»Wollt Ihr nicht lieber Eure Pistolen zur Hand nehmen?« sagte Cassy mit
einem Hohn, der Legree's Blut erstarren ließ. »Jetzt ist's Zeit, es zu
untersuchen. Ich dächte, Ihr ginget jetzt hinauf; ^jetzt sind sie
dran!^«
»Ich gehe nicht!« sagte Legree mit einem Fluche.
»Warum nicht? So etwas wie Geister gibt es nicht, wisset Ihr! Vorwärts!«
und Cassy schlüpfte die Wendeltreppe hinauf, lachend nach ihm
zurückblickend. »Kommt doch!«
»Ich glaube, Du bist der Teufel!« sagte Legree. »Komm zurück, Hexe --
komm zurück, Cass'! Du sollst nicht gehen.«
Aber Cassy lachte wild und flog weiter. Er hörte sie die Thür öffnen,
welche zum Boden führte. Ein heftiger Windstoß fegte herunter und
löschte das Licht aus, welches er in der Hand hielt, und dabei hörte er
furchtbares, gräßliches Geschrei, was gerade in sein Ohr hinein zu
kreischen schien.
Legree floh außer sich in das Wohnzimmer, wohin ihm in Kurzem Cassy
folgte, blaß, ruhig, kalt wie ein Rachegeist und mit demselben
furchtbaren Feuer im Auge.
»Ihr seid hoffentlich befriedigt,« sagte sie.
»Hol' Dich der Teufel, Cass'!« sagte Legree.
»Warum?« sagte Cassy. »Ich ging bloß hinauf und schloß die Thür zu. Was
denkt Ihr, ^daß das zu bedeuten hat auf der Bodenkammer^, Simon?«
sagte sie.
»Das geht Euch nichts an!« sagte Legree.
»Nicht? Nun,« sagte Cassy, »ich bin jedenfalls froh, daß ich nicht
darunter schlafe.«
Cassy, die vorhergesehen hatte, daß sich diesen Abend ein Sturm erheben
werde, war oben gewesen und hatte das Bodenfenster geöffnet. Natürlich
hatte im Augenblick, als die Thür aufgemacht wurde, der Wind nach unten
hin Zug verursacht und das Licht ausgelöscht.
Dies kann als Probe des Spiels dienen, welches Cassy mit Legree trieb,
bis er eher seinen Kopf in des Löwen Rachen gesteckt, als die
Bodenkammer untersucht hätte.
Inzwischen hatte Cassy bei Nacht, wenn Alles schlief, langsam und
sorgfältig daselbst eine Niederlage von Lebensmitteln angelegt, die
hinreichend war, um eine Zeit lang Nahrung zu gewähren, und sie brachte
einen großen Theil ihrer und Emmelinens Kleidung stückweise dahin. Als
Alles angeordnet war, wartete sie nur auf eine passende Gelegenheit,
ihren Plan in Ausführung zu bringen.
Indem Cassy Legree schmeichelte und einzelne gutmüthige Momente
benutzte, hatte sie denselben bewogen, sie mit sich zur benachbarten
Stadt zu nehmen, welche dicht am »Red River« lag. Mit einem zu fast
übernatürlicher Helle geschärften Gedächtnisse merkte sie jede Wendung
des Weges und berechnete im Geiste die Zeit, welche erforderlich sei,
denselben zurückzulegen.
Da jetzt Alles zum Handeln reif ist, so schauen unsere Leser vielleicht
gern hinter den Vorhang, um den endlichen _coup d'état_ selbst mit
anzusehen.
Es war gegen Abend. Legree war auf ein benachbartes Gut geritten.
Mehrere Tage war Cassy ungewöhnlich gnädiger und gefälliger Laune
gewesen; und Legree war scheinbar auf dem besten Fuße mit ihr. Jetzt
sehen wir sie und Emmeline in dem Zimmer der Letzteren emsig
beschäftigt, zwei Bündelchen zu schnüren.
»Da, die werden groß genug sein,« sagte Cassy. »Nun setz Deinen Hut auf
und laß uns fort: 's ist gerade die rechte Zeit.«
»Aber, sie können uns noch sehen,« sagte Emmeline.
»Das sollen sie gerade,« sagte Cassy kaltblütig. »Weißt Du nicht, daß
sie auf jeden Fall Jagd auf uns machen müssen? Die Sache muß
folgendermaßen gehen. Wir stehlen uns aus der Hinterthür und laufen nach
den Hütten hinunter. Sambo und Quimbo sehen uns gewiß. Sie machen Jagd
und wir machen uns in die Sümpfe; dann können sie uns nicht weiter
folgen, bis sie hinaufgehen und Lärm machen, und die Hunde loslassen und
so weiter; und während sie umherstolpern und über einander fallen, wie
sie es immer machen, schleichen wir den Bach entlang, der hinter dem
Hause fließt, und waten darin fort, bis wir an die Hinterthür kommen.
Die Hunde verlieren dadurch die Spur, denn das Wasser hält keine
Witterung. Alle werden zum Hause hinaus laufen, um nach uns zu sehen,
und dann schlüpfen wir zur Hinterthür hinein und hinauf in die
Bodenkammer, wo ich ein hübsches Bett in einer von den großen Kisten
zurecht gemacht habe. Wir müssen dort eine gute Weile bleiben; denn ich
sage Dir, er wird Himmel und Erde nach uns aufbieten. Er wird einige
alte Aufseher an den andern Pflanzungen zusammenbringen und eine große
Hetze halten; und sie werden jedes Fleckchen in dem Sumpfe durchsuchen.
Er setzt seinen Stolz darein, daß ihm nie Einer hat entkommen können. So
laß ihn denn nach Belieben jagen.«
»Cassy, wie gut Ihr das angelegt habt!« sagte Emmeline. »Niemand als Ihr
hätte das ausgedacht!«
Es lag weder Vergnügen, noch Frohlocken in Cassy's Augen -- nur eine
verzweifelte Festigkeit.
»Komm',« sagte sie, Emmeline die Hand gebend.
Die beiden Flüchtlinge schlichen geräuschlos aus dem Hause, und eilten
durch die zunehmenden Schatten des Abends an den Hütten entlang. Der
Mond, der wie eine silberne Sichel am westlichen Himmel stand, verschob
ein wenig das Herannahen der Nacht. Wie Cassy erwartet hatte, hörten
sie, als sie den Sümpfen ganz nahe waren, welche die Pflanzung
einschlossen, eine Stimme ihnen Halt! zurufen. Es war indeß nicht Sambo,
sondern Legree, der sie mit heftigen Verwünschungen verfolgte. Bei dem
Tone brach der schwächere Geist Emmelinens zusammen: und indem sie sich
an Cassy's Arm hielt, sagte sie: »O, Cassy, ich werde ohnmächtig!«
»Geschieht das, so tödte ich Dich!« sagte Cassy, indem sie einen kleinen
schimmernden Dolch zog, und vor den Augen des Mädchens blitzen ließ.
Die Drohung entsprach dem Zwecke. Emmeline wurde nicht ohnmächtig, und
es gelang ihr, sich mit Cassy in einen Theil des Sumpflabyrinths zu
stürzen, welches so tief und dunkel war, daß Legree an ein Verfolgen
derselben ohne Hülfe nicht denken konnte.
»Gut,« sagte er, indem er ein viehisches Gelächter aufschlug, »nun sind
sie in der Falle -- das Pack. Sie sind jetzt sicher genug; sollen mir
dafür schwitzen.«
»Holla, da! Sambo! Quimbo! Kommt Alle her!« rief er, die Quartiere
erreichend, als die Leute gerade von der Arbeit kamen. »Da sind zwei
Ausreißer in den Sümpfen. Ich gebe dem Nigger, der sie fängt, fünf
Dollar. Laßt die Hunde los. Laßt Tiger, Furie und alle andern los!«
Diese Nachricht brachte sogleich große Aufregung hervor. Viele sprangen
eifrig herbei, um ihre Dienste anzubieten, entweder in der Hoffnung
einer Belohnung oder aus jener kriechenden Bereitwilligkeit, welche eine
der kläglichsten Wirkungen der Sklaverei ist. Einige rannten dahin,
Andere dorthin. Einige suchten nach Kienfackeln; Andere ließen die Hunde
los, deren heiseres, wildes Gebell nicht wenig zur Belebung der Scene
beitrug.
»Herr, sollen wir auf sie schießen, wenn wir sie nicht fangen können?«
sagte Sambo, dem sein Herr eine Büchse gebracht hatte.
»Du kannst auf Cassy feuern, wenn Du willst; es ist Zeit, daß sie zum
Teufel geht, wohin sie gehört; aber nicht auf die Dirne,« sagte Legree.
»Und nun, Jungen, seid hurtig und flink. Fünf Dollar für den, der sie
fängt, und ein Glas Brandwein Jedem von Euch!«
Die ganze Bande begab sich nun, unter leuchtendem Fackelschein, mit
Geschrei und Gebrüll, und wildem Getöse von Menschen und Thieren, hinab
zum Sumpfe, während in einiger Entfernung alle übrigen Sklaven folgten.
Das ganze Haus war folglich verlassen, als Cassy und Emmeline auf dem
hintern Wege wieder hineinschlüpften. Das Schreien und Rufen ihrer
Verfolger erfüllte noch die Luft: und Cassy und Emmeline konnten von den
Fenstern des Wohnzimmers aus den Trupp sehen, wie er sich mit den
Fackeln am Sumpfe vertheilte.
»Sieh da!« sagte Emmeline, indem sie Cassy drauf aufmerksam machte: »die
Jagd hat angefangen! Sieh, wie diese Lichter umhertanzen! Horch! die
Hunde! Hörst Du nicht? Wären wir dort, so wäre unser Spiel keinen
Picayune werth. O, um Gottes Willen, wir wollen uns verstecken.
Schnell!«
»Es hat keine Eile,« sagte Cassy kalt, »Alles ist auf der Jagd -- das
ist das Abendvergnügen! Wir gehen bald hinauf. Indessen,« sagte sie,
indem sie bedächtig einen Schlüssel aus der Tasche eines Rockes nahm,
den Legree in der Eile abgeworfen hatte, »inzwischen will ich etwas
nehmen, um die Reisekosten zu decken.«
Sie schloß das Pult auf und nahm eine Rolle Anweisungen heraus, welche
sie schnell überzählte.
»O, laßt uns das nicht thun!« sagte Emmeline.
»Nicht?« sagte Cassy, »warum nicht? Sollen wir in den Sümpfen
verhungern, oder das nehmen, was unsere Reise in die freien Staaten
bezahlen wird. Mit Geld richtet man Alles aus, Mädchen.« Und indem sie
dies sagte, steckte sie das Geld in den Busen.
»Das ist Stehlen,« flüsterte Emmeline ängstlich.
»Stehlen!« sagte Cassy mit verächtlichem Gelächter. »Wer Leib und Seele
stiehlt, braucht uns keine guten Lehren zu geben. Jede dieser
Anweisungen ist gestohlen -- gestohlen von armen, verhungerten, elenden
Geschöpfen, die zuletzt zu seinem Besten zum Teufel gehen müssen. Laß
^ihn^ vom Stehlen sprechen! Aber komm', wir können nun ebenso gut auf
die Bodenkammer gehen; ich habe da einen Vorrath von Lichtern und
einige Bücher, um uns die Zeit zu vertreiben. Du kannst ganz ruhig
sein, daß sie ^dahin^ nicht kommen, um uns zu suchen; und wenn sie's
thun, so will ich ihnen den Geist spielen.«
Als Emmeline die Bodenkammer erreichte, fand sie daselbst eine ungeheure
Kiste, in der früher irgend ein schweres Möbelstück hierher gebracht
worden war, auf die Seite gelegt, so daß die Oeffnung gegen die Wand
oder vielmehr das Dach gekehrt war. Cassy steckte eine kleine Lampe an,
und beide krochen unter dem Dache herum und ließen sich in der Kiste
nieder. Es befanden sich darin ein Paar kleine Matratzen und einige
Kissen, und ein in der Nähe stehender Kasten enthielt einen reichlichen
Vorrath von Lichtern, Lebensmitteln und allen zu ihrer Reise nöthigen
Kleidungsstücken, welche Cassy in Bündelchen von erstaunlich kleinem
Umfange gepackt hatte.
»Da,« sagte Cassy, als sie die Lampe an einen kleinen Haken hing,
welchen sie zu dem Zwecke in die Seite der Kiste getrieben hatte; »dies
soll für jetzt unsere Heimath sein. Wie gefällt sie Dir?«
»Seid Ihr gewiß, daß sie nicht kommen und die Dachstube durchsuchen?«
»Ich möchte Simon Legree das thun sehen,« sagte Cassy. »Nein,
wahrhaftig; er ist zu froh, daß er wegbleiben kann. Was die Dienstboten
anbetrifft, so würde Jeder von ihnen sich lieber todt schießen lassen,
als sich hier zeigen.«
Etwas beruhigt ließ sich Emmeline auf ihre Kissen nieder.
»Was wolltet Ihr damit sagen, Cassy, daß Ihr mich umzubringen drohtet?«
sagte sie arglos.
»Ich wollte Dich verhindern, ohnmächtig zu werden,« sagte Cassy, »und es
gelang mir. Und jetzt sage ich Dir, Emmeline, Du mußt Dich entschließen,
^nicht^ ohnmächtig zu werden, komme, was da wolle; das ist ganz und
gar nicht nöthig. Wenn ich Dich nicht davon abgehalten hätte, so wärst
Du jetzt schon in den Händen jenes Elenden.«
Emmeline schauderte.
Beide schwiegen. Cassy beschäftigte sich mit einem französischen Buche,
und Emmeline, von Erschöpfung übermannt, schlummerte ein und schlief
einige Zeit. Plötzlich wurde durch sie lautes Schreien und Rufen, durch
Getrampel von Pferden und Bellen von Hunden erweckt, und fuhr mit einem
leisen Schrei empor.
»Die Jagdpartie kommt nun zurück,« sagte Cassy kalt; »fürchte nichts.
Schau' durch dieses Astloch. Kannst Du sie nicht Alle unten sehen? Simon
muß es für diesen Abend aufgeben. Sieh', wie schmutzig sein Pferd ist,
wie mißmuthig die Hunde aussehen. Ach, mein guter Herr, Ihr müßt die
Hetze wieder und wieder versuchen -- das Wild ist nicht da.«
»O, sprecht nicht!« sagte Emmeline; »wie, wenn man Euch hörte?«
»Wenn sie irgend etwas hören sollten, so würden sie sich nur um so mehr
vorsehen, von hier weg zu bleiben,« sagte Cassy. »Keine Gefahr; wir
können so viel Lärm machen, als wir wollen, und es wird nur um so mehr
Wirkung haben.«
Endlich legte sich die Stille der Mitternacht über das Haus, und Legree,
sein Unglück verfluchend, und schreckliche Rache für den folgenden Tag
gelobend, ging zu Bette.
Vierzigstes Kapitel.
Der Märtyrer.
Glaub nicht den Guten vom Himmel vergessen,
Wenn auch das Leben ihm Alles verweigert, --
Wenn mit gebrochenem, blutenden Herzen,
Unter Hohn und Verachtung er langsam stirbt;
Denn Gott hat jeden Kummer verzeichnet,
Und jede bittre Thräne gezählt;
Und lange Jahre himmlischen Segens
Zahlen, was seine Kinder geduldet.
Der längste Tag muß sein Ende haben -- auf die früheste Nacht folgt ein
Morgen. Ein ewiger, unerbittlicher Verlauf von Augenblicken treibt immer
den Tag des Bösen zur ewigen Nacht, und die Nacht des Gerechten zu einem
ewigen Tage. Wir sind mit unserem demüthigen Freunde so weit durch das
Thal der Sklaverei gewandelt; erst durch blumige Gefilde der Ruhe und
Gemächlichkeit, dann durch die herzzerreißende Trennung von Allem, was
den Menschen theuer ist. Dann haben wir mit ihm auf einem sonnigen
Eilande verweilt, wo edle Hände seine Ketten unter Blumen verbargen; und
zuletzt sind wir ihm dahin gefolgt, wo der letzte Strahl irdischer
Hoffnung verschwand, und haben gesehn, wie in der Finsterniß irdischer
Macht die Feste des Ungesehenen mit Sternen eines neuen und
bedeutungsvollen Glanzes schimmerte.
Der Morgenstern steht nun über den Gipfeln der Berge, und überirdische
Winde und Lüfte verkünden, daß die Pforten des Tages sich öffnen.
Die Flucht Cassy's und Emmelinen's reizte die vorher schon mürrische
Stimmung Legree's im höchsten Grade; und, wie zu erwarten war, fiel
seine Wuth auf das vertheidigungslose Haupt Tom's. Als er seinen Leuten
hastig die Neuigkeit mittheilte, glänzten Tom's Augen, und er hob seine
Hände empor. Das entging ihm nicht. Er sah, daß er sich dem Aufgebot der
Verfolger nicht anschloß, und dachte darauf, ihn dazu zu zwingen; aber
da er schon von früher her Erfahrungen über seine Unbeugsamkeit hatte,
wenn ihm befohlen wurde, Theil an einer Grausamkeit zu nehmen, so wollte
er sich jetzt in seiner Eile nicht dadurch aufhalten lassen, daß er
einen Streit mit ihm anfing.
Tom blieb also mit einigen Wenigen zurück, die von ihm beten gelernt
hatten, und flehte mit ihnen für das Entkommen der Flüchtlinge zum
Himmel.
Als Legree getäuscht und betrogen zurückkehrte, fing der ganze Haß, der
ihm schon lange gegen seinen Sklaven in der Seele arbeitete, an, eine
tödtliche und verzweifelte Gestalt anzunehmen. Hatte ihm der Mann nicht
getrotzt -- hartnäckig, mächtig, unwiderstehlich -- seit dem er ihn
gekauft hatte! War nicht ein Geist in demselben, der, wenn auch
schweigend, ihn wie Feuer der Verdammniß brannte!
»Ich ^hasse^ ihn!« sagte Legree in jener Nacht, als er sich in seinem
Bette aufrichtete; »ich ^hasse^ ihn! Und gehört er nicht mir? Kann ich
mit ihm nicht machen, was ich will? Es soll mich doch wundern, wer 's
mir wehren will?« Und Legree ballte die Faust und schüttelte sie, als
wenn er etwas in der Hand hätte, das er in Stücke brechen wollte.
Aber Tom war doch ein treuer, werthvoller Diener; und obgleich Legree
ihn deßhalb um so mehr haßte, so war diese Rücksicht doch immer noch
etwas, das ihn in Schranken hielt.