»Simon Legree, nehmt Euch in Acht!« sagte das Weib mit einem scharfen

Blitz des Auges, einem Blicke so wild und irre in seinem Lichte, daß er

fast Grauen erregte. »Ihr fürchtet Euch vor mir, Simon,« fügte sie

bedächtig hinzu, »und Ihr habt Ursache dazu! Hütet Euch, denn ich habe

den Teufel im Leibe!«

Die letzten Worte flüsterte sie in einem zischenden Tone in sein Ohr.

»Hinaus! Ich glaube, meiner Seele, 's ist wahr!« sagte Legree, indem er

sie von sich stieß und sie unbehaglich anschaute. »Aber sage mir,

Cassy,« sagte er, »warum kannst Du nicht Freundschaft mit mir halten,

wie Du früher zu thun pflegtest?«

»Pflegtest?« sagte sie bitter. Sie hielt inne -- eine Welt von

erstickenden Gefühlen, die in ihrem Herzen aufstiegen, ließ sie

schweigen.

Cassy hatte von jeher über Legree die Art Einfluß behalten, welche ein

leidenschaftliches Weib immer über den rohesten Mann bewahren kann; aber

seit Kurzem war sie immer reizbarer und ruheloser unter dem

abscheulichen Joche ihrer Knechtschaft geworden, so daß ihre Reizbarkeit

zuweilen in Raserei ausbrach, wodurch sie zu einem Gegenstande der

Furcht für Legree wurde, der jenes abergläubige Grauen vor Wahnsinnigen

hatte, welches rohen und nicht unterrichteten Gemüthern eigen ist. Als

Legree Emmelinen in das Haus führte, loderte die Flamme weiblichen

Gefühls aus ihrer verlöschenden Asche in dem müden Herzen Cassy's noch

einmal auf; sie trat auf die Seite des Mädchens, und ein heftiger Streit

zwischen ihr und Legree war die Folge. Legree schwor in der Wuth, sie

solle an die Feldarbeit gestellt werden, wenn sie keinen Frieden halten

wolle. Cassy erklärte mit stolzer Verachtung, sie ^wolle^ auf das Feld

gehen. Und sie arbeitete daselbst einen Tag, wie vorher geschildert

worden, um zu zeigen, wie sehr sie die Drohung verachte.

Legree war im Stillen den ganzen Tag unruhig, denn Cassy hatte einen

Einfluß auf ihn, wovon er sich nicht frei machen konnte. Als sie ihren

Korb an der Waage überreichte, hatte er auf Nachgeben von ihrer Seite

gehofft, und sie in halb versöhnlichem, halb verächtlichem Tone

angeredet, worauf sie nur mit der bittersten Verachtung geantwortet

hatte.

Die empörende Behandlung des armen Tom hatte sie noch mehr aufgebracht,

und sie war Legree ins Haus gefolgt nur in der Absicht, ihm über seine

Rohheit Vorwürfe zu machen.

»Ich wollte, Cassy,« sagte Legree, »Du betrügest Dich vernünftiger.«

»^Ihr^ sprecht von vernünftigem Betragen! Und was habt Ihr gethan?

Ihr, der nicht einmal Verstand genug hat, um nicht einen Eurer besten

Leute unbrauchbar zu machen, grade in der dringendsten Erntezeit, und

nur Eurer teuflischen Laune wegen!«

»Ich war ein Narr, 's ist wahr, so eine Zänkerei aufkommen zu lassen,«

sagte Legree; »aber als der Bursche seinen Kopf aufsetzte, mußte er

gebändigt werden.«

»Ich denke, Ihr werdet ^ihn^ nicht bändigen.«

»Nicht?« sagte Legree, indem er heftig aufstand. »Ich möchte doch

wissen, ob nicht. Er wäre der erste Nigger, mit dem ich nicht fertig

würde! Ich zerbreche ihm jeden Knochen im Leibe, aber nachgeben ^soll^

er!«

Die Thür ging auf und Sambo trat ein. Er näherte sich gebeugt und hielt

etwas in einem Papiere vor sich hin.

»Was ist das, Hund?« sagte Legree.

»'s ist ein Hexending, Master!«

»Was?«

»Etwas, das Nigger von Hexen bekommen. Es macht, daß sie nichts fühlen,

wenn sie geprügelt werden. Er hatte es an einem schwarzen Bande um den

Hals.«

Legree war abergläubisch, wie fast alle gottlosen und grausamen

Menschen. Er nahm das Papier und öffnete es widerstrebend.

Heraus fiel ein Silberdollar und eine lange, glänzende Locke blonden

Haares -- Haar, welches sich gleich etwas Lebendiges um Legree's Finger

wand.

»Donnerwetter!« schrie er plötzlich wüthend auf, indem er auf den Boden

stampfte und an den Haaren riß, als wenn er sich daran verbrenne. »Woher

ist das gekommen? Nimm es weg! -- verbrenne es! -- verbrenne es!« schrie

er, indem er sie abriß und in die Kohlen warf. »Wozu hast Du mir das

gebracht?«

Sambo stand da mit seinem plumpen Munde weit offen vor Schreck und

Staunen, und Cassy, die im Begriffe war, das Gemach zu verlassen, blieb

da und sah ihn verwundert an.

»Daß Du mir nie wieder etwas von Deinem Teufelszeuge bringst!« sagte er,

die Faust gegen Sambo ballend, der sich eilig nach der Thür zurückzog;

und nachdem er den Dollar aufhob, warf er denselben durch die klirrende

Fensterscheibe hinaus in die Finsterniß.

Sambo war froh, daß er die Flucht ergreifen konnte. Als er fort war,

schien sich Legree seines Anfalles von Schreck zu schämen. Er setzte

sich mürrisch auf seinen Stuhl und begann verdrießlich seinen Punsch zu

schlürfen.

Cassy wollte sich entfernen, ohne von ihm bemerkt zu werden, und

schlüpfte davon, um dem armen Tom beizustehen, wie wir schon berichtet

haben.

Und was war es mit Legree? und was für eine Bewandtniß hatte es mit

einer einfachen Locke blonden Haares, daß dieselbe jenen rohen Menschen

zu erschrecken vermochte, der mit Grausamkeit in jeder Gestalt vertraut

war? Um dies zu beantworten, müssen wir den Leser in der Geschichte

dieses Menschen zurückführen. So hart und verworfen auch der gottlose

Mann jetzt erschien, so hatte es doch eine Zeit gegeben, wo er am Busen

einer Mutter gewiegt -- mit Gebeten und frommen Liedern eingelullt --

und seine jetzt gefurchte Stirne mit dem Wasser der heiligen Taufe

bethaut worden war. In früher Kindheit hatte ihn eine Frau mit schönem,

blondem Haare beim Klange der Sabath-Glocke zur Andacht und zum Gebete

geführt. Fern von dort, in Neu-England, hätte jene Mutter ihren einzigen

Sohn mit unermüdlicher Liebe und frommen Gebeten auferzogen. Von einem

hartgelaunten Vater entsprossen, an welchen jenes sanfte Weib eine Welt

von ungewürdigter Liebe verschwendet hatte, war Legree in die Fußstapfen

seines Vaters getreten. Ungestüm, unlenksam und tyrannisch verachtete er

alle ihre Rathschläge und wollte von ihrem Vorwurfe nichts hören, und

riß sich von ihr in frühem Alter los, um sein Glück auf der See zu

suchen. Nur einmal kam er wieder nach Hause; und damals klammerte sich

seine Mutter mit dem Jammer eines Herzens, das etwas lieben muß, und

nichts weiter zu lieben hat, an ihn und suchte ihn mit

leidenschaftlichem Bitten und Flehen von einem Leben der Sünde zum Heile

seiner Seele zurückzuführen.

Das war Legree's Gnadentag. Damals riefen ihn gute Engel, da war er fast

gewonnen, und die Gnade nahm ihn bei der Hand. Sein Herz wurde weich, --

es entstand ein Kampf; aber die Sünde siegte und er setzte alle Kraft

seiner rauhen Natur der Ueberzeugung seines Gewissens entgegen. Er trank

und schwor, war wilder und roher als je; und eines Abends, als seine

Mutter in ihrer letzten Verzweiflungsangst ihm zu Füßen kniete, stieß

er sie von sich, warf sie besinnungslos auf den Boden und floh mit rohen

Flüchen auf sein Schiff. Das nächste Mal, daß Legree etwas von seiner

Mutter hörte, war, als er eines Abends mit seinen trunknen Gefährten

zechte, wo ihm ein Brief in die Hand gesteckt wurde. Er öffnete

denselben, und heraus fiel eine lange sich ringelnde Haarlocke, die sich

um seine Finger schlängelte. Der Brief sagte ihm, daß seine Mutter todt

sei und daß sie sterbend ihn gesegnet und ihm verziehen habe.

Es gibt eine schreckliche unheimliche Zauberei des Bösen, welche das

Süßeste und Heiligste in Gebilde des Schreckens und Entsetzens

verwandelt. Jene blasse, liebevolle Mutter -- ihr Sterbegebet, ihre

vergebende Liebe, wirkten auf jenes teuflische Sündenherz nur wie ein

verdammendes Urtheil, welchem die fürchterliche Erwartung des Gerichts

und feurigen Zornes folgte. Legree verbrannte die Haare und verbrannte

den Brief, und als er Beides zischen und knistern sah in der Flamme,

schauderte er innerlich bei dem Gedanken an das ewige Feuer. Er

versuchte zu trinken und zu schwärmen und die Erinnerung wegzufluchen;

aber oft in tiefer Nacht, deren feierliche Stille die schlechte Seele

zum Verkehre mit sich selbst zwingt, hatte er jene blasse Mutter an

seinem Bette aufsteigen sehen und jenes Haar sich sanft um seine Finger

schlängeln gefühlt, bis der kalte Schweiß ihm am Gesicht herablief, und

er mit Entsetzen in seinem Bette aufsprang. Ihr, die ihr euch gewundert

habt, aus demselben Evangelium zu hören, daß Gott die Liebe, und daß

Gott ein verzehrendes Feuer ist, seht ihr nicht, wie für die zum Bösen

entschlossene Seele die vollkommene Liebe die fürchterlichste Qual ist,

das Siegel und der Spruch der gräßlichsten Verzweiflung.

»Hol 's der Teufel!« sagte Legree zu sich selbst, als er an seinem

Getränke nippte, »woher hat er das? Wenn es nicht aussah, grade wie --

ach! Ich dachte, ich hätte das vergessen. Will verflucht sein, wenn ich

glaube, es gibt dergleichen; wie etwas vergessen, irgendwie -- hol's der

Henker! Ich bin allein! will Em rufen. Sie haßt mich -- der Affe! Mich

kümmert's nicht -- ich will es schon ^machen^, daß sie kommt!«

Legree schritt hinaus in einen großen Vorsaal, welcher vermittelst einer

großen Wendeltreppe, die vormals prächtig gewesen war, in's erste Stock

führte; aber der Gang war schmutzig und öde, mit Kasten und häßlichen

Dingen, die zerstreut umherlagen, versperrt. Die mit keinem Teppiche

belegte Treppe schien sich in der Düsterkeit hinaufzuwinden zu wer weiß

wohin! Der bleiche Mondschein strömte durch ein zerschmettertes

Bogenfenster über der Thür, die Luft war ungesund und feucht, wie die

eines Grabgewölbes.

Legree blieb am Fuße der Treppe stehen und hörte eine Stimme singen. Sie

klang ihm fremdartig und geisterhaft in jenem öden, alten Hause,

vielleicht wegen des schon erschütterten Zustandes seiner Nerven. Horch!

was ist das?

Eine wilde, rührende Stimme singt ein unter den Sklaven gewöhnliches

Lied:

»O, es wird Trauer, Trauer sein,

O, es wird Trauer sein an Christi Richterstuhle!«

»Hol der Teufel das Mädchen!« sagte Legree. »Ich will ihr den Mund

stopfen. -- Em! Em!« rief er barsch; aber nur ein höhnender Widerhall

antwortete ihm von den Wänden. Die süße Stimme sang weiter:

»Da müssen Eltern und Kinder scheiden!

Da müssen Eltern und Kinder scheiden!

Scheiden, um nimmer sich wieder zu sehn!«

Und hell und klar schwoll durch die leeren Hallen der Schlußreim: --

»O, es wird Trauer, Trauer sein,

O, es wird Trauer sein an Christi Richterstuhl!«

Legree blieb stehen. Er würde sich geschämt haben, es zu gestehen, aber

große Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn; das Herz schlug ihm

schwer und schnell vor Furcht, er dachte sogar, er sähe etwas Weißes

sich erheben und vor ihm im Zimmer schimmern, und schauderte bei dem

Gedanken, daß die Gestalt seiner todten Mutter ihm plötzlich erscheinen

könne.

»Das weiß ich,« sagte er zu sich selbst, als er in das Wohnzimmer

zurückstolperte und sich niedersetzte; »ich will den Kerl künftig gehen

lassen! Was wollt' ich mit seinem verfluchten Papiere? Ich glaube

wahrhaftig, ich bin behext! Es schauert und schwitzt mich seit der Zeit!

Woher hat er die Haare? Es kann nicht ^das^ gewesen sein! ^Das^ habe

ich verbrannt, ich weiß es! Es wäre doch spaßhaft, wenn Haare von den

Todten auferstehen könnten!«

Ja, Legree! Jene goldene Locke ^war^ verzaubert; jedes Haar derselben

enthielt einen Zauber, der den Schrecken und Gewissensbisse in Dir

erweckte, und wurde von einer höhern Macht benutzt, Dir die grausamen

Hände zu binden, damit sie nicht den Hülflosen das tiefste Elend zufügen

möchten!

»Hört!« sagte Legree, indem er den Hunden pfiff und stampfte,

»aufgewacht, Einer von euch, und mir Gesellschaft geleistet!« Aber die

Hunde öffneten nur schläfrig ein Auge nach ihm und schloßen es wieder.

»Sambo und Quimbo sollen heraufkommen und singen, und einen ihrer

höllenmäßigen Tänze aufführen und diese schauerlichen Gedanken

verjagen,« sagte Legree; er setzte seinen Hut auf, ging in die Veranda

und blies ein Horn, womit er gewöhnlich seine zwei schwarzen Aufseher

rief.

Wenn Legree bei guter Laune war, pflegte er oft diese zwei Ehrenmänner

in sein Wohnzimmer zu rufen, dieselben mit Whisky zu erwärmen, und sich

dann ein Vergnügen daraus zu machen, sie singen, tanzen, oder sich

raufen zu lassen, wie er gerade die Laune hatte.

Es war zwischen ein und zwei Uhr des Nachts, als Cassy, die von der

Pflege des armen Tom zurückkehrte, den Schall wilden Gekreisches,

Geschrei's, Halloh-Rufen und Singen aus dem Wohnzimmer kommen hörte,

vermischt mit Hundegebell und andern Zeichen eines allgemeinen Aufruhrs.

Sie ging die Verandatreppe hinauf und sah hinein. Legree und die beiden

Aufseher, im Zustande wüthender Trunkenheit, sangen, schrien, warfen die

Stühle um und schnitten sich allerhand lächerliche und schauderhafte

Gesichter.

Sie stützte ihre kleine, zarte Hand auf das Fenstersims und sah sie

unverwandt an. Es lag eine Welt von Angst, Verachtung und grimmiger

Bitterkeit in ihren schwarzen Augen. »Wär' es eine Sünde, die Welt von

einem solchen Elenden zu befreien?« sagte sie für sich.

Sie drehte sich schnell um, ging zu einer Hinterthür, schlüpfte hinauf

und klopfte an Emmelinens Thür.

Sechsunddreißigstes Kapitel.

Emmeline und Cassy.

Cassy trat in das Zimmer und fand Emmeline blaß vor Furcht im äußersten

Winkel desselben sitzen. Als sie hereinkam, fuhr das Mädchen erschrocken

auf; aber als diese sah, wer es war, stürzte sie hervor, ergriff Cassy's

Arm und sagte: »O, Cassy, Ihr seid es? Ich bin froh, daß Ihr gekommen

seid! Ich fürchtete, es wäre --. O, Ihr wisset nicht, was für ein

schauerlicher Lärm diese ganze Nacht unten gewesen ist!«

»Ich sollte das kennen,« sagte Cassy trocken. »Ich habe es oft genug

gehört!«

»O, Cassy, sagt mir doch nur ja, können wir nicht von diesem Orte

wegkommen? Ich kümmere mich nicht darum, wohin -- in die Sümpfe unter

die Schlangen -- irgendwohin?«

»Nirgendhin, es sei denn in unsre Gräber,« sagte Cassy.

»Habt Ihr es je versucht?«

»Ich habe es nur zu oft versuchen sehen und was dabei herauskommt,«

sagte Cassy.

»Ich wollte gern in den Sümpfen leben und Baumrinde nagen. Ich fürchte

mich nicht vor Schlangen! Ich wollte lieber eine Schlange bei mir haben,

als ihn,« sagte Emmeline heftig.

»Es sind ziemlich Viele hier Deiner Meinung gewesen,« sagte Cassy. »Aber

Du könntest nicht in den Sümpfen bleiben -- die Hunde würden Dich

ausspüren und zurückbringen, und dann -- dann --«

»Was würde er thun?« sagte das Mädchen, indem sie ihr mit athemloser

Spannung ins Gesicht schaute.

»Was würde er ^nicht^ thun, frage lieber,« sagte Cassy. »Er hat sein

Handwerk unter den Räubern Westindiens gut gelernt. Du würdest nicht

viel schlafen, wenn ich Dir erzählte, was ich gesehen habe -- was er

zuweilen als gute Spässe erzählt. Ich habe Schreie hier gehört, die ich

wochenlang nicht habe aus dem Ohre los werden können. Da ist unten bei

den Hütten ein entlegener Ort, wo man einen schwarzen verdorrten Baum

und den ganzen Boden mit schwarzer Asche bedeckt sehen kann. Frage nur

irgend Einen, was da geschehen ist, und siehe zu, ob er wagen wird, es

Dir zu sagen.«

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Ich will es Dir nicht sagen. Ich denke nicht gern daran; und ich sage

Dir, Gott allein weiß, was wir morgen sehen werden, wenn jener arme Kerl

fortfährt, wie er angefangen hat.«

»Schauderhaft!« sagte Emmeline, indem ihr jeder Blutstropfen aus den

Wangen trat. »O, Cassy, sagt mir doch nur, was ich thun soll!«

»Was ich gethan habe. Thu' Dein Bestes; thu' was Du mußt, und mache es

durch Haß und Verwünschung wieder gut!«

»Er wollte mich von seinem verhaßten Branndwein trinken lassen,« sagte

Emmeline; »und ich hasse ihn so --«

»Trinkt lieber,« sagte Cassy. »Ich haßte ihn auch; und jetzt kann ich

nicht ohne ihn leben. Man muß etwas haben; die Sachen sehen nicht so

schrecklich aus, wenn man den nimmt.«

»Die Mutter pflegte mir zu sagen, ich solle nie so etwas anrühren,«

sagte Emmeline.

»Die Mutter sagte 's Dir!« rief Cassy mit scharfem und bittern

Nachdrucke auf dem Worte Mutter. »Was hilft's, daß Mütter etwas sagen?

Ihr werdet alle gekauft und bezahlt, und eure Seelen gehören dem,

welcher euch bekommt. So geht 's. Hörst Du! ^trink^ Branndwein: trinke

so viel Du kannst, und Du wirst Alles leichter tragen.«

»O, Cassy! habt doch Mitleid mit mir!«

»Mitleid mit Dir! Habe ich etwa keins? Habe ich keine Tochter? -- Gott

weiß, wo sie ist, und wem sie jetzt gehört! Sie geht vermuthlich den

Weg, welchen ihre Mutter vor ihr ging, und den ihre Kinder nach ihr

gehen müssen! Der Fluch hört nie auf!«

»Ich wollte, ich wär' nie geboren!« sagte Emmeline, ihre Hände ringend.

»Das ist ein alter Wunsch von mir,« sagte Cassy. »Ich habe mich ganz

daran gewöhnt, das zu wünschen. Ich stürbe, wenn ich es wagte,« sagte

sie, indem sie in die Dunkelheit hinausschaute mit jener stillen,

starren Verzweiflung, dem gewöhnlichen Ausdrucke ihres Antlitzes, wenn

es ruhig war.

»Es wär gottlos, sich das Leben zu nehmen,« sagte Emmeline.

»Ich weiß nicht warum; nicht gottloser, als was wir Tag für Tag erleben

und thun. Als ich aber im Kloster war, haben mir die Schwestern Dinge

erzählt, die mir vor dem Sterben bange machen. Wär' es nur mit uns zu

Ende, ja dann --«

Emmeline wendete sich ab und verbarg ihr Gesicht mit den Händen.

Während diese Unterhaltung in der Kammer vor sich ging, war Legree,

überwältigt vom Zechgelage, im untern Zimmer in Schlaf gesunken. Er war

nicht von Gewohnheit ein Trunkenbold. Seine rohe, starke Natur verlangte

und ertrug eine fortwährende Aufregung, welche eine schwächere gänzlich

aufgerieben haben würde. Aber Vorsicht hielt ihn ab, sich der

Schwelgerei in einem solchen Maaße hinzugeben, daß er dadurch die

Herrschaft über sich selbst verlor.

Diese Nacht hatte er sich jedoch in seinen fieberhaften Anstrengungen,

aus seinem Gemüthe jene furchtbaren Gewissensbisse zu verbannen, welche

in ihm erwachten, mehr als gewöhnlich erlaubt, so daß er, nachdem er

seine schwarzen Diener verabschiedet hatte, schwer in einen Sessel fiel

und fest einschlief.

O, wie darf die schlechte Seele die Schattenwelt des Schlafes betreten?

-- jenes Land, dessen dunkle Gränzen dem geheimnißvollen Schauplatze der

Vergeltung so furchtbar nahe liegen! Legree träumte. In seinem schweren

und fieberischen Schlafe stand eine verschleierte Gestalt neben ihm, und

legte eine kalte, weiche Hand auf ihn. Er glaubte zu wissen, wer es sei;

er schauderte und Grauen beschlich ihn, obgleich das Antlitz

verschleiert war. Bald glaubte er, er fühle ^jenes^ ^Haar^ sich um

seine Finger schlängeln, bald, daß es sich sanft um seinen Hals

schlinge, und sich immer dichter zusammenzöge, bis er keinen Athem mehr

holen konnte; bald dachte er, Stimmen ^flüsterten^ ihm zu, ein

Geflüster, das ihn mit Grauen erfüllte. Dann schien es ihm, als sei er

am Rande eines fürchterlichen Abgrundes, sich festhaltend und in

Todesfurcht ringend, während schwarze Hände sich herausstreckten, um ihn

hinabzuziehen; und Cassy kam lachend hinter ihn und stieß ihn hinunter.

Und nun erhob sich jene feierlich verschleierte Gestalt und warf den

Schleier zurück. Es war seine Mutter; und sie wendete sich von ihm ab,

und er fiel hinab, hinab, hinab unter verworrenem Geschrei und Gestöhn

und Jauchzen höllischen Gelächters -- und Legree erwachte.

Ruhig stahl sich das rosige Licht der Morgendämmerung in das Zimmer. Der

Morgenstern stand am heller werdenden Horizonte und schaute mit seinem

feierlichen, heiligen Lichtauge auf den Mann der Sünde hernieder. O, mit

welcher Frische, welcher Feierlichkeit und Schönheit wird jeder neue Tag

geboren, als wolle er dem Unempfindlichen sagen: »Sieh! Du hast noch

eine Möglichkeit! ^Kämpfe^ für unsterblichen Ruhm!« Es gibt keine Rede

oder Sprache, in der diese Stimme nicht gehört wird; aber der freche,

schlechte Mensch hörte sie nicht. Er erwachte mit einem Fluche. Was galt

ihm das Gold und der Purpur, das tägliche Wunder des Morgens! Was die

Heiligkeit jenes Sternes, welchen Gottes Sohn zu seinem eigenen

Sinnbilde geweiht hat? Thierähnlich sah er, ohne wahrzunehmen; er

stolperte vorwärts, schenkte ein Glas Branndwein ein und trank es halb.

»Ich habe eine höllische Nacht gehabt!« sagte er zu Cassy, welche eben

dann durch eine gegenüber befindliche Thüre hereintrat.

»Ihr werdet bald mehr von der Art haben,« sagte sie trocken.

»Was willst Du damit sagen, Vettel?«

»Ihr werdet es dieser Tage erfahren,« erwiderte Cassy in demselben Tone.

»Jetzt, Simon, habe ich Euch einen guten Rath zu geben.«

»Den Teufel hast Du!«

»Ich rathe Euch,« sagte Cassy gelassen, während sie Einiges im Zimmer zu

ordnen begann, »daß Ihr Tom gehen laßt.«

»Was geht das Dich an?«

»Was? Ich weiß wahrhaftig nicht, was es mich angehen könnte. Wenn Ihr

zwölf Hundert Dollar für einen Kerl zahlen wollt und ihn grade im Drange

der Erntezeit zu Grunde richten wollt, nur um Eurer Wuth zu fröhnen, so

geht 's mich nichts an. Ich habe für ihn gethan, was ich konnte.«

»So? Was hast Du Dich in meine Angelegenheiten zu mischen?«

»Ich habe Euch schon manches Tausend Dollar gerettet, dadurch, daß ich

zuweilen für Eure Leute Sorge getragen habe -- das ist nun aller Dank,

den ich davon habe. Wenn Eure Ernte geringer auf den Markt kommt, so

verliert Ihr Eure Wette nicht. Tompkins wird Euch nicht den Rang

ablaufen und Ihr werdet ganz niedlich hinzahlen müssen, nicht wahr? Mir

ist schon, als sähe ich Euch dabei!«

Legree hatte, wie manche andre Pflanzer, nur eine Art Ehrgeiz, die beste

Ernte zu haben; und er hatte gerade jetzt verschiedene Wetten in der

nächsten Stadt schweben. Cassy berührte daher mit weiblicher Gewandtheit

die einzige Saite, die bei ihm anzuschlagen war.

»Gut, ich will ihn mit dem loslassen, was er schon bekommen hat,« sagte

Legree; »aber er soll mich um Verzeihung bitten, und bessere Manieren

versprechen.«

»Das thut er nicht,« sagte Cassy.

»Nicht, he?«

»Nein, er thut 's nicht,« sagte Cassy.

»Ich möchte doch wissen, ^warum^, Mistreß,« sagte Legree mit der

äußersten Verachtung.

»Weil er recht gethan hat, und das weiß, und nicht sagen will, er habe

Unrecht gethan.«

»Wer zum Teufel kümmert sich darum, was er weiß? Der Nigger soll sagen,

was mir beliebt, oder --«

»Oder Ihr wollt Eure Wette auf die Baumwollen-Ernte verlieren, indem Ihr

ihn gerade in dieser dringenden Zeit vom Felde entfernt haltet.«

»Aber er ^wird^ nachgeben, natürlich wird er; ich weiß ja, wie es mit

Niggern ist. Diesen Morgen wird er schon betteln wie ein Hund.«

»Er wird nicht, Simon; Ihr kennt diese Art Menschen nicht. Ihr könnt ihn

zollweise tödten, aber Ihr werdet nicht ein Wort eines solchen

Bekenntnisses aus ihm heraus bringen.«

»Wollen sehen. Wo ist er?« sagte Legree, indem er hinausging.

»In der alten Kammer des Ginhauses,« sagte Cassy.

Obgleich Legree so zuversichtlich mit Cassy sprach, so verließ er doch

das Haus mit einer Art bösen Vorgefühls, welches nicht gewöhnlich bei

ihm war. Die Träume der vergangenen Nacht, vereint mit Cassy's

Weisungen, beunruhigten ihn in hohem Grade. Er beschloß, daß Niemand

Zeuge seines Zusammentreffens mit Tom sein solle, und nahm sich vor, daß

wenn er ihn nicht durch Drohungen zwingen könne, er es auf eine

gelegenere Zeit verschieben wolle, seine Rache auszuüben.

Das feierliche Licht der ersten Dämmerung, die engelgleiche Herrlichkeit

des Morgensterns war durch das rohe Fenster des Schuppens gedrungen, wo

Tom lag, und wie auf den Strahlen dieses Sternes nieder gleitend, kamen

die feierlichen Worte zu ihm: »Ich bin die Wurzel des Geschlechtes

David's, ein heller Morgenstern!« Die geheimnißvollen Warnungen und

Andeutungen Cassy's, weit entfernt, seine Seele zu entmuthigen, hatten

dieselbe am Ende wie durch einen himmlischen Ruf erhoben. Er wußte nicht

anders, als daß sein Todestag am Himmel dämmere und das Herz schlug ihm

mit feierlichem Klopfen der Freude und des Verlangens, als er dachte,

daß das wundervolle All, worüber er so viel gesonnen, der große weiße

Thron mit seinem immer strahlenden Regenbogen, die Schaar der weißen

Engel, die Kronen, die Palmen, die Harfen -- sich ihm zeigen würden, ehe

jene Sonne wieder unterginge; und deßhalb hörte er ohne Schauder und

Beben die Stimme seines Verfolgers, als derselbe sich näherte:

Onkel Tom's Hütte(#69977) · 第 14 / 22 段