Ist es auffallend, daß der Gottesfriede und das Himmelsvertrauen, welche

ihn bisher aufrecht erhalten hatten, Gemüthserschütterungen und

finsterem Verzagen weichen konnten? Die düsterste Aufgabe dieses

geheimnißvollen Lebens war ihm beständig vor den Augen; zerschmetterte

und zu Grunde gerichtete Seelen, Böses triumphirend und Gott schweigend.

Wochen, Monate rang Tom in seinem Geiste in Dunkelheit und Betrübniß. Er

dachte an Miß Ophelia's Brief, an seine Freunde in Kentucky, und betete

ernstlich, daß ihm Gott Erlösung senden möge; und dann wartete er Tag

für Tag in derlei unbestimmter Hoffnung, Jemanden zu sehen, der zu

seiner Erlösung ausgesendet sei; und wenn Niemand kam, drängte er

bittere Gedanken in sein Herz zurück -- daß es eitel sei, Gott zu

dienen, daß Gott ihn vergessen habe. Zuweilen sah er Cassy, und wenn er

zuweilen nach dem Hause gerufen wurde, erblickte er dann und wann die

gebeugte Gestalt Emmelinens, er hatte aber mit keiner viel Verkehr; es

blieb wirklich keine Zeit, mit irgend Jemanden Umgang zu haben.

Eines Abends saß er in völliger Niedergeschlagenheit und Abspannung bei

ein paar erlöschenden Feuerbränden, an denen er sein kärgliches

Abendessen bereitete. Er legte etwas Reisig auf, um das Feuer wieder in

Brand zu setzen, und zog dann seine verbrauchte alte Bibel aus der

Tasche. Darin waren alle die Stellen gezeichnet, welche so oft seine

Seele angeregt hatten -- Worte von Erzvätern und Sehern, Dichtern und

Weisen, die von frühen Zeiten her dem Menschen Muth zugesprochen --

Stimmen aus der großen Wolke von Zeugen, welche uns immer auf der

Lebensbahn umgeben. Hatte das Wort seine Kraft verloren, oder waren das

versagende Auge und der müde Sinn nicht länger empfänglich für jene

mächtigen Eingebungen? Schwer seufzend steckte er das Buch in die

Tasche. Ein rohes Gelächter erwartete ihn; er sah auf -- Legree stand

ihm gegenüber.

»Nun, alter Junge,« sagte er, »Du findest, Deine Religion wirkt nicht;

es scheint so! Ich dachte ja, ich würde das aus Deiner Wolle

herausbringen!«

Der grausame Hohn war schlimmer, als Hunger, Kälte und Nacktheit. Tom

war still.

»Du warst ein Narr,« sagte Legree, »denn ich dachte Dir Gutes zu thun,

als ich Dich kaufte. Du hättest besser daran sein können, als Sambo oder

Quimbo, und gute Zeiten haben; und anstatt alle paar Tage geprügelt und

gedroschen zu werden, könntest Du Freiheit gehabt haben, rings umher zu

herrschen, und die andern Nigger zu peitschen, und hättest Dich zuweilen

an einem guten Whiskeypunsch erwärmen können. Nun, mach keine Umstände

und sei vernünftig! Wirf den alten Plunder hier ins Feuer und schlag

Dich zu meiner Kirche!«

»Gott behüte mich!« sagte Tom inbrünstig.

»Du siehst, Gott will Dir nicht helfen; wenn er gewollt hätte, so hätte

er Dich nicht in ^meine^ Hände kommen lassen. Deine Religion ist ein

Gemisch von lauter Lügenkram, Tom. Ich weiß es. Halt lieber zu mir; ich

bin etwas und kann etwas thun!«

»Nein, Master,« sagte Tom, »ich will festhalten. Gott mag mir nun helfen

oder nicht; aber ich will an ihm halten und bis aufs Letzte an ihn

glauben!«

»Um so mehr bist Du ein Narr!« sagte Legree, indem er ihn verächtlich

anspie und mit dem Fuße trat. »Nun, es macht nichts aus; ich will Dich

doch noch niederhetzen und herunterbringen, Du wirst 's sehen!« und

Legree wendete sich weg.

Wenn ein schweres Gewicht die Seele zur tiefsten Tiefe menschlichen

Duldens herunterdrückt, so tritt eine plötzliche und verzweifelte

Anstrengung jedes physischen und geistigen Nervs ein, das Gewicht

abzuwerfen, und dadurch wird der größte Schmerz oft zu einer

rückströmenden Fluth der Freude und des Muthes. So war es jetzt mit Tom.

Die gottesläugnerischen Verhöhnungen seines grausamen Herrn senkten

seine vorher schon niedergeschlagene Seele zur tiefsten Ebbe hinab; und

obgleich die Hand des Glaubens sich noch an dem ewigen Felsen festhielt,

so war es doch nur mit einem starren, verzweifelten Griffe. Tom saß wie

betäubt am Feuer. Plötzlich schien Alles um ihn zu verschwinden, und

vor ihm erhob sich die Erscheinung einer mit Dornen gekrönten,

geschlagenen und blutenden Gestalt. Tom schaute mit Staunen und

Bewunderung auf die würdevolle Ruhe des Antlitzes; die tiefen, rührenden

Augen drangen ihm bis in das innerste Herz; seine Seele erwachte,

während er mit strömendem Gefühle seine Hände ausstreckte und auf seine

Kniee fiel; und allmählig veränderte sich die Erscheinung, die scharfen

Dornen wurden zur Strahlenkrone, und im unbegreiflichen Glanze sah er

dasselbe Antlitz sich mitleidsvoll zu ihm neigen, und eine Stimme sagte:

»Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Stuhle zu

sitzen, wie Ich überwunden habe, und bin mit meinem Vater gesessen auf

seinem Stuhle.«

Wie lange Tom so gelegen hatte, wußte er nicht. Als er wieder zu sich

kam, war das Feuer erloschen, seine Kleider von feuchtem Thaue

durchnäßt, aber der fürchterliche Seelenkampf war entschieden, und in

der Freude, welche ihn erfüllte, fühlte er nicht mehr Hunger, Kälte,

Erniedrigung, Widerwärtigkeit und Elend. Aus tiefster Seele schied er in

jener Stunde von jeder Hoffnung dieses Lebens, und brachte seinen

eigenen Willen als ein williges Opfer dem Unendlichen dar. Tom sah auf

zu den stillen, ewigen Sternen, den Sinnbildern der Engelsschaaren, die

immer auf den Menschen herabschauen; und die Einsamkeit der Nacht

wiederhallte von den Siegesworten eines Lobgesanges, welchen er oft in

glücklicheren Tagen gesungen, aber nie mit einem solchen Gefühle wie

jetzt:

»Die Erde wird wie Schnee zergehn,

Die Sonne nicht mehr scheinen;

Doch Gott, der mich hier ließ entstehn,

Wird sich mit mir vereinen.«

»Und wenn dies ird'sche Leben flieht,

Und Fleisch und Sinn vergehn,

Der Engel Schaar mich jenseits zieht,

Wo Fried und Freude wehn.«

»Und wenn zehntausend Jahr wir da

Hell scheinend wie die Sonn',

So sing'n wir noch Halleluja,

Wie einst auf Erden schon.«

Wer vertraut ist mit der Religionsgeschichte der Sklavenbevölkerung,

wird wissen, daß Verhältnisse gleich denen, welche wir erzählt haben,

sehr gewöhnlich unter ihnen sind. Wir haben von ihren eigenen Lippen

einige der rührendsten und ergreifendsten Züge gehört. Der

Seelenforscher erzählt uns von einem Zustande, in welchem die Bewegungen

und Bilder des Gemüths so herrschend und übermächtig werden, daß sie die

äußeren Sinne in ihren Dienst zwingen, und diese den inneren Gebilden

eine erkennbare Gestalt verleihen. Wer kann ermessen, was ein

alldurchdringender Geist mit diesen Fähigkeiten unserer sterblichen

Natur wirken, oder wie er die verzagenden Seelen der Untröstlichen

ermuthigen kann? Wenn der arme, vergessene Sklave glaubt, daß Jesus ihm

erschienen sei und mit ihm geredet habe, wer wird ihm widersprechen?

Sagte er nicht, daß seine Sendung zu allen Zeiten sei, »zu heilen, die

zerstoßenen Herzens sind, zu predigen den Zerschlagenen, daß sie frei

und ledig sein sollen.«

Als das dunkle Grau der Morgendämmerung die Schläfer erweckte, hinaus

auf das Feld zu gehen, da war einer unter jenen zerlumpten und

schauernden Unglücklichen, der mit frohlockendem Schritte einherging,

denn fester, als der Boden, welchen er betrat, war sein starker Glaube

an die allmächtige, ewige Liebe. Ach, Legree! versuche jetzt alle Deine

Kräfte! Völlige Seelenangst, Wehe, Erniedrigung, Mangel und Verlust von

Allem werden nur den Proceß beschleunigen, der ihn zum König und

Priester Gottes weiht!

Von dieser Zeit an umgab ein unverletzbarer Kreis des Friedens das

demüthige Herz des Bedrückten -- ein immer gegenwärtiger Erlöser weihte

es zu einem Tempel. Vorüber ist nun das Bluten irdischen Schmerzes,

vorüber seine schwankende Hoffnung und Furcht, sein schwankendes

Verlangen -- der menschliche Wille gebeugt und blutend, und lange

ringend, war nun ganz in dem göttlichen aufgegangen. So kurz schien

jetzt die übrige Lebensreise -- so nahe, so lebendig der ewige Segen --

daß des Lebens äußerstes Weh harmlos an ihm vorüberging.

Alle bemerkten die Veränderung in seiner Erscheinung. Heiterkeit und

Freudigkeit schien in ihn zurückzukehren, und eine Ruhe, welche keine

Kränkung oder Beleidigung stören konnte, schien ihn zu beherrschen.

»Was der Teufel ist in den Tom gefahren?« sagte Legree zu Sambo. »Vor

einiger Zeit war er ganz wie stumm, und jetzt ist er vergnügt wie ein

Heimchen.«

»Weiß nicht, Master, will vielleicht fortlaufen.«

»Möchte ihn das versuchen sehen,« sagte Legree mit wildem Grinsen;

»nicht wahr, Sambo?«

»Ja, ich glaube! Ha! ha!« sagte der schwarze Gnom, indem er

dienstpflichtig lachte. »O Herr, der Spaß! Ihn im Schlamme stecken,

durch die Büsche jagen und reißen zu sehen, die Hunde an den Fersen!

Herr, ich lachte, daß ich dachte, ich sollte platzen, damals, als wir

Molly fingen. Ich dachte, sie hätten ihr alles Zeug vom Leibe gerissen,

ehe ich sie von ihr kriegen konnte. Sie hat noch immer die Male von dem

Spasse.«

»Ich glaube, sie wird sie mit ins Grab nehmen,« sagte Legree. »Aber

jetzt, Sambo, pass' auf! Wenn der Neger dergleichen im Schilde hat,

stelle ihm ein Bein.«

»Herr, laßt mich dafür sorgen!« sagte Sambo. »Ich will den Affen

fangen.«

Das wurde gesprochen, als Legree auf sein Pferd stieg, um zur

benachbarten Stadt zu reiten. Als er jenen Abend zurückkehrte, fiel es

ihm ein, sein Pferd umzudrehen und um die Hütten zu reiten und zu

sehen, ob Alles in Ordnung sei.

Es war eine prächtige Mondnacht; die Schatten der schönen

Pomeranzenbäume lagen scharf gezeichnet auf den Rasen, und es herrschte

jene durchsichtige Stille in der Luft, deren Störung unheilig erscheint.

Als Legree in geringer Entfernung von den Hütten war, hörte er eine

Stimme singen. Es war kein gewöhnlicher Gesang, und er hielt deshalb an,

um zu horchen. Eine klangvolle Tenorstimme sang:

»Wenn ich mein Recht klar lesen kann

Auf himmlischen Besitz,

So kommt mich keine Furcht mehr an,

Und scheu' ich nicht der Hölle Blitz.«

»Und ringt mit Erdenlust mein Geist

Und fliegt der Hölle Pfeil,

Mein Heiland, Satan von mir weist,

Und schützt mein Seelenheil.«

»Kömmt Sorge wie 'ne Sündfluth an,

Und Unglücksstürme wehn,

Komm ich doch nicht von meiner Bahn,

Die kann ich deutlich sehn.«

»So! ha!« sagte Legree bei sich, »denkt er das wirklich? Wie ich diese

verfluchten Methodistenlieder hasse! Her! Nigger!« sagte er, indem er

plötzlich auf Tom zukam und seine Reitpeitsche in die Höhe hob, »wie

kannst Du Dich unterstehen, diesen Lärm hier zu machen, wenn Du zu Bette

sein mußt? Halt Deinen alten schwarzen Rachen und packe Dich fort!«

»Ja, Master,« sagte Tom mit bereitwilliger Freundlichkeit, als er sich

erhob, um heimzugehen.

Legree war auf's Aeußerste gereizt durch Toms sichtliche Glückseligkeit;

er ritt an ihn heran und bearbeitete ihn mit Schlägen über Kopf und

Schultern.

»Da, Hund,« sagte er, »sieh zu, ob Dir danach noch immer so wohl ist!«

Aber die Schläge fielen jetzt nur auf den äußern Menschen und nicht, wie

zuvor, auf das Herz. Tom stand völlig unterwürfig da; und doch konnte

sich Legree nicht verhehlen, daß seine Macht über seinen Leibeigenen

aufgehört hatte. Als Tom in seiner Hütte verschwand, und er sein Pferd

herumwarf, durchzuckte sein Herz plötzlich einer jener lebendigen

Blitze, welche oft das Licht des Gewissens durch die dunkle, ruchlose

Seele senden. Er fühlte deutlich, daß es Gott sei, der zwischen ihm und

seinem Opfer stand, und er lästerte ihn. Jener unterwürfige und stille

Mensch, den weder Hohn, noch Drohungen, weder Streiche, noch

Grausamkeiten stören konnten in der Ruhe des Gemüthes, erweckte eine

Stimme in ihm, wie sie vor Alters sein Herr erweckte in der besessenen

Seele, die da sagte: »Ach Jesu, Du Sohn Gottes, was haben wir mit Dir zu

thun? Bist Du gekommen, uns zu quälen, ehe denn es Zeit ist?«

Toms ganzes Herz floß über von Mitleid und Theilnahme für die armen

Elenden, von welchen er umringt war. Ihm schien es, als wenn sein

Lebenskummer noch nicht vorüber sei, und als wenn er aus jenem seltsamen

Schatze von Frieden und Freude, mit dem er von Oben begnadigt worden

war, etwas zur Erleichterung ihres Elends ausgießen müsse. Die

Gelegenheit war freilich selten; aber auf dem Wege in die Felder und

wieder zurück, und während den Arbeitsstunden bot sich ihm die

Gelegenheit dar, den Müden, Verzagten und Kleinmüthigen eine hülfreiche

Hand zu reichen. Die armen, ausgemergelten entmenschten Geschöpfe

konnten das anfangs kaum begreifen; als es aber wöchentlich und

monatlich fortgesetzt wurde, begann es endlich, Saiten, die lange

geschwiegen, in ihren erstarrten Herzen anzuschlagen. Allmählig und

unmerkbar begann der seltsame, stille, geduldige Mensch, der immer

bereit war, Jedermanns Bürde zu tragen, und von Niemanden Hülfe

verlangte -- der Allen den Platz räumte, und zuletzt kam und zuletzt

nahm, jedoch der Erste war, das Wenige, was er hatte, mit Jedem zu

theilen, der es bedurfte -- der Mensch, welcher in kalten Nächten seine

zerrissene Decke willig zur Bequemlichkeit einer Frau hergab, die an

Frost oder Krankheit litt; welcher im Felde die Körbe der Schwächern

füllte, in der furchtbaren Gefahr, in seinem eigenen Maße zu kurz zu

kommen -- und welcher, obgleich mit unablässiger Grausamkeit von ihrem

gemeinschaftlichen Tyrannen verfolgt, nie mit einem Worte in die

Schmähungen und Flüche einstimmte, welche man über jenen ausstieß --

dieser Mensch begann zuletzt eine seltene Gewalt über seine Umgebung zu

erlangen; und als die drängende Erntezeit vorüber war, und sie den

Sonntag wieder zu ihrer eigenen Benutzung frei hatten, sammelten sich

Manche um ihn, um von ihm über Jesus zu hören. Sie hätten sich gern

irgendwo versammelt, um zu hören, zu beten und zu singen, aber Legree

wollte das nicht erlauben und störte solche Versuche öfters mit Fluchen

und rohen Verwünschungen, so daß die gesegneten Worte unter den

Einzelnen von Munde zu Munde gehen mußten. Wer kann jedoch die einfache

Freude schildern, womit einige dieser armen Verstoßenen, für die das

Leben eine freudenleere Reise zu einer unbekannten, finstern Zukunft

war, von einem mitleidigen Erlöser und einer himmlischen Heimath hörten?

Missionäre versichern, daß keine Menschenrace der Erde das Evangelium

mit so eifriger Gelehrigkeit empfangen hat, wie die afrikanische. Das

Princip des zuversichtlichen Vertrauens und zweifellosen Glaubens, der

seine Grundlage bildet, ist bei diesem Stamme mehr, als bei jedem andern

natürlich vorhanden; und man hat oft unter ihnen gefunden, daß ein

zerstreutes Samenkorn der Wahrheit, von einem Lüftchen des Zufalls in

das unwissendste Herz gelegt, Frucht getragen hat, deren Reichthum das

mit höherer Bildung begabte beschämt hat.

Die arme Mulattin, deren einfältiger Glaube fast zerdrückt und

zerschmettert worden war durch die Lawine von Grausamkeit und Unrecht,

welche sie überschüttet hatte, fühlte ihre Seele gehoben von den

Gesängen und Stellen der heiligen Schrift, welche dieser demüthige

Missionar von Zeit zu Zeit in ihr Ohr hauchte, wenn sie zur Arbeit

gingen oder davon zurückkehrten; und selbst der halb zerrüttete und

irregehende Geist Cassy's wurde besänftigt und beruhigt durch seinen

schlichten und ungesuchten Einfluß.

Zu Wahnsinn und Verzweiflung von den zermalmenden Martern ihres Lebens

getrieben, hatte Cassy oft in ihrer Seele eine Stunde der Vergeltung

beschlossen, in der ihre Hand an ihrem Unterdrücker alle Ungerechtigkeit

und Grausamkeit rächen sollte, zu deren Zeugin er sie gemacht oder

welche ^sie^ in ihrer eigenen Person geduldet hatte.

In einer Nacht, nachdem Alles in Toms Hütte in Schlaf gesunken war,

wurde derselbe plötzlich erweckt, indem er ihr Gesicht an einer Oeffnung

zwischen den Balken gewahrte, die als Fenster diente. Sie winkte ihm

schweigend, herauszukommen.

Tom trat zur Thür hinaus. Es war zwischen ein und zwei Uhr Morgens --

heller, ruhiger, stiller Mondschein. Als das Mondlicht auf Cassy's

große, schwarze Augen fiel, gewahrt' er, daß darin ein wilder,

eigenthümlicher Glanz leuchtete, ungleich ihrer gewöhnlichen, starren

Verzweiflung.

»Komm her, Vater Tom,« sagte sie, indem sie ihre kleine Hand auf sein

Handgelenk legte, und ihn mit einer Kraft, als wenn die Hand von Stahl

wäre, fortzog; »komm her -- ich habe Neuigkeiten für Euch.«

»Was, Misse Cassy?« sagte Tom ängstlich.

»Tom, möchtest Du nicht gern Deine Freiheit haben?«

»Ich werde sie haben, Misse, »zur Zeit Gottes,«« sagte Tom.

»Ja, aber Du kannst sie diese Nacht noch haben,« sagte Cassy mit einem

Strahl plötzlichen Feuers. »Komme!«

Tom zögerte.

»Komm'!« sagte sie flüsternd, indem sie ihre schwarzen Augen auf ihn

heftete. »Komm mit mir! Er schläft -- fest. Ich habe genug in seinen

Brandwein gethan, um ihn so zu erhalten. Ich wollte, ich hätte mehr

gehabt; dann hätte ich Dich nicht gebraucht. Aber komm, die Hinterthür

ist unverschlossen; dort ist eine Axt; ich habe sie dahingelegt -- seine

Stubenthür ist offen, ich will Dir den Weg zeigen. Ich hätte es selbst

gethan; aber meine Arme sind zu schwach. Komm! komm!«

»Nicht für zehntausend Welten, Misse!« sagte Tom fest, indem er still

stand und sie zurückhielt, als sie vorwärts drängte.

»Aber denke doch an alle diese armen Geschöpfe,« sagte Cassy. »Wir

könnten sie alle in Freiheit setzen und irgendwo in die Sümpfe gehen und

eine Insel finden und für uns leben; ich habe gehört, daß es schon

geschehen ist. Jedes Leben ist besser als dieß.«

»Nein!« sagte Tom fest. »Nein! Nie entsteht Gutes aus Bösem. Ich wollte

mir lieber die rechte Hand abhacken!«

»Dann will ^ich^ es thun,« sagte Cassy, indem sie sich umdrehte.

»O, Misse Cassy!« sagte Tom, indem er sich vor sie niederwarf, »um des

lieben Herrn willen, der für Euch gestorben ist, verkauft nicht so Eure

kostbare Seele dem Teufel. Nichts als Böses kommt davon. Der Herr hat

uns nicht zu Zorn berufen. Wir müssen leiden und seine Zeit erwarten.«

»Erwarten!« sagte Cassy. »Habe ich nicht gewartet -- gewartet, bis mein

Kopf schwindelig und mein Herz krank geworden ist? Was hat er mich

dulden lassen? Was hat er Hunderte von armen Geschöpfen leiden lassen?

Preßt er nicht das Lebensblut aus Euch? Ich bin berufen! Man ruft mich!

Seine Zeit ist gekommen, und ich will sein Herzblut haben!«

»Nein, nein, nein!« sagte Tom, indem er ihre kleinen Hände festhielt,

die sie mit krampfhafter Gewalt geballt hatte. »Nein, arme, verlorne

Seele, das dürft Ihr nicht. Der liebe Herr vergoß kein anderes Blut, als

sein eigenes, und das vergoß er für uns, als wir seine Feinde waren.

Herr, hilf uns in Deine Fußstapfen zu treten und unsere Feinde zu

lieben!«

»Lieben!« sagte Cassy mit einem grimmigen Blick, »^solche^ Feinde

lieben! Fleisch und Blut kann das nicht.«

»Nein, Fräulein,« sagte Tom, indem er aufsah; »aber ^Er^ gibt es uns,

und das ist der ^Sieg^. Wenn wir lieben und beten können über Alles

und durch Alles, so ist der Kampf vorüber und der Sieg ist da --

gepriesen sei Gott!« Und mit strömenden Augen und erstickender Stimme

schaute der schwarze Mensch zum Himmel auf.

Und dies, Afrika! -- zuletzt berufen unter allen Völkern, berufen zur

Dornenkrone, zur Geißel, dem blutigen Schweiße, dem Kreuze des

Todeskampfes -- dies soll ^Dein^ Sieg sein; dadurch sollst Du mit

Christus herrschen, wenn sein Königreich kommen wird auf Erden.

Die tiefe Gluth von Tom's Gefühlen, seine sanfte Stimme, seine Thränen

fielen wie Thau auf den wilden, unstäten Geist der unglücklichen Frau.

Ein sanfter Ausdruck sammelte sich um das düstere Feuer ihres Auges; sie

blickte nieder, und Tom konnte fühlen, wie die Muskeln ihrer Hand

nachließen, als sie sagte:

»Habe ich Dir nicht gesagt, daß böse Geister mich verfolgten? O, Vater

Tom, ich kann nicht beten. Ich wollte, ich könnte. Ich habe nie gebetet,

seitdem meine Kinder verkauft wurden! Was Du sagst, muß wahr sein --

ich weiß, es muß; aber wenn ich zu beten versuche, kann ich nur hassen

und fluchen. Ich kann nicht beten!«

»Arme Seele!« sagte Tom mitleidig. »Satan möchte Euch gerne haben und

wie Waizen sieben. Ich bete für Euch zum Herrn. O, Miß Cassy, wendet

Euch zu dem lieben Herrn Jesus. Er ist gekommen, die zerstoßenen Herzens

sind, zu heilen und die Trauernden zu trösten.«

Cassy stand still, während große, schwere Thränen aus ihren

niedergeschlagenen Augen tropften.

»Misse Cassy,« sagte Tom mit zögernder Stimme, nachdem er sie einen

Augenblick stillschweigend mit den Blicken gemessen, »wenn Ihr nur von

hier fortkommen könntet, wenn es nur möglich wäre -- ich möchte Euch und

Emmeline rathen, es zu thun, das heißt, wenn ihr ohne Blutschuld gehen

könntet, nicht anders.«

»Wolltest Du es mit uns versuchen, Vater Tom?«

»Nein,« sagte Tom; »es gab eine Zeit, wo ich gewollt hätte; aber der

Herr hat mir ein Werk aufgetragen unter diesen armen Seelen, und ich

will mit ihnen stehen und mein Kreuz mit ihnen tragen bis zum Ende. Es

ist etwas Anderes mit Euch: für Euch ist es eine Falle -- es ist mehr,

als Ihr tragen könnt; und Ihr solltet lieber gehen, wenn Ihr könnet.«

»Ich kenne keinen Weg, als durch das Grab,« sagte Cassy. »Es giebt kein

Thier, keinen Vogel, der nicht irgendwo eine Heimath finden könnte,

selbst die Schlangen und die Alligators haben ihre Orte, wo sie sich in

Ruhe niederlegen können; aber wir haben keinen Ort. Unten in den

dunkelsten Sümpfen werden uns ihre Hunde aufjagen. Alles und Alles ist

gegen uns, selbst die Thiere nehmen Partei gegen uns, -- und wohin

sollen wir uns wenden?«

Tom stand stille; endlich sagte er:

»Er, der Daniel in der Löwengrube errettete -- der die Kinder im

feurigen Ofen bewahrte -- der auf der See wandelte und dem Winde Stille

gebot -- er lebt noch; und ich habe den Glauben an ihn, daß er Euch

befreien kann. Versucht es, und ich will mit aller Kraft für Euch

beten.«

Nach welchem Gesetz des Geistes geschieht es, daß eine Idee, die lange

unbeachtet gewesen ist, und wie ein unnützer Stein mit Füßen getreten

worden ist, plötzlich in neuem Lichte aufflammt, wie ein neu entdeckter

Edelstein!

Cassy hatte oft stundenlang alle möglichen und wahrscheinlichen

Fluchtpläne überlegt und alle als hoffnungslos und unausführbar bei

Seite gelegt; aber in diesem Augenblick flog ein Plan durch ihre Seele,

so einfach und leicht ausführbar in allen seinen Einzelnheiten, um

augenblickliche neue Hoffnung zu erwecken.

»Vater Tom, ich will es versuchen!« sagte sie plötzlich.

»Amen!« sagte Tom. »Der Herr helfe Euch!«

Neununddreißigstes Kapitel.

Der Kunstgriff.

Der Gottlosen Weg ist dunkel, und sie wissen

nicht, wo sie fallen werden.

Der Boden des Hauses, welches Legree bewohnte, war, wie die meisten

anderen Böden, ein großer, öder Platz, staubig, mit Spinneweben behangen

und mit verbrauchtem Gerölle überstreut. Die reiche Familie, welche das

Haus in den Tagen seines Glanzes bewohnte, hatte viel glänzendes

Hausgeräth hineingebracht, wovon sie einen Theil mit sich weggenommen

hatte, während ein anderer verlassen in modernden, unbewohnten Zimmern

stehen geblieben, oder an diesen Ort aufgehäuft worden war. Ein oder

zwei sehr große Kisten, in denen dies Geräth gebracht worden war,

standen an den Seiten des Bodens. Es befand sich dort ein kleines

Fenster, welches durch seine schmutzigen, staubigen Scheiben ein

dürftiges, ungewisses Licht auf die hohen Stühle und staubigen Tische

fallen ließ, die einst bessere Tage gesehn hatten. Im Ganzen war es ein

gespenstiger, unheimlicher Ort; aber so geisterhaft er war, fehlte es

ihm doch nicht an Sagen unter den abergläubischen Negern, seine

Schrecknisse zu erhöhen. Wenige Jahre vorher, war eine Negerin, welche

Legrees Mißvergnügen erregt hatte, mehrere Wochen lang dort

eingeschlossen worden. Wir sagen nicht, was dort geschah; die Neger

pflegten es sich einander zuzuflüstern; aber es war bekannt, daß der

Leichnam des unglücklichen Geschöpfes eines Tages von dort

heruntergebracht und beerdigt wurde; und darauf hieß es, daß

Verwünschungen und Flüche und der Schall heftiger Schläge, vermischt mit

Klagen und Stöhnen der Verzweiflung durch die alte Bodenkammer zu

schallen pflegten. Als einst Legree zufällig etwas der Art hörte,

gerieth er in heftige Leidenschaft, und schwor, daß der Nächste, welcher

Geschichten von dieser Bodenkammer erzähle, Gelegenheit haben solle, zu

erfahren, was darin vorgänge, denn er wolle ihn eine Woche lang dort in

Ketten legen. Dieser Wink reichte hin, um alles weitere Gespräch darüber

zu unterdrücken, obgleich er natürlich den Glauben an die Wahrheit der

Geschichte nicht verminderte.

Allmählig wurde die Treppe, welche zu der Oberstube führte, und selbst

der Gang zu jener Treppe, von jedermann im Hause gemieden, da jeder

davon zu sprechen fürchtete, und die Sage kam allmälig in Vergessenheit.

Plötzlich war es Cassy eingefallen, von der abergläubischen

Erregbarkeit, welche bei Legree so stark war, zum Zwecke ihrer Befreiung

und der ihrer Mitdulder Gebrauch zu machen.

Onkel Tom's Hütte(#69977) · 第 16 / 22 段