befindest Du Dich? Habe ich Dir nicht gesagt, ich könne Dir Eins oder
das Andre beibringen? Wie gefällt's Dir, he? Wie bekommen Dir die
Schwielen, Tom? Bist nicht ganz so keck wie Du gestern Abend warst?
Könntest jetzt wohl nicht einen armen Sünder auf ein Bischen Predigt
freihalten, nicht, he?«
Tom antwortete Nichts.
»Auf, Vieh!« sagte Legree, indem er ihn wieder stieß.
Das war eine schwere Aufgabe für einen so zerschlagenen und entkräfteten
Menschen, und als Tom sich bemühte, es zu thun, brach Legree in ein
viehisches Gelächter aus.
»Wovon bist Du diesen Morgen so sanft, Tom? Vielleicht gestern Abend
erkältet?«
Tom war indessen auf die Füße gekommen und stand seinem Herrn gegenüber
mit fester, standhafter Stirne.
»Teufel, Du kannst's!« sagte Legree, indem er ihn betrachtete. »Ich
glaube, Du hast noch nicht genug gekriegt. Jetzt, Tom, ohne Umstände auf
die Knie und bitte mich um Verzeihung wegen Deiner Streiche von gestern
Abend.«
Tom bewegte sich nicht.
»Nieder, Hund!« sagte Legree, indem er ihn mit der Reitpeitsche schlug.
»Herr Legree,« sagte Tom, »ich kann es nicht thun. Ich habe nur gethan,
was ich für recht gehalten habe. Ich werde es jedes Mal gerade wieder so
machen. Ich werde nie eine Grausamkeit begehen, komme, was da wolle.«
»Ja, aber Du weißt nicht, was kommen will, Master Tom. Du denkst, was Du
gekriegt hast, ist etwas. Ich sage Dir, 's ist nichts -- gar nichts. Wie
würde es Dir gefallen, an einen Baum gebunden zu werden, und ein
langsames Feuer um Dich angezündet zu haben? Wäre das nicht angenehm --
he, Tom?«
»Master,« sagte Tom, »ich weiß, Ihr könnt Schreckliches thun; aber« --
er streckte sich aufwärts und faltete die Hände, -- »aber nachdem Ihr
den Leib getödtet habt, könnt Ihr nichts mehr thun. Und o, dann folgt
alle ^Ewigkeit^!«
^Ewigkeit^ -- das Wort durchbebte die Seele des schwarzen Menschen mit
Licht und Kraft, als er sprach -- es durchzuckte auch des Sünders Seele
wie Scorpionenbiß. Legree knirschte mit den Zähnen, aber Wuth hielt ihn
still, und Tom sprach, wie ein aus der Knechtschaft befreiter Mensch,
mit klarer und heitrer Stimme:
»Master Legree, Ihr habt mich gekauft, und ich will Euch ein treuer und
redlicher Diener sein. Ich will Euch alle Arbeit meiner Hände geben,
alle meine Zeit, alle meine Kraft, aber meine Seele will ich keinem
Sterblichen opfern. Ich will am Herrn festhalten, und seine Gebote vor
Allem befolgen, mag ich leben oder sterben, darauf verlaßt Euch. Master
Legree, ich fürchte den Tod nicht im Geringsten. Ich sterbe eben so gern
wie nicht. Ihr könnt mich zu Tode peitschen, verhungern, verbrennen
lassen, es bringt mich nur früher dahin, wohin ich mich sehne.«
»Ich will Dich doch nachgiebig machen, ehe ich mit Dir fertig bin!«
sagte Legree wüthend.
»Ich werde ^Hülfe^ bekommen,« sagte Tom. »Ihr könnt es nicht.«
»Wer zum Teufel wird Dir helfen?« sagte Legree verächtlich.
»Der allmächtige Gott!« sagte Tom.
»Hol Dich der Teufel!« sagte Legree, indem er Tom mit einem Faustschlage
zu Boden streckte.
Eine kalte, weiche Hand legte sich in diesem Augenblick auf die
Legree's. Er drehte sich um -- es war Cassy's; aber die kalte, sanfte
Berührung rief ihm den Traum der letzten Nacht zurück, und durch die
Kammern seines Hirnes blitzend, kamen alle die fürchterlichen Bilder der
Nachtwachen zurück, mit einem Theile der Schrecknisse, die jene
begleiteten.
»Wollt Ihr ein Thor sein?« sagte Cassy auf französisch. »Laßt ihn gehen.
Laßt mich ihn herstellen, um wieder im Felde arbeiten zu können. Ist's
nicht gerade wie ich Euch sagte?«
Man sagt, der Alligator, das Nashorn, obschon in kugelfesten Panzer
gehüllt, haben einen Fleck, wo sie verwundbar sind; und freche,
ungläubige Verworfene haben gewöhnlich diesen Punkt in abergläubischer
Furcht.
Legree wendete sich weg, entschlossen, einstweilen die Sache gehen zu
lassen.
»Nun, so habe Deinen Willen,« sagte er mürrisch zu Cassy.
»Höre Du,« fuhr er zu Tom gewendet fort, »ich will Dich für jetzt gehen
lassen, weil die Geschäfte dringend sind, und ich alle meine Arbeiter
brauche, aber ich vergesse ^niemals^. Ich will es Dir ankreiden, und
die Zeit kommt, wo es mir Dein altes schwarzes Fell bezahlen soll --
merk' Dir das!«
Legree drehte sich um und ging hinaus.
»Gehe nur,« sagte Cassy ihm finster nachschauend; »Deine Rechnung kommt
auch noch! -- Armer Mensch, wie geht's Dir?«
»Der Herr hat seinen Engel gesendet und des Löwen Rachen für diesmal
verschlossen,« sagte Tom.
»Für diesmal gewiß,« sagte Cassy; »aber jetzt habt Ihr seinen Haß auf
Euch, der Euch Tag für Tag verfolgt, wie ein Hund, der an Eurer Kehle
hängt, Euer Blut saugt und Euer Leben tropfenweise verbluten läßt. Ich
kenne den Menschen.«
Siebenunddreißigstes Kapitel.
Freiheit.
»Es kommt nicht darauf an, mit welchen Feierlichkeiten
er auf dem Altare der Sklaverei geweiht worden
sei; sobald er den heiligen, brittischen Boden
betritt, versinken der Altar und der Gott in Staub,
und erlöst wiedergeboren, entfesselt steht er da durch
den unwiderstehlichen Genius allgemeiner Emancipation.«
^Curran.^
Für einige Zeit müssen wir Tom in den Händen seiner Verfolger lassen,
während wir uns zurückwenden, um die Schicksale Georgs und seiner Frau
zu verfolgen, die wir in einem Farmhause an der Straße in
freundschaftlichen Händen ließen.
Tom Locker verließen wir, stöhnend und lärmend in einem fleckenlos
reinen Quäcker-Bett, unter der mütterlichen Aufsicht von Base Dorcas,
welche in ihm einen ganz so lenksamen Patienten fand, wie in einem
kranken Büffelochsen.
Man denke sich eine hohe, würdevolle Frau, deren reine Musselinhaube ein
wellenartiges Silberhaar beschattet, das auf der breiten, hintern Stirn
gescheitelt ist, welche gedankenvolle, graue Augen überwölbt; ein
schneeweißes Tuch von geglättetem Krepp legt sich glatt über ihrem
Busen; ihr glänzend braunes Seidenkleid rauscht friedlich, wenn sie in
der Stube auf und nieder gleitet.
»Alle Teufel!« sagt Tom Locker, indem er der Bettdecke einen starken
Schlag versetzt.
»Ich muß Dich ersuchen, Thomas, nicht solche Ausdrücke zu gebrauchen,«
sagt Base Dorcas, während sie ruhig das Bett wieder in Ordnung bringt.
»Nun, ich will 's nicht thun, Großmutter, wenn ich kann,« sagt Thomas;
»aber 's ist genug, einen armen Kerl zum Fluchen zu bringen, so verdammt
heiß ist's!«
Dorcas entfernte eine Decke vom Bette, ordnete das Bettzeug wieder und
stopfte es unter, bis Tom fast wie eine Puppe aussah, indem sie dabei
bemerkte:
»Ich wollte, Freund, Du ließest das Fluchen und Schwören, und dächtest
an Deine Wege.«
»Was der Teufel,« sagte Tom, »soll ich daran denken? 's ist immer 's
Letzte, woran ich gern denke -- hol 's der Henker!« Und Tom stampfte,
schlug die Decken auf und brachte Alles auf eine entsetzliche Art in
Unordnung.
»Der Kerl und die Dirne sind hier, glaube ich?« sagte er nach einer
Weile mürrisch.
»Ja,« sagte Dorcas, »sie sind hier.«
»Die sollten sich lieber aufmachen, fort nach dem See,« sagte Tom, »je
schneller desto besser.«
»Wahrscheinlich werden sie das thun,« sagte Base Dorcas, indem sie ruhig
weiter strickte.
»Und hört,« sagte Tom; »wir haben Freunde in Sandusky, welche die Boote
für uns bewachen. Kümmere mich nicht mehr darum, 's zu sagen. Ich
wollte, sie entwischten, nur um Marks zu ärgern -- den verfluchten
Laffen! -- hol ihn der Teufel!«
»Thomas!« sagte Dorcas.
»Ich sage Euch, Großmutter, wenn Ihr einen armen Kerl zu dicht
einpfropft, so platzt er,« sagte Tom. »Aber wegen der Dirne -- sagt
ihnen, daß sie sich so ankleide, daß sie nicht mehr kenntlich ist. Ihre
Beschreibung ist in Sandusky.«
»Wir wollen dafür sorgen,« sagte Dorcas mit der ihrer Sekte
eigenthümlichen Gelassenheit.
Da wir an dieser Stelle von Tom Locker Abschied nehmen, so können wir
hier zugleich erwähnen, daß, nachdem er drei Wochen in dem Quäckerhause
am rheumatischen Fieber darniederlag, welches zu seinen übrigen Leiden
hinzu trat, er sich vom Lager als ein etwas weiserer und bessrer Mensch
erhob; und fortan statt Sklaven zu fangen, sich in einer der neuen
Ansiedlungen niederließ, wo seine Fähigkeiten sich in der Jagd von
Bären, Wölfen und andern Bewohnern des Forstes glücklicher entwickelten,
wodurch er sich einen Namen im Lande machte. Tom sprach immer
ehrfurchtsvoll von den Quäkern. »Hübsche Leute,« pflegte er zu sagen;
»wollten mich bekehren, konnten 's aber nicht zu Stande bringen. Aber
eins will ich euch sagen, Fremder, einen kranken Kerl warten sie
vortrefflich ab, -- das ist richtig! Kochen die beste Sorte Kraftbrühe
und Brezeln.«
Da Tom den Flüchtlingen mitgetheilt hatte, daß ihre Gesellschaft in
Sandusky gesucht werde, so hielt man es für gerathen, sich zu theilen.
Jim wurde mit seiner alten Mutter besonders fortgeschafft; und ein oder
zwei Nächte später wurden Georg und Elise mit ihrem Kinde in's Geheim
nach Sandusky gefahren und unter einem gastfreien Dache untergebracht,
während die Vorbereitungen zu ihrer letzten Einschiffung auf den See
getroffen wurden.
Ihre Nacht neigte sich jetzt dem Ende und schön erhob sich vor ihnen der
Morgenstern der Freiheit. Freiheit! Begeisterndes Wort! Was ist es? Ist
es denn etwas mehr als ein Name oder ein rednerischer Ausdruck? Warum
Ihr Männer und Frauen Amerikas, beben Eure Herzen vor Wonne bei dem
Worte, für welches Eure Väter bluteten und Eure noch bravere Mütter
willig ihre Besten und Edelsten sterben sahen?
Liegt darin etwas Ruhmreiches und Theures für ein Volk, das nicht auch
ruhmreich und theuer für den einzelnen Menschen ist? Was ist Freiheit
eines Volkes anders als Freiheit der Individuen desselben? Was ist
Freiheit für jenen jungen Mann, welcher dort sitzt, die Arme über die
breite Brust geschlagen, die Farbe des afrikanischen Blutes auf den
Wangen, dessen dunkles Feuer im Auge -- was ist Freiheit für George
Harris? Für Eure Väter war Freiheit das Recht eines Volkes, ein Volk zu
sein. Für ihn ist es das Recht eines Menschen, ein Mensch zu sein und
kein Vieh; das Recht, das Weib seines Herzens sein Weib nennen, und sie
vor gesetzlicher Gewaltthätigkeit schützen zu können; das Recht, sein
Kind zu beschützen und zu erziehen; das Recht, eine eigne Heimath, eine
eigne Religion, einen eignen Charakter zu haben, der nicht dem Willen
eines Andern unterworfen ist. Alle diese Gedanken arbeiteten in Georgs
Brust, während er gedankenvoll den Kopf auf die Hand stützte, und seine
Frau beobachtete, als sie ihrer zarten und hübschen Gestalt männliche
Kleidung anpaßte, in der man es für das Sicherste hielt, daß sie ihre
Flucht bewerkstellige.
»Jetzt gilt's,« sagte sie, als sie vor dem Spiegel stand und die seidene
Fülle des schwarzen Lockenhaares herabschüttelte. »Sieh! Georg, 's ist
fast ein Jammer, nicht wahr?« sagte sie, indem sie scherzhaft einige
Locken in die Höhe hielt. »'s ist ein Jammer, daß sie alle ab müssen.«
Georg lächelte traurig und gab keine Antwort.
Elise kehrte sich gegen den Spiegel und die Scheere schimmerte, als eine
lange Locke nach der andern vom Haupte getrennt wurde.
»Nun, das wird genug sein,« sagte sie, indem sie eine Haarbürste
ergriff, »jetzt ein Paar Phantasiestriche.«
»Da, bin ich nicht ein hübscher junger Mensch?« sagte sie, indem sie
sich nach ihrem Gatten umwandte, lachend und erröthend zugleich.
»Du bist immer hübsch, Du magst thun, was Du willst,« sagte Georg.
»Was macht Dich so ernst?« sagte Elise, indem sie sich auf ein Knie
niederließ, und ihre Hände auf das seinige legte. »Wir sind nur noch 24
Stunden von Canada entfernt. Nur einen Tag und eine Nacht auf dem See,
und dann -- o, dann!«
»O, Elise!« sagte Georg, indem er sie an sich zog, »das ist 's gerade!
Jetzt naht sich mein Schicksal dem entscheidenden Punkt. So nahe zu
kommen, es fast vor Augen haben und dann Alles verlieren. Ich könnte es
nicht überleben, Elise.«
»Habe keine Furcht,« sagte seine Frau zuversichtlich. »Der gute Gott
hätte uns nicht so weit gebracht, wenn er uns nicht durchbringen wollte.
Mir ist 's, als fühlte ich, daß er mit uns ist, Georg.«
»Du bist ein gesegnetes Weib, Elise!« sagte Georg, indem er sie
krampfhaft umarmte. »Aber -- ach, sag'! kann uns diese große Gnade zu
Theil werden? Werden diese Jahre des Elend's wirklich ein Ende nehmen?
-- werden wir frei werden?«
»Gewiß, Georg,« sagte Elise, indem sie aufwärts blickte, während Thränen
der Hoffnung und Begeisterung an ihren langen, dunkeln Wimpern glänzten.
»Ich fühle es in mir, daß Gott uns heut aus der Knechtschaft erlösen
wird.«
»Ich will Dir glauben, Elise,« sagte Georg, indem er plötzlich aufstand.
»Ich will es glauben; komm, laß uns fort. Ja, wahrlich,« sagte er, indem
er sie auf Armeslänge von sich hielt, und sie voll Bewunderung
betrachtete. »Du ^bist^ ein hübsches Kerlchen. Die kleinen kurzen
Backen stehen Dir vortrefflich. Setze Deine Mütze auf. So -- ein Bischen
auf eine Seite. Du hast nie so hübsch ausgesehen. Aber es ist fast Zeit
für den Wagen, ich soll mich wundern, ob Mrs. Smyth den Harry
aufgetakelt hat?«
Die Thür öffnete sich und eine Frau von achtbarem Aeußern und mittleren
Jahren trat ein, den kleinen Harry an der Hand, der in Mädchenkleider
gehüllt war.
»Was für ein hübsches Mädchen er abgibt,« sagte Elise, indem sie ihn
herumdrehte. »Wir nennen ihn Harriet, paßt der Name nicht hübsch?«
Das Kind stand da und betrachtete seine Mutter ernst und schweigend in
ihrem neuen und fremdartigen Anzuge, während es zuweilen tief seufzte
und unter seinen dunkeln Locken hervor scheue Blicke auf sie heftete.
»Kennt Harry Mama?« sagte Elise, indem sie die Hände gegen ihn
ausstreckte.
Das Kind hing sich furchtsam an die Frau.
»Komm, Elise, warum versuchst Du, ihn zu liebkosen, da Du doch weißt,
daß er sich fern von Dir zu halten hat?«
»Ich weiß, 's ist thöricht,« sagte Elise, »aber ich kann es nicht
ertragen, daß er sich von mir abwendet. Doch komm -- wo ist mein Mantel?
Hier -- wie nehmen die Männer den Mantel um, Georg?«
»Du mußt ihn so tragen,« sagte ihr Mann, indem er denselben über die
Schultern warf.
»So also,« sagte Elise, indem sie die Bewegung nachahmte; »und ich muß
fest auftreten und große Schritte machen, und dreist auszusehen suchen.«
»Gib Dir keine Mühe,« sagte Georg. »Es gibt hier und da auch bescheidene
junge Männer; und ich glaube, es wird Dir leichter werden, diese Rolle
zu spielen.«
»Und diese Handschuhe! Gott sei uns gnädig!« sagte Elise, »meine Hände
verlieren sich darin.«
»Ich rathe Dir, sie hübsch ordentlich anzubehalten,« sagte Georg. »Dein
zartes Pfötchen könnte uns Alle verrathen. Nun, Mrs. Smyth, tretet Euren
Dienst an, und seid unser Tantchen -- merkt darauf.«
»Ich habe gehört,« sagte Mrs. Smyth, »daß Männer unten gewesen sind, die
alle Schiffscapitäne vor einem Manne und einer Frau mit einem kleinen
Knaben gewarnt haben.«
»So!« sagte Georg. »Nun, wenn wir solche Leute sehen, so können wir 's
ihnen sagen.«
Ein Miethwagen fuhr nun vor, und die freundliche Familie, welche die
Flüchtlinge aufgenommen hatte, drängte sich um dieselben, um Abschied
von ihnen zu nehmen.
Die Verkleidung, welche die Flüchtlinge angenommen hatten, war nach den
Winken des Tom Locker eingerichtet worden. Mrs. Smyth, eine achtbare
Frau aus der Niederlassung in Canada, wohin sie flohen, die glücklicher
Weise grade im Begriffe war, über den See dahin zurückzukehren, hatte
eingewilligt, als die Tante des kleinen Harry aufzutreten; und um ihn an
dieselbe zu gewöhnen, hatte man ihn die letzten zwei Tage allein unter
ihrer Obhut bleiben lassen; und ein besonderer Aufwand von Liebkosungen,
in Verbindung mit einem unendlichen Betrage von Kuchen und Zuckerwerk,
hatten die Anhänglichkeit von Seiten des jungen Herrn befestigt.
Der Miethwagen fuhr nach dem Landungsplatze. Die zwei vermeintlichen
jungen Männer schritten über das Brett in das Boot, indem Elise Mrs.
Smyth mit vieler Artigkeit am Arm führte und Georg für das Gepäck Sorge
trug.
Als Georg vor dem Büreau des Kapitäns stand, um für seine
Reisegesellschafter Zahlung zu leisten, hörte er zwei Männer neben sich
reden.
»Ich habe jeden, der an Bord kam, beobachtet,« sagte der Eine, »und
weiß, sie sind nicht in diesem Boot.«
Die Stimme war die des Bootsschreibers. Der Andre, mit dem er sprach,
war unser alter Freund Marks, der mit jener unschätzbaren
Beharrlichkeit, welche ihn charakterisirte, nach Sandusky gekommen war,
um zu sehen, wen er verschlingen könne.
»Ihr könnt das Frauenzimmer kaum von einer Weißen unterscheiden,« sagte
Marks. »Die Mannsperson ist ein sehr heller Mulatte. Er hat ein Brandmal
an der einen Hand.«
Die Hand, womit Georg eben die Zettel und das heraus erhaltene Geld
nahm, bebte ein wenig; aber er drehte sich kalt um, heftete den Blick
unbefangen auf das Gesicht des Sprechenden und ging gemächlich nach
einem andern Theile des Boots, wo Elise auf ihn wartete.
Mrs. Smyth mit dem kleinen Harry ging nach der Damenkajüte, wo die
dunkle Schönheit des vermeintlichen kleinen Mädchens den Reisenden
manche schmeichelhafte Bemerkungen entlockte.
Georg hatte die Genugthuung, daß er, als die Glocke zum Abschied
läutete, Marks über das Brett an das Ufer gehen sah; und stieß einen
tiefen Seufzer der Erleichterung aus, als das Boot eine Entfernung, die
keine Rückkehr zuließ, erreicht hatte.
Es war ein prächtiger Tag. Die blauen Wogen des Erie-Sees tanzten, sich
kräuselnd und im Sonnenlicht glänzend. Ein frisches Lüftchen wehte vom
Ufer, und das herrliche Boot pflügte seinen Weg tapfer durch das Wasser.
Oh, was für eine unaussprechliche Welt in ^einem^ menschlichen Herzen
liegt! Wer dachte, als Georg ruhig das Verdeck des Dampfbootes auf- und
abschritt, mit seinem schüchternen Gefährten an der Seite, an Alles das,
was in seinem Busen brannte? Das große Gut, dem er sich nahte, schien
ihm zu groß, um wirklich sein werden zu können; und er fühlte jeden
Augenblick die Besorgniß, daß sich etwas erheben möchte, es ihm wieder
zu entreißen.
Aber das Boot flog weiter -- Stunden verflogen, und endlich erhob sich
klar und deutlich die gesegnete englische Küste -- ein Gestade, dem die
mächtige Zauberkraft verliehen ist, -- mit einer Berührung jede
Sklaverei zu vernichten, gleichviel, in welcher Sprache ihre Formel
gesprochen, oder von welcher Staatsgewalt sie bestätigt worden ist.
Georg stand mit seiner Frau Arm in Arm, als das Boot sich dem Städtchen
Armherstberg in Canada näherte. Sein Athem wurde schwer und kurz; wie
Nebel sammelte es sich vor seinen Augen, und er drückte schweigend die
kleine Hand, welche zitternd auf seinem Arme lag. Die Glocke erscholl --
das Boot hielt an. Kaum sehend, was er that, suchte er sein Gepäck und
sammelte die Seinigen um sich. Die kleine Gesellschaft wurde an das Ufer
gesetzt. Sie standen still, bis das Boot ausgeladen hatte; und dann
knieten mit Thränen und Umarmungen Gatte und Gattin, das staunende Kind
in den Armen, nieder und erhoben ihre Herzen zu Gott!
'S war wie wenn Leben bricht durch Todesnacht,
Aus Grabes Hülle zu des Himmels Licht;
Vom Reich der Sünde und des Bösen Macht,
Zu der erlösten Seele Freiheitsmorgenroth;
Zerbrochen sind die Ketten, die geschmiedet Tod;
Den Sterblichen Unsterblichkeit umweht,
Wenn Gnadenhand den goldnen Schlüssel dreht
Und ein zur Freiheitsherrlichkeit die Seele geht.
Der kleine Kreis wurde darauf von Mrs. Smyth zur gastlichen Wohnung
eines guten Missionärs geführt, den christliche Liebe hierher verpflanzt
hatte, als einen Hirten für die Verstoßenen und Wandernden, die
beständig an diesem Gestade eine Zuflucht finden.
Wer kann den Segen des ersten Freiheitstages aussprechen? Ist nicht der
Sinn der Freiheit ein höherer und feinerer, als irgend einer der fünf
anderen. Sich zu bewegen, zu reden, zu athmen, zu gehen und zu kommen
unbewacht und ohne Gefahr! Wer kann die Segnungen des Schlafes
schildern, der sich auf des freien Mannes Kissen niedersenkt, unter
Gesetzen, welche ihm die Rechte sichern, die Gott den Menschen
verliehen? Wie schön erschien jener Mutter des schlafenden Kindes
Antlitz, theurer durch die Erinnerung an tausend Gefahren! Wie unmöglich
war es zu schlafen im überschwänglichen Genusse solchen Segens! Und doch
hatten diese zwei nicht eine Hufe Land, kein Dach, das sie ihr eigen
nennen konnten; sie hatten ihr Alles dahingegeben bis auf den letzten
Thaler. Sie hatten nicht mehr, als die Vögel der Luft, oder die Blumen
des Feldes -- und doch konnten sie nicht schlafen vor Freude. »O Ihr,
die Ihr dem Menschen die Freiheit raubt, wie wollt Ihr das vor Gott
verantworten?« --
Achtunddreißigstes Kapitel.
Der Sieg.
»Dank sei Gott, der uns den Sieg verleiht.«
Haben nicht viele von uns in mancher Stunde mühseligen Lebensweges
gefühlt, wie weit leichter es sei, zu sterben, als zu leben?
Der Märtyrer, wenn er unter körperlichen Qualen dem Tode in die Augen
schaut, findet selbst im Schrecken seines Looses eine Stärkung. Es liegt
eine lebendige Aufregung darin, welche ihn durch jede Krisis des Leidens
führen kann, und sie zur Geburtsstunde ewigen Ruhmes und ewigen Friedens
macht.
Aber zu leben, und Tag für Tag in niederer, bitterer, gemeiner und
quälender Knechtschaft sich hinzuschleppen, jede Nerve erschlafft und
abgespannt, jede Gefühlskraft allmählig erstickt -- dieses lange,
zehrende Märtyrerthum des Herzens, dieses langsame, tägliche Verbluten
des inneren Lebens, tropfenweise, stündlich -- dies ist der wahre
Probirstein dessen, was im Menschen ist.
Als Tom seinem Verfolger gegenüberstand, und dessen Drohungen hörte, und
in seiner innersten Seele dachte, daß seine Stunde gekommen sei, schwoll
ihm muthig die Brust, und er glaubte, er könne Folter und Feuer, Alles
ertragen, mit dem Blicke auf Jesus und den Himmel gerichtet; als
derselbe aber fortgegangen und die Aufregung verschwunden war, kehrte
der Schmerz seiner gequetschten, müden Glieder zurück und das Gefühl
seines völlig herabgewürdigten, hoffnungslosen und verlornen Zustandes;
und der Tag verging ihm traurig.
Legree bestand darauf, daß Tom lange vorher, ehe dessen Wunden geheilt
waren, wieder an die regelmäßige Feldarbeit gestellt werden sollte; und
dann kamen Tag für Tag Schmerz und Müdigkeit, erschwert durch jede Art
von Ungerechtigkeit und Unwürdigkeit, welche der böse Wille einer
gemeinen und boshaften Seele ersinnen konnte. Wer nur immer in
^unsern^ Umständen eine Schmerzensprüfung zu bestehen hatte, selbst
mit allen Erleichterungen, welche dieselben bei uns gewöhnlich
begleiten, muß die Gereiztheit kennen, die uns in derselben nie verläßt.
Tom wunderte sich nicht mehr über die gewohnheitsmäßige Verdrießlichkeit
seiner Gefährten: ja, er fand die ruhige, heitere Stimmung, welche ihn
durch sein ganzes Leben begleitet hatte, zerstört und jämmerlich
zerrissen. Er hatte auf Muße gehofft, seine Bibel lesen zu können, aber
Muße gab es hier nicht. In der dringendsten Erntezeit trug Legree kein
Bedenken, alle seine Arbeiter Sonntags wie Wochentags gleich zu quälen.
Warum nicht? Er erzielte dadurch mehr Baumwolle, und gewann seine Wette;
und wenn es einige Leute mehr aufrieb, konnte er bessere kaufen. Zuerst
war Tom gewohnt gewesen, beim Leuchten des Feuers einige Bibelverse zu
lesen, nachdem er von der Tagesarbeit zurückgekehrt war; nach der
grausamen Behandlung aber, die er erfahren hatte, pflegte er so
erschöpft nach Hause zu kommen, daß der Kopf sich ihm drehte und ihm die
Augen den Dienst versagten, wenn er zu lesen versuchte, und er froh war,
sich mit den Andern in völliger Erschöpfung niederstrecken zu können.