Cassy ging und holte die Bibel. Tom öffnete sofort eine besonders

markirte, viel gelesene Stelle aus den letzten Lebensaugenblicken

Desjenigen, durch dessen Streiche und Leiden wir geheilt worden sind.

»Wenn Missis doch so gut sein wollte, hier -- das zu lesen, 's ist noch

besser als Wasser.«

Cassy nahm das Buch mit kalter, stolzer Miene, und blickte über die

Stelle. Dann las sie mit sanfter Stimme und mit eigenthümlichem, schönem

Ausdrucke die rührende Schilderung seines Todesschmerzes und seiner

Glorie. Oefters, während des Lesens, stockte ihre Stimme, oder versagte

gänzlich, und dann hielt sie mit einer Miene kalter Ruhe inne, bis sie

sich wieder vollständig gesammelt hatte. Als sie an die rührenden Worte

kam: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!« ließ

sie das Buch fallen, barg ihr Gesicht in die dunkle Fülle ihrer Haare,

und begann laut und mit krampfhafter Heftigkeit zu schluchzen.

Tom weinte auch und ließ zuweilen einen unterdrückten Ausruf hören.

»Wenn wir nur das erreichen könnten!« sagte Tom; »es schien bei ihm so

natürlich zu sein, und wir müssen so schwer darum kämpfen! O Herr, hilf

uns! o heiliger Herr Jesus, hilf uns!«

Nach einer Weile fuhr Tom fort: »Missis, ich kann das ganz deutlich

sehen, Missis ist in allen Dingen weit über mir, aber da ist eins, das

Missis selbst vom armen Tom lernen könnte. Ihr sagtet, der Herr habe

Partei gegen uns genommen, weil er zuläßt, daß man uns zu Boden schlägt

und mißhandelt: aber Ihr seht, was seinem eigenen Sohne widerfahren ist,

-- dem Herrn der Herrlichkeit, -- war er nicht immer arm? und ist Einer

von uns schon so elend geworden, wie er war? Nein, Gott hat uns nicht

vergessen, -- das weiß ich gewiß! Wenn wir mit ihm leiden, so werden wir

auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden, sagt die Schrift; aber wenn

wir Ihn verleugnen, so wird er uns auch verleugnen. Haben sie nicht Alle

gelitten? -- der Herr und die Seinigen? Hören wir nicht, wie sie

gesteinigt und auseinander gesägt wurden, und wie sie in Schaaffellen

und Ziegenhäuten umherwanderten, und hülflos, und betrübt, und gequält

waren? Leiden ist kein Grund, um uns glauben zu lassen, daß sich der

Herr von uns gewendet habe, sondern gerade das Gegentheil, wenn wir zu

ihm halten und nicht der Sünde weichen.«

»Aber warum setzt er uns dahin, wo wir nicht anders können, als

sündigen?« sagte die Frau.

»Ich glaube, wir ^können^ anders,« entgegnete Tom.

»Du wirst es sehen,« sagte Cassy; »was willst Du thun? Morgen werden sie

wieder über Dich herfallen. Ich kenne sie; ich habe alle ihre Thaten

gesehen; ich kann nicht an alles das denken, was sie noch über Dich

bringen werden, -- und zuletzt wirst Du doch nachgeben müssen!«

»Herr Jesus!« sagte Tom, »Du ^willst^ Dich meiner Seele annehmen? O

Herr, thue es! -- lasse mich nicht wanken!«

»O mein Gott!« sagte Cassy; »Ich habe alles dieses Schreien und Beten

schon oft gehört, und dennoch sind sie gebrochen und bezwungen worden.

Da ist Emmeline, die sich zu halten versucht, und Du versuchst, -- aber

was hilft es? Du mußt nachgeben, oder Dich langsam umbringen lassen.«

»Gut, so ^will^ ich sterben!« sagte Tom. »Sie mögen es in die Länge

ziehen, so weit sie können, sie können doch nicht verhindern, daß ich

endlich sterbe! -- und dann können sie nichts mehr thun. Das ist klar,

ich bin bereit! Ich ^weiß^, der Herr wird mir helfen und mich hindurch

führen.«

Die Frau antwortete nicht; sie blieb schweigend sitzen, während sie mit

ihren schwarzen Augen vor sich hin auf den Boden starrte.

»Vielleicht ist das der rechte Weg,« murmelte sie für sich; »aber für

Diejenigen, die es einmal aufgegeben haben, ist keine Hoffnung mehr, --

keine! Wir leben in Schmutz, und werden eckelhaft, bis wir uns selbst

zum Eckel werden! Wir sehnen uns danach, zu sterben, und haben nicht den

Muth, uns selbst zu tödten! -- Keine Hoffnung! keine! keine! -- das

Mädchen, grade so alt, wie ich war!«

»Du siehst mich jetzt,« fuhr sie zu Tom gewendet fort, und sehr schnell

sprechend, -- »siehst, was ich jetzt bin! Wohl, ich bin in Luxus erzogen

worden. Das erste, dessen ich mich entsinne, ist, daß ich als Kind in

glänzenden Zimmern spielte, -- daß ich wie eine Puppe gekleidet ging,

und von aller Welt gelobt und gepriesen wurde. Eine Glasthür führte aus

dem Salon in den Garten, und dort pflegte ich mit meinen Geschwistern zu

spielen. Ich wurde in ein Kloster gebracht, und lernte Musik,

Französisch und feine Stickerei und wer weiß was Alles; und als ich

vierzehn Jahre alt war, verließ ich es, um dem Begräbnisse meines Vaters

beizuwohnen. Er starb plötzlich, und als der Nachlaß regulirt werden

sollte, ergab sich's, daß kaum genug vorhanden war, um seine Schulden zu

decken; und die Gläubiger nahmen ein Inventarium auf, und ich wurde mit

darin verzeichnet. Meine Mutter war eine Sklavin gewesen, und mein Vater

hatte stets die Absicht gehabt, mich für frei zu erklären; aber er hatte

es nicht gethan, und so wurde ich mit in das Verzeichniß aufgenommen. Es

war mir von jeher bekannt gewesen, was ich war, aber ich hatte nie viel

daran gedacht. Man glaubte nie, daß ein starker, gesunder Mann plötzlich

sterben könne. Mein Vater war noch vier Stunden vor seinem Tode gesund

und wohl. Es war einer der ersten Cholerafälle in New-Orleans. Am Tage

nach dem Begräbniß nahm die Frau meines Vaters ihre Kinder und ging

damit nach der Plantage ihres Vaters. Ich dachte, sie behandelten mich

recht sonderbar, aber ich verstand es nicht. Es war da ein junger

Advokat, der den Auftrag hatte, die Geschäfte in Ordnung zu bringen;

dieser kam jeden Tag und sprach sehr höflich mit mir. Eines Tages

brachte er einen jungen Mann mit sich, den ich für den schönsten hielt,

den ich jemals gesehen hatte. Ich werde niemals jenen Abend vergessen.

Wir gingen zusammen im Garten spazieren. Ich fühlte mich so einsam und

so traurig, und er war so sanft und so freundlich gegen mich, und

erzählte mir, daß er mich schon früher gesehen habe, ehe ich nach dem

Kloster gebracht worden sei, und daß er mich so lange geliebt habe, und

daß er mein Freund und Beschützer sein wolle; -- kurz, obgleich er es

mir nicht sagte, er hatte zweitausend Dollar für mich bezahlt, und ich

war sein Eigenthum. Ich wurde es gern, denn ich liebte ihn. -- Liebte!«

wiederholte die Frau inne haltend. »O! wie liebte ich ihn! wie liebe ich

ihn jetzt noch, -- und werde ihn ewig lieben, so lange ich athme! Er war

so schön, so erhaben, so edel! Er wies mir ein schönes Haus an, mit

Dienern, Pferden und Wagen, mit Möbeln und schönen Kleidungsstücken.

Alles was Geld erkaufen konnte, gab er mir; aber ich legte keinen Werth

darauf, -- er galt mir über Alles. Ich liebte ihn mehr als Gott und

meine Seele; und ich konnte nichts Anderes thun, als was er wünschte.

Nur einen Wunsch hegte ich, -- den, daß er mich ^heirathen^ solle.

Ich dachte, wenn er mich so liebte wie ich ihn, und wenn ich das

wirklich war, wofür er mich zu halten schien, so würde er gern bereit

sein, mich zu heirathen und in Freiheit zu setzen. Allein er überzeugte

mich davon, daß es unmöglich sei, und sagte mir, daß wenn wir einander

treu seien, es eine Ehe vor Gott sei. Wenn das wahr ist, war ich denn

nicht jenes Mannes Weib? War ich nicht treu? Bewachte ich nicht sieben

Jahre lang jeden Blick und jede Bewegung, nur bemüht, ihm zu gefallen?

Er bekam das gelbe Fieber, während dessen ich zwanzig Tage und Nächte

bei ihm wachte. Ich allein; -- ich reichte ihm alle seine Arzneien, und

verrichtete jede Dienstleistung für ihn, und er nannte mich seinen guten

Engel, und sagte, daß ich ihm das Leben gerettet habe.

Wir hatten zwei schöne Kinder. Das erste war ein Knabe, den wir Henry

nannten. Er war das Abbild seines Vaters; -- er hatte so schöne Augen,

eine so schöne Stirn und so schöne, lange Locken, -- und ganz seines

Vaters Geist und Fähigkeiten! Die kleine Elise war mir ähnlich, wie ihr

Vater sagte. Er pflegte mich das schönste Weib in Louisiana zu nennen

und mich zu versichern, daß er stolz auf mich und die Kinder sei. Er

sah es gern, daß ich sie hübsch anzog, um mit ihnen und mir sodann in

einem offenen Wagen umherzufahren und die Bemerkungen der Leute über uns

zu hören; und fortwährend erzählte er mir nachher die Lobsprüche, die

über mich und die Kinder geäußert worden waren. O, das waren glückliche

Tage! Ich fühlte mich so glücklich, wie ein Mensch nur sein konnte; aber

dann kamen böse Zeiten. Es war ein Cousin von New-Orleans gekommen, der

sein intimster Freund war, -- und von dem er außerordentlich viel hielt.

Allein vom ersten Augenblicke, wo ich ihn sah, fürchtete ich ihn, ohne

zu wissen, weßhalb; denn ich fühlte die Gewißheit in mir, daß er Unglück

über uns bringen werde. Er verleitete Henry, mit ihm auszugehen, und

kehrte oft erst um zwei oder drei Uhr nach Hause. Ich wagte nichts

darüber zu sagen, denn Henry war heftigen Temperaments, und ich

fürchtete mich. Er ließ sich von seinem Cousin in Spielhäuser führen,

und er war einer von denjenigen, die, wenn sie einmal dort gewesen sind,

sich nicht mehr davon zurückhalten lassen. Bald darauf machte ihn jener

mit einer andern Dame bekannt, und ich bemerkte bald, daß sein Herz sich

von mir gewendet hatte. Er sagte mir es nie, aber ich sah es deutlich,

-- ich fühlte es jeden Tag mehr, -- mein Herz brach, aber ich konnte

kein Wort darüber sagen! Dann erbot sich jener Elende, mich und die

Kinder von Henry zu kaufen, um seine Spielschulden davon bezahlen zu

können, welche ihn verhinderten, sich so zu verheirathen, wie er

wünschte; -- und ^er verkaufte uns^! Er sagte mir eines Tages, daß er

Geschäfte auf dem Lande habe, und zwei oder drei Wochen abwesend sein

werde. Er sprach freundlicher, als gewöhnlich, und versicherte mich, daß

er zurückkehren werde; allein ich ließ mich dadurch nicht täuschen. Ich

wußte, daß die Zeit gekommen sei. Mir war, als sei ich in Stein

verwandelt worden: ich konnte weder sprechen, noch eine Thräne

vergießen. Er küßte mich und die Kinder viele, viele Male, und ging

hinaus. Ich sah ihn noch das Pferd besteigen und folgte ihm mit den

Augen, bis er meinen Blicken entschwand. Dann sank ich ohnmächtig

nieder.

Dann kam ^er^, der verfluchte Elende! -- und nahm Besitz von mir. Er

sagte mir, daß er mich und meine Kinder gekauft habe, und zeigte mir die

Papiere. Ich verfluchte ihn vor Gott und sagte ihm, daß ich lieber

sterben als mit ihm leben würde.

›Ganz wie Du willst,‹ entgegnete er, ›aber wenn Du dich nicht

vernünftig beträgst, so verkaufe ich beide Kinder, so daß Du sie nie im

Leben wieder siehst.‹ Er sagte mir, daß es vom ersten Augenblicke an,

wo er mich gesehen, seine Absicht gewesen sei, mich zu besitzen, und daß

er Henry absichtlich verleitet und in Schulden gestürzt habe, um ihn

dazu zu bringen, mich zu verkaufen; daß er ihn aus demselben Grunde zu

dem Verhältniß mit einer andern Dame geführt habe, und daß er selbst

endlich nicht gesonnen sei, seinen Plan um ein paar Thränen halber

aufzugeben.

Ich gab nach, denn meine Hände waren gebunden. Er hatte meine Kinder in

seiner Gewalt; und sobald ich mich irgendwie seinem Willen widersetzte,

fing er davon an zu sprechen, daß er sie verkaufen wolle, und machte

mich dadurch so unterwürfig, als er nur wünschte. O, was für ein Leben

war das! Jeden Tag mit brechendem Herzen leben und liebevoll und

zärtlich sein zu müssen, während es doch nichts als Elend war; und mit

Leib und Seele an jemanden gebunden zu sein, den ich haßte. Meinem Henry

las ich gern vor, ich spielte und tanzte mit ihm, oder sang ihm etwas

vor; aber Alles, was ich für diesen thun mußte, war mir eine Qual; --

und dennoch wagte ich nicht, irgend Etwas zu verweigern. Sein Benehmen

war herrisch und hart gegen die Kinder. Elise war ein kleines,

furchtsames Wesen; aber Henry war wie sein Vater kühn und muthig, und

hatte sich nie durch irgend Jemanden zur Unterwürfigkeit bringen lassen.

Ihn tadelte und schalt er fortwährend, und ich lebte in steter Angst.

Ich bemühte mich, den Knaben ehrerbietiger zu machen, -- ich suchte ihn

von ihm entfernt zu halten, denn ich hing an diesen Kindern mit meinem

ganzen Leben; aber es half nichts. ^Er verkaufte beide Kinder.^ Eines

Tags nahm er mich mit auf eine Spazierfahrt, und als ich zu Hause kam,

waren sie verschwunden! Er sagte mir, daß er sie verkauft habe und er

zeigte mir das Geld, den Preis ihres Blutes.

Von nun an schien mich alles Gute zu verlassen. Ich raste und fluchte,

-- fluchte Gott und Menschen; und eine Zeit lang fürchtete er sich

wirklich vor mir. Allein er gab nicht nach. Er sagte mir, daß meine

Kinder verkauft seien, aber daß, ob ich ihre Gesichter je wiedersähe,

von ihm abhänge, und daß, wenn ich mich nicht ruhig verhalte, meine

Kinder dafür leiden sollten. Du kannst mit einer Frau Alles thun, wenn

Du ihre Kinder hast. Er machte mich demüthig, er brachte mich zur Ruhe;

er schmeichelte mir mit Hoffnungen, daß er sie zurückkaufen werde, und

so verfloßen einige Wochen. Eines Tages ging ich spazieren, und kam am

Stockhause vorüber. Ich sah eine große Menschenmenge vor dem Thore

versammelt und hörte eine Kinderstimme, -- und plötzlich riß sich mein

Henry von zwei oder drei Männern los, die ihn hielten, und lief

schreiend auf mich zu und erfaßte mein Kleid. Jene kamen fluchend hinter

ihm her, und ein Mann, dessen Gesicht ich nie vergessen werde, sagte

ihm, daß er so nicht davon kommen solle, daß er mit ihm in's Stockhaus

gehe und daß er dort eine Lehre bekommen solle, die er nicht so leicht

vergessen werde. Ich bat und flehte für ihn, -- aber die Männer lachten

nur dazu; der arme Knabe schrie und schaute mir in's Gesicht, und hielt

sich an mir fest, bis sie ihn losreißend den Rock meines Kleides halb

mit abrissen; und dann schleppten sie ihn, während er ›Mutter! Mutter!

Mutter!‹ schrie, fort. Ein Mann stand dabei, der Mitleid zu haben

schien. Ich bot ihm alles Geld an, was ich hatte, wenn er mir beistehen

wolle; aber er schüttelte seinen Kopf und entgegnete, daß der Mann ihm

gesagt habe, der Knabe sei ungehorsam und ungezogen vom ersten

Augenblicke an gewesen, daß er ihn gekauft und daß er ihm jetzt ein für

allemal eine Dressur geben wolle. Ich wandte mich um und rannte davon,

und auf jedem Schritte glaubte ich noch sein Geschrei zu hören. Ich

gelangte in das Haus und eilte athemlos in das Zimmer, wo sich Butler

befand. Ich sagte es ihm und flehte ihn an, sich des Knaben anzunehmen;

aber er lachte nur und antwortete mir, daß der Knabe bekomme, was er

verdiene, und daß er dressirt werden müsse, je eher, desto besser.

Es war mir, als wenn irgend etwas in diesem Augenblicke in meinem Kopfe

springe. Ich wurde rasend und verlor die Besinnung. Dunkel entsinne ich

mich noch, daß ich ein großes Messer auf dem Tische liegen sah, daß ich

darnach griff und auf ihn zu sprang; dann wurde Alles schwarz vor mir,

und was nachher mit mir geschah, -- davon weiß ich viele, viele Tage

lang nichts.

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem reinlichen Zimmer,

-- aber nicht dem meinigen. Ein altes, schwarzes Weib bediente mich, und

ein Arzt besuchte mich, und große Aufmerksamkeit wurde mir überhaupt

geschenkt. Bald nachher erfuhr ich, daß er den Ort verlassen und mich in

diesem Hause zurückgelassen habe, um verkauft zu werden. Das war der

Grund, weßhalb man mir so große Sorgfalt bewies.«

»Mein Wunsch und meine Hoffnung war, nicht wieder gesund zu werden; aber

trotz dessen verließ mich das Fieber, ich wurde gesund und stand endlich

wieder auf. Dann wurde ich gezwungen, mich jeden Tag zu putzen; und

Herren kamen herein, und rauchten ihre Cigarren, und betrachteten mich,

und richteten Fragen an mich, und sprachen über meinen Preis. Ich war

stumm und finster, so daß Niemand mich kaufen wollte. Man drohte mir mit

der Peitsche, wenn ich nicht heitrer wäre und mir mehr Mühe gäbe, mich

angenehm zu machen. Endlich kam eines Tages ein Herr, Namens Stuart, der

etwas Gefühl für mich zu haben schien. Er sah, daß etwas Schreckliches

an meinem Herzen nage, und kam sehr oft allein, und beredete mich

endlich, mich ihm mitzutheilen. Er kaufte mich und versprach mir, Alles,

was er könne, zu thun, um meine Kinder zu ermitteln und zurückzukaufen.

Er ging nach dem Hotel, wo mein Henry gewesen war; aber man sagte ihm,

daß er an einen Pflanzer am Perlfluß verkauft worden sei, und das war

das letzte, was ich über ihn gehört habe. Dann fand er meine Tochter,

die von einem alten Weibe gehalten wurde. Er bot eine ungeheure Summe,

aber sie sollte nicht verkauft werden. Butler hatte in Erfahrung

gebracht, daß er sie für mich kaufen wolle, und ließ mir deßhalb

anzeigen, daß ich sie nie wieder haben solle. Kapitän Stuart war sehr

gütig gegen mich. Er besaß eine große Pflanzung und führte mich dahin.

Im Laufe eines Jahres gebar ich einen Sohn. O, das Kind, wie liebte ich

es! Wie ähnlich das kleine Wesen meinem armen Henry war! Aber mein

Entschluß war gefaßt. Ich wollte nie wieder ein Kind am Leben erhalten,

um es aufwachsen zu lassen. Ich nahm das kleine Geschöpf in meine Arme,

als es vierzehn Tage alt war, und küßte es und weinte über ihm; und dann

flößte ich ihm Laudanum ein, und hielt es an meinen Busen, während es

zum Tode einschlief. Ich trauerte und weinte über es, und Niemand

glaubte anders, als daß ich dem Kinde aus Irrthum Laudanum gegeben habe;

aber es ist eins der wenigen Dinge, deren ich mich jetzt noch freue. Ich

habe nie bereut, es gethan zu haben, denn das arme Wesen ist nun

wenigstens frei von Schmerzen. Was konnte ich ihm Besseres geben, als

den Tod?«

»Bald nachher kam die Cholera, und Kapitän Stuart starb. Jeder starb,

der zu leben wünschte, -- und ich, -- ich, obgleich ich bis an die

Pforten des Grabes gebracht wurde, -- ich mußte ^leben^! Dann wurde

ich verkauft und ging von einer Hand in die andere, bis ich verwelkt war

und runzelig wurde, und das Fieber gehabt hatte. Dann kaufte mich dieser

Elende, und brachte mich hierher, -- und hier bin ich!«

Die Frau hielt inne. Sie war wild und leidenschaftlich über ihre

Erzählung hingeeilt, bald ihre Worte an Tom richtend, bald wie im

Selbstgespräche redend. So gewaltig und hinreißend war die Kraft ihrer

Rede, daß Tom selbst die Schmerzen seiner Wunden vergaß, und, sich auf

einen Ellbogen stützend, sie aufmerksam beobachtete, während sie ruhelos

auf und nieder schritt, und ihr langes, schwarzes Haar um ihre Schultern

schwer herabfiel.

»Du sagst mir,« fuhr sie nach einer Pause fort, »daß es einen Gott gebe,

-- einen Gott, der herabblicke und alle diese Dinge sehe. Mag sein! --

Die Schwestern im Kloster erzählten mir von einem Tage des Gerichts, an

welchem Alles an das Licht kommen werde; -- o, das wird ein Tag der

Vergeltung sein!«

»Die Menschen glauben, es sei nichts, was wir leiden, -- nichts, was

unsere Kinder leiden! -- es sei Alles nur Kleinigkeit; und doch bin ich

oft durch die Straßen gegangen und glaubte so viel Elend und Jammer in

meinem eigenen Herzen zu haben, daß die Stadt darüber versinken müsse.

Ich wünschte, daß die Häuser auf mich fallen und die Steine unter mir

versinken möchten! Ja! am Tage des Gerichts will ich vor Gott hintreten

und Zeugniß gegen Jene ablegen, die mich und meine Kinder an Leib und

Seele ruinirt haben!«

»Als ich noch ein Mädchen war, glaubte ich, ich sei fromm; ich liebte

Gott und betete gern. Jetzt bin ich eine verlorene Seele, von Teufeln

verfolgt, die mich Tag und Nacht plagen, -- die mich immer weiter und

weiter treiben, -- und ich ^will^ es thun, -- bald, recht bald!« sagte

sie, ihre Faust ballend, während ein sinnverwirrter Blick aus ihren

schwarzen Augen hervorschoß. »Ich will ihn dahin schicken, wohin er

gehört, -- und auf recht kurzem Wege, -- in einer dieser Nächte, -- und

wenn sie mich lebendig verbrennen!«

Ein wildes, anhaltendes Lachen scholl durch den öden Raum und endete in

hysterischem Schluchzen, während sie sich mit krampfhafter Heftigkeit

auf die Erde niederwarf. Wenige Augenblicke nachher war dieser Anfall

vorüber; sie erhob sich langsam und schien sich zu sammeln.

»Kann ich sonst noch etwas für Dich thun, mein armer Mensch?« sagte sie,

sich Tom nähernd; -- »soll ich Dir mehr Wasser geben?«

Bei diesen Worten lag in ihrer Stimme und in ihrem Wesen eine anmuthige,

mitleidsvolle Sanftmuth, die in sonderbarem Gegensatze zu ihrer

vorherigen Wildheit stand.

Tom trank das Wasser und blickte sie ernst und traurig an.

»O Missis,« sagte er, »ich wünschte, Ihr wolltet Euch zu Ihm wenden, der

Euch lebendiges Wasser reichen kann!«

»Zu ihm wenden! Wo ist er? wo ist er?« sagte Cassy.

»Zu Ihm, von dem Ihr mir vorgelesen habt, -- dem Herrn!«

»Als ich noch ein Mädchen war, sah ich oft sein Bild über dem Altare,«

sagte Cassy, während sie in trüber Träumerei vor sich hinstarrte; --

»aber ^hier ist er nicht^! Hier ist nichts als Sünde und lange, lange

Verzweiflung! Oh!«

Sie legte ihre Hand auf die Brust, und hielt den Athem an, als wolle sie

eine schwere Last aufheben.

Tom schien weiter reden zu wollen, allein sie unterbrach ihn mit einer

entschiedenen Bewegung.

»Sprich nicht, mein armer Mensch; versuche lieber zu schlafen, wenn Du

kannst,« sagte sie, indem sie das Wasser in seine Nähe stellte; und

nachdem sie sodann noch einige kleine Anordnungen für seine

Bequemlichkeit getroffen hatte, verließ sie ihn.

Fünfunddreißigstes Kapitel.

Die Zeichen.

Ein kleiner Anlaß, der sich eingeschlichen,

Bringt in die Brust zurück, was längst entwichen

Das Herz gewöhnt: -- ein Laut, ein süßer Klang. --

Das Meer, -- der Wind aus fernen Himmelsstrichen --

Der Frühling -- eine Blume macht uns bang,

Berührt die Kette, die elektrisch uns umschlang.

Ritter Harold's Pilgerfahrt, 4ter Gesang.

Das Wohngemach in dem Hause Legree's war ein großes, langes Zimmer mit

einem weiten und geräumigen Kamine. Es war früher mit einer prächtigen

und kostbaren Tapete bekleidet gewesen, die jetzt modernd, zerrissen und

verfärbt an den feuchten Wänden herabhing. Der Ort hatte jenen

eigenthümlichen, Eckel erregenden und ungesunden Geruch, der sich aus

einer Mischung von Feuchtigkeit, Schmutz und Verfall entwickelt, und

welchen man oft in verschlossenen, alten Häusern findet. Die Tapeten an

der Wand waren stellenweise von Bier- und Weinflecken verunstaltet,

oder mit Kreidezeichen und langen summirten Rechnungen geziert, als wenn

hier Jemand arithmetische Versuche gemacht hätte. Im Kamine stand ein

Becken voll brennender Holzkohlen; denn, obgleich das Wetter nicht kalt

war, schienen die Abende in jenem großen Zimmer immer feucht und kühl zu

sein, und überdies brauchte Legree einen Ort, um seine Cigarren

anzustecken und sein Wasser zum Punsche heiß zu machen. Der röthliche

Schein der Kohlen zeigte das unordentliche und unfreundliche Aussehen

des Zimmers -- Sättel, Zäume, verschiedene Arten Geschirr,

Reitpeitschen, Oberröcke und verschiedene Kleidungsstücke in verwirrter

Mannigfaltigkeit im Zimmer hin und her gestreut; und dazwischen hatten

sich die Hunde, von welchen wir zuvor gesprochen haben, nach eignem

Belieben und Geschmacke gelagert.

Legree mischte sich eben ein Glas Punsch, indem er das heiße Wasser aus

einer zerbrochenen Kanne goß und dabei vor sich hin brummte:

»Die Pest über den Sambo! so einen Lärm zwischen mir und den neuen

Arbeitern anzufangen! Der Kerl wird nun eine ganze Woche lang nicht

arbeiten können -- grade im Drange der Erntezeit!«

»Das sieht Euch ganz ähnlich,« sagte eine Stimme hinter seinem Stuhle.

Es war Cassy, die sich während seines Monologs herangeschlichen hatte.

»Ha, Teufel von einem Weibe! Bist Du wieder gekommen?«

»Ja,« sagte sie kalt, »ich bin wieder gekommen, und zwar um meinen

Willen zu haben!«

»Du lügst, alte Vettel! Ich halte Wort. Entweder betrage Dich

ordentlich, oder bleibe in den Quartieren und lebe und arbeite mit den

Andern.«

»Ich wollte tausendmal lieber,« sagte das Weib, »im schmutzigsten Loche

der Quartiere, als unter Euren Klauen leben!«

»Aber Du bist trotz alle dem in meinen Klauen,« sagte er, indem er sich

mit rohem Grinsen nach ihr umdrehte; »das ist ein Trost. So setze Dich

also her auf meinen Schooß, meine Liebe, und nimm Vernunft an,« sagte

er, indem er sie bei der Hand ergriff.

Onkel Tom's Hütte(#69977) · 第 13 / 22 段